Sein Fuß trat in die Splitter.
Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie? Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort – fort – –
Die – die – – –
Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?
Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.
Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.
* * *
Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule.
Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde.
Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.
Brauche ich jemand von – früher?
Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch Kameradinnen um sich gehabt hatte.
Jetzt – – wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr – ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! – – Aber es zehrte an den Nerven.
Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten, zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei.
Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch – wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.
Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es ging, wichen sie Christiane aus. Nurdie Jong, Doktor Korn und der junge Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken hatte.
Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die Kleinstadt, die schon abfärbte?
Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her zischelten und die Köpfe wendeten ... die Spießbürger! – –
Jetzt läutete es draußen.
Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich wieder.
Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer. Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und verborgen spöttischen Blick.
Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann – was tat man mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und Bilder, über Geschichten und Märchen.
»Märchen –!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares, kaltes Gesicht.
»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«
»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich immer ein Märchen zu hören.«
»Und das gefiel dir nicht?«
»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«
»Woraus schließt du das?«
»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.«
»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane, »und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.«
»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund.
»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch, die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in seinem Herzen – – und dann ist es auch wahr –«
Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.
»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.
»Du, wir wollen einmal in den Garten.«
»In den Schulgarten?«
»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«
Das Kind horchte auf.
Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt schloß Christiane eine eiserne Pforteauf, an der schon manches Kind in den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte es. Da waren grüne Wipfel.
Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor der verschlossenen Pforte gestanden hatte.
Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume, die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein Tempelchen aus Birkenstämmen – uralt. An der Seite störten ein paar Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das Parkstückchen.
Mein Klostergarten, dachte Christiane.
Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer gemalt, auf dem Odysseus segelte.
Hanni guckte.
»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.
Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden.
Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.
Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit hervorgezogen hatte.
»Ich will was tun,« sagte sie.
Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.
Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um Stäbchen.
* * *
Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.
Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging.
Ein Rendezvous – nein, das überließ sie den Ladenmädchen und Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil – der Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte.
Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst.
Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt – wenn es doch würde – der Triumph – das Glück!
Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu einer Aussprache mit ihr bliebe.
Ach ja, das war es.
Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.
Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben, wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt.
Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder – nichts.
Und jetzt – dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu machen. Und wenn er sich versetzen ließ – nach dem Westen oder nach Kiel – dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner, der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken kommen.
Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig – sie sah ihn schon dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer ähnlich sah, war mit.
Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein gnädiges Fräulein – –«
Sah sie an.
Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort ein Tier auf.
Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau.
Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.
Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus.
Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald – sogar die leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die Blätter.
Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski.
Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die ihre. Er kam näher an sie heran.
Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen in glitzernden Streifen da und dort.
Es war ganz und gar einsam.
Er kam noch näher an sie heran.
Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage, behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen – – und sie so kühl – –
»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal wieder streng zu sein.
Aber er hörte nicht darauf.
Jetzt sei ja das Eis gebrochen.
Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der Weg sei nur kurz und sehr schön – –
Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele. Sie sah ja, wie verliebt er war.
Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon langenicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und zartgelbe.
»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«
Es war sehr poetisch.
Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden.
Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai, liebliche Mai – nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr –?«
Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.
»Mai –« bettelte er.
Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte scharf auf das, was er sagen würde.
»Nein,« sprach er, »so – nicht.«
Er schien nachzusinnen.
»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide –«
Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle Hindernisse ihrer Verlobungen – hier war keiner vorhanden! Der Assessor war ganz unabhängig.
Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.
»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen – – jetzt kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper – Musiknarr, der ich nun einmal bin – da möchte ich also gehorsamst vorschlagen – begegnen wiruns – dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde. Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen – – auch der Winter und die Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so entzückend zart – liebes Fräulein Mai – Herzkönigin –«
Er stockte.
Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen.
»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«
Sie wandte sich um und ging.
Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch –? Stürzte er ihr nicht voller Reue nach – –?
Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es waren lauter Goldstreifen.
Aber er kam nicht. Er holte sie nicht ein. –
Wütend trat sie aus dem Park heraus.
Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den Jahren um die Füße geworfen worden – sie hatte sich in keiner verfangen.
Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹ ausfüllten, sie müßte zu haben sein!
Der Schuft!
Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür – kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?
Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer – ach herrje, da war ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen, daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.
Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte Haar – nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man an, daß sie die – Mutter dieser köstlichen Mädchen war – sie hätte gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein seidenes Kleid aus dem Schrank genommen – es war noch nicht bezahlt. Aber sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen wollen.
Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr altes Milieu zurückdrang.
Die Mutter fragte Mai gleich: »Wieheißt er?« denn sie hatte den Namen vergessen.
Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß, merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.
Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in ihm getäuscht, er hat nur – nur – anbändeln wollen – –«
Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie hatte auch ihre Erfahrungen.
Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur – vielleicht läßt sich noch etwas machen –«
»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft – der Schuft – so hat er's angefangen –«
»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die Sache sehr schlimm –«
»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder – wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden –!«
Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie.
»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer fürdich. Für deine Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte doch – Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat sehr geweint.«
Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie wußten Bescheid.
Draußen klirrte es. Was war denn –? Ach – Kaffeekränzchen bei der Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.
»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst bekommen.
Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen teilnehmen. Es sei alles reichlich da.
Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und der großen Weinbeertorte in der Mitte.Die war vom Konditor, ebenso die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst verfertigt.
Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die glasklaren Früchte und die Marmelade – ja, die war gut geraten! Eben war die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in die andere eine Gurke – jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine Rücksicht!
Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam überall etwas.
Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.
Die kleine Wehrendorf saß still dabei.
Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur derHusten besser und das erste Jahr vorbei wäre. Dann – dann – wieder kam Ada der ungeheure Traum von der eigenen Stube.
Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren damals alle verkauft worden.
Sie schrak zusammen – ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt – sie wußte über die Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.
Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, die Torte wurde ganz schmal – es schmeckte allen sehr gut.
Nun waren sie satt.
Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert die Tortenplatte noch einmal hin – die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein an – die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum – alle dankten.
Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank auf – man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen – und packte alles sorgfältig hinein – für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine Schaufel und kehrte Krümelchenum Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die Decke – ein schönes Muster – und darüber gelegt den feinen Läufer – die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.
Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die Art und Weise ihrer Schneiderin.
Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut – ach, wo waren die Träume wieder hin!
Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten, was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem – ja, die Gläser reichten nicht!
»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur Weingläser.«
»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.
»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen –« Sie griff in den Schrank.
Die Seifert machte eine kritische Miene – nein, Frau Dorreyter sprang schon nach den Wirtschaftsräumen.
Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen? Nein, es reichte.
Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläseraus dem Warenhause, nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen Brautschatz der Freiin von Rhane.
Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der kleinen Wehrendorf.
Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein. Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich auch dagegen sträubten.
»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen –«
Dann stießen alle an.
»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.
»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.
Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.
Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert. Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada saß ganz erschrocken vor dem Wunder.
In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.
Es war der einzige ihres Lebens.
Der kam von dem feinen, singenden Kristall.
Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.
Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.
»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen– du weißt doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.
»Dann müssen sie noch dort liegen –«
»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.
Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.
»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.
»Woliegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.
»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der Gärtnerei.«
»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen liegen sicher noch da – –« Sie flüsterte mit den Töchtern.
Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen die Töne auf – alle horchten – das klang schön –! Es war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut –« Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht –«
Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch ganz frisch.
Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die –?«
Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht – –«
Auch Mai sang mit.
Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.
Es kam Fräulein Haberkorn.
Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu munter geworden waren.
Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.
Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauterStimme von ihren letzten Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste Mal.
Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann konnte sie noch mehr fertig bringen!
Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht, daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.
»Frau Geheimrat warsehrliebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich, ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«
»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.
Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.
»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.
»Was wissen Sie?!«
Alle waren hochgespannt.
Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.
»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken, liebe Mehlmann?«
»Nein,« erwiderte die verlegen.
Fräulein Haberkorn wußte es auch so.
Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr Likörchen an und goß ein.
Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie dort erlistet hatte.
Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«
»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.
»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.
Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen doch gut Freund.«
»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. EinenMann!«
Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.
»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.
Die Haberkorn zuckte die Achseln.
»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.
Die anderen schwiegen.
Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise, wie sie gradezueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.
Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.
Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.
Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.
Dann ging Ada schlafen.
* * *
Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers. Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.
Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren – Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege noch weiter ausdehnte?
Sie sann lange darüber nach.
Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen. Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war förmlich finster gegen alles Weiß.
Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.
Er war schon eine Weile fort.
Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln – mit ihren Nerven war es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.
Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.
»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie miteinander nicht.
Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.
Da lief er im Walde herum.
Mochte er.
Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben aufgebaut war – sie spürte, daß sie zitterte.
Nur Ruhe –! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein – das war ja genug.
Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.
Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben saß. Wo war sie übers Jahr – –?
O, was war denn das – was war denn das – –?
Sie starrte wieder hinaus.
Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.
Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, acht Wochen, und der Winter war vorbei.
Warum fürchtete sie sich?
Sie saß doch so warm.
Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den Flur und rief ihn an.
»Wie siehst du aus,« sagte sie.
Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.
Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter:wie alt war er denn schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.
Ja, und was hatte er gehabt?
Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt. Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit selber. – – Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war. Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm gegenüber gezeigt hatte – aber dann spürte sie: es war etwas anderes, sein Sinn war bei etwas anderem – er machte sich nichts mehr aus ihr.
Und bald hatte sie Klarheit gehabt.
Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm, ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas darin – sie überlas die Zeilen – ja, sein Herz war darin!
Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie von einer Last erleichtert – sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie hatte genug getan!
Nun konntesiefordern!
Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind größer wurde.
Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.
Nun also – was wollte er noch?
Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.
Die Gartentür klirrte – es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.
Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. –
Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes,Dr. phil.
Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. Na, den wollte er sich ansehen.
Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht. So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg das Glück seiner Zusage.
Jetzt kam der Reformoberlehrer.
Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder eine Teutonische Wucht, noch eineSpießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz weltmännisch aus.
»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen Augen im Gesicht forschend.
»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,« erwiderte Ludwig.
»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden – wenn ich nicht sehr irre. – Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war zuletzt in Thorn Major vom Platz.«
»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor – bis jetzt hatte er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war – Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie ein verstecktes Mißtrauensvotum war – im Reutterschloß sollte die Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!
Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.
Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.
»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«
»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart.»Leider sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine Schwester Schauspielerin.«
Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen sagte.
»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes –«
»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren Stimmfärbung.
Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer Dinge wegen weggemußt.
Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr Doktor war vermutlich Abstinenzler.
Er sah ihn mit leiser Ironie an.
Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?
Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.
Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.
Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken lassen.
Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und seinen Werken.
Der antwortete zurückhaltend.
Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.
Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.
Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor nicht, trotz seiner Reformen.
Bartelmes verabschiedete sich. –
Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich, zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.
Ludwig erzählte von dem Besuch.
»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«
»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«
Sie sah ihn ruhig an.
»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«
Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden war.
Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon. Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei und häkelte.
Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet auchjetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.
Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen. »Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.
Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die Augen.
Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes Zimmer.
* * *
In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen Lauscherposten aus.
Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend anerkannte – auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht, aber die hatte ja immer Pech.
Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie mansich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden hatte –, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.
Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.
Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte – jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer ›Die Kindesseele –‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich – es war doch ein schöner, edler Beruf!
Sie fühlte sich glücklich.
Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit begonnen hatte – er hatte es gemacht, nicht sie.
Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen Fremden doppelt wiegen.
Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie weit es reichte.
Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.
Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.
Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.
Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die ›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten Felder der Phantasie?
Denn er war ein Phantast.
Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern konnten – er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.
Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
* * *
Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien hatte er ein interessanteres Thema angefangen – jetzt horchten schon mehrere darauf.
Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz zufällig.
Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche – für Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklaresGenie zu sein schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt kommen.
Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt augenblicklich bedeutete.
Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.
Christiane sah ihn überrascht an.
»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«
»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«
Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.
»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er langsam, während sein Blick etwas nach unten strich – und Christiane begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie gestiegen, wie ihre Entwicklung war – grade aus dieser Verbindung heraus!
Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein, und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern –
Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade – –?
Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.
Er war nie weit entfernt von ihr.
Sie sahen sich an.
In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer Partie grade recht gewesen.
Er schien aber nicht daran zu denken.
Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.
Sie kannte den Blick.
Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das innere Festgehaltensein.
Ludwig! Ludwig!
Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.
Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger Tauwind zog darüber.
Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.
»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«
»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.
»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, wassieschafft?«
»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen ein solches Fünklein entdecken könnte – blasen und blasen würde ich – aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«
Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.
Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«
Sie nickte schwer.
»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«
»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie sich als Bruder dazu?«
»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich – möchte es nicht hoffen. Ich – glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut muß sein. Grade hier.«
Er bog sich ihr zu.
»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das Reutterschloß.«
Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht sichtbar wurde.
Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den Knopf und klingelte.
Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm die Hand.
»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.
* * *
Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen Schaden anrichten.
Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten war ihr Schönstes.
Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie eigentlich gar nichts für sich alleinhaben. Alles mußte dem Zwecke dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.
Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl: es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder – er will nur wieder spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht sie sich.
Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.
Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.
Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann empfinden kann.
Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.
Dann hörte sie Kinderlärm.
Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten darauf. Sie lachten.
Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut fertig.
Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel – Funke und Funke – –?
Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?
Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten Kindern eben wirklich ein Werk sah.Heimlich hatte es schon oft in ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen erwarteten –! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.
Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und denken: hu, so möchte ich nicht sein.
Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen. Alle, alle werden es besitzen.
Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen, leichtbeschwingten Dinger.
Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen würde.
Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht werden, die sie war.
Vielleicht nie und nirgends.
Sie war in einer Sackgasse verrannt.
Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte Kultur – das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere verfiel.
Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische,manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er nicht.
Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes in sich vereinten – war es nicht das, was sie Jahre und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?
Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen mit erleben wollen – sie wäre eine kostbare Teilhaberin geworden!
Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.
Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.
In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.
Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.
Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr Herz.
* * *
Um zwölf Uhr – das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die weiche, dicke Luft – guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut auf.
Da kam es von rechts und von links.
Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten Spruch.
Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.
»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem anderen.«
»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre höchstens zärtlich hinterhergestapft – wenn er nicht noch rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!
Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des Doktors.
Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.
Jeder im Schnee.
Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.
Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!
Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!
Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.
Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch nicht wieder in die Stadt gekommen.
Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.
Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.
Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«
Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.
»Ich werde es mir überlegen.«
»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«
Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.
»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.
Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet, und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich – – vielleicht – zu rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.
Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.
Da sah sie in Bartelmes Augen.
Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.
Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir sehr leid – ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen also, wenn ich – fehle.«
Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.
Sie war doch nicht zu – schön.
Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.
* * *
Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.