II

II

Es hatte lenzen wollen, zu früh in diesem Jahr. Nun kam der Schnee noch nach. Kein tiefer, fester Winterschnee, der unter den Tritten knarrt und die breiten Äste der Tannen belastet mit glitzernder Pracht, der für Wochen und Wochen Heide und Weide in flaumweiche schützende Decken einwickelt und erst schmilzt, wenn wahrhaftiger Frühling kommt und die Schneelasten zu tauenden, befruchtenden Quellen wandelt, die die Bäche füllen, die Brunnen versorgen, jede Graswurzel tränken. Flüchtig weilende Flocken wirbelten dahin, aber sie näßten, erkälteten, durchschauerten bis ins Mark. Atemberaubend fauchte der Wind in Stößen, zerrte an den Kleidern, raffte Schnee zusammen und warf ihn wütend denen ins Gesicht, die sich ihm entgegen zu stemmen wagten.

Hinter seinen hohen Hainbuchenhecken, die sich giebelhoch, mit mauerfestem Astgefüge schützend vor jedes Haus im Dorf stellen, duckte sich Heckenbroich. Aber weiter hinauf oben auf dem Vennbuckel gabs keine schützenden Hecken mehr. Überhaupt keinen Schutz. Einem Ungeheuer gleich, gierig, zischend, pfeifend, schnaufend, bellend, brüllend tobte der Nordweststurm.Gewaltige Wolkengebilde rollten ihre schweren Leiber übers raschelnde Kraut. Keine Ahnung von Himmelsblau, kein Durchblick in die Ferne; alles grau, erloschen, verhangen, stumpf, tot. Und trostlos.

Und doch bauten sie. Die fünfzehn unter Simon Bräuer. Wie aus Stein stand der schwarze Kerl, die Beine breit gesetzt, den Kopf steil aufrecht; der Wind tat ihm nichts, er zwinkerte nicht einmal, wenn ihm eine Ladung Schnee wie nasser Sand gegen die Augen flog und sich ihm an die Wimpern klebte. Mit dem Auge des Raubvogels, dem runden, weitsichtigen, stoßsicheren, beäugte er seine Leute. Und sein Ton war hart, wenn er kommandierte. Pah, so ein bißchen Windrumoren und Nebelspreuen, was machte das? Es konnte hier noch ganz anders blasen. Er kannte das. Nicht umsonst hatte er als verwaister Junge hier oben den Bauern das Vieh gehütet und Beeren zwischen den Mooren gesammelt und später Torf gestochen und aufgesetzt und, knöcheltief im Wasser stehend, das Vennheu gemäht. Hier war er herumgestoßen worden von einem zum andern, hier hatte er gefroren und oft auch gehungert, und doch, und obgleich es ihm beim Militär so gut gegangen war – satt Essen und Trinken, warme Montur, freie Wohnung in den Kasematten in Köln, nie Arrest – er hatte sich doch immer hierher zurückgesehnt. Hier war seine Heimat.

Simon Bräuer, dem langgedienten Unteroffizier, der dann Aufseher zu Siegburg gewesen war, hatte man es gern bewilligt, als Pionier voranzugehen; es hatten sich ohnehin nicht viele gemeldet zur Kolonisation oben im Venn. Er hatte sich dazu gedrängt. Seine Frau hatte zwar geweint, seine Kinder sich an ihn gehängt – nein, dahin wollten sie nicht mit ihm gehen – aber er hatte kurz gesprochen: »Ich geh!« Wenndie Geschichte hier oben erst ordentlich im Gang war, zum Sommer vielleicht, dann sollten sie nachkommen.

Und nun atmete Simon Bräuer wieder Vennluft. Die Nasenflügel gebläht, die unter dem Schnauzbart sonst so fest aufeinandergesetzten Lippen halb geöffnet, schlürfte er den feuchten Schneedunst ein. Das tat ihm gut. Er hatte nicht einmal den dicken Uniformrock angetan, er ging im Leinenkittel; ihm war warm. Was froren denn die Kerle, warum klapperten sie mit den Zähnen?! Er fuhr sie an: hier wurde nicht geschnattert, wie alte Weiber tun, und auch nicht gehustet. Hier wurde frisch drauf los geschafft, nicht in die Hände gepustet und mit den Füßen gestampft! Er lachte.

»Frieren dir die Poten ab?« sagte er zu einem jungen Menschen, der, blau vor Kälte, in seinen Holzschuhen schlotterte. »Wenn du arbeitest, frierste nit – voran!«

Einen bösen Blick unter gesenkten Lidern herauf schoß der Sträfling, nur einen einzigen, Sekunden dauernden, kurzen Blick, aber der Aufseher schrie ihn an: »Hier wird nit jemuckst!«

Nein, sie hätten ja auch kein Wort gewagt. Mit gesenkten Köpfen, wie eine Herde, betäubt von Unwetter mit Blitz und Donnerschlag, so duckten sie stumm unter. Vor ihnen lag das Venn, ohne Schranken, frei und offen; sie hatten zwei Beine, Füße zum Laufen, wer wollte sie hindern, davonzurennen, dahinzuschießen wie ein Pfeil, vom straffen Bogen geschnellt? Dieser einzelne Mann doch wohl nicht?! Und doch rannte keiner. Sie waren wie geschlagen, wie gelähmt.

Nun arbeiteten sie schon ein paar Wochen hier; vom ersten Tagesstrahl an bis in den sinkenden Abend, bis die Nebel so dicht übers Venn krochen, daß sie wie in Wolken standen, daß keiner zehn Schritt weit den andern sehen konnte. Es war jetzt über sie selber eine Hast gekommen, war es dochein zu schlechtes Kampieren in dem alten Torfschuppen, der an der Chaussee steht, die das Venn quer durchschneidet.

Dort schloß der Aufseher sie des Nachts ein; er selber schlief im nächsten Haus des Dorfes und machte nur dann und wann unvermutet einmal die Runde. Er hätte auch das nicht nötig gehabt. So oft er aufschloß und mit der Laterne die fernsten Winkel der Strohhütte beleuchtete, sie waren alle da, und keiner von ihnen rührte sich.

Man hatte die kräftigsten unter den Gefangenen zu der Arbeit im Venn ausgesucht. Es hatten sich auch viele unter ihnen dazu gemeldet, mancher mochte wohl gedacht haben: da oben kannst du gut weg. Jetzt aber lagen sie hier ganz gleichgültig, wie Hunde in sich zusammengekrochen, und was sie sich auch gedacht und erwartet haben mochten von der größeren Freiheit, jetzt hatten sie nur das eine Verlangen: schlafen, schlafen. Sie waren totmüde und eiskalt. –

Ein Stück Land war schon gerodet und planiert, man hatte Strünke und Heidegestrüpp abgebrannt und einen Zaun darum aufgeführt, roh aus Fichtenstangen zusammengeschlagen. Nun erhob sich in halber Manneshöhe bereits der Bau.

Die Dörfler hatten etwas zu bereden und zu besehen auch; sie standen von weitem halb neugierig, halb scheu. Man hatte den Frauen und Kindern verboten, nahe heran zu gehen – rumorten nicht jene Gestalten da wie die bösen Geister des Venns, den Sümpfen entstiegen?! Mit unheimlichem Druck lastete diese Nachbarschaft auf Heckenbroich.

Der Bürgermeister bekam in der nächsten Gemeinderatssitzung etwas anzuhören: wofür war er denn Bürgermeister und hatte das Wohl der Gemeinde zu vertreten, wenn er so was zustande kommen ließ? Nicht sicher war man jetzt mehr im eigenen Haus, man mußte zuschließen. Und wie sollte das erst werden, wenn die Beeren reiften im Herbst? Konnte mandann noch Frauen und Kinder sammeln schicken auf das Venn, wo die Verbrecher, die Halunken – Mörder wohl gar – sich herumtrieben?! Lange Jahre hatte man in Frieden im Dorfe gelebt, nun hatte man zu einer Hand das Lager – schlimm genug, daß die Soldaten den Mädchen nachpfiffen und daß man sich fürchten mußte auf dem eigenen Acker, wenn Scharfschießen war – aber schlimmer noch war das Haus, das sie einem da im Rücken bauten. Das würde man sich nicht gefallen lassen! Hundert Jahre und darüber hatte das Venn dem Bauer gehört, er hatte sich dort Holz gehauen, wenn’s ihm beliebte – ganze Tannen waren verschwunden in den Öfen von Heckenbroich – Torf hatte man sich gestochen und Streu geholt, wenn’s Stroh knapp war, und nun kam auf einmal die Regierung, die sich sonst einen Dreck um das Venn gekümmert hatte, und legte die Hand darauf und setzte einem Gesindel her, vor dem man sich grausen mußte. Steine sollte man den Kerlen nachwerfen, wenn sie Sonntags durchs Dorf zur Kirche getrieben wurden – mochten sie beten, wo sie wollten, nicht hier!

Der Bürgermeister hatte viel zu beschwichtigen. War es etwa seine Schuld, daß man ihnen die Strafkolonie so auf den Hals gerückt hatte?! Da hätte man sich eben selber daran machen müssen, das Venn anzubauen. Ganz verschließen konnte man sich da der Einsicht nicht, daß die Neu-Anforstungen, gegen die man auch erst sich so mächtig gewehrt hatte, jetzt schon das Klima verbessert hatten, dem Wild Schutz gewährten und dem Wanderer, der ohne diese Schonungen sich ganz und gar verloren haben würde, wenigstens in etwas die Richtung angaben?! Diese weiten, öden Strecken von Sumpf und Heide – verlorenes Land – konnten sie der nächsten Generation nicht schon vielleicht Wiesen und Kartoffel- und Roggenäcker bieten?!

Bürgermeister Leykuhlen machte viele Worte, aber er überzeugte nicht. Es gab ein dröhnendes Gelächter im Gemeinderat.

»Dat sinn woll ooch eso ’n neumodsche Ideen, Hähr Burjermeester? Für eso jet sin mir net zo han. Ihr sedd im Jrongd jo ooch net dofür!« sagte der Bauer Balthasar Adams vom Hof am grünen Klee, einer der gewichtigsten von Heckenbroich und der höchste Steuerzahler. Er wurde ganz energisch: »Nee, mir bliewe beim Alde. Mir trecke oß Vieh, mir mähe oß Jras, un wann mer zo wennig han, dann welle mir oß Venn behalde för oß uszehelfe. Oß Äldere woren domit zofredde, oß Jrußäldere ooch – nu hammer als die Iserbahn, dat is mieh wie jenug!«

Wahrhaftig, da hatte der Adams ganz recht! Es war gar kein Glück, wenn immer alles anders wurde, als es früher gewesen war. Wenn die Regierung helfen wollte, sollte sie lieber dem armen Mann ein Sümmchen vorstrecken, bar, gegen geringe Zinsen oder gegen gar keine, daß er sich noch eine Kuh zukaufen und sein Anwesen ausbauen konnte. Und in Futtermangelzeiten sollte sie Heu liefern und der Gemeinde überhaupt von den Steuerlasten abhelfen.Sowar der Eifel gedient. Dann würde bald nicht mehr geschrieen werden: »Arme Eifel!«

»Aber wir sind ja jar nit arm!« Leykuhlen schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Federhalter, der beim Tintenfaß lag, zu rollen anfing. Er ärgerte sich. »Wie könnt ihr dat nur immer nachsprechen! ›Arm, arm‹ – wer dat saat, kennt unsre Verhältniss’ jar nit. Weil wir nit mit allem eso voranjejangen sind, darum sagen sie ›arm‹! un wir wären rückständig!«

»Oho, nit mit voranjejangen? Rückständig?! Oho!« Nun wurde der Adams noch hitziger, und er war doch sonst einruhiger Mann. »Wer sät dann immer, oß Kinder solle net no’r Fabrick jonn?!«

»Hm!« Der Bürgermeister räusperte sich; er war über sich selber einen Augenblick im Zweifel. Richtig war’s, er hatte immer gegen das Fabrikenlaufen geredet, er war auch dem Landrat schroff begegnet, wenn dieser ihm von Wasserleitung und so weiter gesprochen hatte, er schätzte das Althergebrachte und hing an dem von Eltern und Voreltern Überkommenen wie nur einer. – Und doch – er warf den Kopf in den Nacken – nun wußte er wieder, woran er war. Er mußte gegen das eigene Herz sprechen: von »rückständig« mußte er sprechen. Denn es war eine Kurzsichtigkeit, offenbar eine Dummheit, sich gegen die Kolonisation da oben zu sperren. Erstens gehörte das Venn ja gar nicht der Gemeinde, sondern dem Fiskus, so war also überhaupt nichts anzufechten. Zweitens hatten die Gefangenen den Simon Bräuer über sich, einen Aufseher, der mehr in Banden hielt, als Schloß und Riegel; Mörder waren so wie so nicht unter ihnen. Drittens konnte es der Gemeinde nur von Vorteil sein, wenn kolonisiertes Land ihre Ländereien begrenzte. Ja, es mußte einem doch wohl einleuchten: hat man gutes Wiesenland neben sich, so ist die eigene Wiese auch besser, und hat man Ackerland neben sich, so weht einem der Wind keinen Unkrautsamen ins Korn. Es ging nicht anders, man mußte die Leute, die in harter Fron harte Arbeit taten, wohl dulden!

Aber er sprach vor tauben Ohren. Kaum konnte man sich erinnern, daß eine Gemeinderatssitzung je so stürmisch geendet hätte. Die Bauern schimpften. Ohne Handschlag ging der Bürgermeister von ihnen fort. Sie blieben noch stehen in einem Trüppchen vor der Schule und disputierten laut und heftig untereinander. Leykuhlen sah sich nicht mehr nach ihnen um, obgleich er wußte, daß sie ihn beredeten. Ja, wiesollte das hier noch einmal werden?! Oh, sie waren durchaus nicht dumm, sie hatten es auch gelernt, beim Viehhandel ihren Vorteil wahrzunehmen und sich durch den schlauen Käufer von auswärts nicht überlisten zu lassen. Aber war das wohl eine Klugheit, die nur das Naheliegende sieht und nicht auch weiter in die Zukunft?! Die Stirn gerunzelt ging er langsam heim.

»Mariechen!« rief er übers halb-offene Gadder in den Flur hinein.

Es war ein altes Haus, in das er trat. So war das schon zu Lebzeiten von Mariechens Eltern gewesen, und die Großeltern hatten auch so gewohnt, und deren Eltern schon; »1724« stand, aus hölzernen Buchstaben gefügt, über dem niedrigen Eingang, durch den vor nunmehr zwanzig Jahren auch sie eingegangen waren, ein junges, glückliches Paar. Er hatte nichts ändern mögen am alten Familienhaus der Endepohls. So wie einst reichte auch heute noch das Dach an der Seite fast bis zur Erde herab, nur daß man das dick-bemooste, grün-braun gewordene Stroh hatte entfernen müssen und statt seiner Schieferplatten gelegt hatte. Das war nun längst nicht mehr so schön wie früher, als die bunten Feldblumen, Weidenrose und Klatschmohn, Klee und die weißen Sterne der Wucherblume lustig auf dem alten Dach geblüht hatten, und nur ungern hatte sich Leykuhlen dazu entschlossen. Aber das Gadder war noch keiner modernen Haustür gewichen, es zeigte noch sein kräftiges Tiefgrün mit den weißen Schnörkelverzierungen und dem schweren eisernen Klopfer in der Mitte. Der Backofen bauchte sich noch aus der Wand heraus wie ein Bienenstock, Kapuzinerkresse und ein Centifolienstrauch klammerten sich im Sommer an ihn an und putzten die zartblaue Tünche mit feurigem Gelbrot und sanftem Rosa. Noch so wie einstmals waren die Balken der Länge und Quere nach braun gestrichen und karierten die Außenwände. Stall- und Scheuertürenleuchteten in freudigem Tiefblau. Farbenfroh lag das alte Haus hinter der mehrhundertjährigen Hecke. Diese war die schönste im Dorf, Leykuhlen hatte sie nicht niedergelegt, obgleich sie ihm das Licht nahm; sie war der Stolz der Vorfahren gewesen. So hielt auch er sie sorglich; fein gerade geschoren auf den Strich ragte sie wie eine Mauer, nur oben das Giebelfensterchen, Dachfirst und Schornstein ragten über sie weg.

»Mariechen!« Leykuhlen war aus dem dunklen Flur in die Küche getreten; auch hier war die Frau nicht. Einsam standen die silberblanken Melkeimer auf der weißgescheuerten Bank; der große, weitbauchige Milchkessel glänzte wie Gold daneben. Zerstreut sah er die vielen buntblumigen Teller an der Wand – »Zum Andenken« – »Sei glücklich« – »Aus Freundschaft« – »Aus Liebe« – wo war sie denn nur?! Wenn sie doch käme! Er sehnte sich nach ihr, heute mehr noch denn sonst. »Bärtes,« würde sie sprechen und ihm die Hand auf den Ärmel legen, »was ärgerst du dich? Hast du dich nicht schon oft über sie geärgert? Aber ruhig, sie kommen dir schon wieder, sie können ja garnichts machen ohne dich – oder ärgerst du dich am Ende über dich selber?« Ja, da hatte sie recht, wie immer, wie in allem! Das Herz wallte ihm plötzlich auf, wie einem ganz jungen und noch verliebten Ehemann. Er rief noch lauter, noch ungeduldiger: »Mariechen!«

Die Seitentür öffnete sich, die aus der Küche gleich in den Kuhstall führte, aber es war nur die Magd, die den schwarzhaarigen, glattgescheitelten Kopf hineinstreckte: »Se is nor Huesgens gangen. De Dores hat als widder de Krämp; dat Kathrinche kam se hollen!«

Also bei Huesgens war sie? Nun, da ging er ihr eben dorthin nach!

Es litt den Mann nicht mehr allein im Haus: was sollte er so einsam in der Stube sich Gedanken machen, die sie miteinem Wort vertreiben konnte?! Rascher, als er gekommen war, ging er wieder zum Haus hinaus. Eben als er in den Heckenausschnitt trat, rasselte ein Wagen übers holprige Pflaster vorüber; so rasch der auch fuhr, er erkannte doch den Landrat im Fond und trat unwillkürlich hinter seine Hecke zurück. Jetzt mochte er den nicht sprechen. Wo fuhr der hin? Zur Strafkolonie natürlich! Schon ein paar Briefe hatte er vom Landrat erhalten, worin der ihn aufforderte, doch einmal mit ihm dorthin zu fahren. Der interessierte sich sehr für die Kolonisation – wie eben für alles! Mit einem Seufzer, der mehr nach Unlust wie nach Befriedigung klang, trat Leykuhlen wieder hinter seiner Hecke hervor und sah dem Wagen nach. Nein, das war heute nicht die Hotelequipage vom Schwan, die der Landrat sonst immer zu seinen Ausfahrten benützte, es war der Krümperwagen oben vom Platz; sie hatten ihn wohl heruntergeschickt. Der Landrat fuhr zum Diner ins Offizierkasino. Richtig, die Pferde bogen links um, trabten nicht weiter die lange Dorfstraße hinunter.

Leykuhlen ging die Dorfstraße abwärts, die so lang ist, weil kein Haus dicht neben dem andern liegt, sondern jedes mit Weide und Gärtchen und Gemüseland ganz allein für sich hinter seiner bergenden Hecke. Er atmete auf: nun, der Landrat kam ihm heute nicht in die Quere! Aber, vielleicht, daß Mariechen Lust hatte, dann wollte er wohl einmal mit ihr zur Strafkolonie gehen und sehen, wie die Leute da voran kamen. Es war ja nicht weit, von Huesgens Haus nur eine halbe Stunde. Und das Wetter war heute lind, angenehmer als in all den letzten Wochen.

Schon schwollen die Knospen dick und braun und wie glänzend lackiert an den Hainbuchenhecken. Wo es ganz geschützt war, geduckt unter dem knorrigen Hauptstamm, wagte sich allerhand Kraut hervor. Noch schliefen die Farne, die imSommer so üppig unter den Hecken emporschießen, zu braunen Schnecken zusammengerollt; es war nur Unkraut, was jetzt grünte, aber es hatte gelbe Blütchen, wie winzige goldene Sternchen, und jetzt kam ein Kind gelaufen, hatte die ganze Faust voll davon und streckte sie dem Manne entgegen: »Dag, Hähr Burjermeester!«

Er nahm die Blümchen aus der Kinderhand und sah die Kleine freundlich an; sie war sehr hübsch, hatte ein rundes Gesichtchen mit großen, sanften, tiefschwarzen Augen. Aber das runde Gesichtchen war blaß, und die Augen hatten keinen blanken Glanz. Es war etwas Ernstes in dieser Kindheit. Dieses Kind kriegte sicherlich Kartoffeln und Kaffee und wieder Kaffee und Kartoffeln und ein Stück Brot, und weiter nichts.

»Ah, du bis et, Kathrinchen,« sagte Leykuhlen, die Kleine jetzt erkennend. Es war die Elfjährige von Jörres Huesgen.

Er griff ihr unters Kinn und hob so das blasse Gesichtchen zu sich auf: »Sag ens, kocht din Motter ooch alle Dag wat?«

Kathrinchen nickte stumm.

»Wat dann?«

»Kaffee,« sagte sie leise.

»On Erdäppel?«

Sie nickte wieder.

Aha, gerade so, wie er sich’s gedacht hatte! »Nühst angersch?« Schade, dieses zarte Ding würde auch bald in die Fabrik laufen wie seine ältere Schwester, die Bäreb, und würde schmalbrüstig werden und den Husten kriegen beim Rennen durch Wetter und Wind. Schade! Der Huesgen Jörres, der seine Not hatte, eins satt zu kriegen, hatte ihrer acht – nein, neun lebendige Kinder, da war ja erst neulich wieder eins angekommen – und mancher wohlhabende Mann, der sein halbes Besitztum gern dafür hingegeben hätte, der hatte keins! Eszog eine schmerzliche Erinnerung über das kräftige Männergesicht. Wie in einen Traum verloren, sah Leykuhlen in das weiche Kinderantlitz.

Die Kleine stand starr da, das Gesichtchen durch seine Hand emporgehalten; sie wagte nicht, sich zu rühren. Da gab er sie endlich frei. Er holte tief Luft: »So is et!« Und dann, wie sich besinnend: »No, Kathrinchen, sag ens, wat kocht din Motter als noch?«

»Nühst!« Das Mädchen sah ihn ganz verwundert an: das war doch wohl gut, Kaffee und Kartoffeln und ein Stück Brot – wenn man nur immer genug davon hätte. »Mi Motter is immer krank,« sagte sie schüchtern und tief errötend. »On oß Bäreb jeht no’r Fabrick. Ich koche dat. Dat kann ich als!«

Leykuhlen strich ihr übers Haar. »Komm, Kathrinchen,« sagte er und nahm sie an die Hand. Er hielt sie so ganz fest; die kleinen kalten Finger erwarmten zwischen den seinen und fingen an zu schwitzen. Sie gingen miteinander immer weiter über die lange Straße, aber sie sprachen nicht mehr. Der Mann war in Gedanken und das Kathrinchen traute sich kein Wort. Es wäre gern davongesprungen, aber erst vor der halb eingefallenen Hecke, hinter der ganz niedrig, wie zusammengesunken, das Huesgensche Häuschen lag, wagte es, sein Händchen dem festen Griff zu entziehen. Hurtig und lautlos wie eine Maus huschte es in die dunkle Hütte und war verschwunden.

Sich tief bückend, um den Kopf nicht zu stoßen, folgte Leykuhlen dem Mädchen. Die Tür der Stube stand offen, er konnte aus dem Flur, der als Küche diente, gerade dort hineinsehen. Dunstig wie in einem Stall war die Atmosphäre, eine überwarme, dicke Luft in selten gelüftetem Raum. Er konnte sich nicht zu seiner ganzen Größe aufrichten, die schiefe Balkendeckehing ihm dicht überm Scheitel; er fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn schoß – oder machte ihm das, was er sah, so seltsam heiß?!

Drinnen in der Stube neben dem Ehebett, auf dem die Huesgen lag, saß Mariechen auf dem Schemel. Sie hielt das Kleinste auf dem Schoß, ausgebündelt, ganz splitterfasernackt, als sei es eben geboren, und blickte darauf nieder mit einem Lächeln, wie er es nur einmal an ihr gesehen hatte.

»Mariechen!« wollte er rufen, aber er hielt an sich: nein, er wollte sie nicht stören, er durfte sie nicht stören. So war sie ganz in ihrem Element. Auf den Zehen ging er langsam rückwärts hinaus und sah dabei noch immer hin, obgleich er eigentlich gar nicht sehen wollte. Sie selber würde ja niemals mehr ein Kind bekommen, das hatte ihnen der berühmte Arzt in Aachen gesagt, sie hatten sich auch darein geschickt – aber – er seufzte – es war schwer! Zögernd nur entfernte er sich, ihr Lächeln bannte ihn. Und als er schon längst draußen war, sah er noch immer sein Mariechen vor sich mit diesem stillen, seligen und zugleich doch ein wenig schmerzlichen Lächeln.

Ohne daß er es wußte, hatte er den Weg höher hinauf zum Venn eingeschlagen. Er wurde dessen erst inne, als er die letzten Hecken und auch das Weideland, das ein dunkler Tannenbusch begrenzt, hinter sich hatte. Er sank plötzlich tief in weichen, schwarzen Moorboden. Jetzt war alles naß hier; die verdorrten Heidekrautbüschel ragten wie Schöpfe aus den Lachen, man mußte Obacht geben, wohin man trat. Das stöberte ihn aus seinen Sinnen auf, er sah um sich. So oft er auch hier oben gestanden hatte, hinter sich die unermeßliche Weite des Venns, vor sich die Hecken des friedlichen Dorfes, hinter denen die Häuser zu schlafen schienen, er empfand immer wieder die Wohltat dieser Unbegrenztheit, die Beruhigung dieser ungeheuren weltentrückten Stille. Daß er so langenicht hier gewesen war! Wie sah es jetzt hier aus? Nun, viel war noch nicht zu sehen! Es war nicht viel anders als sonst; nur daß sie dort, wo der einsame Baum steht, der Galgenbaum, der wie ein dürrer Pfahl ragt und nur im Sommer einen kurzen, nach der Seite gewehten Schopf zeigt, jetzt rohe Balken aufeinandersetzten. Ein primitiver Bau! Hui, mußte der Wind durch die Lücken pfeifen! Er ging darauf los.

Ein harter Zuruf hielt ihn an: »Halt!«

Mit starken Schritten kam der Aufseher heran.

»Was wollen Sie?«

Das klang drohend, und selbst, als jetzt Simon Bräuer den Heckenbroicher Bürgermeister erkannte, wurde sein Gesicht nicht viel freundlicher. Der Landrat war so und so oft hier gewesen und hatte ihn aufgehalten mit seinen Vorschlägen und Verbesserungen, und nun kam der Bürgermeister auch noch angerannt! Widerwillig gab er Auskunft: nun ja, sie waren am Arbeiten, das mußte ja auch so sein, das koste den Staat eine Masse Geld hier oben und würde noch mehr kosten, noch viel mehr. Drainiert mußte der Boden zu allererst ordentlich werden – wo sollte sonst all die Nässe hin?! Aber dann, dann – ein freundlicher Strahl huschte jetzt über das finstere Gesicht – dann konnte es hier wohl was werden. Es mußte was werden!

Leykuhlen hörte die große Energie heraus in Wort und Ton. Bräuer war ihm nie sonderlich angenehm gewesen – ein verschlossener, unzugänglicher, finsterer Mensch – er erinnerte sich seiner noch als Junge, und daß er andere Jungen, die ihn auf der Weide täppisch neckten, mit Steinen blutig geworfen hatte; aber jetzt interessierte er ihn. Das war doch ein Kerl, mit dem etwas auszurichten war! Wie kam dieser arme Junge, der nie ein Bröckelchen Land zu eigen besessen hatte, der seine zwölf Jahre in den Kasematten von Köln verbrachtund dann noch ein paar dazu alsAufseherhinter den Mauern von Siegburg, zu diesem lebhaften landwirtschaftlichen Interesse?!

»Wenn wir nach dem Drainieren den Boden umbrechen, schiffeln und kalken, dann sollen wir wohl wat eraus kriegen. Wo Vennheu wächst, ist am End auch Kleeheu zu kriegen, mer darf nur nit die Jeduld verlieren,« sagte Bräuer jetzt ganz von selber. Man merkte es ihm an, wie diese Idee ihn erfüllte. Mit einem scharfen Blick sah er sich um, hob seine Rechte und machte eine weit-umfassende Bewegung: »Wer hat dat je erlebt, Roggen und Hafer auf dem hohen Venn?!«

»Oha!« Leykuhlen lächelte: das waren denn doch noch weitaussehende Pläne!

Aber wie beleidigt fuhr der andere auf: »Da is nix zu lachen. Wenn Sie et nit jlauben, wat kommen Sie dann hierhin? Un ich sag Ihnen: hier wächst Hafer!« Er hob wiederum die Hand und zeigte wie ein Gebieter über die unwirtliche Fläche. »Un hier wächst Roggen! – – – Voran, ihr Kerls!« Unsanft fuhr er ein paar Gefangene an, die langsam, schlorrenden Schritts eine schwere Karre voll Steine zum Bau hinschafften.

Der eine hatte sich vorgespannt, der Strick schnürte ihm die Brust ein; er zerrte mit vorgestrecktem Halse, die Augen waren ihm herausgequollen, die Sehnen zum Reißen angespannt. Tief sank das Gefährt in den schlammigen Boden ein. Der andere stieß von hinten dagegen, den Kopf ganz tief zwischen die Schultern gezogen, wie ein Tier fast auf Vieren laufend. Man konnte sein Gesicht nicht sehen, man hörte nur sein Keuchen. Jetzt blieben sie stecken.

»Voran!« Simon Bräuer hob befehlend den Arm. »Voran, ihr Faulenzer!«

Da duckte sich der hintere, der für ein paar Augenblickesein blasses, schweißbedecktes Gesicht emporgehoben hatte, wieder, und der vordere ruckte an, wie ein marodes Pferd zur letzten verzweifelten Anstrengung angepeitscht. Der Karren schob weiter.

»Schwere Arbeit hier,« sagte Leykuhlen. Dies hier war wahrhaftig Pferde-, aber keine Menschenarbeit! »Bräuer, werden Ihnen die Leut dann nit krank?«

Das unerbittliche Gesicht verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. »Fünf Schwachmatikusse hab ich als nach Aachen zurückjeschickt, hab andere Leut dafür jekriegt. Et sitzen ihrer ja jenug hinter Schloß un Riegel, die jern heraus wollen. Is hier doch immer noch besser in freier Luft, wat, Jacobs?« schrie er den jungen Menschen an, der den Karren geschoben hatte, und jetzt, am Bau angelangt, sich emporrichtete und die steifgewordenen Arme umeinanderschlug. »Is doch besser hier als im Kaschöttchen?«

Es kam keine verständliche Antwort, ein heiseres Husten erstickte sie. Aber der Sträfling nickte und machte sich daran, die Steine abzuladen.

Sah der Mensch elend aus! Und ein unangenehmes Gesicht, die richtige Verbrecherphysiognomie! »Wat hat de dann pekziert?« fragte Leykuhlen halblaut. Es überlief ihn plötzlich eine schaurige Empfindung: dem möchte man nichts Wehrloses in den Weg schicken auf einsamem Venn. Diese roten Haare, diese abstehenden Ohren, diese unsteten Augen in dem abgezehrten, sommerfleckigen Gesicht! So konnte sich ein ängstliches Gemüt wohl einen Mörder vorstellen. »Wat hat de dann verbrochen?«

»O – – – –!« Bräuer zuckte gleichgültig die Achseln. »Wird wohl nur wegen Wechselfälschung oder Mundraub odervielleicht wegen Sittlichkeit seine paar Jährchen jekriegt haben – ich weiß nit. Wer kann dat all behalten! Aber wenn Sie et jern wissen wollen – Jacobs!« Er winkte.

»Nee, nee!« Leykuhlen legte ihm rasch die Hand auf den Arm. »Fragen Sie ihn selber nit! Nee, nit vor mir!«

»No, dann nit!« Der Aufseher lachte grimmig. »Daraus macht sich so ’ne Kerl doch nix. Der hat so oft sein Sünden anzuhören jekriegt, bis auf Herz un Nieren is de ausjezogen worden im offenen Jerichtssaal, dat et dem janz Wurscht is, wat ich ihn hier frag, oder Sie un ich. Dem is dat viel ärger, wenn Ihre Dorfmädchens ihn anjaffen wie en wild Tier und die Jungens hinter ihm dreinkreischen – Mädchens, mit denen er sonst poussieren würd, Bengels, mit denen zusammen er Kegel schieben würd. Dat is viel schlimmer für so einen, als wenn wir ihn fragen. Wir wissen doch auch, wat Versuchung is!«

»Sie haben recht!« Ganz betroffen sah Leykuhlen den Aufseher an: der Bräuer war doch nicht so roh, wie es den Anschein hatte! »Sie haben Verständnis für Ihre Leut!«

»No, wenn ich dat nit hätt! Ich bin doch drei Jahr in Siegburg jewesen. Beim Militär is et auch nit viel anders – pariert muß werden – nur die Montur is besser. Herr Burjermeister, wenn Sie sich aber interessieren, so schaffen Sie mir doch ein paar Bund Stroh!« Es kam etwas wie eine Bitte in die harte Stimme. »Die Kerls liegen hundsmiserabel. Un wenn ich wat alte Leinwand kriegen könnt! Die Halunken verschweinigeln sich die offenen Frostbeulen mit Absicht, sie denken, wenn sie humpeln, dann brauchen sie nit zu arbeiten – ja wohl, ich werd ihnen! Aufjepaßt!« brüllte er einen Sträfling an, der sich eben verstohlen bückte, um mit der hohlen HandWasser aus einer Lache zu schöpfen. »Hab ich nit verboten: jetrunken wird nit?!«

Erschrocken fuhr der Sträfling zurück. Er stammelte etwas von »Durst«; es klang wie ein Winseln.

»Wenn du Bauchschmerzen kriegst, scheuer ich dir noch die Huck,« schrie der Aufseher böse.

»Sie sind sehr streng,«sagte Leykuhlen vorwurfsvoll.Es stieß ihn plötzlich wieder etwas von dem Manne zurück.

Aber der Aufseher zuckte die Achseln: »Wenn ich nit streng wär, könnten wir nur einpacken hier. Entweder, sie jingen mir alle ein, oder sie schlügen mich tot. Adjüs!« Damit kehrte er sich kurz um und ließ den andern stehen.

Leykuhlen sah ihm nach, wie er mit starken Schritten auf die andere Seite des Bauplatzes ging und dort ein paar Sträflinge aufjagte, die sich in einem wärmenden Sonnenstrahl auf einem Balken niedergekauert hatten und ein wenig rasteten. Er sah sie auseinander fahren wie Hühner, zwischen die der Habicht stößt. Arme Teufel! Es war nun schon Ende April, aber es war doch noch recht kalt.

Ein Wind ging, der selbst den an Vennluft Gewöhnten durchschauerte; Leykuhlen knöpfte seinen Rock zu. Die in Leinenkittel Gekleideten ragten wie Vogelscheuchen, denen der Wind die Fetzen abzerren will, aus der baumlosen Fläche auf. So braun, so dürr noch das einsame Land!

Eine von ihm selbst nicht verstandene Traurigkeit senkte sich plötzlich auf Leykuhlens Seele. Der Himmel trüb, schwere Wolken hatten jetzt jedes Strählchen von sonnigem Licht verjagt; die Luft war wie Rauch, voll von beklemmendem Nebeldunst. Die Ferne so fern. Wo waren Städte und Menschen, fröhliche Menschen, und fruchtbare Felder?! Fern, sehr fern! Noch war kein Frühling im dunklen Moorland.


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