Elftes Kapitel.
Auf der Minneburg war schon seit einer Reihe von Tagen kein gutes Wetter. Zwar die Sonne schien, die Blumen blühten, und die Vögel sangen hier wie überall im schönen Neckartal; aber die Menschen schienen ihre frühere Munterkeit verloren zu haben, und wenn einmal ein fröhliches Lachen im Zwinger oder im Palas erschallte, so kam es nur von Sidoniens übermütigen Lippen, denn auch die empfindsame Hiltrud war mehr oder weniger von den Wolken beschattet, die jetzt auf Julianens und Richildens sonst so heiteren Stirnen lagerten.
Juliane nahm weniger als bisher an den Vergnügungen der jungen Mädchen teil, hielt sich meist abgeschlossen von ihnen und war bei Tisch, oder wenn sie abends mit ihnen auf der großen Terrasse saß, von der man in den Zwinger hinabsah, mißmutig, wortkarg und von einer auffallenden Gereiztheit, die selbst beim unschuldigsten Anlaß hervorbrach, und unter der die Mädchen, besonders Richilde, viel zu leiden hatten.
Die in Ungnade Gefallenen suchten den Grund von Julianens verändertem Wesen in einem nachhaltigenVerdruß über das plötzliche Erscheinen der beiden Junker Landschad auf der Minneburg. Der ungebetene Besuch von zwei Mitgliedern der ihr verfeindeten Familie mußte ihr im höchsten Grade lästig gewesen sein, und sie mußte sich darüber geärgert haben, daß jenen ihr Wunsch, den verpfändeten Wald einzulösen, durch Richildens Schwatzhaftigkeit verraten und der Vergleich infolge des unbilligen Verlangens der Landschaden, den Wildbann behalten zu wollen, dann doch nicht zustande gekommen war.
Mit dieser Auslegung trafen die jungen Sibyllen nur in dem einen Punkte das Richtige, daß Julianen das Bekanntwerden ihres Wunsches den Landschaden gegenüber allerdings sehr unangenehm war. Ja, hätten diese die erste Anregung dazu gegeben und ihr durch einen unbeteiligten Dritten übermitteln lassen, so nähme sie eine ganz andere Stellung dabei ein und könnte die Bedingungen ihres Gewährens vorschreiben. Diesen Vorteil hatten jetzt ihre Gegner, die nun die Großmütigen spielten und so taten, als wenn sie ihr mit dem Anerbieten eines für Juliane so ungünstigen Vergleichs noch eine besondere Gefälligkeit erwiesen, die sie überhaupt, auch bei lockenderen Vorschlägen, von jenen anzunehmen nicht gewillt war. Das verdankte sie der unberufenen Einmischung Richildens, und damit erklärte sich ihr Groll auf diese.
Richilde selbst glaubte für die Unfreundlichkeit ihrer Mutter gegen sie noch einen anderen Grund zu wissen, den sie aber ihren Freundinnen vorläufig noch nicht zu offenbaren gedachte.
Als Isaak Zachäus gekommen war, um den Damen das Horoskop zu stellen, hatte Juliane den Mädchen gesagt, daß der Sterndeuter dabei auch die verborgensten Gedanken und Wünsche eines Menschen erführe. Er hatte also auch Richildens Herzensgeheimnis in den Sternengelesen, es zugleich mit dem Befunde des Horoskops ihrer Mutter enthüllt, und diese wußte nun, daß sie den Junker Ernst – einen Landschaden – im stillen liebte. Das war es, was ihr die Mutter nicht verzieh. Wie das Bewußtsein einer schweren Schuld lag diese Erkenntnis auf ihrer jungfräulichen Seele und erfüllte sie mit banger Sorge, denn sie mußte sich sagen, daß Juliane nun und nimmer ihre Einwilligung zu einer Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne ihres verhaßtesten Feindes geben würde, falls nicht vorher eine vollständige Aussöhnung zwischen ihr und den Landschaden stattgefunden hatte. Auf eine solche war aber bei dem unbeugsamen Sinne Julianens nicht die geringste Aussicht.
So dachte Richilde und ahnte nicht, in welch großem Irrtum sie durch die Angst ihres Herzens befangen war. Ihre Mutter wußte nichts von ihrer Liebe zu Ernst, und Julianens übellaunige Stimmung hatte ganz andere Gründe.
Die sehr selbständige Frau war keineswegs unzufrieden mit sich, daß sie den ihr von gegnerischer Seite gemachten Vorschlag zunächst abgelehnt hatte; aber sie hatte gehofft, daß man in Neckarsteinach größeren Wert auf eine Versöhnung mit ihr legen, ihr neue Vorschläge machen und vor allem, daß Hans damit wiederkommen würde. In dieser Hoffnung sah sie sich getäuscht. Schon zehn Tage waren seit dem Besuch des ehemaligen Freundes vergangen, und noch immer nicht warf die Sonne seinen Schatten wieder auf den Weg zur Minneburg. Hatte sie ihn wirklich so schnöde behandelt, daß er nicht zu ihr zurückzukehren wagte, mindestens die Lust dazu verloren hatte? Sie rief sich jeden Augenblick des kurzen Zusammenseins mit ihm in das Gedächtnis zurück, sein Auftreten und Benehmen ihr gegenüber, seine Worte und den Ton, mit dem er sie gesprochen, jeden Blick, mit demer sie angesehen hatte, und endlich seinen raschen, fast ungestümen Aufbruch.
Es war ihr so vorgekommen, als wenn er nur auf einen schicklichen Anlaß gewartet hätte, sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staube machen zu können, froh, des widerwillig übernommenen Auftrages, mit oder ohne Erfolg, entledigt zu sein. Wozu aber war er dann überhaupt gekommen? Allerdings, war es den Landschaden wirklich um eine Versöhnung mit ihr zu tun, so war Hans der erste von ihnen, in dessen ausgestreckte Hand auch sie wieder die ihrige legen konnte, und der einzige, der imstande war, eine Anknüpfung zwischen ihr und den anderen einzuleiten, nachdem sie selber das freundliche Entgegenkommen der beiden Frauen so entschieden zurückgewiesen hatte, daß sie von diesen keinen weiteren Schritt zur Annäherung erwarten durfte. Diesen groben Verstoß gegen die Formen der Höflichkeit hatte sie bald danach bereut, war aber zu stolz gewesen, ihn einzugestehen und gutzumachen. Bligger hatte die Beleidigung seiner Frau der Hochmütigen tief ins Kerbholz geschnitten und sich dafür mit höhnischen Bemerkungen und mancherlei kleinen Feindseligkeiten an ihr gerächt, so daß die gegenseitige Erbitterung eine immer schärfere, die Kluft zwischen ihnen eine immer weitere geworden war und man den ersten, so geringfügigen Anstoß, wie im Leben der Ritter eine rasch ausgekämpfte Fehde und eine kurze Gefangenschaft war, darüber längst vergessen hatte.
Wer war es nun, der den Frieden mit ihr suchte? frug sich Juliane. Wenn der Gedanke, ihr den Wunsch nach Wiedererlangung des Waldes zu erfüllen, von Hans ausgegangen wäre, so hätte dieser ihr wohl bessere Bedingungen gestellt oder wenigstens die Verhandlungen darüber bereitwillig mit ihr weitergeführt und womöglichzum Abschluß gebracht. Und Bligger? der tat ihr nichts zuliebe. Wenn er es war, der sich durch Hansens Vermittelung scheinbar um ihre Gunst bemühte, so hatte der verschlagene Mann auch irgendeinen Hintergedanken dabei, eine Nebenabsicht, die ihm die Hauptsache war, und mit der er sicher nichts Gutes für sie im Sinn hatte. Ein vorteilhaftes Geschäft war die Entpfändung des Waldes für die Landschaden nicht; Juliane wußte sehr wohl, daß derselbe weit mehr wert war, als die darauf lastende Schuld betrug. Sollte sich aber Hans von seinem Bruder zu irgendeiner Tücke gegen sie gebrauchen lassen? Das konnte sie dem alten Freunde nimmermehr zutrauen.
Was hatte ihn aber so lange von ihr ferngehalten? Wäre er nach Zeisolfs Tode zu ihr gekommen, – vor ihm hätte sie die Brücke nicht aufziehen lassen, er hätte keine Tür in ihrer Burg verriegelt gefunden. Und warum kam er auch jetzt nicht wieder? War in ihm alles erkaltet und erstorben, was einst heiß und stark genug gewesen war, sie beide wider Pflicht und Gewissen zueinander zu treiben? War die ganze, erinnerungsvolle Zeit, in der sie, jeder der eigenen und der Liebe des andern bewußt werdend, sich sehnsüchtig gesucht, sich langsam genähert und endlich in einem Augenblick des Hingerissenseins sich glückberauscht gefunden hatten, aus seinem und ihrem Lebensbuche wie eine falsche Rechnung gestrichen? Oder – sollte es möglich sein? – wie ein Blitz durchfuhr sie der Gedanke – war die schlummernde Liebe doch wieder erwacht in ihm und er, die Verhandlungen über den Wald zum Vorwand nehmend, nur gekommen, um zu sehen und zu hören, wie sie jetzt gegen ihn gesonnen, ob sie, wie damals, noch heute bereit wäre, sein eigen zu werden? War er darum gekommen, dann mußte er mit der Überzeugung wieder gegangen sein: es ist allesvorbei! Sie selber hatte ihn zurückgewiesen und mit der Antwort heimgeschickt, daß sie keinen Frieden mit ihm wolle. Damit wußte er, was er wissen wollte, und kam nicht zum zweiten Male wieder. Sie aber konnte ihn nicht zurückrufen und ihm sagen: Behaltet den Wald und nimm mein Herz noch dazu, Hans Landschad!
Sie hatte im Erker gesessen, bald mit ihrer Stickerei beschäftigt, bald die Hände müßig im Schoße haltend und ihren quälenden Gedanken hingegeben. Jetzt erhob sie sich und sah auf den Burgweg hinab, auf dem sich nichts Lebendes blicken ließ. »Armes, einsames Weib!« seufzte sie, »Herrin der Minneburg, auf der kein Minneglück blüht!« Die Wangen brannten ihr, sie drückte die Hand auf den wallenden Busen. »O wenn du wiederkämst, Hans Landschad!« flüsterte sie, »du solltest nicht unerhört von dannen gehen!«
Dann eilte sie hinaus und wußte nicht wohin; das Gemach, die Burg, die Welt war ihr zu eng. –
Die drei jungen Mädchen waren auf dem jenseitigen Ufer des Flusses in Neckargerach gewesen, wo Juliane einen Hof besaß, dessen Meier die Minneburg mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgte. Von dort zurückgekehrt, hatten sie sich unterhalb der Burg ein einsames Waldplätzchen aufgesucht, um an dem heißen Tage hier im Schatten ein wenig zu ruhen. Es war eine Stunde vor Mittag und tiefe Stille ringsumher. Die jungen Schönen hatten sich auf das weiche Moos gestreckt und sich einem süßbehaglichen Nichtstun und Nichtsdenken hingegeben. Hiltrud lag etwas abseits von den beiden anderen, und bald verrieten ihre regelmäßigen Atemzüge, daß sie eingeschlafen war. Da hörte Sidonie von Richildens Seite her einen langgedehnten Seufzer, und das Haupt zur neben ihr ruhenden Freundinwendend, frug sie: »Wohin ging denn der schwere Seufzer?«
Richilde gab keine Antwort, und Sidonie fuhr fort: »Nun gesteh' es nur! ich glaube, er hat sein Ziel nicht weit von Neckarsteinach.«
»Wenn du es weißt, warum fragst du noch?« sagte Richilde traurig.
»Das klingt ja so hoffnungslos, als wenn du an Ernst Landschads Liebe noch zweifeln müßtest.«
»Sprich den Namen nicht aus! sonst fallen hier die Blätter von den Bäumen,« erwiderte Richilde, schnell sich halb aufrichtend und auf den Ellenbogen stützend.
»So ist's recht!« lachte Sidonie, ihrem Körper dieselbe Lage gebend wie Richilde, »so ein bißchen Spott und ein bißchen Trotz hab' ich gern; daran sehe ich, daß du Mut hast, und das ist die Hauptsache. Nun laß uns einmal vernünftig miteinander reden; es wird darum kein Blatt vom Baume fallen. Daß du Ernst liebst, hab' ich schon lange gemerkt; nun sage mir: glaubst du, daß er dich wieder liebt?«
»Ich weiß es nicht,« flüsterte Richilde leicht errötend.
»Weißt du nicht. Nun, dann will ich's dir sagen: ja! er liebt dich wieder; hier meine Hand darauf! Glaubst du's nun?«
»Ach Sidonie! wie glücklich wär' ich, wenn du recht hättest!« sprach Richilde leuchtenden Blickes die Hand der Freundin drückend. »Aber –,« sie stockte, schlug die Augen nieder und seufzte.
»Richtig! Aber!« fiel Sidonie ein. »Aber deine Mutter meinst du. Ja freilich, das ist kein Spaß. Wenn sie es erfährt, wird es einen harten Kampf geben.«
»Es erfährt? Sie weiß es längst,« meinte Richilde.
»Wieso? Hast du es ihr gesagt?«
»Ich nicht; aber der abscheuliche Sterngucker, der mit seiner krummen Habichtsnase in allen Geheimnissen herumschnüffelt, der, der wird es ihr verraten haben,« eiferte Richilde.
Sidonie mußte über den drolligen Zornerguß ihrer blonden Freundin lachen, suchte sie aber dann zu beruhigen und sagte: »Mache dir zu den unabweislichen Sorgen nicht noch überflüssige. Deine Mutter weiß noch nichts, sonst hätte sie dich schon darüber zur Rede gestellt. Oder hat sie das getan?«
»Nein; aber siehst du denn nicht, wie unleidlich sie mich seitdem behandelt? Nichts kann ich ihr mehr recht machen, immer hat sie etwas an mir auszusetzen; es ist zum Davonlaufen!«
»Lieber Gott!« erwiderte Sidonie, »sie ist manchmal etwas verstimmt, und dann kriegen wir alle etwas ab von ihr, du nicht allein. Aber zum Davonlaufen ist es noch lange nicht und wird sich noch ganz anders zeigen, wenn sie erst einmal dahinterkommt, daß du einen Landschaden liebst und ein Landschaden dich zur Frau begehrt. So leicht gibt sie das nicht zu.«
»O niemals! niemals!« jammerte Richilde und seufzte zum Steinerweichen.
»Das nächste, nötigste, einzigste ist, daß deine Mutter ihren Frieden mit den Landschaden macht,« erklärte Sidonie nun. »Ist das geschehen, so ist alles andere Kinderspiel, und es gibt eine Hochzeit im Neckartale, wie wir so lustig noch keine gehabt haben. Hie Landschad! hie Kollenberg! und alles ein Herz und eine Seele!« jubelte sie.
Richilde schlug die Hände vor's Gesicht und schüttelte sich.
»Leuchtet dir das ein?« frug Sidonie.
»Ach Gott, ja! aber das wird nie geschehen,« klang es schüchtern hinter den Händen hervor.
»Es wird wohl geschehen,« behauptete Sidonie, »und das müssenwirmachen! wir, das heißt – ich.«
Im Nu waren die Händchen von dem Antlitz fort, und Sidonie mit groß und froh erstaunten Augen ansehend rief Richilde: »Du?!«
»Wer sonst? etwa du und Ernst? Ihr wäret mir die Rechten dazu!« lachte Sidonie.
»Was Junker Hans bei meiner Mutter nicht erreicht, das wird dir auch nicht gelingen,« sprach Richilde wieder mit verzagterem Tone.
»Es wird, sage ich dir; nur verlange ich, daß du dich allen meinen Anstalten fügst und mir blind gehorchend tust, was ich dir befehle, es sei, was es sei. Versprichst du mir das, Richilde?«
»Alles, was du willst!«
»Schön! so verhilf mir heut oder morgen zu einer Gelegenheit, deine Mutter unter vier Augen allein sprechen zu können. Sieh zu, wie du Hiltrud entfernst, nimm sie mit dir, sinne auf eine Ausrede –«
»Ist gar nicht nötig,« kam es von dem Platze her, wo Hiltrud lag.
»Himmel! sie ist wach!« rief Richilde.
»Hast du alles gehört?« frug Sidonie.
»Natürlich!« lachte Hiltrud. »Wenn ihr so schreit, soll man wohl wach werden und die Ohren spitzen.«
»Willst du uns helfen?«
»Mit allem, was ich kann und vermag!«
»So komm her!«
Hiltrud kroch auf allen Vieren heran. »Etwas Neues war es mir auch nicht, Richilde, daß du Ernst gern hast,« sagte sie, »und er dich auch, und daß ihr beiden –«
»Still jetzt!« unterbrach sie Sidonie. »Wir sind also drei geschworene Verbündete in der großen Sache, nicht wahr?«
»Ja!« sagte Hiltrud. Richilde lächelte und schwieg.
»Hände her!«
Die Hände der drei Mädchen legten sich mit festem Druck zusammen. »Wir schwören also,« sprach Sidonie feierlich: »Frieden mit den Landschaden!«
»Frieden mit den Landschaden!« wiederholten die anderen beiden.
»Heil und Hilfe der hoffenden Liebe!«
»Heil und Hilfe der hoffenden Liebe!«
»Und unverbrüchliches Schweigen!«
»Und unverbrüchliches Schweigen!«
Noch ein den Bund besiegelndes, herzliches Schütteln, dann sprang Sidonie auf, streckte erst Richilden, dann Hiltrud die Hand hin, riß sie mit einem kräftigen Ruck empor und rief: »Kommt! und jede tue, was sie kann, daß wir Frau Juliane wieder lächeln sehen!«
Die drei schönen Verschworenen verließen ihren Waldversteck und gingen den Burgweg viel vergnügter hinauf, als sie ihn heute morgen hinabgegangen waren. –
»Habt ihr es wirklich der Mühe wert gehalten, euch wieder einzufinden?« empfing Juliane die Heimkehrenden unsanft. »Der Tisch ist gedeckt, und ihr laßt mich warten und warten. Wo habt ihr euch wieder so lange umhergetrieben?«
»Wir waren in Neckargerach, Mutter! bei Konz Hornschuh,« sagte Richilde.
»Von da konntet ihr längst zurück sein,« hielt ihr die Mutter entgegen.
»Verzeiht, Frau Juliane! wir ruhten uns ein wenig im Walde, und da war ich unversehens eingeschlafen,« entschuldigte Hiltrud sich und ihre Freundinnen.
»Und dein Tüchlein im Rahmen lauert unterdessen vergeblich auf die Nadel der fleißigen Stickerin. Das gnädige Fräulein zieht es vor, im Walde zu liegen undzu schlafen,« versetzte Juliane mit scharfem Tadel. »Übrigens, was sagte Konz?« wandte sie sich wieder zu ihrer Tochter. »Wird er die Eier schicken?«
»Ja, morgen wird er sie schicken,« erwiderte Richilde.
»Morgen! ich habe sie heute verlangt!«
»Morgen, hattest du gesagt, Mutter!« versicherte Richilde.
»Du hast in deiner beliebten Zerstreutheit wie gewöhnlich wieder nur mit halbem Ohre gehört, was ich dir aufgetragen hatte; bist zu nichts zu gebrauchen!« schalt Juliane.
»Wenn wir Nachmittag reiten, können wir noch einmal hinüber und die Eier zu heute bestellen,« meinte Sidonie.
»Heute wird nicht geritten!« entschied die Zürnende kurz und bündig.
»Das ist mir lieb! Ich wollte Euch schon bitten, mich heute damit zu verschonen,« sprach Sidonie, von allen die leidenschaftlichste, unermüdlichste Reiterin.
»Warum?« frug Juliane.
»Um bei Euch zu bleiben und mich ein paar Stunden lang tüchtig auszanken zu lassen,« lächelte Sidonie. »Ihr versteht das wunderbar schön, Frau Juliane! Dann gehe ich zerknirscht in mich und tue Buße und bessere mich, und dann fühl' ich mich frei und froh, als wär' ich zur Beichte gewesen und aller meiner Sünden ledig.«
»Um wieder neue zu begehen,« mußte nun auch Juliane lachen. »O du nichtsnutziger Schalk von einem Mädchen! wenn du nicht hier wärst, wäre die Minneburg von oben bis unten mit aschgrauen Spinnweben überzogen.«
»Ich fege sie nicht aus, Frau Juliane!« rief Sidonie frohlockend.
»Die in den Mauerecken nicht; aber die einem in Kopf und Herzen nisten, die bläst dein loses Spottmäulchen hinaus wie der Morgenwind die Nebel aus dem Tale.« Sie reichte der Besiegerin ihres Unmuts mit einem fröhlichen Blicke die Hand, und im Palas war wieder einmal heller Sonnenschein. –
Am Nachmittage saß Juliane mit der nur langsam fortschreitenden Stickerei wieder einsam in ihrem Erker, weil es innerhalb der dicken Steinwände kühler war als draußen im Freien.
Da trat Sidonie zu ihr ins Gemach und sagte: »Darf ich Euch Gesellschaft leisten, Frau Juliane? ich bin so allein wie Ihr.«
»Wo sind die beiden andern?« frug Juliane.
»Sie sind wieder zu Konz Hornschuh gegangen und wollen die Eier selber holen,« erwiderte Sidonie.
»Und warum bist du nicht mitgegangen?«
»Mir war es zu heiß, darum ließ ich sie ohne mich gehen.«
»Du hast etwas auf dem Herzen, Sidonie!« sagte Juliane mit einem forschenden Blick, »komm her, sprich dich aus! und was es auch sei, dein Vertrauen soll dich nicht gereuen.«
»Das weiß ich im Voraus,« erwiderte Sidonie, indem sie die Stufen zum Erker hinaufstieg und sich auf dieselbe Bank neben der etwas zur Seite Rückenden niederließ. »Ja, ich habe etwas auf dem Herzen und bitte Euch, mich geduldig anzuhören.«
»Ich bin ganz Ohr, liebe Sidonie; fange nur an,« sprach Juliane, ihre Nadel emsig weiterführend.
»So will ich es auch ohne Umschweife tun,« setzte Sidonie mutig ein. »Juliane, macht Euren Frieden mit den Landschaden!«
Juliane fuhr unwillig auf. »Sidonie! worein mischest du dich?« sprach sie, ihre Arbeit schnell in den Schoß sinken lassend, mit gefurchten Brauen.
»Ruhig, liebe Freundin!« suchte Sidonie sie zu besänftigen, ihre Hand auf die Hand Julianens legend. »Es ist zu Eurem Besten, was ich Euch rate. Ich sehe es mit offenen Augen, wie Euch diese Zwietracht erregt und das Leben verbittert. Ihr sitzt hier abgeschlossen und einsam auf Eurer Burg und wagt nicht einmal, Eure Nachbarn und guten Freunde zu besuchen, aus Furcht, Ihr könntet bei ihnen einem der Landschaden begegnen. Das muß anders werden, und jetzt habt Ihr die beste Gelegenheit, dem alten Streit ein Ende zu machen, ohne daß Ihr Euch das geringste dabei vergebt.«
»Ich vergebe mir schon etwas, wenn ich auch nur die kleinste Gefälligkeit von den Landschaden annehme und mich ihnen dadurch zu Dank verpflichte,« entgegnete Juliane.
»So müßt Ihr es nicht ansehen,« sprach Sidonie. »Sie sind es doch, die Euch die Hand zur Versöhnung bieten. Ihr braucht nur einzuschlagen, braucht ihnen nur einen Finger zu reichen, und alles wird sich leicht und glücklich lösen.«
»Wenn es ihnen Ernst damit wäre, so wären sie wiedergekommen und hätten mir andere Bedingungen gestellt,« antwortete Juliane.
»Sie warten auf eine Botschaft von Euch.«
»Da können sie lange warten!«
»Laßt Euch erweichen, Juliane!« redete ihr Sidonie zu. »Ihr habt ein Recht auf die Entpfändung des Waldes; bietet ihnen die volle Summe der Schuld und verlangt den Wald zurück, ohne Einschränkung, mitsamt dem Wildbann.«
»Damit wäre ich einverstanden, aber das wollen sie ja nicht.«
»Ihr habt das noch nicht versucht,« sagte Sidonie.
»Du kannst dich nicht in meine Lage hineindenken,« erwiderte Juliane. »Sie würden glauben, es wäre mir wundergroß um ihre Freundschaft zu tun.«
»Nach dem Empfange, den die beiden Junker neulich hier gefunden haben, werden sie schwerlich auf den Gedanken kommen,« versetzte Sidonie.
»Habe ich sie denn etwa unfreundlich behandelt?«
»Man sollt' es meinen!« lachte Sidonie. »Mir lief es manchmal heiß und kalt über bei dem, was Ihr ihnen anzuhören gabt. Wie herb und abstoßend wart Ihr auch gegen Ernst, der doch an dem Zerwürfnis so unschuldig ist wie ich!«
»Er ist auch ein Landschad!«
»Aber ein echt ritterlicher, höfisch erzogener Junker von gar feinem Benehmen und adligem Sinn, immer heiter, immer liebenswürdig und gefällig.«
»Du sprichst ja sehr warm für deinen Vetter Ernst!«
»Und das mit allem Fug!« bekräftigte Sidonie. »Jeder Mensch kann verlangen, daß man seine Vorzüge anerkennt und seine Tugenden rühmt, und an Ernst Landschad ist vieles zu rühmen.«
»Sidonie!« rief Juliane, und ihr Gesicht klärte sich plötzlich hell auf, »jetzt weiß ich, warum ich mit den Landschaden Frieden machen soll.«
»Wirklich? hab' ich Euch überzeugt?« frohlockte Sidonie.
»Ja, du hast mich überzeugt,« lachte Juliane. »Sidonie, du liebst Ernst! Ich soll ihnen Botschaft senden, damit sie wiederkommen und du ihn wiedersiehst. Und während ich mit Junker Hans um den Wildbann im Walde handle und feilsche, willst du Ernst in den Bann deines Herzens locken, falls er nicht schon darin ist, wie du in dem seinen.«
Sidonie war starr und zugleich innerlich auf's höchste belustigt über diesen köstlichen Mißgriff der älteren Freundin, den sie sofort zugunsten ihres Zweckes auszubeuten beschloß. Sie suchte deshalb ihre Antwort so einzurichten, daß sie nichts leugnete und nichts eingestand. Wer doch jetzt ein wenig erröten könnte! dachte sie, hatte aber den Farbenwechsel leider nicht in ihrer Gewalt.
»Nicht an mich habe ich dabei gedacht, sondern nur an Euch,« erwiderte sie ausweichend und mit einem gut gespielten verschämten Lächeln die Augen niederschlagend. »Wenn ich Euch aber zu einer Einigung mit den Landschaden von Nutzen sein kann, so bin ich gern bereit, meinen Einfluß, soweit er reicht, dabei geltend zu machen.«
»Du tätest wohl gar eine Fürbitte für mich bei Junker Ernst, daß er seinen Ohm Hans für mich gütig stimmt?« spöttelte Juliane.
»Wenn's nötig wäre, warum nicht?« lachte Sidonie; »aber dessen bedarf es nicht; Euer Wort wiegt schwerer als meines.«
Juliane sann einen Augenblick nach. Die Entdeckung, die sie soeben gemacht zu haben glaubte, und noch mehr Sidoniens Angriff auf ihre bisher den Landschaden gegenüber angenommene Haltung waren ihr durchaus nicht unwillkommen. Wenn sie jetzt nachgab und den sich um ihre Gunst Bemühenden die Wege glättete, so tat sie es nicht aus eigenem Antrieb und in einer sie bloßstellenden Weise, als bereute sie ihre frühere Ablehnung und strebte nun selber nach einer Aussöhnung, sondern dann geschah es aus Mitleid mit einem verliebten Mädchen, und weil sie zu einem Schritte überredet worden war, welchen zu tun ihr im Grunde willfähriges Herz nur auf einen Anstoß von außen gewartet hatte.
»Sidonie,« sagte sie, »ich möchte dir alles zuliebe tun, was ich vermag; aber daß ich die Verhandlung, die Junker Hans so kurzer Hand abbrach, nun meinerseits wieder anknüpfen soll, das ist ein Verlangen –«
»Er ersuchte Euch ja so freundlich darum, ihm Eure Entscheidung mitteilen zu lassen,« fiel ihr Sidonie schnell ins Wort, »und Ernst erbot sich so zuvorkommend, sie hier von Euch selber in Empfang nehmen zu wollen, daß Ihr schon aus Rücksichten der Höflichkeit gar nicht anders könnt, als die Junker zu einem zweiten Besuche hierher einzuladen.«
»Ich wüßte noch ein anderes Mittel, wie du dich mit Ernst bald wiedersehen könntest,« lächelte Juliane.
»Und das wäre?« frug Sidonie.
»Wenn du die Botschaft übernähmest, nach Neckarsteinach zu Herrn Bligger rittest und ihm meine Bedingungen überbrächtest. Willst du das tun?«
»Mit tausend Freuden!« jubelte Sidonie. »Morgen früh reite ich, und Richilde darf mich begleiten, nicht wahr?«
»Unter keinen Umständen!« erwiderte Juliane, »wo denkst du hin?! meine Tochter ungeladen in die Burg unserer Feinde? nimmermehr!«
»Es machte doch gleich einen viel besseren Eindruck,« sagte Sidonie, »und zeigte von einer besonderen Freundlichkeit gegen die beiden Frauen, wenn Richilde mitkäme als holde Vermittlerin im Ausgleich eines Zwistes, an dem sie selber keine Schuld und keinen Anteil hat. Sie würde dort sicher mit offenen Armen aufgenommen werden, und damit wäre die Versöhnung von euch allen samt und sonders so gut wie besiegelt.«
»Nein, das geschieht nicht,« erklärte Juliane. »Das wäre des Entgegenkommens doch zuviel; es ist schon alles mögliche, daß du als Botin von der Minneburghinüberreitest, was ich auch mehr dir zuliebe vorschlug, als – als aus irgendeinem anderen Grunde.«
»Nun, ich hoffe, das überlegt Ihr Euch noch bis morgen,« sprach Sidonie.
»Nein, darin machst du mich nicht wankend,« erwiderte Juliane. »Richilde mitten unter den Landschaden –«
»– wäre ihres Lebens keinen Augenblick sicher,« lachte Sidonie. »Nun, ich hafte für sie mit meinem Kopfe!«
»Siehe du zu, wie du den eigenen oben behältst; das Herz ist dir schon entwendet,« sagte Juliane.
»Seid ohne Sorge,« sprach Sidonie; »mit klarem Kopf und festem Herzen werde ich Ohm Bligger Eure Bedingungen kundgeben, das heißt, daß Ihr ihm das volle Lösegeld bietet und dafür den Wald von ihm zurückverlangt, ohne ihm auch nur einen Reiherschwanz, geschweige den ganzen Wildbann darin zu lassen. Ist's recht so?«
»Ja! Du mußt aber deinen Verwandten auch nicht verhehlen, daß ich mich nur auf dein dringendes, unablässiges Zureden entschlossen habe, ihnen Botschaft zu senden.«
»Nur auf mein kniefälliges Bitten und Flehen, das versteht sich!« lächelte Sidonie. »Aber wenn sie nun erklären, daß sie das mit Euch selber in Rück und Schick bringen und darum doch wieder herkommen müßten – ich meine die Junker Hans und Ernst, – dann darf ich sie doch in Eurem Namen willkommen heißen?«
»Willkommen heißen ist nicht gerade nötig,« erwiderte Juliane nicht ohne sichtliche Verlegenheit; »aber das Tor sollen sie offen finden, – deinetwegen, Sidonie! nur deinetwegen.«
»O ich kann Euch nicht sagen, wie dankbar ich Euch bin, liebste, beste Juliane!« frohlockte die Schelmin. »Morgen fliege ich als Friedensengel in die Burg Eurer Feinde, und wenn ich wiederkomme, lege ich Euch ein halbes Dutzend eroberter, in Liebe zu Euch brennender Herzen zu Füßen.« Übermütig umschlang und küßte sie Julianen und war wie der Wind zur Tür hinaus, um den Freundinnen entgegenzueilen und diesen ihren glänzenden Sieg zu verkünden.