‚Wenn dein Herz von Wunden blutet,Lügt oft deine Stirne Ruh’ —‘“
‚Wenn dein Herz von Wunden blutet,
Lügt oft deine Stirne Ruh’ —‘“
„Therese!“ rief George kummervoll.
„Georgie?“ Sie hob den Kopf. Ihre Augen blickten bewegungslos, klar, rätselhaft, Spiegel tiefer Brunnen. Ein nie bemerkter Zug von Qual spannte die Brauen.
„Therese,“ dachte George erschüttert, „war doch gestern noch ein Kind. Bin ich denn blind gewesen?“
Er zog sie empor, nahm sie in die Arme, bettete ihr Haupt an seine Schulter. „Geliebte,“ flüsterte er angstvoll, „Einzige, sage doch, — ist es dies allein, was dich unglücklich macht, — dies allein?“
Therese hielt die Augen geschlossen.
„Ja, Georgie. Dies — allein …“
„Wir wollen fort von Wilna, Therese,“ redete er leidenschaftlich, und sein Atem bewegte ihr Haar, „du hast recht, ich verkomme hier, du hast recht, es ist ein übles Zeichen, wenn man anfängt, sich hier zu goutieren. Du hast recht, du hast hundertmal recht, — und ich dachte nur, — ich kalkulierte, — aber gleichviel …“
Er starrte über sie hinweg, seine Augen brannten, sein Herz hämmerte. Ein Frösteln schüttelte seinen Körper.
„Du bist müde, Guter,“ murmelte Therese auf einmal schläfrig und lächelte. Er küßte zerstreut die kleinen Finger, die ihm das Jabot lösten. Er war nachdenklich, entledigte sich der Kleider ohne es zu wissen.
„Therese,“ begann er wieder, als er neben ihr lag, und im Dunkeln zog er sie an sich, — „es ist gut, daß dies kam, oh, du hast mich geweckt. Es war etwas eingeschlafen in mir, Therese, hörst du, und vielleicht war es das, — das, was mich deiner Liebe erst würdig machte, — machen konnte, Geliebte, — dies, daß ich wagen und opfern konnte für dich. Ist es so, — Therese …“ bettelte er in der Dunkelheit und fühlte es wieder, dies müde, beschwichtigende Streicheln kleiner Hände, das alles andre tat, als ihn beruhigen. Er stemmte sich auf den Ellenbogen und neigte sein Gesicht auf ihres.
„Vor zwei Jahren, kleines Mädchen,“ prahlte er mit leisem Lachen und spielte zärtlich mit ihrem Stirnhaar, „als ich so verzweifelt war, weil ich nicht wußte, woher das Geld nehmen, um dich aus Göttingen zu holen, nicht wußte, ob mir die Erziehungskommission den Vorschuß bewilligen würde, — da war ich noch ein Kerl, da hatt’ ich noch Projekte! Ja, was meinst du, wenn der Forster nicht gekommen wäre, dich zu holen, wenn er verschwunden wäre wie die Maus im Heuhaufen …“
„Ich wollte alles verkaufen,“ fuhr er träumerisch fort und warf sich zurück, „Bücher, Mineralien, Herbarien, und dann, unter dem Vorwand, nach Deutschland zu gehen, wäre ich geradenwegs nach Konstantinopel gefahren und hätte dort mein Glück versucht, als ein Kerl, der meist alle europäischen Sprachen spricht und just nicht auf den Kopf gefallen ist.“
Er verstummte einen Augenblick und — „ein Leuchtöl, destilliert aus Hammelfett“ ging es ihm unerklärlicherweise durch den Sinn, und „man muß es dem Großtürken anbieten …“ jawohl, dies war der Studiosus Bezzel in Petersburg gewesen!
„Von Konstantinopel aus,“ sprach er langsamer, gleichsam behutsam, um nicht auf Erinnerungen zu treten, „wär’ ich weitergegangen, nach Persien, — nach Indien, — wär’ unter einem warmen Himmel wieder aufgetaut, lebendiger, geistiger, — jünger geworden, und wäre, entweder ein Wiedergeborener mit frischem Ruhm bekränzt oder gar nicht zurückgekehrt — zu dir …“
„Georgie!“ — Therese hatte sich nun ihrerseits halb aufgerichtet und tastete nach seinem Gesicht. „Georgie!“ sagte sie schmeichelnd, „ach, kenn ich dich wieder, mein Georgie?“ Und, ihre Arme um seinen Hals werfend, leidenschaftlich: „Du solltest nicht immer — nur übersetzen, Freund!“
„Nicht immer — nur übersetzen, Therese?“ fragte George sanft, „oh — kleine Therese!“
„Nicht tagelöhnern — schaffen solltest du, George, die Welt erobern, große Projekte ausführen …“
„Große Projekte, Therese?“ Er hielt sie gegen seine Brust gepreßt, er fühlte ihr schnelles hüpfendes Herz wie einen gefangenen Vogel gegen seines stoßen. Er lächelte schmerzlich, sie sah es ja nicht.
„Ich werde,“ sagte er hastig atmend, „mich bemühen, gib acht, — ich — habe Pläne, habe Aussichten. Du sollst sehen, man hat den Forster nicht so schnell vergessen, als du denkst. Therese, — bist du mir auch gut?“
Sie hatte sich zurückgleiten lassen, ach, und wieder waren da ihre sanften kleinen Hände.
„Ja doch, Georgie, ja!“ sagte sie, als tröste sie ein Kind, „ja, ach Georgie, — und so müde …“
Sie gähnte leise. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf. „Gute Nacht!“ murmelte sie, oh, es war gar kein Zweifel, daß sie halb schon schlief.
Der harte Kern hatte endlich keimen, Wurzel schlagen wollen, — er war aus dem Erdreich gerissen, betastet und wie spielend fortgeworfen worden. Kristalle wollten zusammenschießen in dampfender Mutterlauge; eine achtlose Hand hatte die Lösung gerüttelt und aufgerührt.Und so würde es immer gehen, dachte George, und dachte es ohne Bitterkeit. Denn war dies nicht eigentlich erst Leben, dies, daß man nicht ausharrte in einem dunklen Gang des Labyrinthes, sondern vorwärts stürmte, einem halb nur geahnten Lichtschein zu, der, — Gott mochte es wissen, — den Ausweg in die Freiheit verhieß? Nun, welchen Schwung verlieh nicht der Entschluß, Wilna zu verlassen! Welche Pedanterie war es gewesen, sich an einen Vertrag halten zu wollen, der ihn in seinen besten Jahren an eine Galeere schmiedete! Therese war eine gute Tänzerin, sie wirbelte ihn hinweg über alle Bedenken, und oh, welche Stunden von Moquerie und Ausgelassenheit hatten sie nun zusammen, wie verschworen und eines Sinnes waren sie jetzt inmitten desvulgi stulti, der sie fressend und saufend in träger Geselligkeit umgab, wie eine Herde Kühe, die wiederkäuend mit runden Augen auf das Schauspiel zweier von Geist und Jugend beflügelter Menschen glotzte? Hatte er in dem letzten Jahr viel gearbeitet, so arbeitete er jetzt mehr als je, aber es ging ihm von der Hand als stünde er an einer gut geölten Maschine, und der Cook rückte täglich einen Bogen vor. Dies war nun noch einmal eine Übersetzung, dachte er, wenn er nachts mit fiebernder Stirn und kalten Händen am Pult stand, — aber auch die letzte. Oh, Therese sollte sehen, wie es war, wenn er die Schatzkammern seines eigenen Geistes erst einmal auftat, — erntete in den Gärten, die nun endlich reife Früchte bieten mußten. Nicht zum Dozenten, zum freien Schriftsteller fühlte er sich berufen. „Scheermesser sind nicht gemacht, um damit Klötze zu schnitzen,“ schrieb er an Sömmerring, frohen Selbstgefühls voll.
Nein, er wollte nicht mehr Kraft und Zeit vergeuden. Aber freilich war es gut, immer in Amt und Brot zu sein, gut, einem freigebigen Herrn zu dienen … Es galt, einen Gönner zu finden, dem es lohnend schien, ihn hier loszukaufen, oder dessen Macht ausreichte, mit seinem Wunsch nach Forsters Diensten allein diese verfluchte Last von nahezu 6000 Gulden Vorschuß zu löschen, die er der Erziehungskommission nun einmal schuldete. Therese hatte Recht: hier mußte er als Mann von Welt politisch und mit kühler Überlegung seine Möglichkeiten und Vorteile abschätzen und gegeneinander ausspielen. Therese setzte abends „das Schachbrett“ auf, wie sie diese Beschäftigung übermütig nannte, hohe und höchste Gönner aufmarschieren zu lassen und zu prüfen. Da war, wenn man die große Zahl der ihm gnädig gesinnten Fürsten wegließ, die hier nicht in Betracht kamen, da sie höchstens Louisdorsund Schnupftabaksdosen, aber keine gut dotierten Ämter zu vergeben hatten, zunächst einmal der Landgraf von Hessen, von Cassel her in unliebsamen Angedenken, — indes die Verleihung einer Professur der Naturwissenschaften an der Universität Marburg lag in seinen Händen. Die tätige Liebe des wackeren Sömmerring war am Werk, hier sowohl als bei seinem eigenen Herrn, dem Mainzer Kurfürsten, für George zu arbeiten, und, — so sagte Therese, — beide Plätze hatten ihre Meriten, Mainz freilich ungleich größere, da es sich unter dem Krummstab des Barons Erthal zu einem kleinen Musenhof, vergleichbar dem von Weimar, entwickeln zu wollen schien und — „mein Georgie!“ — es lag linksrheinisch, es war fast schon Paris! In Berlin war der vortreffliche Gleditsch verblichen, Friede seiner Asche! Gewiß war es opportun, dem Minister von Herzberg dieOpera botanicazu schicken und diesem Beschützer von Kunst und Wissenschaft zu seiner Erhebung in den Grafenstand zu gratulieren, — oh, kein Wort von dem erledigten Lehrstuhl, man rief sich in Erinnerung, weiter nichts. Die größten Figuren aber, mit denen Therese agierte, saßen im Norden und im Süden auf den Thronen des deutschen Reiches und Rußlands. Und es war zweifellos, daß es auf St. Petersburg ankam und auf St. Petersburg allein! Denn, so meditierte diese erstaunliche kleine Person ihm gegenüber am Tisch ernsthaft, — wo Frauen regieren, hat ein Mann von Verdienst alle Chancen, und darum, von der großen Katharina ganz abgesehen, — kam es darauf an, die Aufmerksamkeit der Fürstin Daschkow, des weiblichen Direktors der Akademie der Wissenschaften, auf sich zu lenken! In Therese, dachte George voll abgründigen Staunens, als er sich an einem dunklen Wintermorgen im Reisewagen auf der Fahrt nach Grodno sah, wo es Gelegenheit gab, sich dem Ambassadeur der Kaiserin, Herrn von Stakelberg, vorstellen zu lassen, — in Therese steckt etwas von einer Katharina, einer Daschkow und mehr von einem Diplomaten als in mir, Sömmerring, nun, und sagen wir einmal: dem Vater zusammengenommen! Und dann dachte er daran, wie der Vater im mausgrauen Rock nach Danzig gefahren war, mit der Absicht, den Vorgänger des Herrn von Stakelberg, den weiland Herrn von Rehbinder, in die Tasche zu stecken, und wie er heimgekommen war in der Überzeugung, daß ihm dies gelungen wäre. Oh, die, alten Zeiten und der Vater! Und jetzt kollidierte man mit ihm auf Schritt und Tritt, denn nicht nur um Marburg bewarb sich der Alte ebenfalls, auch in Berlin, wo, wie George jetzt durchSpener gehört hatte, er, der Sohn, auf die Liste der für Gleditschens Stelle Vorgeschlagenen gesetzt war, war Forster senior auf dem Plan erschienen und hatte bei seiner Ernennung zum auswärtigen Mitglied der Akademie die Erfahrung machen müssen, daß George diese Ehre gleichzeitig widerfuhr! O nein, ich triumphiere nicht, dachte George, sich erschrocken von seinen Gedanken abwendend, und fühlte doch, daß eine kalte Befriedigung sein Herz vorübergehend hart und glänzend gemacht hatte. —
Es gibt Dinge, die einem niemals allein und losgelöst, sondern immer nur in der Verbindung mit anderen Gegenständen einfallen, so konnte sich George nicht an den Londoner Nebel erinnern, ohne an ein gewisses kleines Federmesser zu denken, das ihm in jenen bösen Jahren vor der Südseereise ein zärtlich geliebter Besitz und ein Trost gewesen und später verlorengegangen war, — er konnte auch den Namen Surinam nicht hören, ohne die Erscheinung des Hofrats Kotelnikow vor sich zu sehen. Ebenso gab es Menschen, die ihm nur paarweise oder gar in Gruppen ins Gedächtnis traten, Larry und Porea etwa, Sömmerring mit dem Hintergrund des ganzen Casseler Kreises, der ihm einigermaßen widerwärtige Nikolai in Berlin mit seinem Gegenspiel, dem herzlich verachteten Schrepfer in Leipzig, die Musiker Neumann und Naumann in Dresden und — nun, Gott möge ihn davor bewahren, dachte George, daß er jetzt seine ganze wimmelnd bevölkerte Erinnerung wachrief, um sich die ihn ein wenig quälende Tatsache zu erklären, daß er nicht an den Vater denken konnte, ohne daß Therese dies stattliche Gestirn umkreiste, — nicht sich in das Wesen seines Weibes versenken, ohne daß die gleiche Konstellation sich ungerufen einstellte. An diesem Junimorgen, da er wie gewöhnlich mit Sonnenaufgang erwacht war und nun auf der Seite ruhend, die Hand unter die Wange geschoben, im gedämpften Licht die neben ihm Schlummernde betrachtete, stieg irgendeine nächtige Woge in ihm und wahrnehmend, wie ihre Brust sich hob und senkte und die Kante ihres Hemdes am Halse von den zuckenden Schlägen des Pulses bewegt ward, dachte er sonderbar erregt: wie wehrlos sie ist! Und sich selbst vortäuschend, dieser Gedanke stiege aus der Lust, sie an sich zu reißen, fühlte er gleich darauf erschrocken, daß etwas wie gehässige Neugier in ihm sprach und ihm zeigte, daß Therese häßlich sei, doppelt häßlich jetzt in diesem Augenblick des Schlafes mit dem haltlosen Unterkiefer und dem Ausdruck unbedingter trotziger Hingabe an die Dumpfheit der Betäubung. Siehkeinen Toten und keinen Schlafenden an, sie können sich nicht verstellen! dachte George, sich unruhig herumwälzend und die Hände hinter dem Haupte verschränkend. Und da war’s wieder. Erinnerung arbeitete in ihm, deren er sich nicht bewußt zu werden wünschte, unwillig gab er ihr endlich Raum und erkannte, — jawohl, so hatte er oft, unzählige Morgen der Vergangenheit gelegen und den schlafenden Vater angesehen, hatte gedacht, — oh, lächerliche Gedanken eines Knaben! — aber etwa so: Wenn ich nun aufstünde, leise, heimlich, — das kleine Federmesser vom Tisch holte, das kleine, blanke, liebe, und mit seiner Spitze einen sauberen behutsamen Schnitt durch jenen tanzenden Adamsapfel dort zöge … Aber dies möchte Wahnsinn heißen, wenn es nicht so lächerlich wäre, sagte er sich, indem er sich nun plötzlich eilig erhob, das Gesicht zu einer unbewußten Grimasse verzerrt, — George Forster mit der Erinnerung an Mordgedanken, — George Forster mit der Lust, — und in einem letzten Nachgeben an jene dunkle Versuchung und mit einem scheuen Blick auf die Schlafende gab er es sich verzweifelnd zu, — ja, George Forster mit der Lust, sein Weib, seine Therese zu quälen. Ach, nicht zu töten! Aber einmal mit seinen Zärtlichkeiten den Blick ergebenen Duldens, den Blick unbeteiligter, stiller, ja vielleicht manchmal freundlicher Verwunderung wandeln zu können in einen gebrochenen, schwimmenden, — die in allen Lagen beherrschte Rede dieses Mundes auflösen in ein hilfloses Stammeln, — einmal Theresefühlenzu machen! Er dachte:einmal, das ist dann, als ob eine Tür endlich aufspringt! Einmal, — das heißt dann, für immer im Paradiese sein! Er zog sich hastig, geräuschlos und unglücklich an. Er verließ die Kammer und durchschritt mit gesenktem Kopf den Vorraum. Mein Gott, er war ein Narr, ein Undankbarer, sagte er sich, als er nun in seinem Kabinett hastig den Teller auslöffelte, den ihm Marischa gebracht hatte. Diese morgendlichen Verstimmungen waren ebenso eine Folge skorbutischer Schärfe in seinem Geblüt, als die fortwährenden Anfälle ziehender Schmerzen, als diese kleinen lästigen Ausschläge, die entzündeten Augen, die peinigenden Koliken. Die Säfte reinigen! Das war der Schlüssel auch zur Harmonie der Seele. Hastig schluckte er seine Erdbeeren in Milch, — Obst auf nüchternen Magen, wie es ihm Sömmerring verordnet hatte, und das Therese nie versäumte, ihm hinstellen zu lassen, in der Form, wie die Jahreszeit es bot. Oh, sorgte sie nicht rührend für ihn? Ja, erwarein Narr! Wenn jetzt der Druck der Enttäuschungauf ihr lastete, daß bisher alle Pläne, von Wilna fortzukommen, gescheitert waren, — wenn dieser Druck sie matt und teilnahmslos machte, — war das nicht nur natürlich? Was verlangte er denn von ihr? Er schob den Teller zurück. Obst am frühen Morgen, mir zuwider wie nur je, dachte er angeekelt. Ach, mein Gott, es verlangte ihn ja nur nach ein wenig Zärtlichkeit und Wärme, schrie es verzweifelt in ihm auf. Trugen sie denn die Enttäuschung nicht gemeinsam? Litt er nicht wie sie unter dieser Umgebung ohne Geist und Feuer, mußte sie nicht endlich überzeugt sein, daß er Ruhe und Gesundheit dransetzte, um aus diesem stagnierenden Froschteich herauszukommen, daß die satte Zufriedenheit der Kollegen, die kleinlichen Eifersüchteleien und Kabalen ihn bis zur Verzweiflung peinigten? Litt er denn immer noch nicht sichtbar genug, um der GemeinschaftihresLeidens endlich teilhaftig zu werden? Denn, — nicht wahr, — dies war’s: erwollteleiden, um ihrer würdig zu sein, um bei ihr zu sein, wohin ihr Herz sie immer trug, — nurbeiihr undmitihr, — und um den Dämon Lügen zu strafen, der ihm so den Spiegel vorhielt und hämisch raunte: brächtest du selbst denn die Größe auf, Freund, um so zu leiden wie sie, unmittelbar aus Gottes bitterer Hand? — sprang er verzweifelnd auf und rannte hinaus, fort von den schon ausgebreiteten Büchern und Papieren, der still lockenden und drohenden Welt der Arbeit, in der Vergessen und Zufriedenheit war.
Ein botanisches Gärtchen von Qualität! ging es ihm durch den Kopf, als er in dem Schattenwinkel hinter dem Hause war, wo er die für die Demonstrationen in den Kollegien notwendigen selteneren Pflanzen ziehen sollte und wo er nun zwischen den Rabatten auf und nieder ging, dumpf eingedenk, daß die unzähligen Fenster des weitläufigen Gebäudes auf ihn niederblickten und daß hinter einem möglicherweise die Langmayer stand und in der lieben Wiener Mundart sagte: „Maria und Josef, — derarmeMann!“ Hätte er nur gewußt, warum sie ihn immer bedauerte, ihn, der vor der Welt so glücklich war! Dies aber, was ihn jetzt quälte und ruhelos machte, da er nun einmal wieder den Vater und Therese in seinen Gedanken vermengt hatte, war eine Erinnerung von der Hochzeitsreise her, die über Halle hierher gegangen war. Selbst in dem Bewußtsein, wieder in den Bannkreis des Vaters zu treten, hatte er dieses Mal ohne inneres Widerstreben, ja, mit einem gewissen Frohlocken die Schwelle des Elternhauses überschritten, er kam ja nicht allein, wer konnte ihm jetzt noch etwas anhaben?Die Erlebnisse der ersten Tage des Zusammenlebens waren noch unentwirrt um ihn und Therese, sie bedeuteten einstweilen noch die holde Unordnung zerrissener Kränze, die noch nicht verwelkt waren, es war im gesicherten Besitz noch das atemlose Zittern ungestillter Sehnsucht in ihm und sie war von jener bräutlichen Schmiegsamkeit gewesen, mit jenem weinenden Lächeln der Hingebung, der Bereitschaft, das ihn rührte und toll machte zugleich. Sie waren im Gasthof abgestiegen, Therese machte sich schön, sie hatte das Kleid aus jenem weißen Aotobast hervorgeholt, den George ihr einst geschenkt, hatte es angezogen, um, wie sie mit Munterkeit sagte, den alten Eroberer von Tahiti zu ehren. George hatte ihr geholfen, hatte Hefteln und Bänder geschlossen, die Handspiegel gehalten, damit Madame sich von allen Seiten betrachten konnte, hatte zwischendurch vor ihr gekniet und diese lieben, wunderlich kleinen Füße gestreichelt, — mußten sie nicht müde sein von der Reise? Aber ja, sie mußten doch, wenn man auch beständig gefahren war! Wie war es denn möglich, daß ein Mensch sein Leben lang auskam mit Füßchen, nicht größer als eine gewöhnliche Männerhand? — kurzum, er hatte sich verliebt und ungeschickt betragen, bis Therese: „Aber, — mein Freund!“ gesagt hatte, ja, das hatte sie schon damals zuweilen getan. Am Ende hatte er mit ihr am Arm den Gasthof verlassen und hatte sie ganz übermütig vor Stolz und Wichtigkeit durch die Straßen geführt, selbst elegant genug, wie er sich dünkte, im neuen blauen Tuchrock nach englischem Schnitt, Hut unterm Arm und Hand am Degenknauf. Blickten die Mutter und Fieken nicht schon am Fenster nach ihnen aus? Er gab Theresen noch einige Verhaltungsmaßregeln; sie sollte sich nur nicht fürchten, sagte er tröstend, der alte Herr, nun ja, er habe seine Wunderlichkeiten, aber er sei kein Menschenfresser, — sei kein Menschenfresser, wiederholte er sich selbst innerlich staunend, wer hatte ihn denn je dafür gehalten, für einen Menschenfresser? — und man brauche ja nicht mit ihm zu leben. In wenigen Tagen würden sie wieder allein miteinander sein, sagte er, nur, nicht wahr, ein paar Stunden täglich während dieser kurzen Zeit müßten der Pietät zum Opfer gebracht werden und die Mutter, ach, die Mutter würde sich so freuen! Er redete so viele Worte der Beruhigung und der Vorbereitung, daß Therese endlich ganz verwundert zu ihm aufsah und sagte: „Aber, George, ich fürchte mich doch gar nicht!“ und er sich besann, freilich, er hatte nicht bedacht, daß Therese Heyne gewohnt war, mit den sonderbarsten alten Knaben zu plaudern, daß sie, —und war das nicht einer der Züge, die er so leidenschaftlich an ihr bewunderte? — eine kleine Dame von Welt war, gewohnt, sich in alle Situationen zu schicken. Kindlich genug betrachtete er ihre Eigenschaften als eine Verstärkung, eine Erweiterung der eigenen Person, — nun, der Vater würde sehen, der Vater würde staunen, was da endgültig aus ihm, George, geworden war, er würde es nicht mehr wagen …
Was würde er nicht mehr wagen? George wußte es bald selbst nicht mehr, was eigentlich er sich von diesem Besuch für eine Wirkung versprochen hatte, — etwa die einer Parade vor dem Feind, einer friedlichen Parade in voller Rüstung mit Fahnen, Standarten und blitzend neuen Waffen: Hier das Haus Forster junior auf immerdar? Da stand ein Riesenstrauß bunter Astern mitten auf dem runden Tisch und dahinter, rötlich wie der herbstliche Mond, leuchtete Reinhold Forsters massiges Gesicht unter dem schimmernden Toupet und selbstverständlich! er hatte auch einen blauen englischen Frack an und wie füllte er ihn aus mit Brust und Schultern! Da saß er, ließ seine großen Augen rollen, blies die Backen auf wie nur je und spielte dengalant-homme, sich herabneigend zu der kleinen zierlichen Schwiegertochter und seine gewaltige Hand auf ihre schmale legend, — und das schon in der ersten halben Stunde der Bekanntschaft! George, an der anderen Seite des Tisches zwischen Mutter und Riekchen sitzend, sich der Verpflichtung innerlichst bewußt, sein neues Glück in die erloschenen Augen der Mutter strahlen zu müssen, die an ihm hingen, fühlte eine nie geahnte Erregung des Herzens. Plaudernd und lachend, als hätte er Wein getrunken, rief er Therese an, sie möge seine Erzählung von der Hochzeit ergänzen, was für eine Robe hatte ihre Mama getragen, wie waren die allerliebsten Carmina gegangen, die ihre kleinen Stiefgeschwister rezitiert? Dies alles interessiere brennend die Damen. Zugleich wühlte er hastig, fieberhaft nach einer Frage, die er dem Vater wie eine Schlinge umwerfen könne, — ja, — wie war das mit seiner Promotion, was für Visiten waren zu machen, welcher Anzug war angebracht? Sonderbar bemüht, der Mittelpunkt des Kreises zu werden, kein Sondergespräch aufkommen zu lassen, redete er nach rechts und links, was ihm gerade in den Sinn kam, die Augen immer wieder beschwörend auf Therese gerichtet: einen Blick, ein kleines Freimaurerzeichen des Verständnisses, der Zusammengehörigkeit wollte er haben, — oh, aber nicht dies gleichmütige, abgleitende Lächeln! Verzweifelt machte er Anspielungen auf kleine gemeinsame Erlebnisse der letzten Tage: „Weißt du noch, in Weimar …?“sagte er, und „Therese, wie war die Aussicht aus unserem Fenster in Eisleben, du erinnerst dich, haha!“ erreichte aber nichts, als daß sie ihn erstaunt fragend und nachdenklich anblickte und daß Riekchen eifrig fragte: „Wie war das denn, erzähle doch!“ Allmählich verstummte er, zerbröckelte seinen Kuchen mit den Fingern und starrte vor sich hin aufs Tischtuch. „Mein Georgie,“ hörte er die Mutter neben sich und fühlte ihre leise Hand auf dem Ärmelaufschlag, „bist du nun froh?“
Er wandte ihr die Augen zu.
Der Vater neckte Therese. Der Vater nannte sie: „Frauenzimmerchen, charmantes, durchtriebenes!“ Der Vater reichte ihr mit Grandezza den Arm, um sie in den Garten zu führen. Die andern folgten. „Zwischen diesen ehrwürdigen Zeugen des Geistes,“ sagte Reinhold Forster im Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die Bücherborde deutend, „hat Ihr George seine ersten schüchternen Schritte auf dem Pfade der Wissenschaft getan!“ Alle waren stehengeblieben. Dort standen der Vater und Therese. Hier stand George, den Kopf ein wenig gesenkt, den Mund mit einem schmerzlichen Versuch zu lächeln halb geöffnet, die Augen schweifend; Mutter und Schwester hinter ihm in der demütigen Haltung liebender Einfalt. Der Vater aber legte den Arm plötzlich mit einer großen Gebärde um Therese, die mit einem gurrenden Lachen zu ihm aufsah, und mit der Linken erst auf sich selbst, dann auf den Sohn deutend, rief er mit dem alten wohlbekannten Dröhnen des Brustkastens: „Gegängelt, gegängelt, gegängelt ist er gegangen! Frauchen, Frauchen, nun kriegt Sie die Zügel in die Hand! — hat Sie auch die Forsche dazu?“
Versunken niederstarrend auf ein Beet mit Heilkräutern, sah er die beiden wieder stehen, mit den Köpfen nickend. Hatte nicht auch Riekchen, hatte nicht selbst die Mutter lachen müssen? Ein Scherz, mein Gott, ein Scherz im Familienkreise!
Er ging ins Haus zurück, von neuem betäubt durch diese Erinnerung, von der fürchterlichen Bedeutsamkeit, die sie in seinen Augen gewann, je öfter er sie hin- und herwandte: hier hatte er gestanden, allein, und dort — dort war Therese gewesen, — Therese neben dem Vater. — — —
Ein paar Stunden später am Fenster stehend, unfähig zu arbeiten unter dem fürchterlichen Druck des seelischen Schweigens, das zwischen ihm und Therese sich ausbreitete, einem ratlosen Zustandkörperlicher Angst hingegeben und mit einem Gefühl von Abneigung und Ekel das Treiben der Gänse um den Tümpel auf dem weiten grasbewachsenen Platz zwischen seinem Wohnhause, dem Universitätsgebäude und der blendenden Fassade der Kirche gegenüber beobachtend, — in diesem Augenblick sah er durch die weiße Verödung der Mittagsstunde aus der Richtung der Posthalterei her einen Mann stracks auf sein Haus zukommen, trat einen Schritt zurück, griff sich an die Stirn, lachte glücklich auf und stammelte: „Nun, endlich!“ obgleich er sich sofort dessen ganz bewußt war, daß nicht der geringste Anlaß vorlag, in diesem Manne den Schicksalsboten zu sehen. Als er eine Stunde später das Wohnzimmer betrat und sich Therese gegenüber am gedeckten Tische niederließ, war eine Frische und Straffheit in seinen Bewegungen und lag, während sie die Suppe löffelten, ein nicht zu bändigendes Lächeln auf seinem Antlitz, daß Therese schließlich nicht umhin konnte, die Lider zu heben. „Was gibt’s, Forster?“ fragte sie ein wenig gereizt, — freilich, buchte er heimlich, was hatte er auch fröhlich zu sein, wenn es ihr zu schmollen beliebte? — und „Was ist’s mit dem russischen Kapitän? Wieder einen Gast auf den Abend? Du weißt, ich habe nichts im Hause.“
Spielerisch, als sei er gänzlich unberührt von ihrem larmoyanten Ton, gab George lächelnd zur Antwort: „Oh, wie du willst, meine kleine Therese! Es ist ein Kapitän Mulowsky aus Cherson von der Marine der Kaiserin, und gewiß ein etwas verwöhnter Herr. Ich — werde mit der Langmayer sprechen, meinst du nicht? und zum Soupieren mit ihm hinübergehen. Sie wird sich’s zur Ehre anrechnen, denk ich.“
Therese, die an ihm vorbeigesehen hatte, wie ein trotziges Kind, blickte ihn plötzlich voll und mißtrauisch an: „Zur Langmayer? Aber geh du nur, — und verdirb dir wieder den Magen an ihrem fetten Zeug! Es ist eine Sache des Geschmacks, ob man sich dabei behagt oder nicht.“ Und da das milde Strahlen gar nicht aus Georges Augen weichen wollte, blickte sie ihn noch einmal prüfend und nicht begreifend an und sagte dann langsam, mit einem Unterton ungläubiger, zögernder Ahnung: „Georgie, — was — wollte dieser Kapitän?“
„Oh — nichts …“
George zerschnitt vergnügt das Fleisch auf seinem Teller, — „gar nichts weiter Besonderes. Er — hat mir im Namen der Kaiserin —nun etwa dreitausend Rubel Gehalt versprochen und Deckung aller meiner hiesigen Schulden …“
„O George — Georgie!“
„… wenn ich mich bereit erkläre, eine Entdeckungsexpedition nach der Südsee mitzumachen. Er brachte einen schmelzenden Empfehlungsbrief vom Ambassadeur mit. So ist es! Ja, Therese!“
Glückselig lachend breitete er beide Arme aus. „So ist es!“ rief er noch einmal, „so ist es! Oh, Therese, — das Leben ist mir neu geschenkt!“ Und im selben Atemzug neben ihr kniend, sie umschlingend: „Oh, vergib! Aber verstehe, verstehe! Dies, — dies ist noch einmal eine Tür ins Freie. Und ich komme wieder, ich komme wieder, Kleine, Geliebte, — und du wirst mich lieben und wir werden selig sein!“
Therese, seltsam über diese gestammelten Worte hinweglauschend, ihm zugewandt, die Hand auf seiner Schulter, sagte langsam: „Georgie, dies ist mir wie ein Traum.“ Und nach einem Stocken, während er lächelnd zu ihr aufsah: „Wie sagtest du? Dreitausend Rubel Gehalt? Wie — ist das zu verstehn, mein Georgie?“
„Oh,“ sagte er ein wenig erstaunt, „es war eine meiner Bedingungen, es war … Nun, ich werde jährlich zweitausend Rubel unterwegs ausgezahlt bekommen, — Liebe, — es ist eine Abwesenheit von drei bis vier Jahren vorgesehen …“ er legte mit zarter, ängstlicher Gebärde den Arm um sie.
„Zweitausend,“ wiederholte sie ein wenig ungeduldig, „nun, und — und …?“
„Tausend,“ sagte George irgendwie verwundert, „wirst du jährlich bei einem noch näher zu bestimmenden deutschen Bankier für deinen und unseres Kindes Unterhalt erheben. Du wirst in Deutschland leben, selbstverständlich!“
„Ach!“ Therese beugte sich vor, um ihn zu streicheln, — oder war’s, um ein sonderbares Lächeln zu verbergen, das haltlos um ihren Mund flackerte? „Wie gut von dir! Georgie, — aber wirst du denn auch eine Pension haben, wenn du zurückgekommen bist?“
„Ich werde mir die Hälfte meines Gehaltes auf Lebenszeit ausbedingen,“ erwiderte er, bemüht, ihren wandernden Blick zu fassen, „und“ — setzte er langsam hinzu — „komme ich nicht wieder, Therese, so sollst du diese Pension bis an dein Lebensende haben. So werde ich mich bemühen, es durchzusetzen.“
„Oh, Georgie, Georgie! Wer spricht davon?“ rief sie nun und preßte seinen Kopf an ihre Brust mit einem Aufschluchzen, wie ihn dünkte. „Oh, wie kannst du an so etwas denken? Es ist nur — der Vater, — er ist immer so penibel in derlei Fragen. Du weißt ja, damals, als du um mich angehalten hattest, eh du nach Wilna gingest, er wollte nicht, daß wir uns noch einmal sähen. Erinnerst du dich?“
„Ich erinnere mich“, sagte George, plötzlich von Bitterkeit übermocht.
„Es war,“ flüsterte Therese, „daß er meinte, du würdest mich nicht erhalten können. Er dachte, du würdest es bald selber einsehen, und dann würde es gut sein, daß wir uns nicht wiedergesehen hätten, weißt du. Ach, er sprach so viel von Versorgung und Pension, da ist das so in meinen törichten Kopf gekommen. Wie, Georgie, — du weißt doch, daß deine Therese keine Rechnerin ist?“
Spielend, zärtlich, flocht sie ihre Finger in seine. „Drei bis vier Jahre? Ach, George! Aber es gilt deinen Ruhm und die Wissenschaft! Du sollst sehen, wir werden tapfere Frauen sein, das Röschen und ich!“
George hatte sich erhoben. Er sah auf sie nieder mit seinem unsichern Blick gütevollen Staunens, er wandte sich ab, er schritt im Zimmer auf und nieder.
„Tapfer? Tapfer?“ dachte er ratlos, — „sie — freut sich ja! Sie freut sich — daß ich gehe …“
Sie freute sich nicht, daß er ging, befahl George nach einer Viertelstunde der Verzweiflung in seinem Kabinett seinem Herzen zu glauben, nachdem er sich an der alten Vorspiegelung gestärkt hatte: Therese ist ein Kind! Therese war ein Kind, und das Neue dieser Aussichten, die unfaßbare Veränderung des Daseins, die bevorstand, hatten sie verwirrt. Wie hatte er sich so täuschen können? „Der Mut meiner unvergleichlichen Therese unterstützt mich in allem,“ schrieb er gleich darauf am Schluß eines in fliegender Eile an seinen Schwiegervater hingeworfenen Briefes mit den Neuigkeiten dieses Tages und fügte ein Erkleckliches an Beruhigungssätzen über die Sicherung von Gegenwart und Zukunft hinzu. Oh, wie sehr recht hatte ein Vater, sich um das Glück seiner Tochter zu sorgen! Mein Röschen! dachte er in Bewegung. Nur ein Vater konnte ein Vaterherz verstehen! Indes, nun die Rührungen beiseite geschoben, es galt, sogleich an Sömmerring zu schreiben, den er dem Kapitän als begleitenden Arzt vorgeschlagenhatte, galt, Jubel auszuströmen in die Brust des Getreuen, der wie kein anderer begreifen würde, was dies hieß, was dies zu bedeuten hatte, als wissenschaftlicher Leiter mit unbeschränkten Vollmachten einer Expedition vorzustehen, die mit fünf Schiffen ausgerüstet als eine Kriegsflotte der Aufklärung gegen die Rätsel des Erdballs ziehen würde. Rausch und Taumel überkamen ihn bei der Versenkung in die Macht, die da auf einmal in seine Hände gelegt war. Einen Astronomen, Unterärzte, Zeichner, Jäger, Ausstopfer, Gärtnerburschen, ja vielleicht auch Bergleute galt es anzuwerben, — ha, jetzt sollte manch einer es erleben, daß er gut daran getan, dem Forster Dienste zu erweisen, daß der Forster sich zu erinnern verstand! Er beschloß und notierte es sich, daß er eine gehörige Summe fordern wollte, um seinen Mitarbeiterstab durch Verleihung kleiner Geschenke und Pensionen geschmeidig zu erhalten. Schlug er etwa den guten alten Wales in London — er würde doch noch leben? — als Astronomen, — den jungen, ihm so treu ergebenen Dr. Mayr in Prag als Botaniker vor? Und welche Aussicht, dem Bruder Karl eine Stelle alssurgeon’s matezu verschaffen, konnte er als Sömmerrings Gehilfe nicht Unschätzbares profitieren!? Der Vater, dachte George, schier atemlos von dem Wirbel seiner Gedanken, der Vater wird’s nicht zugeben! Und wie ein Wolkenschatten zog die finstere Gestalt des eifersüchtigen König Minos über die Gefilde seines Glückes. Gleich darauf riß er Schiebladen auf und begann, planlos Papiere herauszunehmen, durchzusehen, zu vernichten. Aber dies hat Zeit! dachte er plötzlich beschämt und tat alles wieder an seinen Ort. Besser war’s, eine Liste der zur Fahrt nötigen Bücher und Instrumente aufzustellen, oder mit allem Fleiß seine der russischen Regierung vorzulegenden Bedingungen noch einmal durchzuarbeiten, oder ein Verzeichnis der Gegenstände zu machen, die vor der Abreise hier zu verkaufen waren, — denn natürlich dachte er nicht daran, unnötigen Ballast in die befreite Zukunft hineinzuschleppen, und was war nicht alles Ballast in diesem Augenblick, — die Hälfte seiner Bücher und Sammlungen gewiß, und der größte Teil des Ameublements! Das alles würde in den nächsten Monaten für gutes Geld loszuschlagen sein, unter der Hand und ganz ohne Aufsehen, denn er mußte seine Vorbereitungen heimlich betreiben, bis die russische Regierung mit der Erziehungskommission abgerechnet und ihn losgekauft hatte, — Himmel, Therese würde doch nicht etwa schon mit der Langmayer geschwatzt haben! Er ranntehinüber, auch in dem unbewußten Verlangen nach Röschens kleinem Apfelgesicht, — wenn ich wiederkomme, dachte er mit jähem Erschrecken, ist mein Röschen fast sechs Jahre alt! Nein, Therese hatte mit keiner Seele geschwatzt, sie saß im Gärtchen, das Kind an der Brust, den Blick ganz still auf ein Beet voll blühenden Lavendels gerichtet. „Ichwilldoch nicht an den Vater denken und an seine ridikülen Passionen!“ dachte George, den es von jeher ein wenig verstimmt hatte, daß Therese die Vorliebe für dieses Kraut mit dem Alten teilte und daß denn dieser Duft der Duft aller guten und bösen Tage zu sein schien.
Therese hob den Blick zu ihm und da sah er, daß ihre Augen voll Tränen standen: „Wir kommen nach Deutschland, wir kommen heim!“ flüsterte sie gebrochen, und da war es auch um seine Fassung geschehen. Er kniete neben ihr, er küßte ihre Hände, das Röschen jauchzte und griff in seine Haare, sie lachten und weinten miteinander. „Alles wird gut, alles wird wieder gut!“ zog es befreiend durch sein Herz. Unendliches wollte besprochen sein, im Umsehen war der Abend da, und mit ihm noch einmal der Kapitän, zunächst zugeknöpft wie ein Engländer. Aber der Tee schmolz sein russisches Herz, er begann zu fabulieren; Katharina war seine Himmelskönigin und er wollte ihr den Erdkreis erobern. Er sei ein natürlicher Sohn des Fürsten Czernitscheff, des Vizepräsidenten des Admiralitätskollegiums, — oh, der Herr Geheime Rat sollte nur fordern, fordern, fordern, es würde alles unterschrieben werden. Drei Küsse besiegelten den Bund, als die zukünftigen Weggesellen sich trennten. „Dieser Mann“, sprach George noch vor dem Einschlafen in die Dunkelheit hinein, von seinem aufgewühlten Herzen getrieben, „wird mir Freund und Bruder werden. Ihn und unseren Sömmerring an meiner Seite wissend kannst du getrost mich ziehen lassen, Therese. Therese, — aber schläfst du denn schon?“
Nun, da er dem Abgott seiner Jugend geopfert hatte, in dem Augenblick, da die Übersetzung der Cookschen Reisebeschreibung als ein stattliches Konvolut bereit lag, an Spener abgesandt zu werden einschließlich seines Aufsatzes über jenen Tapferen, der mehr war als eine bloße Würdigung, der eine Huldigung war und ein Dank des armen kleinen George aus den fernen Tagen, — einschließlich auch der allergnädigst akzeptierten Widmung an des Kaisers Majestät zuWien, die Therese durchgesetzt hatte, — ja, als ob mit diesem Zeitpunkt das Schicksal freie Hand bekommen hätte, so hatte es ihn ergriffen und dorthin gestellt, wo sein Held gestanden hatte, mitten in ein Leben der Tatbereitschaft und des Wirkens. Er hatte so lange im Schweigen Gottes gelebt, daß er mit ungläubigem Staunen wahrnahm, wie alles sich so glatt abwickelte, wie die Kommission ihn, obschon mit unendlichen Ausdrücken des Bedauerns, der Höflichkeit und Versicherungen seiner Unersetzlichkeit losließ und das russische Geld einsteckte; daß er es kaum fassen konnte, als er die Kisten mit seinem persönlichen Eigentum, — — oh, welche Wäscheausstattung hatte Therese in den wenigen Wochen zustande gebracht! — nach Kopenhagen abfertigte, wo sie Mulowsky, mit seiner Flottille von Petersburg kommend, gleich an Bord nehmen sollte; daß ihm die Gedanken stockten bei der Vorstellung, daß, wenn er Therese nach Göttingen gebracht hatte, wo sie bei den Eltern bleiben sollte, er dann im Oktober zusammen mit Sömmerring nach London gehen und dort die letzten, wichtigsten Vorbereitungen treffen würde. Er, nun so großer Dinge gewürdigt, ward in diesen Wochen von einem blinden Triumphgefühl getragen, als habe er dies alles hart erkämpft und nicht nur — herangeduldet. Er vergaß alle seine körperlichen Leiden oder sie gingen unter in dem Aufstrom von Kraft, der durch seine Adern brauste. Er sang und pfiff bei der Arbeit, — ach,The Rakes of Mallowund Larry droben im Takelwerk! — seine Phantasie spielte, er spürte bis ins Mark den stählenden Atem der Wogen, roch Salzwind und Teer und Kaffeesäcke und fremde Hölzer, Gewürze und Tiere, sah vor Augen die wilden, schönen Menschen der Inseln, spürte ihre erregende Ausdünstung, dachte an die Starostin, an die Tatarin, lief zu Therese, um sie an sich zu pressen und ihr etwas ganz und gar Überflüssiges von dem häßlichen Kreischen der Papageien in den Urwäldern Surinams zu erzählen, von Schlingpflanzen, Affennestern, Giftschlangen und Vöglein Kolibris, die aus Becherblüten Honig tranken, sagte träumerisch und unverständlich: „Also so, — so war es dem Vater zumut, damals, als ich nichts begriff …“ und ward nur in den Nächten manchmal von Zaghaftigkeit überfallen, in den Nächten, wenn bei der süßen, leisen Musik der Atemzüge von Weib und Kind ihn die Vorstellung überkam, daß die großen Winde draußen über den Meeren tanzten und kein Erbarmen hatten und nicht wußten, daß einer zurückkommen mußte zu Therese und zu dem kleinen, kleinen Kinde.
Dann wieder überkam ihn das Glück ausschließlich in Gestalt der Vorstellung, daß diese Hölle von Wilna nun zu seinen Füßen lag, — „denn,“ sagte er in Langmayers runde Augen hinein, „eswareine Hölle für mich, Freund, und alle meine Anpassung an meine unwürdigen Verhältnisse nur eine Form der Verzweiflung.“
Langmayer, demütig zustimmend, wagte zu bemerken, daß jede Hölle ihm durch seine Miezi zum Paradiese werde, ein Argument, das George überhörte. Daß er nahe daran gewesen war, hier auch sein Paradies zu finden, wennschon nur in seiner Phantasie, nun, wen ging das etwas an? Er, der zurückgefunden hatte auf den harten männlichen Weg der Dalrymple und Cook, er hatte sein Paradies im Reich der Ideen und nicht zwischen Tisch und Bett. Er opferte sein Behagen der Wissenschaft, — wußte Herr Langmayer, was es damit auf sich hatte? Zugleich empfand er es Tag und Nacht mit einem Taumel des Entzückens, daß Therese einen neuen Menschen in ihm entdeckt zu haben schien, daß sie seine rastlose, beschwingte Tätigkeit mit einer heimlichen Bewunderung begleitete, die sich in kleinen Zärtlichkeiten Luft machte. Daß sie seine Pläne ausbauen half und sich nach seinem Sinne einrichtete, — so verzichtete sie ohne weiteres auf ihren Wunsch, die Jahre der Trennung in Gotha bei den Freunden Reichardt zuzubringen, da es ihm lieber war, sie in Göttingen zu wissen, — und er ging unter in der seligen Täuschung einer endlich erreichten, vollkommenen Vereinigung. Die Abschiedsvisiten lagen hinter ihnen, auch die letzte, feierlichste beim Fürsten Primas im Lustschloß Werki, eine Stunde vor Wilna, — sie verbrachten die letzte Nacht in den Gastbetten der guten Langmayers, sie konnten nicht einschlafen und zählten sich die Wonnen des Wiedersehens, die auf dem Wege bis nach Göttingen lagen, auf. Und hingerissen und verführt von der schelmischen Anmut, die die unbändige Freude ihr gab, in der hellen nordischen Sommernacht auf sie niederblickend, die in seinem Arm lag, sagte George in irgendeiner unbedachten Eingebung, so wie man ein Spielzeug vor einem Kinde tanzen läßt: „Nun, und Assad, — Assad! Therese?“ und erschrak gleich darauf vor dem Ernst, der auf ihre Züge fiel wie Reif.
„Assad?“ fragte sie langsam, „nun, — liebst denn du ihn nicht, George?“
„Assad ist mein Freund und Bruder, Kind!“ sagte George und küßte ihre Schulter, „ich weiß es ja, wem du gehörst …“
„Ich weiß es ja,“ wiederholte er tröstend und fragte sich zugleich, wen eigentlich er trösten müsse? — „wir beide lieben Assad, ja, wir beide!“
„Schwerlich, schwerlich!“ sagte George, denn ihm dünkte, dies müsse eine passende Antwort sein, auf das, was Lichtenberg soeben zu ihm gesagt hatte, etwas, das zweifellos den Inhalt gehabt hatte, daß die Familie Forster keinen Zeitpunkt hätte finden können, geeigneter zu einer festlichen Heimkehr nach Göttingen, als diese Tage des Universitätsjubiläums im September 1787 und des Taumels sämtlicher Fakultäten. Denn dies war’s doch, womit alle Menschen bisher ihre Gespräche mit ihm eingeleitet hatten, und was sollte Lichtenberg denn anders gesagt haben zu ihm, der hier an der Wand des Saales lehnte und allem Anschein nach entzückt in das Getriebe des Tanzes sah? Möglicherweise aber hatte Lichtenberg auch gefragt, warum er, George, nicht teilnähme am Tanz, und mit erhobener Stimme, um sich durch das Gefiedel der Musikanten hindurch verständlich zu machen, setzte er hinzu, während ein Lächeln an seinem Gesicht zerrte und er mit der Hand zur Schläfe fuhr, hinter der dieser boshafte Schmerz wieder einmal wütete: „Ich bin durch meinen Aufenthalt unter den Wilden denn doch um die Erwerbung einiger Vorzüge gekommen, Verehrtester, in deren Besitz der deutsche Europäer sich glücklich fühlt. So bin ich niemals konfirmiert worden und verstehe mich nicht auf die Kunst des Tanzens.“
„Ich stellte mir soeben vor,“ fuhr er einigermaßen geschwätzig fort und ließ seine brennenden Augen unruhig durch die Reihen der Tanzenden schweifen, „was für einen Effekt wohl der neuseeländische Hundetanz machen möchte, ausgeführt von den Greisen der vier Fakultäten, haha!“ Er nahm Lichtenberg am Arm und zog ihn mit sich fort. „Vergebung, Freund, ich habe heute abend ein wenig denspleenund meine Imagination ist schon wieder so ganz in der Südsee. Ich denke daran, daß ich bald die halbe Wölbung des Erdballs zwischen mein Weib und mich gelegt haben werde, und bedaure es ein wenig, nicht mit ihr tanzen zu können. Nehmen wir zusammen ein Glas Wein!“
„Nehmen wir ein Glas Wein! Nehmen wir es auf Georgia Augusta und auf Ihren neuesten Ehrendoktor! Den Sie sich wahrlich verdient haben, Freund, — oh, nicht allein durch das Faszikel diesersüperben Präparate magellanischer Pflanzen, um das Sie Ihre Sammlungen beraubt und die unseren bereichert haben! — auch nicht allein durch Ihren Vortrag, der freilichmagnifiquewirkte nach dem langweiligen Blumenbach! Immerhin danke ich den Göttern, daß wir den offiziellen Teil hinter uns haben!“ —
„Ich fragte Sie, lieber Freund, soeben nach dem jungen Eluyar, mit dem Sie, wie Therese mir erzählte, in Dresden zusammengetroffen sind, und Sie haben mir darauf ‚schwerlich, schwerlich‘ geantwortet“, hub Lichtenberg schmunzelnd von neuem an, als sie in einer Ecke des Nebenraumes saßen. „Sie haben mir sodann ausführlich Ihr Bedauern darüber geäußert, nicht tanzen zu können, und ich erwidere Ihnen nunmehr, sachlicher als Sie, daß ich dies Bedauern nicht teilen kann, und es nur mit Beifall begrüße, Sie gleich andern vernünftigen Männern ihre Lust beim Weine anstatt bei jenem würdelosen Gehüpfe suchen zu sehen. Der Tanz steht unter den Belustigungen den triebhaften Liebesspielen der Tiere am nächsten. Ihre Wilden bringen das zweifellos noch unbefangener zum Ausdruck als wir.“
„Sie wackeln mit dem Steiß und gehaben sich auch sonst sehr deutlich,“ sagte George und spähte düster nach der offenen Tür, an der die Paare bunt vorüberwirbelten, „aber unser Tanz ist im geheimen tausendmal schamloser, glauben Sie mir!“
„Und wie war’s mit dem jungen Eluyar?“ Lichtenberg blickte an ihm vorüber.
„Der junge Eluyar ist ein edler Mensch und mein Freund! Oh, Sie erinnern mich an göttliche Stunden“, George wandte sich dem andern nun voll zu. „Er war bei unserer Rückkehr aus dem Exil der erste Gruß eines geistigen Europa an mein verschmachtetes Herz! Gebildet im schönsten Sinne, feurig und dennoch gelassen. Ich hatte nicht erwartet, bei einem Spaniolen diese Gründlichkeit der Kenntnisse anzutreffen, diese Beschlagenheit auf allen Gebieten. Er war zudem in einer ähnlichen Lebenslage, wie ich — es kürzlich war,“ sagte George nun zögernder und starrte wieder nach der Tür, „soeben verheiratet und in den ersten Erfahrungen der Seligkeit mit einer geliebten Frau. Wir tauschten unsere Herzen aus …“
„Ihre Fähigkeit zum Enthusiasmus hat in Polen nicht gelitten.“
„Oh, er ist dort geschont worden und hatte keine Gelegenheit, sich abzunutzen, dieser Enthusiasmus. Freund, wie glauben Sie, daß mirzumute ist, wieder redliche Seelen um mich zu wissen und nicht mehr Jesuiten?“
„Ich würde an Ihrer Stelle mich dieser Gewißheit nicht allzu optimistisch überlassen,“ Lichtenberg kniff, seinen Wein kostend, vergnügt die Augen halb zu, „der Jesuitismus ist trotz Herrn Nicolai und der streitbaren Kurländerin weniger eine ausrottbare Ordensangelegenheit, als eine allgemeine Eigenschaft der menschlichen Natur. Der Jesuitismus ist“, sagte dieser Filou und bewegte schalkhaft den Zeigefinger, „sonderlich ein Grundbestandteil der weiblichen Natur und ein verheirateter Mann ist dem nun einmal ausgeliefert. Der Weise rechnet damit.“
„O, ich verkaufe meinen Glauben an das Herz nicht um Ihre Menschenkenntnis!“ rief George voll Bitterkeit und fuhr im selben Augenblick leicht zusammen. Wie von einer Woge der Musik hereingespült war aus dem Saal ein Paar in dies Kabinett geeilt und beim Anblick der beiden einsamen Zecher in plötzlichem Zaudern stehengeblieben, als hätte es den Ort verlassen geglaubt.
„Oh, Therese!“ sagte George sonderbar langsam und erhob sich schwerfällig, „du suchtest mich? Mein lieber Meyer, — nehmt doch Platz. Ihr — seid erhitzt, — Ihr wünscht etwas zu trinken?“
Und stehend neben seinem Stuhl verharrend, blickte er in unschlüssiger Hilflosigkeit auf Therese nieder, die da schon gegenüber von Lichtenberg saß, mit unruhigen Händen ihre Frisur ordnete und den leichten silbergestickten Schal um die zarten Schultern zog.
„Wir stören das erste Sichwiederfinden zweier schöner Geister, ich wette!“ rief sie aus und ließ ihre Augen zwischen Lichtenberg und George wandern.
„Warum stehst du so gebrochen da, mein Freund?“ Und bemüht, dieses sonderbare Gespräch stummer Blicke zwischen George und Wilhelm Meyer zu beenden, Meyern, der ebenfalls noch stand und sehr aufrecht mit einem rätselhaften Erzengellächeln seiner blauen Augen auf den in sich gebückten George sah, drängte sie: „So setzt euch doch! Wie ist dein Kopfweh, George? Ach, Assad, wenn du das Fenster schließen wolltest, dieser kühle Luftzug tut unserm Freunde unmöglich gut! Oh, unser deutscher Walzer, George, — was sind alle Mazurken dagegen! Du erlaubst doch, Lieber?“
Sie führte sein Glas an die Lippen, sie lächelte ihn an, ihre Hand suchte seine. Eine Woge von Entzücken sprengte den Reifen, der umseine Brust gelegen hatte; er lachte, er stürzte den Rest des Weines hinunter und setzte das Glas mit solchem Schwung und Nachdruck nieder, daß es zersprang. Er saß neben ihr, er hielt ihre Hand fest, er redete, eifrig, demütig: „Ich bin glücklich, dich hier zu wissen, Assad. Wenn der Ozean um mich brandet, wird der Gedanke mich stärken: Therese ruht im sicheren Hafen, treue Freunde schützen mein Weib und mein Kind.“
„Komm doch häufig zu uns, Teurer,“ sagte er in das seltsam ratlose Schweigen der anderen hinein, „sieh, wie wir leben, nimm dir ein Beispiel an unserm Glück! Ich werde dir dankbar sein, wenn du Therese auf ihren Spaziergängen begleitest, ich bin von meinen Reisevorbereitungen übermäßig in Anspruch genommen, — lies ihr vor, ich werde dabei sein, wenn ich kann. Höre, Assad, — aber du willst gehen, — warum geht er denn, Therese?“
Mit einer kurzen Entschuldigung war Meyer aufgesprungen und hinausgeeilt, in dem Augenblick, als die Musik aufhörte und die Menge der Tanzenden plaudernd und lachend hereinströmte. „Er scheint da doch irgendwo interessiert zu sein,“ sagte George, ihm nachblickend, „was meinst du, Therese, ist es eine von den Gatterers oder am Ende gar die gelehrte Dorothea?“ Aber da nun der alte Heyne, am Arm die Professorin Wrisbach, an den Tisch trat, den Schwiegersohn auf die Schulter schlug mit dem Aufruf: „Hier verbirgt sich das Turteltaubenpaar, ei, ei, da kann man freilich lange suchen!“ und: „So lob’ ich mir’s, Töchterchen, hast dempetit maîtreden Laufpaß gegeben und deinen Forster gesucht!“ so ward Therese der Antwort völlig überhoben.
Er wollte nicht zu Professor Büttner gehen, wie er daheim zu Therese gesagt hatte, er fühlte sich heute weder den Anforderungen einer gelehrten Konversation, noch der Hundeatmosphäre im Studio des Alten gewachsen. Er ging auch nicht zu Heyne. Ihm war nicht nach tabaksqualmumwölkten philologischen Erörterungen zumute und er hatte keine Lust, sich von jedem Besucher, — und immer waren dort Besucher! — auf die Schulter klopfen und beglückwünschen zu lassen, zu seiner Heimkehr aus Sarmatien, zu seinen Aussichten, zu — seinem Weibe. Warum überhaupt, meditierte er irgendwie erregt und weit ausschreitend, warum fühlte sich jetzt jedermann nicht nur gedrungen, sondern auch berechtigt, ihn auf die Schulter zu klopfen,sei’s im Ton der Rede oder mit der Gebärde? War er etwa jünger geworden, hatte er eingebüßt an Verdienst, an Haltung, an Würde? Warum hatte Karoline Michaelis, die nun des wackeren Böhmer Gattin und aus ihrem Klausthal am Harz nur vorübergehend nach Göttingen gekommen war, ihn gestern beim Wiedersehen im Hause Gatterer so besorgt betrachtet, so aufmunternd zu ihm gesprochen, als sei er mütterlicher Betreuung bedürftig? Und: „Guter Forster!“ hieß es allenthalben, „der gute Forster“ an allen Ecken und Enden, und: „Forster, mein Guter!“ rief ihn Therese über den Tisch hinüber an, oh, hatte er sich denn je im Leben dieser Bezeichnung weniger wert gefühlt, als gerade eben? „Karoline freilich“, schaltete er mit einem Aufatmen in seine Gedanken ein, „wird wohl jeden streicheln und betreuen wollen, dem sie ein wenig gut ist, — und ich glaube, sie war mir ein wenig gut, einst, ehe ich …“
Seine Gedanken wurden zu Vorstellungen. Er sah einen Frühlingsgarten, sah Therese, sah Karoline vor sich stehen. Zog er Vergleiche? Lächerlich! Sie war die Doktorin Böhmer, er war Theresens Gatte. — „Was bin ich noch?“ dachte er angestrengt, während seine Füße im Herbstlaub rauschten und sein Blick unruhig den Himmel suchte zwischen den entblätterten Wipfeln der Kastanien, und wußte im Hintergrunde seines Bewußtseins ganz wohl, welche Antwort er von seinen Gedanken erwartete, welches Spiegelbild er zu sehen wünschte. „Den jungen Forster“ etwa, wie einst, als diese Formel eine Vorstellung von Tapferkeit, Geist und Gunst der Götter ausdrückte, „den Pionier der Kultur“, gewiß! und den „Bannerträger der Aufklärung in die Nacht der Barbarei“. Indessen kam nur eine Antwort mit der Aufdringlichkeit eines repetierenden Uhrwerkes und seine eigene Einsicht ließ nicht ab, ihm zu versichern, er sei Theresens Gatte und Herrn Meyers Freund und Bruder.
„Zu viel der Ehren“, höhnte er sich selber und riß den Mantel am Halse auf, denn er fühlte seine Stirne feucht werden in der dampfenden Schwüle des warmen Oktobernachmittages. Er nahm den Hut vom Kopf und gesenkten Hauptes schritt er weiter. Es war die quälende Spannung, in der ihn die Erwartung einer Nachricht aus St. Petersburg hielt, einer Nachricht über die endlich erfolgte Ausreise des Kapitäns Mulowsky, die zugleich das Signal für seine und Sömmerrings Abreise nach London sein sollte, — diese quälende Spannung war es, an der sich seine Gedanken stauten. Nun warTherese mit dem Kinde untergebracht in der hübschen kleinen Wohnung bei Pastor Wagemann am Wall, seine Angelegenheiten waren geordnet, seine Koffer standen gepackt, er konnte jeden Tag aufbrechen. Aber anstatt der ersehnten Post kam böse Zeitung über böse Zeitung, die Welt summte von Kriegsgerüchten, England hatte den Krieg an Frankreich deklariert und hier, in dem sturmgeschützten Göttingen, saß er nun, bebend vor Ungeduld, und fühlte ohnmächtig die Verwicklungen europäischer Interessen, die alle Fürstenpläne wissenschaftlicher Art im Keime erdrosseln mußten. Wie, wenn Frankreich Anschluß an Rußland suchte, — wenn Katharina diesen Augenblick zur Überrumpelung der Pforte geeignet finden sollte? Nein, er selbst war wohl nicht mehr als ein gelegentlich nicht ohne Glück radotierender Kannegießer, aber hatte nicht ein Mann von politischem Weltblick wie Schlözer gestern bedenklich geäußert, es sei augenblicklich die unglaublichste Konjunkturin politicis, die je gewesen, Frankreich sei ganz von beiden Kaiserhöfen gewonnen, England aber habe vernehmlich ausgerufen, es würde nie zugeben, daß die Türken aus Europa vertrieben würden? Was würde dies alles ihn kümmern, wenn er nicht gewußt hätte, daß Katharina in Pallas mehr die Kriegsgöttin als die Beschirmerin der Wissenschaft ehrte, daß — nun kurz und übel, — sie einen wissenschaftlichen Plan mit Achselzucken aufgeben würde, wenn die Mittel dafür einem militärischen zugute kommen konnten! Hier saß er also, mußte sich einen guten Forster heißen lassen und hätte am liebsten jedem den Rücken gekehrt, der ihn fragte: „Nun und wann brechen Sie auf, wann reisen Sie, mein Bester?“ Der Betrachtungen anstellte über sein, des guten Forster, und über Theresens Los … Da hatte er nun um die Vermittlung Zimmermanns in Hannover nachgesucht, des Leibmedikus und ständigen Korrespondenten Katharinas, aber dieser Don Pomposo, wie ihn Lichtenberg nannte, regte sich nicht und rührte keine Feder. Ob er einmal nach Hannover fuhr? Wenn ihn doch niemand mehr fragen wollte, — wenn doch diese aufgeregten Briefe von Sömmerring ausbleiben möchten! Eine Arbeit, jawohl, das wäre Rettung! Kollegien belegen, Anatomie und Chemie treiben, jeder Minute abgewinnen, was sie nur bieten konnte! Doch hier lief er auf den Wällen von Göttingen spazieren, hier lief er, weil er es zu Hause nicht aushielt, weil da etwas Unsichtbares in der Luft lag, eine beständige Frage, eine Enttäuschung, ein Warten, — das Warten, daß er doch gehenmöge, wenn nicht in die Südsee, so doch wenigstens auf die Wälle! War es nicht so? Oh, Therese sprach es nicht aus, sie sprach es natürlich nicht aus, im Gegenteil … Aber war die einsame Wandrerin, die ihm dort entgegenkam, nicht die Doktorin Böhmer? Und während er vor der im raschen Gange Stockenden stehenblieb und sich verneigte, nicht wissend, daß die bitteren Gedanken der letzten halben Stunde sein Gesicht noch verzogen, erinnerte er sich, gestern empfunden zu haben, Karoline habe die sanften warmen Hände einer Schwester oder einer Mutter, erinnerte sich eines irrenden Wunsches, diese Hände auf seiner Stirn zu fühlen. Karoline lächelte an ihm vorbei: „So einsam, Freund, — und ohne ein Ziel? Oh, ich sah Sie von weitem kommen und Sie gingen nicht wie einer, der ein Ziel, kaum wie einer, der einen Ausgangspunkt hat.“
„Ich verstehe nicht ganz …“
„Oh, grübeln Sie nicht, es ist Spielerei mit Worten. Sehen Sie, ich habe einen Ausgangspunkt und ich habe ein Ziel, und mein Weg beschreibt den Kreis der Schlange, die sich in den Schwanz beißt: ich komme aus Klausthal und ich gehe wieder nach Klausthal. Sie aber, — Sie kommen aus der weiten Welt und gehen wieder — hinaus …“
„Habe ich nicht auch mein Klausthal?“ fragte er, sonderbare Unruhe im Herzen. Er hatte gewendet und schritt an ihrer Seite, langsamer nun, den Weg zurück, den er gekommen war. Sie ließ den Blick seitwärts gleiten.
„Oh, nennen wir es Klausthal, gut! Klausthal,“ sagte sie mit unerklärlichem Lächeln, „Klausthal ist ein Ort von großen Meriten, denn er betrachtet mich als sein Zentrum, sein schlagendes Herz. Klausthal, verstehen Sie, — mein Klausthal, — kann nicht leben ohne mich, und das ist’s, was mich an — Klausthal fesselt. Etwas, wie die Verantwortlichkeit eines Fürsten für ein ihm ergebenes Land. Nein, lieber Freund, — ich glaube, — ein Klausthal haben Sie nicht.“
George hörte und dachte: „Sanfte Stimme“ und „Oh, wie die gelben Blätter auf dem schwarzen Wasser schwimmen!“ Aber er antwortete nichts.
„Der Ort, der Ihnen Klausthal sein könnte oder den Sie dafür halten … Verzeihen Sie mir, ich liebe es, ein wenig zu phantasieren und bin kein gelehrtes Frauenzimmer wie Dortchen Schlözer“, unterbrach sie sich heiter und sah mit lachenden Augen auf in seine kummervoll forschenden. „Nun, ich habe etwas von den Ideen des HerrnKant über die Entstehung des Kosmos gehört und es hat mich amüsiert. Also Ihr Klausthal ist kein Granitfelsenort wie meins, sondern ein feuriger Stern, feurig und flüssig, noch nicht recht bewohnbar, ist’s nicht so? Ein Ort voller Eruptionen und Lavaströmen, — für einen Naturforscher recht interessant.“
„Oh, Karoline, dies war malitiös!“
„Lieber, Verehrter! Ich bin erschrocken. Es war nicht böse gemeint. Forster! Eines Tages taucht ein Eiland aus den dampfenden Wassern, — sanfte Matten …“
„Pisangwälder, ich weiß …“
„Apfelbäume, Blumen, heimische Wälder, oh, nichts Exotisches, Freund!“ plauderte sie eifrig, als erzählte sie einem Kinde von Weihnachten.
„Ein Haus?“ fragte er bittend.
„Ein Haus zwischen Hecken, es gehört dem Forster allein!“ tröstete sie strahlend.
„Ein Klausthal!“ murmelte er.
„Klausthal!“ bestätigte sie zögernd und ihre Augen gingen blicklos in die Ferne. Und plötzlich fragte er wie erwachend:
„Karoline, — sind Sie glücklich in — Klausthal?“
„Wie anders?“ sagte sie ruhig und unter der Tür ihres elterlichen Hauses reichte sie ihm lächelnd die Hand, „Forster, gibt es nicht für uns eine Verpflichtung zum Glück?“ — — —
Wohl, sie hatte ihm noch Abschiedsworte gesagt und dies, daß sie einander wiedersehen würden, in Jahren, alte und weise Leute geworden, wie es sich von selbst verstand. Was ihn aber bewegte, ihm, — oh, endlich, endlich einmal wieder! — den federnden Schwung der Gedanken gab, es war dies Wort von der Verpflichtung zum Glück. Er, ein Mensch ohne die Fähigkeit, eine Melodie annähernd richtig wiederzugeben, verdankte dennoch der Musik gelegentlich ähnliche Wirkungen, wie sie ihm jetzt durch dieses Wort geschehen waren: nach der Versenkung, ja nach dem schwelgenden Untertauchen in die Wehmut der Erinnerung an erlittene Unbill, das Aufströmen schmerzlichen Trostes, des Lebenwollens,trotzalledem. Oh, und welche Aufforderung zur ritterlichen Askese, welch herausfordernder Widerspruch zwischen Zustand und Gebärde lag in diesem Ausdruck, den die Freundin ihm spielend hingerollt hatte, wie einen Ball! Nun, — und sie selbst? Wie kam sie, die ewig Heitere, zu solchen Erkenntnissen?Aber danach fragte er jetzt nicht viel in seinem soldatischen Rausch der Leidens- und Sterbensbereitschaft unter blanker Montur und bei erklingendem Marsch. Ach, George, der kleine Knabe von dazumal, der das Spiel nie gekannt hatte und einen so sonderbaren Aufwand mit den Werkzeugen seiner Fronarbeit am Schreibtisch trieb, aus dem verzweifelten Hunger seiner Phantasie nach buntem Symbol heraus, — George, der Mann, er brauchte das tönende Wort. George stürmte vorwärts durch die engen dämmrigen Gassen, in denen Kinder lärmten und Frauen schwatzend vor den Haustüren standen, George fühlte dies, daß das Bewußtsein des eigenen Wertes allein zum Glück, zur Verachtung der äußeren Umstände, zur Haltung verpflichte, und in diesem Gefühl schon meinte er zu besitzen, was er wünschte.
Warum aber erlahmte sein Schritt, je näher er seiner Wohnung kam, warum stieg er die Treppe so zögernd, warum verharrte er auf demletzten Absatz, den goldlackierten Knauf des Geländers mit der Hand umklammernd, und sagte sich: „das Röschen freut sich, wenn ich komme, — das Röschen wird sich freuen …“ —
Sollte sie bis zu seiner Abreise warten, um sich in der Göttinger Gesellschaft einzuleben? Nun, war es nicht etwa freundlicher, er begleitete sie in die Häuser der Freunde und pflanzte sich Keime der Erinnerung an den verschiedenen Teetischen, damit sie erblühen und duften konnten, wenn er erst fort war? Sollten die Fakultäten und ihre Damen annehmen, er sei ein Tyrann und verlangte, sie sollte in der Heimat freiwillig das geistige Hungerleben von Wilna fortsetzen? Gewiß, das war seine Absicht doch nicht! Liebte er seine Therese? Hier wurde: Georgie! geflüstert mit einem gewissen Lächeln, das lockte und verhieß, und das ihn wehrlos machte, er wußte es wohl. Er glaubte diesem Lächeln. Er hatte Grund, ihm zu glauben, — aber warum war er denn nicht selig unter diesem lauen Sturmwind des Gefühls, der so jäh und stoßweise aus Therese aufgebrochen war und sein Blut fächelte? War es der nahende Abschied, der ihr Herz endlich in Wallungen brachte? Oh, aber dieser Abschied zog sich hin, kein Mensch konnte auch jetzt, zu Ende November, sagen, ob bis Weihnachten, bis zum Frühling oder bis übers Jahr. Katharina hatte den Türken den Krieg erklärt, dies war im Grunde so gut, wie die Gewißheit, daß dem wackern Mulowsky samt seinen fünf Schiffen eine andere Verwendung blühen würde, als jene Entdeckungsfahrt. Indessenblieben bestimmende Nachrichten aus St. Petersburg immer noch aus, und obwohl George in seiner verzweifelten Ungeduld bereits begonnen hatte, mit dem jungen Eluyar Verhandlungen über ein neues Projekt anzuknüpfen und sein Geist genußreich mit der Ausarbeitung der Forderungen beschäftigt war, die er im Falle des Gelingens der spanischen Regierung zu unterbreiten gedachte, so hing sein Herz doch immer noch mit schmerzlicher Hoffnung an dem Auftrag der Kaiserin, dessen Erfüllung ihm seines Rufes würdiger schien, als die Annahme einer höheren Beamtenstelle unter spanischem Regiment. Denn darum handelte es sich. Er sollte mit Weib und Kind als sachverständiger Erforscher der Bodenschätze nach den Philippinen gehen. Da er aber nun zu wissen glaubte, was er wert war und welcher Summen eine Regierung fähig war, die ihren Kopf auf einen bestimmten Mann gesetzt hatte, — oh, ihn konnte niemand mehr übervorteilen! — so forderte er so raffiniert und phantastisch, daß der junge Eluyar erschrocken zurückwich und dieser schöne Plan sich sogleich als totgeboren erwies. Abschied und Trennung also lagen im Nebel vor ihm, in ungewisser Entfernung, ja, möglicherweise barg dieser Nebel nichts, als ein Zusammenleben unter veränderten Umständen. Warum aber dann dieser Aufwand des Gefühls bei Therese? dachte George, ungläubig und mißtrauisch, reizbar geworden in der kaum noch erträglichen Erwartung einer Entscheidung. Warum dieser Singsang vom Morgen bis zum Abend wie in der ersten Wilnaer Zeit, diese heitere Geschäftigkeit um ihn her, da er nicht mehr gewöhnt war, daß nach seinen besonderen Wünschen gefragt wurde, — warum dieser angelegentliche Drang, sich mit ihm in Gesellschaft zu zeigen und, womöglich an seiner Seite sitzend, seine Hand festhaltend — mit — Meyer zu konversieren, der sich zu ihnen gesellte, ruhig, wie durch ein Naturgesetz bestimmt? Er fühlte das wohlbekannte erregte Beben dieser manchmal so hilflosen kleinen Hand, fühlte, wie die Pulse in ihr zuckten und tanzten, blickte ratlos auf, sah Meyers undurchdringliche Augen auf sich gerichtet, — auf sich und nicht etwa auf Therese, — und senkte den Kopf in ratloser Bestürzung, in quälender Beschämung für sie, die da zwischen ihnen plauderte und lachte und nun nach Meyers herabhängender Linken griff als würde ihre Hand magnetisch hingerissen. „Die Kette ist gebildet“, dachte George dumpf. Spürte sie denn nichts von den Strömen, die nun durch ihre Hände aufstiegen, hielt ihr Herz es aus, daß in ihm Haß gegen Haß zuckte?— Oh, aber da war kein Haß, wußte George, wieder zu Meyer aufblickend und erkennend: da war Mitleid, und ein sehr kühles Mitleid, und nur in ihm selber war dieses böse drohende Gefühl, das ihn jetzt hastig aufstehen ließ und Therese veranlassen, ihm zu folgen.
So war es an dem Abend bei Professor Michaelis gewesen, in dem Hause, das ihm lieb war durch irgendeine unbewußte Erinnerung an die ferne Karoline. „Du bist böse, Georgie?“ hatte Therese in der Dunkelheit des Heimwegs zaghaft gefragt, — woher kam ihr dies auf einmal, diese Zaghaftigkeit, ihr, die nie gezögert hatte ihn zu verletzen, weil eben sie es bisher noch nie für möglich gehalten hatte, daß ein Wort von ihr ihn verletzenkönnte, so sicher war sie immer ihres guten Willens gewesen? „Therese,“ sagte George gequält, „es ist dies, daß du dich auffallend viel mit Meyer abgibst. Kennst du denn nicht die Göttinger Klatschmäuler? Es ist nicht meinetwegen, bei Gott, — ich weiß ja, ich bin ja sicher …“ log er und dachte dabei: „Therese ist ein Kind, Therese wußte nicht, aber jetzt ahnt sie, wie es um sie steht, und wenn sie völlig zu sich kommt, was soll dann aus uns werden?“
Und wie um es zu verhindern, daß sie sich rechtfertigte, in tödlicher Angst vor Auseinandersetzungen, sagte er heftig:
„Ich bin um deinen Ruf besorgt, meine Teure, du verspielst mit ihm auch den meinen. Und es ist meine Pflicht, dich zu warnen.“
Die Stimme aus dem Dunkel neben ihm kam warm und süß, — so wie Theresens Gesicht und ihr Körper in diesen letzten Monaten erblüht waren wie Rosenduft im Juni, warm und süß: „Du selbst hast ihm und mir das Du vorgeschlagen und den geschwisterlichen Kuß erlaubt, Georgie, damals, an unserem Hochzeitsabend, erinnere dich. Und, oh, Georgie, — er ist mir wie ein Bruder und nennt mich seine Schwester, — und du ludest ihn ein, zu kommen, so oft er wollte, zum Essen täglich, und mir vorzulesen. Wo ist denn da das Böse, Georgie, — wo?“
Er schwieg, denn er erstickte den Schrei, der in ihm aufstieg. Therese, wußte er zerbrochen, hat noch nie geliebt bis jetzt. Und Therese ist dennoch mein Weib geworden, — und ich liebe sie. — —
Mulowsky schrieb so voll höflichen Bedauerns, Biedermann, der er war, und beteuerte am Schluß seines Briefes den Gewinn, den er trotz des Fehlschlagens dieser schönen Pläne durch die Bekanntschaftmit dem Begleiter und Freunde Cooks gehabt habe. George würde einen ähnlichen Brief in gefaßtem Tone zurückschreiben, er entwarf ihn in Gedanken, als er in der Dunkelheit des Dezemberabends den Weg nach Hause suchte, von Heyne kommend, dem er das endgültige Scheitern seiner großen Aussichten nun doch hatte mitteilen müssen, ehe dieser böse Tag ganz zu Ende ging. Er entwarf den Brief, fieberhaft bemüht, seinen Geist zu beschäftigen und nicht in der fürchterlichen Leere der Zukunft zerflattern zu lassen und einer Versuchung zur Empörung zu erliegen, auf die, er wußte es wohl, er kein Recht hatte, denn: wem wollte er denn diese Vorwürfe machen, die aus ihm quollen wie schwarze Galle, wem die wahnsinnige Verzweiflung seines Herzens vor die Füße werfen, daß dies nun wieder nichts sei, daß man ihn wieder genarrt habe, — der Kaiserin Katharina etwa? Er war doch kein Kind, das den Stuhl schlug, an dem es sich gestoßen hatte, — aber, oh, mein Gott, wer, wer hatte denn Schuld, daß er immer und immer auf Sandbänke fuhr, wenn er die Segel spannte? Denn dies war nicht mehr begreiflich ohne Schuld, dies war Verhängnis, Strafe, Gericht! Gott versagte sich ihm, Gott schwieg und setzte allen seinen Hoffnungen, — unschuldigen Hoffnungen gewiß, aus dem Willen zur Arbeit, zum Wirken, zur großen Tat geboren, — ein stummes hartes Nein entgegen, wie eine Mauer, an der er hin und her irrte, schreiend ein Tor in die Gnade begehrend. Ich habe, dachte er mit bitterer Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die Stimme überschrien, als sie leise zu mir zu sprechen begann, damals in Wilna, als ich in demütiger Handlangerarbeit anfing, mich glücklich zu fühlen. Denn dies ist’s, was er mir zugewiesen hat, Knechtschaft, und nicht Freiheit, leiden und nicht herrschen. Und wer mich anders sieht, der ist mein Feind! rief er halblaut, die geballte Faust gegen die Stirne pressend. Es gab keinen Menschen, der ihn so geliebt hatte, wie er wirklich war, — außer vielleicht der Mutter. Ach, die Mutter! Er ging nun ganz langsam, ganz gelöst, hingegeben an die Erinnerung der einzigen, still atmenden Liebe, die um ihn gewesen war, wie Frühlingssonne um den Baum. „Du wolltest nichts von mir,“ murmelte er, „du wolltest nichts, als geben dürfen…“ Und wäre dies nicht Glück? fragte er plötzlich, das Antlitz lauschend erhebend, als habe er von irgendwoher Anruf und Botschaft empfangen, — wäre — dies — vielleicht —dasGlück? — —
Ob er das Röschen nicht mit hinauf nehmen wollte, hörte er die Stimme der Pastorin Wagemann in die sonderbare Stille seines Herzens hinein fragen, kam zu sich und erkannte, daß er schon im Treppenflur des Hauses stand, auf dem Absatz vor der geöffneten Türe der Wagemannschen Küche, aus der heraus es festlich und schmalzkuchenhaft duftete. Die ganze Familie, um den riesigen Backsteinherd versammelt, schien sich dem Opferdienst der Zubereitung eines Silvestergebäcks zu weihen, selbst der Pastor stand da in Schlafrock und Pantoffeln und auf jedem Arm ein Kind, von denen eins das Röschen war und schlief, den kleinen Kopf vertrauend auf die Schulter des freundlichen Würdenträgers gelegt. Oh, die Demoiselle Tochter sei von der Liese heruntergebracht worden, die noch einen Gang machen zu müssen vorgegeben hatte, und die Frau Geheimrätin habe ja Besuch, kam die Erklärung der Pastorin, in der George irgend etwas störte. Er machte sich klar, daß es dies unnötig eingeschobene „ja“ sei, — die Frau Geheimrätin habe ja Besuch … Aber was lag denn nur in diesem unschuldigen Wörtchen, fragte er sich in der Erschöpfung seines Gehirns vergeblich, indem er, Dankesworte murmelnd, dem Pastor das Röschen abnahm und sich auf einem hölzernen Stuhl niederließ. „Oh, hier ist es warm,“ sagte er und blickte um sich, „und so wie zuhause, wissen Sie, als ich ein Knabe war.“
„Ich denke an Nassenhuben, wo mein Vater Pfarrer war“, erklärte er, bemüht, unausgesprochene Fragen zu beantworten, — wenn man ihn doch nur ein wenig verweilen lassen wollte, ein wenig Zeit gewinnen! Jener Besuch dort oben mußte doch gewiß jetzt gehen und dann brauchte man ihm nicht zu begegnen! — „Dort war die Küche auch so groß und niedrig und um den Rauchfang herum hingen die kupfernen Pfannen. Auch so ein Dreifuß stand manchmal über den Kohlen und der Schmalztiegel drauf“, sagte er zu dem ältesten Knaben, der an ihn herangetreten war und ihm ernsthaft zuhörte. „Nun, du bist schon groß und verständig, du mußt dem Herrn Papa wohl schon gehörig assistieren? Exzerptieren, katalogisieren, Manuskriptlein kopieren, — haha, jaja, ich kenne es, mein Sohn, wir kennen es!“
Seine Hand, die er hob, um den blonden Kopf zu streicheln, griff ins Leere. Der Knabe war einen Schritt zurückgewichen.