Chapter 19

„Anschmieren hat er mich wollen?“ zeterte die Alte im Loch, „Du Spitzbub, Du schlechter! – Dank Dir Gott, Melchi! – Wart, Du vertrackter Galgenstrick, Du! Dir will ich noch einmal Butterkrapfen schenken! – Ein falsches Geld für meine guten Thaler! – Dank Dir Gott, Melchi! – Dein Glück, Du alter Schleicher, daß ich nicht oben bin, Dir wollten ein paar Tüchtige nicht schaden auf Dein Ohrfeigengesicht! – Hell betrogen hätt’ er mich, der Kerl da! Na, schaut’s aber da her, schaut’s den Lumpen an! – Vergelt’ Dir’s tausendmal Gott, Melchi!“

So zeterte das zornige und das dankbare Sennermägdle.

Der Alte trollte sich sachte davon und murmelte: „Nichts als Malheur! ’s ist des Teufels! Ach, hätt’ mich meine Mutter lieber in die neue Welt geschickt!“ Dann schoß er nur noch ein paar giftige Blicke auf Melchior zurück.

Jetzt erst kam diesem die Wuth. Die Banknote riß er mitten auseinander, dann ging er, ohne noch ein Wörtchen mit dem Sennermägdle zu wechseln, in den Hof zurück.

Der alte Dreihand schlich, doppelt geknickt, die Lehne hinab gegen seine Klause, die in einer Schlucht stak und in welcher wilde Früchte für den Winter, als dürre Beeren,Holzäpfel, Holzbirnen, Pilze u. s. w., in großen Haufen geschichtet lagen. Die Hütte war ganz erbärmlich und gar nichts Nennenswerthes darin, als etwa der Doppelstutzen, der hinter dem Bettstroh ruhte und in welchem immer noch die Ladung stak, mit der sie der Alte zur Hand bekommen hatte. Der Remini hätte manches Reh, das in der Schlucht lief, von Herzen gern damit niedergeschossen, aber er kam nicht dazu. „Am Ende,“ meinte er, „treff’ ich das tolle Thier nicht und dann ist auch das Pulver hin.“

Doch war dem Alten das Schußgewehr ein angenehmer Geselle in den langen, öden Nächten. Hieß es ja, der Remini Dreihand berge Geld in seiner Klause.

Die Liebe blüht.

Im Winter ging es auf dem Hofe noch lebhafter zu, als im Sommer. Da war Alles von den Almen beisammen auf der hohen Weid. Auch kamen die Viehhändler, die Fleischhauer von den Ortschaften herauf, und zur Weihnachtszeit kam mancher neue Dienstbote und mancher alte ging.

Zur Weihnachtszeit war es auch, als der Hochweider den Melchior mit in sein Stübchen nahm: „Bist mir zwar zu Jakobi erst in’s Haus gekommen, aber ist der Bauer von der hohen Weid mit Einem zufrieden, so giebt’s beim Auszahlen kein halbes Jahr. Haben nichts Festes ausgemacht, also siebzig Gulden für’s vergangene Jahr.“

Er zählte das Geld auf den Tisch.

„Ich frag’ nur Eins, Bauer,“ sagte der Melchior, „muß ich fort, oder soll ich dableiben?“

„Ich denk, Melchi, bis auf weiteres weißt, wo Du daheim bist. Und willst schon Deine besondere Ehr’ haben,auch recht, so sag ich: sei so gut, Melchior, und bleib mir noch für’s nächste Jahr auf meinem Hof.“

„Ist recht, Bauer. Habt Ihr sonst was anzuschaffen? Nicht, so geh ich wieder an meine Arbeit.“

Er ging und das Geld blieb liegen auf dem Tisch. Keinen Blick hatte der Bursche nach demselben geworfen.

„Seit die Welt steht, ist so ein Knecht noch nicht herumgegangen auf der hohen Weid!“ brummte der Bauer, „und früher sicherlich auch nicht. Wie der Will, das Geld werd’ ich ihm aufbewahren. Wart, Junge, ’s kommt eine Zeit, wo Du danach fragen wirst!“

Und der Melchior ging in den Stall zu den zwanzig Ochsen, die ihm anvertraut waren, und er redete in’s Heu hinein: „Geld? Geld hat er wollen geben. Und nicht einmal die fünfzig Gulden hätt’ er mir abgezogen, um die ihn die fünf falschen Zehner von meinem Bruder betrogen haben. Ich nehm’garnichts. Ich hab’ mein Essen und ich hab’ meine kleine Toni. Ich leb’ wie ein König, aber nicht so unruhig. Wenn ich mir schon was wünschen möcht’, eine neue Zipfelmütze.“

Und wie es schon manchem Menschen gegeben ist, daß jeder seiner Wünsche in Erfüllung geht: als der Dreikönigstag kam, hatte der Melchior seine neue Zipfelmütze. Es war ein Angebinde zum Namenstag von – der Rothkitteldirn.

Wohl hatte dieselbe nicht immer dasselbe rothe Röcklein an, aber dadurch verlor sie natürlich nicht an Werth in Melchior’s Augen. Wäre in dem vielbelebten Hofe nur öfter Gelegenheit gewesen, mit ihr heimlich zu plaudern! Wohl löste sich zuweilen ein Knopf von Melchi’s Kleidern, den die kleine Toni anheftete; wohl kam beim Heuschütteln manchmal ein Splitterchen in des Mädchens Auge, das der Burschesofort mit vielem Geschick herauszubekommen wußte, oder er zog ihr mit seiner Taschenveitelspitze ein eingetriebenes Holzspaltchen aus der Hand – aber das wollte den Leutchen allweg noch zu wenig Unheil sein.

Nur gegen den April hinaus wußte die Toni den Burschen einmal unversehens in ihre Butterkammer zu bekommen. Sie wartete ihm sofort mit einem über und über bebutterten Brotschnitten auf. Da sah sie der Melchi groß an: „Toni, weiß es der Bauer?“

„Gut keine Red’,“ kicherte das Mädchen, „desweg magst ganz und gar ruhig sein.“

„Der Bauer weiß es nicht, daß wir da von seinem Brot und Butter naschen wollen? Dirn, Du mußt – gescheidt sein!“ – ehrlich hatte er eigentlich sagen wollen.

Die kleine Toni hub gewaltig an zu lachen, und als sie damit fertig war, aß sie das Butterbrot selber.

Eine nachhaltige Mißstimmung hatte diese kleine Meinungsverschiedenheit nicht zur Folge.

Der junge Knecht wußte wohl, daß die Toni sonst ein braves, fleißiges und auch sparsames Mädchen war, welches viel auf die Wirthschaft und den Erwerb hielt, so verzieh er gern das kleine Fehl. Und sie selber hatte ja ein Recht zum Verkosten; mußte doch wissen, wie ihre Butter schmeckte.

Mit den Veilchen, mit den Maaßliebchen, mit den ersten Schwalben kam den beiden jungen Leutchen neue Wärme in’s Herz. Sie waren sich gar sehr zugethan und Eins vertrat im Hofe die Vortheile des Andern; war es in der Arbeit, die sie theilten, oder bei Tische, wo sie einander die besten Bissen zuschmuggelten. – Die Liebe solch’ armer Dienstboten hat einen gar seltsamen Reiz, sie wird durch das Beisammensein, durch das Mitsammenleiden, durch das heimliche Verlangen nachGegenseitigkeit, durch das hingebende Vertrauen zu dem einen Menschen stets neu entfacht und muß sich doch im Verborgenen halten, sich vor dem Hausherrn, vor den Hausgenossen verleugnen, soll sie nicht Gefahr laufen, zerstört zu werden. „So warm ist kein Feuer, keine Gluth ist so heiß, als heimliche Liebe...“

Der Melchior war denn endlich auch recht zutraulich geworden, er lugte dem Mädchen längst nicht mehr durch das Bohrloch in die Augen. Und er hatte auch mehrmals sich schon erkundigt, ob der föhrenrindene Vogel das Eierchen noch nicht gelegt habe, worüber die kleine Butterdirn stets in ihren Lachkrampf verfiel.

Der Melchior war nun volle neunzehn Jahre alt geworden und er empfand es, was das für ein Unterschied ist, ob man achtzehn oder neunzehn zählt. Auch nahm er bereits den Schnurrbart wahr, was die Toni nicht recht glauben wollte, bis er sein Gesicht einmal recht tapfer an ihren rothen Wangen rieb.

Die kleine Buttertoni behauptete bei jeder Gelegenheit, daß sie auch schon gegen die Zwanzig ginge; doch zählte sie in Wahrheit erst über siebzehn ein halb Sommer, deßohngeachtet sprang im Laufe dieses Sommers ein Busenhäklein um’s andere auf.

Es kam der Mai. Die Heerden zogen mit frischgeputzten Schellen angethan wieder in’s Freie und mit ihnen die Halter und Halterinnen, die Kühjungen, die Ochsenwarte, die Senninnen.

Der Melchi trieb jeden Morgen seine Ochsen und Kälber zu den jungen Matten des Hochbodens hinan. In einer Thalung derselben stand ein Schachen mit sehr alten Fichtenbäumen und einigen Föhren, welche den Hirten in Zeiten böser Wetterals Schirmbäume dienten. An diese Baumgruppe schloß sich auch ein junges, grünes Wäldchen aus Tannen und Lärchen, das sehr dicht und dunkel war und auf dessen sanftem Moosboden der Melchi gern ein wenig ruhte, wenn ihm auf der freien Höhe zu sengend, oder auch der Wind zu scharf wurde. Nicht drei Schritte sah man von sich, wenn man in diesem Dickicht lag, sah auch nicht ein groschenbreites Scheibchen von dem blauen Himmel. Kohlschwarze Amseln schwirrten durch das Reisig und riefen: Tack, tack! zir, zir, hast was bei Dir?

Mitten d’rin in diesem jungen, dichten Gestämme fühlte sich unser braver Hirt wieder einmal ganz als sein eigener Herr. Da konnte er auf dem Rücken liegen, oder auf dem Bauch, auf den Füßen stehen oder auf dem Kopf, wen ging’s was an? Da zog er wohl auch mitunter sein Geldbeutelchen heraus und sah das lebkuchene Herz an und betrachtete das Bild mit dem Pärchen, das im Rosenkörbchen saß, und las die Ueberschrift, die längst überholt war, und schleckte endlich ein wenig an dem süßen Kuchen.

Die kleine Toni hatte es nicht so gut; sie mußte, wenn in der Butterkammer nichts zu schaffen war, unten auf der Heukehr die Ziegen weiden und hatte außer den paar Johannisbeersträuchen und Erlstauden gar keinen Schatten. Sie nähte, sie strickte für sich und für ihn. Aber die Sonne brannte heiß auf die Finger. Mehr als einmal sehnte sie sich nach dem Schirmschachen.

Was sich im Schirmschachen zugetragen.

Am Pfingstmorgen war’s. Alles, was aus dem Gehöft fortkonnte, war hinab in den untern Gäu zur Kirche gegangen. Der Melchi und die kleine Toni führten wie gewöhnlich ihre Heerden auf die Weide.

Auf dem Anger, bevor sie sich trennten, blieb der Bursche stehen, bohrte mit seinem Peitschenstock einen Grashalm in die Erde und sagte, stets auf den Grashalm blickend: „Toni, sind Deine Ziegen recht überschwenglich? Halten sie sich gern auf in der Heukehr?“

„Das ist gewiß,“ lachte das Mädchen, „sie suchen Dir alle Sträucher ab und es fangen die Sträucher erst an zu blühen.“

„So, sonst hätt’ ich gemeint, Toni, Du könntest sie heut’ ein wenig gegen den Hochboden hinauftreiben.“

„Du, das ist aber auch wahr,“ versetzte das Mädchen ernsthaft, „Du meinst der Hexen wegen? Nicht? Ja, hast Du noch nichts erzählen gehört, daß am Pfingstsonntag die Hexen auf die Weide kommen und die Kühe und die Ziegen ausmelken? Ja, das hab’ ich oft gehört und die Kühe und Ziegen thäten nachher das ganze Jahr eine blutige Milch geben. Ja, es ist gar kein Spaß und ich fürcht’ mich frei. Und dann sollt’ Eins heut’, kommt man schon nicht in die Kirche, einen Rosenkranz beten.“

„Freilich, und das können wir thun,“ sagte der Bursche, „und oben im Schirmschachen ist ein schöner Platz dazu. – So um die Zeit, wenn’s Neun schlägt, wirst wohl beim Schachen sein können...“

Der Grashalm unter dem Peitschenstock war gründlich zerquetscht. Einen heißen, aber scheuen Blick noch gegen das Mädchen und der Melchi leitete seine Ochsen dem Hochboden zu.

Die Sonne stand erst einige Spannlängen hoch über den fernen Bergen, hinter denen sie hervorgekommen war. Sie schien so freundlich und warm und sog den Thau der jungen Gräser auf. Die Glocken der Heerde klangen hell und langsam die Höhe hinan. Die Ochsen schritten gar feierlich d’rein, die Kälber hüpften und scherzten.

Der neunzehnjährige Hirte ging hinterher und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Er spitzte den Mund und wollte ein Liedchen pfeifen. Da versagte ihm heute der Athem dazu; in seiner Brust war ein heißes Regen und Bewegen. Er schritt hastig, aber mäuschenstill über den weichen Rasen, dann schüttelte er zuweilen das Haupt mit den aufquellenden Ringellocken und mit der Zipfelmütze, und dann riß er plötzlich seine Hand aus dem Sack, schlug sie dem nächsten Mannkalb auf den Rücken und rief: „Ja, mein lieber Scheck, so geht’s uns! Hätten wir Zwei Geld im Sack, ’leicht wär’ uns allerhand verboten.“

Als sie auf dem Hochboden angekommen waren, hub die Heerde sogleich an zu grasen. Der Melchior ging gegen den Schachen hin, an dessen Schattenlänge er merkte, daß es bereits acht Uhr vorüber. Langsam schlenderte er zwischen den alten Bäumen hin und her und lugte und spähte. Da roch er plötzlich Tabaksrauch und wie von einem Wipfel gefallen, wackelte das Sennermägdle daher.

„Was hat die Alte da zu suchen?“ fuhr sie der Bursche an.

„Ich? Einen Junggesellen,“ wisperte sie grinsend. „Kann mir’s denken, daß ich Dir unbequem bin – da im Schachen.“

„Gar nit, gar nit,“ sagte der Melchior trotzig.

„Nit? nu, nachher kunnt’ ich ja helfen, Rosenkranz beten!“

Der Bursche sah sie wild an.

„Melchior!“ versetzte nun die Alte, in der einen Hand das Pfeifchen haltend, mit der andern den Arm des Burschen fassend, „Du hast mir im vorig’ Herbst eine Gutthat erwiesen. Hast mir meine drei Thaler behütet; das gedenk ich Dir; Du hast keine Mutter und keinen rechten Freund auf der Welt, und desweg möcht’ ich Dir gern was Rechtschaffenes erzeigen. –Wär’ mir lieb, wenn Du Dich ein wenig da zu mir auf den Stock setzen wolltest.“

„Warum denn nit!“ sagte der Hirt, der durch den ernsten und weichen Ton der vorigen Worte völlig besänftigt war, „ich setz’ mich schon, aber Euren Stinktiegel müßt Ihr wegthun. Ein rauchendes Weibsbild kann mir gestohlen werden.“

„Hast schon Recht,“ antwortete die Alte, „aber bei mir ist’s halt was Anderes; ich darf das Feuer nicht ausgehen lassen! – Und das muß ich Dir erzählen, Melchior; gelt, Du wirst mir deswegen nicht bös sein?“

„Wenn’s was Gescheidtes ist, so hör’ ich zu.“

„Wirst mir’s nit glauben: ich bin einmal jung und schön gewesen,“ hub sie an. „Das Wörtl: Sennermägdle ist mir noch davon geblieben, sonst gar nichts. Zu derselben Zeit und in derselben Gegend ist ein lustiger und sauberer Tirolerbursch gewesen, dem haben meine seidenen Haare so gefallen. Ja, die seidenen Haare und wohl auch, was daran gehangen ist. Haben uns leiden mögen. Zu mir auf die Sennerei ist er oftmals gekommen; vor der Hütte im Schatten sind wir gesessen die längste Zeit, und was haben wir gethan? Aus meinen Lockenhaaren hat er Bänder und Zöpfe geflochten. Allbeide haben wir gemeint, wir wären brav; aber einmal sind wir doch zu lang gesessen. – Wie der Tiroler, was nenn’ ich seinen Namen! später wiederum in die Sennhütte kommt, sag’ ich zu ihm: Du, ich muß Dir was anvertrauen! und heb’ vor ihm zu weinen an. – Hat’s verstanden. Eine gute Weile sitzt er da an der Bank, stopft seine Pfeife und schlägt Feuer, bläst an und raucht. Er raucht, daß ich sein Gesicht gar nicht seh’, und sagt nicht ein einzig Wörtl. Da steht er jählings auf und geht gegen die Thür. – Wo willsthin? schrei ich auf. – Ein wenig hinaus, sagt er, bleib Du da! – Und wie er’s schon öfter so gemacht, wenn er was Eiliges zu thun gehabt hat, giebt er mir die Pfeife in die Hand: Froni, da, schau, daß mir dieweil das Feuer nit ausgeht. – Ich will auch nicht die Verzagte sein, nehm’ die Pfeife und thu’ ein paar Züge, daß sie nicht auslischt, bis er wieder hereinkommt. – Melchior,“ sie klopfte dem Hirten auf die Achsel, „Melchior, bis auf den heutigen Tag ist der brave Tiroler noch nicht hereingekommen, und so ist mir halt das Pfeiflein im Mund verblieben.“

„Ja,“ meinte jetzt der Bursche, „wie ist denn das gewesen?“

„Verlassen hat er mich!“ sprach das Sennermägdle; „damit ich ihm nicht nachlauf zur Thür hinaus, hat er das mit der Pfeife gethan. In sein Tirol wird er gegangen sein; ich hab’ ihn nicht mehr gesehen. In der größten Noth – das kannst nimmer glauben – hab’ ich das Kind geboren. In der Armuth, in der Verlassenheit, im Spott der Leute hab’ ich gelebt in einer Köhlerhütte; ich bin völlig allein, hab’ keine Hilf; mein Kind ist mir verdorben, und – Gott Dank, Gott Dank! – gestorben! – Jetzt hab’ ich die Tabakspfeife noch gehabt vom Tiroler, und verrückt, wie ich gewesen bin, hab’ ich gesagt: Ich will mein Wort halten und das heiße Feuer soll in Deiner Pfeife brennen, bis Du mir wieder zurückkommst. – Wär’ er gekommen, ich hätt’ ihm Alles verziehen; aber allein und unglücklich hat er mich gelassen. Mein schwarzes Haar, das mich zuerst in’s Unglück gezogen hat, das hab’ ich mir vom Haupte geschnitten, und alle Jahre hab’ ich das gethan zum traurigen Angedenken. Und auch er selber, gleichwohl er ehrlich und brav gewesen ist in seinen jungen Tagen, kann kein ruhiges Gewissen mehr gehabt haben. Einer einzigen Stunde wegen sind wir elend geworden Allbeide. – Die Pfeife – ja, es ist noch die seine – die hab’ ich mir angewohnt, und wie ich den Tiroler nimmer vergessen kann, so soll auch, so lang’ ich leb’, das Feuer da d’rin nicht ganz verlöschen. Und vielleicht kommt er doch noch einmal zur Thür herein; meine größte Freud’ im Himmel und auf Erden, wenn ich ihm könnt’ sagen: Da, mein Herzallerliebster, da nimm Deine Pfeife, sie brennt noch!“

Der Melchior war aufgestanden. „Ihr seid brav,“ sagte er heiser, „aber ich bin ein schlechter Mensch, ich hab’ mich mehr als einmal lustig gemacht über Eure Pfeife und über Euer geschorenes Haupt.“

„Da hast ja Recht gehabt, Du Tropf!“ rief die Alte. „Ich lach’ mich selber aus, aber ich halt’s; ich kann meine Reu und Treu nicht besser beweisen.“

Nach diesen Worten faßte sie wieder des Burschen Hand: „Melchior, jetzt wird’s bald Neun schlagen unten auf der Kirchenuhr. Sei mir ja nicht bös, daß ich da bin, aber ich wollt’ Dich nicht verlassen; es ist Deine gefährliche Stund’. – Hast mich nicht gesehen unten am Hof? Wie Du die Toni da zum Schachen her hast beschieden, bin ich nicht weit von Euch gestanden. – Jetzt will ich aber wieder davongehen; Du bist Dein eigener Herr. Nur das sag’ ich Dir, Melchior, gieb Acht, daß Du das Unglück nicht aufweckst, für Dich und für sie; es geht dann nimmer schlafen! – Und das ist der Dienst, den ich Dir erweisen kann; nimmst ihn, oder nicht. Jetzt behüt’ Dich Gott! Behüt’ Dich Gott!“

Sie hastete davon. Der Melchior Ehrlich stand allein im Schatten der alten Bäume.

Nicht lange hernach hörte er die Schellen der Ziegen. Die kleine Toni huschte dem Schachen zu.

„Hast Du sie auch gesehen, Melchi?“ rief sie dem jungen Hirten zu.

„Wen?“

„Die Hexe, die Pfingsthexe! Da über die Höhe ist sie hingelaufen, gegen die Hinteralm.“

„Das ist das – Sennermägdle gewesen,“ antwortete der Bursche zerstreut.

Sie gingen eine Weile zwischen dem Gestämm hin und wußten nicht, was sie einander sagen sollten. Beide blickten auf das braune Moos des Bodens.

„Daß aber da keine Pilzlinge wachsen!“ bemerkte endlich das Mädchen.

„’s ist noch zu früh an der Zeit,“ entgegnete der Bursche.

„Vielleicht dort im jungen Anwachs d’rin,“ sagte die Butterdirn.

Aber der Melchi wandte sich hinaus gegen die Lichtung, zog langsam die Mütze vom Kopf: „Ich denk’, Toni, wir heben an mit dem Rosenkranz.“

Falsches Geld.

Pfingsten war glücklich vorbeigegangen.

„Brav sein, dieweil!“ sagte sich der Melchior, „sie kann arbeiten, ich kann arbeiten; ’s wird geheiratet.“

Da stand wenige Wochen nach Pfingsten an einem Samstag-Abend die kleine Toni am Brunnentrog und wusch ihr rothes Röcklein. Am andern Ende des Troges saß der Melchior und rieb mit kräftiger Hand Ochsenfett in seine Sonntagsschuhe. Kam der alte, bucklige Hans mit seinen Kühen heim und brummte, weil ihn der Feierabend lustig machte, das Liedchen:

„Ein Einser und ein Zweier,Die machen just ein’ Dreier,Und die Henne, die auf’s Feld geht,Die frißt gern der Geier.“

„Ein Einser und ein Zweier,Die machen just ein’ Dreier,Und die Henne, die auf’s Feld geht,Die frißt gern der Geier.“

„Ein Einser und ein Zweier,Die machen just ein’ Dreier,Und die Henne, die auf’s Feld geht,Die frißt gern der Geier.“

„Ein Einser und ein Zweier,

Die machen just ein’ Dreier,

Und die Henne, die auf’s Feld geht,

Die frißt gern der Geier.“

Man weiß nicht, ob es der alte Schalk mit diesem Vierzeiligen auf Jemanden abgesehen hatte, oder ob er thatsächlich an eine unvorsichtige Henne dachte. Die Buttertoni kicherte, plätscherte mit dem rothen Kittelchen, daß das Wasser bis zum Melchi hinspritzte, und sang:

„Und die Henne, die auf’s Feld geht,Die frißt gern der Geier;Und die föhrenrindenen VögelLegen packfong’ne Eier.“

„Und die Henne, die auf’s Feld geht,Die frißt gern der Geier;Und die föhrenrindenen VögelLegen packfong’ne Eier.“

„Und die Henne, die auf’s Feld geht,Die frißt gern der Geier;Und die föhrenrindenen VögelLegen packfong’ne Eier.“

„Und die Henne, die auf’s Feld geht,

Die frißt gern der Geier;

Und die föhrenrindenen Vögel

Legen packfong’ne Eier.“

Der Melchi horchte auf. Er hatte es sofort verstanden, der hölzerne Rothkropf hatte das Ringlein endlich ausgebrütet, oder vielmehr, das Mädchen hatte es in dem Vogel entdeckt.

„Sollt’s – nicht von Silber sein, Toni?“

„Hi, hi,“ lachte diese, „das Ringlein hat schauderlich die Gelbsucht.“

„Von Packfong?! O Du verdangelter Kapuziner, auch Du gehst um, Leut’ betrügen!“

„Ja, ja,“ rief die Toni und lachte nicht dabei, „was kann der Kapuziner dafür, wenn Du dummerweise seine Hergab’ für Silber hast gehalten. Du hättest aber auch so Einer werden sollen von der Gattung Kutten, die kein Geld im Sack haben dürfen, weil ihnen ohnehin all’ gut’ Sach’, die sie brauchen, zugesteckt wird.“

Sie ließ das Wasser gischten: der Bursche rieb doppelt heftig an seinem Schuh und war gar roth im Gesicht.

„Hätt’st mich nimmer gern, Toni?“ sagt er nun halblaut.

„Ei ja,“ sagte sie, „hast mir ja nichts gethan.“

Sie sah nicht mehr auf den Burschen hin, hub an, mit ihrem rothen Rock zu schwätzen, daß er ihr jetzt „weiß“ genug sei und daß sie ihn auf die Stange spannen werde.

Und als sie mit dem Waschkörbchen davon ging, schlug sie ihre Stimme über und sang:

„Im Beutel a GeldUnd im Herzen an Schatz,Und a Schneid muaß da Bua hab’n,Sunst g’hört er der Katz.“

„Im Beutel a GeldUnd im Herzen an Schatz,Und a Schneid muaß da Bua hab’n,Sunst g’hört er der Katz.“

„Im Beutel a GeldUnd im Herzen an Schatz,Und a Schneid muaß da Bua hab’n,Sunst g’hört er der Katz.“

„Im Beutel a Geld

Und im Herzen an Schatz,

Und a Schneid muaß da Bua hab’n,

Sunst g’hört er der Katz.“

Nun war’s doch wahrhaftig deutlich genug, die Butterdirn war aufgebracht.

Worüber nur? Weil der Ring im Vogel nicht von Gold oder Silber gewesen? Weil der Melchi kein Geld in der Tasche trug und ihr kein Taffetschürzchen kaufen konnte? – Nein, so klein denkt die kleine Toni nicht. Oder – hätte sie doch der Rosenkranz am Pfingstsonntag verdrossen?

Es verging eine Woche um die andere, die Butterdirn gab sich mit dem Melchior nicht mehr und nicht weniger ab, wie mit den anderen Mannsleuten, sie war lustig und lachte wie immer, aber ihr Lachen – wer ihm aufgepaßt hätte – scholl lauter und härter als sonst.

Der Melchior befliß sich zu zeigen, daß er ganz so sei, wie immer, und brummte seinen Ochsen zuweilen auch wohl das Liedchen vor:

„Wegen oan Dirndl traurig sein,Däs follt ma gor nit ein,Brauch’ nit erst ’s Dutzend z’ zähl’n,Krieg’s nach der Ell’n.“

„Wegen oan Dirndl traurig sein,Däs follt ma gor nit ein,Brauch’ nit erst ’s Dutzend z’ zähl’n,Krieg’s nach der Ell’n.“

„Wegen oan Dirndl traurig sein,Däs follt ma gor nit ein,Brauch’ nit erst ’s Dutzend z’ zähl’n,Krieg’s nach der Ell’n.“

„Wegen oan Dirndl traurig sein,

Däs follt ma gor nit ein,

Brauch’ nit erst ’s Dutzend z’ zähl’n,

Krieg’s nach der Ell’n.“

Aber dann guckte er doch wieder einmal durch das Bohrloch in die Butterkammer hinein.

An Sonntagen, wenn die Toni zur Kirche hinabgegangen war, kam sie nun häufig später nach Hause als sonst, und im Hof gingen allerhand Neckworte herum vom Leisten, von der Ahle, von Schmier und Pech u. s. w., die auf die Butterdirn gemünzt waren und die der gute Melchior Ehrlich nachgerade nicht begriff.

Da stand der Bursche in einer Nacht aus seinem Bette auf und schlich gegen das Kammerfenster der Toni.

„Mein Dirndl!“ flüsterte er und klopfte an die Scheibe.

Sie schlief.

„Toni, hast mich denn nimmer gern?“

Sie schlief fest.

„Hätt’ ich Dir was Leids gethan, Toni, thu mir’s nicht verschweigen. Schau, ich bin Dir von Herzen treu.“

Jetzt öffnete sich das Fensterchen, aber anstatt aller Antwort kam der föhrenrindene Vogel mit dem Ringlein heraus. Das war auch eine Antwort.

Der Melchior sagte kein Wort mehr; er steckte das kleine Schnitzwerk in seinen Hosensack und ging langsam seinem Bette zu.

Am nächstfolgenden Sonntag wurde in der Untergäuer Kirche von der Kanzel verkündet: „Der Bräutigam Mirtel Gegerle, Schuhmacher in der Gemeinde Sterzen; die Braut Antonia Schwanner, bisher Dienstmagd im Hof auf der hohen Weid im obern Gäu...“

Man beglückwünschte die Braut, die als einfache Dienstmagd eine so gute Partie mache. Der Schuster Gegerle hatte ja Geld. Jung und schön war er zwar nicht, der Meister, hatte auch schon drei Kinder von seiner ersten und zweiten Frau im Hause; aber er kaufte seiner zukünftigen Dritten ein grünes Seidenkleid und gab ihr obendrein einAntraugeld, das mehr ausmachte als ein ganzer Jahrlohn auf der hohen Weid.

„Ist auch gut,“ meinte der Melchior, „sie heiratet das Geld! mein Weib muß mich heiraten.“ – Einmal aber, als der Knecht die Sache so recht überdacht hatte, war er doch wild geworden, hatte sich in seinem Zorne die Zipfelmütze vom Haupt gerissen und sie mit den Füßen getreten. – „Geld!“ schrie er laut, „Geld! Wiederum ist es dieses Best, das mich will zugrunde richten. Meinen Vater, meine Mutter, meinen Bruder, meine Herzliebste hat mir das Geld gefressen!“

Der Bauer hatte es gehört. „Geh, Melchi,“ sagte er, „sei kein Narr. Geld muß der Mensch mit Geld wett machen! Wirst auch noch einmal was anfangen können, Junge; Du weißt, was Du bei mir liegen hast.“

„Mag nichts hören davon!“ schrie der Bursche und stampfte den Fuß auf den dröhnenden Boden.

Bei der Hochzeit der Butterdirn war der halbe Hochweidhof mitgewesen, auch der geknickte Zaunpfahl hatte nicht gefehlt, war sogar auf einem Ehrenplatz gesessen und hatte unerhört viel Braten und Krapfen verzehrt. Der Remini Dreihand war ein guter Freund des Bräutigams.

Der Melchior war am Hochzeitstage auf der Alm wie ein wildes Thier herumgerannt. Ueber die Heukehr war er gelaufen, wo die kleine Toni so oft die Ziegen gefüttert hatte. Aber als er am Schachen des Hochbodens vorüberging, da lachte er hell auf und die Bäume lachten mit. Eilig ging er der Hütte auf der Hinteralm zu, nahm das Sennermägdle bei der welken Hand und sagte: „Vergelt’ Euch Gott den Pfingstsonntag!“

Die Liebe blutet.

Jetzt gingen der Jahre eines und zweie und etliche dahin.

Der Melchior blieb auf der hohen Weid und war fleißig und verläßlich und arbeitete für Zwei.

In den ermüdendsten Bewegungen, im Heumähen, im Streutragen, im Brennholzspalten ging er voran und war thätig vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Der junge Mann meinte, das, was ihn immer so sehr in seinem Herzen drücke, sei nichts als dickes Blut, und das Blut müsse durch Bewegung und Schweiß gereinigt werden.

Er war völlig anders als sonst, er war nicht mehr heiter und gesellig, er war still und oft traurig, hielt’s mit Niemandem; ganz allein ging er um.

Vor dem Soldatenleben, das dem frischen Burschen bevorstand, hatte er sich sonst gescheut, nun wollte er am liebsten „ziehen fort auf’s weite Feld und streiten mit dem Feind“, wie’s im Liede heißt.

Den Bauer respectirte er stets als seinen Dienstherrn, des Weiteren hielt er seine Selbstständigkeit aufrecht.

Nur bei dem Sennermägdle saß er zuweilen in der Hütte. Jetzt mochte er auch ihre Tabakspfeife leiden. Andere Leut’ rauchen und wissen nicht warum; aber beim Sennermägdle hat’s eine Bedeutung. Und wie sie sich seit vielen Jahren ihr Haar vom Haupte schnitt als Zeichen der Reue und Treue, so wollte auch er, der Melchior Ehrlich, an seiner Satzung halten: keinen Heller von dem verfluchten Gelde besitzen sein Lebtag lang’.

Was war mit dem Lebkuchenherz geschehen?

Das trug der Bursche stets noch in seinem Geldbeutel. Was konnte auch das Herz für die Butterdirn!

Auch den föhrenrindenen Vogel ließ er nicht mehr aus seinem Sack, so lange er die blauleinene Hose trug; später, als er vom Bauer eine grauleinene bekam, mußte mit dem Burschen freilich auch das hölzerne Rothkehlchen übersiedeln. Das Rothkehlchen mitsammt dem Lebkuchenherz, das bereits eingetrocknet war wie die Mumie eines lieben Abgestorbenen.

So lebte und so trieb es der Knecht aus dem untern Gäu. Der schwarze Stier, der einst mit ihm heraufgekommen war, erfreute sich längst schon einer zahlreichen Nachkommenschaft auf der hohen Weid. Der Melchior war Junggeselle.

War es und wollte es verbleiben.

Der Jude wird verbrannt.

Auf dem großen Almhofe hatte sich die Zeit her Manches gewendet. Der kleine Fritz war zu einem Jungen herangewachsen, der für die Zuchtruthe des Vaters zu alt, für den Ernst der Wirthschaft noch zu jung war. Seinetwegen hatte das ganze junge Weibsvolk aus dem Hause müssen.

Der ältere Sohn des Bauers hatte es in der Stadt richtig zu einem Medicindoctor, und zwar zu einem Militärarzt gebracht, und sandte den Eltern allerlei Recepte nach Hause. Half aber nichts gegen das Alter. Die Bäuerin starb; der Bauer hatte nicht mehr die Spannkraft in sich, wie vorher.

Den Melchior hatte er längst zum Oberknecht gemacht und mehr und immer mehr kam die Wirthschaft der hohen Weid auf die Schultern des jungen Mannes zu ruhen. Nur alle Verkäufe und Einkäufe mußte der Bauer besorgen, weil sich der Melchior thatsächlich vor den Geldstücken scheute, wie ein gebrannter Hund vor glühenden Kohlen.

Zuweilen hinkte auch der alte Remini in den Hof; er machte sich immer irgend welche Geschäfte, entweder hatte er eine Botschaft auszurichten, die nirgends von geringerer Wichtigkeit war, als im Hofe; oder er fragte in seinen Angelegenheiten um Rath, den er hernach sicherlich nicht befolgte; oder er hatte dieses oder jenes auszuborgen oder zurückzubringen. In Wahrheit aber kam er nur, um Bissen und Brosamen, die in dem großen Hause abfielen, zu erschnappen oder zu erbetteln, rostige Nägel vom Boden aufzulesen und sonstige kleine Dinge, die man im Hofe für unbrauchbar hielt, mit sich zu nehmen. Er löste daraus stets ein paar Kreuzer und wollte so allmählich die Sorge „für seine alten Tage“ verringern, ein Bestreben, welches einem Remini Dreihand nimmer gelingen wird. „Ach,“ seufzte er oft, „mancher Mensch ist wahrhaftig zum Elend geboren. Mit mir stünd’s anders, hätt’ mich meine Mutter nach Amerika gehen lassen.“

„Ja, und warum hat sie denn das nicht gethan?“ fragte ihn der Melchior einmal zornig.

„Weil – weil sie mich nicht mitgenommen haben,“ antwortete der Geknickte und zog seinen dreieckigen Kopf ein, „purer Neid ist es gewesen, heller Neid von den Leuten, die dazumal ausgewandert sind. Die haben längst ihre Goldsäcke voll. Unsereiner muß bitter darben.“

Die Goldsäcke voll! Das war sein Denken und Streben, sein Glauben und sein Himmelreich.

O, Dir thät ich’s wünschen, alter Gauch, Du hättest die Goldsäcke voll und müßtest sie fortweg auf Deinem Höcker schleppen, daß sie Dich derb ritten und drückten! Das wären die Sorgen für die alten Tage! – So dachte der Melchior dem Alten einmal nach.

Nun, er, der Melchior selber, bot freilich Alles auf, um sich vor einer solchen Last zu bewahren.

Der Hochweidhofer wurde immer kränklicher; seine hohe Weid, die seine Kraft, sein Stolz, sein Leben war, wurde ihm immer gleichgiltiger. So ging er denn d’ran, das Gut seinem jüngsten Sohne zu verschreiben.

Zuvor aber beschied er den Melchior in seine Stube. Dieser nahm gar seine Mütze ab, denn der Bauer schien ihm blaß und krank zum Versterben.

„Melchi,“ sagte der Kranke, „wir Zwei haben noch was auf gleich zu bringen miteinand. ’s ist vier Jahr’ und drüber, daß Du in meinem Haus bist. Bist brav und ordentlich, bist letzt’ Zeit her meine rechte Hand gewesen. – Der Fritz merkt wohl auch, was er an Dir hat, und mir wird’s noch in der letzten Stund’ taugen, wenn ich weiß, Du wirst auch auf hinfür noch im Haus verbleiben. Hätt’s auch gern gesehen, daß Dich mein Sohn, der Doctor, des Soldatenlebens wegen untersucht und für untauglich erklärt hätt’, ’s wär’ leicht gegangen. Nu, wenn Du nicht willst! – Aber die alt’ Sach’ muß jetzt richtig gemacht werden, ’s könnt’ sonst leicht Anständ’ geben, wie’s schon geht bei den Leuten.“

Der Hochweidhofer richtete sich im Bette auf und that unter dem Kopfpolster ein kleines Packetchen hervor, das er schon früher bereitet haben mochte. Es war in weißer Leinwand und mit einer blauen Schnur umwickelt. Er hob es mit der Hand und schaukelte damit ein paarmal auf und ab, als ob er seine Schwere prüfen wollte. Dann sagte er mit leiser Stimme: „Melchi, das ist Dein Eigenthum.“

Der junge Mann erschrak fast und that seine Hände hinter den Rücken, daß sie ja nicht angreifen konnten.

„Melchi!“ fuhr der Kranke fort, „mach’ jetzt keine Albernheiten, jetzt ist keine Zeit dazu. Die Sache gehört Dein, Du hast sie redlich verdient und Du wirst sie noch brauchen! – Greif an, laß’ mich nicht so lang’ reden, Du siehst wohl, daß es mich aufregt.“

Der Melchior war gegen das Fenster gegangen und starrte nun in das Freie hinaus. – Draußen auf herbstlichem Gras hüpften gelbe Laubblätter umher; in der Stube lag ein todtkranker Mann, und da wird noch von Geld und Gut gesprochen...

Der Bursche schüttelte traurig den Kopf, er nähme nichts.

„So,“ sagte der Bauer darauf mit einer Gelassenheit, hinter der Wuth steckte, „so, also schenken, schenken willst Du’s dem Bauer von der hohen Weid!“

„Ich hab’ nichts zu schenken,“ versetzte der Melchior, „ich hab’s gut bei Euch gehabt; bei Euch im Hof ist meine schönste Zeit gewesen; ’s kommt keine solche mehr. Jetzt, wenn Ihrauchwollt versterben...“

Er wendete sich ab; die Zipfelhaube hatte er fest in die Faust geballt, jetzt fuhr er sich damit rasch über das Gesicht.

„Melchi,“ sagte der Alte, „geh’ her zu mir. Gieb mir die Hand. So, ’s thut mir gut, daß Du da bist. Mein Sohn, der streift in den Weiten herum. Der ist leichtfertig und unerfahren, ich will Dich bitten, daß Du ihm fort recht zur Seite bist. Uebrigens – kann’s auch mit mir besser werden; hätt’ ich nur erst den Winter überdauert! – Nu, wie’s Gott will. – Jetzt, Melchi, nimm das! Kränk’ mich nicht, nimm das. – Denk’ halt, ’s wär kein Geld d’rin – nur ein Angedenken –“

„Kein Geld!“ murmelte der Bursche. Darauf stand er eine Weile unentschlossen da und schließlich nahm er das Päckchen.

Aber beklommen verließ er die Stube. Er ging in die Kammer, dort öffnete er mit zitternden Händen das Packet.

Als der Inhalt offen dalag, schüttelte er den Kopf und lächelte trüb: „Hab’ mir’s gedacht, hab’ mir’s gedacht!“

Fünf Stück Hunderterbanknoten hatte er in der Hand.

Er sah sie blinzelnd an und begann so mit dem Papier zu reden: „Jetzt seid ihr da! jetzt seid ihr auch bei mir da? Wollt ihr mich auch haben? O, der Melchi, das ist der Unrechte! – Der Krug, der geht so lang’ zum Brunnen, bis er bricht – kennt ihr’s nicht, das Sprüchel? – Geld, wo ist meine Mutter, mein Vater? Geld! Du hast mir meinen Bruder verdorben, hast mir meine Liebste weggenommen! Du hast schon viele Leute zum Galgen geführt oder zum Narren gemacht. – Mein Leben und meinen Namen hast du zugrunde gerichtet, du verfluchtes, du vermaledeites Geld.“

Und während er knirschend diese Worte sprach, ballte er die Banknoten mit krampfigen Fingern zusammen; schon hob er den Arm, um den Ballen weit von sich zu schleudern, da hielt er plötzlich ein und ein Lächeln flog über sein bleich gewordenes Gesicht.

Er entwirrte die Blätter, legte sie glättend in Ordnung aneinander und steckte sie in seine Hosentasche.

Er hatte vorhin den alten Remini um den Hof schleichen gesehen; diesen wollte er nun aufsuchen.

Er eilte durch den Gemüsegarten und über die Matte quer hinab gegen den Waldrand. Und am Waldrande hockte der Alte bei einem frisch knisternden Feuer und schob Kartoffeln in die Gluth.

„Nu, Vetter,“ redete ihn der Bursche an, „wo habt Ihr heut’ die Erdäpfel gestohlen?“

„Ich? die Erdäpfel!“ stotterte der Geknickte, „gefunden –“

„Ha, ha, da drüben auf dem Acker unter der Erde, gelt! – Je nu, Gott gesegne sie Euch für die alten Tage. Ich hätt’ Euch nur fragen mögen, Remini, da, der Dinger wegen. Wißt, ich hab’ heut’ vom Hochweidhofer meinen Lohn erhalten, beiläufig so für vier oder fünf Jahr. Jetzt aber – Ihr wißt, man muß fort auf der Hut sein – bin ich so ängstlich und möcht’ genau wissen, ob die Banknoten da wohl auch gut und echt sind?“

„Na, na, das kennst Du gar gut!“ zischelte der Alte, aber als der Bursche das Geld hervorzog, da zuckten jenem die Finger, daß sie schier klapperten. „Laß ’mal sehen!“ Mit Hast und Gier erfaßte er die Papiere: „Drei – vier –fünf – hundert!“ er rang nach Athem, seine grauen, schielenden Aeuglein thaten, als wollten sie heraushüpfen auf die vornehmen Ziffern. „Blitz ’nein, Blitz ’nein,“ murmelte er fortwährend, „das ist viel!“

„Und echt wären sie?“ fragte der Bursche, indem er den Geknickten so recht von der Seite anlugte, um zu beobachten, wie die Leidenschaft in ihm wüthete.

„Echt, das ist gewiß, wie das Silber, wie das Gold, das dafür bezahlt wird!“ stieß der Remini fast fiebernd heraus, „ein schönes Geld, das! ein schönes Geld! – Der Tausend, Melchior, weit hast es gebracht, weit! – fünfhundert – auf einmal! das ist viel! – ist viel!“

„Wie man’s nimmt,“ versetzte der Bursche wegwerfend und langte wieder nach den Scheinen, „könnt’ auchmehrsein. Von fünfhundert aufwärts ist weiter, als von fünfhundert abwärts; könnt’ auchmehrsein. – Werdet aber wissen, Remini, ich bin kein Freund davon, brauch’s auch nicht.“

Bei diesen Worten zuckte gleich der lustigen Flamme des Feuers, vor dem er kauerte, eine Freudengluth über dasaschenfarbige Gesicht des Alten. – Er ist kein Liebhaber davon? Braucht es nicht?... Der Remini ließ das Papier nicht aus den Augen.

„EchtesGeld, meint Ihr, Remini?“

„Wie nur was echt sein kann!“ krächzte der Geknickte begeistert.

Der Melchior schüttelte ungläubig den Kopf: „Will’s doch lieber versuchen. – Paßt auf!“

Hoch hob er die zusammengedrehten Banknoten und mit einem kräftigen Schwung warf er sie in das Feuer hinein.

Der Alte stieß einen gräulichen Schreckruf aus, dann tastete er mit beiden Händen in die Flammen, zog sie aber stöhnend wieder zurück. Das Papier zuckte, wand und ringelte sich in der Gluth, ein brauner Hauch zog über die weißen Blätter, jetzt brannten sie lichterloh, jetzt flatterte der graue Aschenflaum, jetzt zuckten die schwarzen Flöckchen zusammen und vergingen im Gluthpfuhl.

Der Melchior war mit gekreuzten Armen dagestanden; nicht lächelnd, sondern mit zuckenden Zügen und funkelnden Augen hatte er dem Verbrennen der Banknoten zugesehen.

Als die letzte Spur davon vergangen war, sog er einen langen, schweren Athemzug in seine Brust und hauchte: „Jetzt bist du gerichtet. Gott Lob, Gott Lob!“

Der Remini war einer Ohnmacht nahe gewesen. Aber auf einmal sprang er auf wie besessen, schlug seine Hände zusammen und schrie: „Du Narr! Du Wahnsinniger! Du Bösewicht! Jesus im Himmel, jetzt hat er dasGeldverbrannt!“

„Das Geld? Nu, das Geld eigentlich nicht,“ versetzte der Bursche, „nur das Papier.“

„Vier lange Jahre gearbeitet mit schwerer Müh’!“

„Das wohl,“ sagte der Melchior, „aber die hätten diese Fetzen doch nicht mehr leichter gemacht. Und, Remini, jetzt sag’ mir einmal, wo ist denn der Schaden? Ist ein Stück Gut weniger auf der Welt, seit da die Asche fliegt? Ist meine vierjährige Arbeit auf der hohen Weid desweg verloren? Nicht ein einziger Nagel, den ich eingebohrt hab’, ist darum aus der Wand gesprungen.“

„Du hunderttausendfältiger Narr, Du selber hast den Schaden!“ rief der Remini.

„Das ist nicht bewiesen,“ sagte der Melchior, „ich hätt’ das Geld vielleicht in die Stadt geschickt, daß es Zinsen sollt’ tragen, ich wär’ ein Hirt gewesen auf der Alm wie vor und eh’ und hätt’ gelebt, wie die anderen Hirten leben, und wär’ zuletzt gestorben, wie die anderen Hirten sterben. Jeder Mensch braucht kein Geld, mein lieber Vetter Remini, und das Essen und Trinken und die Kleider wachsen aus dem Erdboden auf, und dem Erdboden ist das Geld zu schlecht, der muß Mist haben, Mist und fleißige Hände. Meine Scheidemünzen sind die Arbeitstage, mit denen ich der Welt das tägliche Brot abkaufe.“

„Jetzt hat der Mensch das Geld verbrannt!“ klagte der Alte noch immer, „ist aber das eine Schande, wo ja ohnehin das Geld gar so rar ist. – Du, Melchior! vor’s Gericht kommst! Aufhängen werden sie Dich!“

„Ha, das werden sie sicherlich bleiben lassen!“ lachte der Bursche. „O, gäb’ es nur mehr solcher Leut, die ihr Papiergeld thäten verbrennen dem Land zulieb! Das Land glaub’ ich, hat ja Nutzen davon, wenn man Papiergeld verbrennt. Ihr könnt es freilich nicht verstehen, wenn ich sag: dahier am Waldrand, unter dem freien Himmel hätte der Melchior Ehrlich, der Ehrenschmiedsohn, von seiner Jugendvier Arbeitsjahre seinem Vaterland geschenkt. Und er weiß, warum er’s gethan hat. – So, Vetter, und jetzt laßt Euch die Erdäpfel schmecken und denkt dabei: sie müssen echter sein, als die Banknoten; die sind verbrannt, die Erdäpfel sind nur gebraten.“

Der Melchior steckte seine Hände in die Hosentasche und trottete langsam davon.

Der alte Remini Dreihand hatte gar keinen Appetit mehr nach den Kartoffeln; endlich aber verzehrte er sie sammt den Schalen. Vielleicht war darauf doch noch irgend ein Aschenstäubchen von den verbrannten Hundertern kleben geblieben.

Die Liebe reift.

Der Bauer von der hohen Weid war noch im selben Herbste verstorben. Kaum lag er zwischen den sechs Brettern des Sarges, so dehnte sich der Junge aus – der Fritz. Er polterte und commandirte fürchterlich herum im Gehöft und nannte den „Bauer von der hohen Weid“ noch öfter, als sein Vater es gethan hatte.

Den Melchior beachtete er anfangs gar nicht; dann aber hieß er ihn nie anders, als den Halbnarren. Im ganzen Ober- und Untergäu war es offenbar, daß der junge Knecht aus Narrheit und Uebermuth seinen mehrjährigen Arbeitslohn zu eitel Asche verbrannt habe.

Viele kamen auf die hohe Weid, blos um den Narren zu sehen.

„Ist er schon selber zu dumm für ein Geld, so hätte er’s den Armen geben sollen!“ Das mußte der arme Bursche hundertmal hören.

Die Armen, die lagen ihm nun allerdings auf dem Gewissen. Er hätte Manchen aus Noth und Hunger retten können. – Ja, war’s denn aber seine Schuldigkeit, daß just er, der Dienstknecht, arme Leute aus Noth und Hunger retten sollte? – Aber er hätte es doch gethan, wäre sein Herz besser gewesen, als sein Kopf.

Ja, so rechten die Menschen vom Tage.

Keiner im ganzen Gäu hatte geahnt, was das Herz des jungen Mannes erfüllte und daß am Waldrande ein Gedächtniß- und Sühnopfer geschehen war für Eltern und Bruder. –

Auch in die Kreisstadt war die Banknotengeschichte gedrungen und die Folge davon war, daß der „Narr“ Melchior Ehrlich aus der Rekrutenliste gestrichen wurde.

Und so sind dem braven Burschen für die vier verbrannten „Arbeitsjahre“ elf andere geschenkt worden.

Der Melchior sah bald ein, daß unter der neuen Herrschaft seines Bleibens als „Narr“ auf der hohen Weid nicht länger mehr sein könne. Er nahm seine paar Sächelchen, schnitt einen guten Stecken aus dem Lärchenanwuchs des Schirmschachens und zog fürbaß.

Er zog in die Gegend von Sterzen hinab; dort kehrte er beim Schuhmacher ein.

Er hätte es nicht gethan, aber er hatte es gehört, was im Schuhmacherhause geschehen war. Der Meister Gegerle war an der Auszehrung gestorben. Darauf war ein Mann gekommen mit einem großen Schuldbrief und vielen Zinsbögen und hatte alles Hab und Gut der Witwe davonschleppen lassen. Dieser Mann war der Freund des Verstorbenen gewesen und hieß Remini Dreihand.

Jetzt stand die arme Toni da, hatte nichts als ein leeres Haus und die drei unmündigen Kinder ihrer Vorfahrinnen. Ihr grünes Seidenkleid war auch dahin; ihre Augen waren roth; oft in den langen Nächten, wenn sie im Bette saß und nähte, dachte sie an die schöne Zeit, da sie beim Bauern Butterdirn gewesen.

Trat denn eines Tages in dieses Haus der Melchior Ehrlich ein. Die Toni that einen hellen Schreckruf, der auf der hohen Weid für ein lustig Jauchzen gegolten haben würde.

Darauf stand sie wie versteinert still und wußte nicht, sollte sie rückwärts treten und sich verbergen in der leeren, finsteren Lederkammer ihres Mannes, oder vorwärts, und dem guten alten Bekannten die Hand schütteln.

„Melchi,“ sagte sie endlich leise, „Du suchst mich heim?“

„Such’ Dich nicht heim,“ antwortete der Bursche. „’s führt mich nur mein Weg vorbei, und weil ich hungrig geworden bin, so hab’ ich mir gedacht, klopfst an um ein klein Stückel Brot.“

Jetzt sprang das Weib mit Ungestüm über ihn her, nahm ihn um den Hals und rief: „Melchi! Alles, was mein Tisch kann bieten, soll Dir aufgewartet sein. Mich freut’s zu tausendmalen, zu tausendmalen!“

Der Melchior saß fröhlich bei Tisch und aß ein weniges von der Milch. Sie strich ihm Butter auf ein Stück Brot.

Er nahm’s und sagte: „Für das ganz extra mein Vergelt’s Gott! Gelt, das isteigene Wirthschaft, das wird schmecken.“

Und er steckte bedächtig den Mund voll, daß er für eine Weile stumm war und die Toni Zeit hatte, sich aus ihrerkleinen Verlegenheit wegen der Erinnerung an eine abgelehnte Butterschnitte auf dem Hochweidhofe wieder zu erholen.

Zwei halb erwachsene Mädchen und ein kleiner Knabe waren im Hause. Dieser war bald mit Melchior gut Freund, stieg auf die Bank, auf welcher Letzterer saß, ließ die Quaste der Zipfelmütze tanzen, zupfte gleichwohl noch vorsichtig und sachte an dem Ringellockenhaar des Mannes, an seinem falben Schnurrbärtchen endlich, und zuletzt entschloß sich der Kleine nach langem Saugen am Zeigefingerchen zu dem verlockenden Wagestück, in den Kleidertaschen des Gastes ein wenig Sichtung zu halten.

Die junge Hausfrau suchte Alles aufzubieten, um die Armuth des Hauses möglichst zu verbergen – aber das böse Gespenst lugte doch aus allen Winkeln hervor. Der Melchior bemerkte nichts und war lustig. Und die Toni kam aus einer Verlegenheit in die andere; sie wollte mehrmals versuchen, so frisch und keck wie einst aufzulachen, aber es ging nicht mehr.

Plötzlich jedoch stieß ihrerstatt der kleine Knirps ein mächtiges Gejohle aus und hoch in seinen Händen schwang er – den föhrenrindenen Vogel.

Diese trautsame Erscheinung veranlaßte jedoch vorläufig nicht viel Heiteres. Die Toni legte ihr Haupt an Melchior’s Brust und schluchzte.

„Wie lang’ ist’s her, daß Dein Mann gestorben?“ fragte der Bursche.

„Gut über ein halbes Jahr.“

„Na, nachher wird das Flennen, mein’ ich, nicht mehr nöthig sein,“ versetzte der Schalk. „Und was meinst Du, Toni, weil denn dieser närrische Vogel allweg noch lebt – was meinst, wir fingen ihn noch einmal ein?“

Jetzt war das Lachen da. Es war wieder da, es war so hell und weich wie einst, es wollte nicht enden, und die Augen standen in hellen Thränen.

„Nein, das ist wahr!“ schluchzte sie endlich, „Du bist ein herzensguter Bub!“

„Weißt, Toni,“ sagte der Melchior, und war auch selbst verlegen geworden, so daß er mit seinen Schuhspitzen viel zu laut am Trittbrett des Tischschragens klöpfelte, „ich weiß jetzt mit meiner Zeit nichts anzufangen. Auf der hohen Weid freut’s mich nimmer und zu den Soldaten wollen sie mich auch nicht nehmen.“

„Hast einen Fehler?“ fragte sie theilnahmsvoll.

„Hier drin, meinen sie, müßt’s hinken,“ versetzte der junge Mann und stemmte seine beiden Zeigefinger auf die Stirn.

„Ich hab’ gehört, daß Du so theures Brennholz heizen thätest,“ bemerkte das Weib und machte sich mit dem Kleinen zu schaffen, den sie nach und nach mit Ernsthaftigkeit und Liebkosungen aus dem Stübchen schob.

„Festweg, Toni, brauchst Dir keine Sorg’ zu machen, das ist vorbei,“ sagte der junge Mann und klöpfelte; „unser Häusel thäten wir schon mit Scheiterholz auswärmen. – Wohl wahr, wir hätten die fünf Hunderter leicht anwenden können; aber für’s Erst’ hab ich meinen Zorn auslassen wollen gegen das Geld, das mir allerlei böse Tage gemacht und zuletzt gar mein Herzlieb davon geführt hat. Und für’s Zweit’, Toni, möcht’ ich gern wissen, was denn wohl der Melchior – frisch und gesund und bald dreiundzwanzig Jahr’ alt, bisher Halter auf der hohen Weid, just für sich, nach der Elle oder nach dem Pfund gemessen – werth sein kann.“

Er schwieg ein wenig, sie wußte auch nichts zu sagen. Nein, sie hätte schon was gewußt. Es war ihr wohl heiß um’s Herz.

Der Bursche zog sein Geldbeutelchen aus der Tasche; „’s ist nicht ganz leer, Toni,“ sagte er. Das Lebkuchenherz war drin.

„Und nachher, weißt,“ rief er und stemmte seinen Ellbogen fest auf den Tisch, „weil’s vorbei ist, was vorbei ist, so seh’ ich jetzt wohl ein, daß der Mensch ohne Geld halt doch einmal nicht recht wachsen will. Mir thut das in die Länge wachsen nimmer noth, aber in die Breite gehen möcht ich. Jetzt wär’ das schon recht, hätt’ ich mir vor Zeit das Geld nicht abgeschworen für all’ mein Lebtag. Was man schwört, muß man halten, und jetzt denk’ Dir, Toni, so steh’ ich da. – Hab’ mir aber schon was ausgetipfelt, Toni, wollt’ mir nur wer dabei helfen. – Heiraten muß ich, ’s giebt sonst kein Mittel für mich. Ich will auf dem Gütel arbeiten, oder im Tagelohn, oder draußen im Dorf, oder drin im Wald, oder auf der Alm. Ich schick mich in Alles, und mein Weib, das wird das Geld dafür in die Hand nehmen und damit machen, was sein muß. – Was meinst, Toni, ist der Rath zu brauchen?“

„Ja,“ sagte das Weib und räumte den Tisch ab, „zu brauchen – – zu brauchen ist er schon.“

„Und – und willst Du mein Geldbeutel werden?“ fuhr es dem Burschen heraus.

Wieder das Lachen und die Thränen – viele Thränen – lautes Schluchzen, so daß der Knabe draußen erschrocken zu seinen Schwestern lief: „Geht geschwind, der fremde Mann, der thut der Mutter was!“

Gutes Geld.

So hat sich’s zugetragen mit dem Geldfeind, mit dem Melchior Ehrlich – dem Ehrenschmiedsohn. Er hat sein altes Lieb, die Rothkitteldirn, geheiratet.

Ueber der Thür des Häuschens war ein hölzerner, grün angestrichener Stiefel gehangen; der mußte herab. Es wohnte kein Schuster mehr im Hause. Ein paar Gärten und Aecker waren dabei und die Wirthschaft war ein Bauerngütchen geworden. Die Leute drin arbeiteten mit Lust und Fleiß, und nach und nach füllten sich die Räume wieder, die der geknickte Zaunpfahl so hämisch ausgeleert hatte.

Von den Kindern des verstorbenen Gegerle ist auch nur Gutes zu sagen.

Die beiden Jungfrauen verheirateten sich, der Knabe kam auf die hohe Weid als Hirtenjunge, mit dem leichtlich die Idylle wieder anhebt. Es ist das alte leichtherzige Leben im Hofe auf dem Rochusberge, nur schier noch ungebundener als unter dem alten Bauer. Das Familienleben zwischen Mensch und Vieh wird einträglich fortgeführt. In der Butterkammer wirthet manch’ heitere Magd, über die Weiden der Heukehr springen und scherzen die Ziegen und die Kälber. Auf dem Hochboden steht noch der Schirmschachen und der Anwachs ist höher geworden und spendet noch immer den freundlichsten Schatten. Freilich wackelt das Sennermägdle allzu selten vorüber.

Aber eslebtnoch, das Sennermägdle auf der Hinteralm. Es waltet die Heerden, es ist völlig frisch; es wartet immer noch auf den Tiroler und saugt und saugt an dem Pfeifchen, auf daß das Feuer nicht sollt verlöschen.

Einen traurigen Ausgang hat es mit dem alten Remini Dreihand genommen. Der ist eines Tages todt in seinerKlause gefunden worden; er hing am Staffel seines Bettes. Man wußte nicht, weiß es heute noch nicht, ob sich der alte Geizhals aus Sorge um „seine alten Tage“ selbst erhenkt hat, oder ob er durch Mörderhand erdrosselt worden. In dem wurmstichigen Schrank der finsteren Klause fand man nicht einen Heller Geld, aber unter der Bettstatt, tief in die schwarze Erde gegraben, wurde bei der Untersuchung ein Ledersack entdeckt, in dem altes, schweres Silber lag.

„Der,“ sagten die Leute, „derist der Geldfeind gewesen; er hat es lebendig begraben.“

„Und der Menschenfeind dazu!“ riefen Andere.

Da erhob bei der Bestattung des alten Mannes der Pfarrer das Wort: „In jedem Menschenherzen schlummert ein Dämon. Möge Jeder denselben bekämpfen mit seiner Kraft und wachen! Des Herrn Gnade sei mit uns Allen!“

Das ehemalige Schuhmacherhäuslein auf der Sterzen mit den dazu gehörigen Grundstücken heißt jetzt das Ehrengut, nach dem Namen des Besitzers Melchior Ehrlich. ’s geht fröhlich drin zu; ein kleiner Melchi und ein kleines Tonerle purzeln auf dem Boden herum und schlagen johlend die Beinchen in die Luft und streiten wohl auch zuweilen mit Händen und Füßen um des Vaters bunte Zipfelmütze. Das Lebkuchenherz und das föhrenrindene Rothkröpfchen möchten sie auch wohl gern haben; aber diese Dinge hängen hoch oben im Winkel des Hausaltars, und die Mutter sagt: „Kinder, das kriegt Ihr erst, wenn Ihr groß seid!“

Die Toni weiß das Geld, welches ihr der Mann stets redlich in’s Haus schickt, prächtig zu handhaben und damit für die Familie allerhand Gutes und Liebes zu stiften. Da kommt der Melchior wohl auch zur Ueberzeugung, das Geld kann nur auf zweierlei Weise Unheil stiften: erstens, wennes in die Hand des Boshaften und des Leichtfertigen geräth, zweitens – wenn es der Brave nicht hat.

Eines Tages – ’s ist noch nicht lange her – hat der Melchior eine sehr überraschende Nachricht aus der Hauptstadt erhalten. Der Sohn des Hochweidbauers, den er einst auf dem Hofe kennen gelernt hatte, theilt ihm mit, daß die Strafzeit des vormaligen Forstadjuncten Kilian Ehrlich zu Ende gehe und daß beschlossen worden sei, den talentvollen Mann in „des Kaisers Geldwerkstätte“ aufzunehmen.

„Juchhe!“ jauchzt der Melchior, „jetzt ist’s gut. Mein Bruder selber macht echte Banknoten. Her damit, ich kann sie brauchen!“


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