„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott,Der Dich aus Nichts gestaltet,Zu dem, der Dir durch seinen TodDen Himmel offen haltet.Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’Die Unschuld Dir gegeben;Er nehme Dich barmherzig aufIn jenes bess’re Leben.“
„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott,Der Dich aus Nichts gestaltet,Zu dem, der Dir durch seinen TodDen Himmel offen haltet.Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’Die Unschuld Dir gegeben;Er nehme Dich barmherzig aufIn jenes bess’re Leben.“
„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott,Der Dich aus Nichts gestaltet,Zu dem, der Dir durch seinen TodDen Himmel offen haltet.
„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott,
Der Dich aus Nichts gestaltet,
Zu dem, der Dir durch seinen Tod
Den Himmel offen haltet.
Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’Die Unschuld Dir gegeben;Er nehme Dich barmherzig aufIn jenes bess’re Leben.“
Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’
Die Unschuld Dir gegeben;
Er nehme Dich barmherzig auf
In jenes bess’re Leben.“
Nach diesem Liede legten sie den Deckel auf den Sarg und nagelten ihn fest. Da zitterten die Herzen. Es giebt keinen Schall auf Erden, der das Menschenherz so eigen erschüttert, als der Hammerschlag auf den Sargnagel.
Agnes legte einen Kranz aus Weißdornzweigen auf den Sarg, dann wurde er gehoben. Die Menschen hatten ihre Kerzen angezündet und so trat der Zug nun aus dem Waldhause. Er ging den Weg entlang, der am Waldbache aufwärts führt. Die Bäume säuselten, auf den kahlen Höhen glühte das Morgenroth. Voran, hochgehoben, schwankte der Sarg, hinter demselben ging Kilian, der ein hölzernes Kreuz trug. Dann gingen Agnes und ihr Baldrian, das bräutliche Paar. Dann folgten alle Anderen und beteten laut.
Ganz zuletzt ging der Pecher und an seinem Arm, die Harfe schleppend, der alte Sänger.
So gingen sie aufwärts durch das Gebüsche, zwischen Wildfarrn und Haidekraut. Und sie gingen am Felshange hin und kamen auf eine stille, thauige Wiese; sie gingen über graues, moosiges Gestein, sie gingen über eine klangvolle Höhe und sie gingen durch einen schattigen Tann. Die Sonne war aufgestiegen und spann ihre goldigen Fäden durch den grünen Wald. Da war’s, als zittere in der Luft der Klang eines Glöckleins.
Da sie tiefer in den Hochwald kamen, war kein Sonnenstrahl und die Luft wehte sehr kühl. Vernehmlicher wurde das weiche Klingen des Glöckleins. Und endlich in der Wildniß, durch welche nur ein schmaler Steig über den Berggegen die Feichtau führt, eingefriedet von Felsen und alten Bäumen, auf einem Anger stand das Kirchlein des heiligen Hubertus. Es war aus Holz gezimmert, roth angestrichen und auf seinem Bretterdache wucherte das Moos. Ueber dem Eingange, aus welchem brennende Lichter des Altars schimmerten, erhob sich ein Thürmchen und aus diesem klang es milde und ruhevoll, als klänge es aus der Ewigkeit herüber.
Aus der Ewigkeit mit einem Gruße an die Menschen auf Erden, und dann wieder in die Ewigkeit verzitternd. – Am Kirchlein wuchs der Schlehdorn und die Hagebutte und anderes Gesträuche mit rothen und weißen Rosen. Daneben war braunes Erdreich aufgeworfen, und hier war das Grab.
Der Zug stand still und bildete einen weiten Kreis. Die Träger setzten die Bahre ab, lösten den Sarg von den Stangen los und ließen ihn langsam hinabgleiten in die Tiefe.
Und als er hinabrollte, sangen sie den Grabgesang:
„Dein Leib geht jetzt der Erde zu,Woher er ist genommen,Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’Bei Gott und allen Frommen.Wann durch des letzten Tages Flamm’Die Welt zu Grund’ wird gehen,So bitte Gott, daß wir beisamm’Zu seiner Rechten stehen.“
„Dein Leib geht jetzt der Erde zu,Woher er ist genommen,Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’Bei Gott und allen Frommen.Wann durch des letzten Tages Flamm’Die Welt zu Grund’ wird gehen,So bitte Gott, daß wir beisamm’Zu seiner Rechten stehen.“
„Dein Leib geht jetzt der Erde zu,Woher er ist genommen,Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’Bei Gott und allen Frommen.
„Dein Leib geht jetzt der Erde zu,
Woher er ist genommen,
Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’
Bei Gott und allen Frommen.
Wann durch des letzten Tages Flamm’Die Welt zu Grund’ wird gehen,So bitte Gott, daß wir beisamm’Zu seiner Rechten stehen.“
Wann durch des letzten Tages Flamm’
Die Welt zu Grund’ wird gehen,
So bitte Gott, daß wir beisamm’
Zu seiner Rechten stehen.“
– – Das Lied verscholl, das Glöcklein schwieg. Der Harfenspieler saß in tiefer Traurigkeit auf dem Erdhügel.
Die Kerzen loschen aus und nur die blauen Bändchen des Rauches an den Dochten wehten hin wie Trauerfahnen. Die Erde rollte auf den Sarg; Kilian nahm den armenWitwer an der Hand und sagte: „Nun wißt Ihr, wo sie ruhen wird. Ihr werdet mit Eurem Saitenspiel wieder zu frohen Menschen gehen, Gott giebt Euch auch selber noch manchen heiteren Tag. So will ich Eins sagen: So lange Einer von Allen, die heute beisammen sind, im Edelwald lebt, wird dieses Grab in Ehren gehalten werden. Hier auf den Hügel pflanze ich dieses Kreuz. Der liebe Herr Jesus sei mit ihr und mit Euch und mit uns Allen.“
So hat er gesprochen, der schlichte, wackere Mann. Dann gingen sie auseinander nach verschiedenen Richtungen. Der alte Harfner gab Kilian noch einen Händedruck: „An Deinen Kindern wird’s vergolten – gewiß, gewiß!“ Noch einen kurzen Blick auf das Grab – dann ging er davon, dem Thale zu, wo die Landstraße war.
An der Kapelle war es wieder still geworden, nur ein leises Lüftchen wehte, säuselte in den Zweigen und summte in den Saiten der zerbrochenen Harfe, die an einem Baume lehnen geblieben war.
Gegen Abend desselben Tages kam der Wilderer Hans, schlich hinter die Kapelle, steckte sein Gewehr zusammen, lud, untersuchte es und lauerte. Bald darauf schritt den Fußsteig, langsam und gemächlich, der Jäger Franzinger heran. Er war in schmucker Tracht mit grünem Federhut, war ausgerüstet mit Waidtasche, Pulverhorn, dem Hirschfänger und dem Doppelstutzen, der lässig über seiner linken Achsel hing. Jetzt stand er still und zündete sich eine Pfeife an.
Hans legte den Lauf seiner Büchse an einen Baumast, da er die linke Hand in der Binde trug, und zielte gegen den Jäger. Dieser hatte eine kleine Mühe, der Wind löschte ihm immer die Streichhölzchen aus. Nun griff er zu Schwamm und Feuerstein.
„Mein lieber Franzinger,“ murmelte der Wilderer bei sich, „Dein Feuermachen ist umsonst, Du mußt jetzt sterben.“ Er tastete mit dem Finger nach dem Hahn – da hört er ganz nahe neben sich etwas, wie Harfenspiel. Hans fuhr zusammen, da fiel das Gewehr auf den Boden und entlud sich in die Luft. Der Jäger stieß einen Fluch aus, sah den Wildschützen und verfolgte ihn. Beide verloren sich in den Dickichten des Waldes.
Nach einigen Tagen, als Baldrian, der junge Meisterknecht, und seine anmuthsvolle Braut auf ihrem Hochzeitsgange an der Kapelle vorüberkamen, lehnte am Baume neben dem Grabe noch die Harfe und ein niederhängender Zweig, der im Windhauche sich bewegte, spielte sacht’ in den Saiten.
Im nächsten Frühjahre wucherte es neu und üppig um die Kapelle und wob das Grab in ein reiches, dichtes Geranke von immergrünen Blättern. Die alte Harfe mit den drei zerrissenen Saiten hing im Kirchlein an der Wand und hängt noch heute dort. Ueber derselben hat Jemand folgende Inschrift anbringen lassen:
„Unser Herz ist eine Harfe,Eine Harfe mit zwei Saiten.In der einen jauchzt die Freude,Und der Schmerz weint in der zweiten.Und des Schicksals Finger spielenKundig drauf die ew’gen Klänge,Heute frohe Hochzeitslieder,Morgen dumpfe Grabgesänge.“
„Unser Herz ist eine Harfe,Eine Harfe mit zwei Saiten.In der einen jauchzt die Freude,Und der Schmerz weint in der zweiten.Und des Schicksals Finger spielenKundig drauf die ew’gen Klänge,Heute frohe Hochzeitslieder,Morgen dumpfe Grabgesänge.“
„Unser Herz ist eine Harfe,Eine Harfe mit zwei Saiten.In der einen jauchzt die Freude,Und der Schmerz weint in der zweiten.Und des Schicksals Finger spielenKundig drauf die ew’gen Klänge,Heute frohe Hochzeitslieder,Morgen dumpfe Grabgesänge.“
„Unser Herz ist eine Harfe,
Eine Harfe mit zwei Saiten.
In der einen jauchzt die Freude,
Und der Schmerz weint in der zweiten.
Und des Schicksals Finger spielen
Kundig drauf die ew’gen Klänge,
Heute frohe Hochzeitslieder,
Morgen dumpfe Grabgesänge.“
Drei Jahre nach dieser Begebenheit hat sich Folgendes zugetragen:
Kam an einem stillen, friedlichen Herbstabende der alte Kilian spät vom Walde heim in sein Haus, nahm seinEnkelein auf den Arm, herzte es, küßte es, sah es an und immer wieder an und hatte Wasser in den Augen. Von diesem Tage an war er ernst und in sich gekehrt, aber noch milder und gütiger gegen die Seinen als sonst.
So fragte ihn Agnes einmal, warum er nicht mehr so lustig sei wie sonst, ob ihm was fehle?
„Ich weiß mich gesund,“ sagte der Kilian, „aber einmal wird’s wohl auch für uns zum Urlaubnehmen sein.“
„Vater, wie kommt Ihr auf solche Gedanken?“
„Ich will Dir’s wohl sagen, Kind. Wie ich das letztemal oben an der Hubertskapelle vorbeigehe, denke ich, sollst einen Augenblick weilen und ein Vaterunser beten für Deine Verstorbenen. Und wie ich in der Kapelle niederkniee – es dunkelt schon, ’s ist recht still und ich bin der einzige Mensch weit und breit – und wie ich bete, da hebt auf einmal ganz von selber die Harfe an zu spielen. Sie spielt ganz voll, spielt auch mit den drei zerrissenen Saiten, spielt ein Lied, wie ich es meiner Tage nicht gehört hab’. – In Gottesnamen, denke ich, das ist mein Zeichen. Ich habe nämlich dazumal, wie wir die Harfnerin begraben, bei mir den Gedanken gehabt: Wenn ich mir für den Christendienst Eins könnte wünschen, so wäre es das, es möchte mir einige Zeit vor meinem Sterben eine Weisung zukommen, daß ich nicht so unverhofft fort müßte, wie die arme Frau. Das Zeichen habe ich vernommen. Jetzt, mein liebes Kind, weißt Du es.“
Darauf stand es noch an sechs Wochen lang, und der gute Mann war eingegangen in das Reich, wo die Seligen den Harfenklängen des gesalbten Sängers David lauschen.