Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Bligger kannte seinen Bruder Hans. Als dieser am andern Morgen im Hofe der Mittelburg erschien, um Sidonien abzuholen, hatte er richtig seinem Rappen das kostbarste Zaumzeug auflegen lassen, als ob er zu einem festlichen Turnier zöge. Der Sattel aus Hagebuchenholz war mit Blumen und Ranken bemalt. Die darunter liegende Satteldecke, deren Zipfel fast bis zur Erde hinab hingen, war aus schwarzem Seidenstoff, goldumsäumt, mit goldenen Harfen bestickt und unterhalb gelb gefüttert. Der Bauchgurt, die Zügel und die Riemen der silbernen, reich verzierten Steigbügel waren bunt gesteppt und mit breiten Borten prächtig geschmückt, und der hirschlederne Brustriemen des Pferdes war dicht mit silbernen Schellen behangen, die bei jeder Bewegung des Tieres lustig klingelten. Der Ritter selber trug ein purpurrotes Brokatwams, ebenfalls mit den goldenen Harfen bestickt, und einen schönen Pfauenhut auf dem langgelockten Haupte.

Bligger übergab ihm den zusammengefalteten Pfandbrief über Julianens Wald, und Hans steckte das wichtige Schriftstück sorglich in die Tasche, die ihm an dem edelsteinbesetzten Gürtel hing. Sidonie nahm freundlichenAbschied von ihren Wirten, wobei sie Bligger und Ernst noch einmal bedeutungsvoll zunickte zum Zeichen, daß sie sich der ihr von beiden gewordenen Aufträge sehr wohl erinnerte und sie pünktlich ausführen würde. Dann hob Ernst sie mit Kraft und Geschicklichkeit in den Sattel ihres Schweißfuchses, und sie und Hans ritten frohgemut zum Burgtor hinaus. An Sidoniens schöngewölbter Brust prangte eine frisch gepflückte, eben aufbrechende Rosenknospe.

Hans ritt diesmal mit ganz anderen Empfindungen nach der Minneburg als das vorige Mal. Er trug Julianens Wald, sozusagen, bei sich in der Tasche, freute sich fast kindlich darauf, ihn ihr mit ein paar ritterlichen Worten zurückgeben zu können, und weidete sich in Gedanken schon an dem Anblick ihrer grenzenlosen Überraschung. In welcher Weise sie ihm ihren Dank bezeigen, und was weiter alles darauf folgen würde, darüber wollte er eigentlich nicht nachdenken, tat es aber unwillkürlich doch.

In der abgesagten, schwer beleidigt tuenden Gegnerin, die ihn bei seinem ersten Besuch so hochmütig behandelt hatte, sah er nun wieder das schöne, verführerische Weib, das sie ihm ehemals gewesen war. Darum war er auch durchaus nicht abgeneigt, allen Minnedank von Julianen freudig hinzunehmen, den sie, ohne daß er ihn forderte, ihm zu spenden etwa gewillt wäre, wenn sie ihm nur seine Freiheit ließ und nicht von ihm verlangte, sich untrennbar an sie zu binden. Aber wenn er nicht um sie würbe, – und dessen war er sicher – sie konnte ihn doch nicht, wie er und seine Brüder einst ihren befehdeten Gatten, mit Gewalt gefangennehmen und so lange einsperren, bis er sich, nicht mit einem meilenweiten Walde, sondern mit einem kleinen goldenen Fingerring aus einer Gefangenschaft löste, nur um in eine andere, lebenslangeund in seinen Augen weit schlimmere zu verfallen. Ihm war die Aussicht eine höchst verlockende, wenn er sich ausmalte, daß ihm die schöne Frau die Erlaubnis erteilte oder gar das Recht einräumte, öfter wiederzukommen als verschwiegener Freund zur vertrauten Freundin, und sie beide in dem äußerlich fessellosen Bunde eines süßen Geheimnisses ein Glück genössen, das keinen Beobachter, keinen Neider und keinen Rächer hätte. Daß Julianens siebzehnjährige Tochter Augen und Ohren hatte und nicht mehr wie ein Kind aus dem Zimmer hinaus auf den Spielplatz oder zu Bett geschickt werden konnte, wenn der ersehnte Besuch kam, das bedachte der brave Hans nicht, als er im Sattel so schwärmerisch träumte.

Sidonie störte ihn nicht in seinen Betrachtungen, sondern ritt schweigend neben ihm, denn es ging ihr selber mancherlei durch den Kopf. Schon im Burghof war ihr Hansens ausgesucht prächtige Kleidung und das kostbare Sattel- und Zaumzeug seines Pferdes aufgefallen. Wenn er das schlichte Jagdgewand, das er beständig trug, für den Besuch bei einer Dame mit einem etwas gewählteren Anzuge vertauscht hätte, so würde sie das nur in der Ordnung gefunden haben, aber daß er sich Julianens wegen heute noch weit mehr, als das vorige Mal, und in einer Weise ausstaffiert hatte, als wollte er an den Hof des Kaisers, das gab zu denken. Vor allem jedoch lag ihr Bliggers geheimnisvolles Wesen am gestrigen Abend im Sinn und die Entscheidung, die nur ein Landschad selber und gerade Hans und nur unter vier Augen Julianen mitteilen könnte, und die auf eine Überraschung hinauslaufen sollte. Hm, hm! Hans und Juliane unter vier Augen! Wenn die beiden wollten, wie sie könnten, dann gäbe das ein Paar, so stattlich, so herrlich, so für einander geschaffen wie Adam und Eva im Paradiese. Am Endewar es Ohm Bliggers eigene Meinung, den Frieden auf die allerdings sehr überraschende Weise zu schließen, daß sich die beiden aus ewig miteinander verbinden sollten; denn daß er mit ihnen noch etwas Besonderes im Schilde führte, hatte sie aus seinen Reden wohl gemerkt. »Hans und Juliane, Ernst und Richilde, – zwei Paare für eines!« lachte sie in sich hinein. Freilich war ihr Hansens fast sprichwörtlich gewordener Abscheu vor der Ehe wohl bekannt, aber Juliane war eine Frau, die mit ihrem lebhaften Geist, ihrer jugendlichen Anmut und ihren hohen körperlichen Reizen auch den nüchternsten Mann bezaubern und fesseln mußte. Und der kraftstrotzende, auch noch in ungewöhnlicher Frische blühende Junker Hans sollte, trotz seines Ehehasses, hübschen Frauen und Mädchen gegenüber durchaus kein Herz von Stein in der Brust haben, wie Sidonie schon öfter gehört hatte. Für Ernst und Richilde war sie bereits der erwählte Liebesbote; wie, wenn sie nun auch noch Hans und Juliane zu ihrem Glück verhülfe! Sie würde stolz darauf sein, wenn sie auch diesen beiden die Brautkammer bekränzen könnte. Hätte doch Ohm Bligger ihr nur ein Wort gesagt, ihr nur einen Wink gegeben, wo sie anfassen sollte, um mit ihm an einem Strange zu ziehen! Und welchen Freundschaftsdienst würde sie damit Ernst und Richilde leisten! Denn wenn Juliane selber den einen Landschaden heiratete, konnte sie ihre Tochter unmöglich dem anderen versagen. Jedenfalls wollte Sidonie herauszubringen suchen, wie jene zwei miteinander stünden, und zu diesem Behufe jetzt Ohm Hans ein wenig auf den Zahn fühlen.

»Nicht wahr, Ohm Hans,« begann sie, »du standest früher auf ganz freundschaftlichem Fuße mit Juliane?«

»Gewiß!« erwiderte er, »wie kommst du zu der Frage?«

»O ich wünschte sehr, daß sich das alte, gute Verhältnis zwischen euch wieder herstellen ließe.«

»Das hängt nur von ihr ab,« sprach er, »und heute wird es sich zeigen, ob sie dazu geneigt ist.«

»So, heute! – Hast du gute Hoffnung darauf?«

»Wer kann das wissen, Sidonie! Du kennst sie ja; sie läßt sich nicht ins Herz blicken.«

»Wenigstens selten; manchmal gelingt mir's doch. Sie schenkt mir viel Vertrauen. Du wünschest es doch auch, daß ihr wieder gute Freunde werdet?«

»Ja freilich!« sprach er lebhaft. »Was ich dazu tun kann, soll geschehen; aber wenn es das hier nicht zu Wege bringt, so wird es schwer halten.« Dabei schlug er mit der Hand auf die Tasche, worin der Pfandbrief steckte.

Sidonie wartete, ob er ihr nicht verraten würde, was für ein Talisman es wäre, der die erloschene Flamme der Freundschaft wieder anfachen sollte. Da er es aber nicht sagte, so mochte sie auch nicht danach fragen; er konnte ja denken, sie wüßte es. Nach einer kleinen Weile hub sie wieder an: »Juliane lebt auf ihrer Burg gerade so einsam wie du auf der deinigen, Ohm Hans. Ich hielte das auf die Dauer nicht aus.«

»Nun, wozu hat man denn seine Rosse im Stalle?« lachte er.

»Ja, wenn nachher das Trennen nicht wäre, das sich wieder Losreißen voneinander!«

»Das erhöht die Lust des Wiedersehens und feuert die Sehnsucht an.«

»Also hast du doch zuweilen Sehnsucht nach ihr,« lächelte Sidonie.

»Nach wem?« frug er betroffen.

»Nun, von wem sprechen wir denn? ich denke, von Juliane.«

»An sie dachte ich nicht, als ich von Wiedersehen und Sehnsucht sprach,« erwiderte er etwas verlegen. »Ich dachte – zum Beispiel an deinen Vater und andere gute Freunde.«

»Aha!« machte Sidonie. »Aber heute freust du dich doch gewiß auf das Wiedersehen mit Juliane.«

»Wenn sie's mir nur nicht wieder mit demselben Salze würzt wie das vorige Mal!« seufzte er.

»Nun mit dem, was du da in der Tasche hast, wirst du ihr schon willkommen sein,« sagte Sidonie.

»Du meinst den Pfandbrief?« sprach er ohne Bedenken, »ja, das hoff' ich auch.«

Also der Pfandbrief war es. – Bligger hatte nachgegeben; Juliane bekam ihren Wald zurück; dem Frieden, der Eintracht, dem Herzensbunde stand nichts mehr im Wege, und das alles sollte nun im Handumdrehen unter vier Augen Zug um Zug abgemacht werden. Trug Ohm Hans vielleicht auch die goldenen Eheringe gleich mit in der Tasche, plötzlich entschlossen, dem so lange festgehaltenen Junggesellenleben Valet zu sagen? Auch das mußte ihm Sidonie noch entlocken.

»Einen schöneren Frieden konntet ihr anders gar nicht schließen,« sagte sie. »Ich freue mich schon darauf, Ohm Hans, wenn ich euch erst Hand in Hand miteinander stehen sehe. Das soll einmal ein Fest werden!«

»Nicht wahr? und alles, was im Neckartale wohnt, muß dabei sein,« sprach er vergnügt, ahnungslos, was für ein Fest Sidonie dabei im Sinn hatte.

»Schiebt es nur nicht noch zu lange auf,« mahnte sie. »Juliane wird sich gewiß nicht dagegen sträuben, daß ihr so bald wie möglich an das Ziel eurer Wünsche gelangt.«

»Nun,meinVerlangen brauchst du nicht noch zu stacheln, Sidonie!« erwiderte er. »Wenn es nach meinemWillen gegangen wäre, so wären wir längst dahin gekommen.«

»Das glaub' ich dir, Ohm Hans!« lächelte sie.

Nun wußte sie genug, war jedoch über den schnellen Entschluß des als eingefleischter Hagestolz Verschrienen aufs höchste verwundert. Ja freilich, da hatte Bligger recht: das gab eine Überraschung, über die man auf allen Burgen so leicht nicht fertig werden würde. Und Hans schien der Einwilligung Julianens schon so zweifellos sicher zu sein, daß es ihrer, Sidoniens, eingreifender Vermittelung gar nicht mehr bedurfte; sie war nur noch die erstaunte Zuschauerin bei einem ganz unberechenbar gewesenen Ereignis, dessen Eintreffen höchstens die Sterne vorausgesehen haben konnten. Darum also mußte Hans sie zur Minneburg begleiten, darum hatte er sich so prächtig geschmückt; sie führte der Harrenden den heimlich Geliebten, den sehnsüchtig erwarteten Freier zu. Und wie hatte Juliane sich zu verstellen gewußt, wenn sie von ihrem Hasse gegen die Landschaden sprach, vor denen sie die Brücke aufziehen lassen wollte! Vorgestern noch hatte sie so getan, als müßte sie sich von Sidonien erst groß bitten und bereden lassen, Botschaft nach der Mittelburg zu senden, und als geschähe das nur Sidonien zuliebe, um ihr ein Wiedersehen mit Ernst zu ermöglichen. Dieses Nasführen wollte sie der tugendsamen Burgfrau anstreichen; wie, das sollte ihr der Augenblick eingeben, aber sie fing während des Rittes schon an, über eine hübsche kleine Bosheit nachzudenken, mit der sie sich an der Heuchlerin rächen wollte.

Nachdem beide eine Strecke schweigend nebeneinander hergeritten waren, begann Sidonie: »Wie willst du denn das machen, Ohm Hans, wenn du Julianen den Pfandbrief überreichst?«

»Das überlege ich mir auch eben,« erwiderte er. »Dumußt nämlich wissen, Sidonie, daß wir ihr den Wald zurückgeben ohne einen Pfennig dafür zu verlangen; die ganze Schuld ist gestrichen.«

»Ah, das ist brav!« rief Sidonie. Natürlich! dachte sie, die zweihundert Gulden sind Ohm Bliggers Brautgeschenk. »Das mußt du aber schlau anfangen, mußt erst ganz allmählich damit herausrücken, sonst verfehlt es seine rechte Wirkung,« fügte sie dann laut hinzu.

»Meinst du? ja, wie denkst du dir das?« frug er.

»Ich will dir etwas sagen, Ohm Hans,« sprach Sidonie. »Hier im Walde sieht und hört uns niemand; da könnten wir das einmal probieren. Ich stelle Juliane vor, du bringst mir die wichtige Nachricht, und aus Rede und Gegenrede sehen wir dann, wie sich das entwickeln wird, damit du nachher auf alles vorbereitet bist.«

»Ein guter Vorschlag, Sidonie! das wollen wir machen,« sagte Hans.

»Dann komm hier vom Wege fort in das Gebüsch und hilf mir vom Pferde.«

Sie ritten etwas tiefer in den Wald unter die Bäume; Hans stieg ab, hob in seinen starken Armen Sidonien wie ein Kind aus dem Sattel und band die Pferde an eine halbwüchsige Birke.

»So!« sagte sie, »dieser bemooste Stein hier ist Julianens Sessel; darauf sitze ich als die Herrin der Minneburg und höre dich gnädig an.«

Sie setzte sich auf den Stein und nahm, so gut sie konnte, Haltung und Miene derjenigen an, deren Rolle sie spielen wollte, während Hans ihr gegenüber stand und sich auf eine Anrede besann.

»Nun steh' nur nicht wie ein armer Sünder da!« lachte Sidonie, »du bringst mir doch etwas Gutes; fange an!«

Hans räusperte sich, machte eine tiefe Verbeugung vor der Sitzenden und begann: »Hochedle Frau! wir habenEuren Vorschlag, den uns gestern die schöne und liebenswürdige Sidonie –«

»Erlaube!« unterbrach sie ihn, »keine Frau hört es gern, wenn ein Mann eine andere schön und liebenswürdig findet, und wenn er noch so sehr recht hätte. Also fange noch einmal an und laß das weg.«

Er wiederholte nun: »Hochedle Frau! wir haben Euren Vorschlag, den uns Sidonie in Eurem Namen überbracht hat, reiflich erwogen, aber zu meinem großen Bedauern muß ich Euch mitteilen, daß wir drei Brüder übereingekommen sind, denselben rund abzulehnen.«

»Sehr gut! sehr gut!« sagte Sidonie halblaut. Dann aber, Julianens Stimme und Sprechweise vortrefflich nachahmend, sprach sie scharf und hochmütig: »Das bedaure ich gleicherweise, Junker Hans, und wundere mich nur, daß Ihr den gehässigen Auftrag übernommen und Euch zu der Kühnheit verstiegen habt, mir eine so unangenehme Nachricht selber zu bringen. Ich muß Euch sagen, Herr, daß es mir lieber gewesen wäre, wenn Ihr das Sidonien allein überlassen hättet.«

»Alle Wetter!« sprach Hans, »das ist stark!«

»Ja, darauf mußt du dich gefaßt machen.«

»O weh! o weh! was soll ich darauf antworten?« seufzte er.

»Du mußt lächeln. Lächle mal, Ohm Hans! – mehr! – spöttischer! den Kopf höher! – so! Nun sagst du: Wollt mich geduldig anhören, gnädige Frau!«

»Wollt mich geduldig anhören, gnädige Frau!«

»Was könnt Ihr mir danach noch zu sagen haben, das anzuhören der Mühe wert wäre?« sprach Sidonie mit Julianens wegwerfendstem Tone.

»O gnädige Frau,« erwiderte Hans, »wenn Ihr wüßtet, was ich hier in der Tasche habe –«

»Pst! noch nicht! erst noch ein bißchen zappeln lassen!« unterbrach ihn Sidonie.

»Nun, dann so: O gnädige Frau, Sidonie hat uns gesagt, daß es Euch im Grunde Eures Herzens mehr um die Freundschaft mit uns, als –«

»Halt! ums Himmelswillen, kein Wort davon!« rief Sidonie. »Damit würdest du mir einen schönen Stein in den Weg rollen!«

»Ja, was soll ich denn sagen?« frug er kleinlaut.

»Warte mal! – Sage, du hättest ihr einen andern Vorschlag zu machen, der vielleicht ihre Billigung fände.«

»Also noch einmal: O gnädige Frau, es könnte doch sein, daß ich Euch einen anderen Vorschlag zu machen hätte, – von dem wir hoffen könnten, – so glücklich zu sein, – uns Eurer Billigung desselben – erfreuen zu dürfen.«

»Gut! aber das muß glatter gehen,« sagte Sidonie, und dann mit verändertem Tone: »Gegen die einzige Bedingung, die ich gestellt habe, nehme ich keine anderen Vorschläge an.«

»Aber wenn wir nun mit einem geringeren, mit einem weit geringeren Lösegeld zufrieden wären, als Ihr uns selber angeboten habt?«

»Ich feilsche mit Euch nicht um Geld!«

»Und wenn wir auch auf den Wildbann verzichteten?«

»Seht gut! sehr gut, Ohm Hans!« lobte ihn Sidonie. »Nun gib acht! jetzt horcht Juliane auf und wird schon etwas freundlicher. Auf den Wildbann wollt Ihr verzichten? wirklich? ist das ernst gemeint, Junker Hans?«

»Gewiß, gnädige Frau! Keiner von uns soll künftig den Wald betreten ohne Eure Erlaubnis.«

»Vortrefflich! jetzt sieht sie dich mit solchen Augen an, – sieh mal, so!«

»Ei!« sagte Hans, »das ist hübsch!«

»O Junker Hans, Euch würde ich die Erlaubnis zu jeder Zeit sehr gern erteilen. Und – was sagtet Ihr doch von dem Lösegelde?«

»Von einem Lösegelde, gnädige Frau, ist keine Rede mehr.«

»Wie das, Junker Hans? – Jetzt ziehst du den Pfandbrief aus der Tasche,« flüsterte Sidonie.

Hans tat das, und ihr das Schriftstück darreichend sprach er: »Hier, Frau Juliane, geb' ich Euch Euren Wald zurück, ohne – ohne –«

»Ohne etwas anderes dafür von Euch zu verlangen, als Eure Freundschaft,« half ihm Sidonie ein.

»Als Eure Freundschaft, Frau Juliane!« sprach Hans aufatmend nach.

»Junker Hans! Hans! mein Hans! wie dank ich Euch!« rief Sidonie, sprang auf, umhalste den ganz Verblüfften und küßte ihn herzhaft auf den Mund. Dann brach sie in ein tolles Gelächter aus. »Siehst du, so kommt's! so kommt's!« jubelte sie. »Und was machst du nun? nun hältst du sie fest, ganz fest.«

»Ja, ja, das tue ich schon.«

»Nun, mich kannst du jetzt loslassen,« sagte sie immer noch lachend und sich seinen Armen entwindend.

»Nicht übel!« schmunzelte Hans, »das gefällt mir; wenn die Probe nur Stich hält!«

»Kann gar nicht fehlen,« erwiderte sie, »wenn du nur alles richtig machst.«

»Weißt du, Sidonie,« sprach er, »das letzte, von da an, wo ich den Brief aus der Tasche ziehen muß, das sollten wir, der Sicherheit wegen, lieber noch einmal machen; ich glaube, das ging noch nicht glatt genug.«

»O doch, Ohm Hans! fürs erstemal ging es schon außerordentlich glatt,« lachte sie; »das behältst du gewiß und wirst es schon recht machen. Jetzt komm! in kaumeiner Stunde sind wir an Ort und Stelle, wo du zeigen mußt, was du hier im Walde von mir gelernt hast.«

Da nahm er sie wieder auf die Arme, um sie in den Sattel zu heben. »Einen Kuß noch, Mädchen! als Lehrgeld,« bat er, sie vor sich tragend. Sie zierte sich nicht und bot ihm die frischen, roten Lippen dar. Dann setzte er sie aufs Pferd, schwang sich selber in die Bügel, und fröhlich ritten sie ihres Weges weiter.

Lange Zeit wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Er überhört es sich noch einmal, dachte Sidonie.

So war es auch. Hans wiederholte sich im stillen Wort für Wort, was er sagen wollte. Er zweifelte gar nicht daran, daß alles so käme, wie es sich hier im Walde so leicht, so ganz von selber wie am Schnürchen abgespielt hatte, und malte sich schon in Gedanken aus, wie ihm zumute sein würde, wenn ihm Juliane so in die Arme flöge, wie es Sidonie getan hatte. Dann aber wollte er auch nicht wieder so töricht sein wie damals und davonlaufen, sondern sein Glück festhalten und nicht wieder fahren lassen. Wenn sie dann nur nicht von Heiraten spräche! doch das wollte er ihr schon auf gute Weise ausreden; sie könnten auch ohne das sich lieb haben und glücklich sein.

Weiter und weiter spann er den glänzenden Faden und konnte es kaum erwarten, bis er Julianen gegenüber stünde und sich alles erfüllte, was er wünschte und hoffte. Endlich sprach er: »Ist dir's recht, Sidonie, wenn wir jetzt einen schlanken Trab machen?«

»O du liebe Ungeduld!« lachte sie, »meinetwegen, vorwärts!«

Die Rosse sprangen an; aber statt in schlankem Trabe jagten Reiter und Reiterin in einem sausenden Galopp durch den Wald.


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