Die Dämmerung war noch fern, als Klara eintrat, um Mariclée zu wecken. Aber diese lag schon lange mit offenen Augen, die Arme unter dem Kopf gekreuzt und von einer merkwürdigen Unlust erfüllt, dem Fatum dieses Tages entgegenzugehen. Es war ihr nicht anders, als stünde sie vor einem schwierigen Examen, dem sie sich natürlich nicht zu entziehen gedachte, dessen Termin sie aber am liebsten verschöbe. Das erste, was sie heute überstehen mußte, war, vor der Abfahrt am Perron auf die Frau des Exemplars zuzugehen, um sie mit einer kurzen, wenn auch nicht interessanten Geschichte von angeblichen Freunden in Cherbourg zu überraschen.
Es war auch nicht leicht. —
Klara meldete ein trübes regnerisches Wetter und trug mit dem üblichen Pomp das Frühstück herein: die Teekanne mit dem beschwichtigenden Tulpenmuster, das schöne Silbergerät, den heißen Toast.
Aber Mariclée, die ihr Tags zuvor eingeschärft hatte, daß sie den Frühzug um keinen Preis der Welt verfehlen dürfte, konnte sich nun kaum entschließen aufzustehen. Sie richtete sich empor und fiel wieder zurück. Ja sie säumte noch mitten im Anziehen und starrte verträumt in das Kaminfeuer, das warme Reflexe auf die blauen Vorhänge malte und auf die mächtige Borte daran, die sie so liebte. „Sie werden den Zug verfehlen,“ mahnte Klara besorgt. Aber sie war immer noch wie abwesend, als realisierte sie noch immer nicht, daß sie sich sputen mußte. Endlich stand sie fertig da in ihrem unzeitgemäßen Leinenkleid, den Mantel am Arm, dünn wie ein Faden, denn die Spannung der letzten Woche hatte sie vollends aufgezehrt, und mit dem gezogenen Blick. Die Autodroschke wartete schon lange. Auch der Chauffeur machte ein bedenkliches Gesicht, als Mariclée ihm beim Einsteigen erklärte, daß er sie bis um acht Uhr nach Charing Croß bringen müsse. Bevor sie um die Ecke bog, wandte sie sich im Fluge noch einmal grüßend nach Klara um, die, im Frühnebel unter dem Tore stehend, noch bis zuletzt ihre pedantischen kleinen Verbeugungen vollzog und erst zurücktrat, als der seltsame Vogel, der dies leere Haus mit so unruhigem Flügelschlag erfüllte, ganz ihren Blicken entschwunden war. Und nun trieb Mariclée, halb stehend, den Chauffeur zu immer größerer Eile an. Ihre Saumseligkeitwar einer namenlosen Angst gewichen. Ja sie begriff sich selber nicht mehr. Hatte sie denn vergessen, was von dem heutigen Tage abhing? War doch ihre Bangigkeit ein paradiesischer Zustand gewesen im Vergleich zu der Zerrissenheit, in die sie zurückfallen mußte, falls sie den Zug nicht erreichte. Was forderte sie das Unheil heraus? War ihr denn nur unter Fährnissen wohl?
Und ihre Panik schien sich ihm mitgeteilt zu haben; er fuhr wie der Teufel durch die leeren Straßen, als hinge seine Chauffeurehre davon ab, daß er sie vor einem Zuspätkommen bewahre. „We’ll just do it,“ murmelte er.
Die Schalter standen schon alle leer. „High time“ sagte der Billetteur, indem er ihr die letzte Karte verabreichte: Erster Klasse natürlich: dies gehörte ja mit zu ihrem Plane. Es hatte sich zum Glück (Mariclée wußte auf einmal nicht mehr, ob es ein Glück war) eine große Stockung beim Aufladen des Gepäcks ergeben, so daß noch eine Anzahl Koffer die Plattform übersäten und mehrere Gruppen noch nicht Miene machten einzusteigen. Das erste, was sie da erblickte, war die Frau des Exemplars, in einem Ring von Freunden und Verwandten, die sich zum Abschied eingefunden hatten. Diese Gruppe hielt sich vor einem reservierten Salonwagen, und schwarzbetreßte Lakaien schlenkerten in ihren langen Trauerlivreen hin und her, mit Handtaschenund Hutschachteln, auf denen an Herzogskronen kein Mangel war. Ja von den Lakaien flankiert, wurde noch eine ganze Ladung bekrönter Koffer (daß man ordentlich Respekt kriegte) den Perron entlang zum Gepäckwagen gefahren; es war also noch Zeit. Mariclée sicherte sich erst einen Platz und näherte sich dann langsam der Gruppe, in deren Mitte die Dame mit ihren Freunden und Freundinnen plauderte.
Denn jetzt mußte es sein. Sie mußte alle Befangenheit und Schüchternheit hintansetzen, den geeigneten Augenblick wahrnehmen und auf sie zugehen. Sonst konnte sie nicht auf das Schiff. Die Sekunden verstrichen; sie kreiste um den Ring und fand nicht den Mut ihn zu sprengen. Da fing sie einen gewollt flüchtigen Blick auf, der ihr keinen Zweifel ließ: man hatte sie erkannt, und tat nur nicht dergleichen. Und Mariclée fühlte sich mit einem Male grenzenlos verlassen auf der Welt und grenzenlos allein. Eben ihre Schutzlosigkeit war es aber, die ihr nun plötzlich den Mut und die Festigkeit verlieh, deren sie bedurfte. Für sich selber mußte sie stehen, denn für sie trat keiner in die Schranken. Und sie trat näher, streckte ihren Arm aus und legte ohne ein Wort ihre schmale Hand auf den Arm der Dame. Es geschah mit der leisen Bestimmtheit, mit der ein Detektiv einen hohen Staatsbeamten arretiert. Und man begriff sofort und trat aus dem Kreis. Mariclée aber wandte sichum und drehte der Gesellschaft den Rücken, um durch keine erstaunten Mienen aus der Fassung zu geraten.
„Ich rief Sie gestern zweimal an,“ sagte sie, „um den Namen Ihres Schiffes zu erfahren. Da ich in Cherbourg Freunde aufsuchen muß, dachte ich dasselbe zu nehmen, um die Strecke mit Ihnen und Ihrem Manne zu fahren.“ Ihre Stimme war farblos wie Wasser. „O es ist verwünscht, es ist entsetzlich!“ dachte sie.
„Aber wie schade!“ erwiderte die andere prompt, „niemand hat mir das ausgerichtet.“
Mariclée schritt von der Gruppe weiter weg und ihrem eigenen Kupee zu. „Von Ihrem Manne selbst bin ich natürlich wieder ohne Nachricht geblieben,“ nahm sie wieder auf und sah ins Weite mit einem ruhigen, unbeteiligten Lächeln und einer beschaulichen Ironie, von der man allerdings nicht wußte, wogegen sie sich richtete. Vor ihrem Kupee hielt sie inne. Es sprach jetzt eine Gelassenheit und Sicherheit aus ihr, die um so zwingender waren, als sie auf nichts und wieder nichts fundierten. Das reine Trapez.
„Wir fahren mit der ‚Adriatic‘.“
„Ich weiß es,“ versetzte Mariclée. „Durch das Telephon,“ setzte sie hinzu, „aber es war zu spät und ich konnte keinen Platz mehr erhalten.“
„Aber das ist wirklich sehr schade,“ sagte die anderewieder. „Könnten Sie es nicht versuchen und doch mitfahren?“
„Ich zweifle, daß es möglich sein wird. Nun, vielleicht doch; auf gut Glück. Aber ich darf Sie Ihren Freunden nicht länger entziehen. Vielleicht auf Wiedersehen.“
Sie drückte ihr die Hand und stieg schnell ein. Zwei amerikanische Damen hatten sich dort schon breit gemacht und ihr behäbiges Gekreische angestimmt. Mariclée starrte sie geistesabwesend an, aber kaum hatte sie in ihrer Ecke Platz genommen, als die junge Frau wieder vor der offenen Wagentüre erschien; sie war zurückgekehrt, um ihr noch etwas zu sagen. Mariclée erhob sich sofort und trat zum Schlage hin.
„Ich bin überzeugt, daß Sie ohne jede Schwierigkeit mit uns nach Cherbourg fahren könnten! Steigen Sie doch einfach auf das Schiff. Es wäre zu schade. Hätte ich es nur früher gewußt.“
Sie hat wirklich Rasse, dachte Mariclée, und bevor sie etwas erwiderte, stieg sie augenblicklich, zudem sie viel größer war, die paar Stufen ihres Kupees nochmal herunter. Und nun trugen die beiden — es war fast spaßhaft — jene unvergleichlich ausgesuchte Haltung zur Schau, mit der Potentaten unter sich die erwiesenen Aufmerksamkeiten unverzüglich vergelten, und dabei eine so restlose Höflichkeit an den Tag legen, daß sie jeglichen Gefühles entraten darf,da sie ja, der Länge und Breite nach, an Stelle desselben tritt. Sie wechselten nur ein paar Worte. Dann trat die eine zu ihrem Salonwagen zurück, die andere stieg wieder ihre paar Stufen hinauf; gleich darauf wurden die Türen allenthalben zugeworfen und der Zug setzte sich in Bewegung.
Und nun fingen vor Mariclées benommenen Sinnen die Bäume zu wallen, die Hecken zu beben und zu laufen an; und es setzte ein großes Steeplechase aller Dinge für sie ein. Dem immer schneller rasenden Zuge jagten Äcker und Wege entgegen und zogen sich blitzschnell zurück, rote Dächer nahmen das Garaus, Brücken tauchten empor und verschwanden sogleich. Das Wetter wußte noch immer nicht, was es für ein Gesicht zu Mariclées grünem Leinenkleid machen sollte. Die flüchtende Landschaft war auf einmal von einer warmen Sonne so festlich umwoben, daß die beiden Amerikanerinnen, rüstige Vierzigerinnen, ans Fenster eilten und die erfreuliche Wandlung mit vielen „o my’s“ konstatierten. Aber ehe man sich versah, war die Luft von neuem verfinstert, Scharen streitsüchtiger Wolken hielten Kriegsrat und beherrschten den Himmel. Jetzt stob ein mächtiger Baum hart auf Mariclées Fenster heran, in dieser Sekunde schoß mit tückischer Plötzlichkeit eine Elster aus seiner Krone auf, und zugleich waren Baum und Elster verschwunden. „One for sorrow,“ dachte sie.Ein Kummer stand ihr ja heute unweigerlich bevor: die endgültige Trennung von dem kranken Manne, dem sie entgegenfuhr. Aber dazwischen lag die Tatsache, daß sie ihn sehen und seine Stimme hören würde, mit anderen Worten: ein ganzes Leben, eine Welt, welche diesen Abend in so vage Ferne rückte, daß sie an ihn so wenig zu denken brauchte wie an ihr Sterben, so dehnbar wurden die Begriffe der Zeit. Was sie hingegennichtfertig brachte, war, Jahre hindurch an einen Menschen zu denken, den sie nie sah. Darum war sie eigentlich gekommen. In der Abwesenheit verkümmerten ihre Gefühle; sie, die mit der Zeit solche Künste trieb, vermochte sich nie über den Raum hinweg zu setzen und niemandem war er weniger urbar. Die Ferne ließ bei ihr keine Täuschungen zu. Ihrer vergaß sie nie. Nie konnte sie der Trennung vergessen, wenn sie des fernen Freundes gedachte. Sie lebte von seiner Nähe, nicht von Erinnerungen; ja gerade ihre Erinnerungen bedurften seiner Nähe, um aufzuflammen. Erinnerungen allein machten sie so unglücklich, daß sie lieber die Asche der Vergessenheit darüber schüttete. Denn Mariclée hatte ein affektives Augenpaar, ein affektives Gehör, wie der Maler eine extra Sehkraft, der Musiker ein extra Ohr. Diese Perversion ihrer Sinnesfähigkeiten, wenn man es so nennen darf, machte sie zu einem der glücklichsten, aber auch der unglücklichsten Geschöpfe.
Je näher nun die ersehnte Stunde rückte, je wilder wurde ihre Freude, je größer aber zugleich ihre zweifelnde Angst, und ihre Seele wurde das getreue Abbild des ewig wechselnden, bald verklärten, bald stürmisch trostlosen Himmels. DerBeweis, daß er sie rief, ihr Kommen herbeiwünschte und erwartete, fehlte ihr total. Sie zog seinen Brief hervor. Da standen sie, die paar trockenen Worte, die, wohl nur weil sie gerade das Naheliegendste waren, was dem Fiebermüden zu sagen einfiel, sein Schiff und die Stunde seiner Abfahrt nannten. Vielleicht war er ahnungslos, war entsetzt, daß sie kam und ihn, den Ruhebedürftigen, eigenmächtig in eine unerhörte Situation versetzte. Solche Erwägungen fielen ihr furchtbar beklemmend aufs Herz. Daß die zuvorkommende Haltung seiner Frau nur eine denkbar momentane Geltung hatte, darüber war sie sich nach einer halben Stunde, als der erste sehr ästhetische Eindruck der kleinen Szene verflogen war, vollkommen klar. Sie hatte keine Ahnung, wieviele von den Personen, die mit ihr den Salonwagen umstanden, mit eingestiegen waren. Es konnte sehr wohl sein, daß man sich nebenan die Zeit damit vertrieb, indem man Tränen über sie lachte. Vielleicht konnten sie alle vor Lachen gar nicht zu Worte kommen, sondern verschluckten sich, sobald sie etwas sagen wollten und platzten aus, sobald sie sich nur ansahen, über diekomische Figur, die da drüben in ihrer grünen Leinenrobe mit tellergroßen Augen in die Landschaft starrte und einem Herrn nachfuhr, dem sie geschrieben hatte und der ihr, wie sie selbst mit einem irrsinnigen Lächeln eingestand, gar keine Antwort gab, sondern schleunigst über den Ozean setzte. Ja, waren denn diese Leute von Stein, daß sie nicht lachten? Aber nur getrost! sie lachten schon, bis Southampton, und ohne Unterlaß. Was schuldeten sie ihr? Von dem Knäuel, der in den Wagen einstieg, fuhren einige wohl nur des Geleites halber mit und kehrten dann wieder in die Stadt zurück. Vielleicht war sie heute abend das Spottgedicht der Londoner Salons. So etwas konnte doch nur aus Germany kommen. Nicht nur sich und ihre Nation, auch ihre sämtlichen Freunde blamierte sie; es war der Dank für das schöne Haus, das man ihr geliehen hatte.
Sie fuhr mit der Hand an die Augen — allein es war kein Bild, das sich verscheuchen ließ. Man konnte ja nicht sagen, wie die Sache war, sie war so ganz wie man sie ansah. „Sie ist mir gräßlich!“ — dachte sie.
Als der Zug in Southampton hielt, eilte sie an das andere Ende, um ja von den Insassen des Salonwagens niemandem zu begegnen. Und dann? . . . Dann tat sie mechanisch, was alle anderen Passagieretaten und schloß sich ihnen an. Sie wußte nicht, wie es geschah, daß sie mit einem Male mitten in einem endlosen Gänsemarsch eine Schiffsleiter hinaufstieg, vor sich und im Rücken eine unübersehbar lange Menschenreihe. Es regnete. Langsam, Schritt für Schritt rückte sie vor, jeglichen Gedanken unterdrückend. Sie war wie zermalmt. Nur eines wußte sie: nicht ihr Wille allein hatte sie hieher getrieben; der war viel zu schwach. Ein anderer Wille, eine fremde Macht hatte die Schritte, die sie jetzt ging, für sie gezählt, und sie war ihr nur gefolgt, wie man dem Windstoß und dem Strome folgt. So hatte sie haarklein alles getan, was ihr widerstrebte, was sie desavouierte, wogegen ihr Innerstes sich sträubte; sie wußte es erst jetzt. Nicht anders schreitet einer zum Richtplatz, wie sie jetzt schritt. Vor und hinter sich geradezu sich stauende Reihen, in deren Mitte sie, wie von Hellebarden eingeschlossen, gesenkten Blickes weiterging. Hier gab es kein Zurück. Grotesker Weise (aber sie konnte es nicht hindern) schwebte ihr jetzt Karl I. vor, wie er Whitehall am Tage seiner Hinrichtung verließ. Tor und Mauern standen noch, von welchen aus er mit gemessenen Schritten — als wäre es sein Wille, weil es sein Verhängnis war — jenen letzten Gang vollendete. Wie stark, dachte sie da, ist doch das Echo aller Dinge, deren Lauf das Schicksal allzu deutlich leitete. Jene Schritte Karls I. sind noch nicht verhallt.Und in ihrer Not fuhr sie fort, an ihn zu denken . . .
Schon hatte sich die Vorhut ihrer Reihe als ein kleiner Strom über das Deck des schwarz umrauchten Schiffes ergossen. Und nun stand sie selbst am Deck — und nun war sie nur mehr von einem Wunsche beseelt, dem Manne, für den sie gekommen war, nicht zu begegnen. Ohne sich umzusehen lief sie eilends eine Treppe hinab, sich in den unteren Räumen zu verbergen.Ihnmachte sie mit einem Male verantwortlich;erhätte Mittel und Wege finden müssen, ihr diese bittere Wallfahrt zu ersparen! sie sah nur mehr dieeineSeite, fühlte nur die erlittene Kränkung, und daß sie Besseres von ihm verdiente, als diese problematische Haltung, aus der er sie die beliebigen Schlüsse ziehen ließ. Es geziemte ihr nicht, dies gesenkte Visier. Sie war es müde. Sie warf sich in die Sofaecke eines kleinen dunklen Rauchsalons und saß, das Gesicht in den Händen vergraben. Es war nicht statthaft, daß sie ihm hier entgegentrat. Jetzt, nachdem sie so weit gegangen war — ja gerade deshalb — fühlte sie, daß es unmöglich sei und sie es niemals über sich brächte, einen Schritt weiter zu tun. Diesen Moment hatte sie nicht vorbedacht, aber die Sache war ihr einfach vergällt. Sie hatte genug. Dies alles — so dünkte ihr — schoß ja weit über das Ziel ihrer Gefühle hinaus. In ihrlag nun einmal nicht der ideale Stumpfsinn, die göttliche Blindheit der Liebe. Die Götter hatten ihr die versagt. War sie nicht heiß und kalt in einem Atem, wie ein Julitag am Rande einer Schlucht? O sich ohne Überzeugung so zu exponieren! — war es möglich! Sie raste; ihren Tod, einen Sturm, den Untergang des ganzen Schiffes wünschte sie in ihrer blinden Wut herbei. Nein; sie wollte ihn nicht sehen. Hier wollte sie sich bis Cherbourg verborgen halten und ungesehen ans Land gehen. Mochte er dann glauben, daß sie sich eines anderen besonnen hatte und nicht gekommen war. Aber es ging ja nicht. Wie wollte sie dies ausführen? und es warauchunerträglich. Nein! einen anderen Ausweg gab es noch. Sie stürzte an die Lukarne. Noch lag die Brücke an — noch wurden Säcke und Koffer hinüberbefördert, wenn sich auch alle Passagiere schon an Bord befanden. Niemand hatte sie noch gesehen. Fort von diesem verhaßten Schiff, zurück ans Ufer, die traurigen Brüche ihres Selbstgefühles zu retten. Es war noch Zeit, der Weg stand noch offen. Sie stürmte die Treppe hinauf, sah nicht rechts noch links, steuerte flugs der Schiffsbrücke zu. Noch ein kleiner Vorplatz — sie durchquerte ihn rasch — da vertrat ihr einer den Weg, —er, der sie in allen Gründen so wohl kannte, daß er auch wußte, was jetzt in ihr vorging, daß es an ihm war, den letzten Schritt zu tun undihr zuvorzukommen, wenn er sie sehen wollte. Er stand vor der Brücke, als ob er den Zugang bewachte und beim Anblick seines fahlen und wieder um so vieles kränker gewordenen Gesichtes wich aus ihrem eigenen alles Blut zurück, daß es blässer noch und kränker aussah als das seine. Sie konnte nicht begreifen, warum das Schiff so heftig schwankte und sich mit einem Male in Fahrt befand, da ja die Brücke noch daran hing. Und sie hatte plötzlich das Gefühl, eine hölzerne Gliederpuppe zu sein, alle ihre Sehnen wie gezimmert. Jetzt bemerkte sie auch, wie seine Frau herzutrat, aber ihr Anblick gemahnte sie mit unheimlicher Lebendigkeit an eine Möwe, ja an das unruhig Ruhevolle der Möwen, die das Schiff umflogen, und alsbald schien es ihr sehr wichtig, ihre Mär von den Freunden in Cherbourg unverzüglich herzusagen. Er nahm sie ruhigen Blicks entgegen, und dies verwirrte sie. Denn die Sensation, ihm etwas vorzulügen, war allzu neu; und zu ihrem Entsetzen merkte sie jetzt, daß sie alle Substantive zweimal aussprach. Nicht daß sie stotterte, sondern sie erstickte an den langen Worten und sagte sie noch einmal. Tiefer konnte man nicht mehr sinken. Es zuckte um ihre Mundwinkel, und es zuckte um die seinen und um die der „Möwe“. Mariclée hätte gern das Zeichen zu einem Gelächter gegeben. Allein es saß ihr etwas im Halse, das sie am Lachen behinderte, wie es ihr dasSprechen erschwerte, „da sie mich in Cherbourg Cherbourg erwarten erwarten“, schloß sie ihren Speech. Warum habe ich ihm das erzählen wollen? dachte sie; jetzt bin ich still.
Und nun näherten sich auch noch zwei Damen in Trauerkleidung, die sie schon am Londoner Bahnhof gesehen hatte. Aber die „Möwe“ ging auf sie zu. Da nahm Mariclée den Augenblick wahr und dem Manne zugewandt, sagte sie schnell, leise, fast zischend: „Was weiß sie? was ist zu denken, was ist gesagt?“ —
„Nichts, kein Wort, niemals, nie ein Wort,“ klang es ebenso leise, scharf, gedrängt und fast erschrocken. Und an seinem versteinerten Ausdruck merkte sie, daß er über ihre Fassungslosigkeit erstaunt war. Und zugleich fühlte sie, daß er sie wirklich gerufen und erwartet hatte. Da fiel ihr die Last vom Herzen. —
„Es zieht hier fürchterlich,“ sagte sie fließend; „hier können wir nicht bleiben.“
Und sie gingen und fanden eine geschützte, mit einem Segeltuch überhangene Ecke an der Flanke des Schiffes, und sein junger Diener brachte zwei tiefe Stühle, beide mit einer Etikette versehen, und spannte sie aus. Das Schiff strich jetzt geschmeidig wie eine Feder über das glatte Meer, und sie waren allein.
Onicht mit einem Worte der Situation gedenkend, vielmehr gänzlich absehend von allem, was sich auf ihr Leben und ihre Personen bezog, als seien Dinge wie ihr Kommen oder sein Befinden viel zu ungegenwärtig und die Wirklichkeit wirklich nicht wichtig noch interessant genug, um sie zu bemerken. Vielmehr lösten sie sich los vom Unabänderlichen und trotzten dem bannenden Geschick und streiften seine Fesseln ab.
Nicht nur dieser Augenblick, für Mariclée stand jetzt die ganze Welt in diesem Augenblicke still, und ihr Gehirn glich einer ausgelöschten Tafel, die nichts vom Leben, nichts von allem behielt, was ihr das Leben schuldig blieb. Es war getilgt. Höchstens, daß ein Schauer, ein plötzliches Beben ihrer Lippen mitten in einem sehr unverfänglichen Satz, ein Zittern ihrer strahlenden Hände verriet, was ihr diese teuer erkaufte Stunde wert bedünkte, in der sie nistete wie ein Adler, von göttlicher Öde umrauscht. Die Leiter, die sie zu ihr emportrug, stieß sie da leichtsinnigen Fußes zurück, der harten Sprossen nicht eingedenk. Kein Windeshauch sollte sie mahnen an das Tal, dem sie entflogen war, noch an die Leine, an der sie hing. Vergessen! Sie feierteOrgiender Vergessenheit! Alles vergessen, was alles sie von diesem Manne, ach selbst von dieser Stunde schied. Schon waren die zwei eleganten Frauen in Trauerkleidung wieder in Sicht,und die eine, sehr repräsentativ von ihrem Witwenschleier umsteckt, fixierte Mariclée mit Augen, die undurchsichtig glänzten wie Kieselsteine in einem Bach.
„Wer ist die Dame?“ fragte sie.
„Meine Schwiegermutter.“ Es klang aber nicht anders, als wenn er gesagt hätte: eine Mücke.
Da fühlte auch sie sich befugt die Mücke zu ignorieren. Aber wo blieb nur die „Möwe“? und sie erkundigte sich.
„Ich fürchte, sie hat sich schon hingelegt;“ und er teilte ihr mit, daß sie sich die ersten Stunden immer sehr schonen müßte, um der Seekrankheit vorzubeugen.
„Zum Glück fährt das Schiff so ruhig,“ sagte Mariclée, „man merkt es kaum. Nur von dem Geschmack bin ich etwas enttäuscht. Gar so wunderschön kann ich es nicht finden, wie man es preist.“
Sie sprachen wie Leute, die sich täglich sehen können und sagen, was ihnen gerade einfällt.
„Es verdrießt mich,“ unterbrach sie ihn einmal, „daß Sie mir widersprechen, auch wenn Sie im Grunde ganz meiner Meinung sind.“
„Und ich verarge Ihnen geradezu die apodiktische Art, mit der Sie Dinge behaupten, deren Begründung Sie dann schuldig bleiben.“
„Ich weiß, worauf Sie anspielen;“ — und da er schwieg:
„Mein Aberglaube,“ sagte sie und sah in die Luft.
„Ich kann ihn nicht leiden,“ gab er zu. „Wissen Sie noch, wie Sie einmal in Venedig vor dem Schalter kehrt machten und Ihren Brief nicht mehr aufgeben wollten, weil zufällig drei Klosterfrauen davor standen?“
„Nicht zufällig,“ sagte sie, „jener Brief war eine große Dummheit.“
„Das kann schon sein.“
Aber sie ließ sich nicht beirren.
„Früher hatte jede Gilde ihre Tracht, aber das ist vorbei. Läuft der Richter in seiner Toga über die Gasse? Er wäre bald genug ein Ärgernis. Je höher das Amt, je mehr verpönt es heute das Kostüm. Nur die Livree hat sich erhalten.
O,“ fuhr sie lebhaft fort, „nie und nimmer ist etwas sinnlos.
Warum bringt der Kaminkehrer Glück? doch einzig und allein, weil sich Habitus und Gewerbe bei ihm so glücklich decken und es so motiviert ist, daß er mit einer Leiter und so berußt einhergeht.“
Er lachte sein verwöhntes, melodiöses und gedehntes Lachen, das sich an seinem eigenen Klange fing.
„Ich freilich,“ gestand er plötzlich, „vertrage das Religiöse nur sehr verkappt.“
„Es ist die Zeit der großen Marodeure,“ sagteMariclée, „Gerhart Hauptmann wirbt dem Gottmenschen neue Proselyten und Uhde wurde zum Doktor der Theologie ernannt.“
„Nein wirklich!“ rief er, „wie entzückend!“
„Und es gibt Akte von Habermann, die gesungene Choräle sind.“
„Auf welchen Text?“
Aber Mariclée war um die Antwort nicht verlegen.
„Auferstehung des Fleisches,“ sagte sie.
„Aber wir müssen uns wirklich einen anderen Platz aussuchen,“ sagte er dann. „Hier ist ja die Aussicht überall versperrt.“
In der Tat war in dieser geschützten Ecke das Segeltuch so tief herabgelassen, daß nur ein schmaler Streifen Meeres zwischen Dach und Geländer hervorsah.
Mariclée bemerkte es erst jetzt. An das Meer hatte sie nicht mehr gedacht.
Und nun zogen sie auf die andere Seite des Schiffes hinüber. Liegesessel aller Art standen hier schon in Reih und Glied, aber gerade in der Mitte fand sich noch Raum, und er ließ die beiden Stühle herüber bringen. Die zwei Damen in Trauerkleidung folgten jetzt in einiger Entfernung, um sich am äußersten Ende derselben Flanke zu etablieren. Sonst war es ziemlich leer am Deck, die Passagiere sahen sich noch in ihren Kabinen um.
Das Meer lag hier dem Blicke offen und siehe da, es war ein warmer, herrlich lichter Tag. Die Sonne, hold verschleiert, wie in zärtlicher Erwartung, hielt den unendlichen Himmel sanft umschimmert.
Das seltsame Paar blickte schweigend nach derselben Richtung, wo ein schmaler Streifen Land immer mehr zurücktrat. Zu ihren Füßen trieben beschattete Wogen ihren mattsilbernen Schaum.
Warum gedachte da Mariclée des Tages in Venedig, da er sie vor die Statue des Colleoni geführt und Worte der Begeisterung vor sich hingemurmelt hatte, während sie von der Statue zu ihm hinübersah, weil es sie frappierte, wie sehr alles, was er von dem Standbild sagte, für ihn selber galt.
Er war so ganz Körper, — so unkörperlich! AuchseinBild zog jenen ewigen Bannkreis, der, man wußte nicht wie — dem Tode zuwiderlief und ihn verneinte und zurückwies.
Zwar hatte sich die Krankheit an ihn gewagt, er war nicht mehr so schön, ach nein! Die Schultern kamen ein wenig schmäler heraus, die Schläfen waren ein wenig eingesunken, das Relief fing an zu verblassen. Trotzdem blieb seine Marke jenes unvergänglich stolze Etwas, das die Statue des Colleoni charakterisierte und sich dem Tode entzog. . . .
„Nun?“ sagte er, und wandte sich ihr zu.
„Ja, hier ist es freilich schöner.“
Eine warme, windstille Luft begleitete das Schiff und das Meer war Musik. Aber so glatt! dachte sie. Da kann man unmöglich lang seekrank bleiben.
Bald darauf flog die „Möwe“ am anderen Ende, wo die zwei schwarzen Tanten saßen, wieder auf und bildete dort eine Gruppe, bei der man unwillkürlich an die drei Damen der „Zauberflöte“ denken mußte. Dann trat sie näher und gesellte sich zu ihnen, die ausgestandenen Nöte standen auf ihrer blassen Stirn und ihren zusammengezogenen Brauen geschrieben, und der Hut hing ihr am Arme, als scheue sie dessen Last. Am Geländer lehnend, zog sie ein kleines, silbernes Teesieb hervor; es war nach einem neuen praktischen System hergestellt, und sie hatte es aus London mitgebracht.
„Soll ich Ihnen auch so eines schenken?“ sagte sie zu Mariclée.
Da ertönte ein Gong.
„Es ist schon das zweite Zeichen,“ und sie packte ihr Sieb zusammen.
„Mein Gott!“ rief Mariclée erschrocken, „ich habe ganz mein Billett vergessen. Da muß ich mich gleich umsehen.“
Sie stand auf und entfernte sich sofort.
Denn schon wieder näherten sich die zwei Schwarzen und dabei wurde ihr immer sehr schwül. Dank den englischen Sitten ließ sich ja eine Vorstellung vermeiden,vorausgesetzt natürlich, daß es keine ungeschickte Karambolage gab.
Die Büros waren um die Mittagszeit geschlossen und es dauerte eine Weile, bevor der Beamte erschien. Nun erzählte sie wieder einmal ihr Märchen von Cherbourg. Zum Glück konnte sie sich auf Cook berufen, woselbst man ihr geraten hatte, sich auf das Schiff zu schmuggeln, falls in Southampton keine Zeit mehr sei, um ein Billett zu lösen. Aber so viel der Ausreden hätte es gar nicht bedurft. Sie mußte einfach ihren Namen in ein großes Buch eintragen und ein Pfund entrichten, und die Sache war erledigt. „Man ist eben auf einem englischen Schiff“, dachte sie.
Aber die ganze Sache hatte doch ziemlich lange gedauert, und als sie endlich — zögernd — den Speisesaal betrat, war die Table d’hote im vollen Schwung. Sie aber trat jetzt nur bis zu einer Säule hart am Eingang vor und blieb dort stehen. Denn sie war nicht auf dies Schiff gekommen, sie hatte nicht diese karg bemessenen Stunden einem feindseligen Schicksal abgerungen, um mit seinen Angehörigen, die sie gar nichts angingen, banale Redensarten auszutauschen. Nein, dafür dankte sie. Sie wollte gar nicht wissen, wo sie Platz genommen hatten, und darum (es war schwer, sie zu übersehen, da sie ganz in der Nähe saßen) blickte sie zerstreut nach einer anderen Seite hin. Eswar ein heikler Moment, aber sie hatte diese unmögliche Situation gestartet, damit er ihr helfe, sie zu ermöglichen. Diese ganze herzogliche Sippe, diese Schwiegermutter, die sich Airs gab wie die Königin der Nacht, und diese andere Base, die starr und sprachlos wie mit gelähmten Gesichtsmuskeln herüberstarrte, mußte er mit ihr, der Rechtlosen, der Entäußerten, verleugnen, auf daß sich diese verkehrte Welt auch drehe. Dies forderte sie von ihm, sie die niemals forderte, denn dies warihrTag. Und hier mußte er sie holen, wenn er wollte, daß sie aß. Und darum blieb sie bei ihrer Säule stehen und sah geradeaus, wie sie es von dem Steinadler gelernt hatte, und wartete in aller Ruhe, bis er kam. Mein Gott! wie stupide das Geklapper der Teller und Gabeln und Messer klang! und wie stark, wie „immerdar“ dies blind groteske Unisono sich behauptete. Rührte doch von allen, die da saßen, in sechzig Jahren kaum einer noch ein Glied. Es war wie ein Spuk, und unbeteiligt und wie abwesend sah sie darüber weg, als ginge sie das ganze Treiben in diesem Saale nichts an. Aber da stand er schon an ihrer Seite.
„Ich sehe noch ein freies Tischchen; wollen wir dort essen gehen?“ fragte er mit jenem eigentümlichen gedehnten Singsang, der seiner Stimme unterlief, wenn ihm etwas behagte. Verwegene Dinge waren ja stets nach seinem Sinn. O, sie kannte ihn gut!Solche Fanfaren fanden ihn ja stets am Platze. Er entfaltete dann eine Eleganz in der Willkür, die jede Niederlage ausschloß. Als geistiger Haudegen hatte dieser unkriegerische Mann nicht seinesgleichen. Was immer er tat, nahm er mit so hinreißender Sicherheit vor, daß es den Stempel des einzig Tunlichen erhielt. Langsam zogen sie bis zur Mitte des niedrigen Saales und nahmen dort Platz. Er strich einiges aus dem Menü und verlangte das andere, ohne sie zu fragen, was sie wünschte, ganz wie sie es früher immer hielten. Er wußte welche Unbequemlichkeit, ja welche Beschwerde es ihr bereitete, sich mit einer Speisekarte einzulassen, wenn sie mit ihm zusammen war. Nicht nur, daß sie stets zur Vereinfachung dasselbe aß wie er, sondern er legte auch stets auf ihren Teller, was er für gut befand, und reichte ihn ihr dann hin. Über solche Dinge, oder wenn sie, wie es meistens geschah, fast alles stehen ließ, wurde nie ein Wort verloren. Er kannte sie zu genau. Es war nicht, daß sie nicht wußte, was sie aß. Nur durfte sie nichts ablenken. Ihr Mißverhältnis zum Essen entstand nur durch jene Hemmungen, die mehr oder minder bei allen Menschen vorkommen und sich bei ihr nur besonders leicht einzustellen pflegten. Bei ihr genügte eben sehr wenig, um den Konnex zu stören. Und die Nähe dieses Mannes, die ihr die restlose Erfüllung ihres eigenen Seins gewährte, mußte in ihrjeden Sinn der Stunde, und was im weitesten Sinne damit zusammenhängt, vollends betäuben. Zu einer Mahlzeit stand sie dann wie zu einem weit weggerückten Tisch, und nicht ohne Mühe mußte sie sich immer neu darauf besinnen. Denn dann war für sie dasEssendas Allerunwirklichste und Vergessenste. Indessen aß sie pflichtschuldig an einem scharf mit Curry gewürzten Reis, und einmal kam die „Möwe“ und machte die beiden aufmerksam, wie gut er zubereitet sei. Die farblos schattenlose Freundlichkeit, die sie ihr bezeigte, empfand Mariclée jedesmal als eine ganz unbewußt aufoktroyierte und dabei so wenig auf sich selbst beruhende wie der sonnige Reflex, der an der Mauer niedergleitet. Es war eben das Bannende, das von ihm ausging, das gleicherweise auch ihr selbst die Schüchternheit benahm. Übrigens sprachen sie bei Tisch nur wenig, aber in den geringfügigsten Gesten — sei es, daß er sein Glas hinstellte oder sie mit ihrer Gabel spielte — waren sie stets ganz enthalten und ganz dem Bewußtsein zugewandt, daß sie beisammen waren.
„Wollen Sie auf mich warten, wo wir zuletzt saßen, indes ich mich hinlege?“ fragte er zu Ende des Mahles. „Ich bin sehr müde,“ und er lehnte sich zurück. Der Ton schnitt ihr ins Herz, und sie erschrak über seine Blässe. Sein Befinden ist nicht meine Sache, dachte sie, was geht es mich an? waskümmerts mich? und ließ den Dolch in sich eindringen. Sie wollte etwas sagen, aber sie nickte nur, denn ihre Stimme war zerbrochen. Es war zu schrecklich, an seine Krankheit erinnert zu werden. Und sie erhob sich, ging aber nicht gleich hinauf, sondern durchwanderte ruhelos die Säle und Gänge des Schiffes, schrieb auch an einen Mann, mit dem sie öfters in Streit geriet, dessen lautere Gesinnung sie aber heute ganz unvermittelt so klar durchschaute, daß sie, einem Impulse folgend, sich mit ihm versöhnte. — Und dann ging sie an Deck, nahm ihren früheren Stuhl wieder ein und wartete. Das Wetter war unvergleichlich. Ein wundervoller Himmel zerfloß ins Meer und das Meer, ganz der Sonne hingegeben, ruhte schillernd, mit ihr spielend, und verbuhlt und ward ganz sich selbst, wie eine Muschel.Tönenennt man solche Farben, dachte Mariclée geschwellten Herzens, und ihre Knie zitterten. Ist das alles so schön, oder sehe ich es nur, weil mein Tag so vor mir schillert und mich betört? Denn ihr Glück war zu fragil, um nicht alles, was es bedräute, auszuscheiden und klar wie ein Tautropfen und kostbar wie eine Perle sich zu schließen. Und weil es so eingedämmt und karg bemessen war — hatten ihr nicht die Henker vorgeschwebt, als sie die Leiter dieses Schiffes emporstieg? — darum war sie jetzt eins mit ihrem Glück, in ihm verweilend und von ihm durchschillert, wie diese Sonne und dies Meer.Er wird bald kommen, dachte sie, und nahm die Zeitung, die auf seinem Stuhle lag, und verhüllte sich das Gesicht.
Aber mitten in dem Überschwang ewig unausgesprochenen Gefühles wurde sie von dessen Einsamkeit geschreckt. War der eine nicht stets das Geheimnis des anderen geblieben? hatten sie sich über ihre Beziehungen jemals geäußert? ihren Bund je zugestanden? War es möglich? flüsterte ihr jetzt die Stimme des Versuchers zu, war dies so bis ins letzte zu ertragen? Denk an später; an alltäglichere Tage, wo dieser dir vergeudet scheinen wird, an die Stürme, die ein Zweifel in dir entfesselte. Wenn die Türme und Dächer von Cherbourg in diesen reinen Himmel ragen werden, ragt zwischen euch der Tod. Es ist zu Ende. Und du wirst nicht wissen, flüsterte die Stimme, ob er dich erwartete, ob er dich wirklich rief, es fehlt dir der Beweis, nimm die Gewißheit mit ans Land; es wird sich keine Gelegenheit mehr bieten. O, flüsterte die Stimme, wisset, wie ihr zueinander steht! scheidet, lebt, sterbet nicht also.
Von plötzlicher Unruhe erfaßt, blickte sie auf. Wo weilte er so lange? Es waren jetzt ziemlich viel Passagiere an Deck. Am anderen Ende tauchte die Möwe auf, und wieder war es die kleine Gruppe schwarz verschleierter Gestalten, die an die drei Damen der „Zauberflöte“ erinnerte. Wie aus einem feindlichenLager sahen sie zu ihr herüber und hielten sich ihr fern, und auch die Möwe näherte sich ihr nicht. Sie grollt mir doch! dachte Mariclée naiv und sah wieder ins Meer hinaus, das schon wieder neue Weisen leuchtend verströmen ließ; und es gelang ihr, die kleine finstere Gruppe am anderen Ende so weit zu vergessen, daß sie sich, etwas fieberhaft, die Dinge memorierte, die sie ihm sagen wollte.
„So lassen Sie uns denn ein paar spannende Momente erleben.“
Es war seine Stimme, und er stand ganz plötzlich hinter ihr und ließ sich in seinem Stuhle nieder. Sein Aussehen war viel besser geworden, und man hätte ihn kaum für einen Kranken gehalten. Er hielt ein Buch, dessen Gravüren er ihr zeigen wollte, und die Art, wie er die Hand ausstreckte, es zu öffnen, die Bewegung seines Arms, dies alles war ihr so wohl vertraut und trug sie hin zu dem Garten Roms, wo heilig beschattet die Statue Meleagers in ihrer holden Nacktheit ragt, denn hier wie dort atmete dieselbe Vollendung, und es war das unnachahmlich Plastische an ihm, in dem ihr Herz sich sonnte, wie es mit seinem Lachen, in dem so viel Glockenmetall anschlug, seinen Kultus trieb. Aber wie überbietend war doch die Feinheit feiner Männer, daß seine Nähe, ja sein Anblick sie von der Unmöglichkeit, ihre Stellung zueinander auch nur von fern zu streifen, sogleich so heftig überzeugte!und welch verletzender Gedanke war das von ihr gewesen, mitten in einem Zauberkreis die verfemten Worte auszurufen, die ihn nur sprengen konnten? Wie ferne lagen sie ihr schon, jene vorgefaßten Worte, jäh geschreckten Vögeln gleich, die nie mehr wiederkehren.
Er aber war es jetzt, der in Anbetracht der kurz bemessenen Zeit nach einem vorgefaßten Plan unverweilt von himmelweiten Dingen zu reden anfing und sie lockte, reizte, ihr in allem widersprach, alles widerlegte (denn alles läßt sich widerlegen), doch nur zum Scheine, um sie anzufeuern. Wie schnell war sie da vom Abstrakten hingerissen, immer schärfer, immer heimatlicher wurde ihre Luft. Sie war am Ziel. Aug in Aug feierten sie ihr Fest, indes ihre Hände, die seine und die ihre, die sich kannten, nachbarlich auf den breiten Kanten ihrer Stühle ruhten. Und sie wars zufrieden, ihren Pakt ewig ungenannt zu lassen.
„Nein!“ sagte sie einmal, „ich bin nicht Ihrer Meinung. Für nichts ist man so verantwortlich wie für seine Geburt. Ich sehe die Verantwortlichkeit der Kinder für ihre Väter.“
Indessen ging die Königin der Nacht in Begleitung ihrer Damen am Deck spazieren, stets an dem ungeraden Paar vorüber, wobei sie nie verfehlte,Mariclée mit ihren Kieselsteinaugen zu fixieren. Diese merkte es wohl, doch a distance, nicht anders als sie das Mittagessen bemerkt hatte. Hin und wieder näherte sich auch die Möwe und stand, am Geländer lehnend, vor den beiden; und dann sprach man über die Ereignisse des Tages und über die letzte Rede im Parlament und erörterte die Aussichten der Konservativen. Der Vater der Möwe hielt halb Schottland für sich allein umzäunt, es läßt sich also denken, was man in seiner Umgebung von der demokratischen Strömung und von Leuten wie Lloyd George und Churchill hielt. Mariclée wunderte sich nur ein wenig, da sie doch immer wiederkehrte, daß sie sich nie setzte; aber es war jaihrStuhl, den Mariclée so ohne weiteres in Beschlag hielt; doch fiel es ihr nicht ein, die Etikette, die daran hing, anzusehen. Denn was hätte sie bedacht? was hätte sie gewußt? Ein Diener brachte Tee und sie nahm ihn, nahm den Kuchen, den er dazu reichte. Sobald die beiden allein waren, griffen sie jedoch unverzüglich ihre eigenen Gespräche, die sie so zwanglos fallen ließen, wenn man sie unterbrach, ebenso zwanglos wieder auf. Und der Strahlenring um Mariclées Augen weitete sich immer mehr und verschlang ihr ganzes Gesicht, auf dem sein starker Blick immer voller, aber auch immer schweigsamer verweilte.
Da mit einem Male geriet diese ganze verwunscheneWelt ins Schwanken; der lichte Himmel, das holde Meer waren nicht länger endlos: schmale Stifte schrieben in der Ferne seltsam blasse Zeichen in die Luft, liefen im Spitz, im Zickzack, zogen ein Viereck — waren’s Türme, war’s ein Blutgerüst? „Ah!“ sagte sie, „da ist Cherbourg.“ Und es klang leicht und gefällig, als sei es ihr willkommen.
„Es liegt noch ferne,“ sagte er, „wollen wir nicht hinuntergehen?“ Sie erhob sich sogleich. Denn jetzt war sie erwacht; und sie ertrug es nicht, Cherbourgs höllische Tore heranziehen zu sehen. Ihre Jacke zuknöpfend stand sie vor ihm, sein Blick glitt ihre Gestalt entlang und blieb dann an ihrem Gesichte haften; und sie ertrug ihn, mit einer Miene von Leblosigkeit wie umflort. Und er stand langsam auf, und sie gingen zusammen. Nichts mehr von Hölzernheit in ihr. Hoch aufgerichtet, wie getragen, schritt sie an seiner Seite, die klar wie mit dem Silberstift umrissene Gestalt gleichsam noch größer und geschmeidiger; und obwohl die Macht, die einst wie mit ehernen Ringen ihre Schultern aneinanderschmiedete, daß sie wie ineinander wuchsen und eine Gruppe bildeten, wenn sie gingen, sie jetzt mit gleicher Schärfe auseinanderhielt, entstrahlte dennoch ihren Linien ein so analoger Geist, daß sie als ein geschlossenes Bild hinzogen, nach Einem Rhythmus wie zuvor.
Nicht, daß sie einander glichen. Vielmehr standscheinbar nichts in stärkerem Kontraste zu dem zwar hypersensiblen aber doch stahlharten und in allen Genüssen so versierten und aller Lüste so kundigen Mann, der es verstanden hatte, dies spröde Dasein so zu meistern — sein Sturz tat nichts zur Sache —, daß es wie ein dressiertes Pferd nach seiner Willkür karakolieren und, dem Sporn des Reiters folgend, mit zierlichen Schritten über die unebene Bühne des Lebens tanzen lernte, — nichts konnte ihm unähnlicher sein wie diese Jongleuse der Entsagungen, scheinbar sagte ich, in Wahrheit glich ihm nichts so sehr. Denn sie schied sich vom Wettbewerb des Lebens aus, nicht weil ihr dessen Güter nicht wert bedünkten, sondern weil sie sich nicht bescheiden wollte, und verwegenste Anmaßung war so sehr das wahre Grundmotiv ihrer wie seiner Attitüde, daß sie ineinander enthalten, und der eine an Stelle des anderen denkbar war . . . .
Als sie nun zur Treppe gelangten, die zu den unteren Sälen führte, vertrat ihm die Königin der Nacht den Weg, und Mariclée hörte zum ersten Male ihre Stimme.
„Der Arzt hat das Treppensteigen strengstens verboten,“ sagte sie.
„Ich gehe sie dochhinunter,“ gab er ihr mit einem sonoren Nebenklang zurück, der sie unweigerlich beiseite schob.
Mariclée machte Miene umzukehren. „Ich habe doch den Lift,“ sagte er schneidend. Da folgte sie ihm.
Unten stand ein niedlicher Flügel, den er alsbald öffnete, und während sie ihm die paar Stücke vortrug, um die er sie bat, lag ihr nichts anderes im Sinn. Aber nicht lange und sie drehte sich auf ihrem Stühlchen um, denn er stand hinter ihr. Denn die Zeit, die ihnen blieb, war nur mehr nach Minuten gezählt, und sie wollte ihn sehen. So lachte sie etwas gezwungen und sah ihn mit angestrengten Blicken an, die, seltsam umblaut, Lasten zu ziehen und sich zu schleppen schienen. Da sie sich nicht länger auf ihr entlegenes Gerede, das sie selber nie betraf, konzentrieren konnten, war jetzt ihr Ton merklich salonmäßiger und oberflächlicher geworden. Aber während Mariclée ihrer Stimme wundervoll gebot, verrieten sie jetzt ihre strahlenden Hände — ja mehr noch, sie gewährte ihnen — und ob sie sich senkten oder gleichsam wider ihr eigenes Leid erhoben und schwebten und wieder zurückfielen, immer sagten sie aus, was sie verschwieg und hielten ihre eigene Zwiesprache mit dem Schatten von Freudelosigkeit, ja von Bedrängnis, der sich jetzt über die gelassenen Züge des kranken Mannes senkte.
Ein Steward erschien an der Türe: „Cherbourg,“ rief er herein und verschwand. Es war,wie wenn schnell und lugüber eine Elster vom Aste aufstiegt und sich sogleich wieder verbirgt.
„Es wird noch eine Weile dauern. Sie werden sehen,“ sagte er. Aber sie schritt schon dem Ausgang zu.
„Nein, nein; es ist Zeit.“ Es war ihr in der Tat, als hätte sie Eile. Und sie verließen den Saal.
„Hier ist der Lift, Sie dürfen nicht weitergehen,“ sagte sie. Aber er folgte ihr die schmalen Gänge des Zwischendecks entlang, die eine erdrückende und heiße Luft erfüllte.
„Sie müssen gehen,“ sagte sie und hielt inne. Aber er stellte sich taub. Da gingen sie weiter ohne ein Wort.
Und obwohl jene Macht, die sie einst, und wenn die Straße, die sie gingen, noch so weit war, so magnetisch zusammenschloß, daß sie als eine Gruppe wandelten, sie jetzt so magnetisch schied, daß sich zwischen den eng zusammengepreßten Wänden ihre Schultern, die sich kannten, niemals auch nur streiften, gingen sie dennoch nach Einem Rhythmus und wie aus Einer Form gegossen. Denn in Wahrheit waren sie Eins.
So zogen sie tief hinab, wo sich die dunstigen Räume immer niedriger schichteten und die Flanke des Schiffes sich rundete und auslief, hier gähnte ein gewaltiges Loch. Es war ein Spalt, groß wie einScheuneutor und ein Gebrause wie von einer Mühle. Denn hier lag die Barkasse dem Dampfer an. Aber den Zugang blockierte noch die Mannschaft, und es war ein großes Hin und Her. Denn das Schiff war nicht in den Hafen eingelaufen, sondern hielt sich an der Mündung, und was es an Briefsäcken aufnahm und an Frachten ablud, vermittelte das Boot.
„Es wird noch eine ganze Weile dauern, bevor Sie es besteigen müssen,“ versicherte er wieder und führte sie zu einem kleinen Mauervorsprung, der eine Art von Loggia bildete. Hier stellten sie sich auf. Die Brise umwehte sie, und sie hatten das Ufer im Rücken, auf daß sie es ein letztes Mal vergaßen. Vor ihnen das prunkende Meer, das seine Wogen glatt und einsam entrollte, und die verlassene Ferne.
Hier standen sie jetzt, ohne sich ein Wort zu sagen. Was hätten sie gesagt? Die schmale Stelle auf diesem Mauervorsprung war jetzt ihre Welt. Darüber hinaus gab es keinen Fleck mehr, der sie zusammen trüge. Versunken und ungangbar alle Stätten, alle Wege, jede Spanne Bodens, den ihre Füße je gemeinsam wandelten. Soweit sie reichte, diese Welt der ewigen Verweigerungen, Unzulänglichkeiten und Verzichte, bot sie keinen Raum, enthielt keine Luft, die sie je wieder vereinigt sah. Und da geschah es, daß sich Mariclées Gesicht zu höchster Harmonie zusammenschloß, zum eigenen Ideale werden durfte und seineeigene Vollendung feierte; und ganz sich selber ward, indem es sich, sowie die Stunde, die es zeitigte, unendlich überbot. Und irgendwie war esseinGesicht, indem es in dieser Vollkommenheit nur seinem Auge, und nur von ihm wachgerufen, sich entfaltete. Wie jene Nymphäen des Mississippi, die unter Baldachinen mannesschwerer Riesenblätter bis zu jener einen Julinacht verschlossen harren, in der ihre gekrönte Blüte, die gewaltigste und zarteste der Erde, der überhitzten, der erwartungsvollen Flut entstrahlt und ihren Wert in einer Nacht vergeudet, daß, wer sie später suchte, sie nicht mehr erkenne. Ein solches Antlitz wandte sie jetzt im Scheiden dem Manne zu, und zu solcher Schönheit malte, schmückte, krönte es in dieser Stunde die Natur. Sie standen geschützt und ungesehen und unbelauscht, zwischen ihnen nur die Luft, und diese Luft hing zwischen ihnen wie ein Schwert.
Da fiel ein Schatten in diese Welt. Mit welchem Grauen fühlte sich da Mariclée an die Wirklichkeit erinnert! Wie tödlich erblaßte sie, bevor sie den Mut fand, sich diesem Schatten, von dem sie sich gerufen fühlte, zuzuwenden. Sie sah die Möwe. — Wie eine Gejagte, geängstigten, zerflatterten Blickes, war sie auf der Suche hier unten aufgeflogen.
„O wie krank wirst du morgen sein!“ brach sie aus.
Aber Mariclée durchschaute sie wie Glas. Sie sah die Sorge, die Eifersucht, den Verdruß, sah vor allem,sie die Virtuosin, wie ungewohnt er dieses Wesen traf, so daß es gar nicht wußte, wie es sich zu ihm stellen sollte; — sah es, — und war gerührt. Denn Verdrußzuzufügen, schlug so wenig in ihr Fach, daß sie, die Zerbrochene, tausendfach Beraubte, imstande war, in diesem Augenblicke, nur der Not Rechnung zu tragen, die sie hier verschuldete — denn zunehmenwar so wenig ihre Art.
„Sie hat recht. Sie werden sich nur verderben,“ und ohne ihn anzusehen ging sie rasch auf sie zu: „Leben Sie wohl!“ sagte sie und ergriff ihre Hand. Aber jedes Wort, das sie da sprach, tönte wie gesungen, und die Dominante gab jetzt wieder jener seltsame Umschlag des allzu mächtig zurückgedrängten Gefühles, das im höchsten Affekt ihren Blick zu dem eines ausdruckslosen toten Statuenauges schlug.
So kam es, daß sie jetzt, das schmale Handgelenk der „Möwe“ erfassend, es leicht und zärtlich drückte und lächelnd zurückhielt, wie der Liebhaber die Hand der Geliebten. Ein Zeuge hätte schwören dürfen, daß sie nur für sie auf dieses Schiff gekommen war, so verschwenderisch und so entzückend war die Anmut, mit der sie Abschied von ihr nahm.
Und ihm? — Ihm drückte sie nur flüchtig die Hand, sah ihn nur flüchtig an und hatte sich schon abgewandt von ihm, war schon unter dem Tor, — sprang schon in die Barkasse. Und nicht lange, sostieß diese von dem mächtigen Dampfer ab, der wieder ins weite Meer hinauszuziehen begann, und hob und senkte sich in seinem heftig bewegten Strom. Mariclée lehnte am Maste, und wie sie also hoch aufgerichtet, wie eine Erkorene, stand, von der scheidenden Sonne umleuchtet und umflossen, glich sie einem jungen Kriegsheld am Abend einer Schlacht. Und in der Tat war das Gefühl, das sie jetzt zum ersten Male trug, ein Gefühl des Sieges. Ja — es war ihr Tag gewesen, ihr fielen alle seine Ehren und Würden zu. Jeder Zweifel war verschwunden. Sie begriff nicht, wie sie ihn jemals hegen konnte. Etwa weil sie das Spiel nur des hohen Einsatzes halber wagte, den Gewinst jedoch verschmähte? — Denn nirgends lebte der Mann, der von ihr sagen konnte: „Diesen Vorteil erstrebte sie von mir,“ noch die Frau, die von ihr sagen durfte: „Jenes unternahm sie wider mich.“ Keiner war sie je eine Rivalin gewesen. Denn darin eben setzte sie einen unbeugsamen und unerhörten Stolz. Von einem andern wußte sie nichts. Verwegenste Situationen geziemten ihr nur. Und deshalb trieb es sie hin und wieder mit solcher Macht, dieser lächerlichen Welt, und dem, was sich als ihre Mächte und Konventionen so großen Respekt verschaffte, eins ins Gesicht zu schlagen. Und sie wußte, daß sie es durfte. Weil sie nichts wollte. Weil sie von einem Wettbewerbe ausgeschieden war, dessenPreise so ungereimt und so zu Unrecht verwilligt wurden oder bestenfalls die schmähliche Marke der Vergänglichkeit und des Verfalles trugen. Wenn sie da einsprang, war das Absichtslose stets ihr Banner, ihre Geste und ihr Hohn. In ihren Verzichten — und diese waren bei ihr stets die Voraussetzung — lag ihr still geheimnisvolles Anrecht auf jene Männer, die sie durchschaut hatten, und darum verwand sie keiner.
Zwischen Dampfer und Barkasse drängte sich die Flut. Mariclée sah zu dem überfüllten Deck empor, von wo aus alle Blicke dem ziehenden Boote folgten. Schon zeigte man dort oben jene eigentümliche Neugierde der Passagiere für alles, was mit einer Landung zusammenhängt. Und bald genug entdeckte sie ihn, für den sie gekommen war, über das Geländer gebeugt und an seiner Seite die Möwe, die ihr zuwinkte. Aber Mariclée nahm keine Notiz von ihr und rührte sich nicht. Nur an der Unbeweglichkeit, mit der sie zu ihm hinstarrte, erkannte er, daß sie ihn sah.
Und der gewaltige Bau begann — scheinbar langsam — seine Straße zu ziehen und hob sich immer schärfer vom Himmel ab. Schön und furchtbar stand er jetzt über den Fluten getürmt. Es drängten sich immer mehr Wellen zwischen der Barkasse und ihm. Schon fing er an sich zu verkleinern, und mit einem Male beschleunigte er die Fahrt. Ja es war, als führe er geradewegs in die Sonne hinein, die wie ein goldenesTor mit weit geöffneten Flügeln am Rand des Ozeans stand. Da färbte sich das Meer und huldigte ihr mit gesteigerten Akkorden, und so umrauschte es die beiden Schiffe, die in der verklärten Luft einander entschwanden.
Aber Mariclée, unbeweglich am Maste gelehnt, hielt ihren Blick zu dem Manne emporgerichtet, der über dem Geländer gebeugt zu ihr niedersah. „Da zieht er hin!“ dachte sie. Und plötzlich preßte sich ein Gitter so enge um ihr Herz, daß es sich zwischen den eisernen Stäben krampfte und brach.
So endete ihr Tag. So trennte sie das Meer.
Allein das goldene Tor der Sonne ist zerflossen, und vor dem leeren Himmel erbleichte schon das Meer. Es ist der Abend des 30. September. Die Zeit ist um. Zwei Monate von Mariclées seltsamem Leben, so sagten wir, seien hier preisgegeben und der Vorhang weit davon zurückgeschlagen. Dann mag sie wieder ihres Weges ziehn.
Ende
Druck von W. Drugulin, Leipzig