Ihr führt in’s Leben ihn hinein,Ihr laßt den Armen schuldig werden.Dann übergebt ihr ihn der Pein...
Ihr führt in’s Leben ihn hinein,Ihr laßt den Armen schuldig werden.Dann übergebt ihr ihn der Pein...
Ihr führt in’s Leben ihn hinein,Ihr laßt den Armen schuldig werden.Dann übergebt ihr ihn der Pein...
Ihr führt in’s Leben ihn hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden.
Dann übergebt ihr ihn der Pein...
Der Mann sah durch das Fenster hinaus in den Wintersturm. Das ist die Erde. – – –
– – – Und Nothburga ist so jung und schön, sie ist eines besseren Schicksals würdig. Und Martin ist ein Narr, er sucht das Reich Gottes unter den Menschen. Noch ist er jung – in seinem ferneren Leben wird er’s immer mehr einsehen, daß er vergebens gesucht, daß sein Jugendstreben eitle That eines Träumenden war, daß sein Leben ein verlorenes ist. Allen Halt einer Erziehung und geregelten Ausbildung entbehrend, wird er mit sich und Allem zerfallen. Das empfindsame, weiche Gemüth, sonst die erste Bedingung eines guten Menschen, wird diesem Manne zum materiellen und moralischen Verderben, denn es hat von seiner Umgebung doppelt tief die Eindrücke fanatischer, vorurtheilsvoller Gebilde aufgenommen, das Gegengewicht aber, eine freie, planmäßige Ausbildung entbehren müssen. – So ist er das geworden, was er ist, ein edles Wollen ohne Plan, eine redliche Seele im Wahn, eine Kraft auf falscher Bahn. – Zu sehr befangen in sich, wird alle äußere Einwirkung auf ihn erfolglos bleiben – er fährt einen seltenen Weg, aber er fährt rasch und rettungslos in’s Verderben. – ’s wär’ ein Glück für ihn, wenn’s aus wär’. – –
An diese Gedanken des Doctors reihten sich noch andere, schwerere, dunklere – endlich fuhr er rasch in die Saiten der Zither. Dann öffnete er einen Fensterflügel und ließ eisige Luft herein strömen. Eine große Schneeflocke fiel auf die Saiten und löste sich langsam und sanft auf dem klingenden Tonbrett...
Der Doctor schrieb Briefe an das Bezirksamt und das Kreisgericht. Dann ging er in seine Apotheke, die neben der Bücherstube war, und arbeitete eine Zeit.
Als es Mittag wurde, stieg er hinab zur Stube Martin’s. Dieser saß bereits auf seinem Lager und blickte wirr und verloren umher.
„Hab’ schier nicht gewußt, wo ich bin,“ sagte er zum Doctor und lächelte ein wenig. „Es ist mir gewesen, als hätt’ ich es schon gefunden; ich hab’ immer zu hoch geschaut, wo die Blumen sind und wo die Menschen lachen und weinen. Aber es liegt tiefer, Herr, es liegt tiefer, es liegt dort, wo die Blumen ihre Wurzeln haben. – Da schaut nur, ich liege unten, aus meiner Brust schlägt ein Keim hervor und dieser wächst herauf. Da wird er grün und weiß und roth und mitten im Kelche liegt ein Samenkorn. Da kommt ein Vöglein und dieses trägt das Samenkorn hinaus zu den Menschen; diese lachen und werfen es unter das Gestein. Aus dem Gestein wächst nach tausend Jahren ein Kraut, und das ist das Kraut für das Menschenglück. – In meinem Leben hab’ ich nicht so wunderlich geträumt! Wenn’s wahr wär’ und wenn’s halt doch wahr wär’, so möcht’ ich Euch wohl bitten, laßt mich hinab legen!“
Der Arzt faßte die linke Hand Martin’s und forschte nach dem Blutlauf, dann ließ er dem Kranken ein kühlendes Getränk bringen.
Später untersuchte er das wunde Bein, es war in Ordnung. Dann als Martin ganz wach und ruhig geworden war, sagte der Doctor: „Nun, Martin, magst Du mir erzählen, wie Dir’s bei Gericht ergangen ist und wie Du in den Wald und vor meinen Schuß kamst?“
Das Leben des Wurzelgrabers bis zu jenem Kirchweihfeste war dem Doctor bekannt; Martin erzählte also sein Schicksal von seiner Gefangennahme durch die Holzknechte bis zur Stunde, wo er veranlaßt durch den Fremden im Walde in der Absicht, den Reiter vor dem Erfrieren zu retten, das Pferd anhielt.
Sein Erzählen war ziemlich zusammenhängend und ruhig, und als er damit zu Ende war, sagte er heiter: „So und nicht anders war’s, und jetzt mein’ ich, ist mein Fuß auch gut.“
Der Doctor war nachdenkend. ’s ist auch nicht begreiflich, warum man Dem Bleikörner in das Bein jagen muß, der Einem das Leben retten will?
„Ich werde jetzt nach Dernau gehen, komme aber morgen wieder, um zu sehen, wie es Dir geht,“ sagte der Arzt, „sei schön ruhig und thue so, wie es die Pflegerin verlangt, dann wirst Du bald gesund sein, und wenn Du gesund bist, so werden wir zusammen vielleicht einmal was Fröhliches erleben.“
„Ich hätt’ Euch wohl noch um was bitten mögen, Doctor!“
„So sag’s nur gleich, Martin, sei zu mir ganz offen.“
„– Da hab’ ich auf der Kirchweih mit einem Mädl getanzt – Nothburga heißt es, und ich kenn’ es schon länger, es war die Schwester von Dem, den sie auf der Kirchweih erschlagen haben. Nothburga wird gewiß glauben, ich bin noch im Gefängniß und ich bin wirklich so schlecht, weil sie mich in’s Gefängniß geworfen haben. Wir haben sonst gar nichts miteinander, ich und die Nothburga, aber ich mag nicht, daß sie so schlecht von mir denkt, und da hab’ ich Euchhalt bitten wollen, daß Ihr ein paar Zeilen für mich an die Nothburga schreibt; sie wohnt oben im Freiwaldgraben beim Wegmacher Hans, der ihr Vater ist.“
Der Doctor versprach, das zu besorgen, und verließ dann den Kranken.
Noch ging er in den Saal hinauf, wo viele Betten standen, und zu Nothburga. Sie lag ruhig auf ihrem Polster und hatte ein Gebetbuch in der Hand.
„Ich werde jetzt fortgehen und erst morgen am späten Mittag wiederkommen; sei immer hübsch ruhig, Nothburga, und thue, wie es die Pflegerin verlangt.“ Das sagte der Doctor noch zum Mädchen, faßte milde dessen linke Hand und hielt sie lange in der seinen, um den Blutlauf zu beobachten.
Dann gab er der Pflegerin, der Schließerin und Anderen Befehle über das ganze Hauswesen, besonders nachdrückliche über den Wurzelgraber und die Nothburga.
„Sollen diese hier genesen,“ sagte er, „so darf Eines von dem Andern vorläufig nichts wissen!“
So bestieg der Doctor seinen Braunen und ritt durch das Dorf. Das Schneien hatte aufgehört, Nebel lag über der ganzen, winterlichen Landschaft.
Der Doctor ritt nicht mehr durch den Wolfswald – dort waren ja alle Pfade verschneit und verweht – sondern er machte einen Umweg die Fahrstraße entlang. Diese war einsam und öde; nur dann und wann begegnete ihm ein Holzkarren, sonst wollte heute Niemand fahren.
Der Doctor ließ das Pferd langsam hintraben, hüllte sich dicht in seinen weiten Mantel und hing seinen Gedanken nach.
Seine Gedanken waren im Armenhaus zu Hochdorf, in seiner einsamen Stube zu Dernau und bei seinen Kranken in den zerstreuten Bauerngehöften im Gebirge, dann wieder waren sie draußen in der großen Welt und weit zurück in den längst entflohenen Jahren seiner Jugend.
Das Geschlecht der Grafen Preisheim war alt und berühmt, es hatte viel für das Vaterland geleistet. Als aber die große Zeit der deutschen Befreiungskriege kam, da konnte das Geschlecht seinen Mann nicht stellen; es war Niemand mehr davon da als ein achtzigjähriger Greis und dessen Enkel, ein Knabe mit goldigen Locken. Der Knabe war sehr kräftig und aufgeweckt und eines Tages nahm er das Schwert seiner Väter und wollte fort in den Krieg. Sein Großvater aber sagte: „Bleibe, Ludwig, Du bist noch ein Kind! Bis Du groß geworden sein wirst, werden schon noch andere Zeiten kommen, daß Du dem Vaterlande nützen kannst, bis dahin will ich Dich dazu erziehen.“
Der Knabe hing das Schwert in dem Waffensaale wieder auf, und dort hing es viele Jahre – Ludwig nahm es nicht mehr herab.
Bis in das zwölfte Jahr blieb Ludwig in dem Schlosse seiner Väter und genoß die Erziehung des Großvaters, dann ging er in eine ferne Stadt und lernte die Weltweisheit, die in den Büchern steht.
Neben ihm auf den Schulbänken saßen auch noch viele andere junge Menschen, die dasselbe lernten, aber von geringerer Abstammung waren als er. Nur noch Einer saß in der Schule, der sich Freiherr nennen ließ.
Als Ludwig vierzehn Jahre alt war, erhielt er von seinem Großvater einen Brief, in welchem folgende Wortestanden: „Mein geliebter Enkel! Die schweren Kriegszeiten haben unser Vermögen zerrüttet und den größten Theil desselben verschlungen. Lerne mit Fleiß und Ernst, daß Du im Stande bist, durch Dich selbst was zu werden. Dein treuer Großvater.“ –
Ludwig las den Brief, legte ihn dann in sein Schreibfach und studirte.
Ein Jahr später kam wieder ein Brief und dieser enthielt folgende Kunde: „An Seine Edelgeboren, den Grafen Ludwig Preisheim. Mir obliegt die traurige Pflicht, Ihnen den Tod Ihres Großvaters, des Herrn Grafen Roderich Preisheim anzuzeigen. Derselbe entschlief gestern nach einem kurzen Krankenlager selig in dem Herrn. P. Johannes, Pfarrer.“
Ludwig las den Brief, stützte lange den Kopf auf seine Hand, legte das Papier in sein Schreibfach und rüstete sich zur Abreise.
Als er nach Tagen heimkam in seine Vaterburg, ging er in das Zimmer seines Großvaters, sah den Stuhl an, wo er oft gesessen, und das Bett, in welchem er gestorben war. Dann ging er auf den Kirchhof, wo die Ahnengruft war, dort kniete er lange auf dem breiten Stein.
Dann entließ er alle Leute, die im Schlosse waren, verkaufte dasselbe und deckte die auf dem Gute liegenden Verpflichtungen. Weit drin im Gebirge besaßen die Preisheimer noch ein kleines, altes Schloß mit einigen Grundstücken; das verkaufte Ludwig nicht, sondern stellte einen Verwalter in dasselbe.
Als nun Alles so geschlichtet war, reiste Ludwig wieder in die ferne Stadt und studirte. Er wählte sich die Naturwissenschaften und die Medicin.
Zeit und Zeit ging nun ruhig dahin und wenn die Ferien kamen, lud er immer einen oder den andern seiner Collegen ein, mit ihm in die Gegend zu reisen, wo das Schloß stand.
Als Ludwig in das achtzehnte Jahr ging, da trug sich mit ihm was zu, was sich mit allen Studenten zuträgt, wenn sie in das achtzehnte Jahr gehen.
Er verliebte sich.
Und gerade um dieselbe Zeit verliebte sich auch der Freiherr, der mit Ludwig in einer Classe saß. Beide suchten in den freien Stunden einsame Wege, dachten an ihre Herzenskönigin und besangen sie durch selbst erfundene Verse.
Auf solchen Wegen trafen die beiden Jünglinge einmal zusammen, gestanden einander, daß sie liebten, und schlossen als Schicksalsbrüder engere Freundschaft. Aber diese Freundschaft war von kurzer Dauer, bald klärte es sich auf, daß die Mädchen, welche sie liebten, zusammen nureinHerz hatten und daß dieses Herz einer Gärtnerstochter gehörte, die sehr schön war.
Als sich dieses aufgeklärt hatte, trat der Freiherr hin vor Ludwig und sagte: „Wir wollen uns duelliren!“
Darauf entgegnete Ludwig: „Wenn das Dein Ernst ist, so bist Du ein Narr, wie Alle, denen derlei Ernst ist. Das Mädchen selbst soll sagen, ob es Einen von uns nehmen mag, und welchen; demgemäß wollen wir dann ruhig handeln.“
Auf diese Worte schrie der Freiherr: „Graf Ludwig, Du bist ein Feigling!“ Da der Graf von sehr schöner Gestalt und allerorts beliebt war, so glaubte der Baron voraussehen zu können, daß das Mädchen denselben ihm vorziehen würde.
Von dieser Zeit an mußte Ludwig immer allein gehen. Seine Collegen wollten nichts mit ihm zu thun haben, sie grüßten ihn kaum auf der Gasse, in Gelagen stieß Keiner mit ihm an und auf der Bank des Lehrsaales, wo er saß, saß sonst Keiner, als er. „Ein gräflich Blut und solche Feigheit!“ flüsterten sich die Jungen hinter seinem Rücken zu.
Das that dem Jungen weh, weil die Collegen ihn mieden und sein gräflich Blut beschimpften und weil er die Gesellschaft bedauerte, die von derlei falschen Grundsätzen noch so allgemein beherrscht wurde, die aber die gebildete und maßgebende heißen wollte und von der er lernen sollte. – Was der Bauer im Jähzorn thut und nach eingetretener Nüchternheit bereut, thut der Duellirende in kalter Ueberlegung und mehr noch – weil er glaubt, sein gegebenes Ehrenwort rufe ihn, schießt er todt. Ehrenhalber wird Einer wegen nichtsbedeutender Albernheiten der Flegeljahre zum Krüppel gemacht oder zu Tode geschossen.
Dergleichen dachte unser junger Gelehrter oft und oft und dergleichen gab ihm nach und nach eine andere Richtung.
Er sonderte sich immer mehr und mehr von dem Menschenkreis, in dem er lebte, und begann mit demselben zu zerfallen. Er widmete sich ausschließlich seinen Studien und als sich aus denselben ein vorzügliches Resultat ergab, kam er zum Entschluß, seinen Wirkungskreis als Mensch und Staatsbürger auf ein Feld zu stellen, das unbeleckt von der Aftercultur, einen dankbaren Boden für würdige Mannesthaten bietet.
Wohl nahm er nach seinen vollendeten Studien in einem großen Lazareth der Stadt eine Assistentenstelle an, erwarb den Doctortitel, lebte im Allgemeinen aber abgeschlossen ganz seinen wissenschaftlichen Forschungen und den Nothleidenden.
Da stand aber gegenüber dem Armen- und Siechenhaus ein großes Palais, in welchem tagtäglich glänzende Mahlzeiten, Bälle, Ballete, Concerte u. s. w. wechselten und die reiche, moderne Welt ihre Orgien feierte.
Die Gegenüberstellung dieser beiden Häuser verleitete unseren jungen Doctor zum Nachdenken und zu Reflexionen, die für ihn quälend waren.
So wahr und ernst die Aufopferung des jungen Arztes für die leidende Menschheit war, so dachte er doch endlich auch an sich selbst, wie sich seine Zukunft gestalten müsse, daß sein Leben und Wirken auch zu seinem eigenen Wohle werden könnte.
– Für dich, du Schwärmer – sagte er dann oft in Gedanken zu sich selbst – wäre eine Dorfgemeinde recht, draußen in irgend einem Bergwinkel bei einfachen Landleuten. Da könntest du ruhig leben, der Menschen Freund sein und sie dir zu Freunden machen, und da würdest du in Einheit mit der Natur dein Leben und Können und Wissen vervollständigen. Den Grafen ließest du hübsch hier in der Stadt, nur den Menschen nähmest du mit. Man meint, es müßte ja gehen! –
Und es ging.
Eine Zeitung brachte die Nachricht, daß in Dernau, einem großen Dorfe am Fuße der Alpen, eine Chirurgenstelle zu besetzen sei. Preisheim reiste in die Gegend, in welcher auch das Schloß lag, das ihm von den großen Besitzungen seiner Ahnen geblieben war, bewarb sich um die Stelle in Dernau, erhielt sie und zog nach wenigen Wochen für immer fort von der großen Stadt und gründete sein Haus und Heim unter den Bauern am Fuße der Alpen.
So lebte er nun in seinem kleinen Hause und in den ersten Jahren hatte er sehr viel Zeit zum Studiren. Es kam selten Jemand, der ihn zu einem Kranken holte; die Leute gingen lieber zu Winkelärzten und Curpfuschern, wie sie in der Gegend lebten, als zum fremden Doctor aus der Stadt, der immer einen schwarzen Rock anhatte.
Als aber die Zeit kam, in welcher der schwarze Rock seine Dienste nicht mehr versehen konnte, ersetzte ihn der Doctor durch einen grauen, wie ihn die Bauern und die Winkelärzte trugen.
Jetzt erst kamen sie – zuerst für einen Kranken, der von anderen Aerzten aufgegeben war, und als dieser genaß, auch für andere; bald wurde er zu Lungenentzündungen und zum Typhus gerufen. Und Preisheim hatte Glück; den Kranken gewann er das Vertrauen ab und den Gesunden die Herzen. Er war sehr gewissenhaft; er gab nicht allein den Kranken die Mittel, zu gesunden, sondern auch den Gesunden, um nicht zu erkranken. Freilich sagte der alte Todtengräber einmal, als ihm der Doctor einen heilsamen Trank gegen das Fieber zu bereiten lehrte: „Ja, da bringt sich ja der Herr selbst um’s Brot!“
Aber der Herr hatte immer ein’s zu essen; für Zwei hätte es auch noch ausgelangt, aber der Mann schien ganz darauf zu vergessen. – Ja, vielleicht wenn jene Gärtnerstochter da gewesen wäre! Unmittelbar vor seiner Abreise aus der Stadt hatte er sie noch einmal gesehen: wie er aus dem Siechenhaus trat, trug man sie hinein. Der Freiherr hatte sie geschickt. –
So klein und niedlich das Häuschen des Doctors war und so viel Arbeit es gab im Garten, in der Studirstube, in der Apotheke, die sich der Doctor selbst eingerichtet hatte,so schlug die Schwarzwälderuhr an der Wand doch Stunden, in denen es ihn schmerzte, daß er allein war. Da ging er wohl oft, die Hände auf dem Rücken, durch das Zimmer und dachte so nach über sich und über den Weltgang, und endlich ging er gar in das Stübchen seiner alten Haushälterin und sagte: „Hat die Barbara denn gar keine Arbeit für mich? Wenn nicht, so spiel’ mir die Barbara ein wenig was auf der Zither!“
Sie waren schon recht steif und ungelenk, die Finger der Alten, sie hatten schon viel gefaßt und gegraben im Leben, darum sagte Barbara auf des Doctors Bitte auch immer: „Mein’, das wird Euch aber gefallen, wenn ich klimpere! Lernt es doch selbst, Euere Finger sind noch gelenkig dazu.“
Und Doctor Preisheim lernte das Zitherspielen. Er spielte wohl die Lieder der Bauern, die Jodler und Almer, aber er spielte sie anders; er spielte schön, aber nicht ganz so lustig und frisch wie Andere im Dorfe, die es konnten. Es ließ sich bei seiner Zither nicht recht tanzen und aufjauchzen, man mußte zuhören, wie man dem Bachrauschen und dem Waldsäuseln zuhört, wenn man auf der Au ruht und träumt. Es war eigen beim Doctor, man sagte später, mit diesem Saitenspiel habe er Todtkranke kerngesund und Kerngesunde todtkrank gemacht. –
Das Schloß des Doctors lag nur wenige Stunden von Dernau im Orte Hochdorf. Der Mann ging öfters den Fahrweg, oder auch den Fußsteig durch den Wolfswald nach Hochdorf und sah das alte Mauerwerk von außen und von innen an. Außer dem Verwalter und einigen Dienstboten, welche die dazu gehörigen Felder bearbeiteten, wohnte Niemand im Schlosse. Düster und öde stand es da.
Der Doctor dachte oft nach, was damit anzufangen sei.
Ein Bauer wollte einen Theil des Gebäudes zu einer Heuscheune pachten, aber der Doctor war nicht damit einverstanden. Der Bauer sagte noch: „Nu, viel zu gut, mein’ ich, wär’ die Rumpelkammer just nicht dazu; es gehen ohnehin die Geister drin um!“
Und richtig, kaum ein Jahr vorüber war, gingen im alten Schlosse die Geister um – mitsammt den Leibern.
Sie waren dem Doctor auf seinen Wegen und Stegen nur zu oft begegnet mit ihren bleichen Gesichtern und hohlen Augen, zähnegeklappert hatten sie in kalten Wintertagen und an düsteren Abenden huschten sie um die Häuser herum und klopften an Thür und Fenster. Diesen Geistern hatte der Doctor das Schloß einrichten lassen, und das Schloß hieß nicht mehr Schloß, es hieß Armenhaus.
Da war ein Arbeitssaal und ein Schlafsaal und ein Speisesaal und eine Erheiterungsstube, und es waren noch andere Räume, wie sie für ein solches Haus nothwendig sind. Außerdem hatte sich der Doctor in der neuen Anstalt ein Studirzimmer und eine Apotheke eingerichtet.
So kam er nun oft des Wegs von Dernau her und wenn ein Krankes im Hause war, so kam er fast täglich.
Und nun, da der Doctor zwei Häuser hatte, mußte er auch zwei Zithern haben; denn die Bewohner seines Schlosses schenkten ihm’s nicht. Da kamen sie stets Alle um ihn herum und bestürmten ihn, daß er spiele; die Greise und die Mütterlein baten wie die Kinder, bis die Saiten klangen. Selbst der taube Josef, der nicht einen Ton hören konnte, erbaute sich und war heiter, wenn er dem Spielenden und den Hörenden zusah. „’s ist, wie wenn Ihr in der Kirche säßet,“ sagte er einmal, „so fromm schaut Ihr Alle drein. Kann er denn keine Tanzmusik?“ –
In heiteren Sommertagen, wenn es die Kranken zuließen, ging der Doctor gern in’s Gebirg.
Auf einer solchen Wanderung begegnete er einmal einem Knaben, der Kräuter sammelte und sie in große Bündel zusammenschichtete.
„Was machst denn Du mit diesen Blumen und Wurzeln?“ fragte er den Knaben.
„Die trag’ ich in die Stadt und verkaufe sie.“
„Willst Du sie nicht mir verkaufen? Ich bin der Arzt von Dernau.“
„Wohl, wenn Ihr der Arzt von Dernau seid, kann ich Euch die Kräuter schon verkaufen, aber Ihr müßt mir gleich das Geld geben.“
„Das versteht sich ja, aber was machst Du denn mit dem Geld?“
„Ich muß allerlei kaufen, es liegt mein Vater krank daheim, er hat im Finger den Brand.“
„Wie heißt Du denn?“
„Martin.“
„Nun, Martin, wenn Dein Vater nicht zu weit von hier ist, so will ich mit Dir gehen und ihn heimsuchen.“
„Da thäten wir Euch wohl ein Vergeltsgott sagen,“ entgegnete der Knabe gutmüthig, „aber mehr, als diese Kräuter kann ich Euch nicht dafür geben.“
„Närrchen, für das Mitgehen wirst Du mir nichts geben, die Kräuter zahl’ ich Dir schon.“
„Ja, was seid Ihr denn nachher für ein Arzt?“ rief der Kleine verwundert aus, „der Roßhardl, der Salben und Mirakelpflaster macht, hat für das Mitgehen zu meinem Vater zwei Gulden verlangt; aber wo thät ich zwei Gulden nehmen?“
Unterwegs zur Hütte des Vaters sagte der Doctor: „Ich wüßte ein Haus, Martin, in welchem Dein Vater bald gesund sein würde, und wenn es Euch recht wäre, so ließ’ ich ihn in dasselbe bringen, es thät Euch keinen Kreuzer kosten.“
„Und dürft’ ich auch mitgehen?“
„Ei freilich, bis er gesund wieder mit Dir in die Berge gehen könnte.“
„Herr Arzt!“ rief der Knabe treuherzig, „wenn Ihr uns das thätet, all mein Leben brächt’ ich Euch die Wurzeln und Kräuter und ich thät keinen Kreuzer von Euch nehmen – he, steigt da nicht auf das Frauenhaar, sonst bekommt Ihr Kopfweh!“
Der Knabe zog den Doctor, der eben im Begriffe war, auf Laubfarn zu treten, bei dem Aermel seitwärts.
Endlich kamen sie zur Hütte. Als aber der Doctor den Mann sah, wie er dalag auf dem kahlen Stroh in Armuth und Schmerzen, wie der kranke Finger dunkelbraun und die ganze Hand mit Blut unterlaufen war und wie es in der Brust des Armen zuckte und tobte, da sagte er nichts von dem Fortbringen nach jenem Hause, da sagte er nur: „Recht viel neugemolkene Milch trinken, guter Mann, recht viel Milch trinken! Und Du Martin, bleib’ heut’ und morgen schön beim Vater und reiche ihm Labniß. Da hast Du das Geld für den Kräuterbund.“
Dann saß er noch eine Zeit auf dem Holzstockel neben dem Lager, reichte endlich dem Kranken und dem Knaben die Hand, nahm den Kräuterbund und ging.
Als hierauf der Doctor unterwegs zu einer Kohlstatt kam, rief er dem Köhler zu: „Köhler, wenn Ihr Zeit habt, so geht hinauf in die Hütte zum kranken Mann, ’s ist nur der Knabe bei ihm und er wird sterben.“ –
Und siehe, nach wenigen Tagen trug man aus jener Hütte und durch den Wald einen Sarg. Der Knabe, der ihm folgte, weinte nicht, er blickte nur immer auf die Baumwurzeln.
Nach all dem vergingen Jahre. Martin wuchs auf und der Doctor begegnete ihm oft auf seinen Wanderungen im Gebirge.
Martin wohnte allein in der Hütte seines Vaters, er durchzog die Alpengegend und sammelte Wurzeln und Kräuter, welche er theilweise dem Doctor verkaufte, theilweise in das Städtchen trug. Wenn der Bursche dann Abends heim in seine Hütte kam, hatte er nicht selten ein sonderbares Geräthe bei sich, oft gar ein Buch – und er konnte doch nicht lesen. Wenn sich irgendwo im Gebirge ein Unglück zutrug und wenn ein Leid geschah, das sich die Menschen einander selbst angethan hatten, so bekam er immer Kopfschmerz und Brustleiden. Am liebsten ging er einsam durch den Wald, da trat er immer auf Steine und erhöhte Baumwurzeln, daß er keinen Käfer und keine Ameise und kein anderes lebendes Wesen zertrete.
Zum Doctor sagte er einmal: „Herr, Ihr seid studirt in der Arzneikunst, giebt es kein Mittel, das Blut im Menschen so zu machen, daß keine Wildheit und keine Falschheit in demselben liegen könnte?“
Der Doctor schwieg lange nach dieser Frage, endlich aber antwortete er: „In der Arzneikunst giebt es keines, aber es sind noch viele andere Künste auf Erden, vielleicht liegt es doch in einer.“ –
Die Fragen des Burschen waren überhaupt oft derart, daß der Doctor keine Antwort darauf hatte und sagen mußte: „Martin, sinne nicht an derlei Geschichten, das taugt nichts und es sind dadurch schon Leute verrückt geworden.“ –
Besser erging’s dem Doctor, wenn er auf seinen Spaziergängen zum goldlockigen Geismädchen kam. Das war eines Wegmachers Töchterlein, welches die Ziegen seines Vaters weidete. Als ihm der Doctor auf seinen Bergfahrten das erstemal begegnete, sagte er: „Kleine, wem gehörst Du denn zu?“
Aber die Kleine gab keine Antwort, wendete das Gesicht und lenkte gar mit ihren Ziegen vom Wege ab.
Bei der zweiten Begegnung sagte der Doctor: „Ei sapperlot, jetzt sag’ mir aber gleich, wie Du heißt und wer Dein Vater ist!“
„Nau,“ entgegnete drauf das Mädchen, „Nothburga heiß ich halt und der Wegmacher Hansl ist mein Vater!“
Seit dieser Zeit war die Bekanntschaft zwischen dem Doctor und dem Geismädchen. Und seit dieser Zeit versorgte Nothburga den Doctor mit Himbeeren, Erdbeeren und anderen Früchten, wie sie auf den Bergen wachsen und ein Arzt für seine Apotheke brauchen kann.
Jetzt, wenn sie sich im Walde oder auf der Au begegneten, rief schon immer das Mädchen den Doctor zuerst an: „Nu, wann führt Ihr mich denn wieder einmal zum Tanz? Wann schenkt Ihr mir denn wieder einmal einen Strauß aus Eurem Garten?“ Oder sie sagte: „Bader, Euer Zithernschlagen ist recht langweilig, wenn Ihr einmal heiratet, diese traurigen Lieder wird Euch Euere Frau nicht gelten lassen; aber jetzt müßt Ihr bald heiraten, sonst mag Euch Keine mehr!“
Wenn der Doctor dann nach derlei Begegnungen und Aeußerungen nach Hause kam, übte er sich in lustigen Alpenweisen, aber so frisch und freudig sie auch anfingen, nie gingen sie lustig aus, es war, als ob die Saiten mitten im Jodeln und Jauchzen auf einmal tief herzkrank würden.
Dann ließ er das Instrument ruhen, stand auf und sah so einmal in den Spiegel.
– Grau? – Ei, damit hat’s schon noch gute Weile. Zwar hier,dasHaar säh beinah’ so aus! Je nu, so jung können nicht alle Haare sein wie die ihren. –
– Ja, Doctor, jetzt mußt Du Dich bald entschließen! ’s mag Dir wohl thun und ’s mag weise sein, wenn Du Eine von der Stadt nimmst, die frischt das Glatte, Feine wieder in Dir auf und Du kannst mitten auf dem Lande das Leben der Gebildeten haben, wie es einem Doctor ja doch ansteht. Hast Du aber der städtischen Gesellschaft wirklich entsagt, gut, so nimm Dir ein Weib aus dem Walde, da bekommst Du gleich die Treue und die Güte frisch von der Natur weg. Red’ mit der Nothburga einmal, Doctor?!
Und darauf, als der Doctor einmal mit der Nothburga reden wollte, sprang ihm diese schon freudig entgegen und plauderte: „Meinem Vaterdarfich’s nicht sagen, meinem Bruder und meiner Gespannin, der Marie,kannich’s nicht sagen, weil sie oben im Grubschlag sind und erst Samstag heimkommen, und jetzt, sagen muß ich’s doch wem und so sag’ ich’s Euch, aber plaudern müßt Ihr nicht!“
„Nun?“
Da zupfte sie am Halstuch und ganz leise sagte sie: „Einen Liebsten hab’ ich und einen recht schönen und großen noch dazu. Aber jetzt – schäm’ ich mich.“
Nothburga wurde roth und sah zu Boden.
„Nun?“ sagte der Doctor nochmals, dann schlug er mit seinem Stocke ein Steinchen hin und her, das am Wege lag.
„Ihr kennt ihn gar, er hat ein braunes Haar und gräbt Wurzeln!“
„Der Martin also?“
„Und das will ich meinen! – Aber er weiß es noch selbst nicht ganz – der klein’ Finger wird ihm’s aber schon sagen!“
Das Mädchen plauderte weiter und eilte endlich seinen Ziegen nach. Es war ein sehr wildes, ein sehr schönes Kind. –
An einem der nächsten Tage kaufte sich der Doctor ein Pferd, denn die Krankenbesuche mehrten sich und er hatte auch nicht mehr so oft Zeit, in das Gebirge zu gehen. –
Drei Tage nach der Kirchweih brachte man Nothburga in’s Armenhaus; sie war sehr krank und der Doctor mußte ihr zur Ader lassen. Sie hatte ein großes Unglück erlebt. Auf der Kirchweih erschlugen sie ihren Bruder und einen Tag später führten sie Martin in’s Gefängniß.
Diese Fälle hatten das arme Mädchen so aufgeregt, daß es in die schwere Krankheit fiel. Der Wegmacher-Hans war rath- und thatlos und so trug man die Kranke in’s Armenhaus zu Hochdorf.
Dort lag sie einige Tage im Typhus hoffnungslos danieder. Aber der Doctor kam täglich und war stundenlang am Lager der Kranken, bis endlich die Krisis vorüber und Nothburga gerettet war. In der letzten Nacht war’s, als Preisheim im Walde angefallen wurde und Martin in’s Armenhaus brachte. – –
An das Alles mochte der Mann gedacht haben, bis sein Brauner plötzlich im Dunklen stehen blieb.
Da schreckte er auf und haschte nach der Pistole, aber er ließ sie wieder zurücksinken in den Sack seines Mantels, er war ja mitten im Dorfe Dernau, gerade vor seinem Hause.
Leute nahten, die ihn herzlich begrüßten und ihn gar vom Pferde hoben. Sie standen mit Lichtern herum, da es schon finster geworden war, und sie fragten, wie das gewesen sei; sie hatten schon Kunde von dem Anfall im Walde. –
So warm und wohnlich die Stube auch war, so traulich die Lampe leuchtete auf dem gedeckten Tisch und so lustig die alte Haushälterin auch fragte und plauderte – der Doctor blieb wortkarg und verstimmt und ging bald zur Ruhe.
„Glücklich wär’ er da,“ sagte dann in der Küche die Haushälterin zu den Nachbarinnen, die sich noch spät nach dem Doctor erkundigt hatten, „aber ’s ist ihm doch was, ’s ist ihm was! Mein’, der Schrecken muß Einem ja frei die Seel’ aus der Haut jagen!“
Den andern Tag, als der Doctor seine Geschäfte in und seine Besuche um Dernau beendet hatte, ritt er wieder nach Hochdorf. Der Tag war heiter, der Schnee an einzelnen Stellen geschmolzen.
In Hochdorf befanden sich Männer aus dem Städtchen, die auf den Doctor warteten. Sie hatten die Nachricht gebracht, daß aus dem Strafhause ein gefährliches Individuum entsprungen sei, welches man erst vor wenigen Wochen eines Raubmordes wegen eingeliefert hatte. Mit diesen Männern ging nun der Doctor in die Todtenkammer und nach kurzer Untersuchung stellte es sich heraus, daß der im Walde gefundene Todte niemand Anderer sei als der entsprungene Sträfling.
Man wollte auch von Martin den Hergang der Dinge hören und verlangte, daß er zur Leiche gebracht werde, aber der Doctor sagte: „Wenn er noch fiebert, so kann ich es heute nicht gestatten.“
Er begab sich zu Martin, den er auf dem Sofa sitzend und an einem Kienholzstück schnitzend fand.
– So bei einer leichten Handarbeit kommen Einem allerlei Gedanken, heitere und alberne und vernünftige, aber nie so traurige und finstere wie in unbeschäftigten Stunden.
Martin dachte beim Schnitzen an Nothburga. – Ja, die Nothburga, wenn ich die einmal bekäm’, das wär’ schon recht und das wär’ ein großes Glück für mich. Und die Nothburga thät’s doch wohl begreifen, wenn ich ihr’s gut meinen wollte. Und wenn wir – wenn wir dann einmal kleine Leut’ kriegen sollten, dann ließ ich alles Andere draußen gehen und thät mir selbst so eine Welt einrichten und ’s müßt erlogen sein, daß ich da nicht das Glück hinein brächt’. Schön wär’s wohl und ich mein’ das wär’ für den Martin das Rechte; ja, die Nothburga! – Nein, wenn diese dumme Geschichte jetzt nicht mit mir wär’, ich thät sie zuletzt gar noch kriegen; mit ihrem Vater bin ich gut an. Die Nothburga freilich, die mag mich nicht, weil ich simulir’, das hat sie mir schon gesagt, aber ich mein’, wenn sie mich nähm’, ich thät an gar nichts mehr denken als an sie und ichkönnt’auch sonst an gar nichts mehr denken. Ja, die Nothburga! –
So dachte Martin und schnitzte.
Als er den Doctor eintreten sah, freute er sich und sagte: „Eine Arbeit muß ich doch haben und da schnitz’ ich halt einen Pfeifenkopf.“
„Wie geht’s mit dem Fuß?“
„Rechtschaffen gut, nur schmerzen thut er zu Zeiten und brauchen kann ich ihn nicht.“
„Das sollst Du auch nicht; Du sollst jetzt bei mir da ruhig gesund werden und dann in Deine Hütte heim gehen.“
„Ja, gesagt ist’s freilich leicht, gethan ist’s schwerer, ich muß in’s Gefängniß.“
„In’s Gefängniß wirst Du nicht müssen, Martin, es sind eben Herren von dem Gericht da, die Alles begleichen und mit Dir reden wollen. Und dann noch was, hast Du Scheu vor Leichen?“
„Sonst just nicht, aber Kindesleichen möcht ich nicht gern sehen.“
So ließ der Doctor den Wurzelgraber in das Speisezimmer tragen, wo die Gerichtspersonen versammelt waren. Martin gab ruhig Antwort auf die Fragen, die man ihm stellte.
„Ein Krüppel werd’ ich wohl bleiben,“ sagte er zuletzt, „aber ich gäb’ gerne meinen ganzen Fuß hin, wenn sie nur diesen Menschen wieder erwischen thäten; meinen Rock und meinen Hut hat er auch.“
„Um das hat er Dich geprellt, um seine Flucht zu begünstigen,“ sagte Preisheim, „denn dieser Mensch, mußt Du wissen, war ein entsprungener Sträfling.“
Der Wurzelgraber schlug die Hände zusammen. Da sucht er das Reich Gottes und geht mit Verbrechern um und entführt sie der Strafe!
Nun führten sie Martin in die Todtenkammer, und als man die Leiche vor ihm aufdeckte, sahen ihm die Männer in das Gesicht. Nach der ersten Ueberraschung war der Bursche ruhig und er sagte leise: „So schaut’s jetzt aus mit ihm?“
„Ist das der Mann, der Dir im Walde begegnete und Dich zum Anhalten des Pferdes verleitete?“ fragte einer der Beamten.
„All mein Lebtag, freilich ist er’s und meinen Rock hat er auch noch an!“ sagte Martin.
Nun erzählte der Doctor mit wenigen Worten, wie man den Flüchtling todt im Wolfswalde fand und daß er sich wahrscheinlich durch einen Sturz vom Pferd, das unter dem fremden Reiter wild geworden war, das Genick gebrochen habe.
Martin horchte, aber er hatte andere Gedanken; er hatte bemerkt, daß die Leiche an dem linken Fuß nur vier Zehen habe. Dieser Umstand hatte Sinnen und Brüten in ihn gebracht.
„Es ist gut,“ sagte einer der Gerichtsmänner, und der Doctor ließ Martin wieder zurückführen in seine Stube. Dann traf man Anstalten zur Fortschaffung der Leiche.
Der Doctor rechnete gut, wenn er Menschengemüther berechnete. Er glaubte, daß auf eine grübelnde, nach Gerechtigkeit schmachtende Seele, wie die Martin’s war, der vorliegende Fall irdischer Sühne einen günstigen Eindruck machen müsse.
Diesmal aber hatte er sich getäuscht.
Martin arbeitete nicht weiter am Pfeifenkopf, er hielt seine Hände über das eingebundene Knie und sah vor sich hin. „’s giebt denn doch ein Reich Gottes auf Erden!“ murmelte er, „der Uebelthäter entgeht nicht dem Gerichte. – Und wenn es über den Menschen eine Macht giebt, die auf Erden das Böse bestraft, so muß es auch eine Macht geben, die auf Erden das Gute belohnt. Wo ist diese Macht? – Und, Martin, hat dir nicht Jemand gesagt, daß Einem am linken Fuß eine Zehe fehle? Wer hat dir das gesagt und von wem?“
Der Bursche sann und sann. Endlich fiel es ihm ein; jene Bettlerin in der Köhlerhütte hatte vor Jahren ein Kind verloren, welches dieses Merkmal trug. „Vielleicht,“ somurmelte er wieder, „war dieser Mörder der Bruder jenes Wesens, das sie im Walde begraben und in dessen Herzen ich das Reich Gottes gesucht habe. Freilich, freilich lag’s darin, weil es ein Kindesherz war. Und ich Narr hab’ das anders verstanden – – die Kreuzspinne und der Zauberer im Märchen – ach Gott, ja, nun seh’ ich’s wohl, daß ich den Verstand verloren hab’, nun seh’ ich’s wohl!“
Der Arme begann heftig zu weinen und als gegen Abend der Doctor wieder kam, lag er im Fieber. –
Heiterer war es am Lager der Nothburga. Als das Mädchen den Arzt sah, lächelte es und sagte: „Jetzt werd’ ich doch noch einmal gesund, mir hat vom Martin geträumt, daß er ein schneeweißes Kleid anhat und daß er zu uns kommt.“
Der Doctor faßte ihre Hand: „Wie steht’s mit dem Puls, Nothburga? Ei, recht gleichmäßig. – Wenn er aber doch nicht käme, Nothburga?“
„Wer, der Martin? In Gottes Namen, wenn er nur unschuldig ist. Und Euch habe ich auch lieb.“
In derselben Nacht that der Doctor kein Auge zu. Er saß in seiner Stube und ließ die Sterne durch das Fenster scheinen. – Nothburga ist schöner als je.
– Nothburga wird gesund, sie wird leben und blühen, sie wird einen Mann glücklich machen, sie wird die Freude und die Weihe seines Hauses werden, sie wird ihm junge Menschen schenken, die seinen Namen weiter tragen. – Das Alles keimt in ihr, die jetzt durch mich der Gesundheit entgegen geht. Ich habe sie gerettet – wem gebührt nun das?
– Martin! Er ist nichts – nichts als arm, arm bis tief hinein in die Seele. Aber er ist jung und war Nothburga’s Spielgenosse und sie hat ihn lieb. Nothburga isttreu, sie wird ihn lieb haben, so lang’ er ist, aber sie wird mit ihm unglücklich werden, denn seine Seele ist voll Grübeln und Zweifeln und sein Herz hat kein Gefühl außer für seinen Wahn. Und er selbst wird fürchterlich darunter leiden, wird körperlich und moralisch zugrunde gehen und vielleicht ist es endlich gar der Selbstmord, in dem er sein Reich Gottes sucht. – Das Beste wäre, der Arme hätte es überstanden. – Giebt es nicht Fälle für den Arzt, in welchen es seine Pflicht wird...
Es wurde an die Thüre geklopft.
Wer mag das sein um Mitternacht?
„Herr Doctor, wacht auf!“ rief eine Stimme, „kommt zum Kranken!“
Der Doctor machte Licht und ging über die Treppe.
Martin lag in heftigem Fieber und in einer Art Fraisen bebte er am ganzen Körper. Der Arzt ließ ihm Eibischthee bringen, dann befahl er, daß man den Burschen zudecke und bei ihm bleibe.
Hierauf ging er in die Apotheke und bereitete einen Trank.
Später nahm er ein großes Buch und blätterte in demselben und sann. – Haben es die Berufsgenossen denn nirgends aufgeschrieben, wen sie still hinüber führen dürfen? – –
Und wie das heiß war in der Stube!
Der Doctor riß einen Fensterflügel auf. Kalte Winterluft strömte herein und löschte das Licht aus. Er zündete es nicht mehr an, mit gekreuzten Armen schritt er über den Boden.
Leben und Sterben! Wer ist Herr und Richter über die Geschicke der Menschen? –
Was flattert doch jetzt durch das Fenster herein? Es ist ein kleines, buntes Wesen, wie ein verlorenes Blumenblatt, dem fernen Maien entführt. Still kreist es um das Haupt des Mannes und läßt sich endlich nieder auf dessen Hand, die über der Brust liegt.
Ein Sphinx?!
Der Doctor erhascht das Thier, macht Licht und betrachtet es. –
„Deilephila Euphorbiae!“ rief er überrascht aus – „und du flatterst noch? Ja, weißt du nicht, daß wir morgen in den November gehen? ’s hat dich wohl schon recht gefroren da draußen und du hast doch noch nicht wollen schlafen gehen. Ei, du kleiner Falter, was willst du denn über den Winter auf der Erde? Ja freilich, leben willst du, und da bist du in mein Stübchen gekommen, daß ich dich bewahre. Nun, wollen ja sehen.“
Der Mann schloß das Fenster und ließ den Schmetterling frei.
– Und ist’s noch so kalt und spät, leben und nur leben! –
Der einfältige, geistesarme Martin ist bereit, sich aufzuopfern für das Glück der Mitmenschen. Ich geschulter, erfahrener Mann, den man den Gelehrten und Guten nennt, soll das ja auch können müssen! Preisheim, Du hast dem Geburtsadel Deiner Ahnen entsagt, gründe Dir einen eigenen in Deiner Mannesbrust! – Wohlan, es möge denn sein, ich entsage – ich opfere mich dem Reiche Gottes auf Erden. Martin wird geheilt und frei sein und in Nothburga’s Wesen wird seine Seele zur Ruhe kommen, in ihr wird er sich und sein Ziel finden. Und das wird die Auflösung sein, zu der ich ein umschleiertes, nach Glück und Frieden ringendes Menschenwesen führen will. Es leite mich der große Geist! –
Der Doctor zog am Glockenzug, eine Wärterin kam und holte den Trank für Martin.
Hierauf schickte sich der Mann an, zu Bette zu gehen. Als er das Licht auslöschen wollte, fand er vor demselben auf dem Tisch den Schmetterling mit verbrannten Flügeln.
– – – – – – – – – – – –
Es war am Morgen des elften November, als der Doctor Preisheim in die Stube trat, wo Martin Holzlöffel und Pfeifenköpfe schnitzte.
Er wünschte dem Wurzelgraber Glück zu seiner Genesung und zum Namenstag.
Diesem wurden die Augen naß und er sagte: „Doctor, das ist mir noch mein Lebtag nicht passirt, daß mir wer zum Namenstag einen Glückwunsch gesagt hätte. Vergelt’s Euch Gott, daß Ihr mir diese Freude gemacht habt.“
„Und da hab’ ich Dir noch ein Angebinde zu übergeben.“ Der Doctor hielt einen zusammengelegten Brief in der Hand, den er dem Burschen hinhielt.
Dieser wollte nicht angreifen: „Wüßte nicht von wem, wer thät denn mir einen Brief schreiben?“
„Das Gericht, Martin, ei, so sei ruhig, das Gericht schreibt Dir, daß Du frei bist von Schuld und Verdacht.“ Er öffnete das Schreiben und las es laut, dabei mußte er seine freie Hand hinter den Rücken halten, denn Martin wollte sie unzähligemale küssen.
Es war eine große Freude in der Stube.
„So wärest Du gesund und frei, Martin, was wirst Du nun machen?“
„Ja, ich werd’ halt jetzt hinauf in meine Hütte gehen und werde über den Winter schnitzen und Strohschuh’ flechten. Vielleicht thu’ ich dann einmal was Anderes auch noch, ’s mag wohl sein und man kann’s nicht wissen, aber Euch sag’ ich’s schon früher und Ihr müßt für mich reden. Schaut, ich möcht’ halt mit der Nothburga was anfangen. Da thät’ ich Euch wohl bitten, daß Ihr mein Brautwerber wäret und sonst auch – bin Euch viel schuldig geworden! Doctor, sagt’s jetzt, was Ihr verlangt, nach und nach werd’ ich Euch das Geld schon schicken!“
„Ich verlange nichts,“ sagte der Arzt; „mit dem Weltglück aber, lieber Martin,“ der Doctor faßte die Rechte des Wurzelgrabers, „mit dem Weltglück laß es gut sein. Es mag Jeder für sich sehen, daß er’s findet. Und wenn Du denn einmal durchaus beglücken willst, so thue es an einem Einzigen, besser ist es,einemVerschmachtenden den Trunk Wasser zu reichen, als Allen das Himmelreich schenken zu wollen. Und selbst, wenn Du dieses auch hättest, die Menschen würden es von Dir nicht nehmen, sie thäten Dich nur steinigen. Merke Dir das und arbeite für Dich und Deine Hütte; baue Dir ein festes, friedliches Daheim und mache es, unbekümmert um alle Stürme draußen, zu einem Reiche Gottes. – Sollte Dir aber doch wieder einmal ein schwerer Gedanke kommen, so geb’ ich Dir dagegen ein Mittel mit, das Dein Gemüth erleichtern und erfreuen und Dir helfen wird. Komm’ mit mir in meine Stube!“
Und als sie in seine Stube kamen, da saßen in derselben auf der Ofenbank – die Nothburga und ihr alter Vater.
Am Abend, als in dem großen Zimmer des Armenhauses die Lichter brannten, als Alle, die Lahmen, die Tauben und die Blinden um den Tisch herum saßen, und als die Verlobung vorüber war und Martin, hübsch herausgeputzt, seinen Arm um Nothburga schlang, sagte der Bursche:
„Jetzt erst weiß ich, warum mir damals auf dem Hochpaß die Kreuzspinne zum Herzen gekrochen ist!“
– – – – – – – – – – – –
Am andern Morgen ging Martin mit seiner Braut und mit seinem Schwiegervater in’s Gebirge; er hinkte wohl noch ein wenig, aber er stützte sich, wo es über Wurzeln und Gestein ging, ein bischen auf Nothburga.
„Magst Dich schon recht anhalten,“ sagte diese, „ich bin wieder kernfrisch und halt’ schon was aus!“
Der Doctor sah den Dreien lange nach, hernach gab er noch einige Anordnungen im Armenhaus und ritt dann einsam die Straße entlang gegen Dernau.
Diese Geschichte hatte eines Tages ein alter Mann erzählt. Ein junger Mensch schrieb sie auf, bevor er sie vielleicht noch recht verstand. Der gehörte zu denen, die – um in seinem Pathos zu reden – mit verbundenen Augen und auf Umwegen dem Reiche Gottes zustreben – den Idealen des Guten und Schönen.