Chapter 15

Die Ohren klingen, die Katzen röhren,Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Die Ohren klingen, die Katzen röhren,Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Die Ohren klingen, die Katzen röhren,Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Die Ohren klingen, die Katzen röhren,Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Die Ohren klingen, die Katzen röhren,

Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Für die Froschreiterleut’ im Winzerhause war das eine seltsame Nacht.

Zuerst der geisterhafte Ruf beim Abendgebete. Dann ging der Priester mit dem Sterbesacramente vorbei. Ein alter Mann im Johannesthal lag auf den Tod. Man hatte vor dem Einschlafen für ihn noch etliche Vaterunser gebetet. Aber es war keine Ruhe. – Um Mitternacht kamen sie an.

Die Mutter hatte den Felix schon am Klopfen an die Thür erkannt. Der Vater hingegen hatte es nicht glauben wollen, daß dieser Mensch mit der jungen Genossin sein Sohn sei.

Zuerst hatten sie bei dem schlechten Schein des Oellämpleins die weibliche Gestalt für die Ländhoferin gehalten; und jetzt war es eine ganz andere und noch dazu eine blutjunge Person; und die Leutchen – man sah’s gleich – waren recht gut mitsammen bekannt.

Der alte Froschreiter schoß in die Nebenkammer, schlug dort die Hände über den Kopf zusammen und jammerte: „Sonst ein so braver Bub gewesen und jetzt auf einmal zerrt er mir die Weiber in’s Haus!“

„Wir können niemand Fremden über Nacht behalten!“ sagte die Mutter scharf, einen Blick auf Constanze werfend.

Der kleine Anton war auch aufgestanden, der bot der Fremden sein eigen Bett an; die gefiel ihm viel besser als die dicke Ländhoferin.

Constanze blickte verzagt zu Felix auf.

„Ja, regnet’s denn draußen?“ rief die Froschreiterin, „Ihr seid bigott allzwei waschnaß!“

Und nun erzählte Felix die schöne Fahrt auf der Seim und die Rettung vor der Zollauer Wehr. Da ging es bald aus einem andern Ton im Winzerhause. Die Mutter packte den Sohn am Halse: „Nicht umsonst hat mir die letzt’ Nacht so geträumt! Allerweil bin ich auf der Hochzeit gewesen – und das ist das sicherste Zeichen, daß wer stirbt.“

„Ist ja Niemand gestorben!“ sagte der Felix.

„Aber sein hätt’s können, Du Narr! – Ach, Du liebes Kind!“ und fiel ihm wieder um den Hals.

„Beim Flachsabladen, hast gesagt, beim Flachsabladen wär’s geschehen?“ fragte der alte Winzer mit tief vorgebeugtem Haupte, und mit etwas unsicherer Stimme setzte er bei: „Was ist denn heut’ für ein Tag?“

„Heut’ ist gar kein Tag, heut’ ist die Nacht,“ erklärte der kleine Anton.

„Weil ich sagen will, wir müssen alle Jahr’ an diesem Tag eine Kirchfahrt auf den Schutzengelberg machen, aus Dankbarkeit für das Mirakel, das heut’ ist geschehen.“

„Eine warme Suppe wär’ mir noch lieber,“ sagte Felix; und da schrie die Mutter: „Weil Eins gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht! Ja freilich werden sie zu essen auch was haben müssen!“

Mitten in der Nacht knatterte das Feuer auf dem Herde. Ein Bund Maisstroh wurde in die Stube geschleppt und von jedem Bette des Hauses das beste Stück: vom alten Winzer das Leintuch, von seinem Weib’ die Decke, von der Tochter das Kopfpolster, vom kleinen Anton der Fußwärmerziegel wurde herbeigebracht, um davon der armen Dirn’ aus dem Ländhofe ein gutes Bett zu bereiten.

Dann aßen sie, dann gingen sie schlafen.

Noch bevor der Felix in seine Dachkammer hinaufstieg, sagte er zum Mädchen ein so warmherziges Wort, daß dem Alten, der es unversehens hörte, der Athem stehen blieb.

Nach all’ der Anstrengung und Angst schliefen die Schiffbrüchigen bald ein. Der alte Froschreiter wachte noch lange und murmelte ein- über’s anderemal: „Ist was dahinter bei diesen zwei Leuten! Ist was dahinter!“

Auch die Winzerin schlief nicht. Es klang ihr so in den Ohren und hinter dem Herde spann die Hauskatze – „’s ist noch nicht richtig!....“

Noch ehe der Tag anbrach, klopfte es am Fenster des Winzerhauses und eine rauhe Stimme rief von außen: „He,Leute, auf, ’s ist was geschehen! – Hat gestern spät Abends oder in der heutigen Nacht Niemand von da wahrgenommen, daß auf der Seim ein Floß herabgefahren wär’?“

Constanze sprang von ihrem Lager auf: „Der Vormund! Das ist ja mein Vormund!“

„Was höre ich denn!“ rief der von außen, „die Constanze? Und da d’rin wäre sie? O Du mein Gott! O Du lieber Gott!“

Bald war das ganze Haus wach. Der Mann draußen führte sein Pferd unter Dach, denn es stürmte, regnete und schneite; dann schritt er in die Stube.

Es war ein rauhgestaltiger, vollbärtiger Mann – es war Constanzens Vormund, der alte Freund des Ländhofer’s, der Waldmeister aus Breitenschlag.

„Mit dem bist gefahren? mit dem da?“ fragte er das Mädchen und versetzte dem Winzerssohn einen Handschlag auf die Achsel. Und hierauf mußten sie ihre Wasserreise und ihre Rettung wieder und wieder erzählen. – Der Waldmeister war froh, daß auf seinem Angesichte so viel Bart wucherte, in welchem sich ein paar unberufene Augentropfen leicht verstecken konnten.

„Jetzt aber, Ihr Leute,“ sagte endlich der Mann von Breitenschlag, „jetzt habe ich etwelches vom Ländhofe zu erzählen. Dort ist die Nacht nicht so glücklich abgegangen, als da im untern Viertel. – Ich darf’s auch Dir sagen, Constanze – die Ländhoferin ist gestorben.“

Ein mehrstimmiger Ausruf.

„Was hab’ ich nicht gesagt!“ rief die Froschreiterin, „mir hat frei so viel von der Hochzeit geträumt, und das hat kein gut Vorbedeuten. – Aber na, wie hat denndasmögen sein?!“

„Will’s wohl erzählen,“ sagte der Waldmeister. „Gestern in Breitenschlag – ’s ist schon dunkel worden – will mich just stät für den Sonntag einrichten – kommt ein Bot’ von der grünen Länd: groß Unglück geschehen, die Constanz’ und den jungen Unterviertler das Wasser vertragen – die Bäuerin auf den Tod krank. – Der Schlag hätt’ sie troffen in hellem Schreck, vor der Hausthür wär’ sie zusammengesunken und ich sollt’ eilends mitkommen. Ich frag’ nicht erst, wer der junge Unterviertler ist, spring’ auf mein Rössel und in einer Stund d’rauf bin ich im Ländhof. – Mit der Bäuerin ist’s vorbei, das seh’ ich gleich; blaß wie das Leintuch, liegt sie auf dem Bett, kann nimmer viel reden.“

„O Gott, meine arme Mutter!“ weinte Constanze.

„Geh’ Dirn’, sei jetzt still,“ sagte der Vormund, „hast Ursach’ zu klagen, so ist später auch noch Zeit dazu. Jetzt hör’ auf meine Red’. – Bäuerin, sag’ ich und geb’ ihr die Hand hin, was ist Dir so jäh widerfahren? – Ist’s der Waldmeister? fragt sie, wenn’s der Waldmeister ist, so möcht’ ich ein paar Wort’ allein mit ihm reden. – Drauf gehen die Leut’ aus der Stube. – Ländhoferin, sag’ ich zu ihr, hast ein Anliegen? – Ich möcht’ weinen, giebt sie zur Antwort, möcht’ weinen und kann nicht. Ein Teufel ist in mir. Waldmeister, ich verspür’s, ’s ist mein End’, auf einmal jetzt mein End’. Mein Herrgott wird mich nicht verlassen. Ich will Alles sagen. Waldmeister, ich kann ja nicht’s dafür, daß ich den Burschen so lieb hab’ gehabt. Geeifert hab’ ich mit der Dirn’, und ich hab’ sie wollen aus dem Weg schaffen. Ich selber hab’ das Plättenseil abgeschnitten –“

Wieder ein Schrei des Schreckens und Constanze rief: „Nein, Vormund, das kann nicht sein, das hat sie im Fieber gesagt.“

„Du bist eine gute Seel’, Mädel,“ versetzte der Waldmeister, „und das hat sie in der letzten Stund’ noch eingesehen. Um Verzeihung bitten läßt sie Dich für Alles; sollst recht glücklich sein auf dieser Welt. Das ist ihr letztes Wort gewesen.“

Constanze schluchzte bitterlich. Alle waren ergriffen.

„So hat sie mir’s anvertraut,“ fuhr der Waldmeister fort, „wie sie Alles gemeint hat, das muß ich erst von Euch erfahren. – Nun, und die Leut’ sind an der Seim dahingeeilt, und um Mitternacht, da die Bäuerin verschieden war, bin auch ich auf mein Pferd gesprungen und dem unteren Viertel zugeritten, daß ich doch eine Spur von Euch könnt’ entdecken. ’s ist mir gut gerathen, Gott sei Lob, ’s ist mir gut gerathen.“

„O, arme Mutter,“ klagte Constanze, „sie ist gewiß eine brave Frau gewesen und hat’s nicht bös’ mit mir gemeint!“

„Den Todten nichts Uebles, aber die Wahrheit muß an’s Licht,“ sagte der Vormund. „Kind, die Bäuerin hätte Dich vielleicht lieb gehabt, wenn nicht Deines Vaters Testament vorhanden gewesen wäre. Sie hat es gewußt, daß Du mit dem Eintritte Deiner Großjährigkeit der Herr auf dem Ländhofe sein wirst.“

„Ich bitt’ Euch, laßt mir jetzt diese Dinge weg!“ rief das Mädchen, „es hat uns erst der Tod die Hand gegeben.“

„Wohl, wohl, aber jetzt kommt wieder das Leben d’ran,“ versetzte der Waldmeister, „ich bin der Vormund und mir ist darum zu thun, daß Du jetzt weißt, wie es steht und was Du zu thun hast. Von heut’ an werden alle Schriften über den Ländhof auf Deinen Namen lauten. Ich bin ein betagterMann und hab’ auch auf mein Haus zu denken, aber ich werde Dir in der Wirthschaft helfen, bis Du einen anderen, jüngeren Vormund wirst gewählt haben.“

Felix nieste. „Helf’ Gott!“ sagte er für sich selber, „und wahr soll’s sein, was ich mir jetzt gedacht hab’!“


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