»Großer Gott wir loben dich,Herr, wir preisen deine Stärke!«
»Großer Gott wir loben dich,Herr, wir preisen deine Stärke!«
»Großer Gott wir loben dich,Herr, wir preisen deine Stärke!«
»Großer Gott wir loben dich,
Herr, wir preisen deine Stärke!«
Bürgermeister Leykuhlen hatte immer ein gutes Ansehen in Heckenbroich und Umgebung genossen, aus der ganzen Gegend kam man zu ihm sich Rat holen, aus der Kreisstadt sowohl als aus dem entlegensten Venndorf. Aber nun war es doch noch anders geworden. Er war in den Augen der Leute noch gewachsen. Man hätte sich kaum mehr getraut, etwas zu tun, ohne ihn zu befragen; er war der Klügste und ein gottesfürchtiger Mann dazu. Die Mützen flogen von den Köpfen.
›Der König von Heckenbroich!‹ Das hatte der Tierarzt mit einem gewissen Spott aufgebracht, und andere sprachen es nach. Der Landrat nicht ohne Ärger. Da war er mit all seinem Eifer, mit all seinem guten Willen und seiner Betriebsamkeit, mit der Vielseitigkeit seiner Interessen nicht halb so weit gekommen, wie dieser Bauernbürgermeister mit seiner Einseitigkeit. Weiß Gott, wenn’s wieder zu den Wahlen kam, stellten sie ihn noch als Abgeordneten für den Kreis auf! »Da sei Gott vor!« schrie Dreiborn in einem Entsetzen, das so komisch war, daß seine Zuhörer lachten. Aber ihm selber war’s nicht komisch, ihm war ernst dabei zu Mut, traurig sogar. Er hatte doch auch das Land lieb, auf seine Weise. Wenn doch einer käme, der den Leuten ein Licht aufsteckte! So geriet man ja immer tiefer ins Mittelalter hinein! Er pustete und wurde rot und röter, wenn er von dem Bauernbürgermeister hören mußte; und doch konnte er dem Mann eine gewisse Anerkennung nicht versagen: der Pfaffenknecht tat auf seine Weise das Beste – aber eben aufseineWeise!
Leykuhlen hatte keine Ahnung davon, daß in der Kreisstadt viel über ihn gesprochen wurde. DasTe Deum, das er so ganz aus eigener Machtvollkommenheit nach Anbruch des großen Regens in der Kirche von Heckenbroich hatte singen lassen, konnte nicht unbesprochen bleiben. So etwas war noch nicht dagewesen. Aber nur wenigen war es ein ärgerlicher Anstoß, die meisten standen ihm voller Sympathie gegenüber.
Auch Heinrich Schmölder erzählte davon zu Hause. Ihm war es im Grunde ganz gleichgültig, er hatte den Kopf voll mit eigenen Angelegenheiten – sollte er Hedwigs Mitgift nicht lieber doch noch in Händen behalten und dem jungen Paar nur eine Rente geben? – aber Lenchen hatte so lange gespöttelt und gehetzt, bis auch er von ›Betbruder‹ sprach. Dem Gatten so wenig als möglich zu widersprechen, war einer der Grundsätzevon Frau Schmölder; aber jetzt echauffierte sie sich doch: wie konnte Heinrich so etwas sagen?! Man hätte wirklich annehmen können, er wäre kein guter Christ, wenn man’s nicht besser wüßte. Und was sollte der Bräutigam davon denken, der mit am Tische saß?
Aber Scheffler lächelte nur verbindlich; er hatte kaum hingehört, was der Schwiegervater sagte, er tändelte mit der Braut. Hedwigs Hand in der seinen haltend, zog er ihr spielend den goldenen Reif vom Finger und schob ihn ihr wieder auf. Das war ihnen beiden sehr unterhaltsam.
Josef saß dabei und biß sich auf die Lippen; in seinem Gesicht vibrierte es nervös. Nun hielt er nicht mehr an sich; dies verliebte läppische Getändel alle und alle Tage mit anzusehen, das war zuviel. Gereizt fuhr er auf: »Leykuhlen ist durchaus kein Betbruder, und auch kein Pfaffenknecht, wie ihn gewisse Leute zu nennen belieben. Er ist ein Mann, ein ganzer Mann, der genau weiß, was er zu tun hat. Ich wollte, ich wäre so einer!«
»No, und wat dann?« fragte der Vetter mit seinembreiten Lächeln.
»Dann stünde ich auf und schöbe den Stuhl unter den Tisch: prost Mahlzeit,« stieß der andere heftig heraus. Er sprang auf. »Ihr habt ja gar keine Ahnung von Größe; keinen Schimmer! Wenn ihr nur eueren guten Tag lebt, damit basta. Aber der Mann da oben, der hat selbstlose Ideen. Der ist wohl auch der Berufene, der Einzige vielleicht, der geeignet ist, Kreis und Land zu vertreten. Klug, kräftig, männlich, geradezu, unerschrocken –«
»Und dazu noch en jute Portion Selbstbewußtsein,« setzte, halb tadelnd, halb anerkennend, der Fabrikant hinzu. »Kreisphysikus und Landrat können ein Lied davon singen. Haha!«Er amüsierte sich noch in der Erinnerung; er hatte gehört, wie Leykuhlen denen gegenübergetreten war.
Josef schob seinen Stuhl unter den Tisch. »Gesegnete Mahlzeit,« sagte er kurz. Seiner Cousine nickte er zu: »Dein Diner war sehr gut, Sophie, ausgezeichnet wie immer; danke. Aber ich äße lieber Brot und Kartoffeln oben auf der Fangeuse!« Und damit ging er zur Tür hinaus.
»Was hat er denn nun schon wieder?« fragte Frau Schmölder ganz erschrocken. »Rebhühner ißt er doch sonst so gern. Er war ja so ungemütlich!«
»Verrückt,« sagte Heinrich, zuckte die Achseln und lachte hinter dem Vetter drein. Er nahm Josef jetzt nur mehr komisch: was sollte er sich denn noch über den ärgern?!
Dann sprachen sie von etwas anderem. Es war so selbstverständlich, daß das junge Paar die neuen Reitpferde, die Egon sich als demnächstiger Hauptmann anschaffen würde, auch einfahren ließ. Nur in welcher Farbe der Wagen ausgeschlagen werden sollte, oder ob ein Selbstfahrer eleganter wäre, darüber war man sich noch nicht einig.
Josef stürmte hinaus. Er war ingrimmig, alles widerte ihn an; und doch sagte ihm der eigene Verstand, daß er eigentlich gar keine Berechtigung habe, so aufgebracht zu sein, kein Mensch hatte ihm ja etwas getan. Aber er konnte sein Gleichgewicht nicht wiederfinden, wie sehr er auch bergauf und bergab rannte. Wo sollte er hin? Einen Augenblick dachte er an Leykuhlen, Frau Mariechen hatte etwas so Beruhigendes; aber er schämte sich, dem Freund in dieser Verfassung unter die Augen zu treten. Bärtes war so ruhig, so gleichmäßig, ein so ganz in sich gefestigter Mensch; was sollte er wohl bei diesem, er, der heute noch, den Fünfzigen nicht allzu fern, wie einer von achtzehn war?!
Er spazierte ziellos umher den ganzen Nachmittag, lief in sich gekehrt, mit gerunzelter Stirn; schon war er todmüde, aber er mochte doch noch nicht zurückkehren. Endlich fand er sich, oberhalb der Au, am Fuß der großen Tanne, zwischen deren Wurzeln er einmal so sanft geruht hatte in einer Mondscheinnacht. Heute war noch Sommerabendsonne, die Landschaft nicht so traumhaft verklärt wie im Mondschein, auch nicht so poetisch; wirklicher, leibhaftiger, kräftiger in den Farben, aber doch auch schön und vor allem beruhigend. Die Stille tat ihm wohl. Seine Mißstimmung verlor sich im Anschauen der Landschaft. Dunkel, so dunkel der Tannenwald, saftgrün das Wiesental. Schon schwebte ein leiser, silberiger Duft über Grund und Hängen, der Hauch des Herbstes. Bald würden die wenigen Laubkronen, die zwischen den dunklen Tannen verstreut waren, sich rostbraun färben, und dann –?! Es packte ihn noch einmal wieder: Himmel, der Herbst so nahe, und noch einmal ein Winter da unten – entsetzlich! Er schüttelte sich.
Harte Tritte klapperten; der steinige Boden leitete den Schall weit. Da kamen sie herauf, die müden Arbeiterinnen, die, nun die Dampfpfeife gepfiffen und das Glöckchen oben im Türmchen der Fabrik gebimmelt hatte, matt und hungrig den Heimweg antraten. Arme Dinger! Er sah ihnen entgegen, wie sie den Fußpfad heraufstiegen, zu zweien und dreien nebeneinander die Breite des Pfades einnehmend; alle trugen ein Körbchen am Arm, alle neigten die glattgestrählten Köpfe nieder auf das Strickzeug, dessen grobe Nadeln in ihren Händen rasselten. Selbst jetzt noch fleißig! Er bewunderte sie. Sie sprachen mit einander, mitunter sagten auch ein paar das ›Gegrüßet seist du,‹ her. Als sie bei ihm vorüberkamen, sagte er ›Guten Abend‹. Sie stießen sich an und kicherten: der Herr, der da auf dem Boden lag und sie zuerst gegrüßt hatte,erregte ihre Heiterkeit. Sie beguckten ihn rasch von der Seite, und dann lachten sie noch im Weitergehen: der war ja närrisch!
Es war ihm peinlich. Warum lachten sie denn so? Dumme Dinger! Er sprang auf und kroch die Berglehne etwas höher hinan und lagerte sich dort hinter ein Brombeergestrüpp. Nun konnte er sehen, ohne selber gesehen zu werden. Ganz hübsche Mädchen, sahen nur alle älter aus, als sie wohl sein mochten! Der Schönheitskenner rümpfte die Nase. Aber da, da kam eine hintennach, die war wirklich noch hübsch, vollkommen hübsch! So taufrisch, gänzlich unberührt.
Es war Bäreb. Sie kam als allerletzte. Langsam, wie sehr müde, ging sie; ein großer Abstand blieb zwischen ihr und den übrigen Mädchen. Sie strickte auch nicht wie jene, sie betete auch nicht, obgleich sie die Hände vor sich gefaltet hielt. Ihr schwerer Blick starrte geradeaus, weit, weit weg in den dämmernden Abend.
»Hela!« Es reizte Josef, sie anzurufen.
Sie erschrak heftig. Als sie nach ihm hinsah, erkannte er sie: ah, dieses hübsche Mädchen war ja die Huesgen! Schon einmal hatte er sie so erschreckt, oben vor der Kirche – war er denn so schrecklich?! Schnell rutschte er den Hang hinunter und stand mit einem Scherzwort vor ihr. Sie sagte »Juten Abend«; er merkte, daß auch sie ihn erkannte, aber sie lächelte nicht. Ihr mattes Gelblich-weiß errötete nicht, sie sah an ihm vorbei mit einem verlorenen, traurigen Ausdruck.
Nun, die machte ja ein so unglückliches Gesicht? Warum denn? War ihr der Schatz untreu geworden? Er fragte es sie scherzend.
Da schoß ihr das Blut jäh ins blasse Gesicht, und seine Hand fortstoßend, die ihr unters Kinn greifen wollte, sagte sie hastig: »Ich han keene Schatz. Ich will ooch keene – oßDores is duet – vürletzte Sonndag hammer hen bejrawe!« Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und fing an, herzbrechend zu weinen.
Josef war betroffen. Also der kleine Dores war tot? Er erinnerte sich des Kindes noch ganz genau. Aber war das denn so ein Jammer um den blöden Knaben? Er wurde ganz verlegen bei ihren Tränen. Was sollte er sagen?
Sie hielt sich die harten braunen Finger vors Gesicht, und er sah die Tränen zwischen ihnen durchrinnen. Die mußte ein weiches und warmes Herz haben! Er begann, ihr freundlich zuzureden. Sie weinte in einem fort, sie hörte nicht auf das, was er ihr zum Trost sagte; aber als er sie nach der Wurzel der großen Tanne hinzog, die wie eine Bank, mit Moos gepolstert, herausstand, ließ sie sich willenlos ziehen.
Er sprach recht väterlich. Er war fast erstaunt, wie gut er das konnte. Im stillen machte er sich über sich lustig, aber zugleich rührte ihn dieses bitterliche Weinen, diese ganze Hilflosigkeit, die sich in der geknickten Mädchengestalt offenbarte. Und um den blöden Jungen weinte sie so? Oder war da noch ein anderer Kummer?!
Der leis-spöttelnde Zug, der seine Mundwinkel herabgezogen hatte, schwand; es war herzliches Mitgefühl in seinem Ton: »Warum weinst du denn so? Kannst du es nicht sagen?«
Da hob sie das verweinte Gesicht aus den Händen. Ein Blick traf ihn aus den dunklen Augen, vor dem er stutzte. »Nee,« stieß sie schluchzend hervor. Ihr blasses Gesicht wurde flammendrot bis unter das schwarze, an den Schläfen ein wenig wellige Haar. »Nee – ich kann et nit saone – nee!« Sie schüttelte sich wie in einem inneren Krampf und warf den Oberkörper vornüber. Ihr Gesicht lag auf ihren Knieen. Die Arme schlang sie um die Kniee und preßte sie fest, alsmüsse sie sich so zusammenhalten, um nicht zu zerspringen vor heftigem Schluchzen.
Und alles dies um den blöden Jungen? Das war ja kaum möglich! Aber wenn sie es denn nicht sagen wollte, wollte er sie auch nicht weiter ausfragen. Was ging’s ihn auch an?! Aber er blieb doch noch neben ihr sitzen. Mit leichter Hand strich er ihr über den gebeugten Kopf: »Wein dich aus, Anna, Maria, Lenchen – na, Mädchen, wie heißt du doch gleich?«
»Bäreb,« flüsterte sie, kaum hörbar.
Aber sein feines Ohr fing es doch auf. »Nun, Bäreb, wein dich aus! So –« er klopfte ihr den Rücken – »das tut wohl! Wenn man noch so weinen kann wie du, Kind, dann wird man auch bald wieder froh!«
»Och, Hähr?!« Sie hob den Kopf und sah ihn angstvoll-fragend, ungläubig an.
Er nickte lächelnd: »Ja, auf mein Wort!«
Einen Augenblick huschte es wie ein Hoffnungsschimmer erhellend über ihr Gesicht, dann wurde es wieder trüb. »Ich jlöw dat nit,« murmelte sie und ließ den Kopf wieder hängen. »Nee, nee!« In ausbrechendem Jammer, nicht mehr achtend, daß ein Herr, ein Fremder neben ihr saß, warf sie den Kopf wieder auf ihre Kniee und schluchzte aufs neue.
Was sollte er tun? Zu sagen war da nichts, er kannte ja auch nicht ihren Kummer; helfen konnte er auch nicht. Aber sie dauerte ihn so: armes, geplagtes Fabrikmädchen, gewiß hatte sie es auch noch schlecht zu Hause! Stumm legte er den Arm um ihre Schulter. Er fühlte ihre ganze Wärme. War das ein kräftiger junger Körper, trotz all der mageren Schlankheit. »Tröste dich!« Er drückte sie leicht.
Da richtete sie sich hastig auf. Jetzt erst ward sie sich ihrer Unschicklichkeit bewußt. Errötend, den Blick erschrockenniederschlagend, sprang sie auf die Füße. O, was sollte der Herr wohl von ihr denken?! Sie war ganz verwirrt.
Josef lächelte flüchtig: die Kleine sah so allerliebst aus in ihrer Beschämung. Aber dann wurde er ernst. Ein Gedanke war ihm plötzlich durch den Kopf geschossen, der sich seiner ganz und gar bemächtigte, wie ein brennender Wunsch. Wenn die mit ihm ginge! Sie schien ja unglücklich hier zu sein, vielleicht, daß sie gern auf die Fangeuse hinauf zöge?!
Es war nun ausgemachte Sache, daß Josef Schmölder die Fangeuse bezog. Heinrich Schmölder schüttelte den Kopf: was der Josef doch für einen Dusel bei den Weibern hatte, trotz seiner angegrauten Haare! Fand wahrhaftig eine, die mit ihm da hinaufzog, noch dazu eine, die blutjung war und die hübscheste von allen in der Fabrik! Na, wenn das nur gut ging! Aber dem Josef war ja nicht zu raten, der hörte ja doch nicht. Und er, Heinrich, hatte sich auch des Rechtes begeben, ein Veto einzulegen; hatte er nicht gesagt: wenn du eine Magd findest, dann zieh hinauf! Übrigens, für ihn selber war es ja auch ganz angenehm, wenn in den Jagdtagen ein so hübsches Mädchen ihm das Bett machte und den Kaffee kochte.
Josef rüstete in fieberhafter Ungeduld; der frühere Hüter der Fangeuse war zum August bereits abgezogen. Und nun färbten sich schon die einzelnen Laubbäume gelb, und Astern und Georginen blühten im Garten. Wenn man jetzt nicht eilte, entging einem der Herbst da oben, der köstliche Herbst mit seinen Nebelmorgen und den um so leuchtenderen Mittagen, mit seiner kristallenen Klarheit und dem lichten Himmel, der sich so leicht über die Erde spannt. Er lachte seine Cousine aus, die von wollenen Hemden sprach und eine ganze Ausrüstung für ihn zusammenstellte. Konserven allerArt, Würste, Schinken, Kolonialwaren wurden eingepackt. Wie zur Verproviantierung einer Festung. Die gute Sophie! Es war wirklich nett von ihr. Aber als ob man nicht jeden Augenblick herunterkommen könnte, wenn man etwas gebrauchte! Aber man würde nicht kommen.
Endlich war es erlangt, wonach er sich immer gesehnt hatte. Endlich würde er allein sein, endlich einmal ohne das Geschwätz des Alltags, das ihn nervös und traurig machte. Um ihn würde nur die Natur sein, die er so unendlich liebte, mit der man Zwiesprache halten kann wie mit der Geliebten, und die, je vertrauter man mit ihr wird, dem Glücklichen immer neue und immer noch größere Schönheiten offenbart. Josef war in einer gehobenen Stimmung, er pfiff und trällerte den ganzen Tag.
»Wie’nLiwerlink,«[23]sagte Heinrich mit Spott. Josef war froh, aber auch er war froh, der Josef war ihm öfter doch recht unbequem gewesen. Frau Schmölder aber war ganz betrübt, daß der Vetter hinaufzog, er war immer galant, viel galanter als Heinrich. »Du freust dich ja so, daß du von uns fortkommst,« sprach sie, nicht ohne Vorwurf im Ton.
Da faßte er sie um die Taille und schassierte mit ihr ein paar Mal durchs Zimmer, bis ihnen beiden der Atem ausging. »Sophie, nichts für ungut – haha – ja, Sophiechen, ich freue mich unbändig auf die Fangeuse!«
»Erkälte dich nur nicht, du weißt, du bist nicht der Stärkste. Es ist rauh im Venn – huh, ich möchte im Winter nicht da oben sein!«
Sie schauderte und sah ihn besorgt an. Es würde ja nun hier unten viel friedlicher sein, es war immer so peinlich, wenn Heinrich und Josef sich zankten; aber wenn er sich nurnichts holte da oben, sie sagten doch alle, das Venn sei nicht zum Spaßen!
Nein, es war auch nicht zum Spaßen. Aber zum Bewundern. Stumm saß Josef Schmölder auf dem Bock neben dem Kutscher, der ihn hinauffuhr. Die Schmöldersche Equipage war dazu nicht tauglich, man hatte zwei Arbeitspferde vor einen Karrenwagen aus der Fabrik gespannt. Wo sonst die Ballen und Lumpensäcke aufgestapelt waren, lagen jetzt die Koffer und Kisten und Körbe, und hintenauf saß Bäreb mit ihrer Lade und hielt noch ein Bündel auf dem Schoß.
Ihr Gesicht war ruhig und zufrieden. Die Mutter hatte zwar geweint beim Abschied und ihr noch viele Ermahnungen mitgegeben. Die Eltern hatten überhaupt anfänglich gar nichts davon wissen wollen, daß sie zu einem einzelnen Herrn zog, und der Herr Pastor war auch dagegen gewesen; aber Bäreb hatte es durchgesetzt. Ja, sie wollte fort! Gern! Es war ihr, als müßte sie fliehen vor Erinnerungen. Und war der Herr Josef denn nicht schon so ein alter Mann, zudem der Vetter vom Herrn Schmölder?! Bürgermeister und Bürgermeisterin hatten auch die Eltern beruhigt. Und Bäreb lachte: was sollte es ihr wohl da oben zu einsam sein? Ihr war es gerade recht, so einsam. Und verdienen tat sie ja bei dem Herrn ebensogut wie in der Fabrik, besser noch, denn sie kriegte ja auch Essen und Trinken. Da hatte denn niemand mehr etwas sagen können. Kathrinchen konnte zudem der Mutter das Nötigste helfen – ach, und der Dores war ja nicht mehr da!
So stieg Bäreb wohlgemut auf den Wagen, der vor der Hecke der Eltern hielt. Auch bei Leykuhlens hatte Josef noch halten lassen. Der Bürgermeister aber war gestern nach Mariawald gegangen; das tat er alle Jahr vor Winters, um bei den frommen Brüdern im Trappistenkloster zu beichten.Die Bürgermeisterin versprach, daß Bärtes bald hinauf kommen würde, den Herrn Josef besuchen. »Aber werden Sie et da auch aushalten können?« fragte sie. »Bald kömmt der Schnee!«
Da lachte er sie aus.
Und jetzt saß er und staunte mit großen Augen. So hatte er das Venn noch nicht gesehen. So doch noch nicht! Immer nur war er nicht weit über Heckenbroich hinausgekommen. Jetzt aber breitete sich die Moorfläche in ihrer ganzen Unabsehbarkeit aus; vor ihm, hinter ihm, rechts und links. Das letzte Haus, was sie sahen, war das der Strafkolonie; nun verschwand es auch hinter einer Erdwelle. Das rote, im klaren Herbstlicht weithin leuchtende Dach war plötzlich weg, als sei es gar nicht da. Immer frischer wurde die Luft; Winde standen auf einmal auf aus der bräunlichen Heide, warfen den Pferden die Mähnen durcheinander und bliesen den Menschen ins Gesicht.
»Et is als kalt hie oben, Herr Schmölder,« sagte der Kutscher.
Ja, die Decke war nun doch ganz gut, die Sophie mitgegeben hatte! ›Brauch ich nicht, brauch ich nicht‹, hatte Josef zwar gesagt; nun breitete er sie doch über seine Kniee und ließ sie sich von dem Kutscher an den Füßen einstopfen.
Es wehte. Hier oben weht es immer. Vom Meer her, von der Nordsee über Belgien weg, viele, viele Meilen weit kommen die Lüfte. Aber sie haben ihre ganze salzige Frische behalten. »Hah,« sagte Josef tiefaufatmend und zog den starken Duft schlürfend ein wie einen köstlichen Wein. Man hatte förmlich den Geschmack auf der Zunge. Aber dann sagte er nichts mehr,er verstummte.
Eben noch hatte er mit dem Aufseher der Strafkolonie ein paar Worte gewechselt. Jenseits der Chaussee arbeitetendie Gefangenen, sie standen bis an die Kniee im Heidegestrüpp, hackten und schaufelten, gruben und rodeten wie immer, wie alle Tage, wie seit Wochen und Monaten, ob es regnete, ob die Sonne prallte. Für ein paar Augenblicke ließen sie ihr Handwerkszeug sinken und starrten an, was sich ihnen da nahte. Auch Simon Bräuer, der bei ihnen stand mit seiner Flinte, hatte den Kopf gedreht. Er war dann langsam, aber mit ein paar weitausholenden Schritten, die mehr schafften, als viele hurtige, zum Wagen herangekommen.
»Schön hier oben,« hatte Josef zu ihm gesagt, »wunderschön!«
»O ja!« Der Aufseher ließ für einen Augenblick in einem grimmigen Lächeln seine weißen Zähne aufblitzen. »Aber nit für jeden!« Mit finsterem Ausdruck starrte er dann wieder drein.
Ja, da hatte der Mann wohl recht: für die da sicher nicht! Josef hatte den Sträflingen, deren Leinenkittel sich im Winde blähten, zugenickt, aber sie hatten seinen Gruß nicht erwidert. Sie starrten nur stumm.
»En schlechte Nachbarschaft, Herr Schmölder,« hatte der Knecht gemeint, als sie dann außer Hörweite waren. »Do moß mer sich in Aacht vör holle!«
Aber Josef drehte sich noch einmal um und blickte nach den Sträflingen zurück. Wieder dünkten sie ihn wie damals Schafe, die in der Irre wandern. Und die sollte er fürchten?! Er hielt dem Kutscher eine ordentliche Strafpredigt. Aber dann mochte er nicht mehr sprechen. Je weiter sie ins Venn hineinkamen, desto stummer wurde er; auch der Kutscher schwieg und das Mädchen hinten auf dem Wagen. Die schweigende Landschaft hieß alle schweigen.
Wie ein Meer mit Wellen und Wellchen, eine Flut, endlos, ohne Ufer, ohne Begrenzung dehnt sich das Venn, und derWagen fährt wie ein winziger Nachen in die Unendlichkeit. Noch war das Heidekraut nicht verblüht, aber sein Purpur war blaß geworden, gebleicht vom Brand des Mittags und vom Reif der Nächte. Nicht schwärmten tausende von Bienen mehr, matt nur taumelten noch einige; hier stürzte schon eine und sank hin ins Kraut, verklammt.
Simon Bräuer, der dem Wagen nachgeschaut hatte, lange, lange, ganz verloren in eigenen Gedanken, sah sie fallen. Nun war der Sommer dahin, und Thereschen war doch nicht gekommen! Nun würde sie auch nicht mehr kommen; und wenn er es gut mit ihr meinte, durfte er sie auch jetzt nicht mehr kommen heißen. Sein eisernes Gesicht wurde noch eiserner, er kniff die Lippen aufeinander, als wollte er einen Seufzer nicht herauslassen, der sie öffnen wollte. Verdammt! Erst die Hitze, die Dürre, der Mangel an Wasser, die Krankheitsgefahr – wie hätte er sie, die er liebte, herrufen können?! Und jetzt?! Er sah rundum. Sein scharfes Auge, gegen dessen graue Pupille mit dem dunklen Ring der Wind anpustete, als wolle er es zwingen, sich zu schließen, äugte in die Ferne. Weit, weit dort niederwärts in dem tiefblauen Dunst, in dem die Täler liegen und die Stätten der Menschen, da wohnte sie! Ob sie auch an ihn dachte, bei Tag, bei Nacht, stündlich – immer?! Ach, sie hatte ja an so vieles zu denken: an die Kinder, an die Verwandten, an die Bekannten, an die Nachbarn rechts und links – er aber, er hatte nur sie!
Wenn er hier auf dem Venn stand, die Flinte im Arm, und in die ewige Weite starrte, dann hatte er Muße genug, an die Frau zu denken; viel zu viel Muße. Ragend wie ein einsamer Baum, von allen Seiten sichtbar, brauchte er nicht bange zu sein, daß ihm einer aus der Horde ausbrach. Wenn seine Kerls ihn nur von weitem stehen sahen, dann war’s schon genug. Sie taten ihre Arbeit jetzt wie Maschinen; selten, daß er nocheinen einsperren mußte oder den Stock gebrauchen. Sie hatten gelernt, parieren. Sie wußten, er setzte seinen Willen ein wie die eiserne Pflugschar, die unbarmherzig ins öde Brachland Furchen reißt. Aber hernach sät man doch auch Samen ins aufgerissene Land, auf daß dereinst eine Ernte zu erhoffen ist. Langsam ging das freilich, langsam; aber wer hätte überhaupt je früher daran gedacht – ein Erntefeld auf dem hohen Venn?! Selbst diese armen Teufel, die nichts von dem genießen würden, was sie hier säeten, hatten doch eine gewisse Freude daran, eine Art Stolz. Der Schleichert, der alte Kunde, hatte sich neulich an ihn herangemacht, ihm ganz strahlend an ein paar Stecklingen, aus denen einst eine Hecke werden sollte, die ersten Knospen gezeigt. Und der alte Landstreicher hatte dabei freudig gegrinst übers ganze Gesicht.
Simon Bräuer zuckte die Achseln: nein, ganz schlimm waren sie nicht, seine Kerle! Wenn nur das Thereschen hier wäre! Wenn er die nur hätte, dann wäre alles gut! Seit Pfingsten hatte er die nicht mehr gesehen. Ob sie wohl unten ins Ehebett nun das Kleinste zu sich genommen hatte? Daran dachte er, wenn er abends auf der schmalen eisernen Bettstatt den Schlaf suchte und den Traum, in dem er sie wenigstens einmal zu sehen bekam. Kotz Kuckuck, es war ein hartes Stück für einen verheirateten Mann, hier oben so allein zu sitzen! Das halte einer auf die Dauer mal aus – er nicht!
Mit einem Ruck richtete sich der Aufseher aus seiner nachdenklichen Stellungauf.Mit so großen Schritten stapfte er im Kraut hin und her, so unruhig wie ein Gefangener, trotz aller freien Weite, daß die Sträflinge verstohlen nach ihm guckten. Wenn ersowar, dann mußte man sich hüten, von der Arbeit aufzusehen! Sie grinsten in sich hinein, sie verstanden das wohl: er dachte an das Weib. War es nicht eine Hübsche, Junge, die ihn geherzt hatte? Es war schon lange her.
Simon Bräuer hatte die Stirn in tiefe Falten gezogen. Das grimmige Lächeln, in dem er vorhin, bei der Bewunderung des Herrn, seine blitzenden Zähne gezeigt hatte, zuckte wieder auf. Ja, schön war es schon hier, mehr als schön! Es hatte ihm ja auch so wohl hier gefallen, daß er all die Jahre nicht hatte das Venn vergessen können, sich ohne Zaudern, ohne Bedenken förmlich dazu gedrängt hatte, hier herauf zu kommen. Nun war er wieder hier. Noch war es dieselbe Weite, derselbe Himmel mit den fliehenden Wolken daran, nach dem er immer den Kopf gereckt und gesucht hatte unten in der Enge der Städte; noch war es derselbe starke Duft nach Moor, nach Heide, nach Wachholder, nach Tannenharz, nach der herben Preißelbeere, und wieder war er hier der Hüter, der Herr, wie dazumal, als er seine Peitsche über dem Vieh schwang und seine Stimme scharf und klar allein hier gebot. Was war es nur, das es nun so anders machte hier, warum litt es ihn nicht mehr hier oben? Noch liebte er dieses Land ebenso sehr; er fühlte das, indem es ihm schwer wie ein Stein auf die Brust fiel, bei dem Gedanken, es zu lassen. Jenes Dach hatte er errichtet, das Haus gebaut, darin sie wohnten, Wege hatte er gebahnt, schon Äcker eingeteilt und Gartenland gerichtet, Hecken hatte er angepflanzt, sogar einen Fliederbusch, und doch mußte er gehen. Man zögerte, ihm ein Haus für seine Familie zu bauen, man wollte doch erst noch abwarten. Nun wohl, dann mochten sie sich einen andern suchen. Ob sie einen fanden, der dazu taugte?! Simon Bräuer war kein Bescheidener, er wußte, was er wert war. Wieder lachte er sein grimmiges Lachen, sein Raubvogelauge blitzte dabei. Sie kriegten nie einen solchen wieder! Wer kannte das Venn so wie er? Und wer liebte es so wie er?!
Sein greller Blick wurde milder, verschleierter; er sah trübe rund umher und auf die weißen Kittel, die im Vennwindflatterten. Die Kerle würden ihn auch vermissen! Gerecht war Simon Bräuer immer gewesen, streng, sie hatten ihre Strafe gekriegt, aber auch ihr Recht. Ob sie’s wieder so kriegten? Und doch würde er gehen. Und wenn sie ihm auch für seine Frau ein Haus bauen würden hier oben, durfte er sie denn hier heraufnehmen, sie und die Kinder? Sie waren nicht Vennland und Vennluft gewöhnt.
Der Schweiß brach ihm aus. Wohin er sah, er fand keinen Ausweg. Er sah nur klar den Weg, auf dem es hinging zu ihr. Und den mußte er gehen; er hielt es nicht mehr aus ohne sie.
Es war ein bitteres Gefühl, mit dem Simon Bräuer sich diese Nacht auf seine Lagerstatt streckte. So weit hatte er’s nun gebracht, sehr weit schon – was hatte ihm vor ein paar Tagen der Landrat nicht alles für Komplimente gesagt, ganz erstaunt war er gewesen und voller Lob, wie hier alles voranging – so weit, und doch reichte seine Kraft nicht weiter mehr.
In der einsamen Dunkelheit seiner Lagerstatt stöhnte Simon Bräuer auf und ballte die Fäuste in einem Zorn über sich selber.
Und noch ein anderer unter dem roten Dach, das tief übers rohe Sparrenwerk herunterhängt, stöhnte und wendete sich in ruheloser Qual. Alles schlief im scheunenartigen Raum. Ein Schnarchen, rauh wie das unablässige Schnarren und Schnurren eines Sägewerks, vereinigte alle Schläfer. Mit glühenden trockenen Augen starrte der einzig Wachende im Schlafsaal in die tiefe Dunkelheit.
Heute schien kein Mond draußen, der seine Strahlen wie blinkende Schwerter durchs Gebälk stach; finster war es. Aber der Sträfling mit seinen brennenden, sich ins Finstere bohrenden Blicken sah das Venn draußen und hinter jedemBusch das Kind. Das Kind, das da hockte, das ihm zulächelte, den Kopf rasch vorstreckte und ihm winkte, ihm nickte, so oft er mit seinem Spaten in die Nähe kam. Der Aufseher paßte jetzt lange nicht so scharf mehr auf wie vordem; man konnte jetzt, ohne gleich angeschrieen zu werden, ruhig weiter hinausschlendern, den Karren, den man schob, ein wenig weiter hinauskarren. O, wie das Kathrinchen so vertraulich war! Wenn er neben sie hinter dem Busch niederduckte, dann sah sie ihn immer so freundlich an mit ihren schwarzen Augen. Zum Anbeißen, zum Aufessen! Ein hübsches Dingelchen, ein Kind noch, und doch –!
Einen knurrenden, fauchenden Laut ausstoßend, wie ein in die Enge getriebenes böses Tier, packte sich der Sträfling mit beiden Fäusten ins kurzgeschorene Haar und rupfte sich die Borsten aus. Wenn er die Augen auch zudrückte, so fest zukniff, daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat, er sahsiedoch, immerfort. Gott im Himmel! Wenn Gott im Himmel sich wirklich um jeden einzelnen kümmerte, auch um einen, der hier in der Laushütte saß, dann mußte er jetzt den Schutzengel schicken, den mit dem langen weißen Kleid und dem Lilienstengel in der Hand, von dem Kathrinchen ein Bildchen hatte! Sie hatte es aus der Tasche gezogen, es ihm gezeigt und es geküßt.
Die Hände ineinander faltend, sie zusammenpressend in krankhafter Hast, versuchte der Sträfling zu beten. Ah, wenn er jetzt der Schleichert wäre, der konnte paternollen! Er, er verstand das nicht so gut. Er hatte zu selten gebetet, die Gebete, die er als Knabe gelernt hatte, alle vergessen. Ob er den Kunden weckte? Der würde wohl mit ihm beten. Sein eigenes Gebet beruhigte ihn nicht. Ha, die kleine Trine, die verstand aber noch besser zu beten als der alte Paternapgacker; und fromme Lieder konnte man die singen hören, wenn man dieOhren spitzte. Weit, weit übers Venn klang ihr Gesang; wenn man dem nachging, konnte man sie immer finden. Sie hütete das Vieh, sie sammelte von den roten Beeren, Tag für Tag, vom Morgen früh, bis zum Abend spät; bis daß es dunkelte. Bald war sie hier, bald dort. Ihr Ruheplatz aber war hinter den schwarzen Tannen, ganz im Dickicht, im Busch am Fuß der Ley. Da war es so still, so verborgen. Am Wochentag kam kein Beter hierhin, verlassen stand dann die Muttergottes im Stein. Sie war allein – so ganz allein!
Der Sträfling zuckte zusammen, er erschrak über die eigene Stimme; heiser hatte er’s laut geächzt: »Ganz allein!«
Er schwitzte; der klebrige Schweiß rann ihm in Strömen am Leib herunter. Er betete wieder. Es ward ein seltsames Gebet. Brocken von einst Gelerntem fand er noch zusammen, aber mit Verwünschungen vermengte er sie. Er fluchte sich und dem da oben und dem Kind hier unten. Warum war ihm das Mädchen in den Weg gelaufen? Warum lachte es ihn immer so an?! Würde sie auch noch lachen, wenn er sie zu packen kriegte hinter diesem dichten Busch, wenn er sie – ha, schreien würde sie sicher! Schreien!
Jetzt gellte es durch die Finsternis zu ihm. Er hatte ihn ganz deutlich in den Ohren, den Schrei. Die verwünschte Trine! Er fletschte die Zähne, er biß sie dann knirschend auf einander.
Und dann würde er ihr den Mund zuhalten: ›Biste still!‹ Er würde sie am Halse packen – an dem kleinen, zarten Hälschen – – –
»Jesus, Jesus Christus, erbarme dich!« Erstickt schrie er auf. Er schrie den Schutzengel an, den in dem weißen Kleid: ›komm du, sei du bei ihr, sonst –!‹ Aber auch der konnte ihr nicht helfen, nein!
Sie war wieder da, sie, die ihn überfiel wie eine Krankheit,wie ein Krampf, gegen den er sich nicht wehren konnte; sie, die Gier, die er auch hier nicht losgeworden war. Sie war wieder da. Und nun hielt sie ihn gepackt, fester denn je.
Die Augen rollten ihm, er bäumte sich jählings im Bett auf und wühlte sich dann wieder ein ins Stroh und richtete sich wieder auf und kauerte glühend und doch frierend, zitternd und mit den Zähnen klappernd, weinend auf seiner Bettstatt. Wann kam das Licht? Ach, helles Tageslicht! Kam es nicht endlich?! Ihm grauste in der Finsternis.
[23]Lerche.
[23]Lerche.
[23]Lerche.