Chapter 4

Gewebe der Penelope

Wenn sie beym Chrysostomus, Basilius, Hieronymus, etwas dergleichen antreffen, so sprechen sie ohne Umschweif: dieses hat man nicht angenommen. Jene Alten haben die heidnischen Philosophen und die Juden widerlegt; Leute, denen es von Natur an Hartnäckigkeit nicht fehlte; sie thaten es aber mehr durch Leben und Wunder, als durch Syllogismen; und die Leute, die bekehrt wurden, waren ehrlich-einfältige Leute, die mit Anspannung alles ihres Witzes nicht im Stande gewesen wären, ein einziges Quodlibet des Scotus zu verstehen.Nun aber, wo ist ein Heid, ein Ketzer, welcher vor so feinen Subtilitäten nicht sogleich die Waffen strecken müßte? Es sey denn, daß er, der Tummkopf, es nicht fassen konnte; oder unverschämt genug wäre, es auszuzischen; oder sich mit ähnlichen Waffen und Fallstricken versehen hätte, so daß man im Treffen keinen Vortheil vor einander haben würde; wie wenn zween Zauberer einander beym Kopfe kriegen; oder wenn jeder ein Zauberschwerdt hat: da würde die Sache so wenig zu Ende kommen, als das Gewebe der klugen Frau Penelope.

Wenn die Christen (ich rede nach meiner Einsicht) weise wären, so würden sie anstatt jener Scharen von schwerfälligen Soldaten, derer man sich seit langem aber nicht mit dem besten Erfolge bedient, lärmende Scotisten, hartnäckige Occanisten, unüberwindliche Albertisten, mit dem ganzen Geschleppe der Sophisten, wider Türken und Saracenen senden; man würde (ich zweifle nicht daran) das allerlustigste Gefechte sehen, und einen noch nie gesehenen Sieg. Wo sollte sich eine so kalte Seele finden lassen, die nicht bey der Glut solcher Männer in Flammen gerathen müßte? derallerträgste würde dadurch zur Hurtigkeit angespannt werden; dem Scharfsichtigsten würde hier Staub in die Augen geworfen werden.

Mich deucht bald, ich scheine euch dieses alles nur im Scherze gesagt zu haben. Kein wunder! es giebt ja auch unter den Theologen, den gelehrtesten, solche, denen vor dergleichen elenden (das ist ihr Wort) theologischen Spitzfindigkeiten eckelt. Es giebt derer, die es als eine Gotteslästerung verabscheuen und es für die höchste Ruchlosigkeit halten, wenn man von so geheimen Dingen, die ehender anzubeten als zu erklären sind, mit einem so unausgespühlten Munde redet; sich darüber mit unheiligen von Heiden ausgesonnenen Grübeleyen erzankt; alles stolz erklärt; und die Majestät der göttlichen Theologie mit einem frostigen und unsaubern Wörtergemische beschmutzt.

Atlas trägt den Himmel

Indessen sind sie aufs herrlichste mit sich selbst zufrieden, und klatschen sich Beyfall; mit diesen allerliebsten Kindereyen Tag und Nacht beschäftigt, finden sie die geringste Zeit nicht, nur einmal das Evangelium, oder die paulinischen Briefe, aufzuschlagen. Unter diesen Schulärmlichkeiten bereden sie sich, daß sie dieganze Kirche, die sonst einsinken müßte, mit ihren Syllogismenstützen gerade so aufrecht erhalten, wie der Himmel bey den Dichtern sich auf die Schultern des Atlas steuert. Wie glückselig dünken sie sich nicht auch dann zu seyn, wenn sie Schriftstellen, wie ein Stück Wachs, nach Willkühr bilden und ändern! Wenn diesen ihren Entscheidungen die Unterschrift einiger Scholastiker beygefügt ist, so sehen sie dieselben für ehrwürdiger an, als Solons Gesetze; sie ziehen sie den päbstlichen Decreten vor; sie, als Censoren der Welt, wollen jedermann einen Wiederruf abzwingen, der sich für etwas erkläret hat, das mit ihren mittelbaren und unmittelbaren Folgerungen nicht haarklein übereinstimmt; mit einer schnarrenden Orakelstimme sprachen sie: „dieser Satz ist ärgerlich; dieser vergreift sich an der Ehrbarkeit; dieser riecht nach Ketzerey; dieser klingt nicht gut.“ Also lässet man weder die Tauf noch das Evangelium, weder Paulus noch Petrus, weder Hieronymus noch Augustinus, ja den so sehr aristotelesierenden Thomas selbst nicht für christlich gelten, wenn es den Herren Baccalauren nicht einleuchten will: denn ohneihre Feinheiten läßt sich kein gesundes Urtheil fällen. In der That, wer würde es haben fühlen können, daß der kein Christ sey, der sagen würde; „die beiden Sätze: du, Nachttopf, stinkst, und, der Nachttopf stinkt; ferner, in Hafen südets, und, der Hafen südet, lassen sich beide sagen“ wenn er nicht bey diesen Weisen zur Schule gegangen wäre. Wer würde die Kirche von solchen Irrthumsfinsternissen befreyt haben, die man nirgends auch nur einmal gelesen hätte, wenn diese Herren nicht so gut gewesen wären, sie mit angehängten grossen Insiglen an das Taglicht kommen zu lassen? Aber, sind sie nicht eben hiedurch für erzglückliche Geschöpfe zu erkennen?

Alles, was sich in den unterirdischen Gegenden zuträgt, beschreiben sie so mit den kleinsten Umständen, als ob sie in selbiger Republik viele Jahre zugebracht hätten. Nach Willkühr bauen sie einen neuen Himmel über den andern; und lassen es zuletzt an dem weiten und schönen Empyreum nicht fehlen, damit es den beglückten Seelen an Raume nicht gebreche, sich zu ergehen, ihre festlichen Mahlzeiten zu halten, oder den Ball zu schlagen.

Jupiter und Vulkan

Mit diesen und tausend dergleichen Schnakereyen haben sie den Kopf so vollgestopft, daß ich glaube, Jupiters mit der Pallas beschwängertes Gehirne sey nicht ausgespannter gewesen, da er die Art des Vulkans um Hülfe anrief. Kein Wunder also, daß sie in ihren öffentlichen Disputationen den Kopf mit so vielen Binden auf das sorgfältigste umschlungen haben; denn ohne dieses würde er augenblicklich zerplatzen. Auch dieses macht zuweilen selbst mich zu lachen. Erst alsdann dünken sie sich recht grosse Theologen zu seyn, wenn sie eine garstige rothwelsche Sprache plaudern, und alles so durch einander hudeln können, daß nur ein ganz zerrütteter Kopf darinnen Verstand finden kann; denn, für einen Scharfsinnigen wär es ja ein ewiger Schimpf, wenn der Pöbel ihn verstehen könnte! Die Würde des Theologen müßte sich zu tief erniedrigen, wenn er sich unter die Gesetze der Grammatiker zwingen liesse. Wunderbare Majestät dieser Männer! sie machen einen Anspruch auf das Vorrecht, fehlerhaft zu reden. Und doch findet sich auch mancher Schuflicker im Besitze desselben. Endlich dünken sie sich erhabenwie Götter zu seyn, wenn man sie mit einer ehrfurchtsvollen Mine, als Magister grüßt; ein Titel, in welchem sie etwas so Grosses zu stecken glauben, als in dem bey den Juden für unaussprechlich gehaltenen Namen von vier Buchstaben. Ein Todesverbrechen, sagen sie, würde man begehen, wenn manMAGISTER NOSTERanderst als mit grossen Buchstaben schriebe; und auch dann, wenn man das letztere Wort dem erstern vorhersetzte, würd es um die ganze theologische Majestät erbärmlich stehen.

Bald eben so glücklich als diese sind jene, die sich Religiosen und Mönche zu nennen pflegen, und beydes falsch; ein grosser Theil von ihnen weiß von der Religion so viel als nichts; und Mönche, daß ist in der Einsamkeit Lebende, sind sie eben so wenig, weil wir uns in allen Strassen an sie stossen. O ja, die elendesten Tropfe würden sie seyn, wenn ich ihnen nicht auf vielerley Weise zu Hülfe käme. Diese Art von Menschen wird gemeiniglich so verabscheut, daß man es für ein böses Zeichen hält, wenn man von ungefehr einem dieser Unglücksvögel begegnet; ich aber mache, daß sie grosseDinge von sich selbst denken. Sie halten es für den Gipfel der Frömmigkeit, wenn sie so ungelehrt sind, daß sie auch nicht einmal lesen können. Wenn sie ihre vorgezählten und nicht verstandenen Psalmen mit ihrer Eselsstimm in den Tempeln herauskrächzen, so glauben sie dem Häuflein der Frommen die Ohren mit einem Wollustsgefühle zu kitzeln. Einige von ihnen spiegeln aus Habsucht ihre schmutzige Betteley; vor den Thüren brüllen sie um Brod; Gasthäuser, Reisewagen, Schiffe, alles wird von ihnen angeranzt, wenn auch gleich den übrigen Bettlern noch so vieles dadurch abgestohlen wird. Also pflegen diese holden Geschöpfe durch ihr garstiges, tummes, bäurisches, unverschämtes Wesen, uns das Muster der Apostel vorzulügen.

Recht zum lachen ists, wie sie alles auf die vorgeschriebene Weise einrichten; kein Mathematiker könnt es genauer auszirkeln; das geringste Versehen würde Todsünde seyn: wie viele Knoten am Schue seyn müssen; von welcher Farbe der Gurt, von welchem Schnitte das Kleid, von welchem Stoffe, wie viele Strohhalme breit, der Gürtel; wie gestaltet,wie viele Scheffel haltend, die Kappe; wie viel Finger breit die Blasse; und wie viele Stunden der Schlaf dauern müsse. Wer sieht nicht, wie unschicklich bey einer so grossen Verschiedenheit des Leibes und auch des Gemüths, eine solche Gleichheit sey? Und doch sind es solche ärmliche Possen, um derentwillen sie nicht nur Andere weit unter sich herabsetzen, sondern auch einander selbst verachten; sie die auf den Besitz einer apostolischen Liebe prahlen, machen sich kein Bedenken, wegen einem anderst gegürteten Kleide, einer etwas bräunern Farbe, den blutigsten Unfug zu stiften.

Einige derselben sind so streng religios, daß sie das feine Hemd unter dem härenen Rocke ja nicht sehen lassen; andere hingegen tragen den Leinwand über der Wolle. Einige wollten viel lieber das giftigste Kraut in die Hände nehmen, als ein Stück Gelds berühren; und doch haben sie keinen Abscheu vor dem Weine, noch von dem Betasten eines Weibes. Es läßt sich nicht genug sagen, wie vielen Fleiß sie alle anwenden, sich in allem von einander zu unterscheiden. Es liegt ihnen nichts daran, Christo ungleich zu seyn, wenn sie nur auch unter einanderungleich sind. Strickträger nennen sie sich, Coleten, Minoriten, Minimen, Bullisten, Benedictiner, Bernhardiner, Brigittenser, Augustiner, Wilhelminer, Jacobiten; als ob es zu gering wäre, sich Christen zu nennen.

Strickträger

Viele von ihnen zählen so sehr auf Ceremonien und armselige Legenden, daß sie glauben, der Himmel für sich sey nicht im Stande, so verdienstvolle Leute zureichend zu belohnen; sie denken nicht daran, daß Christus auf alles dieses nicht achte, und von den Menschen nur die Beobachtung seines grossen Gebotes fordere, das sich auf die Liebe bezieht. Am Gerichtstage wird der Eine mit seinem aufgedunsenen Bauche prahlen, den man einen vollgestopften Fischkasten nennen könnte; ein Anderer wird von hundert Scheffeln herausgeschriener Psalmen schwatzen; ein Anderer wird Myriaden von Festtägen daher zählen, und wie oft er, des Tags nur einmal essend, den Magen bald bis zum zerplatzen angefüllt habe; ein Anderer wird einen solchen Haufen von Ceremonien daher schleppen, daß man sie auch in sieben Lastschiffe nicht zusammendrängen könnte; ein Anderer wird sich rühmen, er habe sechzigJahre lang nie ein Stück Gelds anderst als mit Büffelhandschuen berührt; ein Anderer wird in einer so garstig beschmutzten Mütze einherstrotzen, daß auch ein Bootsknecht lieber die Ohren abfrieren als sie mit derselben wider den Frost schützen würde; ein Anderer wird erzehlen, daß er seit mehr als fünfzig Jahren sein Leben, gleich einem Pfifferlinge, stets am gleichen Orte zugebracht habe; ein Anderer wird sich auf seiner durch stetes Singen heischer gewordene Stimme berufen; ein Anderer wird erweisen, daß er sich durch sein einsames Leben die Schlafsucht zugezogen habe; ein Anderer wird seine durch stetes Schweigen starrgewordene Zunge hervorstrecken.

Christus, um diesem sonst nie zu Ende kommenden Geprahle abzuhelfen, wird fragen, woher dieses neue Judengeschmeiß entstanden sey? „Nur ein einziges Gesetze, wird er sagen, erkenne ich für das meinige; und nur von diesem hör ich nichts; ehedem versprach ich deutlich, ohne es in Parabeln zu hüllen, mein väterliches Erbe, nicht dieser oder jener Kappe, diesem oder jenem Gebetlein, noch dem Fasten, sondern der Liebthätigkeit; ich kenne die nicht,die von ihren Thaten zu groß denken; diese, die das Ansehen haben wollen, als ob sie mich an Heiligkeit überträfen, mögen, wenn es ihnen beliebt, den Himmel der Abraxasianer beziehen; oder sich von denen, deren Legenden sie meinen Geboten vorgezogen haben, einen neuen Himmel erbauen lassen.“ Wenn sie dieses hören und sehen werden, daß man Matrosen und Fuhrknechte ihnen vorziehe, o stellen Sie meine Herren, sichs einmal vor, mit welchen langen Gesichtern werden die Tropfen einander anstarren! Inzwischen sind sie bey ihrer Hoffnung glücklich, mit welcher sie von meiner Gutmüthigkeit ausgerüstet worden.

Wenn diese Geschöpfe gleich von der Republik ausgeschlossen sind, so hat man sie doch nicht zu verachten; sonderlich die Bettelmönche: denn die Beicht hat sie mit den Geheimnissen eines jeden bekannt gemacht. Freylich halten sie es nicht für erlaubt, aus der Schule zu schwatzen; aber, was geschieht nicht, wenn man ein Glas Wein zu viel im Kopfe hat, und zur Ergötzung etwas Lustiges auf die Bahn bringen will? dann aber tragen sie die Sache nur räthselhaft vor und verschweigen die eigentlichenNamen. Wenn jemand hier in das Hornissennest sticht, so wissen sie sich in der ersten besten Predigt redlich zu rächen; durch gewisse Umstände wissen sie ihren Feind auf eine so versteckte Weise zu schildern, daß nur die ihn nicht erkennen, die ganz und gar nichts begreifen können. Ihr Gebelle nimmt kein Ende, bis man zu dem Mittel des Eneas greift, der dem Cerberus etwas zum Fressen in den Rachen warf.

Eneas und Cerberus

Nein, meine Herren, bey keinem Schauspieler, keinem Marktschreyer würden Sie stehen bleiben, wenn Sie einen solchen Prediger auftreten sehen. Freilich giebts da possierliche Rednersprünge; sie sind alle den Regeln der Muster in dieser Kunst auf das lieblichste nachgeahmt. O meine Herren! merken Sie dann wohl auf jede Geberde; wie schicklich ändern die Leute nicht ihre Stimme! ihre Rede ist Gesang; alles an ihnen regt und bewegt sich; niemand versteht besser die Kunst, Gesichter zu schneiden und mit dem durchdringendsten Geschreye die Gewölker erschallen zu machen. Und diese Rednerkunst pflanzt sich als ein Geheimniß durch die Ueberlieferung von einemKlosterbruder auf den andern fort. Mir freylich, einem Weibe ist die Einsicht in solche Dinge nicht verstattet; ich kann also davon nur so viel sagen, als ich durch Muthmaassung erhaschen könnte.

Sie vergessen nie, eine Anrufung vorher zu schicken; ein Kunstgriff, den sie den Dichtern abgeborgt haben. Hierauf, wenn sie zum Exempel von der Liebe reden wollen, bringen sie den egyptischen Nilfluß in den Eingang. Wenn sie von dem Geheimnisse des Kreuzes zu reden haben, so lassen sie den Drachen von Babel feyerlich auftreten. Eine Fastenpredigt läßt zuerst die zwölf himmlische Zeichen in ihrer Ordnung vor dem Gesichte der Zuhörer vorbey ziehen. Bey einer Glaubenspredigt muß ihnen die Quadratur des Zirkels den Eingang eröffnen. Ich habe einen Erznarren (ich irre mich; einen Erzgelehrten wollte ich sagen) gehört, der in einer weltberühmten Predigt an Erklärung des Geheimnisses der göttlichen Dreyeinigkeit arbeitete; um seine ungemeine Gelehrtheit auszukramen und theologischen Ohren ein Vergnügen zu verschaffen, schlug er einen nagelneuen Weg ein: er sprach von Buchstaben,Sylben, Redetheilen, der Uebereinstimmung des Nennworts mit dem Zeitworte, des Hauptworts mit dem Beyworte. Alles war erstaunt und bewunderungsvoll; und Einige murmelten zwischen den Zähnen: was wird zuletzt aus dem verzweifelten Zeuge werden? Endlich leitete er es so ein, daß er in den ersten Grundsätzen der Grammatik das Bild der Dreyeinigkeit den Zuhörern so natürlich vor Augen legte, daß man jeden Mathematiker Trotz bieten könnte, es lebhafter in den Staub zu kritzlen. In Verfertigung dieser Rede durchschwitzte der superlative Theolog ganze acht Monate, und so, daß keine Schärmaus stockblinder seyn kann, als er es heutiges Tages ist: die Geistesspitze zerkratzt ihm die Augenschärfe so ganz erbärmlich. Doch hält der Mann seine Blindheit für keinen Verlust und findet, daß er einen so grossen Ruhm um einen Spottpreis eingewuchert habe.

Ich hörte auch einen andern achtzigjährigen Graubart, der so ganz Theolog war, daß man darauf geschworen hätte, der leibhafte Scotus sey in ihm auferstanden. Um das Geheimniß des Namens Jesu zu erklären, bewieß er mitbewunderungswürdiger Scharfsinnigkeit, daß alles, was sich von ihm sagen lasse, bereits schon in den Buchstaben verborgen liege. Weil das Wort nur drey Endungen habe, so sey dieses eine augenscheinliche Darlegung der göttlichen Dreyeinigkeit. Ferner, in den drey Endungen dieses Namens (nämlich Jesus, Jesum, und Jesu) seyen die drey letzten Buchstaben: S, M, und U; hierin liege das unaussprechliche Geheimniß; er sey Summus, Medius, und Ultimus; der Anfang, die Mitte, und das Ende. Noch war ein viel verworreneres Geheimniß, als es irgend ein mathematisches Problem seyn könnte, zu entwicklen: Er zeigte, wie das aus fünf Buchstaben bestehende Wort Jesus durch den mittlern, ein S, in zween gleiche Theile getrennt werde; nun werde bey den Hebräern dieser Buchstabe Syu genannt; und Syu bedeute (wenn ich nicht unrecht habe) in der schottländischen Sprache so viel als Sünde; folglich sey es sonnenklar, Jesus sey der, welcher die Sünden der Welt wegnehme.

Ein so nagelneuer Eingang zeugte bey jedermann, insonderheit den Theologen, eine so staunende Bewunderung, daß man bald hättedenken sollen, sie seyen gleich der Niobe zu Steine geworden; mir aber war es beynahe wie dem Priapus gegangen, als er den nächtlichen Gebräuchen der Canidia und Sagana zusah; da war es ihm nicht mehr wie ehedem, als er noch ein feigenbäumener Klotz gewesen; nun konnt er erschrecken; die Wirkung des Schreckens aber schall und roch, zu seinem Glücke, den bösen Weibern so wirksam in Ohren und Nasen, daß sie über Hals und Kopf die Flucht ergriffen.

Ueber einen solchen Erfolg ist sich nicht zu verwundern; denn, bey Griechen und Römern, einem Demosthenes oder Cicero, würde man sich vergeblich nach einem solchen Einschmeichlungseingange umsehen. Eine sich von der Sache entfernende Vorrede hielten sie für einen Fehlschluß. Wirklich auch lehrt die Natur ganz andere Dinge; sogar ein Schweinshirt, der bey der Natur zu Schule gegangen ist, macht so wenig Umschweife, daß er lieber sogleich mit der Thür ins Haus fallen will. Diese Gelehrten hingegen halten ihr Präambulieren alsdann erst für feinrhetorisch, wenn es mit dem Gegenstande ihrer Rede nicht in der geringstenVerwandschaft steht, und die Zuhörer einander zuflüstern: wo wird der Kerl zuletzt noch hingerathen?

Niobe und ihre Kinder

Drittens berühren sie nur wie beyläufig und obenhin, gleichsam nur erzehlungsweise, etwas aus dem Evangelium; und doch wär es ihre Pflicht gewesen, sich einzig bey der Erklärung desselben aufzuhalten. Viertens fangen sie wieder eine ganz andere Rolle an, und nehmen eine Theologalfrage vor die Hand, die sich auf das vorhergehende so schicklich wie eine Faust auf das Auge reimt; denn auch dieses halten sie für kunstmässig. Nun fängt der Theolog sich erst recht zu brüsten an; er betäubt die Ohren der Zuhörer mit seinen solennen, subtilen, subtilsten, seraphischen, heiligen, irrefragablen Lehrern, und was dergleichen prächtige Töne mehr seyn mögen. Darauf prahlen sie ihre Syllogismen, Vordersätze, Hindersätze, Folgerungen, Corollarien, frostige Voraussetzungen, und mehr als scholastische Possen, dem tummen Pöbel vor.

Nun ists noch um den fünften Aufzug zu thun, in dem man sich als einen ganzen Meister dargeben muß. Hier ziehen sie ein närrischesund tummes Märchen, ich weiß nicht aus was für einem Historienspiegel oder aus Abentheuern der Römer hervor, das sie sodann allegorisch, tropologisch, und anagogisch behandeln. Und auf diese Weise bringen sie ein Wundergeschöpfe zu Stande, das weit lustiger anzusehen ist, als jenes, welches Horaz, gleich anfangs seiner Dichtkunst, vorzuspiegeln getrachtet hat. Weil sie, ich weiß nicht von wem, gehört haben, man müsse die Rede sanft und ohne Geschrey anfangen, so sind sie anfangs so leise, daß sie sich selbst nicht hören; als ob sie Dinge sagen müßten, die niemand verstehen dörfe. Man hat ihnen etwann gesagt, um die Leidenschaften rege zu machen, seyen Ausrüfe ein vortrefliches Mittel; sie daher, alldieweil sie ganz sanft reden, erheben unversehens die Stimme zu einem ganz rasenden Geschreye, wo sie es doch nicht im geringsten nöthig hätten. Man würde einen Eid ablegen, daß der Mensch, der nur schreyt, damit er schreye, der Nüßwurze benöthigt wäre.

Wundergeschöpf

Sie haben gehört, mit dem Fortgange der Rede müsse die Stimme sich erheben; nun, beym Anfange jedes Theiles der Rede sind sieziemlich gelassen; bald aber fängt die Stimme gewaltig zu lermen an, wenn sie auch die frostigsten Dinge von der Welt sagen; und allemal beym Ende sinken sie so, daß man meynen sollte, von Athem sey nichts mehr in ihnen. Endlich haben sie bey den Redekünstlern gelernt, daß auch das Lachenmachen eine Kunst sey; sie sind daher auch beflissen, etwas Scherzhaftes einzumischen; aber, o huldreiche Venus! wie grazienmäßig, wie schicklich! ists nicht gerade so, wie da der Esel sich als Lautenschlager hervorthun wollte. Ja, beissig sind sie etwann auch; doch so, daß sie mehr kitzeln, als verwunden; wenn sie sich recht Mühe geben, frey von der Brust zu reden, so erweisen sie sich als leibhafte Schmeichler. Kurz, ihr ganzes Betragen ist so, daß man schwören sollte, sie haben Marktschreyer zum Muster gewählt, können aber dasselbe bey weitem nicht erreichen; doch sind sie in gewissem Verstande einander so ähnlich, daß niemand zweifelt, diese haben von jenen, oder jene von diesen, die Redekunst erlernt.

Der Esel als Lautenschlager

Bey allem dem müssen sie mir es verdanken, daß sie Zuhörer haben, die glauben, sie besitzenan ihnen mehr, als sie an einem Demosthenes oder Cicero würden besessen haben. Hieher gehören insonderheit Krämer und Weiber, denen die gedachten Redner vorzüglich die Ohren zu kitzlen trachten; denn die Erstern lassen ihnen etwann, für das besänftigende Schmeicheln, etwas weniges von ihrem zusammenbetrogenen Vermögen zukommen; und die Letztern sind, unter vielen andern Ursachen, diesem Orden besonders darum gewogen, weil sie den Grollen, den sie wider ihre Ehemänner haben, in den Schooß desselben auszuschütten pflegen. Man müßte also blind seyn, wenn man nicht sähe, wie tief diese Art von Menschen bey mir in der Schuld sey, da sie durch kleine Zeremonien, lächerliche Possen, und kein kleines Geschrey, die Sterblichen gewissermaßen beherrschen und sich mehr als ein Paulus und Antonius zu seyn einbilden. Genug aber von diesen Marktschreyern, die meine Wohlthaten so undankbar verkennen, und sich auf eine ruchlose Weise für fromm ausprahlen.

Es hat mich schon seit langem gelüstet, etwas von Königen und Hofleuten, die sich offenherzig für meine Verehrer angeben, nach Rechtund Billigkeit zu berühren. Wenn sie auch nur eine halbe Unze gesunden Menschenverstandes hätten: was könnte traurigers und fliehenswürdigers seyn, als ihr Loos? Nein, derjenige wird sich gewiß nicht durch Meineid und Vatermord auf einen Thron schwingen wollen, der bey sich erwogen hat, welch eine Last auf den Schultern dessen liege, der die Rolle eines Fürsten ehrlich zu spielen gedenkt. Wer am Steuerruder sitzt, hat für das Allgemeine nicht das Eigenthümliche zu sorgen; auf jenes muß er alle seine Gedanken wenden; von Gesetzen, die er selbst gegeben hat, und die er handhaben muß, nicht eines Fingers breit abweichen; auf alles Thun und Lassen der Beamten und Richter ein wachsames Auge haben; denken, die Augen Aller seyen auf ihn gerichtet, wie auf ein günstiges Gestirn; durch ein schuldloses Betragen könne er das Wohlseyn der Menschen ungemein befördern; oder durch eine widrige Aufführung gleichsam zu einem verderblichen Cometen werden; wenn andere Leute Fehler begehen, so haben sie nicht so empfindliche und ausgebreitete Folgen; wenn der Fürst auch nur ein wenig von dem guten Weg abweiche, soschleiche sich sogleich eine Sittenpest in die Herzen vieler Menschen ein; die Glücksumstände eines Fürsten führen vieles bey sich, das geschickt ist, vom Guten wegzulocken; zum Exempel Wollust, Freyheit, Schmeicheley, Ueppigkeit; er könne nicht genug arbeiten, nicht zu sorgfältig wachen, um nicht irgendwo von seiner Pflicht weggeteuscht zu werden; endlich (um von Hinderlist, Haß, Furcht, Gefahr, nichts zu reden) er habe einen König über sich, der in kurzem Rechenschaft über jeden seiner Fehltritte von ihm fordern werde; und dieses um so viel schärfer, je grösser die ihm anvertraute Herrschaft gewesen.

Ja, wenn der Fürst dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte (und erwägen würd er es, wenn er weise wäre) so würden ihm wohl weder Schlaf noch Speise schmecken. Nun aber, Dank sey mir, überlassen die Fürsten alle diese Sorgen den Göttern, thun sich gütlich und gönnen nur denen das Ohr, die es verstehen, ihnen angenehme Dinge vorzuplaudern, damit sich ja nichts von Bekümmerniß in ihr Gemüth einschleichen möge. Sie bereden sich, alle Obliegenheiten eines Fürstenredlich erfüllt zu haben, wenn sie fleißig auf die Jagd reiten; stattliche Pferde halten; obrigkeitliche Stellen und Statthalterschaften theuer verkaufen; täglich neue Handgriffe aussinnen, das Vermögen der Unterthanen zu schmälern, und in ihren Schatz zusammenzuscharren; dabey aber schützen sie verschiedene Dinge vor, um dadurch der ungerechtesten Sache einen Schein von Billigkeit zu geben; mit vielem Fleisse mengen sie etwas schmeichlendes ein, um ja das Herz des Volkes nicht ganz zu verlieren.

Stellen Sie sich, meine Herren, einen Menschen vor (denn zuweilen wird es so ungefehr eintreffen) der von den Gesetzen so viel als nichts versteht, beynahe ein geschworner Feind des gemeinen Besten ist, blos auf seine Gemächlichkeiten sieht, Wollüsten ergeben ist, Gelehrtheit, Freyheit und Wahrheit haßt, an nichts weniger als an die Wohlfahrt des gemeinen Wesens denkt, alles nach seiner Lüsternheit und seinem Eigennutzen abmißt; hängen Sie ihm dann eine goldene Kette um, das Zeichen der Übereinstimmung zusammenhängender Tugenden; setzen Sie ihm eine mit Edelsteinenbereicherte Kron auf, die ihn erinnern soll, er müsse an allen Heldentugenden jedermann übertreffen; versehen Sie ihn mit einem Zepter, dem Merkmahle der Gerechtigkeit und einer wider alle Bestechungen bewaffneten Seele; kleiden sie ihn endlich in Purpur, um anzudeuten, daß er für das Wohlseyn des Volkes eine inbrünstige Liebe habe. Wenn der Fürst solche Verzierungen mit seinem Leben zusammenhalten wollte, so deucht mich, er würde sich seines Putzes schämen, und fürchten, ein naseweiser Dollmetsch möchte dieses Theatergepränge spöttisch ins Gelächter ziehen.

Was soll ich von den vornehmen Hofschranzen sagen? gemeiniglich ist nichts abhänglichers, knechtischers, abgeschmackteres, niederträchtigeres zu finden, und doch bereden sie sich, daß ihnen nichts beykomme. Ja, in einer einzigen Sache sind sie überaus bescheiden: zufrieden, daß sie Geld, Edelgesteine, Purpur, und die übrigen Zeichen der Tugenden und der Weisheit an ihrem Leib umherschleppen können, lassen sie sichs großmüthig gefallen, daß Andere die bezeichneten Dinge sich anschaffen. Sie glauben sich überglücklich zuseyn, daß sie den König ihren Herren nennen dürfen; daß sie gelernet haben, ihn mit ein paar Worten sinnreich anzureden; daß sie es verstehen, wo die Titel, Eure Königliche Hoheit, Eure Majestät, und so weiter schicklich anzubringen seyn; daß sie das Gesicht in verschiedene Falten legen, und eine Schmeicheley artig anbringen können. Dieses, dieses sind die Künste eines Edelmannes, eines Hofmannes. Wenn man ihr übriges Leben genauer beym Lichte betrachtet, so findet man sie noch schöpsenmässiger, als es ehedem die Phäacier waren, oder die Freywerber der Penelope, oder — wenn Sie, meine Herren, noch mehrere wissen wollen, so schlagen Sie den Horaz nach, denn eben gefällts mir nicht, sein Echo zu spielen.

Der vornehme Mann schläft bis gegen Mittag. Beym Aufstehen kömmt der wohlbezahlte Caplan, und thut geschwind das, dazu er amtsmässig gedungen ist. Dann zum Frühstücke. Bald darauf zum Mittagsmahle. Hierauf Karten, Würfel, Possenspiele, Stocknarren, Spöttereyen, liebes Frauenzimmer. Etwas zum Abendbrode. Darauf zur Nachtmalzeit. Auch beym Nachtische giebts Abwechslungen. Also,ohne sich das Leben abzugrämen, verstreichen Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte. Mir selbst ist es zuweilen so, als ob ich mich mit Vergnügen vollgepropft hätte, wenn ich diesem Hochleben zugeschaut habe. Jede der Nymphen meynt, den Göttern um so viel näher zu seyn, je länger die Schleppe ihres Rockes ist; die Hofleute zerstossen sich die Ellbögen gewaltig, um dem Fürsten näher zu kommen, und für den grössern Günstling angesehen zu seyn. Jeder schmeichelt sich um so viel mehr, je gewichtiger seine Halskette ist; als ob er nicht nur seinen Reichthum sondern auch seine Stärke zugleich aufzuweisen hätte.

Das Betragen der Fürsten hat schon seit langem, Päbste, Cardinäle und Bischöffe, zu unermüdeten Nacheiferern; und bald haben diese jenen den Vorzug abgelaufen. Was bedeutet das schneeweise Gewand? Ein durchgehends schuldloses Leben. Was die zweyhörnichte Inful? ein Band vereint die beyden Spitzen, und bezeichnet die Einsicht in das Alte und Neue Testament. Was die Handschue? die reine und vor aller irdischen Verunreinigung gesicherte Ausspendung der Sacramente. Wasder Hirtenstab? rathsame Besorgung der anvertrauten Heerde. Was das vorhergetragene Kreuz? den Sieg über alle menschlichen Leidenschaften. Wer dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte, der würde ein betrübtes und grämliches Leben führen? Aber herrlich haben sie die Sache eingerichtet: sie weiden sich selbst. Die Sorge für die Schafe empfehlen sie Christo, oder überlassen sie ihren Stellvertretern. Nicht einmal an ihren Titel denken sie; er würde sie an die Arbeit, Sorge, Bekümmerniß eines Bischoffs erinnern. Ja, wenn es um Geldsammlen zu thun ist, dann erinnern sie sich, Bischoff bedeute einen Aufseher, und sie haben die Augen ganz offen.

Die Cardinäle sollten freylich denken: wir sind an die Stelle der Apostel gekommen; was sie thaten, wird auch von uns gefordert; wir sind nicht die Herren der geistlichen Gaben, sondern nur die Verwalter derselben; in kurzem werden wir darüber die genauste Rechenschaft abzulegen haben; was bedeutet unser weisses Gewand? die höchste und erhabenste Unschuld des Lebens. Was der Purpur darunter? die inbrünstige Liebe gegen Gott. Was der so weiteObermantel, daß er das ganze Maulthier Seiner Eminenz bedecket, ja ein Kameel, bedecken könnte? eine weit ausgedehnte Liebe, die sich jedermanns annimmt; lehrt, ermahnt, bestraft, erinnert, Streitigkeiten schlichtet, ruchlosen Fürsten widersteht, und willig nicht nur Reichthümer, sondern das Blut selbst zum Besten des Christenvolkes aufopfert. Aber wozu solche Reichthümer für Statthalter der armen Apostel? Ja, wenn sie diese Dinge bedenken wollten, so würden sie sich keine Mühe geben, diese Würde zu erhalten; oder sie würden sich ihrer mit Freuden entschlagen; oder sie würden nach der Weise der alten Apostel ein ganz arbeitsames und sorgenvolles Leben führen.

Wenn die Päpste, Christi Statthalter, seinem Leben nachzueifern trachteten, nämlich seiner Armuth, seinen Arbeiten, seiner Lehre, seinem Kreuze, seiner Verachtung des Lebens; wenn sie auch nur an den Namen Pabst, daß ist, Vater, oder an den Beynamen Allerheilichster, dächten: was würde dann auf Erden traurigers seyn? wer würde sein Vermögen zur Erkaufung dieser Stelle anwenden? wer würde Schwerdt, Gift, und jede Gewaltthat hervorsuchen,um sich auf der erkauften Stelle zu behaupten? wie viele Bequemlichkeiten würden wegfallen, wenn sie einmal der Weisheit Gehör geben! Der Weisheit, sage ich? Ja, wenn sie auch nur ein Körnlein des von Jesu gelobten Salzes in sich hätten! So viele Reichthümer, Ehren, Herrschaft, Siege, Pflichten, Verwaltungen, Zölle, Ablässe, Pferde, Maulthiere, Trabanten, Wollüste, Ergötzlichkeiten. O welch einen Reichthum von Herrlichkeiten hab ich in wenige Worte zusammengefaßt! einen ganzen Jahrmarkt, eine ganze Erndte!

An die Stelle dieser Dinge würden schlaflose Nächte kommen, Fasten, Thränen, Gebete, Predigten, Tiefsinnigkeiten, Seufzen, und tausenderley dergleichen jämmerliche Arbeiten. Hiezu kommen so viele Schreiber, Copisten, Notäre, Advocaten, Promotoren, Secretäre, Eseltreiber, Roßkamme, Schmarotzer, Unterhändler, Gelegenheitmacher; und ich hätte bald noch etwas schändlichers hinzugesetzt, wenn ich nicht die Ohren schonen wollte. Kurz, eine so grosse Menge von Menschen, die dem Sitze zu Rom zur Last fällt (nein, ich irre mich, Ehre macht) würde sich des Hungers nicht verwehrenkönnen. Ja, unmenschlich, abscheulich wäre dieses; aber noch weit verruchter, wenn man sogar die öbersten Fürsten der Kirche, diese wahren Lichter der Welt, an den Bettelstab bringen wollte. Jetzt aber wird alles, was nur ein wenig mühsam ist, einem Petrus und Paulus überlassen, die dazu Zeit und Musse genug haben. Was prächtig und angenehm ist, behält man weislich für sich selbst.

Also geschieht es durch meine Vermittlung, daß bald keine Art von Menschen weichlicher lebt, unbekümmerter. Sie glauben, ihrer Christenpflicht vollkommen zu entsprechen, wenn sie in einem mystischen und beynahe theatralischen Aufputze, mit Ceremonien, mit Titeln, die alles was heilig ist, in sich schliessen, und mit Segnen und Verwünschen, Bischoffe spielen. Wunder thun ist etwas veraltetes, und den heutigen Zeiten ganz und gar nicht angemessen; das Volk lehren, ist knechtische Arbeit; die Schrift erklären, schulfüchsisch; beten, Zeitverschwendung; weinen, elend und weibisch; arm seyn, schändlich; sich besiegen lassen, schimpflich, und dem unanständig, der kaum die grösten Könige zum heiligen Fußkusse läßt; sterben,unangenehm; sich ans Kreuz schlagen lassen, ein Schandfleck. Es bleiben ihnen keine andern Waffen und sanfte Segnungen übrig, als die, deren Paulus (Röm. 16. 18.) Meldung thut; und mit denselben sind sie gewiß sehr freygebig: Interdictionen, Suspensionen, Aggravationen, Anathematisationen, Verdammungsgemählde, und der entsetzliche Bannstrahl, der schon einig ein Stand ist, die Seelen der Sterblichen mit einem Winke bis in die unterste Hölle zu stürzen.

Röm. 16, 18

Die in Christo allerheiligsten Väter, und Statthalter Christi, schiessen solche Pfeile wider niemanden schärfer los, als wider die, welche sich durch den Teufel verleiten lassen, das Patrimonium des Petrus zu schmälern. Dieser Apostel sagt im Evangelium: „Wir haben alles verlassen, und sind dir nachgefolgt“ und doch nennt man Landgüter, Städte, Zölle, Schätze, Herrschaften, das Patrimonium desselben. Um solcher Dinge willen ergreift sie der Eifer Christi; mit Feuer und Schwerdt vertheidigen sie den Besitz derselben, wenn gleich noch so viel Christenblut darüber vergossen wird; dann erst glauben sie, daß sie die Kirche, die BrautChristi, apostolisch vertheidigt haben, wenn die sogenannten Feinde tapfer abgetrieben worden. Als ob es schädlichere Feinde der Kirche gebe, als gottlose Päbste, die durch ihr Stillschweigen Christum lassen zernichtet werden, ihn durch eigennützige Gesetze binden, durch erzwungene Auslegungen schänden, durch ein vergiftendes Leben tödten.

Durch Blut wird die christliche Kirche gezeugt, befestigt, ausgebreitet; jetzt; als ob kein Christus mehr wäre, der die Seinen auf seine Weise beschützen könnte, wird seine Sache durch das Schwerdt betrieben. Um den Krieg ist es etwas so unmenschliches, daß man ihn den wilden Thieren überlassen sollte; nach der Meynung der Dichter ist er ein Geschenk der Furien; er ist eine solche Pest, daß die Sitten dadurch ganz und gar verdorben werden; etwas so ungerechtes, daß er durch die schlimmsten Straßenräuber am besten betrieben wird; so ruchloses, daß er mit Christo nicht in der geringsten Gemeinschaft steht: doch setzt man alles übrige hindan, und betreibt nur diesen. Man sieht Grauköpfe, die sich hier jugendlich-munter erweisen, keinen Aufwand sich dauernlassen, durch kein Arbeiten ermüdet, durch nichts abgeschreckt werden, wenn es zu thun ist, die Religion, den Frieden, alle Menschlichkeit, in die äusserste Zerrüttung zu setzen. Es fehlt auch an gelehrten Fuchsschwänzern nicht, die diese handgreifliche Tobsucht, Eifer, Frömmigkeit, Tapferkeit nennen. Sie haben einen Weg ausgedacht, auf dem man dem Bruder den Dolchen durch das Herz jagen kann, ohne sich an dem Gebote Christi von der Nächstenliebe zu vergreifen.

Ich bin noch nicht mit mir einig, ob einige deutsche Bischöffe hier gelernt oder gelehrt haben, ganz geradezu Gottesdienst, Segen, und andere dergleichen Ceremonien, an einen Nagel hängend, völlige Satrapen zu spielen; so, daß sie es bald an einem Bischoffe für Feigheit und Unanständigkeit halten, irgendwo sonst, als in einer Schlacht, Gott die tapfere Seele zu übergeben. Gemeine Priester würden sichs zur Sünde rechnen, von der Heiligkeit ihrer Prälaten abzuarten. O man sehe, wie kriegerisch sie die Rechte der Zehnten mit Schwerd, und Spieß, und Steinen, und allen Arten von Kriegsgeräthe vertheidigen! Vortreflichscharf sind ihre Augen, wenn es zu thun ist, aus alten Schriften etwas heraus zu grüblen, dadurch sie dem armen Pöbel einen Schrecken einjagen, und darthun können, daß ihnen noch mehr als nur der Zehnden gebühre; inzwischen haben sie es ganz vergessen, wie vieles man hin und wieder von ihren Pflichten gegen die Lügen lese; und doch sollte wenigstens ihr beschorner Scheitel sie erinnern, ein Priester müsse von allen Lüsten dieser Welt frey seyn, und blos himmlischen Dingen nachsinnen. Die allerliebsten Männerchen sprachen, sie haben sich ihrer Amtspflicht redlich entladen, wenn sie ihre Gebeterchen so herausgemurmelt haben, das ich mich ich weiß nicht zu was verwundern sollte, wenn irgend ein Gott es hört, oder versteht; denn sie selbst hören und verstehen es kaum, wenn sie es aus dem Maule herausdrängen.

Doch stimmen Priester und Layen diesorts überein: wenn es um Einerndten zu thun ist, so ist alles ungemein wachsam, und die dahin gehörenden Gesetze sind jedermann bekannt; wenn sich aber etwas Lästiges zeigt, o da wirft Einer es weislich auf die Schultern des Andern;man sollte meynen, beym Ballspiele zu seyn. Wie Fürsten die Regierungssachen ihren Räthen, und diese wieder den Unterbeamten, übertragen: so überlassen die grossen Cleriker, aus Bescheidenheit, den Fleiß der Gottseligkeit ganz dem gemeinen Manne; dieser sendet ihn an die sogenannten Geistlichen, als ob er mit den geistlichen Geschäften nichts zu thun und durch das Taufgelübd zu nichts dergleichen verpflichtet wäre; die sogenannten Secularpriester wählen (als ob sie sich nicht Christo sondern der Welt gewidmet hätten) diese Last auf die Regularen; die Regularen auf die Mönche; die strengern müssen sie von den weniger strengen annehmen; alles fällt zuletzt auf die Bettelmönche; doch wissen auch diese es auf die Cartheuser zu schieben, bey welchen einzig die Frömmigkeit begraben liegt; denn wirklich liegt sie da so verborgen, daß schwerlich jemand sich wird rühmen können, etwas davon gesehen zu haben. Also weihen Päbste, die in der Gelderndte unermüdet sind, jene allzu apostolischen Arbeiten an die Bettelbrüder, diese wieder an solche, welche den Schafen alle Wolle abscheren.

Doch, hieher gehörts nicht, das Leben der Päbste und Priester durch die Musterung gehen zu lassen; man würde sonst denken, es sey mir um eine Satire, und nicht um eine Lobrede zu thun; und man würde auf den Argwohn gerathen, ich wolle gute Fürsten durch die Hechel ziehen, indem ich böse lobe. Ich habe aus keiner andern Ursache auf diese Dinge gedeutet, als daß man es desto deutlicher einsehen möge, kein Sterblicher könne ein wonnevolles Leben führen, so lang er nicht zu meinem Dienst eingeweiht ist, und in meiner Gunst steht. Denn, wie solle dieses möglich seyn, da selbst die rhamnusische Göttinn, die Beglückerinn aller menschlichen Dinge, mit mir so sehr unter dergleichen Decke liegt, daß sie sich jenen Weisen stets im höchsten Grade feindselig erwiesen, und hingegen den Narren auch im Schlaf alles Gute zugeschanzet hat. Ihnen, meine Herren, wird jener Timotheus bekannt seyn, der atheniensische Feldherr, den man das Glückkind zu nennen pflegte; von ihm kömmt das Sprüchwort her: „dem schlafenden Fischer hüpfen die Fische ins Garn“ und: „ihn begünstigt die Eule der Minerva“ von dem Weisen hingegenheißts „erst unter einem bösen Planeten gebohren; immer reutet er ein stolperndes Pferd; sein Gold ist Flitterwaare.“ Doch, genug gesprüchwörtelt; man möchte sonst glauben, ich habe den Adagienkasten meines Erasmus geplündert.

„Den Narren regnet das Geld zu“

Ich lenke wieder ein. Die Göttinn des Glücks liebt die Schwindelköpfe, die Tollkühnen, die alles aufs Spiel setzen. Die Weisheit macht schüchtern; daher sieht man, wie die Weisen mit der Armuth kämpfen, den Magen voll Hungers, und den Kopf voll Winds haben, und ein verachtetes unberühmtes, verhaßtes Leben führen. Den Narren regnet das Geld zu; sie sitzen am Steuerruder; alles ist blühend bey ihnen. Wenn es einmal ein Glück ist, grossen Fürsten zu gefallen, und unter meinen Günstlingen, den mit Edelgesteinen behangenen Erdengöttern, seinen Wandel zu führen: was kann unnützers seyn, was von diesen Menschengeschöpfen mehr verabscheutes, als die Weisheit? Wenn es um Reichthümer zu thun ist, wie wird es um den Gewinn des sich auf der Weisheitsjagd vertändelnden Kaufmannes stehen! wenn ein Meineid ihm einStein des Anstosses ist? wenn er, auf einer Lüge ertapt, roth wird? wenn er sich um die Gewissensgrübeleyen der Weisen, über Diebstal und Wucher, nur ein Haar bekümmert. Wer sich nach den Ehrenstellen und Gütern der Kirche bestrebt, muß sich der Weisheit hurtig entschlagen, sonst wird jeder Esel, jeder Büffel, ihn überlaufen. Wenn Sie, meine Herren, eine Neigung zur Wollust haben, so lassen Sie sich berichten, daß ein Mädchen (ein solches wird Ihnen wohl im Kopfe stecken) einem Narren von ganzem Herzen gewogen ist, und den Weisen wie einen Scorpion verabscheut und flieht. Wenn es Ihnen um ein lustiges Leben zu thun ist, o so lassen Sie sich ja keinen Weisen mehr kommen, und wählen Sie sich lieber den ersten den besten Tummkopf zum Gefehrten. Kurz, wohin man sich immer wendet, an Päbste, Fürsten, Richter, Obrigkeiten, Freunde, Feinde, Hohe, Niedere, alles richtet sich nach dem Gelde. Freylich verachtet der Weise das Geld; aber, es läßt sich auch recht angelegen seyn, ihn zu fliehen.

Die Güter der Kirche

Ja, meine Herren, wenn man einmal anfängt, mich zu loben, so verliert man Maaß undZiel; und doch muß jede Rede einmal zu Ende gehen. Auch ich werde zu reden aufhören, aber dann erst, wenn ich mit wenigem werde gezeigt haben, es fehle nicht an grossen Schriftstellern, die mich durch Feder und Leben berühmt gemacht haben; sonst würd ich blos eine arme Närrinn zu seyn scheinen, die niemanden als sich gefällt; auch würden die Herren Gesetzdrechsler es mir zur Schande rechnen, daß ich nicht citiere. Nun denn, nach ihrem Beyspiele will in das Kreuz und in die Quer citieren. Erstlich hab ich weiß nicht wo gelesen, „wo es am Wesentlichen fehle, sey das Scheinbarste das beste.“ Auch der Schuljugend selbst pflegt man es einzuschärfen, „gelegentlich den Narren zu spielen, sey grosse Weisheit.“ Schon hieraus wird man den Schluß ziehen können, um die Narrheit müsse es etwas vortrefliches seyn, weil auch ihr täuschender Schatte, und ihre blosse Nachahmung, von den Gelehrten so sehr herausgestrichen wird. Horaz, der sich selbst ein fettes und glänzendes Schwein aus Epikurs Heerden betittelt, sagts recht ehrlich heraus, „in die Weisheit müsse sich Narrheit mischen,“ nur hätt er der Narrheit nicht dasLumpenwörtchen „kurzdaurend“ vorhersetzen sollen. Eben dieser sagt auch, „schicklich den Narren zu treiben, macht Vergnügen;“ und „besser ists, ein Narr und Tölpel zu scheinen, als Weise zu seyn, und ausgezischt zu werden.“ Homer trachtet seinen Telemach wo möglich bis in den Himmel zu erheben, und doch nennt er ihnen zuweilen einen närrischen Jungen; und ein gutes Zeichen für jeden ist es, den die Dichter mit diesem Beynamen beehren. Was enthält die heilige Ilias anders, als den Zorn närrischer Könige und Völker? Cicero redet mein Lob frey heraus, da er sagt „die Welt ist ganz mit Narren bevölkert.“ Und wer weiß nicht, daß jedes Gute um soviel vortreflicher sey, um so viel ausgedehnter es ist?

Vielleicht stehen diese Schriftsteller bey den Christen in schlechten Rufe; ich will daher, wenn man es für gut findet, mein Lob auch auf Stellen der heiligen Schrift steuern oder gründen. Euch aber, ihr Herren Theologen, muß ich zuvor in Demuth um Erlaubniß dazu bitten; und weil ich ein schweres Werk beginne, und es vielleicht ein Verbrechen wäre, die Musen von ihrem Helikon, eine so weite Strecke,zum zweytenmale herab zu bemühen, insonderheit da ihnen mein Gegenstand etwas fremd seyn möchte: so wirds vielleicht verträglicher seyn, daß mitlerweil, alldieweil ich die Rolle eines Theologen spiele, und mich durch so dörnichte Wege hindurchreisse, die Seele des Scotus, spitziger als ein Igel oder Stachelschwein, in meine Brust wandere, aber sich bald wieder wegdrolle, wohin es ihr dann belieben wird, wenn es auch auf den Rabenstein seyn sollte.

Möcht ich mein Gesicht ändern, und mich recht theologisch aufstutzen können! Ich fürchte aber anbey auch, man werde mich eines Diebstals beschuldigen, daß ich so vieles theologisches Zeug aus meiner Ficke hervorziehend, die Schränke der grundgelehrten Männer heimlich geplündert habe. Man hat sich aber nicht groß zu verwundern, wenn ich in meinem langen und genauen Umgange mit den Theologen, etwas erhascht habe; dann hat nicht auch jener Holzbock, der Gott Priapus, beym Lesen seines Herrn und Meisters, einige griechische Wörter bemerkt und im Gedächtnisse behalten? und Lucians Hahn, der lange unter den Menschen lebte, hat er nicht auch wie ein Mensch geplaudert?Wohlan denn; Glück zum Unternehmen!

Der Prediger schreibt im ersten Capitel: „die Zahl der Narren ist unendlich.“ Nun, sollte die unendliche Zahl nicht alle Sterblichen in sich schliessen; ausser einige wenige; aber, wer ist so glücklich gewesen, diese zu sehen? Noch offenherziger sagt Jeremias im zehnten Capitel, die Sache heraus: „durch ihre Weisheit sind alle Menschen zu Narren geworden.“ Gott einzig legt er Weisheit bey, und wirft den Menschen überhaupt die Narrheit zum Erbtheile hin. Kurz vorher hatte er gesagt „der Mensch rühme sich nicht in seiner Weisheit.“ Warum, ehrlicher Jeremia, soll der Mensch sich nicht in seiner Weisheit rühmen? Auf diese Frage würd er anders nichts sagen, als: weil er keine Weisheit besitzt. Ich komme wieder auf den Prediger. Da er ausruft: „Eitelkeit der Eitelkeiten; alles ist eitel,“ so wird wohl niemand glauben, daß er dadurch etwas anders habe andeuten wollen, als was bereits gesagt worden: das menschliche Leben sey ein bloses Narrenspiel. Dieses legt dem auf mich verfertigten und bereits angeführten Lobspruche des Cicero seineStärke bey: es wimmle alles von Narren. Wenn jener weise Mann ferner sagt: „der Narr ändert sich wie der Mond, der Weise bleibt wie die Sonne“ was sagt er dadurch anders, als: das ganze Menschengeschlecht sey närrisch, und Gott allein gebühre der Titel eines Weisen? denn, durch den Mond versteht man die menschliche Natur; durch die Sonne hingegen Gott, die Quelle alles Lichtes. Christus stimmt in dem Evangelium diesem bey, da er sagt, man müsse Gott allein gut nennen; nun, wenn jeder Unweise ein Narr, jeder Gute aber ein Weiser ist, wie die Stoiker lehren, so folgt nothwendig, daß alle Sterblichen närrisch sind.


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