Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat. Die zweite Glocke war längst ertönt.
„Wie spät ist es denn?“ fragte sie.
Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.
„Es ist noch früh,“ sagte er. „Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.“
„Ach, das macht gar nichts,“ sagte Mariclée und setzte sich gegen das Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne war es anders.
„Ja, danke,“ sagte sie, da er für sie sorgte. „Ich fange mit einem Pfirsich an.“ Sie hatte einen wahrenHeißhunger nach ihrer schlaflosen Nacht. „Aber verdiene ich zu leben, da ich nie weiß, wie lange es her ist? Wann bin ich hier gewesen? vor zwei Jahren oder vor zehn? Alles bleibt mir so lebhaft, nur zerrinnt mir die Zeit, hier hängt ein Bild anders als damals“, und sie deutete auf die Wand.
„Hören Sie noch von Chandieu?“ fragte sie weiter. „Was treibt er, und was ist aus ihm geworden?“
„Denken Sie,“ sagte Lord S., „er ist tot, er starb vor ungefähr einem Monat in der Schweiz. Wir hörten es erst kürzlich.“
„Tot!“ rief Mariclée. „Mein Gott! so jung! was hat ihm gefehlt? er ist tot!“ wiederholte sie bestürzt. Und jetzt hielt sie nichts mehr zurück: „Ich hatte seltsame Gespräche mit ihm,“ gestand sie.
„Was hat er Ihnen gesagt?“
„Er klagte über seine Nächte und forschte immer nach den meinen. Sie wissen, ich wohnte ihm gegenüber, und er schüttelte den Kopf, wenn ich ihm sagte, daß ich sie eine nach der anderen in größter Seelenruhe durchschlief. Aber ich weiß nicht,“ fuhr sie scheinbar zögernd fort, „ob es mir gestattet ist, von solchen Dingen mit Ihnen zu sprechen?“
„Aber natürlich! Wie kommt es, daß Sie zweifeln?“
„Man warnte mich, daß Ihnen Erörterungen überdiese Dinge nicht willkommen seien, und daß ich sie vermeiden sollte,“ rückte sie wieder unverblümt heraus.
„Wer hat Ihnen das gesagt?“
„Ich habe es oft gehört. Auch Chandieu machte mich darauf aufmerksam.“
„Chandieu hat vor seinem Tode das merkwürdige Geständnis abgelegt,“ sagte jetzt Lord S., „er habe in Glenford ein Gespenst gesehen und angesprochen.“
„Das hat er mir nie gesagt!“ rief Mariclée. Aber sie wollte sich der Mitteilung würdig erzeigen, indem sie kein zu großes Wesen daraus machte. „Glauben Sie denn an solche Sachen?“ fragte sie.
„Ich muß gestehen,“ sagte er, „ich habe nie eine Wahrnehmung gemacht, welche die Gespensterchronik dieses Hauses bereichern könnte.“
„Ach,“ sagte Mariclée, „sobald man diesen Dingen mit Worten kommt, tritt so viel Unsinn ans Tageslicht, daß sie zerfließen. Ob es an ihrer Wesenlosigkeit oder an der Plumpheit des Wortes liegt, das ist mir noch nicht klar. Aber eines wissen wir alle: Glenford besäße ohne seine Schauer nie einen so unerhörten Reiz.“
Er nickte. „Ich glaube es selbst; und was Sie über mich sagen hörten,“ fuhr er dann fort, „trifft nicht für mich, es traf nur für meinen Vorgänger zu. Solange mein Onkel lebte, blieben hier gewisse Fragenauf das bestimmteste unterdrückt, und er duldete nicht, daß man sie vor ihm debattierte. So wurde allerdings seine Abneigung für den Ton dieses Hauses bestimmend.“
„Im großen Ganzen sicher die richtige Haltung. Aber was hat Chandieu gestanden?“ Sie brannte darauf, mehr zu hören.
„Nichts, als was ich Ihnen sagte, und dies erst am Tage, an dem er starb.“
„Was hätte wohl Ihr Onkel zu einem solchen Geständnis gesagt?“
„Er hätte keine Notiz davon genommen. Hierin war er wirklich sehr eigen. Selbst wo er sich gezwungen sah, etwas zu konstatieren, ließ er es ohne Kommentar. So wollte er anfangs den Flügel für sich nehmen, in welchem Sie, glaube ich, wohnen, weil ihm dort die Aussicht am besten gefiel. Seine besondere Vorliebe galt dem gelben Zimmer.“
„Das in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene,“ unterbrach sie, „das in meines führt?“
„Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß esnur flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.“
Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt, als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die sie von jenem Zimmer schied . . .
„Wie grauenhaft!“ entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: „Wie lang ist es her?“
„O an die dreißig Jahre mindestens.“
„Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,“ versuchte sie zu scherzen.
„Sie haben ja gar nichts gegessen!“ sagte Lord S.
„Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,“ und sie erhob sich rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. „Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und ich will sie in der Halle erwarten.“ Damit ging sie zur Türe und sie trennten sich.
Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.
„Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich nicht nötig.“ Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen, und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.
Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst, die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis — und dies war nicht anzuzweifeln — im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische, noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. — Aber plötzlich riß ihr der Faden. „Ich habe ja noch zwei Nächte,“ dachte sie, „für diese langweilige Sippe.“
Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet, die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid, und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den Schultern saß.Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.
Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde Rehaugenstarrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien. Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war. Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter einem Zelt die alte Dame. „Ah!“ sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr am Boden, „ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine Viertelstunde hier rasten?“ Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. „Es war schön im Walde,“ sagte sie, „und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!“
„Ja, es ist ein finsteres Schloß,“ sagte die Alte.
„Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ja, das weiß ich ganz bestimmt.“
„Fürchten Sie sich da oben ganz allein?“ fragte die Alte, die das Fürchten nicht kannte.
„Nein,“ sagte Mariclée gedehnt und schüttelte den Kopf, „ich genieße es.“ Dann fügte sie hinzu, indem sie zu ihr aufsah: „ich wüßte gerne, ob Sie abergläubisch sind.“
„Ich grüße stets eine Elster, die einzeln vorüberfliegt: One for sorrow, Two for mirth, Three for a wedding, Four a birth“, rezitierte sie und nickte jedesmal mit dem Kopfe.
„Ich möchte gerne einen Mann ertappen, wie er gerade vor einer einschichtigen Elster den Hut abnimmt.“
„O Kind,“ erwiderte die Alte, „deshalb ist ein Ding noch lange nicht töricht, weil es sich mit einem Manne nicht wohl verträgt.“
Gibt es etwas schöneres, dachte Mariclée, wie so ein mütterliches, altes Weib?
Aber die Tochter hatte ihr Spiel beendet und Mariclée war wieder aufgesprungen, denn sie hatte nur Zeit, sich umzuziehen.
Zum Lunch erschienen zwei Fräuleins, Töchter eines gewesenen Botschafters, denen es das Leben nicht mehr recht machen konnte. Sie waren beide baumlang und nicht sympathisch. Die eine war ältlich, die andere noch leidlich schön, aber im Begriff zu verblühen. Mariclée wünschte der jüngeren einen Mann und beide zum Hause hinaus. Denn sie hatten sich in Amerika, dem letzten Posten ihres Vaters, einehöchst unangenehme Sprechweise angewöhnt, die auf die Nerven ging. Sie sahen Glenford zum ersten Male und kreischten vor Bewunderung bei jedem Stück, ja im großen Saale schrien sie wie am Spieß. Mariclée bekam starkes Herzklopfen von ihren Organen, sie war müde von ihrem Spaziergang und ihrer schlaflosen Nacht. Aber die beiden Damen wollten das Schloß ansehen der Länge und der Quere nach, nicht nur die Kapelle und alle Zimmer, sondern auch die Souterrains und alles Porzellan. Arbeit genug für zwei Stunden, aber sie führten einen großen Vorrat von Bewunderung mit. Lady S. fühlte sich plötzlich von Mariclée am Ärmel gezupft:
„Bitte, führe sie nicht in mein Zimmer,“ flüsterte sie, „bei mir liegt alles so herum,“ und sie schlich hinauf, warf sich auf ihr Bett und schlief sofort ein.
Als sie etwas verspätet zum Tee herunterkam, waren die beiden Damen noch da und der Quell ihrer Bewunderung sprudelte noch immer. Dafür trug die Miene der Frau des Hauses deutliche Symptome von Erschöpfung zur Schau. Mariclée konstatierte es mit Bedauern, aber ohne Gewissensbisse, denn sie war der Meinung, daß solche Leiden nicht besser werden, indem man sie teilt. Auch harrte schon ein Diener, mit Mänteln bepackt, im Hintergrund, die jüngere hatte einen kleidsamen Schleier über ihren weitläufigenFederhut geworfen und als sie sich jetzt wirklich erhoben und, wenn auch unter einem neuen Schwall von Worten, wirklich verabschiedeten und wirklich zur Türe gingen, war Mariclées Lächeln und ihr Händegruß von bezaubernder Wärme. Denn sie wünschte ja allen Menschen das Beste.
Die beiden fuhren durch dieselbe Allee von dannen, durch welche gestern Don Juan mit der schönen Herzogin entschwand. „Und jetzt Mariclée, ich bitte dich, gehen wir spazieren,“ sagte Lady S. Und sie nahmen ihren Weg durch die entzückenden Gärten; aber sie kamen nicht weiter als bis zum Fluß. Inmitten blauer Glyzinen, blauer Gladiolen, einem Dunstkreis langstieliger blauer Lavendel stand eine marmorne Bank. Hier machten sie Halt und hier vergaßen sie weiter zu gehen.
Mariclée hatte indessen wieder einen Plan. Sie starrte in den sinkenden Tag nur von dem einen Gedanken erfüllt: Wie lenke ich das Gespräch unauffällig auf das Exemplar? Er gehörte aber den Kreisen ihrer Freundin an, und er war in Glenford gewesen, seitdem sie ihn nicht mehr gesehen hatte: sie wußte es von ihm selbst. „Mein Gott!“ sagte sie, „was für ein blauer Abend, welch köstliche Stunde! Sieh diese blaue Libelle.“ Es ist doch so leicht, dachte sie, ich brauche das Gespräch nur auf gemeinsame Bekannte zu lenken. Allein sie mußte doch einen gewaltigenAnlauf nehmen, um seinen Namen zu nennen, denn sie hatte Angst vor dem, was sie jetzt hören würde; sie dachte nicht an seine Ehe, aber an seine Gesundheit; denn sie wußte, wie krank er war. Noch kein halbes Jahr war es her, daß sie auf der Welt nichts anderes wie englische Zeitungen las, um Nachrichten über seinen Zustand zu erfahren. Und durfte sie von einer Besserung lesen, so las sie bald darauf von einem Rückfall. Dabei konnte sie sich durch nichts anderes, als diese greulichen Blätter informieren: sein Zusammenbruch war unmittelbar nach seiner Heirat erfolgt und von seinen neuen Leuten, bei denen er todkrank darniederlag, kannte sie niemand. Jetzt erfuhr sie, daß er sich mit dem Haus eines der reichsten Herzöge Englands alliiert hatte, und mitten in ihre Spannung kam ihr das Lachen: Er war kein Snob, aber dies sah ihm so ähnlich.
„Jetzt geht es aber wieder vorwärts mit ihm?“ fragte sie.
„Ach nein! Man trägt ihn ja noch die Treppen hinauf.“
„Das kann doch nicht gut sein!“ rief Mariclée. „Er fuhr doch erst kürzlich nach London.“
„Es wundert mich sehr,“ sagte die Freundin, „daß er imstande war.“
Mariclées Herz hatte zu schlagen aufgehört. Und dann entstand in ihr ein betäubendes Brausen, alssetzten von allen Seiten viele dumpfe Glockenschläge ein, die ihr ganzes Innere erfüllten.
„Und ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt!“
Aber sie fragte nicht mehr. Sie wollte nichts hören. Am Sonntag würde er bestimmt wieder nach London zurückkommen. Er hatte es ihr ja geschrieben. Es ging ihm eben viel besser, als man es noch wußte. Daß es ihm so viel besser ging, war eben das Neueste. Sie ließ keinen anderen Gedanken in sich aufkommen.
„Was hast du denn in London getrieben? Im August?“ fragte die Freundin.
„Es war wirklich sehr heiß!“
„Und trotzdem fährst du jetzt wieder hin?“
„Vielleicht nur für einen Tag,“ erwiderte Mariclée errötend.
„Du weißt,“ fügte sie, nur um etwas zu sagen, schnell hinzu, „meine Pläne sind immer sehr unentschieden, ich weiß nie, was ich morgen tue, ich armes Kätzchen.“
„O, du bist gar kein armes Kätzchen!“
„Was? Ich tu dir nicht einmal leid?“ fragte Mariclée, die jetzt um jedes andere Thema froh war.
„Du tust mir kein bißchen leid, ich finde dich sehr beneidenswert.“
Mariclée riß die Augen auf.
„O bitte,“ sagte sie fast beleidigt, „so beneide michhalt. Aber du bist nicht anspruchsvoll, das muß ich schon sagen. Und um was, wenn ich fragen darf? Um die ganze Liste von Dingen, die mir versagt sind?“
„Vielleicht,“ entgegnete die andere, „ja vielleicht. Die anderen sind alle so absolut abhängig von diesen Dingen und du bestehst nicht nur ohne sie, nein, du bringst es sogar fertig zu balanzieren.“
„Was bleibt mir übrig,“ seufzte sie, „vom Seil zu stürzen, oder darauf zu tanzen.“
Aber die andere schüttelte den Kopf. „Was soll man dir wünschen?“ fragte sie. „Was möchtest du eigentlich?“
„Nichts,“ sagte Mariclée, plötzlich sehr ernst geworden. „Nichts, denn ich möchte alles und es würde mir nicht genügen, es zu haben, sondern ich möchte es behalten. Aber mein Bewußtsein der Zeit ist so akut, daß ich sie immer höre, und wie mit hundert Augen überall sehe, wie alles der Reihe nach, ihrer Strömung weicht und von ihr fortgerissen wird, so daß ich mich schon fragte: wie halten es die Glücklichen aus?“
Mariclées Freundin war eine gescheite Frau, die ihre nachdenklichen Anwandlungen hatte, aber solche Exkurse waren ihr zu deutsch. Wenn Mariclée anfing, solche Fäden auszuwerfen, verlor sie die Geduld.
„Ich wünsche dir einen Mann,“ sagte sie, „du solltest jetzt wirklich bald heiraten.“
Mariclée, immer bereit einzulenken, rollte ihren Faden wieder auf und warf ihn beiseite.
„Aber ich brenne doch darauf,“ versicherte sie. „Nur ist es müßig. Ich werde so wenig einen Mann ziehen, wie das große Los. Paß nur auf.“
„Deine Einstellung auf den Haupttreffer ist aber auch nicht glücklich, ich habe dir immer gesagt . . . .“
„Dabei gefalle ich euch ja so gut.“
Mariclée lachte, aber zugleich trieb es sie wieder ihren Gedankengängen zu. „Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben,“ sagte sie. „Das ist’s. Denn die Dinge, die in meinen Kopf nicht hineinwollen, sind die, welche sich von selbst verstehen und die andere gar nicht zu lernen brauchen; die Begrenzung in der Liebe, so einfache Rechenexempel z. B. wie Einen Mann zu lieben, glaubst du, ich brächte mir das bei? Entweder istkeinMann der Liebe wert, oder ich will nicht sagen viele, aber doch eine gewisse Anzahl. Gesetzt nun, ein recht annehmbarer, ja sagen wir sogar un parti inespére, hätte ein Heim mit mir gegründet — weißt du, auf wen ich heute eifersüchtig wäre? O mit nichten auf andere Frauen, die ihn fesseln würden, sofern sie reizend wären.“
„Du weißt nicht, was du daherredest,“ unterbrach sie die Freundin.
„Bitte sehr, ich habe meinen Abnormitäten das exakte Maß genommen und ich weiß es; ich wäre nicht auf andere Frauen eifersüchtig,“ wiederholte sie, „und um so weniger, je reizender sie wären, aber auf die liebenswerten Männer wäre ich eifersüchtig, die ich indes kennen gelernt hätte, und denen ich kein unverkürztes Interesse zuwenden dürfte, weil ich doch an den einen gebunden wäre. Denn das Gebundensein, das ists! Das ist das Todesband, das uns an alle Endlichkeiten knüpft. Die Befriedigung, das Lustgefühl, niemandem zu gehören, ist aber so überbietend, daß man ebenso übermächtig daran hängen kann, wie ein anderer am Genuß. Es ist jammerschade, daß keine Vergleiche möglich sind. Ja, es frägt sich, wer mehr zurückbehält, der alle Dinge auskostet, oder dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen. Auf seiten des Verzichtes liegt nur leider das Odium der Moral, aber man wird bald dahinter kommen, daß er nicht Sache der Tugend ist, sondern der Liebhaberei, genau wie das Klettern, ein Sport, dem des Fliegers vergleichbar, der vom Boden losgerissen, auf der Luft dahinzieht. So ist der Wüstling für den andern, wie der andere für den Wüstling, ‚l’ingénu‘.“
Sie hatte sich während dieses Monologes weit zurückgelehnt und sah zum Abendhimmel empor.
Und was zog da unversehens, jedoch zu ihrer Rechten,am Horizonte auf? Es war der Mond, den sie zum ersten Male in seinem neuen Kreislauf gewahrte. Die halb gefüllte Scheibe noch kaum erkennbar, da es noch tagte. Mariclée war leider, wir dürfen sie nicht besser machen, eine unendlich abergläubische Person, die blindlings alles glaubte, was man ihr sagte. So hatte sie einmal gehört, und glaubte seitdem erprobt zu haben und war überzeugt, daß man den jeweiligen Mond zuerst von links erblicken müsse, um Zeit seines Verlaufes günstiger Tage gewärtigen zu dürfen.
Sie gingen wieder durch die Gärten zurück, die Sinne vom Duft der vielen Blumen benommen. Der Hauch entschlafener Rosen aber zog noch weiter, fernab der Beete, durch die still gewordene Luft bis zu den großen Rasenflächen vor dem Schlosse, und wie magisch zu den paradiesischen Bäumen hingezogen, die dort standen, und aus deren undurchdringlichem Gezweig der matte Ruf der Turteltauben unaufhörlich drang. In dieser holden Welt ragten Glenfords Mauern, rauh und unversöhnlich, die fahle Front wie in sich selbst versunken, und die schaurigen Fenster noch untröstlicher und böser, wenn sie in der Abendsonne blinkten.
Übergehen wir die folgende Nacht, und sehen wir am nächsten Nachmittag nach unserer Heldin, als sie,selbst einem flüchtigen Schatten nicht unähnlich, in die Halle glitt, und zu ihrer heftigen Bestürzung einen Brief, in der Hand des Exemplars, liegen sah. Dies konnte nur Schlimmes bedeuten, denn er schrieb nie, wenn er anders konnte, und niemals, um zu schreiben. Daß Mariclée eine große Anzahl Briefe von ihm besaß, dankte sie einzig dem Umstand, daß er sich nicht entschließen konnte, die ihrigen zu missen. Allerdings konnte es geschehen, daß er nur ein paar Sätze, wie auf einen Anlauf hin und aufs Geradewohl geschrieben, an sie gehen ließ, allein sie wußte, daß es etwas Unerhörtes für ihn war, einen Briefwechsel mit irgend jemand aufrecht zu erhalten, so daß sie sich mit solchen Notsignalen begnügte. Heute aber hatte er keinerlei Veranlassung, sie wagte kaum seinen Brief zu öffnen und zögerte, bevor sie ihn las. Und es war, wie sie befürchtete. Er hatte einen Rückfall erlitten und fragte nun, ob sie es möglich machen könnte, ihre Pläne umzugestalten, und in vierzehn Tagen in London zu sein. Bis dahin glaubte er bestimmt dort eintreffen zu können.
Mariclées erster Gedanke war ihre Wohnung. Sie stand ihr nur für den Monat August zur Verfügung, wohin würde sie ziehen?
„Mariclée! Maricleia!“ rief es draußen. Es war die Freundin, die im Wagen zu einer Ausfahrt auf sie wartete, um noch eine Plauderstunde mit ihr zuhaben, denn für den Abend waren Gäste erwartet, und der morgige Vormittag kam, nicht mehr in Betracht. Mariclée eilte hinaus und stieg mit heiterer Miene zu ihr ein. Im Erleben von Enttäuschungen hatte sie schon früh eine bemerkenswerte Routine erlangt und die soeben empfundene saß zu tief, um mir nichts dir nichts emporzutreiben. Auf der Rückfahrt aber, als plötzlich ein klagender Wind über die Farren hinwehte, und ein großes Rauschen den Wald erfüllte, den sie eben hinter sich ließen und die halb gefüllte Mondesscheibe langsam über die dunstumwobenen, blauen, bläulichen, violetten Fernen aufzog, die nach dem Meer zu wallen schienen, da dachte Mariclée an das heiße, rußige London, nach dem sie nun umsonst gefahren war, zu dem sie nun umsonst zurückfuhr, an den einzigen Zweck ihrer Fahrt, deren Erfüllung sich immer mehr hinausschob, immer unsicherer zu werden drohte, sie dachte wie wenig Geld sie hatte, und daß keine Aussicht war, diese Reise nochmals zu unternehmen, falls sie fehlschlug, und mit einem Male mußte sie schnell über etwas lachen, um die allzu nahen Tränen zurückzudrängen.
Aber auch die Freundin schien nachdenklich geworden:
„Ich weiß nicht, was dich um diese Jahreszeit in London halten kann,“ sagte sie ganz unvermittelt,„und ich frage dich nicht, aber bist du dort wenigstens gut aufgehoben?“
„Ich habe mich entschlossen, gleich nach Irland zu fahren, und erst im September länger in London zu bleiben,“ erwiderte Mariclée, die erst sehr rot und dann sehr blaß geworden war. „Es ist jetzt doch zu heiß.“
„Sieh dann in mein Haus. Es ist zwar geschlossen, aber die Lage ist viel angenehmer, und man weiß doch, wo du steckst.“
„Ich danke dir sehr,“ sagte Mariclée. Sie war stumm vor Freude. Ein schönes Haus in einer schönen Umgebung. Aber davon lebte sie ja!
„Das wäre also abgemacht. Du steigst bei mir ab. Es ist mir eine Beruhigung.“
„Liebst du mich denn?“ fragte Mariclée schüchtern.
„Ich bin dir wirklich sehr ergeben,“ erwiderte die Freundin.
Sehr, spontan, doch nie sentimental, gebot sie über keinerlei Gefühlsvokabularien und ihre Gestalt — eine der schönsten ihrer Zeit —, die nie das Mittelbare eines Bildes, sondern stets, selbst in der Bewegung wie eine Statue wirkte, war das getreue Abbild ihrer Seele. Auch um diese konnte man ringsherum gehen, nirgends war sie Larve oder Wand, nirgends eingekeilt. Sie besaß sich ganz, doch ohne sich zu kennen, denn über die Form ihres Geistes war viel mehr zu sagen,wie über ihre Intellektualität, und Mariclée hatte viel von ihr gelernt. Sie entwarf jetzt drollige Schilderungen ihrer Melancholien in dem großen Mietshaus — empfand sie es doch stets als eine Befreiung, wenn sie sich selbst zum besten haben konnte — mußte aber dabei des schönen Knaben gedenken, der, einen finsteren Lift auf- und niederziehend, seine Tage dort vertrauerte. Denn er war hilfbereit und dabei flink wie ein Page zu ihr gewesen, hatte ihr beim Packen geholfen, ihre Koffer geschlossen und zugeschnallt, ihre Schlüssel gefunden und sie zur Eile gemahnt, so daß sie ohne ihn nie rechtzeitig zur Bahn gekommen wäre. Sie erzählte nun von ihm, wie leicht er sicherlich seinen Dienst in einem großen Hause erlernen würde und wie dekorativ er sei; denn sie hätte ihm gerne zu einem besseren Dasein verholfen. Die Freundin riet ihr aber, ihn erst zu verhören und dann seinen Namen der alten Haushälterin zu geben, die ihr Haus in London bestellte und ihn wohl unterzubringen wüßte.
Auch Mariclées letzte Nacht möchte der kluge Leser sicher lieber übergehen. Er setzt voraus, daß sie die Lichter doch wiederum nicht löschte. Dennoch müssen wir ihr noch einmal auf ihr Zimmer folgen.
Ihre Nachtwache eröffnete sie diesmal damit, daß sie den Brief des Exemplars beantwortete, aber statt ihm gelassen, wie er sie fragte, zu erwidern, artete ihr Brief in eine wilde, unordentliche Epistel aus.
„Ich bin der lebende Monat März,“ brach sie sehr unnötigerweise aus. „Immer Knospen haltend, die mir verkümmern, gleich immer einen neuen Büschel, kaum daß mir der eine in der Hand verwelkte. Ach, ich bin es müde. Ja, ich werde in London sein. Ich habe ja nur mir selbst Vorwürfe zu machen, ich weiß es wohl,“ fuhr sie fort, „und meine Klagen sollten nur Ihrer Krankheit gelten, von der ich so wenig weiß, und auf die ich nie eingehe, weil Sie mir nie davon sprechen.“ Aber dann schrieb sie ihm: „Sie wissen, wie sehr ich es hasse, mich in einem Zimmer wiederzufinden, das ich schon einmal bewohnte, weil es mir wie ein Spiegel ist, in dem ich mich wohl oder übel selber konfrontieren muß. Ich war mir selbst hier auf der Lauer, und dabei erschien mir das Wesen, das ich damals war, zarter, feiner, durchsichtiger und edler, als das Wesen, das ich heute bin. Denn ich habe zwar die alten Ängste wiedergefunden, von denen ich Ihnen erzählte, und über die wir uns oft zusammen unterhielten, doch ohne ihr Gefühl. Denn ich liebte, ja ichliebtejene Grauen, und wenn auch nicht der Mut, so lebte doch in mir der Wunsch, ein leidenschaftliches Begehren, mich ihnen anheimzustellen; ich empfand, welche Schmach es sei, sich vor dem zu fürchten, was man selbst über Nacht zu werden bestimmt ist, aber ich bin stumpf und tot für sie geworden, die ich ihnen doch indes um viele Tage nähergerückt, und näher bin dem Tage, der mich zu ihnen gesellen wird. Ach! warum,“ brach sie wieder ab, „sind Sie immer krank!“
Und obwohl sie wußte, daß er einen so fassungslosen Brief nur mißbilligen würde, und wie wenig er angezeigt war, schrieb sie dennoch dahin. Denn die Nächte in diesem Zimmer hatten ihr recht zugesetzt und sie war nicht mehr auf ihrer Höhe.
Als von dem leeren Gange draußen zwölf Glockenschläge erdröhnten, warf sie die Feder hin und erhob sich. Nur noch einige Stunden, dann war es Morgen. Und plötzlich warf sie sich vor ihrem Bette längs der maskierten Türe hin, rang die Hände und eine Flut von Tränen entströmte ihren Augen. Und sie tat den Schwur, falls sie ein drittes Mal in dieses Haus einkehren würde, jenem Schatten, der, wie sie zu fühlen glaubte, nur auf eine Möglichkeit lauerte, auf sie loszustürzen, mit dem alten Mitgefühl, ja wie mit bräutlich geöffneten Armen zu stehen, und wenn es etwas wie eine Hilfe gab, etwas wie diese Hilfe zu sein. Nur heute flehte sie gleichsam zu ihm selbst. Nur heute kann ich es nicht, denn sieh! mein Geist ist solchen Dingen zu sehr abgewandt, und zu sehr auf ein Leben gerichtet, das, immerwährend gefährdet, alle Spannung meiner Seelenkräfte erheischt und „heute ist nicht meine Stunde“.
Mariclée hatte eine Art, sich den „Dingen“ gegenüberengagiert zu fühlen, und einsehen gelernt, daß in ihr das Leben nicht wohl eingedämmt war, sondern an irgendeiner schadhaften oder eingerissenen Stelle immerwährenden Einlaß für jede Strömung beließ, und sie hatte entdeckt, daß es viel weniger warm in ihr pulsierte als ihr Herz. Ob auf Grund eines Defektes oder einer Qualität, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie wußte, daß sie das Leben auf eine etwasgeisterhafteWeise vergötterte, und sie glaubte den okkulten Dingen, welche sie doch scheute, sich nicht entziehen zu dürfen, infolge der Schatten, von welchen sie selbst wie befleckt war.
In dieser Nacht kam sie auf einen Gedanken zurück, der uns noch zu sagen bleibt. Sie hatte einige Bücher vom Fach genommen, sie mit ihrer Schreibmappe und ihrer Nähschachtel aufs Bett gebracht, und sich häuslich darauf niedergelassen. Dies war bei ihr nichts Sonderliches. Ein Bett, das von ihr bezogen wurde, gewann sehr leicht den Anstrich eines Wohnzimmers, die Bücher lagen wie auf einem Tische darauf verstreut, und man konnte sich zwar denken, daß hier jemand schlief, sofern er einiges beiseite rückte, doch nur so nebenbei. Heute aber wollte ihr kein einziges zusagen, und sie fühlte sich außerstande, zu lesen, die Geschichte des toten Hundes und Chandieus Geständnis fanden mit einem Mal eine Resonanz und einen Nachdruck, die sie ganz erfüllten.Sie sah den armen, irr gewordenen Hund entsetzten Auges auf die Türe starren, schäumen und sich sträuben. Doch was ihr am lebhaftesten dabei vorschwebte, war die Fülle, das köstliche, begehrenswerte Element, das in seinem aufgescheuchten Blute, und seinem lodernden Blick den kurzen, aber alles überbietenden Triumph beging. Er war längst tot, dieser lebenbehauptende Hund, viel toter als das neidisch lechzende Gespenst, dessen Welt ihm so ewig fremd bedünkte. — Denn in der Tat: wie sänftiglich war der Gedanke an den zu Staub zerfallenen Hund, und wie erweiterte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier im Tode, der sie doch gleicherweise schlug. „Tod, wo ist dein Stachel?“ schlug da, grell wie eine Flamme, der Sinn jener versteckten Frage in ihr auf. Sie griff zur Bibel, zu müde, sie zu halten, entfiel sie ihr. Doch ihr Geist trieb jetzt, wie von Fittichen getragen, heimischen Bereichen wieder zu. Wenn sie dem Leben gegenüber stets etwas wie im Nachteil sich befand, so durfte sie dafür so stille Buchten des Gedankens in sich bergen, daß sie, die so kümmerlich Umfriedete, stets die Gesicherte und Gerettete war.
Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und Schale vorzunehmenwaren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen, konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl. Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase, und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade, zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis, sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben, hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus „herausschälte“, der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes, absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schienihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht diezweiGesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen, daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern zurück. — Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten, während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand.Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund, das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau, der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr, weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.
Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu einer kleinenKomplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte, und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen. Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen.Es gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war, fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen Neugier: „Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?“
Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das „o nein!“ der Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber nicht wiederholte.
„Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,“ bemerkte sie, nur um etwas zu sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.
„Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,“sagte die alte Dame, „der Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.“
„Aber ich bin doch kein Kind!“ rief Mariclée ganz verzweifelt. „Sehen Sie, es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen, Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann nicht dulden . . . .!“
Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen, der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte. Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die Suche nach ihr zu gehen.
„Gottlob, da ist sie,“ rief die Tochter.
„Ah! da sind Sie!“ rief die Mutter, „warum entwischten Sie uns. Wir hatten Sie ganz verloren! Wo steckten Sie denn?“
„Ich habe nur schnell mein Billet geholt,“ sagte Mariclée, und weil auch für den geringsten der Tage, ein ausgeworfener Würfel steht, drehte sie sich jetzt selber den Strick.
„Ich bin wirklich sehr gescheit gewesen,“ gestand sie mit einer kindlich neckischen und noch dazu recht falschen Vertrauensseligkeit, „da ich immer alles verliere, nahm ich mein Billet nur bis zur Station, an der ich umsteigen muß,“ (mein Gott, warum erzähle ich das? dachte sie) und fügte im schwankenden Tone hinzu, „denn ich verliere es doch und so verliere ich es nicht.“
Diese ebenso unnötige wie stupide Mitteilung fand die verdiente Wirkung:
„Aber mein bestes Kind, was für ein Gedanke! das ist ja ganz verfehlt! Sie können doch nicht dreimal unterwegs an den Schalter laufen, um eine neue Karte zu lösen, Sie riskieren ja Ihren Anschluß zu verfehlen. Geben Sie her!“
Und schon war sie ihr entwunden und dem Schaffner überreicht, um schleunigst umgetauscht zu werden. Er kam gleich wieder zurück, denn es war jetzt höchste Zeit und der Schalter schon leer.
„Sie schieben das Billet in Ihren Handschuh, so können Sie es nicht verlieren,“ mahnte die Alte.
„O da ist keine Gefahr,“ erwiderte Mariclée, sich selber vergessend „was schulde ich Ihnen?“ fragtesie den Schaffner mit gottergebener Miene. Dann umarmte sie die Damen, dankte ihnen und stieg ein. Im letzten Augenblick lief noch eine ladysmaid mit einem Kistchen Pfirsichen herzu, öffnete eilig den Schlag und stellte es in ihr Kupee. Die Freundin hatte ihre Vorliebe für diese Frucht wahrgenommen, und es für sie verpacken und in den Wagen bringen lassen, woselbst Mariclée es dann vergaß. Nun aber war nicht mehr zu spaßen. Ihre Türe wurde hastig zugeworfen und der Zug setzte sich in Bewegung. „Schluß!“ dachte Mariclée und fiel auf die Polster zurück.
Sie erwog jetzt, ob es nicht ratsamer wäre vor ihrer Londoner Wohnung, in die sie doch nicht mehr zurückkehren würde, nur vorzufahren, ihre Koffer aufzunehmen, und noch gleichen Abends nach Irland weiter zu fahren, vollzog einen Kassensturz, und saß ganz in Gedanken, als der Schaffner mit respektvoller Miene bei ihr eintrat, um ihr den ersten bevorstehenden Wagenwechsel zu verkünden. Er teilte ihr gewissenhaft mit, was auf ihrem Zettel stand und was sie schon wußte, trug ihre Sachen in ein anderes Kupee und blickte von Zeit zu Zeit, wie zu einer Gefangenen, zu ihr hinein, als wollte er sich überzeugen, daß seine hohe Schutzbefohlene noch am Leben sei. Er gestattete ihr auch keinerlei Gefährten und hielt sie scheinbar für zu vornehm, um mit anderen Reisendenin Kontakt zu treten. Als er sie dann zum zweiten Male in einem leeren Wagen installiert hatte, trat er mit einer Verbeugung vor und meldete, daß er selbst zwar nicht mehr weiterführe, statt seiner jedoch sein Kamerad Sorge für sie tragen würde.
Mariclée hatte zu viel Humor, um ihm nicht den Lohn einzuhändigen, den er von einer so hochgestellten Persönlichkeit erwarten durfte, und verabschiedete ihn mit einem herablassenden Kopfnicken. Kaum war er abgetreten, als schon die neue Wache aufzog, und zwei interessant aussehende und sehr typische englische Herren, die bei ihr einsteigen wollten, zurückhielt. Mariclée war sehr enttäuscht: es hätte ihr solche Kurzweil bereitet, sie im stillen zu beobachten und zu studieren. Sie war stets voll Interesse für Menschen, die sie nicht zu kennen brauchte, betrachtete sie mit reger Anteilnahme für ihre Schicksale und ihr Sein, ohne doch je durch eine Miene ihre Spannung zu verraten, und so ganz Publikum verbleibend, daß die von ihr also Dramatisierten wie Bühne und Zuschauerraum distanziert blieben. Es ging ihr mit den Menschen wie mit den Bergen, deren Umrisse in der Ferne oft so viel verlockender sind, und die man so mysteriös ausmalen kann, solang man ihren räumlichen Weitschweifigkeiten und ihren rauhen Furchen nicht zu Leibe rückt. Allein ihre neue Wache nahm es nicht minder genau wie die vorige, und hielt siestreng isoliert. Sie mußte an den Kaiser von Österreich denken, von dem sie gehört hatte, daß ihm die Briefe nie zukamen, die ihm geschrieben wurden, und endlich verkürzte ihr der Schlaf ihre teure und langweilige Fahrt.
Ruß und Hitze lasteten noch schwerer auf London als vor einer Woche. Der Hansom, den Mariclée an der Bahn genommen hatte, stand schon stille und noch immer war sie unschlüssig, was sie tun würde, stieg aus, ließ den Wagen warten, und trat ins Haus. Ein Brief vom Botschaftsrat stellte ihr den ersehnten Einlaß ins Parlament für nächsten Montag in Aussicht und da solche Vergünstigungen in Anbetracht der Suffragetten mit jedem Tage seltener wurden, gab er ihr den Rat, die Gelegenheit nicht unbenützt zu lassen, um so mehr als die nächste Sitzung sehr stürmisch zu werden versprach; er schlug ihr, der Zeitersparnis halber vor, selbst um Mittag auf die Botschaft zu kommen (sie brauchte nur quer durch den Park zu gehen), bis dahin würde ihre Karte ausgefertigt sein, sie könnten zusammen essen, ein Museum besuchen und von dort aus, er in seine Kanzlei,und sie nach dem Parlament fahren; alles so recht nach seiner Art, ganz programmäßig eingerichtet. Mariclée entschloß sich zu bleiben und zog hinauf. Sie fand ihr Zimmer in bester Ordnung und bestellte sich Tee, teils weil sie einen zu nehmen wünschte, teils um eine etwas anheimelndere Atmosphäre zu schaffen. Aber kaum hatte sie sich eine Tasse eingeschenkt, als wieder ein Pfiff die Stille unterbrach und ein telephonischer Fernruf an sie erging. Sie stürzte hinaus, verlangte den Lift, und da er nicht gleich in die Höhe zog, ließ sie sich nicht Zeit, auf ihn zu warten, sondern fing an die steile Treppe, die sonst nur die Leute benutzten, hinunterzulaufen, ohne zu bedenken, wieviel schneller sie doch der Lift, auch wenn er sich einen Augenblick verspätete, die vier Stockwerke hinunter brächte. Schon war er auf ihr Geheiß hinaufgeschnellt und schwirrte pfeilschnell wieder hinab, indes sie ihre Stufen dahinstürmte, und doch nicht vorwärts zu kommen glaubte. Es war wie in einem Traum: immer eine neue steinerne Windung vor sich, die Treppe, die nie ein Ende nahm, und ihre Ungeduld — denn sie wußte: nur Einer konnte auf den Gedanken gekommen sein, nach ihr zu rufen, nur Einer wußte von ihrer heutigen Rückkehr.
Das Telephon war in der Halle, ohne Deckung, nahe am Eingang und höchst unpraktisch angebracht. Es standen Leute herum, und von draußen tönte allerStraßenlärm herein. Mariclée nahm das Rohr und nannte, ein wenig atemlos, ihren Namen. Eine fremde Stimme bat sie einen Augenblick zu warten und dann klangseineStimme zu ihr hin.SeineStimme! Diese Stimme, deren Klang fast aus der Welt verklungen, verhallt und fast vergessen, sie nun wieder bis ins Mark durchdrang; ihre Bänder waren nicht zerrissen, fest zusammengefügt zu jenem verwöhnten, melodiösen Organ, vor dem ihr jetzt schwindelte, und das tausend Erinnerungen in ihr wachrief, als läge sie im Sterben! Ach, wie hätte Mariclée da auch vernommen, was er zu ihr sagte?
„Ich verstehe Sie nicht!“ rief sie angstvoll in die Tube. Und jener gemeinsame Bekannte fiel ihr ein, der sie gefragt hatte:
„Ist er schon tot?“
Ha! nichts von Tod, nichts für ihn von solcher Schmach! Er war nicht gestorben. Dies warseineStimme! O wie sie lebte!
„Ich verstehe Sie nicht!“ rief sie von neuem.
Mochte sie immer ferne dieser ihrer Heimat, in der ihr Herz gleichsam wie angekommen in sich selber rasten durfte, mochte sie trauernden Fußes immer ferne von ihr irren, — wenn dieser Mann nur lebte! — Wenn die Schale, in der die Elemente seines Wesens wie zu einer Götterspende, köstlich gemischt zusammenflossen, nur nicht zerbrach, wenn er nur lebte!
„Ach, ich kann Sie nicht verstehen!“ rief sie und vernahm jetzt deutlich, wie er sagte:
„Es ist umsonst!“
Und statt schnell zu rufen: Ich höre Sie jetzt, schwieg sie, denn ihr Hirn war wie ausgelöscht. Sie lauschte, doch er war verstummt; da hing sie das Rohr wieder ein, wandte sich ab und zog wieder in ihre Wohnung hinauf. Noch lag Sonne über dem grasigen Hofe, vor ihrem Fenster, und die Kirche, deren rauhe, ungefeilte Gotik auch die Jahrhunderte nicht glätten und verfeinern konnte, tat ihr in der Seele weh. Vorm Kamin stand noch das Tischchen mit dem Teegeschirr, allein beim Anblick der gefüllten Tasse durchschauerte sie Ekel, und sie blieb am Fenster und starrte in das Tageslicht, von Bitterkeit gesättigt.
Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen mußte schondran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!
Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.
„Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,“ sagte er, „die Suffragetten sind schuld daran.“
„Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine Karte nicht gut angesehen.“
Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wanktenicht. Sie bestand auf ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief: Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.
„But Madam,“ rief er, „I would only be too happy if I could oblige you.“
Man denke! — sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen, seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen undallgemeingesprochen, die Stellung der „Dame“ jeder Tradition entbehrt.
Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr, niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.
Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der nichtige Klang des Wortes „Tagebuch“.
Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.
Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog. Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:
„Kann ich etwas für Sie tun?“
Und er erwiderte: „Ich bin unglücklich in diesem Hause.“
Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreibenund steckte den Zettel zu sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen Kirchleins auf immer assoziiert.
Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen (einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr aufgelöst.
Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet siewar, erhob sich sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen, starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten, jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an, als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter, das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.
Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. „Ich brauchte ja keines,“ sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlug.
„O!“ rief sie, „das ist nicht recht.“
„Es war eine andere Dame da,“ sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu:
„Was kosten denn die Handtücher?“
„Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,“ dröhnte die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend, nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent ein regelrechtes Exordium an:
„Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht umder Tücher willen, aber ich habe keine andere Dame nicht gesehen.“ Sie sagte es wie einen frommen Vers herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je weniger Worte je besser. „Wieviel macht es?“ fragte sie nochmals. Aber so schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr. „Wahrlich, wahrlich,“ hub sie mit lauter Stimme an, „ich bin arm und geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.“ Und es klang, als sagte sie: „Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.“
O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich, daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. „Wechseln Sie mir,“ sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn. „Schnell,“ sagte sie, „wechselnSie sofort.“ Die gottesfürchtige Alte lief mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. „Der Zug wird gleich abfahren, wir haben Verspätung,“ sagte ein Matrose.
„Ich warte auf die Stewardin.“
„Sie haben kaum Zeit,“ bedeutete er.
„Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,“ sagte sie, und lief die Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.
„Es sei höchste Zeit,“ erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte, ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht verfehlen. „Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,“ erklärte er.
Da nahm sie ihre Tasche und schleppte sie selbst.
Der Zug stand vor ihr, sie hatte nur ein paar Schritte zu gehen und weil sie voll Schmerz über ihren eingebüßten Dukaten war und überhaupt nichts mit der Menschheit mehr zu tun haben wollte,machte sie am äußersten Ende ein leeres Kupee ausfindig, hob mit einiger Mühe dort ihre Tasche hinein, und wollte eben selbst einsteigen, als sie ganz erbärmlich ausglitt. Sie wußte nicht, daß in Irland die Stufen zu den Eisenbahnwagen tiefer, statt höher, als der Boden gesetzt sind, und nun war sie so unglücklich gestürzt, ihr Fuß so böse zwischen die Stufe und die Versenkung geraten, daß sie sich weder rühren, noch ihn hervorziehen konnte. Er lag wie in einer Falle, und buchstäblich auf die Folter gespannt, sobald sie sich bewegte. Alles lief geschäftig hin und her, doch wie meilenweit von ihr entfernt, und ohne ihrer zu achten. Sie wagte einen verzweifelten Ruck, da glitt ihr Vorderfuß nur noch tiefer hinab. O Gott! dachte sie voll Entsetzen, noch einen Augenblick und er bricht. Es war aus. Das Exemplar immerdar zu verfehlen, mit einem gebrochenen Fuße hier zu stranden, dies war ihre Bestimmung, dazu war sie herübergekommen und damit konnte sie nach Deutschland zurückhinken. Es kam niemand ihr zu helfen, wer half ihr je? Ein drohendes Knacken, ein unerträglicher, ein giftiger Schmerz; sie glaubte die Besinnung zu verlieren; — in dieser Sekunde, was sage ich? diesem Bruchteil einer Sekunde, fühlte sie sich von rückwärts unter beiden Armen gefaßt, leicht und geschickt auf die Beine geholfen und mit heilem Glied der gefahrvollen Klemme entzogen. Sie wollte ihren Retter erkennen,aber dort rannte er schon, einen letzten Koffer zu heben, ein Bürschlein, fast ein Kind, angewiesen Trägerdienste zu leisten. Sie wollte ihn einholen, aber sie konnte kaum auftreten, geschweige denn laufen, ein Schaffner gab ihr ein warnendes Zeichen, halb stieg, halb kroch sie in den Wagen, ihre Türe wurde zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung.
Sie hatte ihren Fuß ausgestreckt und saß da wie betäubt, denn sie konnte es noch immer nicht fassen. Es dünkte ihr so unwahrscheinlich, so wunderbar, daß sie gerade in jener Sekunde äußerster Not, und zwar nicht früher, auf daß sie ihrer Drangsal voll bewußt werde, vor dem Schlimmsten verschont geblieben war. Eine heiße Röte stieg in ihr auf, indem sie ihres unbelohnten Retters gedachte, der wie auf ein höheres Geheiß auf sie zuflog, ohne zu wissen was er tat — sie aber wußte wohl, was sie ihm dankte. Sie bedurfte hiezu keines Arztes, ein gesunder Instinkt hatte sie im Moment der Gefahr nur zu hellsichtig gemacht und ihr die Eventualitäten bedeutet, denen sie nun entronnen war. Aber warum eine solche Fügung zu ihren Gunsten? Wo lag der Grund? der Sinn? den Sinn wollte sie haben! Es war alles zu deutlich, zu kraß für einen Zufall gewesen, warum hatte dies nicht geschehen, ein solcher Ruin ihrer Pläne und Hoffnungen sie nicht treffen dürfen? Sie überdachtees noch einmal, rekapitulierte alles von vorn. Warum war es so gekommen? Ja warum? Sie zermarterte sich das Gehirn und konnte es nicht finden.
Draußen zog ein neues, ungewohntes, erstaunliches Land an ihr vorbei, eine wilde, geheimnisvolle Gegend, deren Seele sie befremdete. Ein Bediensteter trat bei ihr ein, meldete, daß ein Speisewagen im Zuge sei und fragte, ob sie zu essen wünsche. Sie starrte ihn verwundert an. Was träumte dieser Mensch?! Essen?! Ja richtig, solche Dinge gab es auch. Aber sie schüttelte den Kopf. Nein. Das störte sie jetzt. Erst mußte sie diese Geschichte ihres Sturzes ins reine bringen. Also wie war es? sie dachte an das Exemplar. Da lag ihr Fuß, zwar mächtig in Schwellung begriffen, aber heil, nicht gebrochen; er bedurfte keines Chirurgen ihn einzurenken, kein Knochen war zersplittert. Denn dies hatte ja nicht sein dürfen. Und als es im Begriff war dennoch zu geschehen, mußte just etwas anderes geschehen dies eine zu verhindern. Aber warum denn? den Sinn wollte sie haben; und Mariclée stieg immer tiefer in ihrem Bewußtsein hinab. Hast du selbst nicht immer geholfen? sagte es ihr. Warst du nicht, ohne zu fragen, ja blindlings, zu helfen immer bereit? und schlug hier nicht, nach dem Gesetz aller Dinge, ein Pendel, so wie er anschlug, und genau wann er mußte, wieder zurück?Denn warst du nicht selbst in jenem rettenden Knaben, der ohne zu fragen dir zu Hilfe kam, und unbelohnt dir enteilte?