The Project Gutenberg eBook ofDas Leben TolstoisThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Das Leben TolstoisAuthor: Romain RollandEditor: Wilhelm HerzogTranslator: O. R. SylvesterRelease date: December 29, 2013 [eBook #44537]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker, Juliet Sutherland, Norbert H.Langkau, Jana Srna and the Online Distributed ProofreadingTeam at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LEBEN TOLSTOIS ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Das Leben TolstoisAuthor: Romain RollandEditor: Wilhelm HerzogTranslator: O. R. SylvesterRelease date: December 29, 2013 [eBook #44537]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker, Juliet Sutherland, Norbert H.Langkau, Jana Srna and the Online Distributed ProofreadingTeam at http://www.pgdp.net
Title: Das Leben Tolstois
Author: Romain RollandEditor: Wilhelm HerzogTranslator: O. R. Sylvester
Author: Romain Rolland
Editor: Wilhelm Herzog
Translator: O. R. Sylvester
Release date: December 29, 2013 [eBook #44537]Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Peter Becker, Juliet Sutherland, Norbert H.Langkau, Jana Srna and the Online Distributed ProofreadingTeam at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LEBEN TOLSTOIS ***
Romain Rolland
Mit sechzehn Abbildungen
Der Einband ist von Walter Tiemann
Neuerscheinung
Rütten & LoeningFrankfurt a. Main
Zur Einführung
Tolstois heldenhafter Lebenskampf spielt sich wie der Michelangelos in entsetzlicher Einsamkeit ab; denn auch er ist „einer der Gewaltigen der Menschheit, zu denen die Nachwelt in Ehrfurcht aufblickt, einer von denen, die Tröster fremder Einsamkeit waren, Sieger der Welt und arme Besiegte zugleich”. Tolstoi schafft sich sein Verhängnis selbst aus freiem, bewußtem Willen. Sein Peiniger ist das Gewissen, sein Dämon der unerbittliche Drang nach Wahrheit. Für alle schaffend, ist er mit sich allein, und leidend für seinen Glauben, leidet er für die ganze Menschheit. So zeichnet Rolland das Lebensbild Tolstois und gibt uns mit diesem erhebenden Buche aufs neue Trost und Stärkung in den schlimmen Nöten unserer Zeit.
RÜTTEN & LOENINGFRANKFURT A. MAIN
Tolstoinach einem Bildnis von Kramskoi
ROMAIN ROLLAND
DASLEBEN TOLSTOIS
HERAUSGEGEBENVONWILHELM HERZOG
1922
LITERARISCHE ANSTALTRÜTTEN & LOENINGFRANKFURT AM MAIN
Die Übersetzung ist von O. R. SylvesterDruck der SpamerschenBuchdruckerei in Leipzig
250 Exemplare wurden auf holzfreies Papier gedrucktund in Halbleder gebunden.
Romain Rolland hat es vor zehn Jahren — unmittelbar nach Tolstois Tode — unternommen, Leben und Werk eines der drei großen Männer darzustellen, die in Europa den Geist am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts tief beeinflußt haben. Dieses Dreigestirn leuchtet und glänzt noch heute unvermindert. Und die junge Generation blickt — obwohl drängendere aus dem Weltkampf geborene soziale Probleme gebieterisch Lösung fordern — zu den drei großen Fanatikern des Erkennens und Fühlens empor. Neben Nietzsche, dem dionysischen Kritiker, und Strindberg, dem durch alle Höllen dieser Welt Gejagten, steht Tolstoi, der Bekenner, Ankläger und Apostel. Ihre Stellung zu Christus kennzeichnet vielleicht am deutlichsten einen wesentlichen Teil ihres Ichs. Alle drei rangen mit ihm. Nietzsche wurde sein gefährlichster Feind (stolz nannte er sich den Antichristen); Strindberg haderte zeit seines Lebens mit ihm, unterwarf sich, beugte die Knie, um als Rebell wieder aufzustehen; nur Tolstoi fühlte sich eins, so eins mit ihm, daß er, ein russischer Junker des 19. Jahrhunderts, der Urchrist selbst zu sein sich vermaß.
Wer war er in Wirklichkeit? — Ein Mensch mit seinem Widerspruch. Kein ausgeklügelt Buch. Sohn eines zaristischen Offiziers und Rousseaujünger; Ketzer und Büßer; Bauer und Weltmann; schwächlich und zäh; ausschweifend und asketisch; eitel und demütig; hemmungslos und selbstkritisch; klarer Erkenner und ewiger Illusionist; anarchistisch und konservativ; Pionier und Reaktionär; Feind der Intellektuellen und selbst ein Geistiger; wild und zart; draufgängerisch und furchtsam; weise und kindlich. Lebenskräftigwie ein gesunder Bauer und von Selbstmordgedanken und Todessehnsucht gequält wie ein morbider Ästhet. Ein Phantast und der helläugigste Realist der modernen Literatur. Immer: ein Fanatiker, ein Besessener. Kurz: ein toller Kerl.
Wie hat ihn Rolland gesehen? — Er schreibt als einundzwanzigjähriger Pariser Student — in der Not seines Herzens — einen Brief an Tolstoi, den Sechzigjährigen, dessen Pamphlet gegen die Kunst und die Künstler gerade alle jungen, vor der Verlogenheit der Zeit und der Gesellschaft sich ekelnden Geister in Europa aufgerüttelt hatte. Tolstois Aufklärungsbroschüre „Was sollen wir denn tun?” hatte den jungen Rolland nicht genügend aufgeklärt. Er wollte mehr.
Das Ziel war schon damals: Einheit zwischen Leben und Denken. Aber wie? Der Wahrheitsrigorist, zu dem die jungen Sucher und Stürmer unter den ernsten Künstlern als zu ihrem Führer emporschauten, klagte die Kunst an, verachtete und schmähte die reinsten und mächtigsten Bildner, Beethoven und Shakespeare? Unüberbrückbarer Gegensatz. Wo war seine Lösung?
Tolstoi empfängt den Brief des aus seiner Gewissensqual um Hilfe flehenden jungen Rolland anders als der sechzigjährige Goethe das rührende Schreiben des Dichters der „Penthesilea”. Er antwortet ihm in einem achtunddreißig Seiten langen Schreiben, das mit den Worten beginnt: Lieber Bruder, ich habe Ihren ersten Brief empfangen. Er hat mich im Herzen berührt. Mit Tränen in den Augen habe ich ihn gelesen...” Die Mehrzahl seiner Fragen, erwidert Tolstoi, hätten ihre Wurzeln in einem Mißverständnis. Und er versucht noch einmal die von ihm gegen die Überschätzung der Kunst gerichtete Kritik dem jugendlichen Wahrheitsforscher auseinanderzusetzen. Schon in seiner Abhandlung hatte er sich gegen die fragwürdigen Verteidiger der Kunst mit den Worten gewandt: „Sagt mir nicht etwa, daß ich Kunst und Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern in ihrem Namen will ich die Tempelschänder verjagen.” Wissenschaft und Kunst seien so notwendig wie Brot und Wasser, sogar noch notwendiger. Aber daß sie ein Lügenleben führenwollen, daß sie den Dualismus zwischen Leben und Handeln fördern, daß sie sich zu „Mitverschworenen des ganzen bestehenden Systems gesellschaftlicher Ungleichheit und heuchlerischer Gewalttätigkeit” erniedrigen, daß sie als Forscher, Dichter, Künstler sich stets zu Stützen der gerade herrschenden Klasse degradieren, das ist es, was die Verachtung des Wahrheitsfanatikers hervorrief. „Die Betätigung von Wissenschaft und Kunst ist nur fruchtbringend, wenn sie sich kein Recht herausnimmt und nur Pflichten kennt... Die Menschen, die berufen sind, den anderen durch Geistesarbeit zu dienen, leiden immer in der Ausübung dieser Arbeit; denn die geistige Welt gebiert nur in Schmerzen und Qualen.” Das war es, was die jungen Künstler mit Tolstoi verband: sein Ernst, sein Leidenkönnen, seine Kompromißfeindschaft, seine Unbestechlichkeit, sein absoluter Wahrheitsrigorismus. Das war es, was den jungen Rolland zu Tolstoi hinzog, kurz nachdem er dessen aufwühlende Schrift 1887 gelesen hatte. Das war es, was ihn fast fünfundzwanzig Jahre später dazu drängte, das tragische Leben dieses im Grunde Einsamen zu malen.
Rolland ist kein Schönfärber. Er schminkt das Porträt seines Helden nicht an, um ihn liebenswerter oder heldischer wirken zu lassen. Er zeichnet und malt ihn mit all seinen Flecken, Runzeln, Häßlichkeiten, mit seinen Schwächen, Irrtümern und Lastern. Er macht keinen Popanz von Tugenden aus ihm. Sondern: er gibt diesen immer von Leidenschaften geschüttelten Menschen mit seinen erstaunlichen Gaben, Fähigkeiten, Vorzügen, mit seinem Reichtum an Ideen, Mut, Willenskraft, mit seiner Intensität zu denken, zu fühlen, zu arbeiten, und er gibt den Schwächling, den Schwankenden, den Verzweifelnden, der sich selbst verachtet, den leichtfertig Urteilenden, der irrt und übertreibt, den Ungerechten, der sich einbildet, immer gerecht zu sein. Kurz: den Menschen Tolstoi in seinen Höhen und seinen Niederungen.
Was Tolstoi für die junge Generation Frankreichs und Deutschlands um 1890 geworden war, das wurde nicht wenigen unter uns Romain Rolland während der Jahre 1914-1918: der erste Bekenner,der Aufrüttler, der Feind dieser wahnwitzigen „Ordnung”, die Stimme des Gewissens in Europa. Und wie er zu Tolstoi in seiner Not pilgerte, so wallfahrteten zu ihm Hunderte und Tausende, die sich in dieser Welt nicht mehr zurechtfanden. Er enttäuschte sie nicht. Er antwortete ihnen, wie einst Tolstoi ihm geantwortet hatte. Unbeirrbar blieb sein Kampf.
Tolstoi und Rolland. Zwei Verwandte im Geiste, und zwei durch Rasse, Generationen und Welten Getrennte. Der 1828 im Gouvernement Tula geborene Graf und der 1866 als Sohn eines Notars im burgundischen Departement Nièvre auf diese Welt gekommene Rolland sind als Künstler, Moralisten, Geistesmenschen so verschieden voneinander wie die russische Steppe vom Acker Frankreichs. Und dennoch durchströmt beide ein und derselbe menschliche Geist, die Liebe zur Vernunft und der Wille zur Güte. Es ist der Geist der Befreiung des Menschen aus jahrtausendelanger Knechtschaft unter der Tyrannei der Lüge und der Heuchelei, der Geist der Welterneuerung. Sie gehören zu seinen edelsten und mächtigsten Kündern.
Und dennoch... Rolland hat recht, wenn er am Ende seines „Tolstoi” die melancholische Frage aufwirft, woran es lag, daß der unerbittliche Apostel der Menschenliebe sein eigenes Leben nicht vollständig mit seinen Grundsätzen in Einklang bringen konnte. Hier berühren wir die empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre, stellt Rolland fest. Wir dürfen heute um so weniger daran vorübergehen: nach dem Ungeheuerlichen der letzten Jahre. Worin wurzelte dieser Dualismus dieses unerbittlichen Geistes, der wie kein zweiter die Identität von Geist und Tat forderte?
Er hat es selbst einmal angedeutet. Erst als Vierundfünfzigjähriger — im Jahre 1882 — bei einer Volkszählung, an der er mitwirkte, sah er das soziale Elend, in dem die Massen der großen Städte leben müssen, in nächster Nähe. Rolland schreibt: „Der Eindruck, den es auf ihn machte, war erschreckend. Am Abend des Tages, an dem er zum erstenmal mit dieser verborgenen Wunde der Zivilisation in Berührung gekommen war und einem Freunde erzählte, was er gesehen hatte, hub er an, zu klagen, zu weinen und die Faust zu ballen.”
Er blieb zwar bei diesen Gefühlsausbrüchen gegen das Unrechtnicht stehen. Im Gegenteil: er erkannte bereits, daß die Elenden die Opfer jener Zivilisation waren, an deren Vorrechten er teilhatte, „jenes Molochs, dem eine auserwählte Kaste Millionen von Menschen opferte”. „Und Glied um Glied entrollt sich ihm” — schreibt Rolland — „die fürchterliche Kette der Verantwortlichkeit. Zunächst die Reichen und das Gift ihres verfluchten Luxus, der lockt und verdirbt”. Das fürchterlichste und unaufschiebbare Problem unserer Tage hat Tolstoi also gesehen, aber nicht zu Ende durchgedacht, sondern nur schmerzhaft gefühlt. Mit der Leidenschaft seines Herzens sah er die Verbrechen und Lügen der Zivilisation. Er suchte ihnen durch Anklage und schonungslose Kritik beizukommen. Ja, in einem von Rolland zitierten Briefe aus dem Jahre 1887 glaubt er urplötzlich den Kern des Problems mit der genialen Intuition, die ihm eigen war, zu entdecken: „Das ganze Übel von heute kommt daher, daß die sogenannten zivilisierten Leute, denen die Gelehrten und Künstler zur Seite stehen, eine privilegierte Klasse sind, wie die Priester. Und diese Kaste hat alle Fehler einer jeden Kaste.”
Tolstoi hat aus dieser Erkenntnis keine Folgerungen gezogen. Er blieb ein anarchistischer Individualist (mit stark kommunistischen Zügen). Einer, der gegen die cyklopischen Mauern dieser wahnwitzigen Gesellschaft immer wieder anrennend sich verschwendete und der sich schließlich aufrieb... Ein furchtloser Unterminierer der verlogenen und verbrecherischen „Kultur”.
Er aber, der Seher einer neuen Kunst für eine Menschheitsgemeinschaft, einer Kunst also, die nicht mehr Eigentum einer einzelnen Klasse sein wird, blieb mit sich allem, verlassen von seinen Nächsten, unzufrieden mit sich selbst... Er ging in die Wüste...
WILHELM HERZOG
Das Licht, das mit Tolstoi erlosch, war für unsere Generation das klarste, das unsere Jugend erhellte. In der schwerumschatteten Dämmerung zu Ende des 19. Jahrhunderts war er der trostbringende Stern, dessen Anblick unsere Seelen anzog und ihnen Frieden gab. Aus dem Kreis derer, für die Tolstoi weit mehr war als ein verehrter Dichter, für die er der beste — und für viele der einzige wirkliche — Freund in der ganzen europäischen Kunstwelt war, möchte ich diesem geheiligten Andenken meinen Zoll der Dankbarkeit und Liebe entrichten.
Die Tage, da ich seine Werke kennenlernte, werden nie aus meinem Gedächtnis schwinden. Es war 1886. Nach einigen Jahren stillen Keimens brachen die wunderbaren Blüten russischer Kunst aus dem Boden Frankreichs hervor. Die Übersetzungen Tolstois und Dostojewskis erschienen mit fieberhafter Hast gleichzeitig in allen Verlagshäusern. Von 1885-1887 wurden in Paris „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”, „Kindheit und Knabenalter”, „Polikuschka”, „Der Tod des Iwan Iljitsch”, „Geschichten aus dem Kaukasus” und die „Volkserzählungen” veröffentlicht. Innerhalb einiger Monate, einiger Wochen, breitete sich vor unseren Augen das Werk eines ganzen großen Lebens aus, in dem sich ein Volk, eine neue Welt spiegelte.
Ich war damals gerade in die „Ecole Normale” eingetreten. Wir Kameraden waren sehr verschieden voneinander. In unserer kleinen Gruppe, die realistische und ironische Geister wie den Philosophen George Dumas, Dichter, die in Liebe zur italienischen Renaissance glühten, wie Suarès, Anhänger der klassischen Tradition, Stendhalianer und Wagnerianer, Atheisten und Mystiker umfaßte, in dieser Gruppe gab es häufig Wortgefechte, kamen häufig Mißstimmungen auf; aber während einiger Monate einte uns die Liebe zu Tolstoi fast alle. Jeder liebte ihn zweifellos aus einem anderen Grunde; denn jeder fand sich selbst in ihm wieder, und für alle war er die Pforte, die ins unermeßliche All führte, die Offenbarung des Lebens. Um uns her, in unseren Familien, unseren Provinzen erweckte die gewaltige Stimme, die von den äußersten Grenzen Europas her ertönte, zuweilen ganz unerwartet, dieselben Sympathien. Ich entsinne mich, daß ich einmal zu meinem größten Erstaunen Leute aus meiner Niverner Heimat, die sich keineswegs für Kunst interessierten und fast nichts lasen, mit verhaltener Rührung über den „Tod des Iwan Iljitsch” reden hörte.
Ich habe bei hervorragenden Kritikern die Behauptung gelesen, Tolstoi verdanke seine besten Eingebungen unseren romantischen Schriftstellern: George Sand undVictor Hugo. Ohne darüber zu streiten, daß man wohl kaum von einem Einfluß der George Sand auf Tolstoi sprechen kann — zumal da er sie nicht ausstehen konnte —, und ohne den viel tatsächlicheren Einfluß, den Rousseau und Stendhal auf ihn ausübten, zu leugnen, wäre es doch falsch, die Größe Tolstois und seine Macht, uns zu fesseln, seinen Ideen zuschreiben zu wollen. Der Ideenkreis, in dem sich seine Kunst bewegt, ist eng begrenzt. Tolstois Stärke beruht nicht in den Ideen, sondern im Ausdruck, den er ihnen gibt, in dem persönlichen Ton, der Prägung des Künstlers, der Atmosphäre, in der er lebt.
Ob die Ideen Tolstois entlehnt waren oder nicht — wir werden später noch darauf zurückkommen —, es ist noch niemals in Europa eine Stimme erklungen, die seiner gleich gekommen wäre. Wie anders sollte man den Schauer der Erregung erklären, der uns damals befiel, als wir diese Seelenmusik hörten, auf die wir so lange gewartet hatten und die uns so sehr not tat. Die Mode sprach bei unserem Gefühl nicht mit. Die meisten von uns, auch ich, lernten das Buch von Eugen Melchior de Vogüé über den russischen Roman erst kennen, nachdem sie Tolstoi gelesen hatten; und seine Bewunderung erschien uns matt im Vergleich zu unserer. De Vogüé urteilte hauptsächlich als großer Literaturkenner. Aber für uns genügte es nicht, das Werk zu bewundern, wir lebten es, es war unser. Unser durch seinen brennendenLebenshunger, durch sein jugendliches Fühlen. Unser durch seine Ironie, die uns die Binde von den Augen nahm, durch seinen schonungslosen Scharfblick, sein Wissen um den Tod. Unser durch seine Träume von brüderlicher Liebe und Frieden unter den Menschen. Unser durch seine furchtbare Anklage gegen die Lügen der Zivilisation. Durch seinen Realismus und seinen Mystizismus. Durch seinen Erdgeruch, seinen Sinn für die unsichtbaren Mächte und sein Erschauern vor dem Unendlichen.
Diese Bücher sind vielen von uns das gewesen, was der „Werther” seiner Generation war: der wundervolle Spiegel unserer Liebeskräfte und unserer Schwächen, unserer Hoffnungen, unserer Schrecken und unserer Entmutigungen. Es machte uns weder Sorge, alle diese Widersprüche in Einklang miteinander zu bringen, noch diese vielgestaltige Seele, in der das Weltall widerhallte, in enge religiöse oder politische Kategorien zu zwängen, wie es die meisten tun, die in letzter Zeit über Tolstoi gesprochen haben, weil sie sich nicht von dem Streit der Parteien freimachen konnten und ihn nach der Stärke ihrer eigenen Leidenschaften, nach dem Maßstab ihrer sozialistischen oder klerikalen Kreise beurteilten. Als ob unsere Kreise den Gradmesser für ein Genie abgeben könnten!... Was gilt es mir, ob Tolstoi meiner Partei angehört oder nicht! Kümmert es mich, zu welcher Partei Dante und Shakespeare gehörten,wenn ich einen Hauch ihres Geistes spüre und ihr Licht in mich aufnehme?
Wir sagten uns keineswegs wie diese Kritiker von heute: „Es gibt zwei Tolstoi, den vor dem Wendepunkt und den nach dem Wendepunkt; der eine ist der gute, und der andere ist es nicht.” Für uns gab es nureinen, und wir liebten ihn restlos. Denn wir fühlten instinktiv, daß in solchen Herzen alles übereinstimmt, alles in Verbindung miteinander steht.
Was wir mit dem Instinkt fühlten, ohne es uns erklären zu können, das soll unser Verstand heute beweisen. Heute können wir es, nachdem dieses lange Leben sein Ende erreicht hat und sich den Augen aller unverschleiert mit beispielloser Offenheit und Aufrichtigkeit darbietet. Was uns sofort auffällt, ist, wie sehr sein Leben sich von Anfang bis zu Ende gleich blieb, trotz der Schranken, die man von Strecke zu Strecke hat aufrichten wollen, — trotz Tolstoi selbst, der, wenn er liebte, wenn er glaubte, wie alle leidenschaftlichen Menschen geneigt war zu meinen, daß er zum erstenmal liebe, zum erstenmal glaube, und jedesmal von da ab den Anfang seines Lebens datierte. Den Anfang und immer wieder den Anfang. Wie oft hat sich dieselbe Umwälzung, derselbe Kampf in ihm abgespielt! Man kann nicht von der Einheit seines Denkens sprechenes gab nie eine solche —, wohl aber von dem Vorhandensein der verschiedenen Elemente in ihm, die bald miteinander verbündet, bald einander feindlich, öfter aber einander feindlich waren. Die Einheit beruht weder im Geist noch im Herzen eines Tolstoi, sie beruht im Kampf der Leidenschaften in ihm, in der Tragödie seiner Kunst und seines Lebens.
Kunst und Leben sind vereinigt. Nie waren Werk und Leben inniger vermählt; das Werk hat beinahe durchgängig autobiographischen Charakter; von seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr an läßt es uns Tolstoi Schritt für Schritt in den widerspruchsvollen Erfahrungen seiner abenteuerlichen Laufbahn verfolgen. Sein Tagebuch, das er vor seinem zwanzigsten Jahre begann und bis zu seinem Tode1fortgeführt hat, die Angaben, die er Birukow2zu dessen bedeutender Tolstoibiographie machte, vervollständigen diese Kenntnis und geben uns nicht nur Gelegenheit, beinahe Tag für Tag in Tolstois Innerem zu lesen, sie lassen uns auch die Welt, in der sein Genie wurzelte, und die Seelen, von denen seine Seele zehrte, wiedererstehen.
Ein reiches Erbe. Von beiden Seiten ein sehr vornehmes und sehr altes Geschlecht — die Tolstoi und die Wolkonski —, die sich rühmten, bis auf Rurik zurückzureichen, und ihren Stammbaum auf Waffenbrüder Peters des Großen, auf Generäle aus dem Siebenjährigen Krieg, Helden aus den napoleonischen Kämpfen, Dekabristen und politische Verbannte zurückführten. Familienerinnerungen, denen Tolstoi einige seiner eigenartigsten Gestalten in „Krieg und Frieden” verdankt: der alte Fürst Wolkonski, sein Großvater mütterlicherseits, ein später Repräsentant jener von Voltaireschem Geist durchsetzten, selbstherrlichen Aristokratie zur Zeit Katharinas II.; Fürst Nikolaus Gregorewitsch Wolkonski, ein Vetter seiner Mutter, der bei Austerlitz verwundet und vor den Augen Napoleons vom Schlachtfeld aufgelesen wurde wie der Fürst Andrej; sein Vater, der einige Züge von Nikolaus Rostow3hatte; seine Mutter, die Prinzessin Marie, die sanfte Häßliche mit den schönen Augen, deren Güte „Krieg und Frieden” durchleuchtet.
Er kannte seine Eltern kaum. Die reizenden Schilderungen in „Kindheit und Knabenalter” enthalten, wie man weiß, wenig Tatsächliches. Seine Mutter starb, als er noch nicht zwei Jahre alt war. Er konnte sich demnach nicht des geliebten Angesichts erinnern, das sich der kleine Nikolaus Irtenjew durch einen Schleier von Tränen hindurch heraufbeschwört, jenes Angesichts mit dem strahlenden Lächeln, das Freude um sich verbreitete...
„Ach, wenn ich dieses Lächeln in schweren Augenblicken sehen könnte, dann wüßte ich nicht, was Kummer ist...”4.
Aber sie vererbte ihm zweifellos ihren vollkommenen Freimut, ihre Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung und, wie man uns versichert, ihre wundervolle Begabung, selbsterfundene Geschichten zu erzählen.
An seinen Vater hatte er immerhin einige Erinnerungen. Er war ein liebenswürdiger Spötter mit traurigen Augen, der in unabhängiger Stellung und bar jeden Ehrgeizes auf seinen Gütern lebte. Tolstoi war neun Jahre alt, als er ihn verlor. Dieser Todesfall „brachte ihm zum erstenmal die rauhe Wirklichkeit zum Bewußtsein und erfüllte sein Herz mit Verzweiflung”5. Es war das erste Zusammentreffen des Kindes mit dem Schreckgespenst, dessen Bekämpfung ein Teil seines Lebens und dessen Verklärung und Verherrlichung der andere gewidmet sein sollte... Spuren dieser Angst kommen in einigen unvergeßlichen Zügen der letzten Kapitel der „Kindheit” zum Ausdruck, wo die Erinnerungen auf die Erzählung vom Tode und vom Begräbnis der Mutter übertragen sind.
In dem alten Hause in Jasnaja Poljana6blieben fünf Kinder zurück, in dem Hause, in dem Leo Nikolajewitsch am 28. August 1828 geboren wurde, und das er, nur um zu sterben, erst zweiundachtzig Jahre später verlassen sollte. Das jüngste, ein Mädchen, namensMarie, die später Nonne wurde (bei ihr suchte der sterbende Tolstoi ein Obdach, als er seinem Hause und den Seinen entfloh). — Vier Söhne: Sergius, ein liebenswürdiger Egoist, „aufrichtig bis zu einem Grade, wie ich es niemals gesehen habe”. Dmitri, ein verschlossener Mensch voller Leidenschaft, der sich später als Student mit Ungestüm religiösen Übungen hingab, unbekümmert um die öffentliche Meinung, der fastete, den Armen half, den Siechen Zuflucht gewährte, sich aber plötzlich mit derselben Heftigkeit der Ausschweifung in die Arme warf, dann, von Reue zernagt, ein junges Mädchen, das er aus einem öffentlichen Hause kannte, loskaufte und bei sich aufnahm, und der mit neunundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb7. — Nikolaus, der Älteste, der Lieblingsbruder, der von der Mutter die Begabung, Geschichten zu erzählen, geerbt hatte8, ironisch, schüchtern und feinfühlig veranlagt, später Offizier im Kaukasus, wo er sich das Trinken angewöhnte. Auch er war voll christlicher Nächstenliebe, lebte in den bescheidensten Verhältnissen und teilte mit den Armen alles, was er hatte. Turgenjew sagte von ihm, daß er „jene Demut dem Leben gegenüber in die Praxis übertrug, die sein Bruder Leo in der Theorie zu entwickeln sich begnügte”.
Im Hause dieser Waisen waren zwei großherzige Frauen. Die eine war die Tante Tatjana9, die, wie Tolstoi sagt, „zwei Tugenden besaß: Ruhe des Gemütsund Liebe”. Ihr ganzes Leben war nichts als Liebe. Sie opferte sich unaufhörlich...
„Durch sie habe ich die sittliche Befriedigung, die Liebe gibt, kennengelernt.”
Die andere war die Tante Alexandra, die allen half und nie Hilfe wollte, die ohne Dienstboten auskam, und deren Lieblingsbeschäftigung darin bestand, Lebensbeschreibungen von Heiligen zu lesen und sich mit Pilgern und „Einfältigen” zu unterhalten. Von diesen „Einfältigen” lebten mehrere im Haus. Eine von ihnen, eine alte Wallfahrerin, die Psalmen leierte, war die Patin von Tolstois Schwester. Ein anderer, der „Einfältige” Grischa, konnte nichts als beten und weinen...
„O, guter Christ Grischa! Dein Glaube war so stark, daß du die Nähe Gottes fühltest, deine Liebe war so heiß, daß deine Worte den Lippen entschlüpften, ohne daß dein Verstand sich Rechenschaft darüber gab. Und da du Gottes Herrlichkeit verehrtest und nicht Worte dafür fandest, warfst du dich tränenüberströmt zu Boden!”10
Wer sähe nicht den Anteil, den alle diese bescheidenen Seelen an der Entwicklung Tolstois hatten? Es ist, als ob eine von ihnen das Vorbild zum Tolstoi der letzten Jahre abgegeben habe. Ihre Gebete, ihre Liebe legten in den Geist des Kindes die Saatkörner des Glaubens, deren Ernte der Greis reifen sehen sollte. Außer von dem„Einfältigen” Grischa spricht Tolstoi in seinen Erzählungen aus der „Kindheit” nicht von diesen bescheidenen Mitarbeitern, die seine Seele aufbauen halfen. Aber wie leuchtet dafür diese Kindesseele durch das ganze Buch, „dieses reine und liebevolle Herz, gleich einem hellen Strahl, das immer bei den anderen die besten Eigenschaften herausfand”, diese außergewöhnliche Empfindsamkeit! Ist er glücklich, dann denkt er an den einzigen Menschen, den er unglücklich weiß, er weint und möchte sich für ihn aufopfern. Er umarmt ein altes Pferd und bittet es um Verzeihung, daß er ihm Leid zugefügt hat. Er ist glücklich zu lieben, selbst wenn er nicht geliebt wird. Schon bemerkt man den Keim seines späteren Genies, seine lebhafte Einbildungskraft, die ihn bei seinen eigenen Geschichten zum Weinen bringt, sein immer arbeitendes Hirn, das stets zu ergründen sucht, an was die Leute denken, seine frühreife Beobachtungsgabe und sein weit zurückreichendes Gedächtnis11, den aufmerksamen Blick, der mitten in seiner eigenen Trauer die Gesichter auf die Echtheit ihres Schmerzes prüft. Mit fünf Jahren fühlte er, wie er sagt, zum erstenmal, daß „das Leben kein Vergnügen, sondern ein ernstes Geschäft ist”12.
Glücklicherweise vergaß er es wieder. Zu jener Zeit vertiefte er sich in volkstümliche Erzählungen, in russische Bylinen, jene mythen- und sagenhaften Träume, in biblische Geschichten — vor allem die erhabene Josephslegende, die er als alter Mann noch als das Muster aller Kunst bezeichnet, — und in Geschichten aus „Tausendundeine Nacht”, die jeden Abend im Hause seiner Großmutter ein blinder Erzähler, auf dem Fenstersims sitzend, vortrug.
Er studierte in Kasan13mit mäßigem Erfolg. Man sagte von den drei Brüdern14: „Sergius will und kann, Dmitri will und kann nicht, Leo will nicht und kann nicht.”
Er machte die Zeit durch, die er „die Wüste der Jugend” nennt, eine Sandwüste, über die stoßweise sengende Winde wehen. Die Geschichten aus den Knaben- und Jünglingsjahren sind reich an Bekenntnissen persönlichster Art aus dieser Zeit. Er ist allein. Sein Hirn ist in einem Zustand ununterbrochenen Fiebers. Während eines Jahres entdeckt er von sich aus alle Systeme und versucht sich darin15. Als Stoiker unterwirft er sich körperlichen Qualen. Als Epikureer gibt er sich der Ausschweifung hin. Dann glaubt er an Seelenwanderung, um schließlich in einen sinnlosen Nihilismus zu verfallen: es scheint ihm, daß er dem Nichts ins Auge schauen kann, wenn er sich nur schnell genug danach umdreht. Er analysiert sich und analysiert sich...
„Ich dachte nicht mehr an irgendeine Sache, ich dachte, daß ich an irgendeine Sache dachte16.”
Diese fortgesetzte Selbstzergliederung, diese Denkmaschine, die sich im leeren Raum dreht, bleibt ihm wie eine gefährliche Gewohnheit, die, wie er äußert, ihm oft im Leben schadete, aus der aber seiner Kunst unerhörte Hilfsquellen flossen17.
Bei diesem Beginnen hatte er seine ganzen Überzeugungen eingebüßt; so glaubte er wenigstens. Mitsechzehn Jahren hörte er auf zu beten und in die Kirche zu gehen18. Aber sein Glaube war nicht tot, er glimmte nur im Verborgenen weiter:
„Trotzdem glaubte ich an etwas. An was? Das könnte ich nicht sagen. Ich glaubte noch an Gott, oder vielmehr, ich leugnete ihn nicht. Aber was für einen Gott? Das wußte ich nicht. Ich leugnete auch Christum und seine Lehre nicht, aber worin diese Lehre bestand, hätte ich nicht sagen können19.”
Für Augenblicke träumte er davon, Gutes zu tun. Er wollte seinen Wagen verkaufen, den Erlös den Armen geben, ihnen den Zehnten seines Vermögens opfern, sich ohne Dienstboten behelfen... „denn es sind Menschen wie ich20”. Er schrieb während seiner Krankheit21„Lebensregeln” nieder. Darin weist er naiv auf die Pflicht hin, „alles zu studieren und alles zu ergründen: Rechtslehre, Medizin, Sprachen, Landwirtschaft, Geschichte, Geographie, Mathematik, den höchsten Grad der Vollendung in der Musik und in der Malerei zu erreichen” usw. Er hatte „die Überzeugung, daß das Schicksal des Menschen in seiner unablässigen Vervollkommnung liege”.
Aber von den Leidenschaften seiner Jugend, von ungestümer Sinnlichkeit und grenzenloser Eigenliebe22getrieben, irrte dieser Glaube an die Vollkommenheit unvermerkt ab, verlor seinen selbstlosen Charakter und wurde praktisch und materiell. Wenn er seinen Willen,seinen Körper und seinen Geist vervollkommnen wollte, so geschah es nur, um die Welt zu besiegen und Liebe einzuflößen23. Er wollte gefallen.
Das war nicht leicht. Er war damals von affenähnlicher Häßlichkeit: ein rohes, langes und derbes Gesicht, kurze, tief in die Stirn gewachsene Haare, kleine Augen, die einen aus dunklen Höhlen hart anblitzten, eine breite Nase, aufgeworfene Lippen und riesige Ohren24. Da er sich über diese Häßlichkeit, die ihn schon als Kind beinahe zur Verzweiflung gebracht hatte25, nicht täuschen konnte, gedachte er das Ideal eines „erstklassigen Menschen” zu verwirklichen26. Um es wie die anderen „erstklassigen Menschen” zu machen, ließ er sich durch dieses Ideal zum Spiel, zum unsinnigen Schuldenmachen, zur vollkommenen Ausschweifung verführen27.
Etwas rettete ihn immer wieder: seine unbedingte Aufrichtigkeit.
„Weißt du, warum ich dich lieber habe als all die andern?” sagt Nekludow zu seinem Freund. „Du hast eine erstaunliche und seltene Eigenschaft: die Offenheit.”
„Ja, ich sage immer Dinge, die mir selbst einzugestehen ich mich schäme.”28
Wegen seiner schlimmsten Verirrungen verurteilt er sich mit schonungslosem Scharfblick.
„Ich lebe geradezu tierisch,” schreibt er in sein Tagebuch, „ich bin völlig niedergedrückt.”
Sergej Nicolai Dmitri LeoTolstoi mit seinen Brüdern nach der Rückkehr aus dem Kaukasus,vor der Abfahrt zur Don-Armee im Jahre 1854
Und bei seiner Sucht zu analysieren zeichnet er die Ursachen seiner Irrungen bis aufs kleinste auf:
1. Unentschlossenheit oder Mangel an Tatkraft.
2. Selbstbetrug.
3. Unbesonnenheit.
4. Falsche Scham.
5. Schlechte Laune.
6. Unordnung.
7. Nachahmungssucht.
8. Wankelmut.
9. Unüberlegtheit.
Mit demselben Freimut des Urteils bekrittelt er noch als Student die gesellschaftlichen Sitten und die Verbohrtheiten der Intellektuellen. Er macht sich über die Universitätswissenschaft lustig, weist ganz ernsthaft die historischen Studien zurück und läßt sich für die Kühnheit seiner Anschauungen einsperren. — In dieser Zeit entdeckt er Rousseau: die „Bekenntnisse”, den „Emil”. Das trifft ihn wie ein Donnerschlag.
„Ich trieb Kultus mit ihm. Ich trug sein Konterfei im Medaillon um den Hals wie ein Heiligenbild.”29
Seine ersten philosophischen Versuche sind Erläuterungen zu Rousseau (1846-1847).
Aber er wird der Universität und der „erstklassigen Menschen” so überdrüssig, daß er nach Jasnaja Poljana zurückkehrt und sich in seine Felder vergräbt (1847 bis 1851); er nimmt wieder Fühlung mit dem Volk und willihm helfen, will sein Wohltäter und Erzieher sein. Seine Erfahrungen aus jener Zeit verwertet er in einem seiner ersten Werke, dem „Morgen des Gutsherrn” (1852), einer bemerkenswerten Novelle, deren Held Fürst Nekludow ist30, ein Deckname, hinter dem sich Tolstoi mit Vorliebe verbirgt.
Nekludow ist 20 Jahre alt. Er hat das Universitätsstudium aufgegeben, um sich seinen Bauern zu widmen. Ein Jahr lang arbeitet er daran, ihnen Gutes zu tun, und wir sehen ihn, wie er sich, bei einem Besuch im Dorf, von der sorglosen Gleichgültigkeit, dem eingewurzelten Mißtrauen, der Gerissenheit, dem Leichtsinn, dem Laster und der Undankbarkeit abgestoßen fühlt. Alle seine Bemühungen sind vergeblich. Er kehrt entmutigt zurück und sinnt über seine Träume nach, die er noch vor einem Jahre hegte, über seine edelmütige Begeisterung, „seine damalige Überzeugung, daß die Liebe und das Gutsein Glück und Wahrheit bedeuteten, das einzig mögliche Glück und die einzig mögliche Wahrheit auf dieser Welt”. Er kommt sich besiegt vor, ist voll Scham und Überdruß.
„Als er am Klavier saß, berührten seine Finger unbewußt die Tasten. Ein Akkord stieg auf, dann ein zweiter, ein dritter... Er begann zu spielen. Die Akkorde waren ziemlich ungleich; oft waren sie gewöhnlich bis zur Banalität und verrieten keinerlei musikalische Begabung. Aber er fand dabei ein unerklärbares, trauriges Vergnügen. Bei jedem Harmoniewechsel erwartete er mit Herzklopfen den nächsten Akkord, und was diesem fehlte, ergänzte er ungefähr mit seiner Phantasie. Er hörte den Chor, das Orchester... Und das größte Vergnügen bereitete ihm seine lebhafte Phantasie, die ihm ohne Schranken, aber mit bewundernswerter Klarheit die mannigfaltigsten Bilder und Begebenheiten aus Vergangenheit und Zukunft vorspiegelte...”
Er sieht die liederlichen, mißtrauischen, lügenhaften, faulen und dickfelligen Muschiks wieder, mit denen er gerade erst kurz vorher sprach. Aber diesmal sieht er sie mit all ihren guten Eigenschaften, nicht mehr mit ihren Lastern; er fühlt sich mit Liebe in ihre Herzen ein; er entdeckt in ihnen Geduld und Ergebung in das sie erdrückende Schicksal, Versöhnlichkeit gegen erlittenen Schimpf, Liebe zu ihren Anverwandten, und er sieht ein, warum sie aus Gewohnheit und Frömmigkeit am Vergangenen hangen. Er sieht ihre Tage, die nutzbringender, gesunder und ermüdender Arbeit gewidmet sind, mit anderen Augen an...
„Wie schön,” murmelt er... „Warum bin ich nicht einer der ihren?”31
Der ganze Tolstoi steckt schon in dem Helden dieser ersten Novelle32, der seine klare Erkenntnis mit seinen nie schwindenden Illusionen vereint. Er beobachtet die Menschen mit unbeirrbarem Wirklichkeitssinn; schließt er jedoch nur die Augen, so schlagen ihn seine Träume und seine Liebe zu den Menschen wieder in Bann.
Aber der Tolstoi von 1850 ist weniger geduldig als Nekludow. Jasnaja hat ihn enttäuscht; er ist des Volkes so müde wie der Vornehmen; seine Rolle bedrückt ihn: es liegt ihm nichts mehr an ihr. Außerdem drängen ihn seine Gläubiger. 1851 flieht er in den Kaukasus zur Armee, bei der sein Bruder Nikolaus Offizier ist.
Kaum ist er dort, so findet er in der heiteren Gebirgslandschaft seine Fassung und seinen Gott wieder:
„Vergangene Nacht33habe ich wenig geschlafen... Ich habe zu Gott gebetet. Es ist mir unmöglich, die Süßigkeit des Gefühls zu beschreiben, die ich beim Beten empfand. Ich habe die üblichen Gebete gesprochen und dann noch lange weiter gebetet. Ich wünschte etwas sehr Gewaltiges, etwas sehr Schönes... Was? Das kann ich nicht sagen. Ich wollte aufgehen in dem Ewigen, ich bat ihn, mir meine Fehler zu verzeihen... Aber nein, ich bat nicht, ich fühlte, daß er mir schon vergab, da er mich diesen glückseligen Augenblick erleben ließ. Ich betete, und gleichzeitig fühlte ich, daß ich nichts zu sagen hatte, daß ich nicht beten konnte, daß ich nicht zu beten wagte... Ich habe ihm nicht in Worten gedankt, ich dankte ihm im Fühlen... Kaum eine Stunde war vorüber, da hörte ich schon wieder die Stimme des Lasters. Ich war eingeschlafen und träumte vom Ruhm und von Frauen: das war also stärker als ich. — Was liegt daran! Ich danke Gott für diesen Augenblick der Glückseligkeit, und daß er mir meine Kleinheitund meine Größe gezeigt hat. Ich will beten, aber ich kann nicht; ich will begreifen, aber ich wage es nicht. Ich beuge mich Deinem Willen!”34
Das Fleisch war nicht besiegt (das wurde es nie); der Kampf zwischen den Leidenschaften und Gott vollzog sich im geheimsten Herzen. Tolstoi vermerkt in seinem Tagebuch die drei Teufel, die ihn martern: 1. Spielwut: ein aussichtsreicher Kampf. 2. Sinnlichkeit: ein sehr schwieriger Kampf. 3. Eitelkeit: der schrecklichste von allen.
Im selben Augenblick, in dem er davon träumte, für die andern zu leben und sich zu opfern, übermannten ihn wollüstige oder leichtfertige Vorstellungen: das Bild irgendeiner Kosakenfrau oder „die Verzweiflung, die ihn ergriffe, wenn die linke Schnurrbartspitze mehr in die Höhe stände als die rechte”35. — „Was liegt daran!” Gott war da und verließ ihn nicht mehr. Die Hitze des Kampfes selbst wirkte befruchtend, alle Kräfte des Lebens wurden dadurch gesteigert.
„Ich denke, daß die leichtfertige Überlegung, die mich zur Reise in den Kaukasus veranlaßte, mir von oben eingegeben wurde. Die Hand Gottes hat mich geleitet. Ich werde ihm stets dankbar dafür sein. Ich fühle, daß ich hier besser geworden bin, und bin fest überzeugt, daß alles, was mir auch zustoßen mag, nur zu meinem Besten ausschlagen wird, da ja Gott selbst es gewollt hat...”36
Das ist die Dankeshymne der Erde im Frühling. Sie bedeckt sich mit Blumen. Alles ist gut, alles ist schön. Im Jahre 1852 treibt der Genius Tolstois seine ersten Blüten: „Die Kindheit”, „Der Morgen des Gutsherrn”, „Der Überfall”, „Knabenjahre”; und er dankt dem Lebensgeist, der ihn befruchtet hat37.
„Die Geschichte meiner Kindheit” wurde im Herbst 1851 in Tiflis begonnen und am 2. Juli 1852 in Pjatigorsk im Kaukasus beendet. Es ist seltsam, daß Tolstoi im Rahmen dieser Natur, die ihn berauschte, inmitten dieses neuen Lebens und der aufregenden Kriegsgefahren, während er eine Welt von ihm bis dahin unbekannten Charakteren und Leidenschaften entdeckte, in jenem ersten Werk auf die Erinnerungen an sein verflossenes Leben zurückgreift. Aber als er die „Kindheit” schrieb, war er krank, seine militärische Tätigkeit war jäh unterbrochen worden; und während der langen Genesungszeit befand er sich, da er allein war und Schmerzen litt, in rührseliger Stimmung, in der sich die Vergangenheit vor seinen Augen abrollte38. Nach der erschöpfenden Anspannung der freudlosen letzten Jahre war es ihm angenehm, die „wunderbare, unschuldsvolle, poetische und fröhliche Zeit” des Kindesalters wieder zu erleben und wieder „ein gutes, weiches und liebefähiges Kinderherz zu bekommen”. Bei dem Ungestüm seiner Jugend, der Fülle von Plänen, seiner dichterischen Erfindungsgabe, die zu epischer Breite neigte und sich daher selten mit einem einzelnen Vorwurf befaßte, für die die großen Romane vielmehr nur Glieder einer langen historischen Kette waren — Bruchstücke eines unermeßlichen Ganzen, das nie zu Ende geführt werden konnte39—, sah Tolstoi im übrigen zu diesem Zeitpunkt in den Geschichten aus der „Kindheit” nur die erstenKapitel einer „Geschichte von vier Epochen”, die auch sein Leben im Kaukasus einbeziehen und zweifellos mit der Offenbarung Gottes durch die Natur ihren Abschluß finden sollte.
Tolstoi ist später mit seinen Geschichten aus der „Kindheit”, denen er einen großen Teil seiner Volkstümlichkeit verdankt, sehr streng ins Gericht gegangen.
„Sie sind so schlecht,” sagte er zu Birukow, „sie sind mit so geringer literarischer Ehrlichkeit geschrieben!... Es ist nichts aus ihnen herauszuholen.”
Er stand allein mit dieser Ansicht. Das Werk, das er als anonymes Manuskript an die große russische Zeitschrift „Sowremennik” (Der Zeitgenosse) geschickt hatte, wurde sofort veröffentlicht (am 6. September 1852) und hatte einen Riesenerfolg, der von allen europäischen Lesern bestätigt wurde. Indessen versteht man, daß es trotz seines dichterischen Reizes, seines vornehmen Stiles und seines Zartgefühls dem späteren Tolstoi mißfallen hat.
Es hat ihm aus denselben Gründen mißfallen, aus denen es den anderen gefiel. Man muß zugeben: abgesehen von der Erwähnung gewisser lokaler Typen und einigen wenigen Seiten, die durch das religiöse Empfinden oder durch die Echtheit des Gefühls40auffallen, ist noch herzlich wenig von der Persönlichkeit Tolstois darin zu spüren. Eine sanfte, weiche Empfindsamkeit, die ihm später immer unsympathisch war, und die er ausseinen anderen Romanen verbannte, herrscht vor. Wir kennen sie, diese Mischung von Humor und Rührseligkeit; sie stammt von Dickens her. Bei der Aufzählung seiner Lieblingsbücher zwischen seinem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahre trägt Tolstoi in sein Tagebuch ein: „Dickens: David Copperfield. Bedeutender Einfluß.” Im Kaukasus liest er das Buch noch einmal.
Zwei weitere Einflüsse verzeichnet er selbst: Sterne und Toepffer. „Ich stand damals unter ihrer Wirkung”, äußerte er41.
Wer sollte glauben, daß die „Genfer Novellen” für den Dichter von „Krieg und Frieden” das erste Vorbild waren? Und doch braucht man es nur zu wissen, dann findet man schon in den Geschichten aus der „Kindheit” ihre gutmütige und spottlustige Biederkeit wieder, die hier nur in eine vornehmere Natur verpflanzt ist.
So war Tolstoi schon durch seine ersten Werke eine bekannte Persönlichkeit geworden. Aber seine Eigenart mußte sich noch befestigen. Das dauerte nicht lange. Die „Knabenjahre” (1853), die weniger rein und weniger abgerundet sind als die Kindheit, deuten auf selbständigere psychologische Beobachtung, auf ein sehr lebendiges Naturgefühl und ein so zerquältes Herz hin, wie sie Dickens und Toepffer wohl kaum hatten. In dem „Morgen des Gutsherrn” (Oktober 1852)42erscheint der Charakter Tolstois fertig entwickelt mit seiner unerschrockenen Beobachtungstreue und seinem Glauben an die Liebe.Unter den bemerkenswerten Bauernporträts, die er in dieser Novelle zeichnet, findet sich schon die Skizze zu einer seiner schönsten Figuren aus seinen „Volkserzählungen”, dem Alten mit dem Bienenstock43, dem kleinen Alten unter der Birke, wie er die Hände ausbreitet und die Augen in die Höhe richtet; rings um ihn ein Schwarm golden schimmernder Bienen, die ihn umschwirren, ohne ihn zu stechen, und einen Kranz um seinen in der Sonne leuchtenden kahlen Schädel bilden...
Aber die typischen Werke jener Zeit sind die, die seine augenblicklichen Gefühle unmittelbar wiedergeben: die Geschichten aus dem Kaukasus. Die erste, „Der Überfall” (am 24. Dezember 1852 beendet), erweckt durch die Pracht der Landschaftsbilder Bewunderung: ein Sonnenaufgang in den Bergen am Ufer eines Flusses; ein merkwürdiges Gemälde, das die Schatten und die Geräusche der Nacht mit packender Eindringlichkeit wiedergibt; die Heimkehr am Abend, da in der Ferne die schneebedeckten Gipfel im blauen Nebel verschwinden, die schönen Stimmen der singenden Soldaten aufsteigen und in der dünnen Luft verwehen. Mehrere Gestalten aus „Krieg und Frieden” erproben hier schon ihre Lebensfähigkeit: der Hauptmann Klopow, der wahre Held, der sich nicht zum Vergnügen schlägt, sondern weil es seine Pflicht ist, „eines jener einfachen, ruhigen russischen Gesichter, denen man froh und gerne gerade in die Augen schaut.” Schwerfällig,linkisch, ein bißchen lächerlich, unempfindlich gegen seine Umgebung, ist er der einzige, der sich in der Schlacht gleich bleibt, während alle andern sich ändern; „er ist genau so wie immer: dieselben ruhigen Bewegungen, dieselbe gleichmäßige Stimme, derselbe einfache Ausdruck in seinem naiven, derben Gesicht.” Neben ihm der Leutnant, der die Rolle eines Lermontowschen Helden spielt, und der, obwohl er in Wirklichkeit der gutmütigste Kerl ist, tut, als ob die wildesten Gefühle ihn beherrschen. Und dann der arme, kleine Unterleutnant, ganz begeistert in der Aussicht auf sein erstes Gefecht, überströmend von Zärtlichkeit, bereit, jedem um den Hals zu fallen, bewundernswert und lächerlich zugleich, der sich wie Petja Rostow stumpfsinnig töten läßt. In der Mitte des Bildes die Gestalt Tolstois, der beobachtet, ohne sich in die Gedanken seiner Gefährten einzumischen und schon hier seinen Protestschrei gegen den Krieg erklingen läßt:
„Können die Menschen denn in dieser so schönen Welt, unter dem unermeßlichen Sternenhimmel nicht zufrieden leben? Wie können sie hier ihre Zerstörungswut, ihre Gefühle der Bosheit und der Rache gegen ihren Nächsten bewahren? In der Berührung mit der Natur, wo das Schöne und Gute am unmittelbarsten zum Ausdruck kommt, sollte alles Schlechte aus dem Menschenherzen verschwinden.”44
Andere aus jener Zeit stammende Geschichten ausdem Kaukasus sind erst später zu Papier gebracht worden: 1854-1855 „Der Holzschlag”, von peinlichster Naturtreue, ein wenig kalt, aber voll merkwürdiger Aufschlüsse über die Seele des russischen Soldaten, — Aufzeichnungen für die Zukunft; — 1856 „Begegnung im Felde” mit einem Moskauer Bekannten, einem verkommenen Lebemann und degradierten Unteroffizier, einem feigen versoffenen Lügner, der es nicht vermag, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er ebensogut getötet werden könne wie einer seiner Soldaten, die er verachtet und deren geringster hundertmal mehr wert ist als er.
Über all diese Werke erhebt sich als höchster Gipfel dieser ersten Gebirgskette einer der schönsten lyrischen Romane, die Tolstoi geschrieben hat, der Sang seiner Jugend, das Gedicht vom Kaukasus: „Die Kosaken”45. Die Pracht der schneebedeckten Berge, deren edle Linien sich von dem strahlenden Himmel abheben, erfüllt das ganze Buch mit ihrer Musik. Und das Werk ist einzigartig durch das höchste, was dem Genie gegeben ist, „den allmächtigen Gott der Jugend”, wie Tolstoi sagt, „jenen Schwung, der nie wiederkehrt”. Ein Bergstrom im Frühling! Eine Fülle von Liebe!
„‚Ich liebe, ich liebe so innig!... Ihr Tapfern! Ihr Guten!...’ wiederholte er und wollte weinen. Warum? Wer war tapfer? Wen liebte er? Er wußte es nicht recht.”46
Dieser Rausch des Herzens hält unvermindert an. Der Held, Olenin, ist wie Tolstoi in den Kaukasus gekommen, um dort aus dem Abenteurerleben frische Kräfte zu schöpfen; er verliebt sich in eine junge Kosakin und verliert sich in dem Chaos seiner widerspruchsvollen Hoffnungen. Bald glaubt er, daß „für andere leben, sich aufopfern, Glück bedeutet”, bald, daß „sich opfern nur Dummheit ist”; dann möchte er fast mit dem alten Kosaken Eroschka glauben: „Alles hat seine Berechtigung. Gott hat alles zur Freude des Menschen erschaffen. Nichts ist Sünde. Sich mit einem hübschen Mädel belustigen, ist keine Sünde, ist ewige Seligkeit.” Aber was braucht er denn nachzudenken? Es genügt zu leben. Das Leben ist höchster Besitz, höchstes Glück, das allmächtige Leben, das allumfassende Leben: das Leben ist Gott. Ein glühendes Naturgefühl stellt sich ein und erfüllt ihm das Herz. Allein im Wald, „von wildwachsenden Pflanzen, einer Menge von Wild, Vögeln und Mückenschwärmen umgeben, in dem schattigen Grün, der duftgeschwängerten, heißen Luft, zwischen kleinen, trüben Rinnsalen, die allenthalben unter dem Laub dahinplätschern,” wenige Schritte von den Fallstricken des Feindes entfernt „wird Olenin plötzlich von einem solchen grundlosen Glücksgefühl erfaßt, daß er, wie er es als Kind gewöhnt war, das Kreuz schlägt und irgend jemand danken möchte.” Wie ein indischer Fakir findet er Genuß darin, sich zu sagen, daß er allein und verlassen in diesem Strudel des Lebens ist, das ihn aufsaugt, daß Myriaden unsichtbarer Wesen, die überall versteckt sind, in diesem Augenblick seinen Tod belauern, daß jene Tausende von ihn umschwirrenden Insekten einander zurufen:
„‚Hierher, hierher, Kameraden! Hier gilt es einen zu stechen!’
Und es war ihm klar, daß er hier kein russischer Herr aus der Moskauer Gesellschaft, der Freund und Verwandte von dem und jenem war, sondern einfach ein Wesen wie die Mücke, der Fasan, der Hirsch, wie alle Lebewesen, die ihn jetzt umschlichen.
‚Wie sie werde ich leben und sterben. Und Gras wird darüber wachsen...’”
Und sein Herz ist voll Freude.
Tolstoi lebt zu jener Zeit in einem Rausch von Kraft und Liebe zum Leben. Er umfaßt die Natur und geht in ihr auf. Ihr vertraut er seine Schmerzen, seine Freuden und seine Liebesgefühle47an. Aber dieser romantische Rausch mindert niemals die Klarheit seines Blickes. Nirgends mehr sind die Landschaften mit einem solchen Können und die Gestalten wahrheitsgetreuer gezeichnet als in dieser glühenden Dichtung. Der Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft, der den Kern des Buches ausmacht und der während Tolstois ganzen Lebens einer seiner Lieblingsgedanken sein sollte, ein Artikel seines Glaubensbekenntnisses,läßt ihn schon hier, um das Komödienhafte der Welt zu geißeln, einige der herben Töne der „Kreuzersonate” anschlagen48. Aber er ist nicht weniger schonungslos gegen die, die er liebt; und die Naturwesen, die schöne Kosakin und ihre Freunde, sind mit ihrer Selbstsucht, ihrer Habgier, ihrer Schurkerei und allen ihren Lastern in grellstem Licht gesehen.
Eine außergewöhnliche Gelegenheit sollte sich ihm bieten, diese heldenhafte Wahrheitsliebe auf die Probe zu stellen.
Im November 1853 war der Türkei der Krieg erklärt worden. Tolstoi ließ sich der rumänischen Armee zuteilen, ging dann zur Krimarmee über und traf am 7. November 1854 in Sewastopol ein. Er glühte vor Begeisterung und Vaterlandsliebe. Er tat wacker seine Pflicht und war oft in Gefahr, besonders von April bis Mai 1855, wo er einen über den andern Tag Dienst bei der Batterie der 4. Bastei hatte.
Da er monatelang ein Leben in beständiger Aufregung und Angst Aug in Aug mit dem Tode führte, belebte sich sein religiöser Mystizismus wieder von neuem. Er führt Gespräche mit Gott. Im April 1855 verzeichnet er in seinem Tagebuch ein Gebet zu Gott, in dem er ihm für seinen Schutz in der Gefahr dankt und ihn anfleht, ihn weiter zu beschützen, „um das ewige glorreiche Ziel des Seins, das ich noch nicht kenne, aber schon ahne, zu erreichen”. Dieses Ziel seines Lebens war keineswegs die Kunst, es war schon jetzt die Religion. Am 5. März 1855 schrieb er:
„Ich bin einer großen Idee nähergekommen, deren Verwirklichung ich mein ganzes Leben opfern könnte. Diese Idee ist die Gründung einer neuen Religion, der Religion Christi, aber von Glaubenssätzen und Wundern befreit... In klarem Bewußtsein handeln, um die Menschen durch die Religion zu einen.”49
Das sollte das Programm seines Alters sein.