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Bartholomäus Leykuhlen war im Kampf mit seinen Bauern. Das war wieder einmal eine erregte Gemeinderatssitzung. Sie schrieen alle gegen ihn an. Es war, als seien diese ruhigen, gesetzten, nüchternen Leute plötzlich ein Schwarm von Hornissen geworden, die, durch einen Steinwurf aufgescheucht, den Stachel löcken, bereit, mit Summen und Brummen über den Feind herzufallen.

»Seid Ihr jeck?« sagte gerade der Adams vom Hof am grünen Klee und ließ allen Respekt vorm Herrn Bürgermeister beiseite, »solle mir oß Pötze[10]ongersüke[11]loße, oß jut Wasser?! Oß Äldere, oß Jrußäldere han’t drus jedronke, on nu soll et up eemol nit tauge? Ich loßen et mer net jefalle. Wenn de Kommissiun kömmt, schmissen ich se erus!«

»Dat werdet Ihr nit tun, Baltes,« sagte Leykuhlen ernst. »Dat wär ja noch schöner. Wenn die Kommission kömmt, von der Regierung jeschickt, werden wir sie höflich empfangen. So jehört sich dat!«

»Höflich, höflich?« Der reiche Bauer gab sich nicht drein. »Wat kömmt dann erus dobei? Nix als Kosten on Ärjer.Nit ene Penning jeb ich für minge Pötz us, de is noch lang jut!« Der Zorn und die Angst, vielleicht zu einer Reparatur des Brunnens gezwungen zu werden, raubten ihm seine sonst so kühle Überlegung. »Ihr mit Euren ›Höflichkeiten‹! Ihr solltet lieber nit mit dem Landrat unter einer Deckstecken,Ihr solltet mieh mit oß haalde! Dat han mir nu von Eurer Freundschaft mit dem von Mühlenbrink – nühst als Verdruß. Verdruß on Unkosten. Eso is et!«

Leykuhlen verlor die Fassung noch nicht. »Ihr seid unjerecht,« sprach er ganz ruhig. »Der Landrat is ja mein Freund jar nit – durchaus nit. Wenigstens ich bin nit der seine, ich hab ihn nie jesucht. Aber, ich muß Euch die Verordnung bekannt jeben, et is mein Pflicht. Wat ich dabei denk, tut nix zur Sach. Ich hab et Euch vorjelesen, dat bald nach nächstem Ersten en Kommission kommen wird, die dat Wasser sämtlicher Brunnen im Dorf, auf jedem Jrundstück, einer jenauen Inspektion unterzieht. Man befürchtet Typhus. Wir wohnen im Venn, et sind en Meng Truppen auf dem Platz, die Jefahr liegt nah. Aber sie werden sich ja bald davon überzeujen, dat unser Wasser rein Quellwasser is. Laßt se doch ruhig nachsehen, wat schad’t Euch dat?!«

»Nee, nee, nee!« Der Baltes schlug sich auf die Knie, daß der Staub aus dem dicken Buckskin flog. »Ich jeb et nit zo. Up mingen Hof kömmt mir keen Spürnas’! Dat se mir in mingem Mist erumstochere on noch saane, de Jauch löft in minge Pötz! Dat is immer eso jewäeß: de Brunnen on de Mist. En Meil kann doch nit dazwischen sin!«

»Dat schadt ooch jar nühst,« bekräftigte ein anderer. Es war der Nachbar des Balthasar Adams, der Bettes Zumstädtchen, auch ein vermöglicher Mann mit stattlicher Hecke. Es trennte den Baltes und den Bettes nur das erbärmliche Anwesen des Webers Huesgen.

Die beiden Nachbarn wechselten Blicke. »Wat maache mir dann, Herr Burjermeester,« sagte der Bettes schlau, »wenn se nu saane: dat Wasser doogt nit! Trinken muß doch der Mensch, he brucht doch dat Wasser!« Er zwinkerte den Adams auffordernd an, ihm zuzustimmen. »Da hätt ihr eben die Kirch nit baue solle, die jruß Kirch! Da hätte mir nu en Wasserleitung, wie de Hähr Landrat saat, on keen Typhusjefohr!«

Ein Murmeln der Zustimmung ließ sich vernehmen. Die zwölf Gemeindeältesten, die seinerzeit nichts anderes gewußt hatten, als eine Kirche zu bauen, die mit ihrem Bürgermeister so einverstanden gewesen waren wie eine Familie mit ihrem Haupt, waren nun anderer Meinung. Nun es an den eigenen Hals ging, machten sie Vorwürfe. Da war auch nicht einer, der seinem Brunnen ganz traute: die Mauerung war schon so alt, die Erde gelockert, wer weiß, ob nicht was durchsickerte!

»Ruhe!« donnerte Leykuhlen. Nun wurde er zornig. »Wart ihr selber dann nit für den Kirchenbau – ja oder nein?«

»Jo, dat ware mir wohl, Hähr Burjermeester, äwer Ihr hatt et doch vürgeschlaane, Ihr seid de Hauptschold dran. Oß ald Kirch wär noch net zo klein gewäß, äwer Ihr on de Hähr Pastur, de Kirchevorstand, Ihr hatt oß de jruß up de Hals jekallt.[12]Nu sitze mir drin, nu hammer Scholde, Jott weiß, wie viel!«

»Sie sind nit so jroß!« Leykuhlen biß sich auf die Lippen, er schaute vor sich nieder, das Herz schlug ihm hart. Ganz so unrecht hatten die Bauern nicht: wenn der Kirchenbau nicht gewesen wäre, die Gemeinde stände ohne Schulden da. Nun aber –?! Das Geld von dem Schießplatz hattesie freilich noch, aber das war angelegt, auf Zinsen geliehen; es ging nicht so leicht an, das wieder flüssig zu machen.

»Ihr hatt vill zu jruß jebaut,« sagte Zumstädtchen vorwurfsvoll, und die anderen nickten Beifall. »Oß Jeld, oß schien Jeld, alles verpulvert!«

»Nit verpulvert, jut angelegt, am allerbesten!« Leykuhlen fuhr auf. Die Freude, die er damals empfunden hatte, eine hohe und heilige Freude, als ganz Heckenbroich geschmückt und bekränzt gewesen war, als Hunderte aus Dörfern und Höfen herbeigeströmt waren, um das Fest der Einweihung mitzufeiern, diese Freude ließ er sich auch heute noch nicht verkümmern. Die Geistlichen des Orts, die Geistlichen der Nachbargemeinden, der Bischof selber vor dem neuen Altar! Es war der stolzeste Tag von Heckenbroich gewesen. Mochten die Kurzsichtigen schwatzen, was sie wollten! War ihnen nicht das Geld, das viele Geld für den Schießplatz wie vom Himmel in den Schoß gefallen? Ödland war es meist gewesen, gar nichts wert, sie aber hatten Geld, schweres Geld dafür bekommen. War es nun nicht recht und billig, dem Himmel dafür einen Dank zu entrichten? Die Kollekte für den längst geplanten Kirchenbau war wieder einmal rundum gegangen, und siehe da, unerwartet, fast unbegreiflich groß waren die Spenden gewesen. Man hatte angefangen zu bauen in Gottes Namen, im Vertrauen auf seine weitere Hilfe. Und er würde auch von den Schulden abhelfen!

Leykuhlen richtete sich kräftig auf, in seiner ganzen stattlichen Mannhaftigkeit. Und jetzt sollten die Quengler und Quereler schweigen! Mit der ganzen Wucht seiner Stimme donnerte er in die Versammlung hinein, die niedrige Stube war zu eng für den starken Klang: »Wat jeschehen is, is jeschehen, et is nix dran zu ändern. Un et is jut so. Die Kirch steht, Jott sei Dank! Wenn unsere Leiber als lang zuStaub zerfallen sind, wird sie noch stehen. Die überdauert uns all. Die wird aber auch Zeugnis jeben, daß selbst in einer armen Eifeljemeinde hoch oben im Venn Menschen lebten, die ihre kleinlichen Sonder-Interessen unterzuordnen verstanden dem jroßen Wohl!«

Er ließ seine blauen Augen scharf blickend und feurig von Mann zu Mann blitzen. Mochten sie nun nach Hause gehen und sich das bedenken! »Für heut sind wir fertig. Ich erkläre die Sitzung für aufjehoben!« Er schlug den blauen Aktendeckel zu, darin er die Verordnung der Regierung verwahrt hatte, und ging zur Tür. »Adjüs zusammen!«

Ein undeutliches Brummen nur sagte ihm »Adieu«. Sie waren alle wie vor den Kopf geschlagen; teils verdutzt, teils empört. Er kehrte sich nicht daran. Im frohen Gefühl eines Sieges ging er über die Straße. Was scherte es ihn, daß sie brummten, sie würden schon wieder gut werden!

Über der Kirche stand ein goldener Stern, mit Wohlgefallen sah er hinüber. Es war schon spät Abend, der Stern leuchtete hell, mit sicherem Licht, wie eine Verheißung. Eine große Ruhe kam in des Mannes Seele, der ganze Ärger ließ ihn jetzt kühl. Was man für das beste erkannt und getan hat, muß man niemals bereuen. Wenn eine Wasserleitung wirklich so nötig täte, wie der Landrat behauptete und auch der Kreisphysikus, dann konnte die später immer noch gebaut werden, wenn die Gemeinde dazu in der Lage war; jetzt hieß es sparen, erst die Schulden abtragen! Schade, daß die Kirche noch keine Uhr hatte! Er sah wieder hin. Der Platz dafür war schon vorgesehen, aber traurig und häßlich, wie eine Augenhöhle ohne Auge, blickte jetzt die leere Rundung aufs Dorf herab.

Als Leykuhlen hinter seine Hecke trat, sah er nochLampenschein drinnen in der Stube. War Mariechen noch auf, trotzdem es bald Mitternacht war?

Er wollte die Tür aufdrücken und war erstaunt, sie verschlossen zu finden. Warum das? Aha, seit die Sträflinge oben im Venn arbeiteten, war es Mode geworden im Dorf, die Türen zur Nacht zu verriegeln; selbst Mariechen tat das.

Er rappelte mit dem Klopfer. Da kam sie und machte ihm auf. Sie war völlig angekleidet, sie hatte noch bei der Arbeit gesessen. Um den Hals hing ihr die seidige Glanzgarnsträhne, ihre Augen waren leicht gerötet vom angestrengten Sehen; aber sie blickten doch nicht müde, ein Glanz war in ihnen.

»Als wieder an der Altardeck?« sagte er. Es lag kein Vorwurf in seiner Frage, im Gegenteil, eine heimliche Freude.

Sie war hastig und rot, die ruhig-kühle Frau von einer fast bräutlichen Wärme.

Was war ihr denn nur? Er hatte ihr einen derben Kuß auf beide Wangen gegeben.

»Du kömmst jo so spät?« sagte sie, und er glaubte zu fühlen, daß sie vor Ungeduld bebte.

»Ja, et hat lang jedauert, wir haben uns tüchtig erumjezankt!« Er lachte heiter. »Aber ich bin ihrer doch Meister jeworden!«

Zu anderer Zeit hätte sie ihn gefragt, was für einen Streit es denn in der Sitzung gegeben habe – Leykuhlen hatte sich durch Jahre daran gewöhnt, mit seiner Frau auch das zu besprechen, was eigentlich über den Weiberhorizont ging – aber heut zeigte sie kein Interesse für das, was verhandelt worden war im Gemeinderat.

»Bärtes,« sagte sie und drückte sich fester an ihn, »ich han dir jet zu verzähle!«

»So?« Er hatte noch keine Neugier.

»Komm in die Stub!« Sie zog ihn hinein, wo im Schein der beschirmten Lampe die Altardecke halb fertig auf dem Tische lag, weiß und rein wie Blütenschnee. Er setzte sich auf das Kanapee; sie nahm die Arbeit wieder auf und zog lange Fäden, aber nur für Minuten, dann sanken die Hände in den Schoß.

»Ich kann nit mieh,« flüsterte sie, »et läuft mer alles rund. Bärtes, wat sagste nu« – sie ergriff seine Hand und sah ihn an mit ein wenig unsicheren und doch strahlenden Blicken – »die Huesgen-Annelies hat ene Jeist jesehen!«

»Ene Jeist?« Was redete doch Mariechen für dummes Zeug!

»Ene Jeist is nit richtig,« verbesserte sie sich rasch, »et saat, et hat en Erscheinung jehatt. Och, ich muß et dir verzähle!« Sie war so aufgeregt, daß ihre Stimme zitterte; ein fliegendes Rot bedeckte ihre Wangen. Die Frau war heut eine andere schier.

Wenn es auch kaum zu glauben war und sie anfänglich auch ein wenig hatte lächeln wollen, als die Annelies gelaufen gekommen war – sie unterbrach sich – war das denn nicht schon wie ein Wunder, daß die schwache Frau, die heute schon bis zur Ley gewesen war, daß die leichten Fußes noch bis hierher hatte laufen können, den weiten Weg durchs ganze Dorf?! »Och, Bärtes!« Mariechen faltete die Hände, in einem heiligen Schauer bewegten sich ihre Lippen: »Et saat, et wär en Dam, eso fein, wie us ’m Himmel! Und so freundlich hat sie zum Annelies jesproche, wie dat nit weit von der Marienley – weißte, da, wo die Tannen so dick stehen – up enen Stein saß un am Weinen war. Et war so müd. Et wollt selber de Bittjang tun, ’ne Kranz aufhängen vor der Maria im Stein, den die Kinder jeflochten hatten aus lauter Maiblumen. Aber et konnt nit bis hin kommen, et war sterbensmüd. Da hatdie Dam zu ihm jesaat, et soll nit eso krieschen, un wat et denn eijentlich drückt, et soll sich aussprechen. Dat Annelies saat, et hätt auf einmal reden jekonnt wie nie zuvor; un dat wär ihm jewesen wie en Erlösung. Du weißt et doch, Bärtes, die Leut klagen sonst nit!«

»Dat soll wohl sein!« Der Bürgermeister nickte.

Mit glänzenden Augen fuhr die Frau fort: »Et saat, un je mehr et der feinen Dam erzählt hätt, desto leichter wär ihm um’t Herz jeworden. Et hat ihr alles gesaat: wie arm sie sind, nur en einzig Kuh, die jetzt dazu noch so wenig Milch jibt, un eso vill Kinder, un alles is so düer, un bloß een Verdienst. Aber dat wär ja all so schlimm nit, wenn – dat Annelies saat, et hat sich dabei so recht satt jeweint – wenn et nur selber wieder zu Kräften kommen könnt, et wär eso schwach, och, so siehr schwach! Da hat die Dam gesaat: ›Betet Ihr auch recht andächtig?‹ Un hat ’ne Rosekranz aus der Tasch jezogen – ’ne einfache Rosekranz mit ’m Kreuzche dran – un en Bildche ›Heiligste wundertätigste Mutter Gottes von Lourdes‹ un hat der Annelies dat jeschenkt un jesaat: ›Betet mit Euren Kindern alle Abend den Rosenkranz zur heiligsten wundertätigsten Mutter Gottes von Lourdes, dann wird Euch geholfen!‹ Et Annelies saat, et hat jleich jefühlt, et war en Wunder. Et hat sich bekreuzt, un wie et dat Bildche jeküßt hat, da is et eso froh jeworde, eso froh, un hat auf einmal Kraft jespürt in allen Jliedern. Ich hab selber dat Bildche jesehen, Bärtes, klein war et nur, so für in ’t Jebetbuch zu legen, aber ich hab der Huesgen versprochen, ich will et ihr unter Jlas in en Rähmche machen lassen für über ihr Bett. Nit wahr, Bärtes?« Erregt stand sie vor ihm, vom raschen Erzählen ganz atemlos.

»Es wird eine gewesen sein, die auffordern wollt, für nach Lourdes zu pilgern,« sagte er. Aber seine Stimme klangnicht ganz sicher. »Um diese Zeit reisen sie durch et Land, überall herum, um Propaganda zu machen für die Wallfahrt dahin. Et wird unseren Pilgern sehr erleichtert dadurch, janze Züge stellt man zusammen.«

»Nee, och nee!« Sie schüttelte energisch verneinend den Kopf. »Wat redst du doch Bärtes, dat jlaubst du doch selber nit. So eine war dat doch nit!« Ihre Stimme wurde leiser, Sie raunte geheimnisvoll: »Nee, Bärtes, dat muß jemand janz anderes jewesen sein. Als sie vom Annelies nu fortjehen wollt, fiel der plötzlich ein: Jesus, oß Dores! Un sie krieht die Dam noch hinten am Kleid zu packen und schreit hinter ihr her: »Oß Doresche, och, oß Doresche! De hat eso vill de Krämp, de kann nit no’r Scholl jonn, de is wie en janz klein Könd, un dat is dat Schlimmste!« Da dreht sich die Dam noch einmal erum: freundlich gelächelt hätt se, saat de Annelies, un spricht: ›Warum geht Ihr denn nicht nach Echternach springen?‹ Un eh sich dat Annelies dat noch bedenkt, is se ooch schon fort un nit mieh zu sehen!« Mit einem tiefen Aufatmen schwieg Frau Leykuhlen.

»Hm!« Der Mann blickte ernsthaft; von Zweifel war nichts auf seinem Gesicht zu sehen, wohl aber von Rührung. Wer weiß, was die Huesgen sich zurechtphantasiert hatte – aber selig war das Weib doch in seinem Glauben. Das war gewiß! Er nickte seiner Frau zu.

Sie nickte ihm wieder zu, ein Glanz heiterer Freudigkeit verschönte ihr Gesicht. »Un denk ens an, Bärtes, als dat Annelies noch hier bei mir is, – et konnt sich ja jar nit jenug tun mit Erzählen – da kömmt de Herr Schmölder, de Josef. Er kömmt in die Dür erein un frägt nach dir: er wollt dich jet fragen, sagt er, er hätt doch sicher jehofft, dich diesen Abend anzutreffen. Ich bot ihm ’ne Stuhl an. Ich konnt nit jut anders – mer war doch zu voll dervon – ich erzähltihm wat von dem Annelies seiner Jeschicht. Siehste, Bärtes,« – sie triumphierte laut lachend vor Glück – »un dat war nun schon die erste Hülf, die der Huesgen versprochen wurd. Kaum sieht er die an – se sieht ja noch sehr erbärmlich aus – da zieht er auch schon sein Portemonnaie aus der Tasch un schütt ihr alles, wat er drin hatt, in’ ne Schoß. Einen Taler, un Jroschens – ja, jewiß an die zehn Mark – un noch en Joldstück extra! Et Annelies traut seinen Augen nit, et war wie verstuert.[13]Er klopft him äwer auf de Schulder un saat: ›Nun, gehen Sie, liebe Frau, tun Sie sich und den Kindern was zu gut dafür!‹ Bärtes, ich jlaub, ich hab ihm auch kaum ›Danke‹ jesaat, ich war wie dat Annelies: janz verstuert. Och, dat is doch ’ne jute Mensch!«

»Ja, dat soll wohl sein,« sagte Leykuhlen, »’ne jute Mensch, sehr jut – aber –!« Er seufzte in einem gewissen Mitleid. »Äwer nu komm, Mariechen, laß uns jetzt nach oben jehn. Ich werd heut nacht jut schlafen.«

»Ich will auch beten für ihn,« sagte die Frau in ihrer Erkenntlichkeit.

Sie stiegen zur Giebelstube hinauf, in der die Betten unter dem Kruzifix an der Wand standen. Das Fensterchen war offen, die ganze Kammer war hell von blinkender Sauberkeit und von Mondenschein. Er konnte nicht widerstehen, ehe er das Fenster schloß, lehnte er sich hinaus und guckte noch hinüber zur Kirche.

Die ragte mit ihrem mächtigen Turm wie ein Wahrzeichen des Dorfes weit in die Gegend hinein. Wo man auch stand, ob auf der Höhe, ob im Grund, überall sah man sie.

Ein Gefühl der Glückseligkeit durchdrang den Mann. In Tagen, in Wochen, im ganzen Leben war oft soviel Ärger,oft soviel Verdruß, aber ein Abend wie dieser, der machte alles wieder gut! Er rief seine Frau neben sich und schaute Schulter an Schulter mit ihr hinauf in den hellen Himmel der Mainacht.

Mariechen konnte es doch nicht lassen, sie mußte noch einmal von dem Ereignis anfangen. »Wie et dem Annelies nu wohl zu Mut sein mag?«

»Haste ihr jesagt, se soll nit so vill dervon trätschen?«

»Nee, dat hab ich nit! Warum soll se denn nit dervon erzählen? Wer jut is, freut sich doch drüber. Laß die bösen Leut nur sagen, et is nit wahr – aber, Jott sei Dank, so haben wir ja kein hier im Dorf!«

Er nickte zustimmend: da hatte sie recht. Im Dorf würde man die Wundermär aufnehmen, so wie sie erzählt ward: mit frommer Andacht. Nur draußen gab’s Zweifler und Spötter.

»Die jeht nu sicher nach Echternach,« sagte leise Mariechen. Eine Sehnsucht durchzog ihr Herz. War sie nicht auch wallfahrten gewesen, damals, als sie noch hoffte? Da hatte sie Jahr um Jahr fast die Prozession mitgemacht, nach Heimbach und nach Mariawald, dem Trappistenkloster im Kermeter. Wie die anderen, jeder in seiner besonderen Angelegenheit, war auch sie gegangen durch den Staub der Pilgerstraße, hügelauf, hügelab, hatte laut im Chor und noch inbrünstiger heimlich bei sich gebetet. Ihre Bitte hatte nicht die Gewährung gefunden. Die Heiligen allein wußten, warum sie ihr Geschenk gleich wieder fortgenommen hatten. Aber Mariawald kam ja auch längst nicht an gegen Echternach. Was für Frankreich Lourdes, das war für die Deutschen Echternach. Aus hiesiger Gegend war schon manch einer dort gewesen und hatte die große Entfernung ins Luxemburgische nicht gescheut. Jetzt gingen auch Pilgerzüge dorthin, man brauchte den weitenWeg nicht mehr zu Fuß zu machen wie früher. Ach ja – die in die Mondnacht Hinausträumende seufzte auf einmal tief auf – die Mutter würde ihr Doreschen zu Echternach schon gesund kriegen! Das Kind, das ihr am meisten am Herzen lag, weil es ein unglückliches war.

Bürgermeister und Bürgermeisterin blieben stumm. Als ob er die Gedanken, die die Seele seiner Frau bewegten, heute wie damals in erster Ehezeit, geahnt hätte, legte er den Arm fest um ihre Schulter und zog sie näher zu sich heran.

Es war ein heiliges Schweigen in der Mondnacht. Stiller konnte kein Dorf sein und stiller auch keine Menschen. Traumhaft wob das Mondlicht um Hecken und Giebel; wo ein Stückchen weiße Hauswand hervorlugte, glänzte sie, und die breite Dorfstraße blinkte wie Schnee. Alle Fenster waren dunkel, alle Leute lagen und schliefen. Die Samstagnacht kündigte den Sonntag an. Ein Sabbatrot war auf Höhen und Tiefen, ein andächtiger Frieden über Häusern und Hecken. Wächtern gleich standen die Hainbuchen, heute nicht zerzaust und zerschüttelt und die schlanken Stämme gebeugt unterm sausenden Vennwind; es war eine windstille Nacht. Kein lauter Atem. Glatt, wie Säulen aus Marmor, ragten die schlanken Schäfte der Bäume, ihre Schöpfe hingen ruhig herab wie sanft geglättetes Haar. Um das große Missionskreuz, nah der Kirche, standen, weiß beschienen, friedlich die Kreuze und Kreuzchen des Kirchhofs; dort schliefen die Toten des Dorfes in ihren geweihten Gräbern ruhig dem jüngsten Gericht entgegen. Hier war der Tod wie ein Schlaf, der Kirchhof nur eine Beruhigung mehr im stillen Dorfe.

Plötzlich schreckten Mann und Frau zusammen: ein Lärmen kam die Straße herauf, ein Rasseln und Rollen, ein Poltern und Trappeln, das doppelt laut wirkte in der todstillen Nacht. Von der Chaussee her jagte ein Wagen. Nunkam’s übers Pflaster mit Geknall und Gejohle. Zwei auf dem Bock, die Kutsche gerappelt voll, so voll, daß noch je einer lag und die Beine zum Wagenschlag heraushängte.

So fest schliefen die Bauern von Heckenbroich denn doch nicht, daß sie das nicht gehört hätten. Überall, wo die Kutsche vorbeirasselte, fuhr rasch ein Kopf aus dem Fenster. Das waren die Offiziere! Von der Stadt herauf kamen sie.

Wie wachsame Augen brannten die Laternen rechts und links vom Bock des Wagens, die drinnen saßen, konnten ja selber nichts mehr sehen; auch der Soldat, der kutschierte, war nicht sicher mehr. Die Wirtin vom Weißen Schwan hatte ein Herz auch für Burschen; während die Herren im Speisesaal tranken, wurde der Kutscher in die Küche gelassen.

Leykuhlen schlug sein Fenster zu: so lange würde das noch gehen, bis sie einmal gehörig umschmissen oder sich festfuhren im Sumpf. Wenn sie doch wenigstens still wären, das war ja ein wüstes Gegröhle!

Lange noch hörte das lauschende Dorf die weinrauhen Stimmen und Gesang, Gelächter, Gejohle zwischen Rädergerappel und Hufegeklapper.

»Wat ich dir noch sagen wollt,« sprach die Bürgermeisterin am anderen Morgen zu ihrem Mann, als sie miteinander in der Küche den Kaffee tranken, »de Josef kam darum erauf, weil er dich fragen wollt, ob du nit en Magd für ihn wüßt? Ich bin et jestern janz verjessen. Er will en Magd haben, für auf die Fangeuse wohnen zu jehn, Bärtes!« Man merkte ihrem Ton an, daß sie dachte: welch ein Unsinn, auf der Fangeuse wohnen zu wollen!

Leykuhlen legte sein Butterbrot hin und fing laut an zu lachen: »Wat de für Ideen hat!«

»Mir scheint, de fühlt sich sehr unjlücklich unten bei seinem Vetter. Nu hat der Jilles oben im Moorhaus dem Schmölder jekündigt, un da hatt der Josef Lust jekriegt, anstatt dem Jilles nach oben zu ziehen. Aber er braucht doch en Magd – weißt du ein’, Bärtes?«

Leykuhlen schüttelte den Kopf: das würde schwer halten! Sämtliche Witwen und ältliche Frauenspersonen im Dorf ließ er an seinen Gedanken vorüberziehen. Da war die Witwe vom May aus der Tuchfabrik, der letztes Jahr an der Schwindsucht gestorben war, die war aber selber nicht fest auf der Brust, die hielt oben die Stürme und Nebel nicht aus. Da war zweitens die Witwe vom Johann Peter, der Anno siebzig als junger Kerl sein Bein verloren hatte, die war wohl noch rüstig und stark, aber die hatte zehn Kinder, die jüngsten davon mußten noch in die Schul – mit der war es auch nix. Da war die Hoefen, die war blind auf einem Auge geworden, und auf dem andern sah sie fast auch nichts mehr vom Weinen; der ihr Mann war vor zehn Jahren ausgezogen mit Karren und Gaul ins wallonische Venn, um Torf zu stechen, und war nicht mehr gesehen worden seit jenem Tag. Da war auch die alte Frau, die Lenzen Tring, aber die war fünfzehn Mal Großmutter schon, die hatte zu viele Enkel zu wiegen. Das Bertchen, die ledige Näherin, die nicht mehr in die Fabrik gehen konnte und jetzt nähte und flickte und Kinder das Stricken lehrte, die hatte zu feine Knochen für so was. Das Lieschen, das Bükelchen, das von der Gemeindewohltätigkeit lebte, die würd sich gewiß gern was verdienen – aber da hinauf, nein, da würde die auch nicht hinziehen!

Leykuhlen schüttelte den Kopf: »Ich weiß kein’!«

»Et müßt eijentlich en Junge un Kräftige sein,« sagte Mariechen nachdenklich.

»En Junge? Dat würd sich doch schlecht schicken. Dat leidt auch unser Pastor nun un nimmer, selbst wenn die Eltern et zujäben!«

»Och!« Sie lachte ihn hell aus ob dieses Bedenkens. »An so wat denkt doch de Josef nit mieh, da is de doch viel, viel zu ältlich für!«

»Zwei Jahr jünger als ich!« Leykuhlen lachte auch, streckte prüfend die kräftigen Arme aus und zog seine Frau plötzlich an sich. »Dat sag nit, Mariechen! Zwei Jahr jünger noch is de Josef als ich – mer soll nix verschwören!«

Errötend wie eine ganz Junge machte sich die Frau von ihm los und gab ihm einen Klaps. »Och, Bärtes! Ich bin doch dein Frau, dat is doch wat janz anderes! Un denn, du bist doch ’ne andere als de Josef!« Sich mit beiden Händen den Scheitel wieder glatt streichend, den er ihr verwirrt hatte, musterte sie mit Stolz und Liebe im Blick ihres Mannes Kraftgestalt. »Wat bist du für ’ne Kerl – un wat is de für eine! Recht erbärmlich – eso schwach – janz jries is sein Haar als!«

»Meins is ja auch als jrau,« sagte er neckend.

»Och, deins!« Sie fuhr ihm mit beiden Händen auf den ein wenig strubbligen Kopf. »Du bist ja noch akkurat so, als ob du noch schwarz wärst!« – – – – – – – –

Es war ein heller Morgen. Kein Morgen freilich, wie er am ersten Juni in anderen Dörfern zu sein pflegt. Hier schoß noch keine Saat in die Halme und neigte und wiegte sich in einem Wind, der schon Sommerwärme in sich hatte. In der Rheinebene hatten die Obstalleen längst abgeblüht, zwischen dem dunkelnden Sommerlaub kündeten schon kleine Früchtchen die künftige Ernte; aber zu Heckenbroich waren eben erst die Hecken grün geworden. Die Hecke vor Huesgens armseligem Haus zeigte sogar noch viel braunes und dürresWinterlaub; nur wo die Sonne so recht ankommen konnte, grünten schwächliche Sprießer.

Heute brauchte Weber Huesgen nicht in die Fabrik zu gehen. Gestern abend war er mit dem letzten Arbeiterzug von Aachen gekommen, staubig, verwahrlost und verdrossen dazu. Das war doch ein schweres Leben! Nun, da er anfing, seine Jahre zu fühlen, wurde ihm die Woche oft sauer. Immer arbeiten, und kein Familienleben dazu; mit den ledigen Kerlen in der Herberge umherliegen. Und wenn man einmal die Woche nach Hause kam, dann zu allem noch eine kranke Frau! Nun hatte er auch gar kein Pläsier mehr.

Spät am Abend noch hatte sich Huesgen scheren lassen – die blaugrauen Stoppeln überwucherten ihm das Gesicht wie ein Gestrüpp – dann hatte Kathrinchen den Zober herbeigeschleppt, ihm die Füße zu waschen, und Bäreb hatte sich gleich an des Vaters Sachen gemacht, um sie zu flicken. Die Frau aber saß bei ihrem Ehemann auf dem Bettrand, den schlafenden Säugling an der Brust, und hielt seine schwielige Hand in der ihren. Sie hatte ihm ja so viel, so viel zu erzählen.

Unter ihrem Wunderglauben hatte sich sein gesunkener Mut aufgerichtet wie ein schnell-wachsender Baum. Er ließ Müdigkeit und Verdrossenheit fahren und wurde so vergnügt, als hätte er einen Schoppen getrunken. Oh, und die Frau war ja soviel besser als letzten Samstag! Ordentlich Rot hatte sie auf den Backen, sie war wie verjüngt. Er hatte kräftig geschmaust. Sie hatte ihm Eier mit Speck gebraten, und sie, die vorher nichts hatte essen mögen, teilte heut mit ihm; die Kinder, die großäugig zusahen, bekamen vom Vater auch eins nach dem andern einen Happen Brot, in Fett getunkt, in den Mund gesteckt, der gierig zuschnappte. Weber Huesgen lachte darüber und klopfte ihnen die Köpfe: hübscheKinder doch alle, staatse Kinder! Und mit dem Dores würde sich das ja nun auch bald bessern! Väterlich betrachtete er auch den schlummernden Säugling; die Frau mußte den auswickeln und ihm zeigen, wie stark er gebaut war. Nein, es waren der Kinder nicht zu viele, die waren ein Geschenk von Gott im Himmel!

Draußen zog der Mond friedlich seine Bahn. Hier am Ende des Dorfes kam kein Lärm vorüber; still, ganz still war’s und traulich. Es ward eine glückliche Nacht unter dem armen Dach. –

Nun aber läuteten die Glocken. Weber Huesgen ging mit seiner Frau zum ersten Mal zum Hochamt. Jetzt traute sie sich das schon.

In einer ununterbrochenen Reihe, zu zweien und zu dreien strebten die Dörfler zur Kirche hin. Viele hatten einen weiten Weg, denn oft, wo man’s gar nicht mehr vermutete, lag noch ein Häuschen hinter seiner hohen Hecke versteckt.

Auch die vom Venn waren heute gekommen, sie wurden heruntergetrieben zu zweien und zweien. Simon Bräuer hatte sie gut im Zug. Los und ledig gingen sie, wie andere Leute auch; aber wenn sie auch nicht gebunden waren, sie gingen doch wie gefesselt, die Köpfe gesenkt, die Blicke zu Boden geschlagen. Trapp, trapp. Harte Tritte hatten sie in grobgenagelten Schuhen. Sie waren heute im Sonntagsstaat, in reingewaschenen Kitteln und dunklen Mützen; ganz ordentlich sahen sie aus. Aber mißbilligende Blicke streiften dennoch die Kolonne; es blieb ein großer Abstand zwischen ihr und der übrigen Schar der Kirchgänger. Die Frauen guckten scheu; sie eilten sich noch mehr, daß sie in die Kirche kamen.

Wie ein Beet von bunten Tulipanen prangten dicht gefüllt die Bänke der Weiber. Sie hatten alle ihre besten Kopftücher um – rot und gelb, grün und violett, blau undorangefarben – Wolle mit Seide durchschossen in großblumigen Mustern.

Von ihrem Platz sah die Frau Bürgermeisterin nach jenen Bänken hin. Sieh da, mitten zwischen frischeren und gesünderen Gesichtern das blasse der Huesgen! Ah, das war recht, daß die heut nicht fehlte, die hatte ja zwiefach Grund, hier zu knieen! –

»In nomine patris et filii et spiritus sancti!

Amen!«

In tiefer Andacht neigte sich die Gemeinde. Der Pastor, trotz seiner Siebenzig noch im Amt, hielt das Staffelgebet. Und Confiteor und Introitus folgten. Die hohe Wölbung verschluckte die lateinischen Worte; die hohle Stimme des greisen Priesters am Altar und die näselnde des ihm antwortenden Dieners vom Chor gaben ein immerwährendes Echo. Man konnte nicht viel verstehen. Aber der Weihrauch duftete, die Chorknaben knieten, die ewige Lampe ergoß blutrot dämmernden Schein auf den Leib des Erlösers, der lebensgroß, in natürlichen Farben angemalt, der Gottesmutter im Schoße ruhte.

Das Sonnenlicht war draußen geblieben; durch die bunten Scheiben brach nur ein einziger Strahl herein. Wie eine goldene Leiter, auf der Millionen von flimmernden Sternchen auf und nieder tanzten, leitete er hin zur Monstranz, die auf dem weißgedeckten Altar erstrahlte.

»Gloria in excelsis Deo!«

Kein Räuspern war mehr hörbar, kein Scharren mit den Füßen. Alles lag auf den Knieen. Das war wie ein reifes Ährenfeld, das lautlos fällt in dichten Schwaden.

Trotz der kellerigen Kühle des hohen Gewölbes ward es schwül. Hunderte schwitzten in emsiger Andacht; Männer und Weiber und Kinder dazu. Das ganze Dorf war hierversammelt; nur die Gichtbrüchigen fehlten, und die Uralten, die nicht mehr vom Bette auf konnten, die Wöchnerinnen und die ganz kleinen Kinder. Es roch nach Seife, nach der Pomade der glattgestrählten Köpfe, nach den Sonntagskleidern, die man nur einmal vorholte in acht Tagen aus dem alten wurmstichigen, nie gelüfteten Schrank, der das Beste verwahrte; nach der Tünche der Wände, deren neuer Bewurf noch nicht völlig getrocknet war in diesem Frühjahr. Die Luft wurde dick, die Gesichter wurden rot, die Füße eiskalt. Ein heiliges Schauern zog durch die Seelen, ein Frösteln durch Mark und Bein.

»Dominus vobiscum!«

Der Greis am Altar kehrte sich gegen seine Gemeinde, er breitete die Hände aus und schloß sie wieder.

War Gott nahe?!

Ein Seufzer ertönte aus den Bänken der Frauen. Trotz der Andacht drehten alle die bunt-verhangenen Häupter sich um. Wer seufzte da? Fast klang’s wie ein Stöhnen. Unwillige Blicke bohrten sich in das noch blasser werdende Gesicht der Huesgen-Annelies. War’s nicht besser, sie ging aus der Kirche, ehe sie schwach wurde? Flüsternd neigte sich die Nachbarin zu ihr, aber Annelies schüttelte den Kopf: nein, ihr war nur auf einmal so kalt geworden, ihr war schon wieder wohl! Sich einen Augenblick hinsetzend, um sich zu erholen, und dann doch gleich wieder niederknieend auf das schmale Bänkchen, betete sie eifrig im Oremus.

Die Epistel ging vorüber, nun das Credo; jetzt kam bald die Opferung. Die Huesgen hatte heute noch nichts genossen. Brot und Wein waren ja da auf dem Tische des Herrn. Nun opferte der Priester die Hostie, nun vermischte er Wein und Wasser, nun wendete er sich zu allen und doch zu jedem einzelnen:

»Sursum corda!«

Und die Gemeinde antwortete murmelnd:

»Habemus ad dominum!«

Unruhig blickte die Huesgen um sich; vor ihren Augen schwankte das Schiff der Kirche: war es noch nicht bald aus? Noch nicht? Der Schweiß fing ihr an zu rinnen. Noch nicht bald?! Sie hörte kaum etwas mehr. Endlich ein Klingeln. Dreimal anschlagend. Ah, die Wandlung! Der Priester erhebt die heilige Hostie und dann den Kelch; tief anbetend schlägt alles die Brust. Wieder das silberne Glöcklein und wieder.

Die Huesgen riß weit die Augen auf, vor ihren Ohren ward das zarte Klingeln zum gewaltigen Läuten. Es erschütterte die Leere ihres Leibes; es schwieg nicht, es betäubte sie schier. Es läutete immerfort in feierlich rhythmischem Dröhnen. Vor ihren Augen erstand ein Flimmern – so wie jetzt im goldenen Strahl, so hatte die Mutter Gottes gestern vor ihr gestanden! Jesus, Maria, Josef! Jetzt erst fühlte sie einen tödlichen Schreck. Sie schloß aufseufzend die Lider.

Man hatte die Huesgen aus der Kirche führen müssen, sie fast tragen. Das Hochamt war doch noch zu anstrengend für sie gewesen; sie war in Ohnmacht gefallen. Jetzt lag sie daheim auf dem Bett; der Mann saß ganz betreten bei ihr. Er war verlegen und unglücklich und kam sich schuldig vor: das hatte er doch nicht gedacht, daß sie noch so schwach wäre! Und – er warf einen schweren Blick auf den Dores, der beschmutzt und greinend auf dem Estrich herumkroch und dem Kathrinchen, das ihn aufheben wollte, sich ungebärdig widersetzte – nun würde es auch mit dem Dores nicht anders werden! Wie sollte die Frau auch nach Echternach springen gehen?!

Das übermannte ihn schier. Er ging hinaus von derFrau aus der Stube, und da er nicht wußte wohin, um seinen Kummer zu verbergen – was sollten die Kinder wohl denken, wenn sie ihren Vater weinen sahen? – ging er zur Kuh in den Stall.

Die stand trächtig. Ihr großer, runder Leib füllte fast den ganzen winzigen Stall aus. Er klopfte sie seufzend; er konnte sie nicht recht sehen im dumpfen, lichtlosen Raum, aber sie war doch eine Hoffnung. Wenn die Kuh ein Kalb bekam, dann war das ein großer Segen. Man konnte es aufziehen oder man konnte es auch bald verkaufen, je nachdem.

Die Kuh stand unruhig, sie machte einen Satz.

»He, Maiblum!« Liebkosend legte der Mann seinen Kopf an die breite Stirn des schnaufenden Tiefes und stand so, gebückt, ein Weilchen. Das gab ihm Ruhe. Morgen früh, ehe die Sonne noch aufgegangen war, mußte er wieder fort nach Aachen, die ganze Woche wegbleiben – aber saß denn nicht noch die heilige Dreifaltigkeit oben im Himmel?!

Bäreb, die Älteste, hatte den Vater in den Stall gehen sehen. Nun kam sie ihm nach. Auch sie mußte sich bücken, sie war noch gewachsen in letzter Zeit.

»Wat willste?« Er richtete sein hageres, schlecht rasiertes Gesicht von der Stirn der Kuh auf und sah sie erschrocken an: »Is et schlechter mit der Motter?«

»Nee!« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nicht das Sonntagskleid austun können, aber sie hatte es hochgeschlagen; und nun, im Schmutz des Stalles, in dem es nur wenig Streu gab, zog sie ihre Röcke zwischen die Beine hoch und klemmte sie so fest. Sie war ein reinliches Mädchen. »Ich muß Uech ens spreche,« sagte sie und errötete tief.

Warum wurde sie denn so rot? Der Vater bekam einen plötzlichen Schreck: die Bäreb war jung, auch hübsch – solltenoch neues Unheil zum anderen dazu kommen?! »Nu sag et als rasch,« sagte er müde und matt.

»Ich will no’r Echternach jonn – über vierzehn Tag – springen!« Sie hatte sich Mut gefaßt: warum sollte der Vater denn auch dawider sein? Und sie hatte sich schon fleißig umgehört, jeder im Dorfe wußte davon zu erzählen, sie war ganz genau unterrichtet. Teuer war’s nicht sehr bis nach Echternach, die Eisenbahnfahrt war ermäßigt, es kostete vierter Klasse nicht viel. Und viele würden wallfahrten, sie war nicht allein, sie fand Anschluß genug. Ihr brauchte nicht zu grauen. Und zu Haus mußten sie sich eben ein paar Tage behelfen ohne sie, das Kathrinchen war ja auch schon so verständig; und wenn sie den Dores gar mitnehmen würde zum heiligen Willibrord – ja, das war das beste, dann sah der das Kind gleich selber – dann war ohnehin die größte Last aus dem Haus.

»Ich jonn,« sagte sie entschlossen. »Ich denk, Ihr werdt nühst derje’n han, Vatter, ich wollt et Uech bloß saone. Die Motter hält de Bittjang doch nit uhs. Ich bin die nächste derzu – hui, on ich kann springe!« Die Lust dazu flammte in ihr auf, ihre Augen blinkten.

Der Alte sagte nicht viel, er nickte nur: »Wenn de meinst!«

Da sagte sie, aussprechend, was ihr nun schon den ganzen Tag, seit die Mutter wieder so elend dalag, im Kopfe herumging: »Ich will ooch janz jenau so springen, wie et vorjeschriewen is, ich machen et mir nit kommod. Ich bin so jung, ich kann dat jut uhshaalde. Fünnef Schritt vor und vier zorück! On den Dores, wenn den nit mieh laufe kann, dann will ich him drage. Heiliger Willibrord, bitt für uns!« Sie bekreuzte sich, und dann lachte sie, heiter und zuversichtlich:»Dann hilft de oß Motter, on oß Doresche ooch. Dat is janz sicher!«

Der Weber nickte. Er hatte sonst gegen den Plan der Tochter nichts einzuwenden, aber Arbeitstage würde sie versäumen – den Mittwoch sicherlich, wenn nur nicht auch noch den Donnerstag!

Bäreb rechnete an ihren Fingern ab: Sonntag und Montag waren Feiertage, da hatte sie übrig Zeit, hinzukommen, konnte schon Montag mittag an Ort und Stelle sein. Am dritten Feiertag, am Dienstag, war die Prozession. Da konnte sie abends noch ein Stück wieder zurückkommen, und Mittwoch abend war sie dann zu Hause; nur ein Arbeitstag brauchte also versäumt zu sein. Donnerstag war sie schon wieder in der Fabrik, als wäre nichts gewesen. Ihre ganze Kraft, ihr ganzer Jugendmut lag in dieser Rechnung. Wie konnte sie müde werden, was brauchte sie auszuruhen?!

Die Kuh muhte dumpf, ihr Leib zitterte, als empfände sie Schmerzen.

»Maiblum, no?« Das Mädchen sah besorgt nach ihr hin, dann gab es ihr einen Schlag mit der flachen Hand, kräftig-liebkosend: »Maiblum, ich saon der, wart, bis ich wieder daheem bin, maach keen Saachen!«

Der Weber schmunzelte. In aller Not hatte er doch noch Glück, ein großes Glück: brave Kinder hatte ihm der Herrgott gegeben!

Im dumpfen Stall, wo sie beide gebückt stehen mußten, so niedrig war er, legte der Vater der Tochter die Hand auf. Eine gewisse Würde war in dem Ton, mit dem er sprach: »Da jeh denn in Jottes Namen!«

[10]Brunnen.[11]untersuchen.[12]kallen = schwatzen.[13]Verstört.

[10]Brunnen.

[10]Brunnen.

[11]untersuchen.

[11]untersuchen.

[12]kallen = schwatzen.

[12]kallen = schwatzen.

[13]Verstört.

[13]Verstört.


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