Elftes Kapitel.
Leo von Somsdorff war schon im Ecksalon und blätterte in dem neuesten Heft einer Monatsschrift, als Gräfin Adele marmorblaß über die Schwelle trat. Fräulein von Rauch,die stets mit peinlichster Sorgsamkeit Toilette machte, überdies auch den jungen Mann im Spiel seiner rosenfarbnen Gedanken nicht stören wollte, war bis jetzt nicht zum Vorschein gekommen. Heimgekehrt, hatte Adele ihr sagen lassen, sie möge noch eine Zeit lang verziehen, da sie, die Gräfin, mit Herrn von Somsdorff zu reden habe.
Als Gräfin Adele den Strahl zärtlicher Freude gewahrte, der sich bei ihrem Erscheinen über das offene, liebenswürdige Antlitz ihres Verlobten ergoß, war sie geneigt, Gertrud von Steinitz rund heraus der Verleumdung zu zeihen. Jedenfalls, wenn sie nicht log, mußte ein seltsamer Irrtum vorwalten, der sich ja aufklären würde. Aber weshalb dann dieses zerhämmernde Herzklopfen, das ihr den Atem benahm und sie zwang, sofort niederzusitzen? Wozu das mühsame Lächeln, da sie doch klüger und einfacher ihre Erregung gar nicht verhehlt, sondern gleich beim Eintritt ehrlich zu Somsdorff gesprochen hätte: Höre, mein Freund, was Gertrud von Steinitz behauptet, und sage mir, was ich auf diese unglaubliche Narrheit erwidern soll! …
Leo, der schon im Begriff gewesen, ihr das Resultat seiner Audienz beim Minister entgegenzurufen, unterbrach sich mitten im Satz. Er vergaß die Umarmung, die er ihr zugedacht, und den Willkommkuß. Teilnehmend, wie ein Vater, ergriff er jetzt ihre Hand.
»Du bist nicht wohl?« fragte er fürsorglich. »Der glühende Nachmittag! Bestimmt, Liebling, du hast dir zu viel gethan!«
Nochmals versuchte sie ein gekünsteltes Lächeln, das ihr so fahl und so traurig geriet, wie ein Abschiedsgruß.
»Ja,« hub sie mit einem Seufzer an und drückte denKopf wider die Lehne des Sofas – desselben, wo sie an jenem furchtbaren Weihnachtsabend auf Gerold gewartet – »ja, ich bin sehr erschöpft … es liegt mir so dumpf über der Stirn! Ich traf Gertrud von Steinitz … doch hiervon später! … Du aber, Leo! Erzähle, ich bitte dich!«
Da er nun gleich mit der Hauptsache kam und ihr, halb schon beruhigt, mitteilte, man habe ihn für Madrid bestimmt, fiel sie ihm rasch ins Wort. Sie konnte nichts hören; sie mußte erst vollständig klar sehen, eh' sie sich dieser lebhaft gewünschten Entscheidung zu freuen vermochte.
»Was hast du nur?« fragte er staunend.
»Nichts! Verzeih mir! Weißt du auch, was wir übermorgen für einen Tag haben?«
Er wußte es wohl. Sein Staunen wuchs. Sie hatte fast niemals von dem Kinde geredet, als fürchte sie durch ein Wort der Erinnerung das kaum entschlummerte Leid wieder aufzuwecken.
»Wie sollte ich nicht?« sagte er stammelnd.
In diesem Moment türmte sich alles, was Gertrud erzählt hatte, mit erneuter Bedrohlichkeit vor Adelen empor. Die seltsame Scheu, womit Somsdorff die letzten Worte gleichsam nur zögernd über die Lippen gebracht, überwältigte sie. War es denn möglich? Drückte den Mann da im Ernste ein Schuldgefühl? Sie begriff nicht, daß nur die zärtliche Sorge um sie ihn so unsicher machte, vielleicht auch ein wenig der Schmerz darüber, daß sie in diesem Moment, der so völlig der Zukunft gehörte, fast nur der Vergangenheit dachte.
Plötzlich entsann sich die Gräfin, vor Jahren einmalein französisches Drama gelesen zu haben, worin der Untersuchungsrichter den Urheber eines Verbrechens dadurch entlarvt, daß er ihm, ganz ohne äußerliche Veranlassung und mitten im freundschaftlichsten Gespräche die Worte sagt: »Wozu noch die Umschweife? Ich verhafte Sie als den Mörder des Duchâtel!« Es lag absolut nichts Greifbares gegen den Mörder vor. Nur der Instinkt hatte den Richter geleitet, und die verblüffende Schroffheit des Angriffs führte alsbald zum Sieg. Der Verbrecher verriet sich. Aehnlich wollte es Gräfin Adele mit Leo von Somsdorff machen. Sprach Gertrud wahr, so konnte auch hier die Wirkung nicht ausbleiben.
»Leo,« begann sie dumpf, »ich hab' etwas Furchtbares auf dem Herzen …«
Sie wollte hinzufügen: »Du hast Josefa mit Absicht ertrinken lassen, obgleich du sie retten konntest!«
Aber das klang ihr denn doch zu grausenhaft.
So drückte sie ihren Gedanken etwas gemildert aus: »Ich weiß jetzt, daß du den Tod meines Kindes gewünscht hast.«
Leo erbleichte.
»Wie kommst du darauf?«
»Ich weiß es! Und hätt' ich es nicht gewußt, ich würd' es in dieser Minute dir ansehen!«
»Adele! Was redest du?«
»Willst du's abstreiten? Wohlan, so thu's! Hierauf den Knieen will ich dir's abbitten, wenn du mich überführst! Gib mir dein Ehrenwort, daß ich mich irre!«
»Aber wie kannst du nur glauben …«
»Ich glaube dir, was du verlangst, sobald du dein Ehrenwort gibst!«
»Nimm doch Vernunft an! Ich begreife dich nicht! Jeder Mensch hat krankhafte Stimmungen … aufgeregte Momente, wo er nicht Herr seines Willens ist …«
»Allmächtiger Gott!« schrie Adele und drückte die Hand auf die Augen. »Es ist also wahr?«
»Unglückselige, weshalb fragst du mich? Ja, es ist wahr …! Ich habe … ich wußte doch damals nicht, wie es kommen würde! Ich sah das Kind als das ewige Hemmnis meiner Glückseligkeit an; ich war ja sinnlos vor Leidenschaft … Und so geschah es …«
»Daß du ihr Mörder wurdest!« unterbrach ihn Adele, rasend vor Schmerz. »Daß du in kaltem Triumphe mit zusahst, wie sie den Tod fand!«
»Wer sagt das?«
»Elende Frage! Reut dich schon dein Geständnis? Freilich, die Wirkung, die du erwartet hast, bleibt nun aus! Deine Offenheit war zu wohlfeil. Du meintest die Anklage Gertruds auf gute Manier abzuschwächen, da du nicht leugnen konntest!«
Erschöpft sank sie zurück. Die zuckenden Lippen waren geöffnet, die Wangen wie eingefallen. Müde Verzweiflung umspann ihre ganze Gestalt.
»Ich verstehe dich jetzt!« murmelte Somsdorff.
Nach einer langen Pause hob er dann wiederum an:
»Gertrud irrt! Siehst du, Adele, kein Wort der Aufklärung würde mir über die Lippen kommen, wenn sich mein Herz nicht doch einer Schuld bewußt wäre, die mir so manchmal die Röte der Scham ins Gesicht getrieben! So aber nehm' ich den Wahnwitz, den du da vorbringst, wie eine Strafe!«
Kurz und wahrheitsgetreu erzählte er nun, was inihm vorgegangen, bis zu dem Augenblick, da er, fast nicht mehr zurechnungsfähig, die Worte geraunt: »Hätt' ich's geahnt, hätt' ich's geahnt!« Er schonte sich nicht. Rücksichtslos mit der Frankheit des Büßers räumte er ein, daß er die mutige That im Gehölz wirklich bereut hatte; ja, daß er, vom Taumel seines Verlangens betäubt, Ingrimm und Haß empfunden …
Dann aber fuhr er mit sehr veränderter Stimme fort:
»So, nun hab' ich gebeichtet! Alles übrige muß ich zurückweisen, klar und energisch und ohne Verklausulierung. Ich wiederhole dir: Gertrud irrt, – oder sie lügt!«
Nachdem er der immer noch schweigenden jungen Frau mitgeteilt, was ihn entlastete – den Gang nach dem Uferplatz, die Schlaflosigkeit so vieler trauriger Nächte, das Rauschen der einsamen Flut, das ihn mit Allgewalt hypnotisierte, sein bängliches Träumen, sein jähes Erwachen und die erschütternde Wahrnehmung, daß es zu spät sei – fügte er im Ton feierlichster Beteuerung hinzu:
»Glaub' mir, Adele, ich hätte dein Kind auch damals gerettet, trotz jener gehässigen Stimmung, die ich jetzt kaum noch begreife! Daß es nun starb, das empfand ich ja gleich in der ersten Sekunde wie einen Vorwurf, obgleich ich so schuldlos war, als du selbst! Schau mich doch an! Dukannstja nicht zweifeln, daß ich die Wahrheit rede!«
»So gibst du dein Ehrenwort?«
»Ja, mein Ehrenwort!«
Sie brach in ein wildes Schluchzen aus.
»Und du meinst,« stöhnte sie schmerzlich, »daß nun alles mit dieser Erklärung gut sei? Daß sie dem Mutterherzen genügt …? Sieh, das wußte ich ja im voraus: irgend etwas in dem Exempel Gertruds war ungenau!Männer wie du sind eher noch einer schändlichen That fähig, als einer so nichtswürdigen Unterlassung. Aber was bleibt, ist gerade noch furchtbar genug. Leo, ich kann mit dem Mann, der meinen Liebling hinweggewünscht hat, nicht glücklich werden! Wie? Diese Hand, die vor Wut und Feindseligkeit gegen das Licht meines Lebens gekrampft hat – diese Hand, mit der du mein süßes Kind hättest erwürgen mögen – ich soll sie zum ewigen Bund in die meine schließen? Niemals! Lieber die Einsamkeit bis ans Ende! Nein, ich beschwöre dich, rühr' mich nicht an, Leo! Es gibt Dinge, gräßliche Dinge, die wider alle Natur sind! Laß mich – in dieser Minute noch! Alles, was ich versprochen, nehm' ich zurück! Ich liebe dich nicht! Ich verzeihe dir nicht! Ich kann deinen Anblick nicht länger ertragen! Geh!«
Sie hatte sich langsam erhoben. In den tiefschwarzen Augen glomm ein verzehrendes Feuer. Sie stand ruhig und majestätisch vor ihm, völlig verändert in ihrem Wesen, grausam gegen sich selbst, aber unerbittlich in ihrem Entschluß.
»Adele! Du willst mich zurückstoßen, du, mein Glück und mein Alles!«
»Geh!« wiederholte sie gleichmütig.
Somsdorff zögerte noch.
»Ich kann's ja nicht glauben!« sagte er, blaß wie ein Toter. »Wenn ich so Schauderhaftes gedacht und gefühlt habe, – du weißt's doch, Adele – so war's nur im Irrsinn, im Wahn der Verzweiflung! Ich habe mich dieser Gedanken geschämt; ich habe sie bitter bereut. Wie oft mag Aehnliches schon gedacht worden sein, ohne daß es dann später zur Aussprache kam! Liebste Adele!Besinne dich, um deinet- und meinetwillen! Ich gehe, wenn mich ein gütiges Wort nicht zurückhält! Noch einmal: Vergiß meine Schuld! Das alles ist ausgelöscht! Lebte dein Kind, ich würde es hegen wie meinen Augapfel! Hörst du, Adele?«
»Du hast ihr den Tod gewünscht!« sagte die Gräfin. »Wer dieser Schändlichkeit fähig war, der kennt auch die Liebe nicht! Dem Himmel sei Dank, der mir im letzten Moment noch die Augen öffnet! Geh nur! Ich wünsche dir alles Gute!«
Sie drehte ihm langsam den Rücken und schritt auf das halbgeöffnete Fenster zu, wo ein flüchtiger Hauch die Gardinen bewegte.
»Es ist großartig!« murmelte Somsdorff bebend. »Die Mutter, für deren Kind ich beinah gestorben wäre, jagt mich hinaus wie einen lästigen Strolch! Nun, ich bin nicht gewohnt, mich aufzudrängen! Möchtest du deine Engherzigkeit niemals bereuen!«
»Was geht hier vor?« stotterte Fräulein von Rauch, die in demselben Moment auf die Schwelle trat, als Somsdorff die Klinke ergriff.
»Ich habe mich eben von der Frau Gräfin verabschiedet,« sagte er spöttisch. »Heute noch reise ich ab nach Madrid, wo ich einstweilen mich einleben will, bis ich von amtswegen dort zu thun habe. Nein, ich bedaure unendlich! Keine Minute mehr! Ihnen, mein gnädiges Fräulein, danke ich anläßlich dieser Wendung noch ganz besonders für die unendliche Güte, mit der Sie meine geringe Person überschüttet haben. Leben Sie wohl! Gräfin Authenried wird Ihnen alles Nötige schon auseinandersetzen!«
»Herr von Somsdorff, ich bitte Sie …«
»Laß ihn, laß ihn!« stöhnte Adele, durch die frostige Ironie im Tone Leos plötzlich um ihre Fassung gebracht. »Ich will nicht, daß du auch nur eine Silbe noch mit ihm redest!«
»Er ist dessen nicht würdig,« fügte Somsdorff hinzu. »Nun, er wird sich zu trösten wissen!«