Dritter Vorgang.

Dritter Vorgang.

Im Saale herrscht Halbdunkel. Die Lichter sind verlöscht bis auf einige auf dem Kronleuchter und ein einziges auf dem Christbaum. Vorn in der Nähe des Ofens am Tisch, den Rücken dem Nebenzimmer zugewendet, sitzt Wilhelm, die Ellbogen aufgestützt, sichtlich versunken in dumpfe, trostlose Grübelei. Robert und Frau Scholz betreten gleichzeitig die Halle, aus dem Nebenzimmer kommend.

Frau Scholz(Mit Zeichen der Erschöpfung, in gedämpftem Tone redend): Ne, Junge! — mach ok nich Geschichten! Jetzt — ma weeß nich hin, nich her. — Wenn’s nu was Schweres is, was d’nn dann?

Robert: Du bist ja doch nicht allein, Mutter!

Frau Scholz: Aber sag mer nur! das kann doch nich Dein richt’ger Ernst sein! Das ist ja überspannt! Wo willst Du denn jetzt mitten in der Nacht blos hin?

Robert: Wenn’s weiter nichts is! alle Augenblicke gehen Züge — und fort muß ich! — Diesmal kann ich’s wirklich nicht mehr aushalten — überhaupt — ’s ist für uns Alle das Beste!

Frau Scholz(weinerlich): ’S war immer so hibsch in den letzten Jahren. Ich sag schon — nu missen die wieder kommen! Seit die Buchners hier sind, is’s wieder mal reen verdreht, Alles.

Robert: Sei froh, daß Du die hast, Mutter!

Frau Scholz: I, daß hätt’ ich ganz gutt selber machen können.

Robert: Ich denke, er leidet niemand von uns um sich —; Vater —?!

Frau Scholz(weinend): Accurat, als wenn ich ihm was Böses gethan hätte — und dabei bin — ich — doch gewiß — immer — diejenige gewesen . . . . ich hab gewiß immer mei’ Bestes gethan — sei mal gerecht, Robert! — Ich hab ihm sein schönes Essen gekocht — er hat seine warmen Strümpfe gehabt . . . .

Robert: Ach laß doch das, Mutter! — was hilft das end—lose Lamentiren?!

Frau Scholz: Ja, das sagst Du! — Du hast gut reden! — aber wenn man sich abgerackert hat sei’ Leben lang — man hat sich e’ Kopf zerbrochen, wie man’s und wie man’s blos recht macht — und nu’ kommen fremde Menschen, und die werden vorgezogen!

Robert: Ida ist immer noch bei ihm?

Frau Scholz: Eine wildfremde Person — ach ich möchte schon lieber garnicht mehr leben — und dieser Lump! — dieser Friebe! — dieser Lump! — wie der sich blos aufspielt! — Gustel hat’s ihm aber gesteckt! — Auguste hat ihm die Wahrheit aber ordentlich gesagt! — Dieser Kerl erdreistet sich — er hat sie geradezu aus dem Zimmer hinausgedrängelt. Das Mädel war außer sich. — Und das is nu seine Tochter . . . . ne . . . wißt er Kinder: was ich in meinen Lebenschon ausgestanden habe! — ich mecht’s Keenem wünschen.

Robert(unwillkürlich, mit einem kleinen Seufzer): Vater auch!

Frau Scholz: Was —?

Robert: Nichts. — Vater auch sagte ich nur.

Frau Scholz: Wie denn?

Robert: Na — Vater hat doch auch manches ausgestanden.

Frau Scholz: Na meinswegen gewiß nich. Mich hat er nich sehr gemerkt. Ich bin gewiß anspruchslos.

Robert(skeptisch): — ’tja! — ’tja! — ’tja!

Frau Scholz: Wart’ nur, wenn ich wer’ im Grabe liegen — da werdt’er dann schon einsehen . .

Robert: Ach, Mutter, laß doch nur; — das hab ich ja schon hundertmal gehört.

Frau Scholz: Mag’s doch! Ihr werd’t’s schon noch emal einsehen — und paß uff — in gar nich langer Zeit.

Robert: Ach Mutter, ich bestreite ja doch garnicht, daß Du mancherlei gelitten hast — unter Vater — Ihr habt eben Beide gelitten. Ich begreife garnicht, weshalb Du mir das . . . .

Frau Scholz: Dummes Gerede! — was hat ihm denn gefehlt, möcht ich wissen?

Robert(unüberlegt): Wenn Du’s durchaus wissen willst: Verständniß!

Frau Scholz: Ich kann mich nicht klüger machen, wie ich bin.

Robert: Das hat ja auch kein Mensch verlangt. — Ueberhaupt . . . . es ist ja überhaupt Unsinn noch viel davon zu reden.

Frau Scholz: Na nu hört’s ganz uff —(weinend)nu bin ich am Ende noch gar Schuld, daß er krank darnieder liegt, nu . . . .

Robert: Das sag ich ja gar nicht.

Frau Scholz: Das hast Duwohlgesagt.

Robert: Ach Mutter . . . .! Ich gehe lieber — ich . . . . Mutter, ich kann wirklich nicht mehr.

Frau Scholz: Nein! — ich möchte wissen — was ich mir vorzuwerfen hätte — ich habe ein gutes Gewissen.

Robert: Das magst Du behalten das magst Du auch meinethalben in Gottes Namen behalten! —(abwehrend)bitte — nicht mehr!

Frau Scholz: Die Geschichte mit dem Gelde meinst Du wohl?

Robert: Ich meine gar keine Geschichte.

Frau Scholz: Meine Eltern haben’s sauer verdient — welche Frau wird sich das gefallen lassen? — Dein Vater schmiß es geradezu zum Fenster naus.

Robert: Aber Dein Onkel betrog Dich drum.

Frau Scholz: Das konnte man nich wissen.

Robert: Und Vater war gut zum Wiederverdienen?!

Frau Scholz: Er hätte sich eben so gut verspeculiren können.

Robert:(lacht bitter.)

Frau Scholz: Ich bin eben ’ne einfache Seele— der Vater war eben zu vornehm für mich. — Seine Mutter hatte och so was Vornehmes. Aber mei’ Vater war früher bluttarm — in mir steckt eben das Armuthsblutt! Ich kann mich nich anders machen. Na meinswejen — die paar Jahre wird’s wohl noch gehen. Der liebe Gott wird mich schon bei Zeiten erlösen.

Robert: Von Gott erlöst sein möchte man lieber!

Frau Scholz: Pfui! das is e’ Hallunke, der das sagt. Ach —: von Gott erlöst sein — da nähm’ ich mir ne Nadel und stäch mer se — hier — in’s Herze — in die Rippen. Wie scheußlich is das: von Gott erlöst sein! Wo wäre ich blos geblieben, wenn ich meinen Gott nich gehabt hätte. — Willst Du d’nn wirklich fortgehn, Robert?

Robert(schon auf der Treppe): Ach schweig schon, Mutter! Ruhe brauch ich — Ruhe.(ab)

Frau Scholz: Je ja! — je ja, — Ihr macht ein’n’s Leben nicht leicht!(zu Wilhelm, der wie am Anfang noch immer antheillos am Tische brütet.)Nu denk’ Dir blos an —: Robert will fort!

Wilhelm: Meinethalben!

Frau Scholz: Sag mer nur —: wast sitzt Du denn immer so? das nutzt ja nischt, Du! — sei doch nur vernünftig!

Wilhelm(seufzt tief auf): Ach, ja!

Frau Scholz: Das Seufzen nutzt gar nichts! sieh mich an! — ich bin alt — wenn ich mich hinsetzen wollte, wie Du . . . . Was geschehn ist, istgeschehn. — Das ist nu mal nicht zu ändern. Hörst Du! lies was! — steh auf, nimm Dir ’n Buch und zerstreu Dich!

Wilhelm(seufzt): Ach, Mutter! — laß mich doch nur machen! — ich störe ja doch Niemand! . . . . Ist Friebe vom Arzt zurück?

Frau Scholz: Nein, eben nicht. Ich sag ja schon, wenn man mal ’n Arzt nöthig hat, da is gewiß keiner zu finden.

Wilhelm: Es ist bedenklich, nicht? — Ob es überhaupt noch mal werden wird?

Frau Scholz: Gott, ja! wer kann das wissen!

Wilhelm(starrt seine Mutter an, läßt plötzlich wild aufschluchzend die Stirn auf die Hände sinken).

Frau Scholz: Ja, ja, mein Junge —: wer hätte das gedacht?! ich will ja nicht sagen . . . . ich will ja Niemand die Schuld zuschieben — aber zanken hättet Ihr Euch doch heute nich grade wieder brauchen — na — ma muß eben’s Beste hoffen. — Er phantasirt ja nu wenigstens nich mehr. — Wenn Ida doch nur ja nichts versähe! — unser eins hat doch hundertmal mehr Erfahrung. — Warum kann er denn zu Ida freundlich sein!? — Ich beiße doch och nich! . . . . Ida is ja sonst ’n sehr ’n liebes Mädel is sie ja wirklich. — Und Du nu erst!(ihm auf dem Scheitel klopfend)Du kannst den lieben Gott schon danken — da kannst Du lange warten, bis Du wieder eine, wie Ida, findst! . . . . . . .(vorsichtig, vertraulich). . . . Sag’ doch mal — sind die Buchners — gut situirt?

Wilhelm(aufbrausend): Ach, laß mich zufrieden! — wie soll ich das wissen! — was geht das mich an!

Frau Scholz: Was is denn da weiter?! — ma’ wird doch ’mal fragen können — Brummbär Du!

Wilhelm: Ach, Mutter — verschon’ mich! — wenn Du eine Spur von Mitleid mit mir hast —: verschon’ mich! . . . . bekümmere Dich nicht um mich — verschon’ mich!

Frau Scholz: Na ja doch, ja! — ich bin Euch eben überall im Wege. — So ’ne alte Frau, die is höchstens noch gutt zum anranzen.

(Auguste und Frau Buchner hastig aus dem Nebenzimmer.)

Auguste: Mutter!

Frau Scholz: O Gott! was denn?

Auguste: Friebe ist eben gekommen.

Frau Buchner: Friebe hat keinen Arzt mitgebracht.

Auguste: Der Vater hat ihn gefragt, und da hat er gesagt . . . .

Frau Buchner: Er will keinen Arzt!!

Auguste: Er schimpft so furchtbar — er will ihn zur Thüre nauswerfen.

Frau Buchner: Friebe will nicht noch ’mal gehen.

Auguste: Sprich Du doch nur noch ’mal mit Friebe!

Frau Buchner: Ja, sprich Du mit ihm! es ist doch dringend nöthig, daß . . . . . . . .

Auguste: Ein Arzt muß kommen — sonst lauf’ ich selbst, ich fürchte mich nicht, und wenn ich bis Friedrichshagen laufen muß.

Frau Scholz: I warum nich gar! — jetzt mitten in der Nacht — wart’ nur, wart’ — laß mich nur machen!(Frau Scholz, Frau Buchner und Auguste hastig zurück ins Nebenzimmer.)

Frau Buchner(kaum verschwunden, erscheint wieder. Schon bevor sie abging, hat sie ihren Blick verstohlen und kummervoll mehrmals auf Wilhelm gerichtet, der immer noch stumm und düster auf seinem Platze verharrt. Ein Blick überzeugt Frau Buchner, daß, außer Wilhelm und ihr selbst, Niemand zugegen ist. Hastig zuerst, dann mehr zögernd, nähert sie sich Wilhelm.)

Wilhelm(hat ihre Annäherung bemerkt, hebt den Kopf): Was w… wollen Sie? ich — habe Ihnen — ja doch — Alles vorher gesagt.

Frau Buchner: Aber ich wollte es Ihnen nicht glauben. — Ich konnte mir das nicht vorstellen.

Wilhelm: Und jetzt glauben — Sie es?!

Frau Buchner: Ich — weiß — nicht . . . .

Wilhelm: Weshalb belügen Sie mich? — sagen Sie doch — getrost, — ja. — Daß es so kommen mußte, war ja . . . . es war ja so lächerlich selbstverständlich. — Wie habe ich mich nur so können verblenden lassen!

Frau Buchner(mit Fiebereifer): Wilhelm! ich halte Sie heute, wie damals, für einen guten und edlen Menschen. Ich versichere Sie: nicht einen Augenblick lang habe ich an Ihnen gezweifelt. Auchjetzt, wo mir auf einmal so angst und bange wird . . . .

Wilhelm(erhebt sich, holt tief Luft ein, wie Jemand der Beklemmungen fühlt): Es ist mir nur . . . . ich wußte es ja längst und doch . . . . . .

Frau Buchner: Ich komme zu Ihnen, Wilhelm! — ich sage Ihnen offen . . . . es ist auf einmal so über mich gekommen. — Ich sorge mich auf einmal so entsetzlich um Ida.

Wilhelm: Ich muß gestehen . . . . . . nur gerade jetzt — —

Frau Buchner: Ich weiß ja, Sie lieben das Kind. Es kann sie ja auch Niemand inniger lieben! — Ich weiß, Sie werden mit allen Kräften streben, meine Tochter glücklich zu machen. An Ihrem Willen wird es nicht fehlen, aber nun . . . . nun habe ich so mancherlei . . . . nun habe ich so viel gesehen hier und — erfahren. Da ist mir vieles . . . . . vieles von dem, was Sie mir früher gesagt haben, erst verständlich geworden. Ich verstand Sie nicht. Ich hielt Sie für einen Schwarzseher. Ich nahm Vieles gar nicht einmal Ernst. Mit einem festen, frohen Glauben kam ich hierher. Ich schäme mich förmlich. Was habe ich mir zugetraut! Solche Naturen wollte ich lenken, ich schwache, einfältige Person! — Nun wankt Alles. Ich fühle auf einmal meine furchtbare Verantwortung: für mein Kind, für meine Ida bin ich doch verantwortlich. Jede Mutter ist doch verantwortlich für ihr Kind. RedenSie mir zu, Wilhelm! sagen Sie mir, daß Alles noch gut werden wird! Sagen Sie mir: wir werden glücklich! —: Sie und Ida. Beweisen Sie mir, daß ich unnütz Furcht und Sorge habe,Wilhelm! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wilhelm: Warum — haben Sie’s — soweit — kommen lassen? — Ich habe Sie gewarnt — und gewarnt. Was habe ich Ihnen gesagt? ich habe gesagt: wir Alle . . . . wir Geschwister . . . . daß wir unheilbar kranken . . . . . vor allem ich . . . . daß wir an uns schleppen. — Binden Sie Ihre Tochter nicht an einen Krüppel, — habe ich Ihnen gesagt. — Warum haben Sie mir nicht glauben wollen?

Frau Buchner: Ich weiß nicht. Ich weiß das selbst nicht.

Wilhelm: Nun haben Sie mich eingeschläfert, mein Gewissen beschwichtigt, — und jetzt — halb toll bin ich geworden vor Glück. — Ich habe Augenblicke durchlebt — durchkostet —! und auch andere wieder . . . . . . Die furchtbarsten Kämpfe meines Lebens — und nun — verlangen Sie . . . . nun man muß zusehen, — vielleicht, ja vielleicht . . . .

Frau Buchner: Wilhelm! ich verehre Sie! — ich weiß, daß Sie am Ende doch jedes Opfer bringen. Aber Ida . . . . wenn es für sie zu spät ist . . . . wenn sie daran zu Grunde geht!

Wilhelm: Warum haben Sie mir denn nicht glauben wollen? — Sie wissen nicht — was michdas jetzt kostet. Stufe um Stufe mühsam gebaut habe ich mir — ach, so mühsam! so mühsam! . . . Dies Haus hier lag hinter mir. — Gerettet war ich fast. — Nun hat es mich wieder hereingerissen . . . Warum mußten Sie es nur so weit kommen lassen? warum . . . . . .

Frau Buchner(unter Thränen): Ich weiß nicht! ich weiß das selbst nicht! ich habe das Kind erzogen. Es ist mir Alles in Allem gewesen; an seinem Glück zu arbeiten ist auf der Welt mein’ einziger Beruf gewesen. — Nun kamen — Sie in unser Haus. — Ich gewann Sie lieb. — Ich dachte auch an Ihr Glück, ich . . . . . Das hätte ich vielleicht nicht thun sollen . . . . Ich dachte vielleicht eben so sehr an Ihr Glück — und — wer weiß? — am Ende — zu — allermeist — an —IhrGlück(einen Augenblick lang starren Beide einander bestürzt in die Augen).

Wilhelm: Frau Buchner!!!

Frau Buchner(das Gesicht mit den Händen bedeckend, wie Jemand, der sich schämt, weinend ab durch den Treppenausgang).

Wilhelm(thut mechanisch ein paar Schritte hinter ihr drein, steht still, sucht seiner inneren Bewegung Herr zu werden, muß sich aber plötzlich, von Weinen geschüttelt, an der Wand stützen.)

Ida(ihr Gesicht ist bleich, ihre Mienen drücken Ernst und Besorgniß aus. Sie tritt leisen Schrittes zu Wilhelm, umfaßt ihn und drückt ihre Wange an die seine): Ach, Willy! sieh’ ’mal: es kommen trübe und — es kommen — nicht, Willy? — es kommen auch wieder helle Tage. Werwird sich gleich so . . . . . so ganz und gar muthlos machen lassen.

Wilhelm(leidenschaftlich stammelnd): Ida! — Einzige!! — Liebste!! — Süße — wie soll ich denn nur . . . . . wie sollt ich denn nur jetzt leben ohne Dich? — Deine Stimme, Deine Worte, Dein ganzes süßes, wunderbares Wesen, Deine Hände . . . . . . Deine milden, treuen Hände.

Ida: Denkst Du ich? — Denkst Du ich möchte leben, ohne Dich? — Nein Du! — wir wollen uns umschlingen und nicht los lassen — fest — fest — und so lange es so ist . . . . . .

Wilhelm: Ja, ja! — aber — wenn’s nun ’mal anders würde?

Ida: Ach, sprich nicht so!

Wilhelm: Ich meine ja nur . . . . man kann doch nie wissen . . . Eins kann sterben . . . .

Ida: Ach, wir sind jung.

Wilhelm: Wenn auch. — Einmal kommt’s doch auch — alt werd’ ich so wie so nicht.

Ida(heiß): Dann umarm’ ich Dich — dann drück’ ich mich an Dich — dann geh’ — ich — mit Dir.

Wilhelm: Ida! — das sagt man so. — Das thust Du doch nicht.

Ida: Das thue ich!

Wilhelm: Du denkst Dir das jetzt so — Du weißt nicht wie schnell man vergißt.

Ida: Ich könnte nicht athmen ohne Dich!

Wilhelm: Das bildet man sich ein . . . .

Ida: Nein, nein, nein, Wilhelm! . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wilhelm: So zu lieben — wäre aber — sogar eine Thorheit. Man wird doch nicht alles aufeineKarte setzen.

Ida: Ich — versteh’ Dich — nicht ganz.

Wilhelm: Nur so . . . . ich . . . . sieh’ ’mal(in ärgerlichem Tone). Ach, Du! — das Thema ist unerquicklich! . . . . . . wie geht es Vater?

Ida: Er schläft jetzt — aber was hast Du denn nur?

Wilhelm(umhergehend): Das kommt so — man weiß nicht wie.(Plötzlich knirschend)— Es giebt Momente, sag’ ich Dir . . . .! wenn einen die Wuth der Verzweiflung übermannt . . . . . in solchen Augenblicken kann ich mir denken . . . . in solchen Augenblicken kommt’s dazu, daß Menschen sich fünf Stock hoch — den Kopf zuerst — auf das Pflaster stürzen; — förmlich wollüstig wird einem diese Vorstellung.

Ida: Gott behüte! — Solchen Vorstellungen mußt Du nicht nachhängen, Willy!

Wilhelm: Warum denn nicht, möchte ich wissen? warum sollen Kerls, wie ich, zwischen Himmel und Erde herumschmarotzen? —: Nichtsnutzige Geschöpfe! — Sich selbst ausmerzen — daswäre doch noch was, — dann hätte man docheinmaletwas Nützliches gethan.

Ida: Es ist ja im Grunde nicht zu verwundern: — Du bist überreizt und abgespannt . . .

Wilhelm(in schroffen abweisenden Tone): Laß mich zufrieden Du, das verstehst Du nicht!(über sich selbst erschrocken, verändert.)Ach, Du! — Du mußt mir’s nicht übel nehmen. — Geh’ doch lieber jetzt! Ich möchte Dich nicht verletzen. Und wie mir nun ’mal zu Muthe ist — kann ich nicht — einstehen für mich.

Ida(küßt Wilhelm stumm auf den Mund, dann ab in das Seitengemach).

Wilhelm:(blickt ihr nach, geht, steht still, zeigt ein Gesicht voll Schrecken und Staunen und faßt sich an die Stirn, wie Jemand, der sich auf bösem Wege ertappt hat. Während dies geschieht, ist Robert durch den Treppenbogen eingetreten).

Robert(den Hut in der rechten Hand, über’m Arm den Ueberzieher und eine Reisedecke, in der Linken einen Plaidriemen, begiebt sich bis an den Tisch, wo er die Sachen ablegt).

Wilhelm(bemerkt ihn und sagt, nachdem er ihn eine Weile beobachtet): Wohin — willst Du?

Robert: Fort.

Wilhelm: Jetzt?

Robert: Warum nicht? —(den Plaidriemen ausbreitend). Ich habe genug — über und über sogar! — Mutter wird künftig . . . . . wird künftig die Weihnachtstage — ohne mich auskommen müssen —(nach dem Ofen umblickend). Es ist kalt hier.

Wilhelm: Draußen friert’s.

Robert(die Reisedecke rollend): So! — um zehn thaute es doch.

Wilhelm: Es ist umgeschlagen.

Robert: Wie wird man nur den Berg ’runter kommen bei der Glätte?

Wilhelm: Der Mond scheint ja!

Robert: Wenn auch.

. . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wilhelm: Er phantasirt nicht mehr.

Robert: So, so!

. . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wilhelm: Er will keinen Arzt.

Robert: So, so!

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Wilhelm: Es ist so plötzlich gekommen, man —

Robert: Hm — ja, ja!

Wilhelm: Es muß doch in ihm gesteckt haben.

Robert: Natürlich — sonst wäre er doch wohl nicht nach Hause gekommen . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wilhelm: Mir graut — was daraus werden soll?!

Robert: Was soll man machen?!

. . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wilhelm: Meiner Seele — ich weiß nicht, was ich anfange, — wenn er einmal stirbt . . . . . Mit meinem Bewußtsein! mit dem, was ich jetzt erkannt habe! . . . . . ich wüßte wirklich nicht . . . . . und nun noch die Reue, die Gewissensbisse . . . . . ä! — was da! — was liegt schließlich daran?!

Robert: I, Du! — da hätte man viel zu thun . . . . . der Alte ist ein Bischen anders — na ja— unsere Vorstellung stimmte nicht ganz. Gott, ja! aber das ändert doch nichts an der Sache.

Wilhelm: Ich sage Dir — es ist mir heiliger Ernst — mit Wollust würde ich heut verzichten, auf das ganze elende Bischen Leben, wenn es ihm zu Gute käme.

Robert(den Ueberrock anziehend): Das hat wenig Sinn Du — meiner Ansicht nach — Sieh mal, ich gehe jetzt in ein kleines, geheiztes Comptoirchen, setze mich mit dem Rücken an den Ofen — kreuze die Beine unter dem Tisch — zünde mir diese . . . . . selbe Pfeife hier an und schreibe — in aller Gemüthsruhe hoffentlich, solche . . . . . na, Du weißt schon solche Scherze, . . . . . solche Reclamescherze: Afrikareisender . . . . . nahe am Verschmachten, na . . . . . und da laß ich denn gewöhnlich eine Caravane kommen, die unsern Artikel führt. — Mein Chef ist sehr zufrieden — es geht durch den Inseratentheil aller möglichen Zeitungen; und was die Hauptsache ist —: Wenn ich da so sitze, siehst Du, und die Gasflamme den ganzen Tag so über mir fauchen höre — von Zeit zu Zeit so’n Blick in den Hof — so’n Fabrikhof ist nämlich was Wunderbares! — was Romantisches, sag ich Dir! . . . . . mit einem Wort, da summt mich keine Hummel an.

Wilhelm: Dann lieber gleich todt sein.

Robert: Geschmacksache! — Für mich ist es ein idealer Winkel geradezu; — soll man sich denn immerfort aus dem Gleichgewicht bringen lassen, soll man sich denn kopfverwirrt machen lassen, — ichwerde so wie so zwei bis drei Tage gebrauchen um mich — auf mein Bischen Lebensweisheit zu besinnen.

Wilhelm: Sag was Du willst: das nenn ich feig.

Robert: Na item, nenn es so. Früher oder später kommst Du doch auf meinen Standpunkt. Vater ist auch zuletzt auf diesen Standpunkt gekommen. Vater und Du, Ihr ähnelt einander zum verwechseln. Ihr seid dieselben Idealisten. Anno 48 hat Vater auf den Barrikaden angefangen, und als einsamer Hypochonder macht er den Schluß. — Man muß sich an die Welt und an sich selbstbei Zeitengewöhnen, Du! — eh man sich die Hörner abgelaufen hat.

Wilhelm: Oder aber an sich arbeiten, um anders zu werden.

Robert: Das sollte mir einfallen, ich bin, wie ich bin. Ich habe ein Recht so zu sein, wie ich bin.

Wilhelm: Dann fordere Dein Recht auch offen!

Robert: Ich werde mich hüten, denn ich will zu meinem Rechtekommen. Die Moralphilister sind nun mal in der Mehrheit. — Uebrigens ich muß nun doch gehen — also . . . . und wenn ich Dir rathen soll, Du: nimm Dich vor den sogenannten guten Vorsätzen in Acht!

Wilhelm(kalt): Wie meinst Du denn das?

Robert: Ganz einfach: man muß nichtDingeleisten wollen, die man seiner ganzen Naturanlage nach nun mal nicht leisten kann.

Wilhelm: Zum Beispiel?

Robert: I! — zu mir kommen zum Beispiel manchmal solche Kerls, die mir den Kopf wer weiß wie heiß machen, von Idealen schwatzen. Man müsse für die menschheitlichen Ideale kämpfen, was weiß ich! — ich und für Andere kämpfen! fabelhafte Zumuthung! — und für was und zu was denn? — Na aber wie ich Dich kenne, Dich beunruhigt so was, Du würdest herumlaufen, wie einer der gestohlen hat: was bin ich für ein Jammerkerl! würdest Du Dir in einem fort sagen. Hab ich nicht Recht? na und dann käme schließlich der gute Vorsatz, und der drückt einen dann, das kenne ich. Ich bin auch früher mit hunderterlei solcher Vorsätze herumgelaufen. — Jahrelang — und das ist kein Vergnügen sag ich Dir!

Wilhelm: Ich weiß nicht recht, auf was Du hinaus willst?

Robert: Etwas Bestimmtes habe ich auch durchaus nicht im Auge: — die Unruhe — an der Du jetzt laborirst — hat ja auch noch andre Ursachen . . . . . . Ich jedenfalls . . . . . wenn ich früher merkte . . . . in früheren Zeiten habe ich ja auch ähnliches durchgemacht — aber sobald ich merkte, daß die Geschichte über meine Kräfte ging, habe ich ihr gewöhnlich kurz entschlossen den Rücken gewandt.

Wilhelm: Soll das ein Wink sein?

Robert: Wink? — ich wüßte nicht . . . . . also nochmals — laß Dir’s gut gehen und . . . . .

Wilhelm: Sag mir doch mal Du — rein objektiv — es hat ein gewisses Interesse für mich . . . . es ist nur weil . . . .

Robert: Bitte, — was wünschest Du zu hören?

Wilhelm: Du hast selbst vorhin etwas gesagt.

Robert: Wann, vorhin?

Wilhelm: Als wir über Vater sprachen.

Robert: Ach richtig, ja — was soll ich denn da gesagt haben?

Wilhelm: Du sagtest, es würde vielleicht doch gut werden mit Ida und mir.

Robert: Ja so, — Euer Verhältniß, — das hätte ich gesagt. —?

Wilhelm: Das hast Du gesagt.

Robert: Nu ja, ich habe damanchesgesagt.

Wilhelm: Das heißt so viel, als — Du bist von manchem, was Du da gesagt hast, zurückgekommen.

Robert: Ganz recht, das bin ich.

Wilhelm: Auch was die . . . . diese selbe Sache anbelangt . . . .?

Robert: Euer Verhältniß?

Wilhelm: Ja.

Robert: Ist Dir das denn wichtig?

Wilhelm: Ja, vielleicht.

Robert: Ja.

Wilhelm: Du bist also nicht mehr der Ansicht — daß wir . . . . .

Robert: Nein.

Wilhelm: Schön — ich danke Dir — Du bist offen — ich danke Dir. — Aber nehmen wir mal an — setzen wir den Fall, ich kehre der ganzen Sache den Rücken — sehen wir zunächst mal ganz davon ab, was das für mich bedeuten würde angenommen— also, ich ginge auf der Stelle mit Dir — was sollte dann — aus Ida — werden?

Robert: Hm — Ida? — Ida?(zuckt die Achseln)hm ja, ja — das läßt sich nicht so schnell . . . . das heißt — besorgen würde mich das wirklich nicht so sehr.

Wilhelm: Du!!! das ist Deine alte Perfidie! das kenne ich.

Robert: Perfid? wieso denn? nein da täuschest Du Dich! um perfid zu sein ist mein Interesse doch nicht ausreichend — mein Interesse an der Sache mein ich. Ich glaube wirklich nicht . . . . .

Wilhelm: Das weiß ich besser, Du. Du wirst mich doch nicht dieses Mädchen kennen lehren wollen?! es ist nun mal so — verlaß Dich darauf! sie hat nun mal ein Gefühl für mich, ich kann’s nicht ändern — ich bilde mir nichts ein darauf. — Was wird also aus ihr werden, wenn ich davon laufe?

Robert: Hm — machst Du Dir also wirklich ernstlich darüber Gedanken?

Wilhelm: Allerdings — ja — allerdings.

Robert: Antworte mir doch gefälligst erst mal darauf: wenn Ihr Euch heirathet, was wird dann aus Ida?

Wilhelm: Das kann kein Mensch wissen.

Robert: O doch, Du! das weiß man —: Mutter.

Wilhelm: Als ob Ida mit Mutter zu vergleichen wäre.

Robert: Aber Du mit Vater.

Wilhelm: Jeder Mensch ist einneuerMensch.

Robert: Das möchtest Du gern glauben. Laß gut sein! da verlangst Du zu viel von Dir. Die fleischgewordene Widerlegung bist Du ja doch selbst.

Wilhelm: Das möchte ich wissen.

Robert: I, das weißt Du sehr genau.

Wilhelm: Schließlich kann man sich darüber hinaus entwickeln.

Robert: Wenn man danach erzogen ist nämlich.

Wilhelm: Ach, es hat keinen Sinn weiter zureden.

Robert: Durchaus meine Ansicht.

Wilhelm: Das kann ja doch zu nichts führen(ausbrechend, außer sich.)Ihr wollt mich zu Grunde richten! — Ich bin das Opfer eines Complots! — Ihr habt Euch gegen mich verschworen, Ihr wollt mich abthun! — Ihr wollt mich endgültig abthun!

Robert: Das war Vaters zweites Wort.

Wilhelm: Das ist lächerlich, — Deine Bemerkungen sind einfach lächerlich! — Habe ich etwa nicht Grund, das zu sagen — wollt Ihr mich etwa nicht von Ida trennen? Es ist . . . . . aufrichtig gesagt — mir fehlen die Worte . . . . . Es liegt eine so fabelhafte Anmaßung . . . . eine Brutalität liegt darin — über alle Begriffe geradezu! Mit Ida soll ich Mitleid haben! — wer hat denn mit mir Mitleid, sag mal? nenn mir einen Menschen! — wer denn?

Robert: Selbstverständlich! — wenn Du so sprichst, selbstverständlich!

Wilhelm: Man verlangt Opfer von mir. — Auf einmal soll ich die unsinnigsten Opfer bringen! Ich soll . . . .

Robert: Du kannst Dir jedes Wort getrost sparen. — Unter solchen Verhältnissen selbstverständlich. — Es ist Dein gutes Recht, das Mädchen fest zu halten.

Wilhelm: Unter solchen Verhältnissen? — unter was für Verhältnisse? sag mir doch bitte!

Robert: Du sprachst von Ida — vorhin — meines Wissens . . .

Wilhelm: Nun ja — also was —?

Robert: Jetzt sprichst Du von Dir — es kam so heraus — na — mit einem Wort, wenn es Dir gleichgültig ist, was aus dem Mädchen wird — wenn Du die nöthige Dosis . . . . nun sagen wir meinetwegen Rücksichtslosigkeit auf Lager hast . . . . wenn Du sie so nimmst . . . . so wie einen neuen Rock oder Hut oder so was . . . . . .

Wilhelm: Robert! — so durch und durch herzlos, wie Du bist, — Du hast doch diesmal Recht — ich gehe mit Dir . . . . hier aus dem Hause — heißt das — gehe ich mit Dir . . . . ein Stück — nicht weit — und nun . . . . nun . . . . bin ich fertig — mit Euch Allen. — Ja, ja, jetzt bin ich — rede nicht erst! — jetzt bin ich wirklich fertig — ganz und gar . . . . . . .

Robert(sieht ihn erstaunt an und zuckt dann mit den Achseln.)

Wilhelm(mit steigender Heftigkeit): Du, Du! — gieb Dir keine Mühe — es gelingt Dir nicht — mich kannst Du nicht täuschen mit Deiner harmlosen Ruhe. — Recht hast Du allerdings, aber was Dich auf den rechten Gedanken gebracht hat, das sag ich Dir in’s Gesicht, das ist jämmerlicher Neid . . . . . das ist einfach tief klägliche Mißgunst! — Du weißt sehr gut, daß ich ehrlich kämpfen würde, doch ihrer schließlich einigermaßen würdig zu werden. — Du weißt sehr gut, wie dieses Mädchen mit ihrer Reinheit mich reinigt. Aber Du willst es nicht! Du willst mich nicht gereinigt wissen. — Warum willst Du es nicht? — nun weil . . . . weil Du selbst so bleiben mußt, wie Du bist . . . . . . weil sie mich liebt und nicht Dich! — Und deshalb hast Du mir diesen ganzen Abend mit Deinem Polizeiblick aufgelauert . . . . . hast mir immer und immer wieder zu erkennen gegeben, daß Du etwas von mir weißt — ja wohl! Du hast ganz Recht! ich bin ein durch und durch lasterhafter Mensch. Nichts ist mehr rein an mir. Besudelt, wie ich bin gehöre ich nicht neben diese Unschuld, und ich bin auch entschlossen, kein Verbrechen zu begehen. Aber Du Robert! Du wirst dadurch nicht reiner; ein Glück für Dich, daß Du Dich nicht mehr schämen kannst!

Robert(hat während des letzten Drittels von Wilhelms Rede seine Sachen genommen und ist dem Ausgang zugeschritten. Die Klinke in der Hand bleibt er stehen, als ob er reden wollte, besinnt sich eines anderen, zuckt resignirt mit den Achseln und entfernt sich sehr ruhig. Ab.)

Wilhelm(dem Davongegangenen nachrufend): Robert! — Robert! —

Ida(aus dem Nebenzimmer eintretend): Wen rufst Du denn?

Wilhelm: Ach — Du bist hier.

Ida: Der Arzt ist drin, Wilhelm — er sagt — es sei doch ernst, es . . . .

Stimme der Frau Scholz(jammernd): Mein lieber guter Mann, ach! . . . . ach, mein lieber, guter Mann!

Wilhelm: Was habe ich gethan! was habe ich nun wieder gethan!

Ida: Es drückt mir das Herz ab. — Ich möchte Dich gern — nicht fragen, ich . . . . aber es muß etwas . . . . Du hast etwas Willy!

Wilhelm: Gar Nichts habe ich — in die Einsamkeit möchte ich wieder — dort ist unser Platz, Ida.

Ida: Weshalb —? ich verstehe garnicht.

Wilhelm(barsch und heftig): Ja, ja, ja! das ist ja die alte Leier —: ich versteh Dich nicht, ich versteh Dich nicht! — Mutter und Vater haben auch ihr Leben lang verschiedene Sprachen gesprochen; Du verstehst mich nicht! Du kennst mich nicht! — Du hast platte Backfischillusionen, und da habe ich nichts weiter zu thun, als mich zu verstecken vor Dir und zu verstecken — bis ich ganz und gar zum elendesten Betrüger und Schurken werde.

Ida(hat Wilhelm bestürzt angeblickt, nun weint sie).

Wilhelm: Da siehst Du nun: dies ist mein wahres Gesicht. Und ich brauche nur einen Augenblick lang zu vergessen, was ich Dir gegenüber für eine Rolle spiele, da kommt es auch schon hervor. Du kannst mein wahres Gesicht nicht ertragen. Du weinst und Du würdest Jahre hindurch weinen, wenn ich nicht Mitleid mit Dir hätte. — Nein, Ida, es darf zwischen uns nichts werden . . . . . ich bin zu dem festen Entschluß gekommen.

Ida(An seinen Hals fliegend): Das ist nicht wahr! — das ist nun und nimmermehr wahr!

Wilhelm: Denk’ an das, was Du hier gesehen hast! sollen wir es von neuem gründen? — sollen wir dieses selbe Haus von neuem gründen?

Ida: Es wird anders werden! es wird besser werden, Wilhelm.

Wilhelm: Wie kannst Du das sagen?

Ida: Dasfühleich.

Wilhelm: Aber Du stürzst Dich blindlings in’s Verderben, Ida! ich reiße Dich in’s Verderben!

Ida: Ich habe keine Furcht, — davor habe ich keine Furcht, Wilhelm! hab’ nur wieder Vertrauen! gieb’ mir nur wieder Deine Hand! Dann werd’ ich Dir etwas sein können — stoß mich nur nicht von Dir . . . . . . . .

Wilhelm: Gieb’ mich frei! — zum ersten Mal liebst Du! — Du liebst eine Illusion. Ich habe mich weggeworfen, wieder und wieder. Ich habe Dein Geschlecht in Andern geschändet. — Ich bin ein Verworfener. —

Ida(jauchzend und weinend ihn umhalsend): Du bistmein! Du bistmein!

Wilhelm: Ich bin Deiner nicht werth!

Ida: O sage das nicht! vor Dir bin ich klein, ach, wie klein! wie eine kleine, kleine Motte bin ich nur. Wilhelm, ich bin nichts ohne Dich! ich bin Alles durch Dich — zieh’ Deine Hand — nicht — von mir — armseligen — Geschöpfe!

Wilhelm: Ida!!! — ich Dir? Ida ich? . . .(umarmen und küssen sich unter Lachen und Weinen.)Ich soll meine Hand nicht von Dir ziehen? — Ja — was — sagst Du denn da — was sagst Du — denn nur — da — Du — böse . . . . .

Ida: Nun — versprichst Du — mir — nun . . .

Wilhelm: Ich schwöre Dir — jetzt . . . .(ein markdurchdringender Aufschrei aus dem Nebenzimmer schneidet die Rede ab. Betroffen und entsetzt starren Ida und Wilhelm einander in die Augen).

Stimme der Frau Scholz: Mein Mann — stirbt ja! — mein — guter, lieber Mann — stirbt ja doch — mein Mann . . . .(lautes Weinen).

Wilhelm: Gott! — mein Gott — was? — Vater!!! Vater!!!(will sich in’s Nebenzimmer stürzen; halbwegs kommt Ida ihm zuvor.)

Ida: Wilhelm! — komm’ zu Dir selbst! — und — geh’ nicht — ohne mich!

(Friebekommt von Schluchzen geschüttelt aus dem Nebenzimmer und verschwindet in der Küche.)

Auguste(folgt Friebe auf dem Fuße. Vor Wilhelm stehen bleibend, stößt sie mühsam hervor): Wer — trägt nun — die Schuld? — wer? wer —? —(Sie bricht am Tischzusammen, ein dumpfes und hohles Stöhnen entringt sich ihrer Brust. Das laute Weinen der Frau Scholz ist noch immer hörbar.)

Wilhelm(will ausbrechen): Auguste!

Ida(an Wilhelm’s Brust beschwichtigend, mit bebenden Lauten): Wilhelm, — ich glaube — Dein Vater — ist nicht mehr.

(Wilhelm will auf’s Neue ausbrechen, wird abermals durch Ida beschwichtigt, kämpft seinen Schmerz nieder, sucht und findet Ida’s Hand, die er krampfhaft in seiner drückt, und geht Hand in Hand mit dem Mädchen aufrecht und gefaßt auf das Nebengemach zu.)


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