Dreizehntes Kapitel.
Ein Jahr verging und ein zweites. Somsdorff hatte sich in Madrid rasch eingelebt.
Die Geschäfte nahmen ihn mäßig in Anspruch; um so mehr Zeit verwandte er auf seine wissenschaftlichen Studien.
Das Interesse, das er von je der wirtschaftlichen Situation der Pyrenäenhalbinsel entgegengebracht, hattemit Teil daran, wenn er sich der Entscheidung, die ihn nicht nach Konstantinopel, sondern hierher berief, so lebhaft gefreut hatte. Er konnte jetzt unmittelbar an der Quelle schöpfen. Und so entstand in rastlosem Fleiß eine Reihe von Untersuchungen, die er demnächst unter dem Titel »Spanien« im Verlag einer altrenommierten Firma zu publizieren gedachte.
Das spanische Ministerium war ihm dabei mit großer Gefälligkeit an die Hand gegangen. Es schien, als lege die Madrider Regierung – vielleicht im Hinblick auf zukünftige Handelsverträge, vielleicht auch nur aus reinem Patriotismus – Wert darauf, die einschlägigen Verhältnisse einmal durch die Feder eines zwar objektiven, aber doch wohlwollenden Autors in amtlicher Stellung geschildert zu sehen, nachdem so oft schon Leute das Wort ergriffen hatten, denen Vorurteilslosigkeit oder gar Sympathie für Spanien nicht nachgerühmt werden konnte. Die Regentin sogar hatte sich über das Werk berichten lassen, nachdem der Gobernacionsminister einen der Hauptabschnitte – »Spaniens natürliche Hilfsquellen« – durch eignen Augenschein kennen gelernt.
Somsdorffs rastlose Thätigkeit vor dem Schreibtisch, in den Bibliotheken und im Büreau seiner Botschaft ward durch mehrfache Reisen in die verschiedensten Teile des Königreichs unterbrochen. Er besuchte Galicien, Estremadura und Leon; ein andermal die Provinzen des Südens, und von dort das betriebsame Katalonien; ein drittes Mal, um auch die Schatten in seinem Bilde nicht fehlen zu lassen, die Provinz Arragonien, wo er aus der Betrachtung der sogenannten »despoblados«, der abgestorbenen oder im Aussterben begriffenen Ortschaften, die dort in überraschenderAnzahl zu finden sind, ein umfassendes Studium machte.
Zu Anfang Oktober – gerade zwei Jahre nach seiner Ankunft in Spanien – erbat er sich einen mehrmonatlichen Urlaub. Bis dahin hatte er auch während der Ferien die Halbinsel nicht verlassen, sondern die heiße Jahreszeit teils in Aranjuez, teils in der Sierra Guadarrama verlebt. Insbesondere war er vor dem Gedanken zurückgeschreckt, seine Erholungstage in Deutschland zuzubringen. Der Anblick der Heimat – das fühlte er – hätte ihm tausend gefahrvolle Erinnerungen wachgerufen und ihm den mühsam erkämpften Gleichmut in Frage gestellt. Jetzt aber hielt er den Augenblick für gekommen, diesen Erinnerungen Trotz zu bieten. Die Zeit hatte ihn ja von Grund aus verwandelt. Er, der früher ein Mann des lebendigen Lebens, ein lichtfreundlicher Epikuräer gewesen, schien jetzt untergetaucht im Ernst eines Schaffens, das ihn von allem, was sonst Männer in seinen Jahren lockt, endgültig abzog. Er war nicht glücklich, aber zufrieden – von jener kühlen, starren Zufriedenheit, die nicht weiter über sich nachgrübelt und vollständig aufgeht in den Anforderungen des Tages. Von Gräfin Adele hatte er nichts mehr gehört. Sie lag nun hinter ihm wie ein Traum. Wenn je einmal der Gedanke sich regte, wie alles nun sein könnte, so wies er ihn spöttisch zurück. Das war eine Schwäche, die übrigens mit der Zeit immer seltner sich einstellte, bis er zuletzt die Wendung der Dinge, wie sie nun vorlag, als etwas Selbstverständliches hinnahm, ohne Groll und Bedauern.
Am zwölften Oktober sah er zum erstenmal das Haus wieder, wo ihn die Gräfin damals so grausam zurückgestoßen. Es war nur ein Zufall, daß er vorbeikam: dieKutsche, die ihn nach dem Palais des Ministers brachte, fuhr diesen Weg, ohne daß er zu Anfang darauf geachtet hätte. Nun aber nahm er doch wahr, wie ihm das Herz lebhafter pochte. Dort die zwei Fenster gehörten zum Ecksalon, wo sich die traurige Scene abgespielt hatte … Drüben die Baumwipfel, die sich schon gelb und rot färbten, rauschten über dem Platz, wo sie so manches Mal während der kurzen, vergänglichen Zeit ihres Glückes beisammen gesessen und von der sonnigen Zukunft geplaudert hatten … Das war nun mehr als zwei Jahre her … und damals hatten sie Pläne geschmiedet, Pläne, deren Verwirklichung ihnen so zweifellos schien! … Armes, erbärmliches Schicksal des Staubgeborenen! Alles kommt anders! Selbst das Zuverlässigste hängt in der Schwebe, und das Gewisse scheint ebenso fraglich, wie das Ungewisse!
Ob Gräfin Adele noch jetzt hier wohnte? Leo stand ja so ganz außer Zusammenhang … Er mied die Beziehungen zu dem Einst und was ihn daran erinnern konnte, geflissentlich. Auch blieb ihm bei der gewaltigen Arbeitslast, die er sich aufgebürdet, absolut keine Zeit für müßige Privatkorrespondenzen …
Wie er dies eben erwog, fiel sein Blick auf das staunende Antlitz der Dame, die seit dem Tode Gerolds der Gräfin Gesellschaft leistete. Fräulein von Rauch kam zu Fuß aus der Richtung der Baustraße. Sie hatte vielleicht in der Nachbarschaft einen Besuch gemacht. Ihr Ausdruck verriet, daß sie ihn gleich erkannt hatte. Somsdorff ärgerte sich, weil er zusammenfuhr, wie ein ertappter Dieb. Er grüßte höflich, aber mit großer Gemessenheit, und trällerte dann die Anfangsstrophe eines Gitanaliedes.
Der Besuch bei dem Minister und ein langes Gespräch mit einem der vortragenden Räte riß ihn zunächst aus dieser unangenehmen Laune heraus: dann jedoch nahm sie mit desto größerer Nachhaltigkeit wieder Besitz von ihm. Den ganzen Tag blieb er noch unter dem Eindruck der »höchst fatalen Begegnung«. Gräfin Adele wohnte also noch da … und sie wußte es jetzt, daß er zurück war; ja, daß er durch ihre Straße gefahren! Fräulein von Rauch würde ihr's doch natürlich erzählen und vielleicht eine recht sonderbare Glosse daran knüpfen. Wie peinlich, wenn Gräfin Adele sein Vorbeikommen an der Wohnung für Absicht hielt!
Zum erstenmal seit geraumer Zeit hatte er so den Gleichmut verloren. Er staunte darüber; ja, es verdroß und erschreckte ihn, bis er sich sagte, diese Reflexerscheinung bedeute noch lang keinen Rückfall. Treibt uns nicht die Erinnerung an eine Gefahr, die weit hinter uns liegt, noch manchmal das Blut nach dem Herzen?
Er beruhigte sich also, fand nun die Sache begreiflich, und ging am nächstfolgenden Tag mit erneuertem Ernst seinen Interessen nach.
Zuvörderst bei seinem Verleger. Es gab hier mancherlei zu erörtern – Wissenschaftliches, Technisches und Geschäftliches – was mehrere Stunden in Anspruch nahm. Somsdorff stand so auf einmal wieder mitten im strengen Ideenkreis seiner Arbeit. Die selbstgenügsame Ruhe, die er bei ihrer Förderung sich angeeignet, kehrte zurück, um nicht mehr zu weichen.
So vergingen ihm fünf oder sechs Wochen. Somsdorff hatte seitdem die Gegend, wo er auf so unerwünschte Manier mit Fräulein von Rauch zusammengetroffen war,nicht wieder besucht und auch sonst nichts gesehen noch gehört, was zu der Gräfin Beziehung hatte. Er widmete sich – zum erstenmal seit mehr als zwei Jahren – ein wenig der großstädtischen Geselligkeit, verkehrte in mehreren Häusern, besuchte das Schauspiel, ritt, jagte und war von ungewöhnlicher Artigkeit gegen die Damen, während er in der spanischen Hauptstadt durchweg für einen »Bären« gegolten hatte. Kurz, er spannte sich vollständig aus, um für die Zukunft neue Kräfte und neue Schaffenslust anzusammeln.
Gegen Ende November saß er – es war gegen zwölf Uhr mittags – in seinem Zimmer und studierte den Fahrplan. Uebermorgen gedachte er abzureisen; vorerst nach Italien, wo er den Rest seines Urlaubs mit einer befreundeten Familie aus Malmö verbringen wollte, die vor acht Tagen bereits Deutschland verlassen hatte. Anfang Januar sollte er in Madrid sein.
Da pochte es leise an seine Thüre.
»Herein!« rief er ein wenig unwirsch. Er glaubte, es sei Leuthold, sein Diener. Nun aber rauschte es über die Schwelle, wie von Frauengewändern, und als er verwundert aufsah, stand Gräfin Adele vor ihm.
Sie zog die Thüre verschüchtert nach sich, als könne sie schon im nächsten Moment ein Wort hören, das ihr das Bleiben unmöglich mache. Er aber sprach keine Silbe. Mit der Gebärde des Nachtwandlers, den man plötzlich beim Namen ruft, hatte er sich erhoben. Unwillkürlich trat er zwei Schritte zurück, während sie regungslos auf dem Fleck verharrte. Ihr Antlitz war von rührender Blässe. Um den Mund lag ein tiefschmerzlicher Zug. Nur die Augen hatten den Glanz und das schwärmerische Feuer von einst.
»Herr von Somsdorff,« begann sie atemlos, »Sie staunen, daß ich's gewagt habe …«
Leo, so tief ihn der unerwartete Anblick erregt hatte, war doch gleich wieder Herr seiner selbst. Mit einer höflichen Phrase, die just so klang, als hätte er diese bebende Frau erst vor wenigen Tagen bei irgend einem indifferenten Souper gesehen, rückte er einen Stuhl herzu und bat sie, gefälligst Platz zu nehmen.
»Ich bin in der That überrascht,« sagte er kühl. »Was verschafft mir die Ehre?«
Sie hatte sich zögernd niedergelassen. Somsdorff bemerkte erst jetzt, daß sie noch tief in Trauer war. Er setzte sich gleichfalls. Mehr und mehr nahm er den Ausdruck einer kaltherzigen Courtoisie an.
»Fräulein von Rauch hat mich begleiten wollen,« sagte die Gräfin unsicher. »Fräulein von Rauch ist so gut und besorgt … Sie hielt es für schicklich …«
»Bitte!«
»Aber ich ließ sie drunten … Ich konnte nicht anders … ich mußte …«
»Was mußten Sie?« fragte Somsdorff, der bei dem Anblick ihrer zuckenden Lippen fast schon die Haltung verlor.
»Ich mußte dir sagen, daß ich dich liebe, daß ich nicht leben kann, wenn du mir nicht verzeihst!«
Ehe noch Somsdorff etwas erwidern konnte, sank sie schluchzend vor ihm aufs Knie und umklammerte seine Hände, wie eine Verzweifelte.
Nun bemühte sich Leo vergebens, die Rolle, die er sich vorgesetzt, weiterzuspielen. Alles zerbrach und zerschmolz. Ehe er noch ahnte, wie ihm geschah, hatte erdie Geliebte emporgerissen. Mit beiden Armen hielt er sie fest umschlungen. Sie weinte, sie lachte, sie schmiegte ihr Antlitz erschauernd an seine Brust und stammelte unaufhörlich: »Vergib mir, vergib mir!«
Er küßte sie heiß und strich ihr tröstend über die Wangen.
»Wie gut du bist, und wie großmütig!« hauchte sie sanft. »Ja, nun soll alles vergessen sein! Wenn du mich willst, bin ich dein eigen für immer. Ich will dich hegen und pflegen wie mein teuerstes Kleinod, dir jeden Wunsch von den Augen absehen, dich doppelt lieb haben für das bittere Leid, das ich dir zugefügt!«
Nun ward sie ruhiger. Sie trocknete sich die Thränen hinweg und ergriff seine Hand.
»Weißt du auch, Leo, wie das gekommen ist? … Ach, ich war so verstockt in meinem thörichten Pharisäerstolz, der nicht des Wortes gedachte: ›Wir sind allzumal Sünder …‹ Fräulein von Rauch hat mir erzählt, daß du hier seiest, daß sie dir angemerkt, wie die Begegnung mit ihr dich erschüttert habe … Damals schon rief eine Stimme in meiner Brust: ›Mach's wieder gut! Geh zu ihm! Sag ihm, daß du ihn liebst!‹ Aber ich sträubte mich, – ach, du weißt ja, warum! Da hab' ich nun gestern – Leo, du wirst mich verachten oder bemitleiden, daß ich mein Lebensglück und das deine von solchen Zufällen abhängig machte – da hab' ich nun gestern in meinen Papieren gekramt, und da fiel mir ein Blatt in die Hand, das ich im Drang so unendlicher Aufregungen völlig vergessen hatte. Damals, an jenem gräßlichen Weihnachtsabend … ich weiß ja selbst nicht, wie es geschah … ich habe da in der Raserei meines Unmuts Dinge geschrieben …«
»Ich kenne das Blatt,« sagte Leo.
Er teilte ihr mit, wie er zu dieser Kenntnis gelangt war.
Sie errötete heiß.
»Wohl! So ersparst du mir die Notwendigkeit, die entsetzlichen Worte zu wiederholen. Gestern, als ich sie wieder las, hab' ich mich ihrer geschämt, wie einer Missethat. Leo, wie ungerecht war ich damals, wie grausam und frevelhaft! In demselben Moment fluchte ich ihm, da er den gräßlichsten Tod erlitt – und weshalb erlitt? Weil er sich über Gebühr eilte, um die paar Minuten, die er versäumt hatte, wieder einzubringen! Nun fand ich das gestern, und da sank mir der Schleier vom Auge, und ich begriff nun, daß ich kein Recht hatte, unversöhnlich zu sein …«
»Und wenn du eins hattest …«
»Nein, nein,« fiel sie ihm rasch ins Wort, »ich hätte verzeihen müssen! ›Richtet nicht!‹ heißt's in der Schrift … Und du liebst mich ja … Nun, dem Himmel sei Dank, noch kommt meine Reue ja nicht zu spät! Laß uns die beiden verlorenen Jahre hinnehmen, wie eine Zeit der Läuterung! Aber, nicht wahr, Leo, in dem einen Punkt stimmst du mir bei: es war eine Schuld! Denn das bedünkt mich doch eine rohe Auffassung und edel veranlagter Menschen nicht würdig, die Sünde lediglich in der That zu suchen. Die That ist nur die reifgewordene Frucht des Empfindens; nicht die Hand frevelt, sondern das Herz!«
»So will ich geloben, mein Herz künftig mit einer einzigen, großen Empfindung zu tränken, die alle übrigen ausschließt …«
Er küßte sie lang und inbrünstig auf die Lippen.
Ende.