Julian verzog schmerzlich die Brauen. Aber noch einmal spielte einStrahl der heute genossenen Seligkeit über sein Antlitz. 'Herr Fagon',sagte er halb lächelnd, 'eigentlich habe ich meinen Gram nur demPudel Mouton erzählt.'
Dieses artige Wort, welches ich ihm nicht zugetraut hätte, überraschte mich. Der Knabe deutete meine erstaune Miene falsch. Er glaubte sich missredet zu haben. 'Fraget mich, Herr Fagon', sagte er, 'ich antworte Euch die Wahrheit.'
'Du hast Mühe zu leben?'
'Ja, Herr Fagon.'
'Man hält dich für beschränkt, und du bist es auch, doch vielleicht anders, als die Leute meinen.' Das harte Wort war gesprochen.
Der Knabe versenkte den Blondkopf in die Hände und brach in schweigende Tränen aus, welche ich erst bemerkte, da sie zwischen seinen Fingern rannen. Nun war der Bann gebrochen.
'Ich will Euch meine Kümmernis erzählen, Herr Fagon', schluchzte er, das Antlitz erhebend.
'Tue das, mein Kind, und sei gewiss, dass ich dich jetzt, da wir Freunde sind, verteidigen werde wie mich selbst. Niemand wird dir künftig etwas anhaben, weder du noch ein anderer! Du wirst dich wieder an Luft und Sonne freuen und dein Tagewerk ohne Grauen beginnen.'
Der Knabe glaubte an mich und fasste mit hoffenden Augen Vertrauen. Dann begann er sein Leid zu erzählen, halb schon wie ein vergangenes: 'Einen schlimmen Tag habe ich gelebt, und die übrigen waren nicht viel besser. Es war an einem Herbsttage, dass ich mit Guntram zu seinem Ohm, dem Comtur, nach Compiègne fuhr. Wir wollten uns dort im Schiessen üben, für uns beide ein neues Vergnügen und eine Probe unserer Augen.
Wir hatten ein leichtes Zweigespann, und Guntram unterhielt mich in einer Staubwolke von seiner Zukunft. Diese könne nur eine militärische sein. Zu anderem habe er keine Lust. Der Comtur empfing uns weitläufig, aber Guntram hielt nicht Ruhe, bis wir auf Distanz vor der Scheibe standen. Keinen einzigen Schuss brachte er hinein. Denn er ist kurzsichtig wie niemand. Er biss sich in die Lippe und regte sich schrecklich auf. Dadurch wurde auch seine Hand unsicher, während ich ins Schwarze traf, weil ich sah und zielte. Der Comtur wurde abgerufen, und Guntram schickte den Bedienten nach Wein. Er leerte einige Gläser, und seine Hand fing an zu zittern. Mit hervorquellenden Augen und verzerrtem Gesichte schleuderte er seine Pistole auf den Rasen, hob sie dann wieder auf, lud sie, lud auch die meinige und verlor sich mit mir in das Dickicht des Parkes.
Auf einer Lichtung hob er die eine und bot mir die andere. 'Ich mache ein Ende!' schrie er verzweifelt. Ich bin ein Blinder, und die taugen nicht ins Feld, und wenn ich nicht ins Feld tauge, will ich nicht leben! Du begleitest mich! Auch du taugst nicht ins Leben, obwohl du beneidenswert schiessest, denn du bist der grösste Dummkopf, das Gespötte der Welt!' 'Und Gott?' fragte ich. 'Ein hübscher Gott', hohnlachte er und zeigte dem Himmel die Faust, 'der mir Kriegslust und Blindheit und dir einen Körper ohne Geist gegeben hat!' Wir rangen, ich entwaffnete ihn, und er schlug sich in die Büsche.
Seit jenem Tage war ich ein Unglücklicher, denn Guntram hatte ausgesprochen, was ich wusste, aber mir selbst verhehlte, so gut es gehen wollte. Stets hörte ich das Wort Dummkopf hinter mir flüstern, auf der Strasse wie in der Schule, und meine Ohren schärften sich, das grausame Wort zu vernehmen. Es mag auch sein, dass meine Mitschüler, über welche ich sonst nicht zu klagen habe, wenn sie sich ausser dem Bereiche meines Ohres glauben, kürzehalber mich so nennen. Sogar das Semmelweib mit den verschmitzten Runzeln, die Lisette, welche vor dem Collège ihre Ware vertreibt, sucht mich zu betrügen, oft recht plump, und glaubt es zu dürfen, weil sie mich einen Dummen nennen hört. Und doch hangt an der Mauer des Collège Gott der Heiland, der in die Welt gekommen ist, um Gerechtigkeit gegen alle und Milde gegen die Schwachen zu lehren.' Er schwieg und schien nachzudenken.
Dann fuhr er fort: 'Ich will mich nicht besser machen, Herr Fagon, als ich bin. Auch ich habe meine bösen Stunden. Bei keinem Spiele würde ich Sonne und Schatten ungerecht verteilen, und wie kann Gott bei dem irdischen Wettspiel einem einzelnen Bleigewichte anhängen und ihm dann zurufen: 'Dort ist das Ziel: lauf mit den andern!' Oft, Herr Fagon, habe ich vor dem Einschlafen die Hände gefaltet und den lieben Gott brünstig angefleht, er möge, was ich eben mühselig erlernt, während des Schlafes in meinem Kopfe wachsen und erstarken lassen, was ja die blosse Natur den andern gewährt. Ich wachte auf und hatte alles vergessen, und die Sonne erschreckte mich.
'Vielleicht', flüsterte er scheu, 'tue ich dem lieben Gott Unrecht. Er hülfe gern, gütig wie er ist, aber er hat wohl nicht immer die Macht. Wäre das nicht möglich, Herr Fagon? Wurde es dann allzu arg, besuchte mich die Mutter im Traum und sagte mir: 'Halt aus, Julian! Es wird noch gut!'
Diese unglaublichen Nativitäten und kindischen Widersprüche zwangen mich zu einem Lächeln, welches ein Grinsen sein mochte. Der Knabe erschrak über sich selbst und über mich. Dann sagte er, als hätte er schon zu lange gesprochen, hastig, nicht ohne einige Bitterkeit, denn die Zuversicht hatte ihn im Laufe seiner Erzählung wieder verlassen: 'Nun weiss jedermann, dass ich dumm bin, selbst der König, und diesem hätte ich es so gerne verheimlicht'—Julian mochte auf jenen Marly anspielen—, 'einzig meinen Vater ausgenommen, der nicht daran glauben will.'
'Mein Sohn', sagte ich und legte die Hand auf seine schlanke Schulter, 'ich philosophiere nicht mit dir, Willst du mir aber glauben, so trage ich dich durch die Wellen. Wie du bist, ich werde dich in den Port bringen. Zwar du wirst trotz deines schönen Namens kein Heer und keine Flotte führen, aber du wirst auch keine Schlacht leichtsinnig verlieren zum Schaden deines Königs und deines Vaterlandes. Dein Name wird nicht wie der deines Vaters in unsern Annalen stehen, aber im Buche der Gerechten, denn du kennst die erste Seligpreisung, dass das Himmelreich den Armen im Geiste gehört.
Merk auf! Der erste Punkt ist: du gehst ins Feld und kämpfst in unsern Reihen für den König und das jetzt so schwer bedrohte Frankreich. Im Kugelregen wirst du erfahren, ob du leben darfst. Dass du bald hineinkommst, dafür sorge ich. Du bleibst oder du kehrst heim mit dem Selbstvertrauen eines Braven. Ohne Selbstvertrauen kein Mann. Niemand wird dir leicht ins Angesicht spotten. Dann wirst du ein einfacher Diener deines Königs und erfüllst deine Pflicht aufs strengste, wie es in dir liegt. Du hast Ehre und Treue, und deren bedarf die Majestät. Unter denen, die sie umgeben, ist kein Überfluss daran. Marstall, Jagd oder Wache, ein Dienst wird sich finden, wie du ihn zu verrichten verstehst. Deine Geburt wird dich statt des eigenen Verdienstes vor andern begünstigen: das mache dich demütig. Die Majestät, wenn sie sich im Rate müde gearbeitet hat, liebt es, ein zwangloses Wort an einen Schweigsamen und unbedingt Getreuen zu richten. Du bist zu einfach, um dich in eine Intrige zu mischen; dafür wird dich keine Intrige zugrunde richten. Man wird, wie die Welt ist, hinter deinem Rücken höhnen und spotten, aber du blickst nicht um. Du wirst gütig und gerecht sein mit deinen Knechten und keinen Tag beendigen ohne eine Wohltat. Im übrigen: verzichte!'
Der Knabe blickte mich mit gläubigen Augen an. 'Das sind Worte desEvangeliums', sagte er.
'Verzichtet nicht jedermann', scherzte ich, 'selbst deine Gönnerin, Frau von Maintenon, selbst der König auf einen Schmuck oder eine Provinz? Habe ich, Fagon, nicht ebenfalls verzichtet, vielleicht bitterer als du, wenn auch auf meine eigene Weise? Verwaist, arm, mit einem elenden Körper, der sich gerade in deinen Jahren von Tag zu Tag verwuchs und verbog, habe ich nicht eine strenge Muse gewählt, die Wissenschaft? Glaubst du, ich hatte kein Herz, keine Sinne? Ein zärtliches Herzchen, Julian!—und entsagte ein für allemal dem grössten Reiz des Daseins, der Liebe, welche deinem schlanken Wuchse und deinem leeren Blondkopf nur so angeworfen wird!'"
Fagon trug, was ihn vielleicht in seiner Jugend schwer bedrängt hatte, mit einem so komischen Pathos vor, dass es den König belustigte und der Marquise schmeichelte.
"Ich begleitete Julian bis an die Pforte und zog ihn mit Mirabellen auf. 'Ihr habt rasch gemacht', sagte ich, 'Es ist so gekommen', antwortete er unbefangen. 'Man hat sie mit dem Geiste gequält, sie weinte, und da fasste ich ein Vertrauen. Auch gleicht sie meiner Mutter.'
Eine Arie aus irgendeiner verschollenen Oper meiner Jugendzeit trällernd, die einzige, deren ich mächtig bin, kehrte ich zu meiner Bank vor der Orangerie zurück. 'Er muss gleich ins Feld', sagte ich mir. Wenig fehlte, ich schlug ihm vor: ohne weiteres eines meiner Rosse zu satteln und stracks an die Grenze zum Heere zu jagen; aber dieser kühne Ungehorsam hätte den Knaben nicht gekleidet. Überdies wusste man, dass der Marschall für einmal nur die Grenzen sicherte und die Festungen in Flandern instand setzte, um vor einer entscheidenden Schlacht nach Versailles zurückzukehren und die endgültigen Befehle deiner Majestät zu empfangen. Dann wollte ich ihn fassen.
Als ich, die liegengebliebene Mappe noch einmal öffnend, den Inhalt zurechtschüttelte, da, siehe! lag der Pentheus mit der grausigen Felswand obenauf, den ich geschworen hätte in die Mitte der Blätter geschoben zu haben…
Wenig später begab es sich, dass Mouton der Pudel, in dem Gedränge der Rue Saint-Honoré seinen Herrn suchend, verkarrt wurde. Er schläft in deinem Garten, Majestät, wo ihn Mouton der Mensch unter einer Catalpa beerdigte und mit seinem Taschenmesser in die Rinde des Baumes schnitt: 'II Moutons'.
Und wirklich lag er bald neben seinem Pudel. Es war Zeit. Der Trunk hatte ihn unterhöhlt, und sein Verstand begann zu schwanken. Ich beobachtete ihn mitunter aus meinem Bibliothekfenster, wie er in seiner Kammer vor der Staffelei sass und nicht nur vernehmlich mit dem Geiste seines Pudels plauderte, sondern auch mit hündischer Miene gähnte oder schnellen Maules nach Fliegen schnappte, ganz in der Art seines abgeschiedenen Freundes. Eine Wassersucht zog ihn danieder. Es ging rasch, und als ich eines Tages an sein Lager trat, in der Hand einen Löffel voll Medizin, drehte er seinem Wohltäter mit einem unaussprechlichen Worte den Rücken, kehrte das Gesicht gegen die Wand und war fertig.
Es begab sich ferner, dass der Marschall aus dem Felde nach Versailles zurückkehrte. Da sein Aufenthalt kein langer sein konnte, ergriff ich den Augenblick. Ich war entschlossen, Julian an der Hand, vor ihn zu treten und ihm die ganze Wahrheit zu sagen.
Ich fuhr bei den Jesuiten vor. In der Nähe der Hauptpforte hielt das von den Dienern kaum gebändigte feurige Viergespann des Marschalls, Julian erwartend, um den Knaben rasch nach Versailles zu bringen. Das Tor des Jesuitenhauses öffnete sich, und Julian wankte heraus, in welchem Zustande! Das Haupt vorfallend, den Rücken gebrochen, die Gestalt geknickt, auf unsichern Füssen, den Blick erloschen, während die Augen Victor Argensons, welcher den Freund führte, loderten wie Fackeln. Die verblüfften Diener in ihren reichen Livreen beeiferten sich, ihren jungen Herrn rasch und behutsam in den Wagen zu heben. Ich sprang aus dem meinigen, den Knaben von einer tückischen Seuche ergriffen glaubend.
'Um Gottes willen, Julian', schrie ich, 'was ist mit dir?' Keine Antwort. Der Knabe starrte mich mit abwesendem Geiste an. Ich weiss nicht, ob er mich kannte. Ich begriff, dass der sonst schon Verschlossene jetzt nicht reden werde, und da überdies der Stallmeister drängte: 'Hinein, Herr, oder zurück!', denn die ungeduldigen Rosse bäumten sich, so liess ich das Kind fahren, mir versprechend, ihm bald nach Versailles zu folgen. Schon hatte sich um die aufregende Szene vor dem Jesuitenhause ein Zusammenlauf gebildet, dessen Neugierde ich zu entrinnen wünschte, und Victor erblickend, welcher mit leidenschaftlicher Gebärde dem im Sturm davongetragenen Gespielen nachrief. 'Mut, Julian! Ich werde dich rächen!', stiess ich den Knaben vor mich in meinen Wagen und stieg ihm nach. 'Wohin, Herr?' fragte mein Kutscher. Bevor ich antwortete, schrie das geistesgegenwärtige Kind: 'Ins Kloster Faubourg Saint-Antoine!'
In dem genannten Kloster hat sich, wie Ihr wisset, Sire, Euer Ideal von Polizeiminister einen stillen Winkel eingerichtet, wo er nicht überlaufen wird und heimlich für die öffentliche Sicherheit von Paris sorgen kann. 'Victor', fragte ich durch das Geräusch der Räder, 'was ist? was hat sich begeben?'
'Ein riesiges Unrecht!' wütete der Knabe. 'Père Tellier, der Wolf, hat Julian mit Riemen gezüchtigt, und er ist unschuldig! Ich bin der Anstifter! Ich bin der Täter! Aber ich will dem Julian Gerechtigkeit verschaffen, ich fordere den Pater auf Pistolen!' Diese Absurdität, mit dem Geständnisse Victors, das Unglück verschuldet zu haben, brachte mich dergestalt auf, dass ich ihm ohne weiteres eine salzige Ohrfeige zog. 'Sehr gut!' sagte er. 'Kutscher, du schleichst wie eine Schnecke!' Er steckte ihm sein volles Beutelchen zu. 'Rasch! peitsche! jage! Herr Fagon, seid gewiss, der Vater wird dem Julian Gerechtigkeit verschaffen! Oh, er kennt die Jesuiten, diese Schurken, diese Schufte, und ihre schmutzige Wäsche! Ihn aber fürchten sie wie den Teufel!' Ich hielt es für unnötig, das rasende Kind weiter zu fragen, da er ja seine Beichte vor dem Vater ablegen würde und die fliegenden Rosse schon das schlechte Pflaster der Vorstadt mit ihren Hufen schlugen, dass die Funken spritzten. Wir waren angelangt und wurden sogleich vorgelassen.
Argenson blätterte in einem Aktenstoss. 'Wir überfallen, Argenson!' entschuldigte ich.
'Nicht, nicht, Fagon', antwortete er mir die Hand schüttelnd und rückte mir einen Stuhl. 'Was ist denn mit dem Jungen? Er glüht ja wie ein Ofen,' 'Vater—' 'Halt das Maul! Herr Fagon redet.'
'Argenson', begann ich, 'ein schwerer Unfall, vielleicht ein grosses Unglück hat sich zugetragen. Julian Boufflers'—ich blickte den Minister fragend an—"Weiss von dem armen Knaben", sagte er—'wurde bei den Jesuiten geschlagen, und der Knabe fuhr nach Versailles in einem Zustande, der, wenn ich richtig sah, der Anfang einer gefährlichen Krankheit ist. Victor kennt den Hergang.'
'Erzähle!' gebot der Vater. 'Klar, ruhig, umständlich. Auch der kleinste Punkt ist wichtig. Und lüge nicht!'
'Lügen?' rief der empörte Knabe, 'werde ich da lügen, wo nur dieWahrheit hilft? Diese Schufte, die Jesuiten—'
'Die Tatsachen!' befahl der Minister mit einer Rhadamanthusmiene.Victor nahm sich zusammen und erzählte mit erstaunlicher Klarheit.
'Es war vor der Rhetorik des Père Amiel, und wir steckten die Köpfe zusammen, welchen Possen wir dem Nasigen spielen würden. 'Etwas Neues! ' rief man von allen Seiten, 'etwas noch nicht Dagewesenes! eine Erfindung!' Da fiel uns ein—'
'Da fiel mir ein', verbesserte der Vater.
'—Mir ein, Julian, der so hübsch zeichnet, zu bitten, uns etwas mit der Kreide an die schwarze Tafel zu malen. Ich legte ihm, der auf seiner Bank über den Büchern sass, eine Lektion einlernend—er lernt so unglaublich schwer—, den Arm um den Hals. Zeichne uns etwas!' schmeichelte ich. 'Ein Rhinoceros!' Er schüttelte den Kopf. 'Ich merke', sagte er, 'ihr wollt damit nur den guten Pater ärgern, und da tue ich nicht mit. Es ist eine Grausamkeit. Ich zeichne euch keine Nase!'
'Aber einen Schnabel, eine Schleiereule, du machst die Eulen so komisch!'
'Auch keinen Schnabel, Victor.'
Da sann ich ein wenig und hatte einen Einfall.' Der Minister runzelte seine pechschwarze Braue. Victor fuhr mit dem Mute der Verzweiflung fort: ''Zeichne uns ein Bienchen, Julian', sagte ich, du kannst das so allerliebst!' 'Warum nicht?' antwortete er dienstfertig und zeichnete mit sorgfältigen Zügen ein nettes Bienchen auf die Tafel.
'Schreibe etwas bei!'
'Nun ja, wenn du willst', sagte er und schrieb mit der Kreide: 'abeille.'
'Ach, du hast doch gar keine Einbildungskraft, Julian! Das lautet trocken.'
'Wie soll ich denn schreiben, Victor?'
'Wenigstens das Honigtierchen, bête à miel.''
Der Minister begriff sofort das alberne Wortspiel: bête à miel undbête Amiel. 'Da hast du etwas dafür!' rief er empört und gab demErfinder des Calembourgs eine Ohrfeige, gegen welche die meinige eineLiebkosung gewesen war.
'Sehr gut!' sagte der Knabe, dem das Ohr blutete.
'Weiter! und mach es kurz!' befahl der Vater, 'damit du mir aus denAugen kommst!'
'—In diesem Augenblick trat Père Amiel ein, schritt auf und nieder, beschnüffelte die Tafel, verstand und tat dergleichen, der Schäker, als ob er nicht verstünde. Aber: 'Bête Amiel! dummer Amiel!'scholl es erst vereinzelt, dann aus mehreren Bänken, dann vollstimmig, 'bête Amiel! dummer Amiel!'
Da—Schrecken—wurde die Tür aufgerissen. Es war der reissende Wolf, der Père Tellier. Er hatte durch die Korridore spioniert und zeigte jetzt seine teuflische Fratze.
'Wer hat das gezeichnet?'
'Ich', antwortete Julian fest. Er hatte sich die Ohren verhalten, seine Lektion zu studieren fortfahrend, und verstand und begriff, wie er ja überhaupt so schwer begreift, nichts von nichts.
'Wer hat das geschrieben?'
'Ich', sagte Julian.
Der Wolf tat einen Sprung gegen ihn, riss den Verblüfften empor, presste ihn an sich, ergriff einen Bücherriemen und—' Dem Erzählenden versagte das Wort.
'Und du hast geschwiegen, elende Memme?' donnerte der Minister. 'Ich verachte dich! Du bist ein Lump!'
'Geschrieen habe ich wie einer, den sie morden', rief der Knabe, ''ich war es! ich! ich!' Auch Père Amiel hat sich an den Wolf geklammert, die Unschuld Julians beteuernd. Er hörte es wohl, der Wolf! Aber mir krümmte er kein Haar, weil ich dein Sohn bin und dich die Jesuiten fürchten und achten. Den Marschall aber hassen sie und fürchten ihn nicht. Da musste der Julian herhalten. Aber ich will dem Wolf mein Messer'—der Knabe langte in die Tasche—'zwischen die Rippen stossen, wenn er nicht—'
Der gestrenge Vater ergriff ihn am Kragen, schleppte ihn gegen die Türe, öffnete sie, warf ihn hinaus und riegelte. Im nächsten Augenblicke schon wurde draussen mit Fäusten gehämmert, und der Knabe schrie: 'Ich gehe mit zum Père Tellier! Ich trete als Zeuge auf und sage ihm: 'Du bist ein Ungeheuer!''
'Im Grunde, Fagon', wendete sich der Minister kaltblütig gegen mich, ohne sich an das Gepolter zu kehren, 'hat der Junge recht: wir beide suchen den Pater auf, ohne Verzug, fallen ihn mit der nackten Wahrheit an, breiten sie wie auf ein Tuch vor ihm aus und nötigen ihn, mit uns zu Julian zu gehen, heute noch, sogleich, und in unsrer Gegenwart dem Misshandelten Abbitte zu tun.' Er blickte nach einer Stockuhr. 'Halb zwölf. Père Tellier hält seine Bauerzeiten fest. Er speist Punkt Mittag mit Schwarzbrot und Käse. Wir finden ihn.'
Argenson zog mich mit sich fort. Wir stiegen ein und rollten.
'Ich kenne den Knaben', wiederholte der Minister. 'Nur eines ist mir in seiner Geschichte unklar. Es ist Tatsache, dass die Väter damit anfingen, ihn zu hätscheln und in Baumwolle einzuwickeln. Seine Kameraden, auch mein Halunke, haben sich oft darüber aufgehalten. Ich begreife, dass die Väter, wie sie beschaffen sind, das Kind hassen, seit der Marschall das Missgeschick hatte, sie zu entlarven. Aber warum sie, denen der Marschall gleichgültig war, einen Vorteil darin fanden, das Kind zuerst über die dem Schwachen gebührende Schonung hinaus zu begünstigen, das entgeht mir.'
'Hm', machte ich.
'Und gerade das muss ich wissen, Fagon.'
'Nun denn, Argenson', begann ich mein Bekenntnis—auch dir, Majestät, lege ich es ab, denn dich zumeist habe ich beleidigt—, 'da ich Julian bei den Vätern um jeden Preis warm betten wollte und ihm keine durchschlagende Empfehlung wusste—man plaudert ja zuweilen ein bisschen, und so erzählte ich den Vätern Rapin und Bouhours, die ich in einer Damengesellschaft fand, Julians Mutter sei dir, dem Könige, eine angenehme Erscheinung gewesen. Die reine Wahrheit. Kein Wort darüber hinaus, bei meiner Ehre, Argenson!' Dieser verzog das Gesicht.
Du, Majestät, zeigest mir ein finsteres und ungnädiges. Aber, Sire, trage ich die Schuld, wenn die Einbildungskraft der Väter Jesuiten das Reinste ins Zweideutige umarbeitet?
'Als sie dann', fuhr ich fort, 'den Marschall zu hassen und sich für ihn zu interessieren begannen, lauschten und forschten sie nach ihrer Weise, erfuhren aber nichts, als dass Julians Mutter das reinste Geschöpf der Erde war, bevor sie der Engel wurde, der jetzt über die Erde lächelt. Leider kamen die Väter zur Überzeugung ihres Irrtums gerade, da das Kind desselben am meisten bedurft hätte.' Argenson nickte."
"Fagon", sagte der König fast strenge, "das war deine dritte und grösste Freiheit. Spieltest du so leichtsinnig mit meinem Namen und dem Rufe eines von dir angebeteten Weibes, hättest du mir wenigstens diesen Frevel verschweigen sollen, selbst wenn deine Geschichte dadurch unverständlicher geworden wäre. Und sage mir, Fagon: hast du da nicht nach dem verrufenen Satze gehandelt, dass der Zweck die Mittel heilige? Bist du in den Orden getreten?"
"Wir alle sind es ein bisschen, Majestät", lächelte Fagon und fuhr fort: "Mitte Weges begegneten wir dem Père Amiel, der wie ein Unglücklicher umherirrte und, meinen Wagen erkennend, sich so verzweifelt gebärdete, dass ich halten liess. Am Kutschenschlage entwickelte er seine närrische Mimik und war im Augenblicke von einem Kreise toll lachender Gassenjungen umgeben. Ich hiess ihn einsteigen.
'Der Mutter Gottes sei gedankt, dass ich Euch finde, Herr Fagon! Dem Julian, welchen Ihr beschützet, ist ein Leid geschehen, und unschuldig ist er, wie der zerschmetterte kleine Astyanax!' deklamierte der Nasige. 'Wenn Ihr, Herr Fagon, den seltsamen Blick gesehen hättet, welchen der Knabe gegen seinen Henker erhob, diesen Blick des Grauens und der Todesangst!' Père Amiel schöpfte Atem. 'Flöhe ich über Meer, mich verfolgte dieser Blick! Begrübe ich mich in einen finstern Turm, er dränge durch die Mauer! Verkröche ich mich—'
'Wenn Ihr Euch nur nicht verkriechet, Professor', unterbrach ihn der Minister, 'jetzt, da es gilt, dem Père Tellier—denn zu diesem fahren wir, und Ihr fahret mit—ins Angesicht Zeugnis abzulegen! Habt Ihr den Mut?'
'Gewiss, gewiss!' beteuerte Père Amiel, der aber merklich erblasste und in seiner Soutane zu schlottern begann. Père Tellier ist selbst in seinem feinen Orden als ein Roher und Gewaltsamer gefürchtet.
Da wir am Professhause ausstiegen, Père Amiel den Vortritt gebend, sprang Victor vom Wagenbrett, wo er neben dem Bedienten die Fahrt aufrecht mitgemacht hatte. 'Ich gehe mit!' trotzte er. Argenson runzelte die Stirn, liess es aber zu, nicht unzufrieden, einen zweiten Zeugen mitzubringen.
Père Tellier verleugnete sich nicht. Argenson bedeutete den Pater und den Knaben, im Vorzimmer zurückzubleiben. Sie gehorchten, jener erleichtert, dieser unmutig. Der Pater Rektor bewohnte eine dürftige, ja armselige Kammer, wie er auch eine verbrauchte Soutane trug, Tag und Nacht dieselbe. Er empfing uns mit gekrümmtem Rücken und einem falschen Lächeln in den ungeschlachten und wilden Zügen. 'Womit diene ich meinen Herren?' fragte er süsslich grinsend.
'Hochwürden', antwortete Argenson und wies den gebotenen Stuhl, der mit Staub bedeckt war und eine zerbrochene Lehne hatte, zurück, 'ein Leben steht auf dem Spiel. Wir müssen eilen, es zu retten. Heute wurde der junge Boufflers im Collegium irrtümlich gezüchtigt. Irrtümlich. Ein durchtriebener Range hat den beschränkten Knaben etwas auf die Tafel zeichnen und schreiben lassen, das sich zu einer albernen Verspottung des Père Amiel gestaltete, ohne dass Julian Boufflers die leiseste Ahnung hatte, wozu er missbraucht wurde. Es ist leicht zu beweisen, dass er der einzige seiner Klasse war, der solche Possen tadelte und nach Kräften verhinderte. Hätte er den fraglichen Streich in seinem Blondkopfe ersonnen, dann war die Züchtigung eine zweifellos verdiente. So aber ist sie eine fürchterliche Ungerechtigkeit, die nicht schnell und nicht voll genug gesühnt werden kann. Dazu kommt noch etwas unendlich Schweres. Der missverständlich Gezüchtigte, ein Kind an Geist, hatte die Seele eines Mannes. Man glaubte einen Jungen zu strafen und hat einen Edelmann misshandelt.'
'Ei, ei', erstaunte der Pater, 'was Exzellenz nicht alles sagen! Kann eine einfache Sache so verdreht werden? Ich gehe durch die Korridore. Das ist meine Pflicht. Ich höre Lärm in der Rhetorik. Père Amiel ist ein Gelehrter, der den Orden ziert, aber er weiss sich nicht in Respekt zu setzen. Unsre Väter lieben es nicht, körperlich zu züchtigen, aber das konnte nicht länger gehn, ein Exempel musste statuiert werden. Ich trete ein. Eine Sottise steht auf der Tafel. Ich untersuche. Boufflers bekennt. Das übrige verstand sich.
Unbegabt? beschränkt? Im Gegenteil, durchtrieben ist er, ein Duckmäuser. Stille Wasser sind tief. Was ihm mangelt, ist die Aufrichtigkeit, er ist ein Heuchler und Gleisner. Hat's geschmerzt? O die zarte Haut! Ein Herrensöhnchen, wie? Tut mir leid, wir Väter Jesu kennen kein Ansehn der Person. Auch hat uns der Marschall selbst gebeten, sein Kind nicht zu verziehn. Ich war älter als jener, da ich meine letzten und besten Streiche erhielt, im Seminar, vierzig weniger einen wie Sankt Paulus, der auch ein Edelmann war. Bin ich draufgegangen? Ich rieb mir die Stelle, mit Züchten geredet, und mir war wohler als zuvor. Und ich war unschuldig, von der Unschuld dieses Verstockten aber überzeugt mich niemand!'
'Vielleicht doch, Hochwürden!' sagte Argenson und rief die zweiHarrenden herein.
'Victor', bleckte der Jesuit den eintretenden Knaben an, 'du hast es nicht getan! Für dich stehe ich. Du bist ein gutartiges Kind. Ein Dummkopf wärest du, dich für schuldig zu erklären, den niemand anklagt.'
Victor, der in trotzigster Haltung nahte, schaute dem Unhold tapfer ins Gesicht, aber der Mut sank ihm. Sein Herz erbebte vor der wachsenden Wildheit dieser Züge und den funkelnden Wolfsaugen.
Er machte rasch. 'Ich habe den Julian verleitet, der nichts davon verstand', sagte er. 'Das schrie ich Euch in die Ohren, aber Ihr wolltet nicht hören, weil Ihr ein Bösewicht seid!'
'Genug!' befahl Argenson und wies ihm die Türe. Er ging nicht ungern.Er begann sich zu fürchten.
'Père Amiel', wandte sich der Minister gegen diesen, 'Hand aufs Herz, konnte Julian das Wortspiel erfinden?'
Der Pater zauderte, mit einem bangen Blick auf den Rektor. 'Mut,Pater', flüsterte ich, 'Ihr seid ein Ehrenmann!'
'Unmöglich, Exzellenz, wenn nicht Achill eine Memme und Thersites einHeld war!' beteuerte Père Amiel, sich mit seiner Rhetorik ermutigend.'Julian ist schuldlos wie der Heiland.'
Das erdfarbene Gesicht des Rektors verzerrte sich vor Wut. Er war gewohnt, im Collegium blinden Gehorsam zu finden, und ertrug nicht den geringsten Widerspruch.
'Wollt Ihr kritisieren, Bruder?' schäumte er.
'Kritisiert zuerst Euer tolles Fratzenspiel, das Euch dem Dümmsten zumSpotte macht! Ich habe den Knaben gerecht behandelt!'
Diese Herabwürdigung seiner Mimik brachte den Pater gänzlich ausser sich und liess ihn für einen Augenblick alle Furcht vergessen. 'Gerecht?' jammerte er. 'Dass Gott erbarm'! Wie oft hab' ich Euch gebeten, dem Unvermögen des Knaben Rechnung zu tragen und ihn nicht zu zerstören! Wer antwortete mir: Meinethalben gehe er drauf!', wer hat das gesprochen?'
'Mentiris impudenter!' heulte der Wolf.
'Mentiris impudentissime, pater reverende!' überschrie ihn der Nasige, an allen Gliedern zitternd.
'Mir aus den Augen!' herrschte der Rektor, mit dem Finger nach der Türe weisend, und der kleine Pater rettete sich, so geschwind er konnte.
Da wir wieder zu dreien waren: 'Hochwürden', sprach der Minister ernst, 'es wurde der Vorwurf gegen Euch erhoben, den Knaben zu hassen. Eine schwere Anklage! Widerlegt und beschämt dieselbe, indem Ihr mit uns geht und Julian Abbitte tut. Niemand wird dabei zugegen sein als wir zwei.' Er deutete auf mich. 'Das genügt. Dieser Herr ist der Leibarzt des Königs und um die Gesundheit des Knaben in schwerer Sorge. Ihr entfärbet Euch? Lasst es Euch kosten und bedenket: der, dessen Namen Ihr traget, gebietet, die Sonne nicht über einem Zorne untergehen zu lassen, wieviel weniger über einer Ungerechtigkeit!'
Ein Unrecht bekennen und sühnen! Der Jesuit knirschte vor Ingrimm.
'Was habe ich mit dem Nazarener zu schaffen?' lästerte er, in verwundetem Stolze sich aufbäumend, und der Hässliche schien gegen die Decke zu wachsen wie ein Dämon. 'Ich bin der Kirche! Nein, des Ordens!… Und was habe ich mit dem Knaben zu schaffen? Nicht ihn hasse ich, sondern seinen Vater, der uns verleumdet hat! verleumdet! schändlich verleumdet!'
'Nicht der Marschall', sagte ich verdutzt, 'sondern mein Laboratorium hat die Väter—verleumdet.'
'Fälschung! Fälschung!' tobte der Rektor. 'Jene Briefe wurden nie geschrieben! Ein teuflischer Betrüger hat sie untergeschoben!', und er warf mir einen mörderischen Blick zu.
Ich war betroffen, ich gestehe es, über diese Macht und Gewalt: Tatsachen zu vernichten, Wahrheit in Lüge und Lüge in Wahrheit zu verwandeln.
Père Tellier rieb sich die eiserne Stirn. Dann veränderte er das Gesicht und beugte sich vor dem Minister halb kriechend, halb spöttisch: 'Exzellenz, ich bin Euer gehorsamer Diener, aber Ihr begreift: ich kann die Gesellschaft nicht so tief erniedrigen, einem Knaben Abbitte zu leisten.'
Argenson wechselte den Ton nicht minder gewandt. Er stellte sich neben Tellier mit einem unmerklichen Lächeln der Verachtung in den Mundwinkeln. Der Pater bot das Ohr.
'Seid Ihr gewiss', wisperte der Minister, 'dass Ihr den Sohn desMarschalls gegeisselt habt, und nicht das edelste Blut Frankreichs?'
Der Pater zuckte zusammen. 'Es ist nichts daran', wisperte er zurück.'Ihr narrt mich, Argenson.'
'Ich habe keine Gewissheit. In solchen Dingen gibt es keine. Aber die blosse Möglichkeit würde Euch als—Ihr wisst, was ich meine und wozu Ihr vorgeschlagen seid—unmöglich machen.'
Ich glaubte zu sehen, Sire, wie Hochmut und Ehrgeiz sich in den düstern Zügen Eures Beichtvaters bekämpften, aber ich konnte den Sieger nicht erraten.
'Ich denke, ich gehe mit den Herren', sagte Père Tellier.
'Kommt, Pater!' drängte der Minister und streckte die Hand gegen ihn aus.
'Aber ich muss die Soutane wechseln. Ihr seht, diese ist geflickt, und ich könnte in Versailles der Majestät begegnen.' Er öffnete ein Nebenzimmer.
Argenson blickte ihm über die Schulter und sah in einen niedernVerschlag mit einem nackten Schragen und einem wurmstichigen Schreine.
'Mit Vergunst, Herren', lispelte der Jesuit schämig, 'ich habe mich noch nie vor weltlichen Augen umgekleidet.'
Argenson fasste ihn an der Soutane. 'Ihr haltet Wort?'
Père Tellier streckte drei schmutzige Finger gegen etwas Heiliges, das im Dunkel einer Ecke klebte, entschlüpfte und schloss die Tür bis auf eine kleine Spalte, welche Argenson mit der Fussspitze offenhielt.
Wir hörten den Schrank öffnen und schliessen. Zwei stille Minuten verstrichen. Argenson stiess die Türe auf. Weg war Père Tellier. Hatte er der Einflüsterung Argensons nicht geglaubt und nur die Gelegenheit ergriffen, aus unserer Gegenwart zu entrinnen? Oder hatte er sie geglaubt, der eine Dämon seines Ordens aber den andern, der Stolz den Ehrgeiz überwältigt? Wer blickt in den Abgrund dieser finstern Seele?
'Meineidiger!' fluchte der Minister, öffnete den Schrein, erblickte eine Treppe und stürzte sich hinab. Ich stolperte und fiel mit meiner Krücke nach. Unten standen wir vor den höchlich erstaunten Mienen eines vornehmen Novizen mit den feinsten Manieren, welcher auf unsre Frage nach dem Pater bescheiden erwiderte, seines Wissens sei derselbe vor einer Viertelstunde in Geschäften nach Rouen verreist.
Argenson gab jede Verfolgung auf. 'Eher schleppte ich den Cerberus aus der Hölle, als dieses Ungeheuer nach Versailles!… Überdies, wo ihn finden in den hundert Schlupfwinkeln der Gesellschaft? Ich gehe. Schickt nach frischen Pferden, Fagon, und eilet nach Versailles. Erzählt alles der Majestät. Sie wird Julian die Hand geben und zu ihm sprechen: 'Der König achtet dich, dir geschah zu viel!' Und der Knabe ist ungegeisselt.' Ich gab ihm recht. Das war das Beste, das einzig gründlich Heilsame, wenn es nicht zu spät kam."
Fagon betrachtete den König unter seinen buschigen greisen Brauen hervor, welchen Eindruck auf diesen die ihm entgegengehaltene Larve seines Beichtigers gemacht hätte. Nicht dass er sich schmeichelte, Ludwig werde seine Wahl widerrufen. Warnen aber hatte er den König wollen vor diesem Feinde der Menschheit, der mit seinen Dämonenflügeln das Ende einer glänzenden Regierung verschatten sollte. Allein Fagon las in den Zügen des Allerchristlichsten nichts als ein natürliches Mitleid mit dem Lose des Sohnes einer Frau, die dem Gebieter flüchtig gefallen hatte, und das Behagen an einer Erzählung, deren Wege wie die eines Gartens in einen und denselben Mittelpunkt zusammenliefen: der König, immer wieder der König!
"Weiter, Fagon", bat die Majestät, und dieser gehorchte, gereizt und in verschärfter Laune.
"Da die Pferde vor einer Viertelstunde nicht anlangen konnten, trat ich bei einem dem Professhause gegenüber wohnenden Bader, meinem Klienten, ein und bestellte ein laues Bad, denn ich war angegriffen. Während das Wasser meine Lebensgeister erfrischte, machte ich mir die herbsten Vorwürfe, den mir anvertrauten Knaben vernachlässigt und seine Befreiung verschoben zu haben. Nach einer Weile störte mich durch die dünne Wand ein unmässiges Geplauder. Zwei Mädchen aus dem untern Bürgerstande badeten nebenan. 'Ich bin so unglücklich!' schwatzte die eine und kramte ein dummes Liebesgeschichtchen aus, 'so unglücklich!' Eine Minute später kicherten sie zusammen. Während ich meine Lässigkeit verklagte und eine zentnerschwere Last auf dem Gewissen trug, schäkerten und bespritzten sich neben mir zwei leichtfertige Nymphen.
In Versailles—"
König Ludwig wendete sich jetzt gegen Dubois, den Kammerdiener der Marquise, der, leise eingetreten, flüsterte: "Die Tafel der Majestät ist gedeckt." "Du störst, Dubois", sagte der König, und der alte Diener zog sich zurück mit einem leisen Ausdrucke des Erstaunens in den geschulten Mienen, denn der König war die Pünktlichkeit selber.
"In Versailles", wiederholte Fagon, "fand ich den Marschall tafelnd mit einigen seiner Standesgenossen. Da war Villars, jeder Zoll ein Prahler, ein Heros, wie man behauptet und ich nicht widerspreche, und der unverschämteste Bettler, wie du ihn kennst, Majestät; da war Villeroy, der Schlachtenverlierer, der nichtigste der Sterblichen, der von den Abfällen deiner Gnade lebt, mit seinem unzerstörlichen Dünkel und seinen grossartigen Manieren; Grammont mit dem vornehmen Kopfe, der mich gestern in deinem Saale, Majestät, und an deinen Spieltischen mit gezeichneten Karten betrogen hat, und Lauzun, der unter seiner sanften Miene gründlich Verbitterte und Boshafte. Vergib, ich sah deine Höflinge verzerrt im grellen Lichte meiner Herzensangst. Auch die Gräfin Mimeure war geladen und Mirabelle, die neben Villeroy sass, welcher dem armen Kinde mit seinen siebzigjährigen Geckereien angst und bange machte.
Julian war von seinem Vater zur Tafel befohlen und bleich wie der Tod.Ich sah, wie ihn der Frost schüttelte, und betrachtete unverwandt dasOpfer mit heiliger Scheu.
Das Gespräch—gibt es beschleunigende Dämonen, die den Steigenden stürmisch emporheben und den Gleitenden mit grausamen Füssen in die Tiefe stossen?—das Gespräch wurde über die Disziplinarstrafen im Heere geführt. Man war verschiedener Meinung. Es wurde gestritten, ob überhaupt körperlich gezüchtigt werden solle, und wenn ja, mit welchem Gegenstande, mit Stock, Riemen oder flacher Klinge. Der Marschall, menschlich wie er ist, entschied sich gegen jede körperliche Strafe, ausser bei unbedingt entehrenden Vergehen, und Grammont, der falsche Spieler, stimmte ihm bei, da die Ehre, wie Boileau sage, eine Insel mit schroffen Borden sei, welche, einmal verlassen, nicht mehr erklommen werden könne. Villars gebärdete sich, wenn ich es sagen soll, wie ein Halbnarr und erzählte, einer seiner Grenadiere habe, wahrscheinlich ungerechterweise gezüchtigt, sich mit einem Schusse entleibt, und er—Marschall Villars—habe in den Tagesbefehl gesetzt: Lafleur hätte Ehre besessen auf seine Weise. Das Gespräch kreuzte sich. Der Knabe folgte ihm mit irren Augen. 'Schläge', 'Ehre', 'Ehre', 'Streiche' scholl es hin- und herüber. Ich flüsterte dem Marschall ins Ohr: 'Julian ist leidend, er soll zu Bette.' 'Julian darf sich nicht verwöhnen', erwiderte er. 'Der Knabe wird sich zusammennehmen. Auch wird die Tafel gleich aufgehoben.' Jetzt wendete sich der galante Villeroy gegen seine schüchterne Nachbarin. 'Gnädiges Fräulein', näselte er und spreizte sich, 'Sprecht, und wir werden ein Orakel vernehmen!' Mirabelle, schon auf Kohlen sitzend, überdies geängstigt durch das entsetzliche Aussehen Julians, verfiel natürlich in ihre Gewöhnung und antwortete: 'Körperliche Gewalttat erträgt kein Untertan des stolzesten der Könige: ein so Gebrandmarkter lebt nicht länger!' Villeroy klatschte Beifall und küsste ihr den Nagel des kleinen Fingers. Ich erhob mich, fasste Julian und riss ihn weg. Dieser Aufbruch blieb fast unbemerkt. Der Marschall mag denselben bei seinen Gästen entschuldigt haben.
Während ich den Knaben entkleidete—er selbst kam nicht mehr damit zustande—, sagte er: 'Herr Fagon, mir ist wunderlich zumute. Meine Sinne verwirren sich. Ich sehe Gestalten. Ich bin wohl krank. Wenn ich stürbe—' Er lächelte. 'Wisset Ihr, Herr Fagon, was heute bei den Jesuiten geschehen ist? Lasset meinen Vater nichts davon wissen! nie! nie! Es würde ihn töten!' Ich versprach es ihm und hielt Wort, obgleich es mich kostete. Noch zur Stunde ahnt der Marschall nichts davon.
Den Kopf schon im Kissen, bot mir Julian die glühende Hand. 'Ich danke Euch, Herr Fagon… für alles… Ich bin nicht undankbar wie Mouton.'
Deine Majestät zu bemühen, war jetzt überflüssig. In der nächsten Viertelstunde schon redete Julian irre. Prozess und Urteil lagen in den Händen der Natur. Die Fieber wurden heftig, der Puls jagte. Ich liess mir ein Feldbett in der geräumigen Kammer aufschlagen und blieb auf dem Posten. In das anstossende Zimmer hatte der Marschall seine Mappen und Karten tragen lassen. Er verliess seinen Arbeitstisch stündlich, um nach dem Knaben zu sehen, welcher ihn nicht erkannte, Ich warf ihm feindselige Blicke zu. 'Fagon, was hast du gegen mich?' fragte er. Ich mochte ihm nur nicht antworten.
Der Knabe phantasierte viel, aber im Bereiche seines lodernden Blickes schwebten nur freundliche und aus dem Leben entschwundene Gestalten. Mouton erschien, und auch Mouton der Pudel sprang auf das Bette. Am dritten Tage sass die Mutter neben Julian.
Drei Besuche hat er erhalten. Victor kratzte an die Türe und brach, von mir eingelassen, in ein so erschütterndes Wehgeschrei aus, dass ich ihn wegschaffen musste. Dann klopfte der Finger Mirabellens. Sie trat an das Lager Julians, der eben in einem unruhigen Halbschlummer lag, und betrachtete ihn. Sie weinte wenig, sondern drückte ihm einen brünstigen Kuss auf den dürren Mund. Julian fühlte weder den Freund noch die Geliebte.
Unversehens meldete sich auch Père Amiel, den ich nicht abwies. Da ihn der Kranke mit fremden Augen anstarrte, sprang er possierlich vor dem Bette herum und rief. 'Kennst du mich nicht mehr, Julian, deinen Père Amiel, den kleinen Amiel, den Nasen-Amiel? Sage mir nur mit einem Wörtchen, dass du mich lieb hast' Der Knabe blieb gleichgültig. Gibt es elysische Gefilde, denke ich dort den Père zu finden, ohne langen Hut, mit proportionierter Nase, und Hand in Hand mit ihm einen Gang durch die himmlischen Gärten zu tun.
Am vierten Abende ging der Puls rasend. Ein Gehirnschlag konnte jedenAugenblick eintreten. Ich trat hinüber zum Marschall.
'Wie steht es?'
'Schlecht.'
'Wird Julian leben?'
'Nein. Sein Gehirn ist erschöpft. Der Knabe hat sich überarbeitet.'
'Das wundert mich', sagte der Marschall, 'ich wusste das nicht.' In der Tat, ich glaube, dass er es nicht wusste. Meine Langmut war zu Ende. Ich sagte ihm schonungslos die Wahrheit und warf ihm vor, sein Kind vernachlässigt und zu dessen Tode geholfen zu haben. Das Golgatha bei den Jesuiten verschwieg ich. Der Marschall hörte mich schweigend an, den Kopf nach seiner Art etwas auf die rechte Seite geneigt. Seine Wimper zuckte, und ich sah eine Träne. Endlich erkannte er sein Unrecht. Er fasste sich mit der Selbstbeherrschung des Kriegers und trat in das Krankenzimmer.
Der Vater setzte sich neben seinen Knaben, der jetzt unter dem Druck entsetzlicher Träume lag. 'Ich will ihm wenigstens', murmelte der Marschall, 'das Sterben erleichtern, was an mir liegt. Julian!' sprach er in seiner bestimmten Art. Das Kind erkannte ihn.
'Julian, du musst mir schon das Opfer bringen, deine Studien zu unterbrechen. Wir gehen miteinander zum Heere ab. Der König hat an der Grenze Verluste erlitten, und auch der Jüngste muss jetzt seine Pflicht tun.' Diese Rede verdoppelte die Reiselust eines Sterbenden… Einkauf von Rossen… Aufbruch… Ankunft im Lager… Eintritt in die Schlachtlinie… Das Auge leuchtete, aber die Brust begann zu röcheln. 'Die Agonie!' flüsterte ich dem Marschall zu.
'Dort die englische Fahne! Nimm sie!' befahl der Vater. Der sterbende Knabe griff in die Luft. 'Vive le roi!' schrie er und sank zurück wie von einer Kugel durchbohrt."
Fagon hatte geendet und erhob sich. Die Marquise war gerührt. "ArmesKind!" seufzte der König und erhob sich gleichfalls.
"Warum arm", fragte Fagon heiter, "da er hingegangen ist als ein Held?"
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