Hinweise zur Transkription

Unten fuhr der Wagen vor.

Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar Tagen abends gewandert war.

Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah sie die einsam blühende Linde.

Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die Trauergesellschaft.

Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen.

Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen.

Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sieauch weiter nicht. Leise war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren, ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger.

Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein, freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht heran.

Der Sarg versank.

Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft der Stadt wischte sich die Augen.

Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm. Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren. Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst verschollenen Potsdamer Tag denken.

Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum gesehen.

Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen. Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es – doch – wärst du's! Sie war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war.

Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen.

Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren wiedergesehen hatte, so hattenihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen sie für immer untergegangen war.

Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer für immer gelöscht und verzehrt.

»Du gehst nun fort?« fragte sie.

»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.«

Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen. Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit einiger Wucht gefahren zu sein.

Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre. »Du –« murmelte er.

Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte.

Nebenan weinte die Mutter.

Draußen verging der Sommertag.

Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand.

»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie.

»Ja,« sagte er.

Sie wußte genug.

Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr wiedersehen.

Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen – es gab ihm Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder lebendig werden.

Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor den riesigen slawischen Feldern um – sie gab ihm die Hand, küßte Hanni und stieg in den Wagen.

Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.

Sie winkte ihm leise zu.

Das war ihr Abschied. – – –

Spät abends kam sie in ihr Haus – drei Stunden war sie durch den Wald gefahren.

Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen ihre Entwürfe.

Ach ja, ihre Entwürfe.

Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an.

Sie ging ans Fenster.

Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen, goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte.

Ihr Herz schlug hart und stark.

Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich.

Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk. Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen Landes, eisige Einsamkeiten.

Die gehörten ihr. Nur ihr allein.

Sie ging hin und her.

Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor.

Schauer überrannen sie und verrannen.

Sie holte tief Atem.

»Der Abend allein ist das Beste.«

Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.

Im Verlage von Carl Reißner erschien vonJuliane Karwath

Die drei ThedenbrinksEin Kleinstadtroman

Katharyna HolerbeckRoman

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten:gesperrt,Antiqua.

Der Schmutztitel wurde entfernt. Eine Seite mit Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite28:"." eingefügt(Sie schauerte und träumte.)

Seite30:"Ueberall" geändert in "Überall"(Überall Augenkranke.)

Seite35:"Schrit" geändert in "Schritt"(Da endlich ein Schritt auf der Treppe)

Seite43:"." eingefügt(Der Abend allein – – dachte Christiane.)


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