„Ich bin kein führender Mann“, sagte George gedankenverloren, Tags zuvor gehörte Worte wiederholend, ohne es zu wissen, und nicht wahrnehmend, daß die Blicke Hubers und Theresens sich hastig kreuzten, um einander wieder zu fliehen, während Karoline ihn voll Schwermut ansah.
Es war ein Herbst, so herbstlich wie noch nie. Der Nebel kam durch die Haustüren hinein und wallte still über die Treppen; er quoll in die Fenster, wie der Odem einer ungeheuren kranken Brust. Es roch nicht nach Nebel allein, es war nicht nur jener fast süße feuchte Geruch nach frischen modrigen Blättern und überblühten Veilchen, den man an Novemberabenden zwischen den Heckenwegen spürt, — dieser Herbst war Krankheit. Es lag Fäulnis und Verwesung in der Luft, die Ausdünstungen des Heeres, seiner Menschen und Tiere, — es lag Lähmung, verzweifelte Unentschlossenheit über dem öffentlichen Leben, die den Bürger hinderten, die Stadt für den neuen Herrn im alten Stand der gepflegten Sauberkeit zu halten. Es war zu dem allen der sonderbar aufregende Duft nach Leder, nach Pferden, nach Schnaps, nach holländischem Tabak, nach parfümiertem Puder, waren die Dünste ungewöhnlicher Mahlzeiten, von denen die Atmosphäre durchwittert war. Es war das ständige Signalblasen der Hörner, das durch den Nebel drang, der Marschtritt auf den Gassen, die neuen Lieder und Tänze, die abends aus den Häusern schollen, der Wohlklang und Rhythmus der fremden aber geliebten Sprache an allen Ecken und Enden. Es war der Zustand des Krieges, den George als quälendherbstlich empfand, als spukhaft, als eine unerträgliche, laue, schlaffe Entspannung der Nerven, diesen Zustand, in dem die Aufhebung allen Rechtes zur Sünde herauszufordern scheint, denn jede Handlung, die der Mensch unternehmen könnte, um den fürchterlichen Stillstand des Lebens zu unterbrechen, hieß noch eben Sünde. Es war das lautlose Abbröckeln der Welt von gestern mit ihren Gesetzen, es war dies furchtbare stille Scheinen der gelben, tropfenden Lindenbäume draußen vor den Fenstern, das George fast rasend machte. —
Wünschte der General seine Dienste oder lag ihm nichts daran? Er hatte sich überreden lassen als Wortführer einer Deputation von Professoren dem Gewaltigen seine Aufwartung zu machen und hatte die Interessen der Universität erfolgreich vertreten. Custine jedenfalls erließ dem Institut alle Zwangsabgaben und ließ sich durch Böhmer, der sich mit einem Individuum Namens Daniel Stumme in die Sekretärsdienste im Schlosse teilte, die Rede despp.Forster in der Niederschrift ausbitten. „Hier hätten Sie hinterhaken müssen, mein Teurer, hehe! Sie hatten den Fuß im Bügel und sind nicht aufgesessen. Der General hatte ein flüchtiges Interesse für Sie gefaßt, es hätte leicht einfaiblewerden können, — aber Sie nahmen den Augenblick ja nicht wahr. Ich fürchte, der General ist verstimmt.“ Böhmer, der George als Abschluß eines kurzem Pflichtbesuches diese Mitteilung machte, sah ihn mit widerlich offenstehendem Munde, hochgezogener Stirne und aufgerissenen Augen an, indem er wichtig mit dem Finger drohte. Da er einem Schweigen begegnete, sammelte er sein Gesicht, sagte: „Es ist noch nichts verloren, da ich Ihr aufrichtiger Freund bin“, und verabschiedete sich. Sein Besuch war einer unter den hunderten in diesen Tagen, die alle mehr oder weniger deutlich Georges Eintritt in den Klub forderten. Dies war geeignet, ihn nachdenklich und schwankend zu stimmen. Böhmer war ein Hanswurst, ganz ohne alle Frage, aber dem General beliebte es nun einmal, ihn zu seinem Sprachrohr zu machen, der General stellte die republikanische Regierung dar, und war er, George, einmal auf die Gunst dieser Regierung, deren Grundsätze er als seine eigensten, innersten fühlte, angewiesen, ging sein Herz ineinemTakt mit dem großen heiligen Herzen der Republik und dachte er nicht daran, dem im Eichsfeld händeringenden Kurfürsten eine sentimentale Treue zu halten, — nun wohl, — was hinderte ihn eigentlich, ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen? Übrigenswar es von eigentümlichem Reiz zu fühlen, daß erschrockene Bürgeraugen auf einen sahen, als auf den Mann von Weltblick und Contenance; daß kleine Anregungen, die man unter der Hand gab, wohltätige Folgen zeitigten, so wie etwa auf seine ursprüngliche Veranlassung hin das Theater wieder zu spielen anfing, damit die französischen Offiziere sich amüsieren und das Publikum sich wieder humanisieren möge. Es war von eigentümlichem Reiz zu wissen, daß Menschen auf einem ungewissen Wege nicht weiter gehen wollten, ohne ihn, — denn drinnen heulte der Minotauros. Es war fast unwiderstehlich, zu denken, daß eine Aufgabe wartete, die seines Kopfes erst in zweiter Linie, vor allem aber seines Herzens, seiner Menschlichkeit bedurfte. „Es ist nicht der Ruhm, den ich suche, sondern die Liebe meiner Brüder“, redete er inbrünstig in Brands große blaue Kinderaugen hinein, die gläubig auf ihn gerichtet, in diesen Tagen fortwährend politische Unterweisung von ihm forderten und mit Monologen privater Natur abgespeist wurden. „Zudem scheint Preußen endgültig auf mich zu verzichten …“
Oh, Preußen taumelte mit sehenden Augen in sein Verderben. Der König ließ den Herrn von Bischoffswerder unentwegt weiter Geister zitieren, denen alle staatsmännischen Künste des Grafen Herzberg nicht gewachsen waren. Dem König fehlte, kurz und gut, ein Mann in seiner Umgebung, dessen Grundsätze, Charakter und Wandel bisdatofür die Rechtschaffenheit seiner Absichten zeugten, dessen Laufbahn Gelegenheit zur Entwicklung eines großen Überblicks, einer gesunden Einschätzung der Zeichen der Zeit geboten hätte. Einen deutschen Fürsten von weitem Machtbereich jetzt leiten, einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes jetzt durch vernünftige Reformationen ohne blutige Revolution zu einer gesunden Staatsverfassung führen zu dürfen …
„Freilich,“ unterbrach Therese sein Schwärmen und bat durch einen Blick um Brands Teller, den sie mit Suppe füllte, „da indessen weder dein Freund Voß noch der Minister einen Weg zu finden scheinen, den König auf sein Glück aufmerksam zu machen, so hielte ich es für ratsam, sich an das Gegebene zu halten. Huber meinte noch mit dem Fuß auf dem Wagentritt du — möchtest dir doch hier durch dein Zaudern keine Chancen entgehen lassen.“
Eine Estafette seiner Regierung mit einem kräftigen Verweis hatte denchargé d’affairesvor einigen Tagen wieder nach Frankfurt zu seinen Staatspapieren zurückbeordert.
„Meinte er das?“ George nickte grüblerisch. „Ich gebe so viel auf sein Urteil in diesen Dingen. Er hat einen eminenten Scharfblick, trotz seiner Jugend. Er fehlt mir doch unendlich. Was meinst du, Therese, — fehlt er uns nicht?“ Er aß hastig und in sich gekehrt. Brand starrte vor sich hin. Er hatte verzweifelt viel Takt, obgleich er hier nur halb begriff.Why, — hatte Mrs. Forster Kummer? Wozu jetzt diese Tränen? Therese hatte ihr Gesicht einen Augenblick auf Clairchens Kopf gesenkt, die sie auf dem Schoß hielt und fütterte. Jetzt sagte sie mit etwas rauher Stimme: „Deine eigentlichen Gaben liegen auf dem Gebiet des Menschlichen, Lieber, im Umgang und in der Behandlung der verschiedenen Individuen.“ Sie stockte und blickte vor sich hin, als dächte sie selbst erstaunt über ihre Worte nach. Dann fuhr sie tastend, aber mit wachsender Sicherheit fort und unterbrach sich kaum mit einem genickten Gruß, als Karoline während ihres Redens leise eintrat.
„Du hättest dies am Anfang deiner Laufbahn in Deutschland ins Auge fassen sollen, George,“ sagte sie, das Kinn in die Hand gestützt und die Augen empor gerichtet, als läse sie eine nachträgliche Weissagung von der geblümten Tapete ab, — „du hättest das diplomatische Fach ergreifen sollen und dein Glück wäre heute gemacht. Du hättest überall Freunde und Gönner, du hättest Konnexionen an allen Höfen Europas, — du hast so charmante Umgangsformen, mein George!“
Sie sah ihn mit spielender Zärtlichkeit an, vermochte es, daß sein blasses Gesicht kindhaft strahlte, überließ ihm ihre Hand und phantasierte weiter:
„Du hättest die Naturwissenschaften immer als Liebhaberei nebenher betreiben können, — so wie der Goethe es auch tut, — nicht wahr? Der Landgraf in Cassel hatte eine Vorliebe für dich, — ich weiß es. Konnte er dich nicht in seinem Kabinett anstellen, ebensogut wie an dem törichten Carolinum? Du hättest dich für die armen hessischen Landeskinder verwenden können, die er nach Amerika verkaufte, — sieh, das wäre gleich ein verdienstlicher Anfang gewesen! Hernach wäre die Sache schon weiter gegangen und wer weiß, welchen Verlauf die europäische Politik genommen hätte, wenn …“
„Nun? Wenn was, meine geliebte Sibylle?“
„Ja, — wenn George Forster in Wien oder Paris am Steuer gesessen hätte. Nicht wahr? Nun — und für Paris — ist es ja noch nicht zu spät.“
„Ah bah, mein liebes Kind. Worauf willst du eigentlich hinaus? Was meint sie wohl, Karoline?“
„Daß — du deine Chancen nicht wieder versäumen sollst, — George.“ —
Die Suppe war abgetragen worden, die Kinder hatten Gute Nacht gesagt. George ging unruhig auf und nieder, die Hand gegen die schmerzende Stirn gepreßt. Er murmelte: „Ich dachte dieser Krise als Privatmann beizuwohnen.“ Therese, ohne vomMoniteuraufzublicken, in dem sie las, antwortete:
„Du mußt es selbst wissen, was du deinem Namen schuldig bist.“
„Mr. Forster wird mit mir fahren nach Italien als mein Mentor, wir werden studieren der Urpflanz und führen Mr. Goethead absurdum, — is it not, Mr. Forster?“ erinnerte Brand, in eine Sofaecke gerekelt. „He is not made for politics, Madam, not at all. Not hard enough, you know!“
„So, — und Huber, — dieser sensible Mensch mit dem Herzen einer Mimose? Oh, wir gehen alle an unsern wahren Bestimmungen vorüber! Unddasist die Erbsünde!“
„Was wäre denn Hubers Bestimmung gewesen? Oh, ich frage nur beiläufig …“ Karoline war damit beschäftigt, kleine Puppen aus Stoffresten in den französischen Farben zu machen.
Therese sah in ihrenMoniteur. „Huber ist ein Dichter“, sagte sie leise. —
„Ich habe gehört, daß Dora Stock schwer kränkeln soll“, erzählte Karoline nach einer Weile unbefangen und hielt ein Püppchen gegen das Licht. „Schiller und Körner sind sehr schlecht auf Huber zu sprechen.“
„Daß Dora schwer kränkeln soll, — was heißt das?“ wiederholte George.
„Er hat ihr einen Scheidebrief geschrieben, — Huber.“
„Huber — hat Dora einen Scheidebrief geschrieben? Therese?“
„Oh — was sagst du das so fassungslos? Ja. Hat er es nicht erzählt? Dora würde auch nie einen Menschen an sich binden, der in Bezug auf siedésinteresséist.“
„Was meint Scheidebrief?“ fragte Brand lernbegierig. „Does it mean separation?“
„Freilich, Vortrefflicher,“ lobte Karoline und fügte hinzu: „Es ist ein Ausdruck aus der deutschen Bibel.“
„Indeed!“
Er hatte Karoline durch die dampfende Nacht nach Hause begleitet und kam hustend in das Schlafzimmer. Er zog sich hastig und leise aus. Therese lag mit großen, wachen Augen, ohne sich zu rühren. Im Nachtanzug endlich kniete er an ihrem Bette nieder, ergriff ihre Hand und küßte sie inbrünstig. Er flüsterte: „Ach Gott, du bist so traurig, mein Herzenskind, — ach, kannst du es mir nicht sagen?“
Sie flüsterte: „Du weißt es ja, George.“
Ihre Tränen stiegen, fielen, tropften lautlos über ihre Schläfen. Sie rührte sich nicht.
Der Schritt der Ronde klang auf der Straße. Der Ruf erscholl:
„Qui vive?“
Der Herbstregen klöpfelte rasend ans Fenster.
George weinte heftig, lautlos und gebrochen mit Therese. — — —
Der Geheime Staatsrat von Müller war während aller dieser Vorgänge abwesend von Mainz und auf einer Reise nach Wien gewesen. Anfang November kam er zurück, aber obgleich Custine sich angelegentlichst um ihn bemühte, gelang es ihm nicht, diesen wertvollen Mann seinerseits vom Wert der neuen Ära zu überzeugen, und nachdem Müller einige harmlose eigene Geschäfte in aller Öffentlichkeit und einige im Sinne der Franzosen vielleicht weniger harmlose in aller Stille erledigt hatte, reiste er wieder ab, nicht ohne dem Mainzer Publikum Mäßigung und eine kluge Fügung in die Absichten der Eroberer nahegelegt zu haben. Es war George nicht gelungen, ihn zu sprechen. Allein die Meinung Müllers, daß die Mainzer gut täten, nicht wider diesen Stachel zu löcken, und seine behutsamen Ratschläge an einige einflußreiche Bürger, dem Klub beizutreten, sich in die provisorische Administration wählen zu lassen, um dort den Leuten zu steuern, die beabsichtigten, im Trüben zu fischen und für den Schutz des privaten und öffentlichen Eigentums zu sorgen, — diese diplomatischen Äußerungen zur Sachlage kamen George zu Ohren und erschienen ihm bald wie eine Rechtfertigung seiner langsam gereiften Absichten. Dennoch erschien es ihm nicht anders wie eine Überrumpelung seines Geschmacks und seiner Willensfreiheit, als Blau ihm am Abend des 10. November nach einer Klubsitzung im Akademiesaal des Schlosses, der er beigewohnt hatte, das in Blech gestanzte Abzeichen der „Freunde der Freiheit und Gleichheit“ auf die Brust heftete, wozu der behäbige Riese einigermaßen schmunzelte.
„Als wir den Freiheitsbaum setzten,“ erzählte er und hielt George am Rockaufschlag fest, „hab ich gehört, wie zwei Juden sich unterhielten. ‚Gott der Gerechte!‘ sagte der eine, — es war der Bär Ingelheim aus der Judengasse, der andere war der Isaak Bär aus Weisenau, — ‚Was heißt F. G.?‘“
Blau stieß vergnügt mit dem Zeigefinger auf diese geschmackvolle Blechmarke mit den Initialen von Freiheit und Gleichheit. George, betroffen von der plötzlichen Erkenntnis, daß dies schicksalsvolle Abzeichen eine Umstellung seiner eigenen Anfangsbuchstaben enthielt, wandte sich unlustig zum Gehen, aber der andere nahm seinen Arm und kam mit.
„Sagt der Isaak Bär, dieser Patriot, hoho! Gott der Gerechte, du fragst? Heißt sich Frau Grausin …“
„Maria und Josef! Und Sie verstehen den Witz am Ende gar nicht, Herr Hofrat!“ fuhr er fort, nachdem er sich von einem ausgiebigen Heiterkeitsausbruch erholt hatte, — „haben nie für ein Hundel eine Marke bei der Grausin, der Wasenmeisterin, um zehn Kreuzer geholt?“
„Und auch sonst nie Beziehungen zu ihr unterhalten?“ sagte Dorsch an Georges anderer Seite und hüstelte.
Blau amüsierte sich unverhältnismäßig. „Der Jude ist eine witzige Kreatur!“ Die Geschichte ging noch viel weiter. Am Schluß hatte Isaak Bär sich den Freiheitsbaum, der an Stelle des uralten Mainzer Wahrzeichens, des eisernen Steins, auf dem Markt gesetzt worden war, schief angesehen und seinen Eindruck von diesem mit der roten Jakobinermütze gekrönten, bekränzten und bewimpelten Mastbaum dahin zusammengefaßt, daß er sich hinter dem Ohr kratzte und sagte: „Ei weih! Ain Baum ohne Worzel, — eine Kappe ohne Kopp!“
„Volksstimme!“ sagte Dorsch jetzt scharf. „Ich bin auch überzeugt, meine Herren, daß die Sache hier keinen Boden fassen wird. Böhmer zieht uns den Abschaum der Stadt auf den Hals und macht uns mit seinen Listen und Deklamationen vor ganz Deutschland lächerlich.“
Böhmer begann den Schreckensmannen miniaturezu spielen. Er hatte neuerdings im Klub das „rote Buch der Freiheit“ und „das schwarze Buch der Sklaverei“ ausgelegt und forderte die Bürgerschaft täglich unter geheimnisvollen Androhungen oder ekstatischenHinweisen auf „unsern Heiland, den Bürger Custine“ auf, ihren Standpunkt durch Eintragung in eins der Bücher darzutun. Er sprach die Absicht aus, „die Despotenknechte wie Staub vor sich herzujagen“ und alsdann die Bürger mit Gewalt zur Annahme der fränkischen Wohltaten zu zwingen. George, von Widerwillen geschüttelt, sagte zu Dorsch: „Freund, — jede große Sache hat ihre Affen und Narren. Sie lebt aber durch ihre Priester. Es steht jedem frei, seinen Standpunkt zu wählen.“
Er grüßte hochmütig und bog in die Tiermarktstraße ein. Seine Finger nestelten an dem gelben Medaillon und lösten es ab. Er gehörte nun zu ihnen, jawohl. Aber sie sollten ihn nicht hinunterziehen! Er, dem die Freiheit ins Herz geboren war, bedurfte keinerlei Ausweise für seine Gesinnung, weder der Kokarde noch dieser verfluchten Hundemarke. Er betrat sein Haus leise, er suchte sein Kabinett auf, er mußte allein sein, sich sammeln, seinen Weg in die Zukunft zu erkennen suchen. Und in der reinen Atmosphäre seiner Arbeitswelt, hier unter seinen Büchern, vor seinen Manuskripten, unter all den Zeugen seines dem Geist geweihten mühevollen und gebeugten Lebens, überkam ihn das Bedürfnis, sich vor einem Gleichgestellten, einem Weggenossen zum ewigen Ziel, zu rechtfertigen, sich zu reinigen in der Berührung mit einer brüderlichen Seele, so heftig, daß er den Armleuchter zum Stehpult trug und mit fliegender Feder an Müller zu schreiben begann:
„Da die Umstände mich nötigen, an der provisorischen Organisation des Mainzischen Landes, soweit es gegenwärtig in den Händen der französischen Republik ist, tätigen Anteil zu nehmen, so halte ich es für unumgänglich nötig, Ihnen, mein vortrefflicher Freund, die Gründe, die mich bewogen haben, und die Grundsätze, nach denen ich mein Verhalten einzurichten willens bin, vorzulegen.
Sie wissen, daß in meinen Augen die Freiheit immer das größte, schätzbarste von allen Gütern gewesen ist und es immer sein wird. Ohne sie gibt es nach meiner Meinung kein wahres Glück, kein öffentliches Wohl.
Aber der Philosoph kennt eine moralische und innere Freiheit, die von der politischen äußeren sehr verschieden ist, die Freiheit, welche Epiktet auch noch in Fesseln hatte, die Freiheit, welche man selbst unter der Regierung von Tyrannen behält, wenn man nur Kraft hat, es zu wollen. Nun,dieseFreiheit muß der wahre Gegenstandunserer Verehrung sein! Denn sie bleibt uns übrig, wenn Klugheit uns zeigt, wie ohnmächtig die in unserer Gewalt stehenden Mittel sind, um uns den Besitz der politischen und bürgerlichen Freiheit zu verschaffen.
Wer aber kann den Zeitpunkt bestimmen, wo es dem gerechten und denkenden Mann zur Pflicht wird, die Erwerbung dieser politischen und bürgerlichen Freiheit zu versuchen, ohne welche der große Haufe des Menschengeschlechtes nie zur Vollkommenheit des intellektuellen und moralischen Wesens, zu derinneren Freiheit, dem wahren Endzweck seines Daseins, gelangen kann? Mich dünkt, man muß die Augenblicke erwarten, wo der allgemeine Wille sich erklärt, erwarten und sogar ergreifen, um hervorzubrechen und zu dem großen Werke des öffentlichen Wohles mit beizutragen …“
Dieser Zeitpunkt war nunmehr eingetreten, kein Zweifel. George hob den Blick und sann, fühlte sich feurig durchströmt von Kräften, die einem neuen großen Gefühl der Verantwortung entsprangen, — einem eben so edlen als von ihm mißverstandenen Verantwortungsgefühl, lächelte, bestürzt vor Glück, setzte die Feder wieder an, zauderte einen Augenblick und schrieb dann unaufhaltsam fort. Sein Gesicht brannte, als er fertig war, wunderliche, nie gekannte Schwingen hielten ihn schwebend über dem Alltag. Er überlas das Geschriebene.
Der Weg, den er sich vorgezeichnet hatte, lag zum erstenmal in voller Klarheit vor ihm, die Absichten und Ziele, deren er sich während des Schreibens erst ganz bewußt geworden zu sein glaubte, schienen ihm groß und schön und aller Opfer wert. Er setzte seinen Namen unter den Brief und verharrte in Versenkung, das Haupt geneigt. Diese Worte, an Müller gerichtet, waren mehr als eine Auseinandersetzung seiner Ansichten, als eine Rechtfertigung seines Eintrittes in den Klub. Sie entschieden über das Leben, das ihm noch blieb. Sie trennten ihn auf ewig von Deutschland und der Vergangenheit. Er dachte es nicht aus, was alles sich ihm in Müller verkörperte, den scheue leidenschaftliche Freundschaft trotz allen heimlichen Werbens nie ganz zu gewinnen vermocht hatte. Er hatte einen Scheidebrief geschrieben, er wußte es, — und wußte es doch nicht. — — —
Frauen brauchten immer längere Zeit, um sich mit dem Neuen abzufinden, er meinte sich dieser zögernden Haltung einer fertigen Entscheidung gegenüber von seiten Theresens als etwas ganz Gewohntemzu erinnern, selbst wenn sie vorher zu dieser Entscheidung gedrängt hatte. War es nicht immer so gewesen, daß sie ein gedehntes „Ach!“ sagte und dann lange Zeit gar nichts und dann Einwände hören ließ und Zweifel vorbrachte. Oh, er suchte ängstlich in seinem Gedächtnis nach ähnlichen Fällen und versicherte sich dann, ja, es sei immer so gewesen! Jedoch es war diesmal nicht recht von ihr, seine Verantwortung mit ihrem halb erschrockenen, halb nachdenklichen Hinnehmen seiner Entschlüsse dermaßen zu belasten, und die betretene Stimmung, die auch Karoline und der gute Brand, der ja nun freilich ganz und gar nicht maßgeblich war, an diesem Abend zur Schau trugen, veranlaßten ihn zu einer zornigen Gesprächigkeit. Was der Vater in Göttingen sagen würde? Wie, war dies auf einmal ihre erste Sorge? Nun, der gute Alte habe ihm neulich, wie sie sich wohl erinnern werde, geschrieben, daß man diesseits und jenseits der Leine in Frieden lebte, äße, tränke und schliefe, — daran würde auch der Übertritt seines Schwiegersohnes auf ein ihm fremdes Gebiet nichts ändern, obschon es gewiß einige Lamentationen kosten würde. Sie möge nur entschuldigen, sie kenne seine Verehrung, seine Liebe für den alten Herrn, — seit wann aber fordere sie, daß er ihm zuliebe seine Lebenswege in der hannöverschen Tiefebene halte? Viel peinlicher sei es ihm zumute in Erwartung eines Ausbruchs des väterlichen Vulkans in Halle, und — nun ja, er sei eben nicht in der Lage, das Praktische ganz über dem Ideal hintenan zu setzen, da er sie und die Kinder nicht hungern lassen dürfe: würde der wackere Voß in Berlin sich jetzt noch zur Gewährleistung jenes Darlehns der 1500 Dukaten, deren er zur Deckung von allerlei Schulden — „du entsinnst dich wohl, meine Teure!“ — so dringend bedurfte, verstehen können? — Karoline wagte es, mit sanfter Stimme einzuflechten, daß es derlei Bedenken ja auch sein möchten, die den Hofrat Heyne möglicherweise zu Lamentationen veranlassen würden und mit einigem Recht. Sie wurde jedoch gar nicht beachtet, denn mit einer Bewegung, als striche sie etwas Unsichtbares von der blanken Tischplatte hob Therese kummervolle Augen zu George empor und sagte mit schwerer Betonung: „Und dies hast du nicht bedacht, mein Freund, daß du nicht nur die Ehre deines Weibes, sondern auch ihr und deiner Kinder Leben durch deinen Schritt gefährdest? Oh, wir werden alle vogelfrei sein, eines Tages …“ Sie nickte aufschluchzend vor sich hin. George blickte starr auf sie nieder.
„Willst du mir nicht bitte sagen, woher dir dieser Pessimismus kommt? Vor drei Tagen redetest du anders.“
„Oh, warum gehst du nicht mit Brand nach Italien?“
„Willst du mir bitte nicht erklären …“
George hielt inne. Er blickte zu Karoline hinüber, die seinen Augen auswich und sagte, von einer Erkenntnis überkommen, fast ohne es zu wissen:
„Huber ist hier gewesen!“
Nach einer Weile, als niemand widersprach, wiederholte er diese Mitteilung, die ihm seine eigene Stimme da eben gemacht hatte, und setzte hinzu:
„Und — ich sollte es nicht wissen.“
„Ich weiß nicht, warum ich es dir nicht erzählt habe.“ Therese sprach abgebrochen, in hastigen, kleinen Sätzen. „Er war vorgestern ein paar Stunden hier. Du hattest die Sitzung wegen der kurfürstlichen Privatbibliothek …“
„Was du drei Tage wenigstens vorher gewußt hast …“
„Bitte, — mein Freund?“
„Oh, — nichts!“ —
„Er sprach so überzeugt davon, daß die Preußen Mainz wieder nehmen würden. Er ist doch immer aus erster Hand instruiert. Er hat mich ganz kleinmütig gemacht. Er meinte, du dürftest dich nicht kompromittieren.“
„Ich sollte meine Überzeugung opfern?!“
„Lache nicht so schrecklich! Er sagte, du könntest auch in Deutschland als Republikaner leben, in Altona oder Hamburg zum Exempel …“
Sie sah ihm scheu nach, der nun nach alter Gewohnheit im Zimmer auf und abzugehen begann. Sie verfolgte sein mühseliges Wandern mit den Blicken einer befremdlichen, fast haßvollen Gespanntheit. Karoline beugte den Kopf über ihre Stickerei. Der harmlose Brand gähnte über dem „Bürgerfreund“, der neuen Zeitung des revolutionären Mainz. Therese wartete. Aber George sagte nur:
„Ich habe noch Schreibarbeit. Ich bitte mich zu entschuldigen. Willst du dafür sorgen, daß ich warme Mehlsäckchen zum Umschlag vorfinde, — mein Knie ist wieder sehr schlecht.“
Er nickte Gute Nacht und ging hinaus. — — —
Der rasende Ablauf der Tage vor einem großen Aufbruch ist bekannt. Es sind Geschäfte zu erledigen, unabsehbare Geschäfte, deren Wichtigkeit uns fast erdrückt und von denen wir nie zugeben würden, wir wüßten, daß wir sie überschätzten. Sich mit ihnen abzugeben, scheint Aufschub zu bedeuten, nicht wahr? Einer, der bisher gelebt hat wie der Mönch in seiner Zelle, auf seine Pergamente gebückt, die Füße dem Löwen des Geschicks fest auf den Nacken gestellt und nicht duldend, daß er sich erhebe, — er rast auf einmal, da die Uhr ihm zu Häupten zum Schlage schon ausholt, hinaus vor die Welt, reißt sich das Gewand vor der Brust auseinander und schreit: Hier bin ich, nehmt mich hin! während das befreite Ungeheuer hinter ihm sich erhebt und ihm die Pranken auf die Schultern legt. —
Beiseite also mit dem stillen Handwerkszeug der Wissenschaft! Und Waffen zur Hand, bisher noch nicht geübt, deren Schärfe unerprobt, deren Tragkraft unberechnet war. Erfahrungen, die bis dahin ungenutzt geruht, hervorgeholt und formuliert, bis sie zum Wurfgeschoß brauchbar schienen; eine Zeitung gegründet, Artikel ohne Zahl geschrieben, Reden ausgearbeitet und frei vom Blatt vorgetragen! Der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Menschlichkeit Hymnen gesungen, der Tyrannei das Urteil gesprochen, alle noch in der Nacht der Despotie schmachtenden Völker weidlich bedauert und einmal offen deklariert, daß der Rheinstrom die gegebene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland sei! Sich dem erhabenen Beruf des Menschenlehrers inbrünstig hingegeben und die unglücklichen verblendeten Bürger und Bauern nach Kräften über ihren Zustand der Ausgesogenheit und Zertretenheit aufgeklärt, da sie denn dermaßen durch jahrhundertelangen Mißbrauch abgestumpft waren, daß sie nur blöde in die Sonne der Freiheit starrten und gar die alte Nacht zurückverlangten. Die Emissarien des Kurfürsten schlichen im Dunkeln umher und köderten das törichte Volk mit unverantwortlichen Versprechungen, da war kein Zweifel. Aber die Wahrheit war auf dem Marsche und man sollte nur erst die Wahlen kommen, sollte den freien Mann sich frei zu seiner Gesinnung bekennen sehen!
George, in den Wirbel einer fremden Tätigkeit hineingerissen, vor die Aufgabe gestellt, sich in Gebiete einzuleben, die er bisher kaum vom Hörensagen kannte, in Fragen der städtischen und ländlichen Verwaltung, von früh bis spät von Klubgenossen, Offizieren, Bürgern und Landbewohnern überlaufen, durch seine Anstellung in deram 19. November errichteten Administration zum Leitstern für alle verzagten Seelen seines Kreises geworden, — George verlor völlig die Besinnung auf sein eigenes Leben und wußte es nicht mehr, daß er hier auf der Bühne des Weltgeschehens agierte, die Faust zum Himmel schüttelte, Arme ausbreitete und zum Besten des Mainzer Volkes weinte, lachte und deklamierte, daß er dies alles tat, um sich des Menschen nicht bewußt zu werden, jenes Menschen, der mit seinem Schicksal bekleidet wie mit seiner Haut jetzt schreiend und keuchend durch die innersten kreiselnden Gänge des Labyrinthes jagte …
Von Huber kamen aufgeregte Briefe. Nun, Huber durfte nicht nach Mainz kommen und nächstens würde er nach Dresden zurückmüssen. Warum sollte Huber nicht ein letztes Wiedersehen gewährt bekommen, warum ihm den Wunsch nach einer Zusammenkunft in Höchst abschlagen, nach der er, — und auch Therese, und auch Brand, und schließlich auch er selbst, ja, auch George! — verlangten?
Es war gar nicht nötig, daß Brand ihm dermaßen zuredete und seine Berline zum Zweck dieser kleinen Reise zur Verfügung stellte. Er würde gewiß selbst auf den Gedanken dieses Ausfluges gekommen sein, hätte er nur mehr Zeit gehabt. Als Vizepräsident der Administration hatte er selbstverständlich einenPassepartoutdurch alle Vorposten hindurch und nun war es nach all den Tagen der Unrast und der ununterbrochenen Arbeit fast eine Erholung, auf der kriegerisch belebten Landstraße mainaufwärts zu rollen, die stille Heiterkeit einer milden Sonne nach dem frostigen Nebel der Frühe zu spüren, nicht reden, nicht denken zu müssen. Da war Therese an seiner Seite und Brands festes rosiges Knabengesicht ihm gegenüber, das mit einem seltsamen Gemisch von Verachtung und Neugier auf die marschierenden Nationalgarden sah, die die Straße immer wieder sperrten, Lieder sangen und ihre gutlaunigen Scherzworte zu den Reisenden hinüberriefen. „Sie halten uns für Mainzer, die ‚kränkelnder Umstände halber‘ für eine Weile verreisen“, wiederholte Therese erheitert die Wendung aus der Privilegierten Zeitung, mit der jetzt dort täglich Personen ihrer bevorstehenden Abreise den Anschein einer Flucht zu nehmen suchten. Dies waren, setzte sie ihre Betrachtungen fort, zumeist Frauen mit ihren Kindern, die von ihren Ehemännern aus der gefährdeten Stadt geschickt wurden. Billigte übrigens George ein solches Vorgehen von Ehemännern? Ein nervöses kleines Gelächter folgte dieser Frage. Da George schwieg oder über dem Geräusch der Räder gar nicht verstanden hatte, fühltesich der höfliche Brand bewogen, zu bemerken, es sei die Pflicht jedes Gentlemans, seiner Lady den Anblick der Szenen des Krieges zu ersparen, geschweige denn, sie vor Schlimmerem zu beschützen! George, wie aus einem Schlaf erwachend, fragte: „Ja, befürchten Sie denn noch Kriegsszenen in unserm guten Mainz?“ Und als der Engländer stumm mit den Augen auf einen Trupp Soldaten wies, der in dem Dorf, das soeben passiert wurde, am Brunnen mit einer alten Bäuerin um ein paar Gänse handelte, und zwar in einer Weise, die auch dem flüchtigen Beobachter keinen Zweifel über Form und Ausgang dieses Handels ließ, zuckte er die Achseln und rief: „Das Volk hat es selbst in der Hand, ob diese Soldaten mit der Pike oder mit dem Palmenzweige in den Händen zu ihm kommen. Es gibt eben Religionen, die müssen mit Feuer und Schwert gesät werden!“ Indem rasselte der Wagen schon durch die Gassen von Höchst und unter der Tür des ‚Roten Ochsen‘ auf dem Marktplatz stand Huber und trat nun, einen Ausdruck leidender Spannung auf dem blassen Gesicht, heran, um die Freunde zu begrüßen. Das gemeinsame Mahl verlief ziemlich schweigsam. Therese erzählte von Haushalt und Kindern; hatte Huber noch die neuen roten Winterkleidchen an den Mädchen gesehen? Sie sahen so allerliebst darin aus, besonders das Clairchen. Und Röschen sei in die Mansardenstube gegangen, habe sich dort auf einen Schemel gesetzt und gesagt: „Ich will an den Onkel Ferdi denken.“ Im Wagen übrigens sei ein Paket mit Hemden und Strümpfen von ihm, die noch aus der Wäsche gekommen seien, sie seien auch schon geflickt, — „ja, lieber Brand, das müssen Sie nun schon in Kauf nehmen, daß eine deutsche Hausfrau selbst bei Tisch von Hemden und Strümpfen spricht!“ — und da sei außerdem ein Pack aus Jena mit Druckschriften, zum Rezensieren wahrscheinlich. Die Einquartierung im Hause würde immer lästiger. Sie hätten nun bald eine halbe Kompagnie Soldaten in den Räumen im Erdgeschoß, die allerlei Unfug trieben und neulich versucht hätten, ihre Suppe auf dem Kaminfeuer zu kochen, ein Balken hinter dem Kamin sei in Brand geraten, man hätte Maurer ins Haus holen und mit Müh und Not löschen müssen. Die Offiziere seien chevalereske Leute, aber recht anspruchsvoll, — ja, die wohnten nun in der Mansardenstube … Ihr Geplauderversiegte allmählich unter dem drückenden Schweigen der Männer. Das Essen war abgetragen. In dem engen, schlecht gereinigten Zimmer, das der Wirt ihnen auf ihren Wunsch, allein sein zu können,eingeräumt hatte, dunstete das Kohlenbecken, ohne Wärme zu verbreiten; von dem hochaufgetürmten Bett und den bekritzelten Wänden ging die Vorstellung schlafloser Nächte aus, der unbehaglichen Nächte Durchreisender und Heimatloser. Auf einmal preßte Huber die Stirn in beide Hände, stöhnte unwillig, sah dann auf und sagte entschlossen: „Ich war in so entsetzlicher Sorge um Euch, mein bester Freund, und dies ist’s, warum ich Euch hergerufen habe …“
George machte „Ach!“ und: „Hätten Sie sich doch in Ihren Briefen deutlicher ausgesprochen! Ich wäre geflogen, Sie aus Ihrer Unruhe zu reißen!“
Indessen wußte er wohl, Worte bedeuteten jetzt keinen Aufschub mehr. Da Huber verstummte und grübelnd vor sich hinstarrte, nahm er den unsichtbaren Ball auf und warf ihn zurück: „Ihre Sorge um uns kann kaum größer gewesen sein, als die unsere um Sie. Oder sprechen wir von Mann zu Mann und aufrichtig: es schmerzt mich, daß Sie nicht imstande sind, mit den politischen Überzeugungen Ihres Kopfes und Herzens Ernst zu machen. Wenn wir unsern Freund in einer unklaren Stellung sehen, wenn er, — vergeben Sie mir das Wort, — Ideale äußeren Verhältnissen opfert, so weinen wir mit seinem Genius um ihn.“ Er stemmte die Knöchel der rechten Hand auf den Tisch und blickte Huber sanft strafend an. Der wandte sich gequält ab. Therese, die ihren Hut gar nicht abgebunden hatte, zog nun auch den weiten Mantel wieder fröstelnd um ihre Schultern zusammen und sah tief erblaßt von einem zum anderen.
„Es handelt sich hier augenblicklich nicht um Politik“, sagte Huber endlich leise und nach Worten suchend. „Ich bin als Jüngling in eine politische Laufbahn eingetreten, ohne zu wissen, was ich tat. Dieser äußere Beruf wird in kurzer Zeit von mir abfallen wie die Hülle, wenn die reifende Frucht sie sprengt. Da ich keinenragébin …“
„Welcher Vernünftige wäre es?“
„Da ich keinenragébin, so mache ich aus der Tatsache meiner inneren Entwicklung nicht den Auftakt zu einer Tragödie …“
„Wer — tut — denn das?“
Huber starrte düster vor sich hin. Dann raffte er sich auf:
„Als ich Ihnen neulich zuredete, sich frei zu Ihrer Überzeugung zu bekennen …“
„Oh, es bedurfte keines Zuredens! Wahrlich!“
„Um so besser! Oder um so schlimmer! Kurzum: nie war es meine Meinung, Sie sollten sich in eine Rolle begeben, wie Ihre heutige in Mainz es ist, sich dermaßen bloßstellen, sich vor ganz Deutschland kompromittieren. Wozu denn diese Reden auch noch drucken lassen? Wozu denn nach Frankfurt hinüberdrohen? Wissen Sie, wie man in Frankfurt über Sie spricht? Und daß wir die Preußen vor unsern Toren haben?“
„Welche Sprache! Aber ich halte es Ihrer Erregung zugute!“
„Oh, ich bin außer mir! Ich sehe mein Teuerstes in Gefahr …“ Er besann sich, atmete tief und verbesserte:
„Meine teuersten Freunde am Rande eines Abgrundes. Oh Gott, mein Freund! Noch können Sie zurück!“
Er streckte beschwörend beide Hände aus und blickte George flehend an. George sagte mit einem Gefühl, als rauchte der Eishauch seines jählings erstarrten Herzens aus seinem Munde: „Wohin bin ich geraten? Dies ist eine Verschwörung!Was wollt ihr denn von mir?“
Er hatte sich erhoben und einen Schritt vom Tisch zurückweichend starrte er mit erbitterter Befremdung in diese drei ihm zugewandten Gesichter.
„George!“ bat Therese schmerzlich, „du darfst ihn nicht so mißverstehen!“
„Ihr seid alle drei im Bunde gegen mich!“
„Nonsense, Sir! It’s your own best we intend!“ murmelte Brand unbehaglich vor sich hin. Er drehte sich samt seinem Stuhl zum Fenster um. Der frühe Abend begann den Westen trübe blutig zu färben. Dämmerung schlich in die Kammer.
„Wir wollten Sie, teuerster und edelster Mann, nicht bestürmen, von Ihrer Überzeugung zu lassen“, sprach Huber nun sanft und nahezu demütig, indem er auf George zutrat und ihn umfaßte. „Wie dürften wir das unternehmen, die von Ihnen geleitet, den Weg dieser Überzeugung selbst betreten haben und gewillt sind, ihn niemals wieder zu verlassen!“
„Aber Georgie! Als ob wir nicht alle eines Sinnes wären!“
„Was ich Sie nur bitten möchte, — wozu mich mein Gewissen drängt … Oh, Forster, war es denn nötig, gleich diesen vorgeschobenen Posten zu wählen …“
„Nicht ich wählte. Die Wahl fiel auf mich.“
„Gleichviel. Oder ihn anzunehmen? Sehen Sie, auch ich, — auch ich … Ich werde mein Amt niederlegen, sobald gewisse einmal angefangene Geschäfte abgewickelt sind, sobald der schickliche Augenblick sich findet. Ich werde dann als Privatmann leben, mich als freierhomme de lettresdurchschlagen.“
„Sie haben nicht für eine Familie zu sorgen, — in der Tat!“
„Oh, Forster! Als ob mein Wohl und Wehe noch jemals von eurem zu trennen wäre! Wenn wir uns einen Platz in der Welt gesucht hätten, wo wir zusammen hätten weiter leben können wie in Mainz …“
George war ans Fenster getreten. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte in den traurigen Abendhimmel, als sei er allein.
„Zusammen weiter leben wie in Mainz …“ wiederholte er langsam und nickte vor sich hin. Dann wandte er sich ins Zimmer zurück. „Und warum sollte das jetzt unmöglich sein?“
„Weil, — ums Himmels willen, Freund, sind Sie denn mit Blindheit geschlagen? — weil Frankfurt morgen oder übermorgen oder meinetwegen in drei Tagen in preußischen Händen sein wird und dann ist Mainz doch auch in wenigen Tagen wieder frei!“
„Frei! Hahaha! Lieber Huber, Sie haben das Wesen der Freiheit begriffen! Sie haben es begriffen!“
„Daß Sie doch bei der Sache bleiben wollten! Man wird Ihnen mit hundert andern den Prozeß machen, Sie einkerkern, füsilieren, was weiß ich. Sie meinen, Sie werden dann mit der französischen Armee ins Innere von Frankreich fliehen, — gut …“
„Sie gehen ja von ganz falschen Voraussetzungen aus. Welche Meinung haben Sie denn von Custine und diesen herrlichen Truppen! Frankfurt wird nicht preußisch werden und Mainz erst recht nicht. Wir haben Kastel befestigt. Wir halten eine zweijährige Belagerung aus.“
Huber ging auf ihn zu, als wollte er ihn bei der Gurgel packen. Nahe vor ihm blieb er mit geballten Fäusten stehn, blickte von unten heraus böse in sein Gesicht, was er zuwege brachte, obgleich er größer war als George, und schrie:
„Und dem allen wollen Sie Ihre Frau aussetzen?“
Gleich darauf faßte er sich, kehrte sich ab und fügte mit schwacher Stimme hinzu: „Und Ihre Kinder …“
George sagte dumpf und blickte niemand an:
„Therese kann ja fliehen.“
„Oh, was beschließt ihr über mich!“
George murmelte: „Wer hat denn schon beschlossen?“
Aber nun erhob sich Brand. Seine große, etwas ungeschlachte Gestalt verdunkelte das eine Fenster völlig, niemand konnte mehr die Gesichter der andern erkennen. Brand redete mit vielen Handbewegungen, redete in seinem ungeschickten Deutsch voll gutmütiger Heftigkeit. Er wollte Mr. Forster in seine Berline packen und nach Italien entführen, kurz und gut. Er habe es auch satt, in Mainz dergentilhomme angloiszu sein, der Spionage verdächtig und unter steter geheimer Überwachung. Er würde aber nicht nach Göttingen gehen wie sein Oheim es wünschte, sondern auf eigene Faust nach Italien, über Mailand und Florenz nach Rom, wenn nur Mr. Forster Vernunft annehmen und mit ihm gehen und die Franzosento their own damned affairsüberlassen wollte! Ehe noch George ein Wort sagen konnte, rief Huber emphatisch: „Dies ist ein Wink der Götter!“
„Und Therese — und meine Kinder?“ murmelte George, die Hand an der Stirn.
„Oh, lassen Sie Ihre Freunde sorgen! Vertrauen Sie ihnen doch! Bis Sie ungefährdet zurückkehren können, tragen andre Ihre Pflichten!“
„Nur die Pflichten?“ sagte George tonlos und niemand vernahm ihn.
„Und außerdem ist dir der Vorschuß von Voß doch sicher“, hörte er Therese seltsam gelassen sagen. „Als Brands Bedienter kämest du ohne Gefahr aus Mainz heraus bis Basel.“
„Als Brands Bedienter, sagst du.“
Es war dunkel geworden. Huber ging an die Tür und rief nach Licht. Niemand sprach ein Wort. Als der Aufwärter mit der dürftig scheinenden Unschlittkerze eintrat, hob George ihm das Gesicht entgegen, ein graubleiches verfallenes Gesicht, und befahl, er möge anspannen lassen. Dann, sich Haltung gebend, in gefaßtem Plauderton, mit einem Lächeln zu Therese hinüber und dann, als er Theresens Augen ratlos ins Leere gerichtet fand, Huber fest und freundlich ansehend, sagte er: „Vielleicht werden die nächsten Tage unsere Entschlüsse reifen. Glauben Sie nicht, lieber Freund, daß ich von irgend jemand auf der Welt das Opfer fordern werde, mit mir zu leben — und zu sterben.“
Therese schluchzte auf.
„Oh, George! Welche großen Worte wieder!“
„Mein gutes Kind! Ich glaube, — jetzt hab ich ein Recht auf sie.“ — — —
Der Pfeil war auf die Sehne gelegt. Der Schütze in den Sternen zielte.
Der Adventsreiter von Frankfurt war unterwegs. Sein grüner Dolman fegte hinter ihm drein, unter den Hufen seines Rappen stob der neue Schnee. Kam er durch die Dörfer, so ritt er langsamer und stieß in die Trompete: „Trahisson! Massacre! Vengeance!Die Preußen haben Frankfurt genommen! Ver—rat!“
In den sonnigen Nachmittagsstunden des 2. Dezember, eines Montags, stand George mit Therese und Brand auf den Schanzen von Kastel. Diese kleine Promenade hatte ihm gut tun, hatte die entsetzliche Unrast in ihm ein wenig dämpfen sollen. Der bei ihnen einquartierte Artillerieoffizier an seiner Seite machte aufs artigste den Führer durch die Verschanzungen und erklärte die Arbeiten, mit denen Bauern aus der Umgegend und Soldaten Schulter an Schulter beschäftigt waren. Hier herrschte brüderliche Tätigkeit, ach, es war ein Bild, dessen sich das bebende Herz getrösten konnte. George hörte Therese plaudern, hörte sie ernsthafte kleine Fragen tun; er fühlte ihre Hand seinen Arm umspannen, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie in Eifer geriet, — da lächelte er und drückte diese kleine Hand an seine Brust. Brand kletterte mit Röschen auf den überfrorenen Lehmhaufen herum, das Kind jauchzte und rief den grabenden Soldaten sein winziges: „Bon jour, citoyen!“ immer wieder zu, vergnügt über die Heiterkeit, die ihm antwortete. Schneegewölk quoll rings um den Horizont auf und erstickte die ohnehin schon tief stehende Sonne. Ihre letzten Strahlen lagen mit seltsam aufregendem Licht auf den hohen Türmen der Stadt dort drüben, während hier der kalte graue Schatten schon stand und der Strom matt und bleiern durch wallenden Nebel glänzte.
In schwermütigem Gedankenspiel sagte sich George, daß sein Haus jenseits des Stromes im Land der untergehenden Sonne läge, und daß er nicht über die Brücke zurück, sondern ostwärts gehen sollte, dem Lichte entgegen. Er sagte sich dies, und in einem mechanischen Zwang die Allegorie weiter führend, redete er sich ein, daß der sinkenden Sonne folgen auch heißen könne,wiedermit ihr aufzugehen, — als er miteinem Male durch das grelle Schmettern einer Trompete und eine durch die Kolonnen der Arbeitenden zur Straße hinwogende Bewegung zum jähen Aufblicken vermocht, den grünen Reiter, den Adventsreiter von Frankfurt erblickte, wie er soeben nach kurzem Anhalten inmitten einer Gruppe von Offizieren und Mannschaften weiterjagte, der Rheinbrücke zu, deren Bohlen alsbald unter den Hufen dröhnten, während die Worte: „Francfort! Trahisson! Les Prussiens! Massacre!“ durch die Reihen liefen wie fressendes Feuer, Flüche laut wurden, Fäuste sich ballten und Bruchstücke einer blutigen Geschichte, Raben eines fürchterlichen Gerüchtes durch die Luft flatterten, schreiend und Rache heischend. Und plötzlich fand sich George allein unter den fremden, wild redenden und gestikulierenden Soldaten, sah Therese hinüberlaufen zu Brand, der ihr entgegeneilte, sah sie die Hände auf seinen Arm legen und hörte sie rufen: „Oh, Brand, da sehen Sie, — da sehen Sie! Er hatte recht! Er hatte wirklich recht!“ — — —
In der folgenden Nacht, — einer furchtbaren, endlosen Nacht, — machte George es sich klar, daß es nun nur noch ein Vorwärts für ihn gäbe, und daß er, traumwandelnd wie er zu seinem öffentlichen Bekenntnis zur Sache der Freiheit gekommen war, nunmehr erwacht für sie einstehen müsse. Und da die Freiheit keines Volkes Sache zu sein schien, als die Sache Frankreichs, so mußte er eben für Frankreich eintreten, war sein Blut und seinen Geist keiner irdischen Macht mehr schuldig, außer der Souveränität des freien Frankenvolkes und seinen Mitbürgern, insoweit sie Frankreichs Sache zu der ihren gemacht hatten. Den letzten Funken und den letzten Tropfen für Mainz, wenn es feurig und heldenhaft für die Menschenrechte zu streiten und zu sterben begehrte! Den Staub dieser Stadt von seinen Schuhen, wenn sie, gleichen Geistes wie Frankfurt, in dem friedlichen Eroberer nichts sehen wollte als den alten Erbfeind im Schafskleid, und die erste Gelegenheit wahrnahm, um die arglosen Freiheitssöhne zu überrumpeln, dem deutschen Heer die Tore zu öffnen und sich mit Freudengewinsel unter den Fuß der heimkehrenden Despotie zu ducken! Und darum wohl von vornherein: den Staub von seinen Füßen! Denn daß dieser Geist in Mainz umging, wer wollte daran zweifeln? Darüber würde auch der tobende Klub nicht hinwegtäuschen, der in seiner Zusammensetzung immer mehr an ein Narrenhaus erinnerte und eine Zufluchtsstätte für alle geworden war, die bis dahin im Leben zu kurz gekommenwaren und ihre unausgelebten Begierden nun zum Himmel schrien, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nein, nein, der deutsche Bürger war nicht reif für die Freiheit der Selbstbestimmung! Fünfzig, ja hundert Jahre der Entwicklung fehlten ihm noch! Welche Gnadenfrist für Deutschlands Fürsten, dachte George von längst begrabenen Wünschen noch einmal spukhaft berührt. Einem jener Fürsten, denen Ludwigs Schicksal jetzt wie der böse Traum einer bangen Nacht scheinen mochte, der Joseph sein dürfen, der diesen Traum ausdeutete, der seine Warnungen in klaren Lettern an die Wand schrieb … Da denn sein Leben doch unaufhaltsam der öffentlichen, der politischen Rolle zugetrieben war, dem heißen Drang nach weiter Wirksamkeit folgend, diesem uneingestandenen Drang nach sichtbarer, nach hörbarer, nachruhmvollerWirkung, — oh, warum dann nicht jenen Weg, der doch vielleicht auch offen gestanden hätte, den Weg der aufgehenden Sonne entgegen? Indessen, sagte er sich in seinen heißen Kissen verzweifelnd und immer wieder auf das Marschieren draußen lauschend, denn die von Frankfurt zurückgenommenen Truppen durchzogen nächtlich die Stadt, alle diese Betrachtungen waren Versuchungen des Dämons der Wankelmütigkeit und es galt nichts mehr als das „Allons, enfants de la patrie“ und den Rhythmus desÇa irain seiner wahnsinnigen Unbekümmertheit. In einer bangen Rührung hatte er längst wahrgenommen, daß auch Therese nicht schlief. Ihr Herz hält sie wach, dachte er, nun ganz an sich selber hingegeben und fühlend, daß all das unermüdliche Raisonnement seines Verstandes nichts war, als eine Übung, um dieser innersten schrecklichsten Sorge zu entgehen. Ihr Herz hält sie wach, sagte er sich, ihr verzagtes Herz, das Herz eines Weibes und das einer Mutter! Schreckensvoll abgewandt von der fratzenhaften Einbildung, die ihm anderes einflüstern wollte, die da wußte, Therese will gehen und — Therese hat nun einen Anlaß gefunden, — die Hand über die Augen legend, als könnte er sich so dem Aufflammen entsetzlicher Einsicht verschließen, sprach er sich die Grundsätze vor, denen jetzt zu folgen war, nämlich, daß er handeln müsse als sei er der einzige unbedingt verläßliche Mensch auf der Welt, der Opfernde, der für sich kein Opfer forderte. Und da kam der Schlummer über ihn, der Schlummer mit der kühlen Schale des Vergessens.
Er hatte sie gefragt, — und er hatte ein Lächeln dabei gehabt und eine Liebkosung, —: „Wie ist es denn nun, liebes Kind, wärest dubereit, abzureisen, wenn nun die Preußen …“ Er vollendete den Satz nicht, er lächelte wieder. Nach den neuesten Berichten schien es so ausgeschlossen, daß die Preußen kämen. Custine hatte Frankfurt aus den Händen gelassen, das war Strategie. Er hatte die Truppen auf Mainz zurückgezogen, Kastel war befestigt, die Stadt nach Eikmeyers Ansicht auf eine zweijährige Belagerung vorbereitet. Jedoch, so hatte wiederum Eikmeyer, das militärische Orakel des Klubs, geäußert, woher wollte der General Kalkreuth jetzt die Armee aufbringen, die Festung einzuschließen? Es lag mithin kein Grund vor, Mainz als gefährdeten Boden zu verlassen, und wenn der Vizepräsident der Administration seine Familie wegschickte, gab er damit nicht zu, daß er, ein Vertreter der Stadtverteidigung, anderer Ansicht war? Würde das nicht heißen, die Bürgerschaft beunruhigen, den Vorsätzen also, mit denen er sein neues Amt übernommen, untreu werden?
„Nun, —dieseBürgerschaft …“ Therese wand ihre Schultern.
„Sie ist keine Opfer wert in ihrer Lauigkeit, — freilich, da hast du recht. Aber vielleicht verlangt meine Ehre es doch, daß ich öffentlich erkläre, daß ich …“
„Daß du was erklärst, Georgie?“
„Nun, daß ich mich von ihnen lossage,weilsie nichtfürdie Freiheit sind und also wider sie, daß ich mich nur noch als fränkischer Beamter fühle und mithin handele, wie es mich gut dünkt, — und nicht, wie die Rücksicht auf ein verstocktes Publikum es erfordert.“
Therese blickte nachdenklich von ihm zu Karoline.
„Und wenn dies, — wenn diese Lossagung gerade den Erfolg hat, daß die Bürgerschaft sich besinnt, — um dich nicht zu verlieren? Nun, — nimm an, — es wäre alles möglich“ …
George zögerte. Dann lächelte er und sagte auch seinerseits dem Anschein nach zu Karoline:
„Dann freilich wärest du wohl meiner Ehre das Opfer schuldig, noch ein wenig zu verweilen. Vielleicht würdest du dann auch erleben, daß die Preußen gar nicht …“
Therese sagte hastig: „Sie kommen. Wir gehen greuelvollen Szenen entgegen. Was willst du? Brand ist bereit, mich nach Straßburg zu bringen. Er hat die Unbeirrtheit des Unbeteiligten, er sieht klarer als wir alle. Er dringt auf die Abreise!“
„Brand ist ein Knabe und glaubt alles, was Huber ihm vorspricht.“ Karoline, die Schweigsame, war auf einmal so heftig. „Mainz jetztzu verlassen, — oh, meine Liebe, es fehlt mir an Ausdrücken … Ich habe auch ein Kind …“
Therese sah sie blaß und hochmütig an: „Und spielstva banquemit seinem Leben!“
Die beiden Frauen blickten sich in die Augen:
„Und du, — womit spielst du, Therese?“ — —
Am Montag hatte er die Rede im Klub halten wollen, in der er dem Publikum seinen Standpunkt deklarierte. Es war am Samstag abend, daß Therese, als die Kinder schliefen, zu ihm kam und bebend sagte: „Laß mich doch morgen mit den Kindern fahren, George. Weil doch auch Brand nicht länger warten kann …“
Allerdings hatte Brand fast täglich Mahnungen von dem aufgeregten Lord Dacre, die unterminierte Stadt schleunigst zu verlassen. George argwöhnte nicht ohne Grund, daß es nicht nur das vulkanische Mainz, sondern ebenso das verfehmte Haus des Jakobiners Forster war, das Sr. Lordschaft nicht mehr als Aufenthalt für den Neffen behagte. Er sagte langsam: „Weil Brand nicht länger warten kann, gewiß.“
„George, — ach, warum lächelst du jetzt nur?“
„Weil ich dich so gut verstehe, Therese. Nun, — sieh mich nicht so an, mein Liebling. Ist es nicht seltsam, Kind, daß unsere eigensten Verhältnisse so mit den großen Angelegenheiten der Zeit und der Menschheit zusammenfallen?“
„George, — ich verstehe dich nicht. Du schickst uns mit Brand nach Straßburg …“
George blickte still in sein Licht.
„Ich schicke euch nach Straßburg, — nun gut, Therese, — und …“
„Oh, George, warum sprichst du jetzt so?“
Sie ging weinend hinaus. —
Der Tag war frostig, nebelgrau und feucht. George hatte das Klärchen auf dem Arm und das Röschen an der Hand. Sie standen auf den Stufen des Hauses und sahen zu, wie der große, eilig vollgepackte Koffer hinten auf die Berline aufgeschnallt wurde.
Brand hatte sich schon verabschiedet und war gegangen. Er fuhr mit der Postchaise nach Straßburg, es vertrug sich nicht mit seinen Anstandsbegriffen, im gleichen Wagen mit der Frau seines deutschenFreundes abzureisen. Oh, Mr. Forster hatte keinen Grund, ihm zu danken. Er erfüllte nur seine Pflicht alsgentleman. Da denn Mr. Forster seine Frau nicht selbst zu begleiten wünschte …
Dies war Old England, das ihn da mit den Augen einer kühlen Selbstgerechtigkeit noch einmal musterte, wußte George. Er wußte es mit Gelassenheit, wenn er es überhaupt empfand. Er fühlte die warmen kleinen Hände seiner Kinder und sonst nichts. Im Hintergrunde hörte er Theresens Stimme, die der Magd Marianne Anweisungen gab, — Lise fuhr mit nach Straßburg. Oh, beschwörende Anweisungen ohne Zahl. Und daß Marianne am Abend nur nie die warmen Umschläge für den Herrn vergessen möge, die warmen Mehlsäckchen für sein Knie! Die warmen Mehlsäckchen, — jawohl, dachte George. Er hörte ihre Schritte hinter sich. Er ging die Stufen hinunter und gab das Klärchen der Magd zu halten.
„Warum weint Sie denn, Lise, warum denn?“ murmelte er und beugte sich zu Röschen hinunter.
„Warum kommen Sie denn nicht mit, guter Papa?“ Das Kind umklammerte seine Hand. In das ängstliche kleine Gesicht hinein sagte George lächelnd, daß er noch ein wenig hier bleiben wolle, bei den guten Soldaten, und daß er sich dann auch in eine Kutsche setzen und dem Röschen nachfahren würde, zum Christfest, freilich doch, zum Christfest schon! Einen Augenblick versucht, selbst zu glauben, was seine überredende Stimme da sagte, so jammerte doch gleichzeitig sein Herz zu Gott, daß er ihm doch auch einen Trost geben möge, ein Versprechen, — ach, und wenn schon ein unmögliches Versprechen! Aber da stand Therese nun am Wagenschlag, in dem braunen Reisemantel mit den großen perlmutternen Knöpfen, — dies war der Mantel der Abreise am Hochzeitsabend in Göttingen gewesen! Torheit der Erinnerung! — den blauen Schleier fest um den hohen englischen Hut, um das weiße Gesicht geschlungen. Wie in einer wunderlichen Abwesenheit des Geistes tasteten ihre Hände am Gepäck, befahl ihre Stimme Lise, mit den Kindern einzusteigen, fragte nun tonlos: „George, — du fährst doch noch mit uns bis zum Tor?“ Und da er zauderte: „Nein, nein, — du darfst auch nicht den Anschein erwecken, — ich weiß!“ Der Kutscher möge langsam durch die Stadt fahren und am neuen Tor auf sie warten, rief sie, „Dein Hut!“ rief sie, „dein Stock!“ eilte die Stufen hinauf, der verstörten Marianne beides abzunehmen, kehrte noch einmal um, lief ins Haus und kam mit demwollenen Halstuch zurück. Er hörte indessen den Wagen anrücken, sah die kleinen Gesichter der Kinder, ratlos, wie ihn dünkte, auf sich, auf das Haus ihrer Heimat gerichtet, bis sie entschwanden, fühlte Theresens Hände, die ihm den Schal umknüpften, bebende, kleine Hände, gewiß, er kannte dies Beben, jawohl, und nun ging er, ging mit Therese am Arm die Tiermarktstraße hinauf. Der Hofrat Forster, der Vizepräsident der Administration, hier ging er durch Mainz, seine Gattin am Arm. Kein Grund sich aufzuregen für das Publikum, nicht wahr?
„Du hast so eisige Hände, Georgie, — ich vergaß deine Handschuhe, — ach verzeih!“
„Aber ich bitte dich, Liebe, — das schadet doch nichts. Hast du auch deinen Muff im Wagen, — die Kaninchenkatze, Therese?“
„Oh, Georgie, — oh! Ich habe alles, auch Fußsäcke und den großen Pelz für die Kinder.“
„Das Klärchen hat den Schnupfen …“
„Du hast so schrecklich gehustet vergangene Nacht, Georgie. Vergiß nie den Eibischtee abends. Marianne stellt ihn dir hin, aber du mußt ihn auch trinken. Heiß, Georgie, — ganz heiß!“
„Liebe, du mußt dich nun gar nicht mehr sorgen um mich. Du wirst genug mit euch selbst … Wirst du mit dem Gelde auch reichen?“
„Ach, George!“
„Warum weinst du denn, Liebling? Sei mein tapferes Herz. Alles wird gut. Wenn du dich je in bedrängter Lage siehst, wende dich an Schweighäuser, nicht an Zaukell. Zaukell ist ein guter Geschäftsmann, aber ein zu guter Geschäftsmann.“
„Ach George, — warum an Fremde? Du bist so nah. Denk doch, zwei Tagreisen …“
„Freilich doch, Therese. Ich bin ganz nah.“
„Und du schreibst mir täglich?“
„Ich schreibe dir täglich.“
Sie bogen in die stille Weißliliengasse ein und gingen unter der Zitadelle hin. Sie gingen ganz langsam. Die Domglocken läuteten und den Nebel schwellend zu ungeheurer Klage fielen allmählich alle Kirchen ein. Trommeln rasselten aus den Schanzen.
Sie blieben stehen.
„Oh, Georgie, — du lächelst?“
„Warum soll ich — nicht lächeln, Therese?“
„Oh, George, — du hast das heiligste Herz auf der Welt.“
Er drückte sie still an die Brust. Nach einer Weile zog er sein Tuch und trocknete ihr sanft das Gesicht. „Komm nun, Therese. Die Pferde …“
Sie schritten weiter. Therese sagte stockend:
„George, ach, sei nicht so allein, jetzt, bis du nachkommst.“
„Ach, Therese, — bei so viel Geschäften — und so viel guten Bekannten …“
„Ich denke nur, — Sömmerring ist fort …“
„Ja, Sömmerring ist fort.“
„Und Müller …“
„Ach, — Müller — Aber freilich, ihn hier zu wissen, wäre ganz gut.“
„Aber der gute Lux, George. Wedekind kann dir nichts sein, aber Lux ist so lauter gesinnt. Und George, Karoline, — du sollst Karoline oft sehen.“
„Soll ich das, kleine Therese?“
„Ach, George, — ist sie dir denn gar nichts?“
Er blickte in ihr Gesicht, in dem eine fordernde Frage stand. Brauchte sie auch diesen Trost? Er sagte mitleidig: „Karoline ist mir wohl sehr viel, du Kind.“
Da stand der Wagen unförmig im Nebel. George sagte:
„Therese …“
„George?“
„Ich — möchte dich noch einmal küssen, — hier — allein …“
Ihr weißes kühles Gesicht. Ihre geschlossenen Augen. Ihr süßer, süßer, duldender Mund.
„Hab ich dich oft — ach oft — gequält, mein Herz?“
„Oh, George …“
Der Kutscher über seinen sieben Kragen fluchte schon. Der englische Bereiter sprang vom Bock und riß den Schlag auf. Im Wagen war ein warmes zwitscherndes Nest voller Kissen, Decken und Pelze, die Kinder schmausten mitgenommenen Kuchen, die biedere Lise strickte. Da stieg Therese nun hinein. George wagte es nicht mehr, nach den Kindern zu greifen. Er stand. Er lächelte.
Therese drängte den Schlag, der zufallen wollte, noch einmal zurück, Therese sprang heraus, sie warf sich an Georges Brust.
„Vergib mir, — o vergib!“
Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an. Mr. Brands Berline setzte sich schwankend in Bewegung und schaukelte zum Neuen Tor hinaus, auf der Straße nach Speyer, die George vor zwei Jahren heimkehrend von Paris gekommen war. — — —
Wirbelnd hatte die Spindel getanzt; rasend rollte der Schicksalsfaden ab.
Der Deputierte des Mainzer Konvents im Nationalkonvent zu Paris, George Forster, wohnhaft in derRue des Moulins, Maison des Patriots hollandais, war ein Freund der einsamen Spaziergänge. Dieser gewesene Deputierte eines gewesenen Konvents, nach Paris gesandt vom Vertrauen seiner Mitbürger, die ihren aufgezwungenen Freiheitstaumel seit dem Juli in den Trümmern ihrer von den Preußen zusammengeschossenen Stadt büßten, George Forster, durchwanderte unablässig die Straßen von Paris und machte es mit sich aus, was es heißen wolle, ein Sansculotte des Herzens zu sein.
Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Haus und Herd. Er hat sein Zelt, sein Arbeitsgerät, seine Waffe. Sein Lager und seine Feuerstelle sind da, wo der Abend den Wandernden findet. Er ist nicht Patriot, sondern Kosmopolit; er ist Weltbürger. Weiter:
Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Freund und Gevatter, er vergißt, daß er Eltern und Geschwister besaß. Darum gleichviel, wer hinter ihm drein flucht, gleichviel, ob es Lippen sind, die seinen Namen einst in der Ergriffenheit von Zärtlichkeit und Zuneigung nannten! Er gehört zum heimlichen Orden der Brüder vom reinen Willen. Letztlich:
Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Weib und Kind. Er fragt nur nach der Idee und dankt dem göttlichen Wesen, wenn es von irdischen Banden ihn löste. —
Er hatte sich mit zwei Gefährten, Lux und Patocki, Ende März nach Paris schicken lassen, um in Mainz nicht am Ekel vor dieser Pseudorevolution zu ersticken, sich nicht den Tod zu holen bei dieser Orgie geilgewordener Spießbürgertriebe. Er hatte sein entseeltes Haus verlassen, den Schauplatz der fürchterlichen Monate des Einsamseins, und Aug in Auge mit einer Wirklichkeit, der nun nicht mehr auszuweichen gewesen war, die nun endlich genommen werden wollte als das, was sie war.
Ach, es war durchaus keine Überraschung für ihn gewesen, dies, daß Therese, kaum eine Woche in Straßburg, in ihren Briefen von Feuillants und Rolandisten zu schwärmen begann, charmanten Leuten, deren Überzeugungen ihr wohl taten und ihrem weiblichen Herzen entsprachen; keine Überraschung, daß sie nach weiteren vier Wochen den Ratschlägen dieser neuen einsichtigen Freunde nachgebend, wie sie versicherte, — den brieflichen Lamentationen des alten Heyne, den Beschwörungen des Freundes in Dresden folgend, wie George ohne alles Fragen wußte, — mit den Kindern Straßburg verlassen und sich nach Neufchâtel, in die neutrale Schweiz begeben hatte, in ihrer weiblichen Verwirrung scheinbar ganz außer acht lassend, daß sie nun unerreichbar für einen französischen Staatsbeamten und Bürger geworden, dem das Überschreiten republikanischer Grenzen bei Todesstrafe verboten war! Es war keine Überraschung endlich, auch dies nicht, daß sie, — nicht unerreichbar für einen deutschen Untertan und sächsischenchargé d’affairesaußer Diensten, — seit dem Mai unter Hubers Schutz in Neufchâtel lebte, — oh, in allen Ehren und nicht unter einem Dach, aber immerhin, Huber war bei Therese in Neufchâtel, Huber sah sie täglich, Huber unterrichtete das Röschen, Huber sorgte für Theresens Unterhalt, denn wie hätte George bei seinen achtzehn Livres Diäten, die er einstweilen noch bezog, das jetzt vermocht?
Endlich, noch nicht genug, — und seltsam, wie gewappnet sein Herz diese letzten Schläge erwartet hatte, — keine Überraschung war es, daß sie ihn baten, nur noch Theresens Freund zu sein, — und Hubers Bruder, ja, freilich! — auch vor der Welt. Keine Überraschung die grausamen Enthüllungen über die letzten Jahre, die man nun aus der Ferne ihm zu machen den Mut endlich fand! Diese Kinder — oh, sie waren ja tot! Auch der kleine Junge — war tot. Konnten Tote denn zweimal sterben?
Keine Überraschung, nicht wahr, im letzten Grunde keine Überraschung, kein Schreck, keine Erschütterung! Er hatte dies alles gewußt. Er hatte wissend daran vorübergelebt, wehrlos, in inbrünstiger Hoffnung vertrauend, denn er war nicht geboren als ein Sansculotte des Herzens. Indessen, er hatte gelernt. Und was sich da jetzt noch an Widerstand in ihm regte, was sich das lange Jahr über, — denn wieder war es Dezember, — an unüberwindlicher Sehnsucht, an unerfüllbarer Hoffnung aufgebäumt und sich Luft gemacht hattein endlosen Briefen voller Fürsorge und Zärtlichkeit, voller Projekte und Vorschläge für ein gemeinsames Leben, ein Leben zu dreien, — schließlich voller Demut, voller Werbung, die an Bettelei grenzte, — dies alles, er täuschte sich nicht, sein eigener Zuschauer, der er geworden war, dies alles waren die Todeszuckungen einer sehr teuren Gewohnheit. Er wußte: dies alles würde noch eine kleine Weile so fortgehen. Es würde noch eine kleine Weile dauern und dann würde das Unverletzliche in ihm triumphieren. Und dann würde nichts sein als der reine Kristall, der voll entfaltete Lotos: die Seele nicht des kämpfenden, aber des im Martyrium lächelnden Helden —
Die Todeszuckungen jedoch einer geliebten Selbsttäuschung sind gefährlich für den Organismus, in dem sie wüten. Sie hatten einen Sanften und Liebenswürdigen zeitweilig reizbar, ausfallend und bösartig gemacht. Sie hatten für Monate vielleicht einen politischenenragégezeitigt, wo ein Friedensapostel gewesen war. George vermied es, sich seiner politischen Tätigkeit bei den Wahlen in Mainz zu erinnern, die in den Januar und Februar gefallen war. Dies war vorüber. Seine Züge waren nicht mehr verzerrt. Dieses letzte halbe Jahr über starrend in das enthüllte Antlitz des unbedingt Bösen, schwer atmend im Blutdunst der Guillotine, mühte sich George verzweifelt um sein Menschheitsideal, um die hundertmal verstoßene und hundertmal weinend wieder aufgesuchte Göttin.
Er war fortwährend krank gewesen; niemand pflegte ihn, und er schonte sich nicht. Im Zustande einer sonderbaren Gleichgültigkeit gegen seinen leidenden Körper, seine verschleimten, pfeifenden Lungen, sein versagendes Herz, seine geschwollenen, schmerzenden Glieder, seinen gebeugten Rücken, als gegen ein Kleidungsstück, das man bald abzulegen gedenkt, und so lohnt es sich nicht mehr, daran herumzuflicken, — in dieser Gleichgültigkeit ging er auch heute am Abend vor Weihnachten durch die Stadt, nach einem Besuch bei dem Buchhändler Onfroi den Heimweg durch die nebeligen Straßen suchend, ohne Überrock und in jener leisen süßen Trunkenheit des Fiebers, die ihn nun seit einigen Wochen Abend für Abend befiel. Übrigens war ihm dabei durchaus nicht heiter zumute. Wenn er in diesen Stunden in seinem einsamen Zimmer war, pflegte er, von Hemmungen befreit, zu weinen. Wenn er in einer unerklärlichen Angst vor solchen Ausbrüchen einer sonst gebändigten Traurigkeit entfloh und durch die Gassen streifte, standen zuweilen Gestalten an seinem Wegeund schlossen sich ihm an, die er kaum zu betrachten wagte, aus Furcht, sie möchten allzu schnell wieder in Nebel zerrinnen.
Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Als George den Pont Neuf überschritt, stutzte er einen Augenblick, sah zur Seite, nickte vor sich hin, murmelte ein Wort und ging weiter. Der Fremdling aber, den er dort am Brückengeländer hatte lehnen sehen, ging mit und blieb ihm zur Seite.
Er trug weite pludrige Hosen aus englisch Leder, die unter den Knien zusammengebunden waren, seine bloßen Füße steckten in derben Schnallenschuhen. Der Wind griff ihm in den Nacken, blähte den weiten, rotgestreiften Kittel und machte, daß der Mann beständig nach seiner Mütze griff, einer runden, abgeschabten Pelzmütze, die er tief in die Stirn drückte. Übrigens war an diesem Abend kein Wind, der Nebel stand unbewegt. George aber war nicht imstande, sich darüber zu wundern, daß er seinen Begleiter ständig wie vom Wind getrieben sah. Dies war Larry. Kein Zweifel! Oh, er war es! Ein rosiges, gebräuntes Knabengesicht, wassergraue Augen, die seltsam blicklos schienen, als sei alles durchsichtig und dahinter unabsehbare Ferne, die kurze Tonpfeife im Mund und die Hände in den Hosentaschen, — es war Larry, wie er gewesen war, ehe George ihn zum letztenmal sah, in der Hängematte liegend, gelb und ausgemergelt, zahnlos, mit verschwollenem Munde und mit vorquellenden, angstvollen Augen.
Larry, der den Tod im Skorbut gefunden hatte, Larry nun hier an seiner Seite im Nebel von Paris, getrieben oder getragen von seinem eigenen sanften Segelwind, Larry begleitet von dem alten kecken Rhythmus: