Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

»Ein Schreiben von Beaulieu-Sarcenet,« sagte der Graf beim Frühstück, als er mit höflichst eingeholter Erlaubnis der Gäste seinen Kurier durchmusterte. »Seltsam! Was kann er wollen? Nach jener unerquicklichen Auseinandersetzung?«

Das blinkende Falzbein mit der kugelumspannenden Adlerkralle durchschnitt das Couvert.

»Sie gestatten …« fragte Graf Gerold nochmals. »Ich bin mehr als gespannt …«

Beaulieu-Sarcenet schien die fatale Erörterung, die ihn auf dem Kongreß zu Bonn mit dem Grafen entzweit hatte, völlig vergessen zu haben – oder so schwer zu bedauern, daß er für seinen Kummer nicht Worte fand … Wenigstens ließ er die Sache ganz unerwähnt.

Hauptinhalt des Briefs war die Mitteilung, ein populär-wissenschaftliches Wochenblatt, die »Minerva« in Stuttgart, habe sich mit Vergnügen bereit erklärt, den Vortrag des Grafen über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen ehestens zum Abdruck zu bringen, falls dieser Vortrag den Raum von drei Spaltenàdreitausendfünfhundert Buchstaben nicht überschreite oder doch von dem Verfasser auf diesen Umfang gekürzt werde.

Beaulieu-Sarcenet hatte den Chefredakteur der »Minerva« letzthin aus rein persönlichen Gründen besucht undihm beiläufig und gesprächsweise das Thema genannt. Hieraus ergab sich das Weitere. Beaulieu-Sarcenet riet dem Herrn Grafen aufs dringendste, die Gelegenheit zu benützen, um so die Abhandlung wenigstens einemquasi-gelehrten Publikum vor Augen zu führen. Auch erbot er sich höflichst zur Lesung der Revisionsabzüge. Er schloß mit der angenehmen Eröffnung, daß er im Frühherbst, wenn der Herr Graf dies gestatte, auf Schloß Authenried-Poyritz vorsprechen und die neuesten Errungenschaften des gräflichen Münzkabinetts einer genauen Besichtigung unterwerfen wolle.

Diese Zuschrift des weltberühmten Archäologen führte im Leben und Treiben der Schloßbewohner einen erheblichen Umschwung herbei. Die Numismatik, seit Wochen entthront, gelangte nun wieder urplötzlich zur Herrschaft.

Noch an dem selbigen Vormittag nahm Graf Gerold seinen rechtswidrig unterdrückten Vortrag zur Hand, stellte zuvörderst die beklemmende Thatsache fest, daß der Umfang der Rede – selbst mit Weglassung sämtlicher Vokative an die Adresse der »hochansehnlichen«, »schätzbaren«, oder »gelehrten« Versammlung – immer noch dreimal so lang war, als das von dem Chefredakteur der »Minerva« bezeichnete Maximum, und las dann die Arbeit vier- oder fünfmal durch, stets zu dem unabweisbaren Resultat gelangend, daß er im Grunde nichts, aber auch gar nichts weglassen könne, ohne dem köstlichen Aufsatz die unheilbarsten Wunden zu schlagen.

So kam der Mittag heran. Sichtlich zerstreut schenkte der Graf weder dem duftigen Pomard, der so tief purpurrot in den schweren, altertümlichen Gläsern blinkte, noch den Schwänken des Herrn Majors die gebührende Aufmerksamkeit,ließ den Champagner verperlen, wie ein Kranker sein künstliches Selterswasser, und hatte nicht einmal Sinn mehr für die bewegliche Heiterkeit Gertruds, die sich mit aller Kraft ihres sprühenden Konversationstalents abmühte, das allgemach zögernde Tischgespräch leidlich im Gang zu erhalten.

Beim Dessert legte der Graf plötzlich das Messer weg und sagte, den Blick wie entgeistert auf die halb schon geschälte Birne richtend:

»Aber die Illustrationen! Illustrationen sind unumgänglich! Was meinen Sie, Somsdorff?«

»Illustrationen?«

»Nun ja doch! Erläuternde Illustrationen zu meiner Studie!«

»Ah so! Allerdings …«

»Nicht wahr? Ich muß mir sofort Gewißheit darüber verschaffen, ob die ›Minerva‹ auch Illustrationen bringt! Ich habe das Blatt nie in den Händen gehabt. Sie entschuldigen, meine Herrschaften … Karl! Hören Sie nicht? Schnell Tinte und Feder!«

Er schrieb ein dringendes Telegramm – Antwort bezahlt – an Beaulieu-Sarcenet:

»Bringt die ›Minerva‹ auch Illustrationen? Welchen Zeichner empfehlen Sie?«

Hiernach ließ er den Reitknecht rufen und behändigte ihm den Zettel mit dem Befehl, unverzüglich ins Dorf zu laufen und die Depesche dort gegen Empfangsbestätigung aufzugeben.

»Nur gegen Quittung!« rief er ihm nochmals nach. Er lauschte mit einer gewissen Aengstlichkeit, bis die schwer wuchtenden Schritte des Burschen im Korridore verhalltwaren. – Dann erst schälte er seine Forellenbirne schweigend zu Ende.

Drei Tage lang hielten es die Herren von Steinitz noch aus. Dann gab ein Familienfest, das sie in Zeschau mitmachen sollten, dem Herrn Major den erwünschten Vorwand, mit guter Manier aus den unheimlich gewordenen Räumen des Schlosses zu flüchten und sich die Wiederkehr für eine bessere Zeit vorzubehalten. Es lag jetzt in der That über den Hallen von Authenried-Poyritz wie ein geistiger Druck; der Major meinte sogar: wie das Vorgefühl eines Unglücks. Nicht nur der Graf mit seinen erneuten numismatischen Anwandlungen war vollständig ungenießbar, auch Gräfin Adele und Somsdorff strömten einen nicht recht definierbaren Hauch von Schwermut und Monotonie aus.

Unmittelbar nachdem die Herren von Steinitz abgereist waren, erhielt auch Gertrud Mettenius ein Briefchen ihrer Mama, das sie nach Hause berief. Somsdorff war fest überzeugt, daß Gertrud sich dieses Briefchen bestellt hatte, um nicht zwecklos noch ein paar Tage lang von ihrem Liebsten getrennt zu sein; denn Friedrich von Steinitz und Gertrud – wenn man aus hundert Symptomen einen berechtigten Schluß zog – mußten jetzt vollständig einig sein, und selbst den Papa hatte man kurz vor der Abfahrt nach Hoyersbrück wohl ins Vertrauen gezogen.

Nachdem so das Schloß wieder in den normalen Zustand seiner vornehmen Abgeschiedenheit und Ruhe zurückgetaucht war, nahmen auch die während der letzten Tage etwas beeinträchtigten Garten- und Feldwanderungen der Gräfin mit Leo von Somsdorff einen gesteigerten Aufschwung.

Der Graf wollte das so, und zwar aus zweierlei Gründen. Einmal konnte er, wenn sich Adele viel mit Somsdorff befaßte, ungestört an der Neugestaltung seines münzwissenschaftlichen Vortrags arbeiten, ohne doch gar zu rücksichtslos zu erscheinen. Außerdem bedünkte es ihm eine Ehrenpflicht, dem jungen Mann, der sich bei der Errettung Josefas so fürchterlich zugerichtet, alles zu bieten, was da geeignet war, seine Erholung zu fördern, seine Stimmung zu heben, kurz, denstatus quo antemöglichst rasch wieder herzustellen.

Und einer seelischen Anregung und Erfrischung, wie sie sich aus dem Naturgenuß in Gesellschaft einer ihm offenbar höchst sympathischen jungen Frau ergab, schien der blasse, immer noch etwas hohläugige Somsdorff stark zu bedürfen.

Er war mitunter seltsam verstimmt; merkwürdig abgeneigt, eines der gräflichen Pferde zu reiten, obgleich Doktor Michalsky dies letzthin erlaubt hatte; unlustig, ein Buch oder selbst nur ein Zeitungsblatt in die Hand zu nehmen; apathisch gegen die Briefe und Telegramme Beaulieu-Sarcenets; von höflicher Schweigsamkeit während der Mahlzeiten; auf der Chaiselongue zwischen den beiden Verandasäulen beinahe mürrisch.

Nur wenn die Gräfin sich anschickte, das große verwöhnte Kind »auszuführen«, wie der Graf diese regelmäßigen diätetischen Gänge bezeichnete, flog ein Leuchten über sein Antlitz. Man sah ihm dann deutlich an, wie sehr er sich auf das planlose Wandern durch die Alleen, auf das köstliche Hin- und Herschlendern zwischen den Rotdornsträuchern und Haselnußbüschen, auf die langsamen Streifzüge ins Gehölz freute …

Und doch blieb dies Leuchten nur von sehr kurzer Dauer. Oft machte es schon, bevor man die Freitreppe hinabschritt, einem Ausdruck der Müdigkeit, ja der Verbitterung Platz, der sich erst nach und nach, unter dem Einfluß der sommerlich schönen Natur und der mildfreundlichen Worte Adelens wieder verlor.

Eines Morgens in aller Frühe – der Graf schlief noch, denn er hatte bis zwei Uhr nachts über der Arbeit gesessen – traten die zwei in besonders ungesprächiger Stimmung einen Gang durch den Park an – auch diesmal von der kleinen Josefa begleitet, die Gräfin Adele seit jenem Abend auf der mondscheinbeglänzten Veranda kaum von der Hand ließ. Höchstens durfte das Kind draußen im Feld ein paar Schritte vorlaufen, um aus dem Aehrengewoge sich Raden und Kornblumen zu brechen. Sobald man jedoch wieder den Park mit seinen phantastisch verschlungenen Irrgängen erreichte, blieb Josefa, wie durch das Auge der Mutter gebannt, stets in unmittelbarster Nähe; ja, sie setzte sich, wenn man irgendwo Rast hielt, meist unaufgefordert zwischen Somsdorff und ihre Mama, ein Warnungszeichen für den Bethörten und gleichsam die lebendige Mauer, in deren Schutz die verzauberte Königin trotzig auf ihre Unnahbarkeit pochte.

An jenem Morgen schritt man die Balustraden des Teiches entlang, bog dann links ab, durchstreifte die Rosenbeete, die in verblüffender Pracht standen, wechselte zwei, drei Worte über die Lieblingsarten der Gräfin, die Marschall-Niel- und La-France-Rosen, die von dem Gärtner mit überraschender Ausgiebigkeit gepflegt wurden, und erreichte auf Umwegen den Proserpinahügel, wo Leo sich damals so nahe am Ziel geglaubt.

Seitdem hatte er diesen Platz nicht wieder betreten.

Qualvolle Dumpfheit legte sich ihm aufs Herz, als er den marmorgemeißelten Gott erblickte, der sich die Braut mit so trotzigem Ungestüm – und bei alledem so bequem und natürlich – vom Boden rafft, um sie hinab zu schleppen in die Verborgenheit seines Palastes. Ein wehmütig beklommener Nachklang jener »heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten«, zog in Goetheschen Melodieen durch sein vergrämtes Gemüt.

Gräfin Adele hingegen schien klarer, frischer und ruhiger als je. Mit vollkommenster Unbefangenheit blieb sie einen Moment vor der leidenschaftlich bewegten Gruppe stehen, fand die zackige Krone des Gottes, die hie und da zu zerbröckeln begann, komisch und maskeradenhaft, meinte, das Ganze erinnere zu stark an den Raub der Sabinerin, der zu Florenz die Loggia de' Lanzi schmückt, und wandte sich dann, wie mechanisch, zur Bank hinüber, wo noch immer der blütenbesäte Jasmin seinen berauschenden Duft streute.

Man setzte sich.

Auch diesmal ergab es der Zufall oder Adelens Geschicklichkeit, daß die kleine Josefa den Platz in der Mitte bekam. Das Kind schmiegte sich schalkhaft an seine Mama und neckte sie, hell auflachend, mit einem schwankenden Zweig.

Der Fichtenbestand, der neulich im Goldglanz der sinkenden Sonne gestrahlt hatte, war jetzt beschattet. Die ganze Beleuchtung hatte für Somsdorff etwas Traurigverändertes. Es war ihm zu Mut, als ob er ein teures Antlitz, das er bei voller Gesundheit verlassen, im Kampfe mit einer schleichenden, todbringenden Krankheit wiedererblicke.

Und nun das ewige Lachen und Plappern des Kindes, das die Schweigsamkeit der Erwachsenen mit geradezu ungebührlicher Konsequenz ausnützte!

Es war natürlich nur Einbildung, wenn Somsdorff sich vorsprach, der allgegenwärtige kleine Teufel sehe ihn manchmal so spöttisch, so gemein triumphierend an … Dennoch, trotz aller Vernunftgründe, ward der erregte Mann diesen Eindruck nicht los.

»Josefa durchschaut dich,« klang es in seinem Herzen. »Sie kennt deine Qual! Sie ergötzt sich an deiner verzweifelten Ohnmacht! Ihr Lachen ist niederträchtiger Hohn!«

Gräfin Adele nickte ihm zu.

»Warum so ernst, lieber Freund?« frug sie mit schlichter Herzlichkeit.

Er zuckte ein wenig die Achseln.

»Man hat seine Stimmungen,« sagte er lächelnd. »Ich bin jetzt neuerdings auf dem Standpunkt angelangt, daß ich im Lenz schon den Herbst wittere, und wo sich das Leben entfaltet, Zerstörung und Tod. Dieser azurblaue Sommertag schnürt mir die Brust zusammen. Dort in der Tiefe zwischen den Fichtenstämmen erblick' ich Gespenster …«

»Das sind einfach die Nachwehen Ihrer Leidenszeit,« sagte die Gräfin, ohne den Doppelsinn ihrer Worte zu merken. »Sie dürfen sich nicht so nachgeben.«

Fragend heftete er den Blick auf ihr Angesicht, das so gütig erschien und so mild, wie das einer Mutter, die ihren Sohn tröstet.

Adele sah in dem einfachen, rosagestreiften Morgenkleid und dem beinahe schmucklosen Strohhütchen auf dem herrlichen Haar unbeschreiblich hold und verlockend aus.Ihre Absicht, durch Vermeidung jeglicher Toilettenkunst den Eindruck, den sie auf Leo hervorgebracht, thunlichst abzuschwächen, hatte sich nie so verfehlt erwiesen, als heute. Sie ahnte nicht, wie gerade die blumenartige Schlichtheit ihrer Erscheinung einen Charakter von der Eigenart Leos umstricken mußte. Diese ungekünstelte Anmut bedeutete ja für Somsdorff äußerlich fast dasselbe, was ihre weibliche Würde, ihre hoheitsvolle und doch nicht geschraubte Strenge innerlich für ihn bedeutete: ein Fremdes, Neues und dennoch Vertrautes, ein himmlisches Etwas, das auf sein ganzes Gemüt wirkte wie die Seebrise auf die pochende Stirne des Fieberkranken.

Und nun sich sagen zu müssen: dies neue, unbeschreibliche Glück würde dir in den Schoß fallen, wenn dies Kind nicht wäre, dessen bloße Anwesenheit ihr unausgesetzt Moralpredigten hält und ihr Gehirn mit Phantasmen erfüllt, die du mit aller Kraft deiner sieggewohnten Verführungskunst nicht hinwegblasen kannst!

Daß Josefa wirklich das einzige Hindernis auf dem Weg zur Eroberung sei, darüber hegte der junge Mann, der ja noch immer die Fesseln einer leichtsinnigen Vergangenheit nachschleppte, kaum einen Zweifel.

»Denn –« sagte er sich – »wäre die Tugend Adelens an und für sich über jeden Ansturm erhaben, so brauchte sie nicht diese Schildwache hinzupflanzen, die schleunigst Alarm schlägt, sobald sich mir nur das leiseste Wort auf die Lippen wagt.«

Er seufzte schwer.

»Frau Gräfin,« frug er dann plötzlich in französischer Sprache, »wie lange gedenken Sie diese Komödie fortzusetzen?«

»Welche Komödie?«

»Die mit der kleinen Ehrendame, die sich hier zwischen uns drängt.«

Sie errötete heftig.

»Wie so Ehrendame?«

»Teuerste Gräfin, Sie betrügen sich selbst – und verraten sich! Weil Sie sich schwach fühlen, weil Sie mich lieben – heiß, über jede Beschreibung – deshalb gebrauchen Sie diesen Engel da mit dem flammenden Schwert, der mich so feindlich von hinnen scheucht! Aber ich schwöre es Ihnen: das frommt nicht! Sie werden an dieser Thorheit zu Grunde gehen! Nein, lassen Sie mich jetzt ausreden! Wird Ihr Kind darum besser und glücklicher, weil seine Mutter um eines Vorurteils willen sich heimlich zerquält und einen ehrlichen Menschen, der sie vergöttert, einfach ins Tollhaus bringt? Adele, Adele! Es kommt eine Zeit, da niemand auf dieser Erde mehr weiß, wo unsre Gebeine ruhen! Die Pflugschar geht einst über die Stätte, wo jetzt Ihr Schloß ragt … Glauben Sie wirklich, daß Ihre Seele dann irgendwo im unendlichen Weltraum Freude darüber fühlt, sich und mich damals zertrümmert zu haben?«

»Das weiß ich nicht,« versetzte die Gräfin ruhig. »Auch wäre das eine traurige Pflichterfüllung, die sich von der Erwägung abhängig machte, ob eine That sich lohnt. So viel im allgemeinen. Jetzt aber muß ich Ihnen doch scharf betonen, daß Sie mich vollständig mißversteh'n! Ich bin fertig und klar mit allem und durch Gottes Hilfe so stark, daß ich von keinem Kampf mehr zu reden habe. Ach, Herr von Somsdorff, Sie glauben also im Ernste, ich hätte um meinetwillen das Kind hier mitgenommen?«

»Ich dachte …«

»Sie irren, mein Freund! Nur umIhnendas zu erleichtern, was Sie mir neulich versprochen haben … Nein, Herr von Somsdorff: eine Mutter, die einmal ernstlich mit sich zu Rate gegangen, hat die Gegenwart ihres Kindes nicht nötig, um unausgesetzt ihrer Liebe zu diesem Kinde und der Verpflichtungen, die ihr daraus erwachsen, bewußt zu bleiben! In diesem Engel, dem Ihr Sarkasmus ein flammendes Schwert verleiht, atme und lebe ich! Hundert Meilen dürften uns jahrelang scheiden: an der Allgewalt dieses Gefühls könnte das kaum was mindern! Seh'n Sie doch endlich ein, daß der Weg, den Sie jetzt wandeln, traurig ins Leere führt! Ich habe auf Ihrer Abreise nicht bestanden, weil Ihre Nähe mich nicht mehr erschreckte – und weil Sie so heilig gelobt hatten … Es scheint aber, daß Sie der Freundschaft in Wahrheit nicht fähig sind …«

Ein verlorener Sonnenstrahl zitterte auf dem goldgelben Band ihres Hutes und glitt, da sie den Kopf jetzt zurücklehnte, wie kosend über die schön gerundete Wange hinab auf die Brust, die so geruhig atmete und so gleichmäßig, als wollte sie den fiebrischen Brand seiner Sehnsucht verhöhnen.

Er sprang auf.

»Gehen wir?« fragte er tonlos.

Sein Gesicht war bleicher als je; die Lippen verdorrten ihm fast.

»Fehlt Ihnen was, Herr von Somsdorff?«

»Es scheint so. Ich bin zu Tode erschöpft. Ich fürchte, ich werde krank.«

»Es gibt einen Spruch …« sagte die Gräfin, alssie am Teiche entlang schritten. »Mein Geschichtslehrer hat ihn häufig citiert … Es war Latein, und der Sinn war der: ›Wolle gesund sein, und du bist es!‹ Ihnen mangelt vielleicht der Wille. Uebrigens, kennen Sie nicht die Schrift Kants – das Einzige, was ich von Kant gelesen habe: ›Die Kunst, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden‹? Natürlich, Sie kennen das! Aber danach zu handeln, das fällt euch Herren der Schöpfung, die ihr doch sonst so vornehm auf uns herabschaut, nicht ein!«

»Ich glaube, Sie machen sich über mein Elend lustig?« versetzte Leo stirnrunzelnd; denn sie hatte die letzten Worte im Tone der leichtesten Plauderei gesprochen.

»Das sei ferne von mir!« sprach sie mit plötzlich veränderter Stimme.

Die Thränen traten ihr in die Augen.

Er aber sah das nicht. In seiner Seele hatte nur eins Raum: der Gedanke, daß diese Frau ihn geliebt hatte – und nicht mehr liebte!

Dies Bewußtsein war niederschmetternd – die erste große Enttäuschung seines verwöhnten Lebens!

Der Widerstand einer abstrakten Moral – so philosophierte er – ließ sich durch eisenfeste Beharrlichkeit über den Haufen werfen. Eine Siegerin aber, der es gelungen war, das Feuer der Leidenschaft – das er doch ihrem eignen Geständnis zufolge in ihrer Seele entzündet hatte – in so lächerlich kurzer Frist mit Gewalt auszulöschen: ein solches Geschöpf stand außerhalb jeder Berechnung!

Ja, wäre ihr Herz vereinsamt gewesen! Hätte dies Kind nicht alle Abgründe ihres Gemüts täglich neu mit Rosen und Lilien verschüttet! Aber so wirkte Josefa schon durch die bloße Thatsache ihres Vorhandenseins!

Und gerade er, Somsdorff, mußte dies wühlende Weh dulden – er, vor dem sich die angebetetsten Schönheiten seufzend im Staube gewunden! Er mußte das gerade hier dulden, wo es zum erstenmale im Leben ihm ernst war – so ernst zum wenigsten, wie es für einen jahrelang kultivierten Leichtsinn, der nichts für heilig erachtet, noch möglich war! Er liebte sie wahnsinnig, mit der Glut eines Verschmachtenden; jeder Tag dieser grauenhaften Entsagung hatte der Lohe, die ihn verzehrte, neuen Brennstoff geliefert; er fühlte, wie sein Gehirn kochte und brodelte, wie jeder Nerv in ihm krankte – und sie gab ihm den Rat, Kants Schrift zu lesen ›über die Kunst, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden‹!

Noch ein Schritt – und seine Zurechnungsfähigkeit hörte auf. Was dann kam – er schauderte vor der Ausmalung dieser Möglichkeiten zurück, die sich ihm hundertfach variiert und dennoch stets in der gleichen Grundstimmung aufdrängten. Der Egoismus der Leidenschaft hatte den Höhepunkt seiner Starrheit erreicht.

Als Leo am Nachmittag sein Zimmer aufsuchte, um für einige Stunden allein zu sein, folterte ihn ein fürchterlicher Gedanke, den er nicht bannen konnte. Ja, es fehlte ihm, so sehr er sich mühte, die sittliche Kraft, sich dieses unerhörten Gedankens zu schämen. Dabei fühlte er jetzt, gleichsam als Folie zu seiner Zwangsvorstellung, einen stechenden Druck in der Seite, etwas oberhalb jener Stelle, wo ihm der wütende Hirsch das mörderische Geweih eingebohrt hatte.

»Du Narr!« klang es in seinem Innern, während er grimmig die Faust wider den schmerzenden Punkt stemmte. »Hättest du damals ein paar Sekunden gezögertund dein Leben, das noch so lebenswert und so rosig erschien, nicht in die Schanze geschlagen, so … wäre jetzt alles vorüber! Kein Hindernis türmte sich mehr zwischen dich und dies wonnige Weib! Du könntest sie trösten … Ein Tröster erfüllt seine Sendung nur halb, wenn er nicht auch ersetzt … du würdest in ihrem Herzen die Lücke ausfüllen, die der Verlust des unseligen Kindes ihr hinterlassen hätte! Sie wäre dein Eigen, wenn nicht schon jetzt, so doch dereinst, nachdem sich der erste, verzweifelte Jammer gelegt hätte! Die Undankbare! Wie hat sie dir's denn gelohnt, daß du gespießt wurdest? Ein paar gütige Phrasen hat sie für dich gehabt, ein sentimentales Geständnis, bei dem drei Viertel der zärtlichen Glut auf Rechnung des Kindes kamen! Und nun, wie du in deiner Ungeduld aufschreist, gibt sie dir lächelnd den unerhörtesten Fußtritt! Das hast du von deinem selbstlosen Opfermut, du trauriger Don Quixote, du öder, hirnverbrannter Hanswurst!«

In blinder Wut schlug er sich auf die schwer atmende Brust.

»Hätt' ich's geahnt,« fauchte er durch die Zähne, »hätt' ich's geahnt!«

Und die verbrecherische Empfindung der Reue über die Rettung, die er damals vollbracht hatte, goß sich ihm heiß durch die Adern. Nein, er würde im gleichen Falle nicht wieder so handeln. Jeder war sich doch selbst der Nächste, wo es um Sein oder Nichtsein ging! Man half nicht dem Todfeind, wenn er am Rande des Abgrundes zu straucheln begann. Das war nicht Menschlichkeit, sondern Wahnsinn.

Er stöhnte bei diesen grauenhaften Erwägungen wie ein Sterbender.

Immer wieder knirschte er vor sich hin: »Hätt' ich's geahnt! Hätt' ich's geahnt!«

Die Ritterlichkeit, die ihn sonst auszeichnete, die natürliche Wahrheit seines Gemüts, sein Gerechtigkeitssinn – alles schien untergegangen in dem fürchterlichen Gewoge einer schamlosen Selbstsucht.


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