Übrigens staunte er manchmal, wenn er späterhin den Vater von dieser Reise erzählen hörte; Herr Forster wurde dann ganz dithyrambisch und gab Schilderungen von der Wucht der Gewässer, von dem Einfluten der Oka und der Kama, — die Rivalinnen der Wolga nannte er diese beiden, — und der übrigen gewaltigen Nebenströme, von dem Gewander der Barken und Flöße, dem Gesumm der wachsenden Städte, dem Überfluß an Holz in den krachenden Urwäldern und dem geheimnisvollen, unheimlichen und unerschöpflichen Leben der wilden Tiere und Menschen, von denen beide Ufer überquollen. Gewissenhaft suchte er dann in seiner Erinnerung und bemerkte, daß er von alledem nichts wußte. Er erinnerte sich an Akim und an die Fischer und daß er gerne Störrogen gegessen hatte, obgleich er sich ein wenig davor ekelte. Er erinnerte sich an die Frau des reichen Tataren, den sie in Kasan besucht hatten, wie sie auf dem Divan gesessen hatte, von Goldstickerei, von Ketten und Ringen starrend und durch den Dampf ihrer muschelzarten chinesischen Tasse mit den geschwärzten Zähnen zu ihm hinüberlächelnd. Der Vater hatte ihn aus irgendeinem Grunde hier zurückgelassen und war fortgegangen, er hockte klein und bescheiden auf einem Polster neben dem Ofen, in dem ein Feuer brannte, obgleich draußen warmer Spätsommer war. Auch er bekam eine bläuliche Eierschale voll Tee und ein Häufchen klebriger Süßigkeiten auf einem schönen Tischchen vor sich hingestellt, das mit Perlmutter ausgelegt war, aber er schämte sich zu essen unter dem Lächeln dieser Frau, die ihre edelsteinbeladenen feisten Hände nur bewegte, um die Tasse zum Munde zu führen und sie dann leer derDienerin zu reichen, die ebenfalls beständig lächelte, aber doch mehr wie ein wirklicher Mensch. Er wollte vermeiden sie anzusehen, und ließ seine Augen verzweifelt umherwandern, — da war ein wunderlicher bunter Holzkoffer, mit blankem Zierat beschlagen, kupferne Waschbecken, ein Spiegel, ganz wie zu Hause, und auch Nelken und Geranium am Fenster. Dann aber wieder ein Lackschränkchen mit goldenen Blumen und Vögeln und der Samowar summend und fauchend. Er fühlte, wie ihm warm wurde, übermäßig warm, seine Hände wurden ganz feucht und er hätte sich gern einmal das Gesicht abgewischt, wenn nur die Tatarin … Nun hatte er doch hinübergesehen und war tödlich erschrocken: das Gesicht seiner Wirtin löste sich auf, es rieselte ihr von der Stirn, zog Bahnen durch ihre kohlschwarzen Brauen und rosigen Wangen, ja selbst ihr lackroter Mund ward wie verschmiert, wie eine klaffende blutige Wunde. Mein Gott, was war nur geschehen? Sie schwitzte, die Gute, sie schwitzte; sie hatte diesen wohltuenden Ausbruch, der der Zweck ihres Teetrinkens war, aber in diesem Augenblick saß sie völlig hilflos da, bis die Dienerin mit dem Tuche zur Hand war, einem Tuche, das schon mehrere Wochen zu diesem Zweck gedient zu haben schien. Alsbald war der Samowar zur Seite geschoben, die Tatarin schnaufte zufrieden und genoß ihren Zustand, immer aufs neue von der lächelnden Zofe abgetupft, bis die Ergiebigkeit ihrer Poren erschöpft war. Sodann trat ein Kästchen aus Zinkblech in Erscheinung, das in seinen Fächern vielfarbig leuchtete. Die Tatarin hielt ihr Mondgesicht mit breit verzogenem Munde hin, und nun ward gemalt, gestrichelt und gewischt, immer von dem flinken, behutsamen Mädchen, während das entstehende Kunstwerk regungslos saß und nur manchmal aus schmalen Augenschlitzen zu George hinüberblinzelte. Nun vollendet, verharrte es unbeweglich, die rotgefärbten Fingerspitzen über dem stattlichen Leibe aneinander gelegt und ins Leere lächelnd in dem Bewußtsein übergroßer Schönheit. George geriet so unter den Bann des Eindrucks, dort drüben befinde sich ein Edelsteinschrein, ein Schnitzwerk vielleicht, ein Bild, nur eben kein Mensch, daß er es wagte, die Beine zu bewegen und sich an der Nase zu kratzen, — da sah er, wie die Tatarin die Augen herumwälzte, und gleich saß er wieder versteinert. Nun sagte sie auch etwas zu ihm, sagte dreimal den nämlichen Satz, wobei er sie verzweifelt anstarrte, denn er verstand sie doch nicht, bis sie endlich unzufrieden mit dem Kopf wackelte und verstummte.Dann sagte sie plötzlich mit ganz heller Stimme auf Russisch: „Tschaj? Tee?“ und nickte mit schief geneigtem Haupte. Da er diesmal begriff, bejahte er begeistert, um sie zu erfreuen und jedenfalls nicht zu erzürnen, und sogleich richtete sie einen Strom hastiger Rede gegen die Dienerin, die hinausglitt und mit einem frischen brausenden Samowar wiederkehrte, der alsbald Wasser hervorsprudelte und Dampf spie, während ein frühlingszarter Duft sich im Augenblick des Aufbrühens aus der Kanne erhob, den das Götzenbild befriedigt schnuppernd einsog. Und indem das Mädchen mit leisem Klingeln seiner Armreife und Ohrringe hin und her eilte, um die Tassen zu füllen, — sie trug ein lichtblaues Jäckchen mit Silberstickerei und unter dem engen roten Obergewand weite Pluderhosen, die über den Knöcheln zusammengebunden waren, — indem die Tatarin der heißen Tasse die Zähne zeigte, indem George verzweifelt pustete und die Augen nicht von seinem Gegenüber ließ, kam es mit der Gleichmäßigkeit eines bösen, stets sich wiederholenden Traumes zu demselben Auftritt wie vorhin, einmal, und noch einmal: Teetrinken, Schwitzen und Schminken und dann erst kam endlich der Vater mit dem Tataren zurück, — ja, der Vater hatte gut lachen! —
Überhaupt hatte er sich auf dieser Reise oft gefürchtet, daran erinnerte er sich später besonders gut und daß er sich gewöhnt hatte, mit der kleinen Pfote über den Augen einzuschlafen, wenn er nicht den Kopf ganz im gebogenen Arm vergrub, das stammte von diesen Nächten im Schilf her, in denen immer ein Mann mit geladenem Gewehr wachen mußte, denn die Räuber entstammten nicht nur Akims Phantasie, sondern die Berge waren voll von ihnen, und die Matrosen bekreuzten sich dankbar, wenn wieder ein Wolok, — eine jener angeschwemmten mit Weidengebüsch bestandenen Landzungen vor den Einmündungen der Flüsse, — umschifft war,ohnedaß dort Geheul und Flintenknattern aus dem Hinterhalt aufgebrochen war. Auch an die deutschen Ansiedlungen, deren Besuch der eigentliche Zweck des ganzen Unternehmens war, erinnerte er sich nur in verschwimmenden Umrissen, und eigentlich nur an jene Frau, die ihm die Füße gewaschen und ihn zu Bett gebracht hatte wie einen müden kleinen Jungen, gar nicht wie einen „hoffnungsvollen jungen Gelehrten“. Auch daran, daß er da, nach Monaten zum erstenmal wieder in einem richtigen weißen Bett ruhend, trotz aller Erschöpfung noch lange wachgelegen hatte, von einem jähen nagenden Heimweh befallen.Alle diese Erinnerungen aber verblaßten vor jenem letzten schrecklichen Erlebnis mit dem Janusch.
Sie hatten in der Nähe des Kaspi einen Ausflug landeinwärts gemacht, die Sonne prallte blendend von der grauweißen Salzrinde der Wüste ab, die Luft war flimmernd heiß und schwer zu atmen wie von Salzlösung gesättigt, der Janusch war mürrisch und George tieftraurig. Beide stapften sie in finsterem Schweigen hinter dem Vater her, der im Sande grub und Versteinerungen suchte. Akim hatte sie begleitet und nahm die Beute in einen seiner Weidenkörbe auf, die beiden Erwachsenen der Unternehmung waren somit beschäftigt und in bester tätiger Laune, besonders Herr Forster, der fortwährend vor sich hinpfiff und Akim durch neckische Fragen zum Kichern brachte. Ein langgestreckter Hügelrücken erhob sich unter der Menge der Flugsanddünen wie ein ruhender Löwe in einer Herde geduckter Schäfchen, er hatte felsige Flanken und ein von interessanten Tonschichtungen rotstreifiges Fell, also ging Herr Forster auf ihn los wie ein witternder Jäger und sah sich in keiner Weise nach George um, der hinter einem Flugsandhügel zurückblieb, und zwar weil Janusch sich mit einem Laut verzweifelten Unmutes zu Boden geworfen hatte. „Hunger hat er sich, Durst hat er sich, will er sich nachhause, Janusch, armes Hund!“ schluchzte er schnaubend und krallte seine mageren Finger in die spröde bröckelnde Salzkruste. „Is sich furchtbares Land, Wasser, viel zu viel, kein Stall, kein Schwein, kein Garnichts!“ „Wir geben dir doch immer zu essen, Janusch“, sagte George ratlos und nestelte gebückt an dem Frühstückskorb, den der Heulende auf dem Rücken trug, — man mußte ihn stärken, — o Gott! — dies war gewiß ein Kollaps der Kräfte, — Herr Forster befürchtete für sich selbst dauernd Kollapse der Kräfte und erörterte eingehend diese Möglichkeit, — eine Kollation, nicht wahr, über dem Spazieren ward man müde, mußte anbeißen: „Janusch!“
Aber der Janusch hatte sich hingesetzt und wehrte angeekelt ab, — „nicht so!“ Sein Gesicht war rot gescheuert von salzigem Sand, sein krauses schwarzes Haar bestäubt, wie das einst so stolze grüne Kamisol, er zog die Knie an, umschlang sie mit den Händen und starrte aus seinen grellen Augen trostlos gradeaus in die leere Wüste. „Hat sich Hunger schweinernes von Mutter, hu hu!“ fügte er dann hinzu, steckte den Kopf zwischen die Knie und gab sich weiter haltlos seinen Gefühlen hin, die ihm in diesem Augenblick des Zusammenbruchesdie polnische Sumpfheide mit Mutters Hütte als Paradies erscheinen ließen. Da waren sie alle zerlumpt und zottelig und um den rauchenden Herd war kein Fleckchen ohne irgendwelchen lieben persönlichen Dreck, der sichjahrelang hielt und wärmte. Da roch es scharf und beißend nach ranzigem Speck und Fusel, die so gut schmeckten, hintereinander genossen, versteht sich! Ach, für eine Weile mochte es gut sein, gekleidet zu gehn wie ein Starost, mit Georgie-Panje Gemeinschaft zu haben, sich allen Schimpfens und aller Stallgewohnheiten zu enthalten und dem großen Pan Forster demütig zu dienen wie einem lieben Gott in Stulpenstiefel. Aber seinesgleichen waren sie nicht, diese Menschen, die nach gar nichts rochen außer etwa so zahm und süß wie der Pan Forster nach Lavendel oder etwas anderem, was nicht zu essen war, — und übrigens roch er nicht einmal selbst so, sondern nur seine Hemden und Röcke. Ach, Hemd und Rock, das hatte mit dem Menschen verwachsen zu sein wie sein eigenes Fell und mußte ganz durchtränkt von der Persönlichkeit werden! All diese Gedanken fanden sich nicht etwa in kristallisierter Klarheit in den Hirngängen des Janusch vor, aber sie quollen doch wie Lava rebellisch in seinem ganzen Körper auf und nieder und drängten zum Ausbruch, — denn der Janusch dachte, fühlte und litt mit seinem Bäuchlein und mit seiner Zunge ebensogut als mit dem Herzen und dem Kopf, es ging bei ihm alles einheitlich und verschmolzen vor sich und manchmal hatte er abends geweint, weil er nicht mehr so viel Läuse hatte wie früher und das Kratzen vor dem Einschlafen doch so angenehm gewesen war. Nicht, daß er sich dessen bewußt geworden wäre, aber eben: ihm fehlte etwas!
George war aufs tiefste peinlich berührt und empfand es auf einmal deutlich, daß er den Janusch nicht liebte, ja mehr noch, daß der Janusch trotz des sauberen Kamisols nicht aufgehört hatte, ihm widerlich zu sein, wie daheim, seit seinen ersten Lebensjahren. Aber gerade deshalb fühlte er einen dumpfen Zwang, dem anderen dienen zu müssen, und mit schmerzlicher Überwindung beugte er sich nieder, um die zuckenden Schultern des Janusch zu berühren, — mein Gott, was sollte er nur sagen, und geschah dem Janusch nicht eigentlich ganz recht? Wer hatte immer mit Pferdeäpfeln geschmissen und nicht nur geschmissen, sondern auch getroffen! und das war es doch eigentlich. Und gab es das wohl überhaupt, Heimweh nach einem Stall, in dem Hühner, Katzen, Schweine und Menschen zusammen hausten?Gleichviel, der Janusch heulte, er sprudelte Flüssigkeit von sich in wütendem Schluchzen, er ließ sich gehen, war menschlich, war arm … Was tat man mit ihm? Wenn nur der Vater …
In diesem Augenblick erzitterte von fernher die Erde, sie wußten beide zunächst nicht, woher die glühende Lautlosigkeit der Wüste diesen dumpfen Trommelwirbel nahm, der Luft und Boden erschütterte. Janusch war aufgefahren und starrte George an, der seinerseits mit beiden Händen in die Höhe gezuckt war und mit offenem Munde dastand. Er hatte aber keine Zeit weder aufzuschreien noch davonzulaufen, er machte einen mühseligen Versuch, die nächste Düne zu erklettern, blieb jedoch auf halber Höhe liegen, Ärmel und Schuhe voll Sand. Und da lag er denn und sah. Auf zottigen kleinen Pferden kam ein Reitertrupp herangebraust, von Waffen starrend, die Ringelpanzer in der Sonne glänzend, Haarschöpfe hoch auf dem runden Schädel scharf abgebunden, im Winde flatternd. Unmöglich, einen einzelnen ins Auge zu fassen, wie die hundertmal wiederholte Erscheinung eines höllischen Grinsens rasten sie vorüber auf die Pferdeköpfe geduckt und schnatternde Schreie ausstoßend wie ein Zug wilder Gänse. Flimmernder Staub umwölkte sie, Sand spritzte unter den Hufen. Der letzte ritt in einigem Abstand und um einen Bruchteil langsamer, er war der einzige, der die Knaben bemerkt zu haben schien, denn mit wahnsinniger Geschicklichkeit drehte er sich ohne anzuhalten auf dem Pferderücken herum, — er ritt ohne Sattel und Bügel —, indem er die eine Hand rückwärts aufstemmte und die lederumwickelten Beine durch die Luft schwang. Er war unbewaffnet, — war er der Hanswurst oder der Koch des kriegerischen Zuges? —, er vollführte ein paar greuliche Faxen mit aufgerissenem Rachen und wildfuchtelnden Armen, um die Knaben zu erschrecken, zu unterhalten … George war wie betäubt, wie geblendet, er sah ohne zu sehen, aber der Janusch, um Himmels willen, was kam dem Janusch bei? Mit ausgebreiteten Armen machte er ein paar Schritte, lief er, ja wahrhaftig, da lief er dem Kerl nach und der, mit derselben teuflischen Geschwindigkeit sich wieder im Sitz herumschwingend, machte kehrt und kam zurückgeflogen, wie das schlagende Wetter. Ein Niederbeugen im Fluge, ein gellender Raubvogelschrei, und da saß der Janusch vor dem Kalmücken, die Arme um den Pferdehals geworfen und noch einen Blick zu George sendend, in dem Gott weiß was lag, Angst jedenfalls, aber auch Triumph ohne Grenzen, undGeorge fragte sich später immer wieder, ob es wohl möglich sei, daß der Janusch in jenem Augenblick, als sein Schicksalsfaden wie rasend abrollte, imstande gewesen war, ihm die Zunge herauszustrecken, — oder ob das eine Augentäuschung seinerseits war, hervorgerufen durch die Gewöhnung an gewisse Eindrücke, ausgehend vom Mienenspiel des lieben Janusch?
Hierzu ist nur zu bemerken, daß es nicht gelang, dieses Bedienten ohnegleichen wieder habhaft zu werden, und daß, wie schon gesagt, dieses Erlebnis das letzte deutlich umrissene in Georges Erinnerung an die Wolgareise blieb. —
Der andere Knabe war in die Uniform irgendeiner militärischen Erziehungsanstalt gekleidet, einen knapp sitzenden blauen Frack mit spärlichen Silberknöpfen; er hatte den schwarzen Dreispitz unter dem rechten Arm und die linke Hand am Knauf des Degens, der fast wagrecht von seiner Hüfte abstand. Er trug zwischen den mit Eiweißkleister haltbar gemachten und dick überpuderten Haarrollen an den Schläfen ein ungeheuer gelangweiltes Gesicht zur Schau, veränderte es aber aufs liebenswürdigste, sobald der Blick einer Dame ihn traf, etwa gar das hurtig wandernde Auge seiner gnädigen Tante, der Fürstin Daschkow, der geistvollen jungen Staatsdame Katharinas, die ihn, den bedauernswerten Michail Grigorjewitsch, zu dieser nichts weniger als glänzenden Soiree bei Hofe mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, Hofgesellschaft anzutreffen, — nun, etwa den „engeren Kreis“, — und Stoff zur Unterhaltung der Kameraden zu sammeln wie eine Honigbiene. Und nun war hier, in den Sälen der Eremitage, fast die gesamte Akademie versammelt, lauter greise Männerchen mit gebückten Schultern und die Hände auf dem Rücken, wie er entrüstet in Bausch und Bogen feststellen zu müssen glaubte, obgleich eigentlich nur derD.Pallas, der dort drüben mit dem riesigen Deutschen plauderte, diese Haltung innehielt, und — freilich, dies war lächerlich, — neben ihm das Wunderkind, der Sohn des Deutschen, in einem Ableger von seines Vaters mausegrauen Rock gekleidet und mit Strümpfen, die über den Knöcheln Falten schlugen, das stand auch so da und guckte von unten schief zu dem großen Pallas hinauf, der es körperlich übrigens kaum überragte. Die Kaiserin war nicht mehr anwesend. Sie hatte der Versammlung ihre Gegenwart nicht viel länger als eine Viertelstunde gegönnt, und hatte den Eindruck hinterlassen,daß man sie gelangweilt habe, weshalb eine Art von Schuldbewußtsein die Stimmung der Gesellschaft drückte. —
George sah indessen nicht so sehr auf die farblosen Lippen des Kollegienrates, als daß er mit einem Ausdruck verlegener Sehnsucht zu dem anderen Knaben hinüberschielte, dessen Blick er spürte, den er aber um nichts in der Welt anzureden gewagt hätte. Er hatte ihn entdeckt, sobald er den Saal betreten hatte, und war sofort von der Hoffnung befallen worden, der Vater möchte sich mit ihm still und bescheiden an die Wand stellen, — eben neben jenen Knaben, — denn die Gesellschaft dünkte ihn glänzend, großartig und furchteinflößend, so sehr verwechselte er den Eindruck des durch hunderte von Kerzen erleuchteten sechseckigen Spiegelsaales mit dem der sich darin bewegenden Menschen. Einzig Simon Kotelnikow, der Oberbibliothekar, trug einen ponceauroten Schoßrock und eine reichgelockte Staatsperücke und nahm sich zwischen seinen Kollegen aus gleich einem Paradiesvogel unter einem Krähenvolk, wie er so umherwippte und überall gastfrei den Deckel seiner goldenen Dose aufspringen ließ, der Katharinas Bildnisen miniaturezeigte. Böse Zungen behaupteten, er sei einzig deshalb so freigebig, um das Gespräch auf diese Dose, ein Geschenk der Kaiserin, zu bringen. In Wirklichkeit war Kotelnikow dem Schnupftabak dermaßen ergeben, daß er in der Stunde nicht weniger als sechs Prisen brauchte, — „um den Olymp zu entwölken“ meinte er, auf seine gewölbte, von feinen Falten liniierte Stirn weisend, — deswegen hielt er in Gesellschaft seine Dose für jedermann offen und bediente sich selbst wie aus Zerstreutheit zu gleicher Zeit. Er besaß außer dem Ehrgeiz, Voltaire zu ähneln, keine Eitelkeit, und sein häßlich-slavisches braunes Gesicht mit der eingedrückten Nase und den funkelnden braunen Äuglein gab ihm ein gewisses Anrecht darauf. Aber eine ganz hoffnungslose Güte, die unausrottbar in seinem Herzen wurzelte, zerstörte immer von neuem seine Versuche, dem großen Vorbild an spielender Bosheit ähnlich zu werden, so sehr er auch dagegen anwütete und sich selbst den Bösen vormimte.
„Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, sagte er eben mit dem verzweifelten Versuch zu einer Blasphemie, die ihm selbst so widerstrebte, daß sich sein ledernes Gesicht völlig verzerrte und es ihm in der Hand zuckte, sich zu bekreuzen, welche Regung er, maßlos über sich selbst erschrocken, noch rechtzeitig unterdrückte, indem er dem jungen Forster die Hand auf die Schulter legte.
„Welcher Stolz mag das Herz eines Vaters im Besitz eines solchen Sohnes schwellen!“ fuhr er fort und hielt die geöffnete Dose ins Leere. „In der Tat, Monsieur Forster,“ sagte er mit fieberhafter Eindringlichkeit zu Georges Vater aufblickend wie eine alte verliebte Frau, „Ihr Sohn hat uns mit seinem Bericht über das Biberdorf in der Woloschka bei Fedorowka alle beschämt, uns Veteranen der Wissenschaft, ist es nicht so — he, Pallas?“ fragte er, mit der Dose den Kollegen bedrohend, der gelangweilt eine halbe Schwenkung von ihm weg machte und sein Gespräch mit Forster über die Völker längs der Wolga fortsetzte. „Sie werden mich besuchen, Väterchen!“ brach es nun unbezwinglich aus Kotelnikow hervor und er umarmte George fast, „ich bin nur ein alter Mann, aber ich besitze doch einiges, was Ihr Herz erheitern möchte. Wie, sollten Sie nicht meinen Sekretär mit Musik zu sehen wünschen oder meinen zahmen Papagoyen? Er stammt aus Surinam und ist ein Geschenk von Madame Merian, meiner gelehrten und berühmten Freundin. Sie studiert speziell die Insekten und malt und zeichnet sie samt den Blättern und Pflanzen, die sie zum Aufenthalt bevorzugen, Sie werden diese kleinen Meisterwerke im Museum der Akademie vorfinden. — Ich, mein Freund,“ setzte er hinzu, faßte George vertraulich unter den Arm und zog ihn mit sich fort, „ich finde unter uns gesagt mehr Geschmack an den schönen Künsten als an der unverarbeiteten Natur. Aber lassen Sie das hier nicht laut werden, alles, was Sie hier an Kapazitäten vereinigt sehen, huldigt den Naturwissenschaften und der Mathematik, wie ich ja selbst zur Mathematikklasse gehöre, — aberpassons çi-devant!Sehen Sie, dort drüben, der Wohlbeleibte im blauen Frack ist mein Kollege Äpinus, — er hat den Annenorden, Pallas und Euler sind Ritter des Wlodomirordens.À propos, hören Sie ein Epigramm von mir, es ist allerliebst, ich muß es sagen (es ist deutsch, des großen Lessing würdig):
Zerbrach auch längst die Marmorsäule,Drauf Pallas stand mit ihrer Eule:Hier ist sie wieder aufgebaut,Wo Pallas seinem Euler traut.“
Zerbrach auch längst die Marmorsäule,
Drauf Pallas stand mit ihrer Eule:
Hier ist sie wieder aufgebaut,
Wo Pallas seinem Euler traut.“
Er kicherte hastig, geriet ins Hüsteln und klopfte dem verlegenen George auf den Handrücken. „Die beiden können sich nämlich gegenseitig nicht ausstehen!“ röchelte er ihm noch ins Ohr und verließ ihn, plötzlich auf den Spieltisch zutänzelnd, an dem die Fürstin Daschkowmit dem Astronomen Rumowski und dem Franzosen St. Pierre Platz genommen hatte. George sah sich auf einmal völlig allein dem Glanz der Spiegel, der kristallbehängten Kronleuchter und des eisblanken Parketts ausgesetzt, etwas wie Platzangst lähmte ihn und er wagte keinen Schritt zu tun. Außerdem kam er sich durch Kotelnikows Vertraulichkeiten ebenso wie durch dessen plötzliches Vonihmablassen vor dem anderen Knaben bloßgestellt vor und blickte unglücklich hinüber, ob dieser ihn wohl beachtet habe. Er sah ihn noch immer in der gleichen Stellung vor dem überlebensgroßen Bilde eines Generals mit der Allongeperücke, der auf einem hochgebäumten Pferde saß, stehen, als sei er dort zur Ehrenwache bestellt, die Linke am Degenknauf, die Nase keck und gelangweilt zugleich in die Luft gestreckt. Aber obgleich er George nicht zu beachten schien, ging mit einem Mal ein Ruck durch seine Glieder, er kam mit etwas steifen abgemessenen Schritten auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.
„Mein Herr,“ sagte er auf Französisch, „Sie kommen aus Deutschland: haben Sie den König von Preußen gesehen?“
George fühlte all sein Blut zum Herzen schießen und seine Knie wankten.
„Nein, mein Herr!“ stammelte er und hatte hierauf noch eine Sekunde das Glück, die blaßblauen Augen Michail Grigorjewitschs aus nächster Nähe mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung auf sich gerichtet zu sehen. Hierauf wandte sich dieser junge Mann schweigend ab und schritt zu seinem Standort zurück, während von der anderen Seite glücklicherweise der Vater nahte, um George nach einigen Abschiedszeremonien mit sich fortzunehmen.
In den Tagen nach dieser Soiree in der Eremitage war der Vater auffallend schlechter Laune, was sich, wie immer, darin äußerte, daß er nicht mehr als das Notwendigste sprach und sehr majestätisch und vorwurfsvoll aussah. Ohne weitere Erklärungen abzugeben, entließ er den Lohnlakaien und fand den Mietskutscher ab, welche beiden er sich seit der Rückkehr nach St. Petersburg als unentbehrlich für die Gewohnheiten eleganter Reisender gehalten hatte, ebenso wechselte er den teuren Friseur vom Newski-Prospekt mit einem Biedermann, der in Gostinnoi dwor, dem großen Bazar, eine Badestube für jedermann hielt. Schließlich, was das Einschneidendste war, er befahl George die Koffer zu packen, und im Umsehen vollzog sich eine Übersiedlung aus dem Demuth’schen Gasthof in der Nähe des Winterpalastes zu derWitwe Olga Nikolajewna Demidow, die im Wiborgschen Stadtteil ein hölzernes Häuschen besaß und den ganzen Tag über billige Tränen darüber vergoß, daß Fremde in den Federbetten des seligen Fedor Wassiliewitsch lagen, — aber was tat sie nicht dem Kollegienrat Stephan Rumowski zuliebe, ihrem Freunde, der sie überredet hatte, diese Deutschen ins Haus zu nehmen?
Indessen war ein fabelhafter Winter hereingebrochen und lag über der Stadt, den wollig weißen Bauch auf den Boden gepreßt wie ein ungeheures Polartier. Er war eisblau und rauchig, er hatte sich in die Erde gefressen, hielt störrisch stand, er wich und wankte nicht. Ganze Wälder gingen in Flammen auf, um ihn aus den Häusern zu vertreiben, und die russischen Öfen waren die einzigen wahren Freunde in der kalten fremden Stadt. George wärmte seine Hände an den Kacheln, ehe er sich morgens an sein mühseliges Tagewerk setzte, denn er übertrug ein deutsches Werk über Pflanzenkunde ins Französische und saß gebückt über Papier und Wörterbüchern, nur zuweilen aufstehend, um den Samowar zu bedienen, den anderen Freund, der unerschöpflich belebenden Tee spendete. Der Vater hatte sich angewöhnt, ihn nach russischer Art kochend heiß zu trinken, Tee und Tabak, die waren es, die ihn aufrecht hielten, während er George gegenüber ächzend an seinem Gesetzentwurf für die deutschen Wolgakolonien arbeitete. Dieses Werk hatte die Regierung von ihm gefordert, nachdem er zwei Monate lang in den Vorzimmern aller Großen herumgesessen hatte, um seines, wie er meinte, mehr als wohlverdienten Lohnes für die in einer Denkschrift niedergelegten Reisebeobachtungen teilhaftig zu werden.
„Als ob ich mich ihnen an den Hals geworfen hätte!“ schnaubte er zwischendurch seinem Sohne zornig zu, und vergaß völlig, wie angelegentlich er seinerzeit in Danzig Herrn von Rehbinder hofiert hatte, vergaß auch, daß nach den leider nicht vertragsmäßig festgelegten Abmachungen ein Teil seiner Belohnung in den Reisekosten bestanden hatte, — oder vielmehr, er vergaß dies nicht, redete sich aber nachdrücklichst ein, daß natürlich dergrößereTeil des ihm Zukommenden noch ausstehe. Ha, wenn es ihm nur gelingen wollte, bis zu Ihrer Kaiserlichen Majestät durchzudringen, aber da war ja ein Ring, eine Kette war um sie hergezogen und niemals erfuhr sie vielleicht, daß der unschätzbare Forster, den sie doch selbst herangezogen hatte, — nun, hatte sie etwa nicht? — „George, sage es selbst!“ — daß dieser Mannin ihrer Nähe darbte, — „ja, nächstens darben wir, George!“ — weil ihm „das ihm Zukommende“ vorenthalten wurde.
Tatsache war, daß Graf Grigori Orloff, von Gardener unaufhörlich überlaufen, eines Tages naserümpfend, da er alle wissenschaftlichen Unternehmungen Katharinas gründlich verachtete, zur Fürstin Daschkow gesagt hatte: „Dieser Deutsche redet so viel von seinen Verdiensten um die Krone, — worin bestehen sie eigentlich?“ Worauf die gelehrte Dame, ebenfalls naserümpfend, denn sie ihrerseits verachtete wiederum gründlich die Liebhaberei der Kaiserin für so schöne dumme Tiere, wie der Graf eins war, erwidert hatte: „Jedenfalls nicht in Bestrebungen, dieser Krone Erben zu sichern!“ Und mit dieser so spitzen und beinahe schnippischen Antwort war die Angelegenheit Forsters zwischen dem damaligen Günstling Katharinas und der zukünftigen Präsidentin der russischen Akademie abgetan worden, so daß freilich keine Hoffnung mehr bestand, die Kaiserin könnte gerade über diesen ihren wertvollen deutschen Diener unterrichtet werden. Denn da die Aussendung Herrn Forsters ins Wolgagebiet ganz mit Umgehung der Akademie vor sich gegangen war, hatte auch diese vortreffliche Anstalt eine Neigung, seine Leistungen so einzuschätzen wie eben die Liebhaberarbeiten eines Privatmannes, und das war’s, was Herrn Forster an jenem Abend klar geworden war.
Er war ungeheuer empört und George trug dies in Demut, ohne ganz zu begreifen, er nahm die Stimmung des Vaters, die sich immer wieder prasselnd entlud, hin wie ein Schicksal und gedachte der Tage auf der Wolga wie eines himmlischen Zufalls. Ja, schon in diesen Jahren legte er den Grund zu der Anschauung, daß das Unglück der natürliche Zustand des Menschen sei, Glück aber beinahe gleichbedeutend mit Unrecht. Mit dieser Auffassung befand er sich im ausgesprochensten Gegensatz zu seinem Erzeuger, der von Anbeginn an mit dem Leben schmollte, wenn es ihm sein Behagen, seine Speckseiten, mit einem Wort: „das ihm Zukommende“ vorenthielt, —hatteer es aber, so bediente er sich seiner mit der kindlichsten Selbstverständlichkeit, denn jetzt tat der liebe Gott ja nicht mehr, als er schuldig war.
War nun in mühseliger Arbeit das kärgliche Tageslicht erschöpft, gegen drei Uhr nachmittags also, so begann der Vater auf seinem Sessel unruhig zu werden und langsamer zu schreiben, er blickte aus dem Fenster zum Himmel, der sich über dem stumpfblauen Weiß der Dächer golden und rosig zu färben begann, und plötzlich stand er aufund begann sehr eilfertig seine äußere Erscheinung zu verschönern, wozu George schon am frühen Morgen das Notwendige bereit gelegt hatte, vor allem die apfelgrüne Schoßweste aus Seidensamt mit den Knöpfen aus Bergkristall, die der Vater neulich in dem großen englischen Bazar der Brüder Hawksford erstanden hatte, nachdem er wohl eine Stunde lang die zwölf Säle dieses Wunderhauses durchkreist hatte und immer wieder vor der Weste gelandet war, bis er endlich entschlossen sagte: „George, dein Urgroßvater war Engländer!“ Und hiermit waren die letzten Bedenken, sich für acht Rubel zum Besitzer dieses köstlichen Kleidungsstückes zu machen, überwunden gewesen. —
So weißgepudert und rosig von Angesicht leuchtete er über schneeweißem Jabot und grüner Weste, wie der leibhaftige Frühling von Yorkshire, und glich in nichts einem preußischen Prediger, was auch sein Ehrgeiz nicht war. Übrigens hatte man sich selbstverständlich auch mit Pelzwerk und den riesigen russischen Überschuhen versehen müssen, und so ausgerüstet betrat man alsbald die Straße, der Vater neugierig, vergnügungssüchtig und hungrig wie eine große stürmische Dogge, die vor lauter Lebensüberschuß tobt und bellt, George hinterdrein wie ein verfrorenes Pinscherchen, das nur ausgeht, weil es muß. Obgleich er den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen hatte, als des Morgens zum Tee einen Kalatsch, eine dieser zähen russischen Semmeln, war er sich seines Hungers doch nicht bewußt, sondern nur einer allgemeinen grausamen Erschöpfung, einer Sehnsucht nach dem warmen Bett und eines flauen Geschmackes im Munde. Die Kälte machte ihm den Atem stocken und legte sich mit Klammern um seine Brust; Hände und Füße erstarrten, die Augen tränten ihm und halbblind stolperte er hinter dem Vater drein, der gewaltig ausschritt, vom weißen Gewölk seines Atems prächtig umwallt, im Siebenkragenpelz wie ein wandelnder Berg. Saßen sie dann glücklich in der sauren Wärme einer Garküche dem Ofen möglichst nahe und die Hände um das dampfende Teeglas gelegt, das sofort vor jeden Gast hingestellt wurde, so wurde es ja etwas besser, langsam, ganz langsam kam dann auch ein wenig Appetit über ihn, er leckte wie ein Kätzchen seine Schale mit Kascha aus und knusperte seine Pirogge, mit leiser Spannung auf ihren Inhalt bedacht und enttäuscht, wenn das Fisch war. Der Vater war sich wohl bewußt, daß es eigentlich unter seinem Stande war, zu einem Trakteur zu gehen, aber sein Hunger war größer als seinStandesgefühl, und ehe er in einen Gasthof ging, wo es für schweres Geld doch nicht satt zu essen gab, zog er mit dem Knaben lieber von einem fliegenden Händler zum andern, um an jeder Straßenecke etwas zu sich zu nehmen und dabei der Unterhaltung mit dem Volk zu pflegen, was er liebte, George aber fürchtete, denn er argwöhnte nicht ohne Grund, daß das Volk sich über das deutsche Väterchen belustigte und ihm mehr Geld abnahm, als sich mit der Rechtlichkeit vertrug. „Ein solches Leben, mein Sohn, läßt sich nur nach den strengsten Grundsätzen der Ökonomie führen“, sagte Forster jedoch nach derartigen Mahlzeiten befriedigt zu seinem Sohn und schlug den Weg zur Newa ein, um dem letzten Tagesschein noch eine Wenigkeit Amüsement abzugewinnen. Hier spielte das dicke Wintertier Fangball mit seinen Russen und der ganze breite ebene Raum der erstarrten Flußfläche zwischen Wassili Ostrow und dem Wiborgschen Stadtteil war eine einzige große Kinderstube voller Geschrei und Getümmel. Da gab es Eisberge mit Rutschbahnen, die auf flachen kleinen Schlitten hinunterzusausen Herrn Forsters Wonne, aber Georges Schrecken war, da veranstalteten die Schafpelze, die Bauernkutscher, die lustigen schmierigen Iwanuschki, die den Winter über in „Piter“ ihr prächtiges Auskommen fanden, Wettrennen auf der spiegelebenen, schneestäubenden Bahn, andere spielten Fußball, rangen und boxten und aus den Bretterbuden der Kabacken stieg unaufhörlich der schöne bläuliche Holzrauch, jedem Erschöpften Wärme, Tee und ein Schälchen verheißend. Dazwischen, auf den mit Tannenzweigen abgesteckten Verkehrswegen wälzte sich das Leben der wimmelnden Stadt schellenklirrend und geschäftig herüber und hinüber, während hinter der Kuppel der Isaakskirche der Tag verlohte und hier unten die Pechpfannen und Fackeln aufglühten, sich im Nebel mit zitternden Kreisen wechselnden Lichtes umgebend. Es war allenthalben eine Herzlichkeit sondergleichen, man war zärtlich für einander besorgt und rieb sich die Nasen mit Schnee, auch wenn es noch gar nicht nötig war, die Kälte zauberte Kräfte hervor, die Kälte machte betrunken und selig, weil man selbst so von innerer Wärme strotzte, die Kälte, kurz, war die eigentliche Mutter der Petersburger, sie säugte sie mit Tee und Schnaps und machte sie wieder zu Kindern. Hier war Reinhold Forster in seinem Element, sein großes Lachen dröhnte hinter den Iwanuschki her, die ihre Pferdchen peitschten und anschrieen, und mit ihm lachte behaglich das Volk, daß ihm die Bärte wackelten. Es mußte wohl alles sosein, dachte George, der von einem Fuß auf den andern trat, weinerlich vor Kälte und mühselig schnüffelnd. Aber, mein Gott, wie sehr zog er es vor, den Abend in der Studierstube eines Freundes zu verbringen, etwa bei dem gelehrten und gütigen Pallas, wo der Vater disputierend doch auch glücklich war, und wo man ihn, der hinter dem Ofen auf einem Schemel hockte, vergaß, so daß er im Halbschlummer sonderbare Traumreisen in die sommerlichen Wolgagefilde oder in den Lichtkreis von Mutters Kerze antrat, die jetzt doch auch brannte, fern, irgendwo, wo er vor hundert Jahren einmal im Paradiese gewesen war.
Im Frühjahr, hieß es immer, — und: wenn das Eis bricht, — und schließlich: wenn die Geschäfte abgewickelt sind … dann, ja dann würde die Heimreise angetreten werden. Was freilich dann begonnen werden sollte, darüber grübelte der Knabe manchmal vergeblich nach, denn es beunruhigten ihn unklare Ahnungen von der Gefährdung ihrer Existenz und ein instinktiver Zweifel an seinem so prächtigen Vater, den er jedesmal, wenn er sich bemerkbar machte, erschrocken wieder ins Unterbewußtsein hinabstieß, von seiner Sündigkeit überzeugt. In einem der spärlichen Briefe, die von der Mutter kamen, hatte gestanden, daß sie schon im Herbst genötigt worden war, die Pfarre einem neuen Prediger zu räumen, da von obrigkeitlicher Seite auf den im Auslande säumenden Herrn Forster verzichtet wurde. Der Vater hatte sofort gerufen, daß er dies nicht anders erwartet habe, daß es aber trotzdem eine Infamie sei und daß er mit den Herren schon abrechnen werde, — schon abrechnen … Jedoch ließ sich einstweilen nichts daran ändern, daß die Mutter mit den fünf Kindern bei Verwandten in Danzig Wohnung nehmen mußte und daß diese Tatsache zusammen mit der unsicheren Zukunft Herrn Forster gelegentlich beunruhigte, wie ein kranker Zahn, der doch einmal weh tunkönnte. In solchen Tagen ließ er sein unterirdisch arbeitendes Pflichtgefühl, —eine lästige, —eine höchst lästige Krankheitserscheinung, — an George aus, es hagelte Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens und der Himmel ward zum Zeugen angerufen, daß es nicht seine, des unglücklichen Vaters, Schuld sei, wenn die Bildung des Knaben lückenhaft bleibe. War es nicht der Himmel, so war es Herr Dilthey, der deutsche reformierte Prediger, den man Forster als Beirat bei seiner Arbeit zugeteilt hatte, — auch so eine Kabale, zweifelte man an seinen Fähigkeiten?! — und Herr Dilthey, ein pünktlicherHerr im schwarzen Habit und kein Freund von Extravaganzen, der in diesem vagabondierenden Amtsbruder einen Hohn auf die Würde des Standes sah, bemerkte gelangweilt:
„Wir haben hier Schulen, Verehrtester, bedienen Sie sich derselben!“ worauf Forster ihn mit einem schiefen Blick ansah und in mürrisches Schweigen versank, denn er hatte nun einmal den Ehrgeiz, den Quell von Georges Bildung aus der Brunnenstube des eigenen Wissens zu speisen, — zudem kosteten Schulen Geld. Indes, um vor den Augen dieses Dilthey zu bestehen, entschloß er sich in den nächsten Tagen zu entscheidenden Schritten, und seiner Beredsamkeit an gewissen Stellen gelang es diesmal wirklich, im Gymnasium der Akademie wenigstens einen halben Freiplatz zu erlangen. So geschah es, daß George, zwölfjährig, in den drei ersten Monaten des Jahres 1767, zum erstenmal in seinem Leben eine Schule besuchte. Dort verhöhnte man ihn um seiner Aussprache des Russischen willen, man versteckte seine Bücher und verdarb seine Federn, man malte mit Kreide abscheuliche Dinge auf den Rücken seines mausegrauen Rockes und nannte ihn „Krähenfresser“, weil er unvorsichtigerweise einmal erzählt hatte, daheim habe der Vater manchmal Krähen geschossen und dieselben schmecktengebraten nicht übel. Trotz alledem war er in dieser Zeit oft sehr glücklich, denn er hatte eine heimliche zitternde Neigung zu einem viel älteren Knaben, einem großen, faulen Schlingel, der sich von ihm den Horaz übersetzen und ihm dafür gelegentlich einen lässigen Schutz angedeihen ließ. Dieser Immanuel Oberhof, eines deutschen Kaufmanns Sohn, erinnerte ihn so stark an den Kadetten, den er bei der Fürstin Daschkow gesehen hatte, daß er der unausgesprochenen Überzeugung war, es tatsächlich mit diesem zu tun zu haben, und das Gespräch immer wieder auf den König von Preußen brachte, in der Hoffnung, sich hierdurch interessant zu erweisen. —
Die Butterwoche des Karnevals vor den Fasten war noch ein Höhepunkt in Reinhold Forsters Petersburger Aufenthalt. Er hatte seine Arbeit beendet, sie war in den Händen des Grafen Orloff und somit seiner Ansicht nach auf dem besten Wege zur Kaiserin selber, der er in der nächsten Zeit vorgestellt zu werden hoffte. Er dankte nunmehr Herrn Dilthey ab, der nachgerade anfing, ihm überlästig zu werden, das heißt, er verabschiedete sich mit einer feierlichen Vormittagsvisite von diesem zugeknöpften Herrn, der dies mit gehaltener Verwunderung entgegennahm und behutsam anfragte, ob MonsieurForster denn glaube, seine Angelegenheit würde sich nun mit Geschwindigkeit abwickeln? Warum sie das nicht solle? fragte Herr Forster streitbar zurück. Er hatte zu der apfelgrünen Weste einen neuen pfirsichfarbenen Rock an, angeschafft für sein Erscheinen vor Ihrer Majestät, jetzt aber einzig mit der Absicht angelegt, Herrn Dilthey zu ärgern. „Warum also nicht?“ wiederholte er angelegentlichst und richtete seine Augen mit der unschuldigen Selbstzufriedenheit eines gesättigten Säuglings auf sein verkniffenes Gegenüber, wobei er die gesunden roten Backen unmerklich ein wenig aufblies. Herr Dilthey ließ einen mitleidigen Blick von ihm zu George gleiten und begnügte sich damit „Mon Dieu!“ zu sagen. Der Ton aber, in dem dies geschah, war geeignet, den Gast zu verstimmen. Er brach denn auch bald auf und war, kaum war die Haustür hinter ihnen zugefallen, im Begriff, sich seiner Meinung über diesen knöchernen Gesellen George gegenüber gründlich zu entäußern, als er fast zusammenstieß mit einem — nun mit einem Subjekt, — einem Subjekt in einem abgeschabten Schafpelz, das sich demütig beiseite drückte, als Herr Forster auf deutsch fluchte, dann aber standhielt, als der Fluch überging in die verwunderte Begrüßung: „Der Kuckuck, — Betzel! — Er ist das?!“
In der Tat war es der ehemalige Reisegefährte, der da vor ihnen stand wie der Schatten seines einstigen Selbst, und Forster wiegte mitfühlend sein Haupt, indem er leise mit der Zunge schnalzte, als er diese Erscheinung musterte, die im Vergleich mit ihrer früheren Gedunsenheit jetzt wie ein Gummiball aussah, der ein Loch bekommen hat. Betzel lachte ein wenig krampfhaft und gab an, zu dem Ehrwürdigen Dilthey zu wollen, in der Hoffnung, durch dessen Vermittlung eine Stelle zu finden, denn seine Projekte seien fehlgeschlagen, jawohl, es sei nichts mit jenem aus Hammelfett destillierten Öle, und er sähe ja selbst ein … Er führte nicht des näheren aus, was er einsähe, aber er stand so ungemein bescheiden und kummervoll vor dem prächtigen Forster, daß George vor peinlicher Beschämung nicht aufzusehen wagte. Indessen lachte der Vater überlaut und drehte Gotthold Betzel um, ihn unter dem Arm ergreifend und mit sich fortziehend. Jetzt werde man erst einmal miteinander frühstücken, dann sei es immer noch Zeit, Schritte zu tun, wenn denn Schritte nötig waren. Der Tag verlief hierauf auf das fettste und lustigste, und nachdem Gotthold Betzel etliche Schälchen zu sich genommen hatte, war er ganz der Alte, und Forster belustigte sich damit, seine Bierbankprahlereien immer höherzu schrauben und neue Projekte aus ihm hervorzulocken, kurz, er spielte ganz den großen Herrn, dem sein gutes Geld es gestattet, einen Hanswurst zu halten, und George saß daneben, bald ihn, bald Betzel anstarrend wie ein böses teuflisches Schauspiel. Ihm war weinerlich zumute, er hätte nicht sagen können warum, doch spürte er wohl mit unendlich viel zarteren Nerven als der Vater, daß der Strudel sie schon erfaßt hatte, daß der Wirbel sie mitriß und der Abgrund an ihnen saugte. — — —
Herr Forster begann nicht zu trinken, obgleich er es hundertmal die Woche verschwor, er schlug George auch nicht mehr als sonst, — das Erlebnis wachsender Hoffnungslosigkeit und steigender Verzweiflung war zu neu für ihn, als daß er sogleich die Stellung herausgefunden hätte, die er dem gegenüber einzunehmen hatte. Aber es fiel so allmählich alles von ihm ab, sein ganzes gehaltvolles Auftreten sank in sich selbst zusammen, es war, als drehte ihm eine unsichtbare Hand die Rückenwirbel einzeln heraus. Ende Februar hatte er noch die Kraft, in seinen vier Wänden gewaltig zu toben, und dann, gleichsam mit Entrüstung vollgepumpt, stürzte er zum Grafen Orloff, um in dessen Vorzimmer die schöne angesammelte Spannkraft in stundenlangem Warten langsam entweichen zu fühlen. Würde man ihn etwa wieder nicht vorlassen?
George hatte es sich angewöhnt, mit zur Schau getragenem fieberhaften Eifer zu arbeiten, wenn der Vater von diesen Gängen heimkehrte, manchmal lag er auch schon im Bett und schien zu schlafen, denn nichts fürchtete er so, wie des Vaters leeren Blick, in dem eine Ratlosigkeit sondergleichen stand. Ebenso schrecklich empfand er das veränderte Wesen des Gestrengen, das auf einmal gleichweit entfernt von aller lärmenden Anmaßung wie von jener pausbackigen Lustigkeit war, die etwas Kindliches an sich hatte und seinen Ansprüchen den Schein von Selbstverständlichkeit gab. George fühlte, daß er einen sanften Vater, der um seine Stiefelbatund für kleine Dienstedankte, weniger ertragen konnte als den alten König Minos. Da der Vater nun gänzlich aufgehört hatte, zu arbeiten, aber dennoch eine geheimnisvolle Geschäftigkeit mit Briefschreiben und Ausgängen, auf denen George nicht mitgenommen wurde, an den Tag legte, schloß er mit Recht auf den bevorstehenden Aufbruch und lauschte den empörten Klagen des Vaters über den Grafen Orloff zwar mit demütig entrüstetem Gesicht und indem er bisweilen ein zorniges dumpfes:„O!“ hervorstieß, war aber tief innerlichst überzeugt, daß, je ärger es dieser Graf treibe, ihre Abreise desto näher bevorstände, — hatte ihm nicht der Vater schon ein letztes Wort, — „ein unwiderruflich letztes, George!“ sagen lassen, nämlich er wünsche noch vor Ablauf des April in seine Heimat zurückzukehren, und nicht nur das, er hatte das Spiel so weit getrieben, die Anzeige seiner bevorstehenden Ausreise in die Petersburger Blätter einrücken zu lassen, wie es jeder Fremde gehalten war, dreimal zu tun, ehe er der Residenz den Rücken drehte, damit die Herren Gläubiger nicht um ihr Recht kämen. Ja, er spielteva banqueund haute dabei auf den Tisch: tausendundeinen Rubel forderte er als sein Douceur, wohlgemerkt, einen mehr als tausend! hatte er dem Grafen ganz ohne eine diesbezügliche Anfrage mitteilen lassen, denn tausend seien nun einmal zu wenig für seine Dienste! Haha! welche Ironie, nicht wahr, welch feingeschliffener Spott, — vielleicht gar zu fein für die Lederhaut des hohen Herrn? Wollen sehen!
Erstaunlich, daß der Vater dermaßen mit einem Grafen umsprang, erstaunlich, aber zugleich ein wenig beängstigend, fand George; Gotthold Betzel aber, der gerade anwesend war und dem zu Ehren diese ganze Geschichte vielleicht zum besten gegeben ward, klatschte sich die Schenkel und lachte unmäßig. Er fand diese Art des Vorgehens außerordentlich spaßhaft. Der wackre Gotthold befand sich in besseren Umständen und war wieder ganz obenauf: er war als Hauslehrer, — als Pädagog, als Utschitschel, — in der Familie eines reichen Kaufmanns angekommen, wo er nicht allein eine Reihe von Sprößlingen in Zucht und Ordnung hielt, sondern auch eine Art von Haushofmeister darstellte, die Rechnungen zu führen hatte und vor allem Madame vorlesen mußte, — ein vielseitiges Amt also, das nicht viel Zeit zu Projekten übrigließ, bei dem man aber kleine Vorteile herausschlagen konnte, — kleine Vorteile, über die Gotthold Betzel sich nicht näher ausließ, aber bei deren Erwähnung er liebenswürdig zwinkerte. Über dem klopfte es stark an der Haustür, und der ans Fenster eilende George sah gerade noch die Rückseite eines prächtig goldbetreßten Läufers davontänzeln, während die alte Köchin Katinka mit allen Anzeichen erschütterter Demut ein Briefchen hereintrug, das Reinhold Forster ein wenig zu hastig für seine sonst zur Schau getragene Gelassenheit aufriß. „Die Sache macht sich!“ bemerkte er alsdann, richtete sich auf und rückte ein wenig mit den Schultern. Alsokam man doch zum Ziel. Er war für den nächsten Morgen auf sechs Uhr zum Grafen Orloff bestellt. —
Wie sich diese Audienz abgespielt oder vielmehr nicht abgespielt hatte, das erfuhr George bruchstückweise am Nachmittag des folgenden Tages, während er mit ungeschickter Hast die Koffer packte. — Ja, mein Gott, sie würden reisen, — Dank dir, lieber, guter Gott! — und heute noch, heute abend noch! Daß das alles traurig genug war, was der Vater da erlebt hatte, nun ja, gewiß, — aber reisen! Heimreisen! Wieder zur Mutter zu kommen! Seinekleinen Hände wurden heute kaum mit den widerspenstigen Sachen, den dicken groben Stoffen von Vaters gewaltigen Kleidern, den poltrigen Stiefeln und Büchern, den zarten Jabots und Spitzenmanschetten fertig und er ließ den Inhalt einer Puderdose über Manuskripte und Reithosen niederschneien, die die große lederne Vache schon zur Hälfte füllten, während er mit offenem Munde einem Zornesausbruch des Vaters lauschte und dabei doch nichts dachte, als: „In acht Tagen vielleicht, — aber ganz sicher in vierzehn Tagen sind wir in Danzig!“
Die Sache war die gewesen, ganz einfach die, daß, als Reinhold Forster, — im pfirsichfarbenen Frack und in der apfelgrünen Weste, wie es sich von selbst versteht, — bei grauendem Morgenlicht im Palais des Grafen angelangt war, — daß er daselbst erfahren hatte: nein, — der Herr Graf seien nicht zuhause, seien zur Jagd, — seien auf den Schnepfenstrich gefahren, — hätten gewiß wieder vergessen, das Väterchen, wie schon so oft, daß sie den deutschen Herrn bestellt hatten … Möchten der deutsche Herr vielleicht morgen …
Aber da hatte Forster dem gemütlichen Dwornik mit einem Fluch den Rücken gedreht und war durch den spritzenden Schneeschlamm davongerannt. Es war aus, er fühlte es nun endlich mit unentrinnbarer Gewißheit. Nachdem er zwei Stunden lang mit vorgeschobenem Kopf und geballten Fäusten in der unbekümmerten Stadt umhergeirrt war, gleich einem wildgewordenen Stier, sammelte er sich in einer Garküche bei einem Glas Tee und einigen Piroggen so weit, daß sein Blut wieder sanfter kreiste und er sich, schwermütig kauend, zugeben konnte, daß hier, in der Tat, ein Projekt von großer Schönheit gescheitert wäre, — freilich ohne seine Schuld —, daß aber, wie schon oft im Leben bewiesen, Reinhold Forster nicht zu entwurzeln sei. Es war ein Mißerfolg, gewiß —, indessen war es ein Mißerfolg auf breiter Grundlage und dies war es, was ihn vorteilhaft von allen bisherigenverunglückten Unternehmungen unterschied. Ein Mißerfolg auf breiter Grundlage, hierunter verstand dieser schalkhafte Logiker die Berührung mit Hofkreisen und die Wolgareise an und für sich, was beides er nun einmal genossen hatte, — er hatte es sozusagen weg, und kein noch so mißgünstiger Teufel würde es ihm streitig machen können. Ein solcher Mißerfolg war schon beinah ein Erfolg zu nennen, und diesen negativen Erfolg mußte man nun eben auszunutzen suchen.
„Aufwärter! Noch ein Schälchen!“
Neue Projekte von ebenfalls und zweifellos gleich großer Schönheit hatte es ja von jeher so zahlreich wie Kohlweißlingsraupen in einem bösen Jahr in Reinhold Forsters Haupt gegeben, sie hatten sich seinerzeit verpuppt und krochen jetzt zu Dutzenden aus, um ihn mit zärtlichem Flügelbewegen tröstlich zu umgaukeln. Es galt, den nun Passenden auszuwählen und dann aber sofort und ohne Zögern und rücksichtslos zu handeln und die Schlappe auszugleichen. Und bei unterschiedlichen Schälchen faßte Reinhold Forster sein neues Ziel ins Auge, wurde warm und lebendig dabei, vergaß völlig die große Enttäuschung. Geld brauchte er, — hm, hm, — er brauchte Empfehlungen, hm! Da waren Euler, Wolf, — auch Rumowski war gut. Und dann auf die Reede, ein Schiff ausfindig zu machen!
Und also traf Reinhold Forster Maßnahmen.
Die „Mütterchen Elisabeth“, ein schwerfälliger russischer Kutter, der Holz geladen hatte und außer den Forsters keine Passagiere führte, stampfte schon zwei Tage lang westwärts, als George endlich aus der ersten Reisebetäubung aufwachte. Übrigens war er diesmal kaum seekrank geworden, es hatte sich nur nach der Aufregung des Reiseentschlusses und der Anstrengung des Packens eine Erschöpfung bei ihm eingestellt, der er sich selig hingab, fast schon in dem Gefühl, von der Mutter zu Bett gebracht worden zu sein. Nun, am dritten Tage, stand er vergnügten Herzens an derReeling neben Wanja, dem Koch, und sah zu, wie die Möwen auf die Abfälle herabstießen, die Wanja ihnen mit einem schrillen Schrei zuschleuderte, worauf er dann eine grünliche Reihe spitziger Fischzähne entblößte und seine tranblanken Augen hinter schrägen Fettwülsten fast verschwinden ließ, während er George triumphierend zugrinste und seine Finger, — waren nicht Schwimmhäute dazwischen? — unbedenklich an seiner Bluse abwischte: Konnte er nicht großartig schmeißen, vortrefflich?! Und erst die Möwchen, verteufelt, nicht wahr! Ja, ja, der Wanja! — Esrauschte, es knatterte und brauste, Tropfenschauer sprühten aus dem schäumenden Gewoge da unten, das an die Schiffswände klatschte, der Himmel war weit und blau, von langem, treibendem Gewölk durchschifft. Wind, Fahrt und die unerklärlich prickelnde Erregung, die von der bewegten See ausgeht, überkamen den Knaben rauschmäßig; seine Kappe mit beiden Händen festhaltend, begann er von einem Fuß auf den andern zu springen und Schreie auszustoßen, mit einer Art von Tanz und Lobgeheul den Göttern der Ostsee zu huldigen, nicht wenig gestärkt durch Wanjas Beifall, der sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug, anfeuernde Rufe ausstieß und nicht übel gewillt schien, auch seinerseits in einen Tanz auszubrechen, denn er stemmte die Arme in die Seiten und begann mit eingeknickten Knien in verwunderlicher Weise vor- und zurückzuspringen. In diesem Augenblick hielt George inne, — war er von einer Ahnung überkommen, daß es sich immer strafte, wenn er sich selber vergaß? — sah um sich, bemerkte den Vater in einiger Entfernung, nahm Haltung an, bemerkte aber, immer noch, von innerem Jubel geschüttelt und übermütig genug: „Ha, — wenn er anhält, der Wind, sind wir übermorgen in Danzig? He, Wanja, so ist es?“ Wanja hierauf, ein paar blutige Fleischstücke auflesend, die aufs Deck gefallen waren, und sich wieder in Schleuderhaltung aufstellend, antwortete: „Wai, Väterchen, Danzig?“ Warf sodann ein Stück Rinderherz in prächtigem Bogen einer grauen Möwe entgegen, die herumschwenkend silberweiß aufglänzte, — wandte sich George ganz zu und sagte unbefangen: „Legen wir doch gar nicht in Danzig an, Väterchen, — halten wir nicht, eh’ in London am Themsekai, Towerstairs …“ und bemerkte es gar nicht, daß George einen Schritt von ihm zurückwich und mit beiden Händen nach seinem Herzen griff, — ja, es ist wahr, er nahm diese romantische Pose ein, woraus zu ersehen ist, daß es keineswegs ein abgenutzter Theatertrick ist, sich nach dem Herzen zu greifen, wenn es vor Schreck stillzustehen droht, denn hier war es die unmittelbarste Bewegung von der Welt. Ganz matt, mit blutlosen Lippen, drehte er sich zu Herrn Forster um, der soeben herantrat, dem Anschein nach harmlosen Frohsinnes voll, und legte die zitternde Hand auf seinen Ärmel. „Aber Vater!“ sagte er jammervoll, — wie würde er diesen Schlag tragen, der Vater? — „hören Sie doch nur, was dieser Mann da behauptet! Er sagt, daß wir in Danzig gar nicht anlegen, sondern erst — in London …“ Es war zunächst nichts als Angst vordem Eindruck, den diese Mitteilung auf den Gewaltigen ausüben würde, die die arme kleine Stimme beben ließ, ja fast ein Schuldbewußtsein, — der Vater machte ihn für so viele Dinge verantwortlich —, hätte er nur aufgepaßt, hätte er vielleicht vorgestern auf der Reede in Petersburg gefragt: „Geht es auch nach Danzig, dies Schiff, die ‚Mütterchen Elisabeth‘, mein Herr Kapitän?“ In der Tat, dann hätte es abgewendet werden können, dies Unheil! Nun, er wußte ja, was es zu bedeuten hatte: Zeitverlust, — man denke: die vergebliche Reise nach England und von dort wieder zurück nach Danzig, und dann: unendliche Kosten, Geld, Geld, das nicht vorhanden war, das man aufnehmen mußte, Schulden also, und — demnächst würden sie darben müssen, wie Herr Forster immer beteuerte, am liebsten, wenn er so recht behaglich beim Essen saß. O, nun dauerte es noch so viel länger, bis man die Mutter wiedersah und es gut bei ihr hatte, — aber dieser Gedanke trat ganz zurück hinter der unmittelbaren Furcht, welche Formen die Enttäuschung des Vaters annehmen würde. Herrgott, wenn er nur nicht ins Wasser spränge im ersten Schrecken, — man konnte nicht wissen —, wenn er dem Kapitän nur nichts antäte oder Wanja am Kragen nähme! Sie konnten nichts dafür, freilich, — aber wenn dem Vater etwas schief ging, hatte immer der Nächstbeste schuld, und so, — George trat tapfer wieder einen Schritt vor —, so war es vielleicht besser, der Schlag traf ihn, und er zog die Schultern etwas an, des Ausbruchs gewärtig, dessen Notwendigkeit er sich während kaum mehr als einer Minute dramatisch vorgestellt hatte. Indessen geschah ihm wie einem, der, mit schrecklicher Angst vor dem Knall, ein Gewehr abzufeuern sich entschließt, das dann versagt, kurzum, auf des Vaters Gesicht malte sich durchaus keine entsetzte Überraschung, kein Schreck, keine Entgeisterung, Herrn Forsters Augen drückten nichts aus als unruhvolle Verlegenheit, er wandte sich halb ab, er griff nach dem Taschentuch, er schneuzte sich ausgiebig und starrte dabei in die Ferne. Räusperte sich sodann, ließ ein betretenes: „Du weißt es also noch nicht, mein Sohn!“ vernehmen und blickte jetzt einigermaßen hilflos auf den Knaben nieder, der mit hängenden Armen und so verzweifelt begreifend zu ihm aufsah, daß selbst diesem niemals um eine Begründung seiner eigenen Taten verlegenen Herrn das Wort versagte und er zunächst nur murmelte: „Allerdings, — ich hätte dich einweihen sollen!“
Hatte ihn nun die Angst vor der unerfreulichen Begleitung eines enttäuschten und heimwehkranken Kindes davon abgehalten, George rechtzeitig von seinem Plane, nach England zu gehen, in Kenntnis zu setzen, so hatte er dem Augenblick, in dem George sich über die Veränderung des Reisezieles klar werden würde, doch beständig mit peinlichen Befürchtungen entgegengesehen und konnte nicht umhin, sich nun angenehm überrascht zu sehen. Er gab angesichts der tanzenden Ostsee einige hastige, wortreiche Erklärungen ab, verglich die Aspekte, die die Heimat bot, mit denen, die einem Gelehrten von seinen Fähigkeiten in England leuchteten, erwähnte Empfehlungen an die Londoner Freimaurerloge, die er in der Tasche trug, eröffnete Ausblicke, — nun eben, Ausblicke! und fand den Knaben an seiner Seite blaß, aber aufmerksam lauschend. Die Mutter, natürlich, die Mutter würden sie nachkommen lassen, sobald sie in London festen Fuß gefaßt haben würden, dies verstand sich doch von selber, setzte er am Schluß in plötzlichem Besinnen hinzu und sah erleichtert ein mattes Lächeln über das kleine Gesicht gleiten, während ein leises: „Merci bien, très cher papa!“ ihn auf einmal davon überzeugte, daß er im Grunde doch außerordentlich dankenswert gehandelt habe. George benahm sichraisonable, aber, beim Jupiter, wie sollte er auch nicht, dies war eigentlich nicht mehr als seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Soweit war der Fall für ihn erledigt und abgeschlossen, er war für den Rest des Tages besonders gutgelaunt und blieb es die ganze Reise über, obgleich er am Kattegatt zum erstenmal seekrank wurde, und zwar gleich so ausgiebig, daß er sich verschwor, den Eltern des Janusch bei erster Gelegenheit den rückständigen Lohn ihres Sohnes zukommen zu lassen, — und hierin offenbarte sich, vom Dämon eines erschütterten Verdauungsgewindes ans Licht getrieben, die Erkenntnis, daß einer der Gründe, die ihn der Heimkehr aus dem Wege gehen ließen, dieser war, daß er den Janusch nicht wieder mitbrachte. Er hatte sich zwar längst eingeredet, der Janusch habe am Hofe eines Mongolenkhans eine Stellung eingenommen, die seinen Meriten besser entspräche als der Dienst bei einem schlichten Pilger der Gelehrsamkeit, — aber, immerhin, — ganz ließ sich sein Gewissen nicht betäuben und ein Verantwortungsgefühl lebte zuweilen auf und mußte durch Opfer und Versprechungen beruhigt werden wie ein unzufriedener Götze, bis es nicht mehr störte.
„Merci bien, très cher papa!“ — ja, was hätte er im Augenblick, als statt des erwarteten Zornesausbruchs so sanfte schnelle Erklärungen kamen, anders empfinden und denken können, vielleicht grade wegen der ungeheuren Enttäuschung, die mit einem Schlage sein ganzes Auffassungsvermögen lähmte und totes Grau auf die Welt herniederriß, die eben noch so farbig und verheißungsvoll geleuchtet hatte. Es ist die Erwartung der Liebe allein, die einem Herzen von der Demut, ja fast Unterwürfigkeit des kleinen George Schwung und Feuer zu leihen vermag; und seine Liebe hatte sich seit Wochen mit immer zunehmender Sehnsucht auf die Mutter gerichtet und damit unbewußt auf ein Leben der Geborgenheit in friedlicher, reinlicher Häuslichkeit. Er hatte die vielen Wunder so zum Sterben satt gehabt, ohne es einem Menschen, am allerwenigsten sich selber, eingestehen zu können. Satt hatte er die ausgestopften Märchentiere im Museum der Akademie, den Elefanten und den weißen Meerbären, die mongolische Kuh mit dem Pferdeschweif und das wilde Schaf mit den Riesenhörnern, — ganz zu schweigen von den vielen Mißgeburten in Spiritus und der Hornkröte, der Pipa, von der ewig die Rede war und die ihre Eier auf dem Rücken ausbrütete. Er war gelangweilt von dem Gottorpschen Globus mit seinem Planetarium, und es war ihm ganz gleichgültig, daß dies das achte Weltwunder vorstellen sollte, — ebenso wie ihm die botanischen Gärten auf der Apothekerinsel, das hölzerne Häuschen Peter des Großen und die Mammutsknochen gleichgültig waren, die Pallas mit ebensoviel Scharfsinn als Gelehrsamkeit als aus einer allgemeinen Überschwemmung herrührend erklärte. Was war ihm die surinamische Goldschnepfe, was gingen ihn die tangutischen Manuskripte an, die Peter der Große schon 1720 nach Paris gesandt hatte, um zu erfahren, was eigentlich darin stünde. (Ein Abbé Bignon hatte sie sogleich ins Lateinische übertragen und den großen Zaren durch eine gewisse klassizistische Geistesfärbung dieser Mongolenweisheit höchlichst überrascht, und wiederum war es dem ebenso gelehrten als scharfsinnigen Pallas vorbehalten geblieben, festzustellen — mit empörter Genugtuung festzustellen! — daß auch nicht ein Wort des Originals in dieser Übersetzung stand!) Mit einem Wort: was ging einen kleinen Knaben, der müde, blaß und elend war, die ganze bunte aufdringliche Welt an, wenn er noch irgendwo bei einer Mutter ein wohlgeschütteltes Bett, sein sorglich bereitetes Essen und die ganze Heimatluft einervollen Kinderstube haben konnte, — konnte, —konnte, denn besessen hatte er diesen Segen ja in Wirklichkeit nie, und darum quälte ihn wohl diese beständige dunkle Sehnsucht danach, ließ ihn seine Pflichten verrichten, wie eine stöckrige Maschine und mit müdem, kleinem Muffgesicht an den Kuriositäten vorüberschleichen. Im Anfange hatte er sich eingebildet, die Kaiserin Katharina sehen zu müssen, hatte ihrem Amtssiegel, einem Bienenkorb mit der russischen Umschrift „Nützlich“ auf einem Schreiben an den Vater Ehrfurcht erwiesen wie einem Fetisch und mit starker Neugier auf die Geschichten gehorcht, die man sich an allen Straßenecken von dem Leben am Hofe erzählte. Auch dies hatte völlig an Interesse verloren, je länger der Petersburger Aufenthalt dauerte, je tiefer das Wunder der Wolgareise hinter ihm versank und je mehr im Verhältnis dazu seine Gesundheit abnahm. Schließlich hatte er nur noch an die Mutter denken können, wie ein Verdurstender in der Wüste auch nur eines Gedankens fähig ist, und dann, dann hatte er sich eben unvorsichtig, ohne den geringsten Zweifel, ohne eine innere Mahnung an vergangene Enttäuschung zu erhalten, übermäßig beglückt, berauscht, tölpelhaft selig hatte er sich der Gewißheit des nahen Wiedersehens hingegeben. Ja, und nun …
Und nun weinte er weder noch ballte er tückische kleine Fäuste oder stampfte den Boden, als der Vater den Rücken gewandt hatte. Er legte sich einfach für den Rest der Reise in seine Koje, dies war es, was er sich leistete, dort lag er stundenlang mit offenen Augen und dachte immer wieder dasselbe, das anfing: Also nicht nach Danzig … aber ebenso schlief er auch stundenlang mit bleichem Gesicht und geöffnetem Munde. Wenn der Vater zu ihm kam, empfing er ihn freundlich und aß gehorsam, was ihm gebracht wurde, aber der Verkehr mit ihm war nicht viel ergiebiger als mit einer sprechenden Gliederpuppe, und so blieb er viel allein, was ihm auch recht war, denn: hätte es nicht doch plötzlich eintreten können, daß er dem Vater in sein zufriedenes, rotes Gesicht hinein hätte weinen müssen, weinen, weinen … Es kam ja nie dazu, aber es war sehr wunderbar, denn er träumte doch so oft, daß er weinte, — nur im Wachen gelang es ihm nicht, da war alles so fern, wie hinter Glas.
Jedenfalls war ein anderer George Forster am Newski-Prospekt auf die „Mütterchen Elisabeth“ gegangen als der, der nach drei Wochen die Tower-Stairs in London emporstieg. Wohl erschließensich auch solche Blüten noch, um Frucht zu bringen, die in der Knospe vom Frost getroffen wurden. Aber, guter Gott, wie sehen sie aus und wer will sie noch Blüten nennen? —
Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Pelikan auf dem Hühnerhofe übles Aufsehen erregen würde und der Gockel hingegen nicht in das Dschungel paßte. Es ist wahr, daß jeder von ihnen in der ihm angemessenen Umgebung seinen Platz ausfüllt und gleichsam darin aufgeht, so daß man kaum noch weiß, ist der tropische Sumpf für den Pelikan oder der Pelikan für den tropischen Sumpf geschaffen. Herr Forster in polnisch Preußen auf dem Lande, berufen, einer verlotterten Bevölkerung das kristallkantige Ideal friederizianischer Selbstzucht vorzuleben und Kultur auszustrahlen, das war gewesen, als wollte man Wasser mit Öl mischen, um eine gelindere Flüssigkeit zu erzielen: es nutzte gar nichts, das Öl blieb oben, ein großes, einsames Fettauge, und bald schwamm es von dannen. Herr Forster in Petersburg, inmitten einer aus allen Völkern gemischten Gesellschaft von Aristokraten, Gelehrten, Projektenmachern und Schwindlern, nahm sich, zwar selbst ein Projektenmacher ersten Ranges, aber geschäftlich und diplomatisch, ja, selbst gesellschaftlich unerfahren und nahezu roh, — er nahm sich aus wie ein leidenschaftlich spielendes Kind, dem sich die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen und das, da es nun eben einmal ein Mann und kein Kind mehr ist, lächerlich, ja, anstößig wirkt. Herr Forster endlich, in England, hatte kaum den geheiligten Boden seiner Vorfahren betreten, kaum den ersten Mundvoll der ihm so geläufigen Sprache freigiebig an Lastträger, Hafenbummler und den Hausknecht von Warwicks Boardinghouse verschwendet und dafür echtenslangeingetauscht, nicht recht verständlich zwar, aber kostbar und herzansprechend, — Herr Forster endlich in England also, ging im Teig auf wie die Pflaume im Plumpudding, mit anderen Worten, war nicht der Plumpudding selber, auch nicht der Weingeist, aber immerhin ein Bestandteil, eins seiner häufigsten, eins von hundert Bestandteilen, unauffällig, selbstverständlich, kein Fremdkörper, kein Kuckucksei, und war selber erstaunt und beseligt darüber.
Es war bereits etwas vom Rhythmus der Gewohnheit in der Art und Weise, in der Forster und Sohn fremde Städte betraten, Schiffsplanken hinter sich stoßend, Reisetaschen sieghaft schwenkend, zudringlicheLastträger übersehend, Blicke auf Wesentliches richtend! Forster senior, dem der Kaviar und die Piroggen, bei denen er gedarbt, mit der Zeit zu einem Bäuchlein verholfen hatten, trug seinen Nabel stattlich vor sich her, als wüßte er den Unsichtbaren vergoldet, verborgene Berlockes klirrten bisweilen musikalisch unter seinem Mantel und gaben die Begleitung zu dem ebenfalls nur ihm selber hörbaren Einzugschor seiner Gedanken, der etwa also lautete: Er kommt, er kommt, der große Forster kommt! — was indessen nicht etwa mit diesen Worten sein Bewußtsein füllte, sondern nur den allgemeinen Inhalt seiner Stimmung ausmachte. Zugleich, es ist nicht zu leugnen, war er in guter und ehrlicher Weise freudetrunken vom Anblick von St. Pauls Kuppel und der drohenden Towermauern, wie schon die ferne Vision der wimmelnden Londonbridge ihn in Begeisterung versetzt hatte, und dann: dieser Hafen! O Gott, die Newa war breit und Petersburg war gewaltig, aber was wollte das gegen diesen majestätischen Ausgangsort und Ruheport der gewaltigsten Handelsflotte der Welt, was gegen diese Werften, diese Docks, dieses planvolle Gewühl der kleinen Boote und Yachten, dieses gelassene Ein- und Ausstreichen der hochgebugten Riesenschiffe mit der tausendbusig geschwellten Takelage und den unzähligen starrenden Kanonenrohren sagen? — „Ostindien!“ hatte Forster ergriffen geflüstert und Georges Hand gepreßt, diese kleine Hand, die solcher Gebräuche ungewohnt, sich ihm schlaff und verwundert überließ, — „Ostindien, George! Van Diemensland! Amerika und China! Bambus, Zuckerrohr und Cocosnuß! Weihrauch, Gold und Myrrhen! Ingwer, Zimt und Nägelein! Papagoyen und Koffee! Das Beuteltier!“ Er wäre in seiner traumhaften Aufzählung fremdländischer Wunder gewiß fortgefahren, wenn nicht in diesem Augenblick die „Mütterchen Elisabeth“ Anker geworfen hätte und er nunmehr in der Lage war, den undankbaren russischen Boden endgültig verlassen zu können. Zwei Tage weidlichen Herumtreibens im Weichbild der City folgten und zählten gewiß zu den glücklichsten in Reinhold Forsters Leben, während auch George ein gewisses unwilliges Behagen empfand und sich in die dumpfe Wehmut der Enttäuschung nicht zurückfinden konnte.
Waren sie so tagsüber mit langen Schritten und mit beständig im neugierigen Drehn und Wenden der Köpfe hin- und herpendelnden Zöpfen durch die Straßen gezogen, hatten nicht nur die modischen Spaziergänge wie Newbordstreet, Pallmall und Hydepark, sondernauch St. Giles besucht und dort gar in einer unterirdischen Garküche gespeist, wo die Bestecke mit Ketten am Tisch befestigt gewesen waren, — hatten sie besichtigt, was nur zu besichtigen war, — und George tat das auf einmal mit kritischer Teilnahme, als sei plötzlich eine Kapsel von seiner Seele gesprungen, er puffte auch Vorübergehende, die ihm nicht aus dem Wege gingen, — kurz, er brach sich Bahn, körperlich und seelisch, — da es denn doch nichts half! — (dies war vorübergehend eine Zeit, in der er sich selbst fast brutal behandelte, er tat es, ohne es zu wissen oder zu wollen, weil er sonst zugrunde gegangen wäre,) — hatte man sich solchergestalt müde und hungrig gelaufen, so folgten erquickliche Abende im Gastzimmer des Logierhauses, gegen dessen Kamingitter der Vater sachgemäß die Fußsohlen stemmte, während er aus seiner Tonpfeife rauchte, Porter trank und George ein wenig Ingwerbier genoß. Gleichviel, daß andere Gäste anwesend waren und den redseligen Herrn offenbar als willkommenes Schauspiel betrachteten, gleichviel, daß hinter ihm laut erörtert wurde, ob nicht auch andere Leute ein Recht auf den Platz am Feuer hätten? — wobei George unbehaglich hin- und herrückte, Herr Forster jedoch nur geistesabwesend über die Schulter zurückblickte und einen Mund voll Rauch nach den unzufriedenen Mitmenschen blies, womit sich jene alsbald beruhigten, — Herr Forster schien den Landesbrauch gefühlsmäßig zu treffen. — „Es ist ein Wunderbares, ein Fabelhaftes, ein Göttliches um den Zusammenhang der irdischen Länder, mein Sohn, wie sie aus dem Nichts des Gedankens hervortauchen und sich aneinanderreihen,“ sagte er an einem solchen Abend und sah diesmal ohne Zweifel gläubig und erschüttert aus, soweit es im Bereich seines fleischigen Gesichtes lag, diesen Ausdruck anzunehmen. „An Rußland habe ich immer noch eher glauben können, weil es sich von Westpreußen aus auch zu Fuß hätte ergehen lassen, — freilich in mühseliger Arbeit, aber doch immerhin, — das ist wie aus einem Stück Tuch und keine Naht dazwischen. Die Inseln hingegen! Mein Sohn! Im Vertrauen will ich dir sagen, ich habe England nicht für möglich gehalten! Nun aber, da es unter meinen Füßen standhält, bin ich geneigt, auch an Vandiemensland zu glauben, ohne daß meine Augen es gesehen haben.“ Er lächelte fast kindlich. „Wunderbar! Wunderbar ist die Gestalt der Erde!“ sagte er andächtig und nahm die Pfeife aus dem Mund, um die Ellbogen auf die breit auseinandergestellten Knie zu setzen und, die linke Faust unters Kinn geschoben, verzückt insFeuer zu starren. „Manchmal halte ich sie im Traum in meinen Händen und rolle sie behutsam von West nach Ost meinen Augen entgegen, als sei ich die Sonne, in deren Glanz sie sich wälzt, oder ich sehe sie schweben, im goldenen Dunst, den göttlichen Ball, mit der sphärisch erklingenden Seele. — Dann gedenke ich ihrer Hülle, George,“ sagte er träumerisch, — „Gras und allerlei Kräuter, und wie das Wasser überall durch sie sickert und kreist und aus ihr atmet, und ich fühle die Wucht der Gebirge und das Keimen der Kristalle und die sonderliche Kraft der Formen, wie sie blind sich auswirkt in tausend Gestalten. Du wirst hier Gott eingefügt haben wollen, George,“ — und erwandte sich dem Knaben mit einem geistreichen Lächeln und einer verbindlichen Handbewegung zu, „gut und wohl, — indessen reden wir hier nicht als Pastoren und somit können wir uns zugestehen, daß es kein Gottesleugnen ist, wenn ich ihn in die Schöpfung hinein projiziere, anstatt ihn mir außerhalb selbiger zu denken, — du verstehst mich?“ Und, ohne eine Antwort abzuwarten, sein glattes Kinn streichend und mit der Pfeife in steilaufgereckter Hand gestikulierend, fuhr er fort: „Ich denke mir die Erde nackt und bloß, ihre gewaltigen Glieder so wie sie der Sintflut entstiegen, ohne die Grenzmarken des Menschen, ohne die Larven der Nationen über ihrer göttlichen Unschuld. Schrankenlos hingerollt die Ebene, sich aufbäumend im Gebirge, niedergleitend unter die wallende Fläche des Ozeans, jungfräulich wieder aufsteigend unter einem andern Himmel und sich neu offenbarend. Ich denke mir …“ die surinamische Goldschnepfe strich durch den Raum, Kondorgeflügel erbrauste, Büffelherden nahten und stoben vorüber wie schmetternde Wolken. Indessen auch die Ameislein und die Bienen und sonstigen Insekten, die surinamischen Schmetterlinge und die Vögleins Colibri, die Honigvögleins, die sich durch die Luft schwingen wie fliegende Funken und mit langen nadelspitzen Schnäblein aus Blüten trinken, — Blütenà propos… Es bliebnichtsungesagt in dieser Stunde, und Herr Forster phantasierte sublim über den Inhalt der Erde, er tat es mit Wildheit, Schwung und Feuer und vergaß nicht die Tiere und Gemüslein, die er gerne aß, und endlich das wunderbarste Getier, die Menschheit selbst, wie sie gleichzeitig an allen Orten der Erde hauste und sich so emsig betätigte, — er legte den Finger an die Nase und gedachte des indischen Brahmanen, der über seine Schriftrolle gebückt säße in eben diesem Augenblick, da der wilde Sohn der nordamerikanischen Prärien sich im Kriegstanz umsein Lagerfeuer schleudere, oder der emsige Bewohner von O’Tahiti seine Rindenmatte walke, während der deutsche Bürger — „oder sagen wir: der große Haller zu Zürich“ — sich soeben die Zipfelkappe für die Nacht über die Ohren ziehe, „und wir, mein Sohn, an diesem Kaminfeuer sitzen, auf britischem Boden sitzen, vom Ozean umspült wie auf dem Gipfel eines Berges Arrarat und das Selbstbewußtsein der ganzen Erde gegenwärtig in unsern Hirnen kulminiert, — wunderbar, höchst wunderbar …“
Herr Forster blickte plötzlich um sich und nahm wahr, daß es leer in der Gaststube geworden war, daß hinter der Tonbank Mr. Freeling, — von Mrs. Freeling stets als „my little old man“ bezeichnet, — mit knackenden Kiefern gähnte, — daß George die Augen mit einem Ausdruck glasiger Starrheit auf ihn gerichtet hielt, und er verstummte. Er machte ein paar krampfhafte Bewegungen mit Stirn- und Gesichtsmuskulatur, wobei er die Augen wie ein Geblendeter zukniff und aufklappte, sog ein paar Mal hastig an dem erkalteten Rohr und fuhr dann, von sich selbst ernüchtert, mit der Hand über die Augen. „Du hast keine Imagination, mein Sohn,“ bemerkte er verdrießlich und klopfte die Pfeife am Kamingitter aus, worauf er sich erhob und federnd davonschritt, sich selbst nicht recht klar darüber, was ihn soeben überkommen und aus ihm geredet hatte. George folgte ihm gedemütigt, überholte ihn und riß die Türe vor ihm auf, — wohl, es mochte ihm an Imagination mangeln oder an etwas dergleichen, kurz, er konnte sich nicht so verwundern und dieser Verwunderung so prächtige Worte verleihen wie der Vater, es schien ihm alles so selbstverständlich, — dies, daß man nach England kam, wenn man nach England reiste, und fraglos, daß man ein Land namens Surinam erreichen würde, falls man ein dorthin segelndes Schiff bestiege, — aber er empfand diesen Mangel in dieser Stunde irgendwie als beunruhigend und beschämend. Als er in seinem riesigen, von Vorhängen umwallten Bette lag und zitternd darauf wartete, daß die feuchten Laken sich erwärmen möchten, als er die Hände vor die Augen preßte, um nicht in die fremde englische Finsternis starren zu müssen, — der Vater blies längst in gesund atmendem Schlummer melodisch vor sich hin, — da dachte er sich aus, wie gut es sein müßte, eine Mutter zu sein und niemals reisen zu müssen, eine Mutter mit guten kleinen Kindern in einer warmen duftenden Küche, in der es lauter behagliche Arbeit gab, wie Rübchenschaben, Suppenkochen, Kuchenrühren und Topfauslecken,und als er darüber endlich einschlief, war es nicht mehr die Mutter, die es so gut hatte, sondern das kleinste Kind in der hölzernen Wiege im Eckchen beim Herd, das von nichts wußte als von Schlummer, Milch und Liebe, und dies kleinste Kind war er. —