VIII

VIII

Die Sauer rauschte sanft gegen die Ufer, die Sterne schienen nieder auf die Stadt des heiligen Willibrord. Flußauf, flußab tiefes Schweigen. Erschöpft, ermüdet von Wanderung, Gebet und Marktgetriebe schliefen die Pilger.

Auch Bäreb schlief, den Dores im Arm; sie schlief sanft und wohlbehütet. Die dunklen Wimpern schienen noch feucht von den Tränen, die sie in ihrer Verlassenheit geweint hatte, aber ihr Mund lächelte. Sie hatte es ja so gut getroffen, St. Willibrord hatte sie in seiner Stadt doch nicht zu Schanden werden lassen. Nun hatte sie einen Beschützer gefunden, einen, der jung war wie sie selber, einen, der gekommen war, gläubig wie sie: warum sollte der heilige Willibrord nicht auch dazu verhelfen können, daß man nicht zu dienen brauchte beim Militär? Es hatte zwar noch keiner gehört, daß St. Willibrord sich auch ums Nicht-Soldat-werden-müssen verdient gemacht hätte, aber wer Wunder vollbringt, so große Wunder, kann auch dieses vollbringen.

Treuherzig, offen und der Mitteilung froh, hatte der Jüngling das dem Mädchen erzählt. Er war auch ganz fremd in der Stadt, hatte keine Bekannte; und sehr viel mehr Geld als Bäreb hatte auch er nicht in der Tasche. Flüsterndtauschten die beiden jungen Menschen ihre Geschichten aus. Sie war aus der Eifel, er war aus der Eifel, wenn Bäreb auch niemals früher den Namen seiner Ortschaft gehört hatte; auch jetzt hörte sie den kaum, er war nur ein Schall, an ihrem Ohr vorübergleitend. Aber den Namen des jungen Burschen behielt sie: Niklas. So hießen auch viele in Heckenbroich – Klos. Man war gleich gut bekannt miteinander. Niklas hatte ihr den Dores abgenommen, und der ließ sich auch willig von ihm tragen, als ob er’s gefühlt hätte in seiner Schlaftrunkenheit, wie gut der Klos war. Und Bäreb selber hatte der freundliche Bursche an die Hand genommen und gesprochen: »So, eweil komm, Bärbche, eweil suche mir uns en Platz für zo schlaofen. Brauchst keen Angst mieh zu han, ech schützen dech!«

Er war noch so jung, nicht viel älter als achtzehn; er fühlte sich stolz, eines Mädchens Beschützer zu sein. Sie teilte ihm von dem Brot mit, das sie noch in ihrem Bündel verwahrte; er hatte noch ein Stück Wurst. Mit ihren jungen Zähnen bissen sie in das vertrocknete Brot und in die Wurst, die im Rauchfang so lange gedörrt hatte, bis sie hart genug geworden war, um den ganzen Sommer zu halten. So gut hatte es Bäreb heute mittag in dem großen Wirtshaus am Markt lange nicht gemundet; sie fühlte sich jetzt so sicher. Schulter an Schulter saßen sie platt auf der Erde, hinter sich die schlafende Stadt, vor sich den im Sonnenlicht leise gleitenden Fluß. Er hatte sie ein wenig abseits geführt, noch weiter den Fluß hinauf dem Parke zu, aus dessen umfriedetem Dickicht in langen Trillern die Nachtigall schlug. Zu trinken hatten sie nichts, aber mit geblähten Nasenflügeln, den Mund in eifrigem Kauen halb geöffnet, sogen sie zu Brot und Wurst den feuchten, laulichen Wasserdunst ein und den Tauduft des Grüns und den süßen Geruch des Jasmins. UnablässigeDuftwellen strömten vom Parke her, der die Schatten seiner uralten Bäume schwer und schwarz über den Fluß hin legte. Wie Glühwürmer glimmten die Feuerchen der Pilger hüben und drüben, an den beiden Ufern der Sauer; mählich verlöschten sie. Eine Turmuhr in der Stadt schlug dumpfschnarrend Zwölf.

»Schlaof eweil, schlaof,« hatte Niklas gesagt. »Leg dich der Läng lang, dat de de Glidder ruhst, morje müsse mir springen!«

Sie seufzte auf; sie litt es in wohligem Behagen, daß er eine Flauschjoppe, die er bei sich führte, über sie und den Dores breitete und sich dann selber dicht neben sie streckte. Sein Atem bestrich sie. Jedes von ihnen hatte seinen Kopf auf seinem Bündel; das Gesicht zu den Sternen gekehrt, lagen sie ganz gut. Sehr gut, dachte Bäreb.

Plötzlich fiel’s ihr ein: »Ich han mich noch nit jebet!«

»Bet doch, bet doch,« flüsterte er.

Sie bekreuzte sich:

»O heiliger Schutzengel mein,Laß mich dir stets empfohlen sein,In allen Nöten steh mir beiUnd halte mich von Sünden frei.In dieser Nacht, ich bitte dich,Bewahre, schütze, führe mich!«

»O heiliger Schutzengel mein,Laß mich dir stets empfohlen sein,In allen Nöten steh mir beiUnd halte mich von Sünden frei.In dieser Nacht, ich bitte dich,Bewahre, schütze, führe mich!«

»O heiliger Schutzengel mein,Laß mich dir stets empfohlen sein,In allen Nöten steh mir beiUnd halte mich von Sünden frei.In dieser Nacht, ich bitte dich,Bewahre, schütze, führe mich!«

»O heiliger Schutzengel mein,

Laß mich dir stets empfohlen sein,

In allen Nöten steh mir bei

Und halte mich von Sünden frei.

In dieser Nacht, ich bitte dich,

Bewahre, schütze, führe mich!«

Der Bursche kannte das Abendgebet, er hatte es halblaut mit ihr gebetet. Nun bekreuzten sie sich noch einmal.

»Aomen. Schlaof wohl, Bärbche!«

»Aomen. Du ooch, Klos!«

Und sie hatten die Gesichter von den Sternen abgewendet und sie, lächelnd im Dunkeln, einander zugekehrt. – – –

Noch war die Sonne nicht lange aufgegangen, als der Bursche erwachte. Er war das Frühaufstehen gewohnt, erarbeitete als Knecht, sein Vater und seine Mutter waren arme Leute – wenn er zum Militär müßte, müßten sie hungern!

»Bitt für uns, heiliger Willibrord!«

Schon hörte man wieder das alte Gemurmel, die Eintönigkeit des gleichen, des immerwährenden Anrufs. An den Ufern der Sauer war schon Bewegung; die dort gelagert hatten, wuschen und kämmten sich und packten ihre Habseligkeiten zusammen.

Die grüne Höh, drüben auf der preußischen Seite der Sauer, vergoldete sich, die weißen Häuser von Echternacherbrück wurden eben rosig bestrahlt, als auch schon wieder Prozessionen eintrafen. Die waren die Nacht durch gewandert von ihren Ortschaften her; nun begrüßten sie das St. Willibrorduskreuz, unweit des schwarzweißen Grenzpfahls, wo die Kanzel errichtet ist und der Priester die Gläubigen segnet zu Beginn der Springprozession. Sie begrüßten Kreuz und Kanzel mit frommem Gesang:

»Zu deiner Ehr, Gott, wallen wir,Kyrie eleison,All unsre Not wir klagen dir,Alleluja, alluja,Bitt Gott für uns, Sankt Willibrord!«

»Zu deiner Ehr, Gott, wallen wir,Kyrie eleison,All unsre Not wir klagen dir,Alleluja, alluja,Bitt Gott für uns, Sankt Willibrord!«

»Zu deiner Ehr, Gott, wallen wir,Kyrie eleison,All unsre Not wir klagen dir,Alleluja, alluja,Bitt Gott für uns, Sankt Willibrord!«

»Zu deiner Ehr, Gott, wallen wir,

Kyrie eleison,

All unsre Not wir klagen dir,

Alleluja, alluja,

Bitt Gott für uns, Sankt Willibrord!«

Der Niklas hatte sich auf den Ellenbogen gestützt und betrachtete im goldhellen Morgenlicht das Gesicht des schlafenden Mädchens neben sich. Gestern hatte er ihr Gesicht nicht mehr gut erkennen können, er hatte nur die junge zitternde Stimme gehört und das dankbare Schmiegen an seine Seite gefühlt, heute sah er erst, wie hübsch Bäreb war. Er betrachtete sie lange und mit Wohlgefallen: das war ein liebes Mädchen, ein arg hübsches Mädchen, eines, wie er daheim noch keins gesehen hatte!

»Bärbche!« Flüsternd sprach er ihren Namen aus; aber sie schlief noch fest, sie rührte sich nicht. Was sie für schöne Bäckchen hatte, zartgelblich und ein Rot drauf in einem Flaum, wie die Frucht ihn hat, wenn sie reifen will. Und lange Wimpern hatte sie wie schwarze Seide; schwarze Augen mußte sie haben. Die mochte er gern. Er konnte nicht erwarten, daß sie sie aufschlug. Vorsichtig nahm er die wärmende Joppe von ihr und dem Knaben und sprach leise: »Bärbche, stieh up, et is eweil höchste Zeit!« Er wagte es, ihr mit seiner Hand die Wange zu streicheln.

Da schauerte sie zusammen, seufzte, schlug die Augen auf und sah ihn an. Ihre schwarzen Augen erglänzten: oh ja, sie wußte gleich, wo sie war, da war ja der Klos! Sie lachte ihn an, sie war so froh, ihn zu sehen: nun war sie nicht mehr allein in aller Christenheit, sie waren zu zweien.

»Jute Morje, Klos!«

»Gude Morge, Bärbche!«

Dann bekreuzte sich Bäreb und sprach ein Morgengebet, und der Bursche bekreuzte sich auch und sprach mit, sie froh betrachtend:

»Es segne mich die Jungfrau reinMit ihrem lieben Kindelein!Amen!«

»Es segne mich die Jungfrau reinMit ihrem lieben Kindelein!Amen!«

»Es segne mich die Jungfrau reinMit ihrem lieben Kindelein!Amen!«

»Es segne mich die Jungfrau rein

Mit ihrem lieben Kindelein!

Amen!«

Er half ihr, den Dores wach machen. Der Knabe sah blaß aus und schlief wie ein Toter; unter seinen geschlossenen Äugelchen lagerten die Schatten schwarzblau, und sein Mund war schmerzlich verzogen.

»Wenn et eso ’ne heiße Dag wierd, dann es hen immer nit eso jot,« seufzte Bäreb. Aber dann lächelte sie: ob heiß oder kalt, bald würde er ja keinen Unterschied mehr empfinden, bald war er gesund! Sie machte das Zeichen des Kreuzes über dem Brüderchen: »Bitt für ihn, heiliger Willibrord!Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erlöse ihn!« Dann wusch sie ihn mit dem Wasser des Flusses und wusch sich auch selbst Gesicht und Hände.

Ohne Scheu vor dem gaffenden Burschen löste sie ihr langes Haar und strählte es mit dem Kamm aus ihrem Bündel. Puh, wurde es aber mächtig heiß! Sie lüftete sich das Kleid am Halse. O weh, schon stach die Sonne, als wollte es ein Gewitter geben!

Hinter der Berglinie starrten Wolken wie Spitzen. Das Sauertal war voll von glimmerigem Duft.

Als die Maximiliansglocke ihr Dröhnen anhub, und man aus der Stadt das Veni Creator der Geistlichkeit schallen hörte, die von der Kirche zur Brücke hinabzog, war es noch zeitig am Morgen, aber schon trockneten sich viele den Schweiß ab, und man sah große Regenschirme aufgespannt zum Schutz gegen den Sonnenbrand. Doch der Gendarm befahl, sie zuzumachen.

»Paaß up, dat de mich nit verlierst,« flüsterte Niklas noch rasch Bäreb zu im wilden Gedränge. »Nach der Prozession, unner de Trepp am St. Willibrordus-Brunnen, lao stiehn ech!«

Sie nickte nur, sie wagte nicht mehr zu sprechen.

Das war etwas Gewaltiges, etwas Herrliches, etwas nie Geahntes!

Voran mit blitzenden Pieken drei Männer in langen, leuchtend-roten Gewändern, ein Trupp von Chorknaben hinter ihnen mit Kreuz und Fahne. Und dann singend und betend viel tausend Männer:

»Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,Heiliger Willibrord, ein eifriger Ausleger der Lehre Christi,Heiliger Willibrord, ein sanfter Wegweiser der Irrenden,Heiliger Willibrord, eine wahre Stimme Gottes,Heiliger Willibrord, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn,Heiliger Willibrord, hell glänzender Stern unsres Landes, eine unerschütterliche Grundsäule des wahren Glaubens,Heiliger Willibrord, bitte für uns!«

»Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,Heiliger Willibrord, ein eifriger Ausleger der Lehre Christi,Heiliger Willibrord, ein sanfter Wegweiser der Irrenden,Heiliger Willibrord, eine wahre Stimme Gottes,Heiliger Willibrord, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn,Heiliger Willibrord, hell glänzender Stern unsres Landes, eine unerschütterliche Grundsäule des wahren Glaubens,Heiliger Willibrord, bitte für uns!«

»Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,Heiliger Willibrord, ein eifriger Ausleger der Lehre Christi,Heiliger Willibrord, ein sanfter Wegweiser der Irrenden,Heiliger Willibrord, eine wahre Stimme Gottes,Heiliger Willibrord, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn,Heiliger Willibrord, hell glänzender Stern unsres Landes, eine unerschütterliche Grundsäule des wahren Glaubens,Heiliger Willibrord, bitte für uns!«

»Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,

Heiliger Willibrord, ein eifriger Ausleger der Lehre Christi,

Heiliger Willibrord, ein sanfter Wegweiser der Irrenden,

Heiliger Willibrord, eine wahre Stimme Gottes,

Heiliger Willibrord, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn,

Heiliger Willibrord, hell glänzender Stern unsres Landes, eine unerschütterliche Grundsäule des wahren Glaubens,

Heiliger Willibrord, bitte für uns!«

»Erhöre uns, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Hohe Weiberstimmen mischen sich zeternd ein, gellende Kinderstimmen kreischen im höchsten Diskant.

»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!«

Mächtiger schwellen die Stimmen der Psalmodierer, ein Strom von Anrufungen wälzt sich vor den Geistlichen her; mit der Fahne des heiligen Willibrord, mit der prächtig strahlenden, folgt die den Sängern.

Geistliche Herren, und immer wieder geistliche Herren, ihr Zug nimmt kein Ende. Große und kleine, dünne und dicke, schwarze und blonde, alte und junge; von weit her, von nah her, aus Klöstern, aus Kirchen, aus Städten, aus Dörfern, aus Deutschland, aus Frankreich, aus Belgien, aus England, aus Holland, aus Italien, aus aller Herren Ländern, aus aller Welt. Lauter Brüder in Christo, Söhne der Kirche, verstreut über die ganze Erde, heut sich zusammenfindend unter dem Banner des heiligen Willibrord.

»Heiliger Willibrord! Heiliger Willibrord!«

Von den Bergen hallt es im Echo, alle Glocken der Stadt rufen es dröhnend, durch die heiße Luft zittert es in stetem Vibrieren, im Auf- und Abschwellen, bald hoch und bald tief, bald laut und bald leise, bald jauchzend, bald klagend, bald freudig, bald schmerzvoll; hundert- und tausend- und abertausendfach, und zum hundertsten und tausendsten und abertausendsten Male: »Heiliger Willibrord, bitt für uns!«

Die Stadtmusik hebt den Springprozessionsmarsch an:

›Adam hatte sieben Söhn’Sieben Söhn’ hatt Adam‹ –

›Adam hatte sieben Söhn’Sieben Söhn’ hatt Adam‹ –

›Adam hatte sieben Söhn’Sieben Söhn’ hatt Adam‹ –

›Adam hatte sieben Söhn’

Sieben Söhn’ hatt Adam‹ –

Wer könnte da stille stehn?!

Bäreb fühlte sich mit fortgerissen im hüpfenden Wirbel. Fünf Schritte vor, wieder drei Schritt zurück – so sprangen alle.

In langen Reihen hüpften die Schulkinder, die Waisenkinder, die Zöglinge aus all den Klöstern; die Knaben in Hemdärmeln, wie zum Spaß, wie Bachstelzen zierlich die Mädchen. Ihnen wird es leicht, noch zieht die Bürde von Leib und Seele sie nicht zu Boden.

›Sieben Töchter muß er han,Eh er sie bestaden kann!‹

›Sieben Töchter muß er han,Eh er sie bestaden kann!‹

›Sieben Töchter muß er han,Eh er sie bestaden kann!‹

›Sieben Töchter muß er han,

Eh er sie bestaden kann!‹

Das ist eine Musik! Sie dreht einem die Seele im Leibe herum, sie lockert alle Gelenke, die Füße heben sich wie von selber im Takt; es geht gar nicht anders, man muß mit, muß hüpfen, springen, da hilft kein Widerstand. Alte werden zu Jungen, Gichtgeplagte zu munteren Böcklein. Fünf Schritte vor und drei zurück – man kommt nicht aus der Stelle und springt doch so hoch, springt, springt, springt – fünf vor und drei zurück. »Heiliger Willibrord, bitt für uns! Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord!« Hinter Bäreb schrie eine gellend laut. Das war die Blonde! Bäreb erkannte die Stimme gleich; sie mußte sich wenden, sie verfehlte dadurch einen Sprung, sie kam aus der Reihe – nun war sie nahe der Schreienden. Widerwillig guckte sie hin und war doch gezwungen, unverwandt hinzusehen. Was schrie die so laut, was sprang die so hoch?!

Über das rote Gesicht der Blonden lief stromweis der Schweiß, den Hut hatte sie verloren. Alle die großen Haarnadelnspießten ihr aus dem Haar; jetzt fielen die mächtigen Zöpfe herunter, bei jedem Sprung patschten sie auf den Rücken. Die Eifrige hatte keine Zeit, sie wieder aufzustecken; sie hatte sich mit Mutter und Tante angefaßt, aber nicht an den Händen, sie hielten je ein leinenes Handtuch zwischen sich.

Und Bäreb sah, daß es viele so machten; die Schuljungen hielten die Kittelchen zwischen sich, die Mädchen Taschentücher, viele Männer benutzten ihre Röcke dazu, die Weiber ihre Schürzen; was sie gerade hatten, nur mußte es stark sein, daß es nicht riß beim gewaltigen Zupfen und Zerren. Wie in einer Schaukel ging’s auf und nieder. Bald schwuppte die Welle der Springer zur Linken und bald zur Rechten. Straff wurden die Tücher gespannt, wo einer strauchelte, riß man ihn daran wieder in die Höhe.

Bäreb sprang ganz allein; sie hatte sich mit niemandem angefaßt, sie hatte ja auch gar keine Hand frei gehabt, der Dores hing ihr am Halse. Schon wurde ihr der rechte Arm, auf dem er saß, schwach, sie mußte die linke Hand noch stützend unterhalten. Fünf Schritt vor und drei zurück. Sie machte gewissenhaft den vorgeschriebenen Sprung – ach, daß sie nur besser dabei beten könnte! »Heiliger Willibrord, bitt für uns! Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Ihre Lippen bewegten sich; sie murmelte, wie alle unausgesetzt murmelten, aber ihre Gedanken fuhren umher. Sie hatte den Heiligen so inbrünstig bitten wollen, dem Dores zu helfen, der Mutter zu helfen, – nun dachte sie gar nicht daran. Die Schreie der Blonden gellten ihr im Ohr.

War die denn nicht recht bei Trost, daß sie so hopste?! Von Mutter und Tante hatte sie sich losgerissen, Sprünge machte sie eine halbe Elle hoch; den Mund hielt sie offen, die Augen drückte sie heraus, wie Schaum trat der Speichel ihr auf die Lippen. Die Zöpfe waren ihr jetzt ganz aufgegangen,die losen Haarsträhnen züngelten wie Schlangen bei jedem Sprung. Oh, das war gräßlich anzusehen!

»Heiliger Willibrord, bitt für uns!Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord, bitt für uns!Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord, bitt für uns!Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord, bitt für uns!

Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

Ah, sieh da, die ganz alte Frau mit dem uralten Mann! Bäreb blieb vor Staunen der Mund offen. Ein altes Pärchen überholte sie. Sie mit schlohweißem Haar, und er mit schlohweißem Haar; sie hielten sich an den Händen, sie sprangen so sicher im gleichen Takt, sie brauchten keinen anderen verbindenden Halt. Ordentlich schön sah sich das an; die alten Gesichter unterm weißen Haar stachen so freundlich ab gegen die glühenden, verschwitzten rund um sie her. Ei, die konnten es gut, die sprangen gewiß schon zum hundertsten Mal!

Bäreb fühlte sich lahm werden. So jung sie war, sie war doch müde, der Dores war schwerer, als sie gedacht hatte. »Heiliger Willibrord!« Sie tat einen Stoßseufzer. Das blonde Mädchen war ihr schon aus dem Gesicht, auch der Greis und die Greisin; andere Gesichter tauchten auf und tauchten unter um sie her, andere Gestalten.

Mit Schnedderengdeng spielte die Musik den Springprozessionsmarsch. Die Gemeinden hielten sich zusammen, vorn ein Musikkorps, hinten ein Musikkorps, keines stimmte zum andern; wenn das eine den Anfang blies, fiedelte das andere gerade den Schlußsatz. Aber im Wirrwarr der Töne, im Durcheinander der Instrumente – Pfeife und Geige, Trompete und Flöte, Trommel und Harmonika, Pauke und Cymbel – rang doch die Melodie sich siegreich durch, sprangen doch die tausend und abertausend Füße gemeinsam:

›Adam hatte sieben Söhn’,Sieben Söhn’ hatt’ Adam!‹

›Adam hatte sieben Söhn’,Sieben Söhn’ hatt’ Adam!‹

›Adam hatte sieben Söhn’,Sieben Söhn’ hatt’ Adam!‹

›Adam hatte sieben Söhn’,

Sieben Söhn’ hatt’ Adam!‹

An den Fenstern der Häuser drängten sich Zuschauer; sie hingen zu den Fenstern hinaus, förmlich übereinander. Bärebsah nicht hinauf zu ihnen, sah nicht, daß viele nach ihr hingafften. Es blieb ein wenig Platz hinter ihr und ein wenig vor ihr, sie sprang so ganz für sich allein; das willenlose Haupt des Knaben baumelte ihr über die Schulter, in einem schmerzlichen Erstaunen waren ihre Augen weit aufgetan. Sie bemerkte es gar nicht, daß sich blitzgeschwind mehr als ein Kodak auf sie richtete. Man photographierte einzelne Gruppen der Springprozession, man photographierte auch sie.

»Heiliger Willibrord, bitt für uns!« Mit starkem Anruf stürmten neue Springer heran.

Ein Brummen von Tönen, ein Summen von Gebeten umschwirrte Bäreb. Sie sah bekannte Gesichter: da war die Frau mit dem Kropf! Da der dicke Mann! Die Frau mit dem Kropf sprang an der linken Flanke einer Reihe von Weibern, ihren Henkelkorb hatte sie noch am Arm, mit der freien Hand hielt sie sich an der Nachbarin; sie jappte und ächzte, ihr dicker Kropf schütterte bei jedem Sprung, er baumelte ihr am Hals wie ein schweres Säckchen. Ah, und der Dicke! Josef Maria, wie sah der denn aus?! Bäreb fühlte ein heftiges Mitleid; sie hätte ihm gern ihren Arm zur Stütze geboten, aber sie konnte ja nicht, sie hatte genug am Dores zu schleppen.

Sie kam dem Dicken jetzt vor, aber sie wendete den Kopf noch ein paar Mal nach ihm. Ach, der freundliche Mann, der sie mit Bier und Wurst traktiert hatte, jetzt sah er gar nicht mehr freundlich aus! Den Kragen riß er sich vom Hals, als würge ihn der, den Rock riß er voneinander, als quetsche der ihm den Leib ein. ›Heili – ger – Willi – brord!‹ Sie hörte ihn stöhnend beten. Er stammelte immer nur eine Silbe zwischen zwei schnappenden Atemzügen. Er trocknete sich nicht einmal das Gesicht ab; das rotgelbe Sacktuch hielt er wohl in der Hand, aber gebrauchen tat er’s nicht mehr, er ließ dasrinnen, was wie ein Bächlein von ihm ablief an Angstschweiß. Auch Bäreb schwitzte.

Wer sollte heute nicht schwitzen? Wie Feuer fällt es vom Himmel, hinter den Wolken sticht die Sonne herab und sengt durch die Kleider. In einen undurchdringlichen Dunst von Staub und Schweiß gehüllt, hüpfen die Springer. In den engen, überfüllten Gassen, die die Prozession durchwogt, fächelt kein Lufthauch. Bleischwer die Luft, bleischwer die Glieder, dumpfer das Beten.

»Heiliger Willibrord, bitt für uns,Erlöse uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord, bitt für uns,Erlöse uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord, bitt für uns,Erlöse uns, heiliger Willibrord!«

»Heiliger Willibrord, bitt für uns,

Erlöse uns, heiliger Willibrord!«

Schon versagen ein paar. Eine junge Frau schwankt, schwach werdend, aus der Reihe; man lehnt sie gegen ein Haus, man labt sie, man setzt ihr einen Stuhl vor die Haustür, aber sie nimmt ihn nicht an, sie rafft sich auf. Schon springt sie wieder, sie schließt sich einer neuen Reihe von Weibern an.

Fester umklammern die verschwitzten Hände die verbindende Brücke, zu Stricken sind Röcke und Tücher zusammengedreht; die gesteiften Hemdärmel der Männer sind schlapp geworden, die Hüte der Frauen sind ins Genick gerutscht, das Haar hängt in Strähnen. Erschöpfung, Ermüdung auf allen Gesichtern, aber –

›Adam hatte sieben Söhn’,Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

›Adam hatte sieben Söhn’,Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

›Adam hatte sieben Söhn’,Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

›Adam hatte sieben Söhn’,

Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

fünf Schritte vor, drei Schritt zurück. Wer den Sprung nicht gewissenhaft tut, findet keine Erhörung. Und noch sind so viele Sprünge zu springen, ehe man vom Vulpert her durch die Schulergasse den Willibrordusbrunnen erreicht hat und die Treppe zur Pfarrkirche, die der steilen Stufen dreiundsechzig zählt. Ein Weg,zwölfhundertundfünfzigMeter lang, dreifach, nein, fünffach zu machen!

Wenn die Musikanten Luft schöpfen, den Speichel aus ihren Trompeten schütteln, wenn das sinnverwirrende Chaos von Tönen ein paar Augenblicke schweigt, dann verschnaufen sich die Springer. Sie ringen nach Luft, sie stöhnen beim Atmen, sie zittern, sie ächzen: »Heiliger Willibrord!« Wasser und Wein in Krügen und Eimern, Limonade in Kübeln wird gereicht aus den Häusern; die Bürger von Echternach laben die Springer. Mit Gier reißt man dem Spender den Krug aus der Hand, man schluckt, man schüttet das Naß in sich hinab, man säuft wie ein Tier, das am Verschmachten ist, ohne Besinnen; man gießt sich das Wasser schier über den Kopf. Volle Eimer sind in Augenblicken geleert, nichts ist kühlend genug, nichts ist durstlöschend. Feuer vom Himmel, Feuer in der Kehle, Feuer im ganzen Gebein; aber auch Feuer im Herzen.

›Adam hatte sieben Söhn’ –‹

›Adam hatte sieben Söhn’ –‹

›Adam hatte sieben Söhn’ –‹

›Adam hatte sieben Söhn’ –‹

Kaum daß die Melodie sich wieder erhebt, so tritt man auch schon wieder zum Tanze an; man ist entbrannt, zu springen, man ist entflammt zum heiligen Willibrord.

Lauter erheben sich die Gebete. Je matter die Füße werden, desto inbrünstiger die Litaneien. Die Sonne gibt keinen Schein mehr, unter dem bleiernem Himmel gellen die Anrufe: »Heiliger Willibrord, höre uns! Heiliger Willibrord, erhöre uns! Heiliger Willibrord, erlöse uns!«

Die Röte der Gesichter ist verblichen; heiß sind sie noch, aber blaß sind sie geworden, sehr blaß. Hier wankt einer halb ohnmächtig, vom Nebenmann rechts und vom Nebenmann links unterm Arme gehalten; er hat die Augen geschlossen, er sieht nicht mehr, er hört nicht mehr, aber er springt – er springt.

Dort hat ein Epileptiker seine Zuckungen wieder, er rollt mit den Augen, seine Glieder schlenkern, noch springt er imTakt. »Heiliger Willibrord!« Mit schäumendem Mund stürzt er jäh hin aufs Pflaster. Man läßt ihn liegen, es rasen die Waller an ihm vorbei, sie treten ihn fast unter die Füße.

›Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

›Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

›Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

›Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

Man muß springen, springen. Weiter, immer weiter im Takt – fünf Schritte vor, drei wieder zurück – heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!

Bäreb fühlte ihr Herz klopfen, als hämmere ein Hammer darin. »Heiliger Willibrord!« Sie schrie es laut vor Angst. Kam denn noch immer der Brunnen nicht? Und dann die Treppe? Wie lange sollte das Springen noch währen? Sie konnte nicht mehr. Wie Blei drückte der Bruder auf ihrer rechten Schulter, sie warf ihn auf ihre linke herum. Heiliger Willibrord, hilf! So ging’s wieder ein Weilchen. Wie Schwalben im eiligen Flug den Gewitterhimmel durchqueren, so durchschossen Gedanken ihr betäubtes Hirn: warum sprangen denn alle die Leute hier wie die Tollen? Tat’s denn nicht ein Wallen zum Gnadenbild auch, oder ein frommes Gebet zu Gott oben im Himmel? Nein, nein – fünf vor und drei zurück – heiliger Willibrord, heiliger Willibrord – Adam hatte sieben Söhn’, sieben Söhn’ hatt’ Adam – wer nicht sprang bis zuletzt, die Treppe hinauf, zur Kirche hinein, durchs linke Schiff bis zum Chore hin, bis zum Grabe des Heiligen und um dieses herum, und weiter, immer weiter, durchs rechte Schiff der Kirche wieder hinaus, und unter die Kastanien und Linden, die draußen stehen, und dreimal ums große Missionskreuz herum, der hatte seine Wallfahrt nicht wohlgetan!

Bäreb nahm all ihre Kräfte zusammen; jetzt zog nichts, weder rechts noch links, weder vor noch hinter ihr, ihre Gedanken mehr ab.

An ihrem Hals greinte der Bruder. Sie preßte ihn krampfhaft mit beiden Armen fest. So wollte sie ihn emporheben, so dem Heiligen hinhalten, daß der ihn auch sah!

»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Der Schrei steckte an; sie schrie wie die anderen. Wie Rasende stürmten die Weiber dahin, sie wollte die Letzte nicht sein. Voran, zum heiligen Willibrord, wer sich ihm naht, den erlöst er! Einer Trunkenen gleich stolperte sie sinnlos weiter; sie waren alle im Rausch. Die schwirbelnde Tanzmusik hatte alle erfaßt, die riß auch die zum Tod Matten mit weiter. Da – einen Augenblick stockte der tanzende Marsch.

Ein Mann lag am Boden; er lag wie gefällt, blaurot im Gesicht. Oh, der Dicke! Von einem flüchtigen Bedauern durchzuckt, erkannte ihn Bäreb. Aber –

›Adam hatte sieben Söhn –‹

›Adam hatte sieben Söhn –‹

›Adam hatte sieben Söhn –‹

›Adam hatte sieben Söhn –‹

schon hüpfte sie weiter; sie dachte seiner nicht mehr.

Sie konnte nichts denken, sie konnte nichts fühlen, sie konnte nur springen. Keine Ermattung empfand sie mehr, und nicht mehr die Last des Dores, federleicht dünkte der Knabe sie schier, sie sprang wie ein Fohlen.

Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord! Jetzt war sie ihm nahe! Abgetreten schleppte ihr Kleidersaum, ihre Schuhbänder schleiften. So wie die Blonde mußte man’s machen! Jetzt sah Bäreb wieder. Aber was sie vordem entsetzt hatte, das bestaunte sie nun. Oh, so wie die, die rief den Heiligen gewaltig auf sich herab!

Wie eine Mänade flog das blonde Geschöpf. Es hatte sich die Taille aufgerissen, die Brüste quollen über den Leibchenrand, das rosige volle Fleisch glühte in zuckender Brunst. Mutter und Tante beteten laut, es beteten alle rund um sie her, sie übertönte alle: »Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Ihre Augen glühten in irrsinniger Lust. EinSatz, und sie war am Brunnen vorbei – ein Satz, und sie flog die Stufen hinan. Hoch sprang sie, höher als alle, bis ans Knie schwuppten ihr die Röcke hinauf, als Mähne flatterte das gelöste Haar um sie her. Jetzt ein gellender Schrei, fast klang’s wie ein Brüllen: »Heiliger Willibrord!« Sie streckte die Hände aus – jetzt war sie fast oben – da – ein Gurgeln, ein Bäumen – Mutter und Tante packten noch gerade zu: da lag sie in Krämpfen.

›Heiliger Willibrord, bitte für uns,Erlöse uns, heiliger Willibrord!‹

›Heiliger Willibrord, bitte für uns,Erlöse uns, heiliger Willibrord!‹

›Heiliger Willibrord, bitte für uns,Erlöse uns, heiliger Willibrord!‹

›Heiliger Willibrord, bitte für uns,

Erlöse uns, heiliger Willibrord!‹

Um acht Uhr am Morgen hatten die Springer zu springen angefangen, jetzt war es zwei Uhr Nachmittagszeit; die Prozession war zu Ende, die unruhig hüpfende, antreibende, anfeuernde, beschwörende, betörende Melodie verstummt. Zwanzigtausend und mehr waren gesprungen. Nun sprangen sie nicht mehr, aber der Rausch war noch nicht verflogen.

In den Wirtschaften am Markt drängte es sich; solche, die sonst kaum einen Groschen hatten fürs Allernotdürftigste, heute hatten sie Geld. Sie aßen, sie tranken, sie ließen sich’s wohl sein, St. Willibrordus, der Wunder tut, der hatte auch sie erhört an seinem Feste. Wo war alles Leid? Es war vergangen.

Am St. Willibrordusbrunnen stand Bäreb und kühlte mit dem Wasser ihr erhitztes Gesicht und schlürfte mit brennenden Lippen. Auch dem weinenden Dores gab sie zu trinken, und er ward still. Vor ihr hatte ein Vater geschöpft und seinem Kinde den häßlichen Grind am Brunnen gewaschen; ihr ekelte nicht. Köstliches Wasser, heiliges Wasser! Es heilte alle Gebrechen. Feuerwehrleute schleppten einen Körper herbei, sie trugen ihn vorüber ins Kloster zum Guten Kind Jesu. Ach, der Dicke! Bäreb erkannte plötzlich den, den sie trugen.Und sie schöpfte rasch mit der hohlen Hand und rannte der Leiche nach und besprengte sie mit dem erlösenden Wasser.

Und dann dachte sie an den Klas. Er war noch nicht am Brunnen. Stundenlang hatte sie nicht seiner gedacht, nun aber; und noch in demselben Rausch wie vordem bebten ihre entflammten Sinne. Wenn er doch käme! Es verlangte sie heiß nach ihm. Sie mußte sich mitteilen, ihr Herz war zu übervoll. Heiliger Willibrord – Klas, Klas – wo blieb er denn?! Ah, da stand er ja! Sie stürzte auf ihn zu.

Er hatte schon lange hier gestanden und auf sie geharrt, sie hatten sich nur nicht gesehen in der strömenden Menschheit. Sie preßten sich jetzt die Hände, froh, sich wiedergefunden zu haben. Er war heiß und erregt und froh wie sie. Er hatte ja gut gesprungen, er war so gewiß, daß der Heilige ihn gehört hatte. Im Schatten der Kirche, in einem Winkelchen, zog er sie an sich. Sie ließ sich gern streicheln – heiliger Willibrord! Der segnete sie heut.

Sie flüsterten, sie tuschelten, die Wangen nah zu einander geneigt. »Biste müd?« fragte er zärtlich.

Sie verneinte lachend. Oh nein, müde war sie nicht, nur ein Beben in den Knieen war ihr geblieben, ein Rieseln durch den ganzen Leib.

Er trug ihr den Dores, sie hatte sich in seinen anderen Arm eingehenkt. Ihr Herz war so leicht, so voll seliger Lust: nun war es vorüber, es war geschafft! Aber noch einmal hätte sie springen können, so frisch war sie jetzt. Sie schwatzte in aufgeregter Heiterkeit; auf ihren Wangen flammten zwei Rosen. Soviel hatte sie sonst nicht in Wochen gesprochen, die Worte sprudelten ihr vom Mund, sie war eine andere. Fromme Gedanken und Gedanken der Lust rüttelten ihr die Sinne. Zum Markt, zum Markt!

Er wollte ihr etwas kaufen. Glückstrahlend nahm sievon ihm ein Pfefferkuchenherz; sie aß die Hälfte, er aß die Hälfte, nun waren sie wie verlobte Leute, nichts konnte sie trennen. Aber weiter wollte sie nichts von ihm annehmen, er hatte ja auch nicht viel, sie mußten doch heute noch leben. Heute, nur heute noch; an das Morgen dachte keines von ihnen beiden. Heut war der große Tag, der größte ihres Lebens vielleicht – was ging sie das Morgen an?

Auch an Heimat oder Heimkehr dachte jetzt Bäreb nicht; die Stunden flogen, es ging auf den Abend schon. Aber keine Kühlung war zu finden in der Stadt des heiligen Willibrord; noch dunsteten die Gassen, die Pflastersteine sprühten die Hitze aus. Bier um Bier schüttete sie hinab, es löschte den Brand nicht. Er hatte sie auf dem Karussell fahren lassen, hoch vom sich bäumenden Schimmel lachte sie herunter zu ihm und dem Dores, der auch hinauf wollte und die Ärmchen ausstreckte: »Pä, pä!« Zuletzt, damit der Kleine nicht gar zu sehr weinte, gingen sie fort mit ihm; ihr war ohnehin schwindelig.

Wie von geheimer Beängstigung getrieben, lenkten sie ihre Schritte in entlegenere Gäßchen; zwischen dunkelnden Mauern küßten sie sich. Und dann gingen sie weiter und weiter dem Parke zu. Noch war er nicht geschlossen. Ah, hier war Kühlung! Lechzend vor Glut, die Nasenflügel gebläht, mit offenen Lippen traten sie ein.

Aber hier unterm dichten Laubdach war’s doch auch stickig – oder war ihnen, nur ihnen allein so verbrennend heiß?!

Der Dores wollte schlafen, er verdrehte die Äugelchen schon und sagte kein ›Pä‹ mehr. Sie mußten ein Plätzchen suchen; und wenn sie auch hier eingeschlossen wurden, was schadete das? Waren sie nicht zu zweien? Klas war noch nicht hier gewesen, sie zeigte ihm die weißen Frauen im Gebüsch,die nackten Leiber der Nymphen, und er verwunderte sich. Was taten die hier? Ah, hier war’s mal schön!

Von der Stille und der Einsamkeit kühn gemacht, umschlang er sie heftig. Den Dores legten sie in das Gras. Fern grollte ein Donner, sie hörten ihn nicht. Die Bäume waren so hoch, das Dickicht stand so dicht, die Stimmen des Himmels durchdrangen nicht das grüne Gewirr des Gartens.

Und rings erhob sich ein Schlagen der Nachtigallen in den dunkelnden Büschen, ein Locken und Schmettern, ein triumphierendes Lied, das alles andere verdeckte. Es versetzte sie in Entzücken. Sie hatten beide bisher nie solchen Vogel gehört; in der Eifel gibt’s keine Nachtigallen. Sie lauschten, im Grase sitzend, unweit des schlafenden Kindes, die Arme sich um die Schultern legend; beide bleich im wachsenden Dämmerlicht, und in der immer und immer wachsenden inneren Benommenheit. Achtzehn Jahr, und soviel gebetet, und so weit hergekommen, und soviel gesprungen, und nun endlich die erste selige Rast!

Betäubend rochen Jasmin und Flieder, die schwüle Nacht hatte alle Blüten erschlossen; von dem Lindenbaum kam es wie Fluten von Duft, aus der Erde stieg es wie Opferrauch.

Sie taumelten auf – heiliger Willibrord! Ah, sie hatten schon geträumt. Sie wehrten sich gegen eine erschlaffende Mattigkeit, sie taumelten weiter. Da war der Pavillon. Schwül ward es um sie, immer schwüler. Da drinnen mochte es besser sein! Ferne Blitze leuchteten ihnen und die hunderte von Glühwürmchen im verlassenen Park.

Horch, jetzt ein Donnerschlag! »Heiliger Willibrord!« Erschrocken barg Bäreb ihren Kopf an des Beschützers Brust.

Aber sie flohen doch nicht. Süß lächelte über ihnen, aus der zerfallenen Kuppel herab, die Göttin der Liebe.

Die kannten sie noch nicht. – – –


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