Vierter Aufzug.
Ein Jahr später in Moskau.
Saal in Sarynzews Haus, der zu einem Tanzabend mit Klavierbegleitung hergerichtet ist. Diener stellen Blattpflanzen vor dem Flügel auf. Maria Iwanowna tritt in elegantem Seidenkleid mit Alexandra Iwanowna ein.
Saal in Sarynzews Haus, der zu einem Tanzabend mit Klavierbegleitung hergerichtet ist. Diener stellen Blattpflanzen vor dem Flügel auf. Maria Iwanowna tritt in elegantem Seidenkleid mit Alexandra Iwanowna ein.
Maria Iwanowna.Alexandra Iwanownaund dieDiener.
Maria Iwanowna.Alexandra Iwanownaund dieDiener.
Maria.Was redest du da von einem Ball? Das ist doch kein Ball, sondern einfach ein Tanzkränzchen,thé dansant, wie man früher sagte. Ich kann doch meine Kinder nicht nur bei anderen Leuten tanzen lassen. Bei Makows haben sie Theater gespielt, überall getanzt – da muß ich mich doch revanchieren.
Alexandra.Ich fürchte nur, Nikolai ist nicht sehr entzückt davon.
Maria.Was kann ich dabei ändern? (Zu einem Diener.) Hier stellen Sie die Pflanzen hin. Gott weiß, wie sehr ich mich bemühe, ihm alle Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu räumen. Ich glaube übrigens, er ist jetzt schon nicht mehr so anspruchsvoll.
Alexandra.O nein; er zeigt es nur nicht mehr so. Nach Tisch ist er sehr verstimmt in sein Zimmer gegangen.
Maria.Was kann ich dabei machen? Was soll ich anfangen? Wir müssen doch alle leben. Sind jetzt sieben Kinder. Wenn man ihnen nicht ab und an zu Hause ein kleines Vergnügen bietet, stellen sie Gott weiß was an. Ich bin nur glücklich, daß es mit Ljuba so gekommen ist.
Alexandra.Hat er schon seinen Antrag gemacht?
Maria.So ungefähr. Er hat mit ihr gesprochen, und sie hat ihm ihr Jawort gegeben.
Alexandra.Das ist wieder ein schwerer Schlag für ihn.
Maria.Aber er weiß es doch. Muß es längst wissen.
Alexandra.Er kann ihn nicht ausstehen.
Maria(zu den Dienern). Stellen Sie die Früchte aufs Büfett. – Wen? Alexander Michailowitsch? Natürlich liebt er ihn nicht, weil Alexander der verkörperte Widerspruch gegen all seine Theorien ist: ein lieber, guter, angenehmer Mensch und dabei Weltmann. Ach, dieser unglückliche Boris, der wie ein Alp auf mir lastet – was macht er eigentlich?
Alexandra.Lisa war bei ihm. Er ist immer noch »dort«. Soll schrecklich abgemagert sein; die Ärzte fürchten für sein Leben oder seinen Verstand.
Maria.Den hat er mit seinen Ideen tatsächlich so weit gebracht. Warum mußte er zugrunde gehen! Ich habe die Verbindung übrigens nie gewünscht.
Ein Klavierspieler(tritt ein).
Die Vorigenund derKlavierspieler.
Die Vorigenund derKlavierspieler.
Maria.Sie sind der Klavierspieler?
Klavierspieler.Jawohl, gnädige Frau.
Maria.Bitte, nehmen Sie Platz. Es dauert noch etwas. Vielleicht wünschen Sie Tee?
Klavierspieler.Nein, danke. (Er geht zum Flügel.)
Maria.War stets dagegen. Ich hatte Boris sehr gern, trotzdem war er keine Partie für Ljuba. Besonders, als er sich für Nikolai Iwanowitschs Ideen begeisterte.
Alexandra.Erstaunlich bleibt doch diese Überzeugungskraft! Was hat er auszustehen! Man sagt ihm, wenn er nicht nachgäbe, würde er entweder im Irrenhause bleiben oder auf Festung kommen. Trotzdem wiederholt er stets dasselbe. Und wie Lisa sagt, ist er froh, ja heiter gestimmt.
Maria.Diese Fanatiker. Da ist übrigens Alexander Michailowitsch.
Alexander Michailowitsch Starkowski(elegante Erscheinung im Frack, tritt ein).
Die VorigenundStarkowski.
Die VorigenundStarkowski.
Starkowski.Ich komme wohl zu früh? (Er küßt beiden Damen die Hand.)
Maria.Um so besser.
Starkowski.Wie geht es Ihrem Fräulein Tochter? Sie wollte beim Tanz alles Versäumte nachholen, und ich hatte die Absicht, ihr zu helfen.
Maria.Sie macht die Kotillonsachen zurecht.
Starkowski.Da werde ich ihr helfen – darf ich?
Maria.Sehr liebenswürdig.
Starkowski(will gehen).
Ljuba(kommt ihm mit einem Kissen voll Orden und Bändern entgegen).
Die VorigenundLjuba.
Die VorigenundLjuba.
Ljuba(in Abendtoilette, nicht dekolletiert). Ach, da sind Sie. Das ist schön. Sie können mir helfen. Da im Gastzimmer liegen noch zwei Kissen, die bringen Sie bitte her. Guten Abend, guten Abend!
Starkowski.Ich eile, ich fliege. (Er geht ab.)
Maria Iwanowna.Alexandra Iwanowna.Ljuba.
Maria Iwanowna.Alexandra Iwanowna.Ljuba.
Maria(zu Ljuba). Hör mal, Ljuba. Heute kommen Bekannte, die Anspielungen machen und Fragen stellen. Darf ich die Verlobung bekanntgeben?
Ljuba.Ach nein, Mama, nein. Wozu? Laß sie doch fragen. Es ist Papa so unangenehm.
Maria.Aber er weiß es doch, oder errät es. Früher oder später muß man ihn doch einweihen. Ich denke, es ist am besten, heute alles bekanntzugeben. Es weiß ja jedes Kind …
Ljuba.Nein, nein, Mama, bitte nicht. Du verdirbst mir den ganzen Abend. Es ist wirklich nicht nötig.
Maria.Wie du willst, mein Kind.
Ljuba.Oder höchstens ganz gegen Schluß, eh’ wir zu Tisch gehen.
Starkowski(kommt).
Die VorigenundStarkowski.
Die VorigenundStarkowski.
Ljuba.Nun, haben Sie die Sachen?
Maria.Also ich werde mal nach Natalie sehen. (Sie geht mit Alexandra Iwanowna ab.)
LjubaundStarkowski.
LjubaundStarkowski.
Starkowski(trägt drei Kissen, von denen er eins mit dem Kinn stützt und unterwegs fallen läßt). Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich hebe es sofort auf.
Ljuba.Ach, was haben Sie da gemacht! Hätten die Sachen richtig verteilen müssen. Wanja, komm mal her.
Die VorigenundWanja.
Die VorigenundWanja.
Wanja(bringt noch mehr Kissen). Jetzt sind es alle. Ljuba, Alexander Michailowitsch und ich haben gewettet, wer am meisten Orden bekommt.
Starkowski.Du hast es gut, du kennst alle, ich dagegen muß die Mädchenherzen erst erobern, um meine Belohnung zu erhalten. Trotzdem gebe ich dir vierzig Points vor.
Wanja.Dafür bist du auch Bräutigam und ich noch ein Schuljunge.
Ljuba.Wanja, geh doch bitte in mein Zimmer und hol mir den Gummi und das Nadelkissen von der Etagere.
Wanja(setzt sich in Bewegung).
Ljuba.Aber mach um Gottes willen nichts entzwei!
Wanja.Alles mach’ ich entzwei. (Er läuft fort.)
LjubaundStarkowski.
LjubaundStarkowski.
Starkowski(faßt Ljuba bei der Hand). Ljuba, darf ich? Ich bin so glücklich. (Er küßt ihre Hand.) Die Masurka ist mein, aber die genügt mir nicht. Dabei kann man sich so wenig unterhalten. Und ich habe so viel auf dem Herzen. Darf ich meinen Eltern telegraphieren, daß ich glücklicher Bräutigam bin?
Ljuba.Ja, heute abend.
Starkowski.Und noch eins: wie wird dein Vater die Nachricht aufnehmen? Habt ihr mit ihm gesprochen, ja?
Ljuba.Ich nicht. Aber ich werde es ihm sagen. Er wird die Nachricht aufnehmen, wie alles, was die Familie betrifft; wird sagen: tu, was du für richtig hältst. Aber innerlich wird er traurig sein.
Starkowski.Weil ich nicht Tscheremschanow bin, sondern Kammerjunker und Adelsmarschall?
Ljuba.Ja. Ich habe mit mir selbst gekämpft, mich seinetwillen belogen. Nicht, weil ich ihn zu wenig liebe, kann ich nicht auf das eingehen, was er will, sondern weil ich mich nicht verstellen kann. Mein sehnlicher Wunsch ist: leben, leben!
Starkowski.Das ist auch das einzig Wahre. Na, aber Tscheremschanow?
Ljuba(erregt). Sprich nicht von ihm. Ich könnte mich hinreißen lassen, ihn zu verurteilen, jetzt, wo er leidet. Und ich weiß, daß das daher rührt, daß ich vor ihm schuldigbin. Ich weiß aber auch, daß es eine Liebe, eine wahre Liebe gibt, die ich für ihn nie empfunden habe.
Starkowski.Ljuba, ist das wahr?
Ljuba.Du möchtest von mir hören, daß ich diese wahre Liebe für dich empfinde? Aber das kann ich nicht. Gewiß, ich liebe dich anders – aber auch nicht richtig. Wenn man das eine und das andere zusammentun könnte …
Starkowski.Nun, ich bin schon zufrieden. Ljuba! (Er küßt ihr die Hand.)
Ljuba(abwehrend). Nein, wir wollen hier aufräumen. Da kommen schon Gäste.
Die Fürstin(kommt mitTonjaund einem kleinen Mädchen).
Die Vorigenund dieFürstinmitTonjaund dem kleinenMädchen.
Die Vorigenund dieFürstinmitTonjaund dem kleinenMädchen.
Ljuba.Mama muß sofort erscheinen.
Fürstin.Sind wir die ersten?
Starkowski.Irgend jemand muß den Anfang machen. Vielleicht wird nächstens eine Gummipuppe erfunden, die immer die erste ist.
Stefan(tritt ein).
Wanja(bringt die gewünschten Sachen).
Die Vorigen.StefanundWanja.
Die Vorigen.StefanundWanja.
Stefan.Ich hoffte, Sie gestern bei den Italienern zu treffen?
Tonja.Wir waren bei Tante; haben Armenkleider genäht.
Studenten,Damen,Maria Iwanowna,eineGräfin(kommen).
Die Vorigen.Maria Iwanowna, dieGräfin,StudentenundDamen.
Die Vorigen.Maria Iwanowna, dieGräfin,StudentenundDamen.
Gräfin.Werden wir Nikolai Iwanowitsch nicht sehen?
Maria.Nein, er kommt nie aus seinem Zimmer.
Starkowski.Bitte zur Quadrille die Herrschaften. (Er klatscht in die Hände. Man nimmt Aufstellung und tanzt.)
Alexandra(tritt zu Maria Iwanowna). Er ist schrecklich erregt. War bei Boris, und als er nach Hause kommt, sieht er dieVorbereitungen zum Ball. Jetzt will er fort. Ich stand an der Tür und hörte seine Unterhaltung mit Alexander Petrowitsch.
Maria.Worüber denn?
Starkowski.Rond des Dames. Les cavaliers en avant.
Alexandra.Er erklärt es für unmöglich, hier weiter zu leben, und geht fort.
Maria.Was für ein Quälgeist ist dieser Mann! (Sie geht ab.)