Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Nach einem scharfen Ritte von der Reiherbuche nach Neckarsteinach langte Ernst auf schaumbedecktem Pferde in Burg Schadeck an und eilte sofort die Treppe hinauf in das Gemach seines verwundeten Oheims. Hier traf er seinen Vater und Engelhard von Hirschhorn, denen es nach vielem Zureden gelungen war, Hans ins Bett zu bringen. Da lag er nun mit nassen Umschlägen auf dem Kopfe, die ihm Williswinde von Zeit zu Zeit erneuern mußte, im übrigen aber ganz vergnügt und mit nur mäßigen Schmerzen.

Er hatte einen tüchtigen, zum Glück noch halb abgefangenen Hieb bekommen, der ihn jedoch nicht sofort kampfunfähig gemacht, dagegen so geärgert hatte, daß er mit dem nächsten gewaltigen Streiche seinen Gegner zu Boden gestreckt hatte. Isaak Zachäus hatte auch ihm einen leichten Verband angelegt, aber während des schnellen Rittes nach Hause war ein ziemlich starker Blutverlust eingetreten.

Hans begrüßte den Neffen aufs freundlichste, versicherte ihn scherzend der Leichtigkeit seiner Verwundung und ersuchte ihn, bei ihm zu bleiben und ihm mit Späßen und Erzählungen die Zeit zu vertreiben, wozu Ernst mit Freuden bereit war.

Bligger und Engelhard ließen die beiden allein und gingen nach der Mittelburg, wohin sie Konrad beschieden, um diesen und Katharina, die bei Engelhards Ankunft nur die nackte Tatsache und nichts weiter erfahren hatte, von dem Vorgefallenen näher zu unterrichten.

Auf dem Wege dahin gab Engelhard seinem Freunde Bligger Auskunft über die Veranlassung des Zweikampfes, so wie sie ihm Hans auf dem Heimritt von der Schmiedeschenke gebeichtet hatte.

»Die Hauptsache ist: er hat sich für Juliane geschlagen!« sagte Bligger nach Anhörung von Engelhards Bericht, »und zwar mit seinem Nebenbuhler geschlagen. Das ist nicht nur das sicherste Zeichen, daß er sie liebt, sondern zugleich die größte Huldigung, die er ihr beweisen konnte, und für die sie ihm ihren Dank, ich möchte sagen ihre Hand geradezu schuldig ist.«

»Daß er Juliane liebt, glaube ich jetzt selber,« sprach Engelhard; »aber heiraten will er sie doch nicht. Ich habe ihn, als er bei mir war und wir beim Weine saßen, darauf gebracht und ihm gut zugeredet; aber er wies es entschieden zurück und wurde gleich so schrecklich grob, daß ich kein Wort mehr sagen durfte.«

»Tut nichts,« lachte Bligger. »Wenn er sie nicht heiratet, so heiratet sie ihn. Sie muß es nur sobald wie möglich erfahren, daß er sich für sie geschlagen hat. Das wäre wieder so ein Auftrag für Sidonie,« fügte er wie mit sich selbst redend hinzu; »oder auch Ernst könnte hinreiten und es ihr wie ganz beiläufig mitteilen. Ich möchte nur dabei sein, um zu sehen, welche Wirkung die Nachricht auf sie macht; man müßte ihr Hansens Verwundung als recht gefährlich darstellen.«

»Das könnte ich ja besorgen,« sprach Engelhard. »Dann wissen wir gleich, wie es wirkt.«

»Mir ist's recht,« erwiderte Bligger, »übernimm du es, und je eher, je besser! denn wir erwarten sie jeden Tag; sie hat uns durch Hans ihren Besuch versprochen. Wenn sie nun von dem Zweikampf und Hansens Verwundung hört und kommt den nächsten Tag darauf angesaust, dann ist's richtig.« Und er schlug in die Hände und strich sich den Bart, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn etwas besonders erfreute.

Als die beiden Ritter nun Katharina und Konrad in das Tatsächliche und ihre Gedanken darüber einweihten, fanden sie bei diesen volle Übereinstimmung mit ihrer Auffassung von der Lage der Dinge, und alle gaben sich einer hoffnungsvollen Freude darüber hin, die sie sich nicht enthalten konnten, mit einem fröhlichen Trunk auf Hansens baldige Genesung zu feiern.

Ernst blieb mehrere Stunden lang bei dem Verwundeten; doch über die wahre Veranlassung des Zweikampfes wollte Hans trotz allen Fragen und Bitten Ernsts nicht mit der Sprache heraus, was den letzteren so verdroß, daß er dem Oheim nun auch nicht das Geständnis seiner Verlobung mit Richilden ablegen mochte, wie sehr es ihm auch auf der Zunge brannte.

Am Spätnachmittag sagte Hans: »Weißt du was, Ernst? Du könntest mir den Joseph holen, daß er mit mir Schach spielt; ich langweile mich fürchterlich.«

»Du langweilst dich mit mir?« lachte Ernst, nicht sonderlich geschmeichelt von dieser Bemerkung. »Willst du nicht mit mir Schach spielen?«

»Nein!« erwiderte Hans entschieden; »der Joseph spielt viel besser als du. Geh' nur und hole ihn; aber du darfst nicht zusehen, sonst macht er wieder Fehler über Fehler.«

Ernst gehorchte und war weder gekränkt noch unfroh darüber, nach alle dem Erlebten heut' endlich sich selberüberlassen zu sein und seinen Erinnerungen und Gedanken nachhängen zu können.

Er ging zur Mittelburg und geradeswegs in Josephs Zimmer. Ehe er aber ganz eingetreten war, prallte er fast zurück vor dem unerwarteten Anblick, der sich ihm darbot. In dem Gemache stand ein schönes Fräulein, eine stattliche Dame, die sich lächelnd vor ihm verneigte. Es war Josephine in vollständig weiblicher Kleidung.

»Josephine!« rief er, brachte aber vor Überraschung nichts weiter heraus und wußte nicht, ob er Fräulein, ob er Ihr oder du sagen sollte.

»Tretet näher, Junker Ernst!« sagte sie mit einer anmutigen Handbewegung.

»Josephine!« sprach er noch einmal, »welche Unvorsichtigkeit!«

»Daß ich die Tür nicht verriegelte?« frug sie mit einem schelmischen Blick. »Da habt Ihr Recht. Wäret Ihr einen Hahnenschrei früher gekommen, hättet Ihr mich bös überrascht; in diesem Augenblick erst bin ich mit meiner Verwandlung fertig geworden.«

Sie war ein ganz anderes Wesen, größer, reifer und vor allem schöner, als in der bisherigen Jünglingstracht. Das ihre herrliche Büste nicht neidisch verhüllende dunkelgelbe Kleid war von einer veilchenblauen Sammetborte umsäumt, die den Schmelz ihrer warmblütigen Hautfarbe glänzend hervorhob. Auf dem bloßen Halse wirkte der Kopf und das blühende Antlitz mit den dunklen Augen weit anziehender und bedeutender, und die ganze Gestalt war von einem jungfräulich üppigen Liebreiz umflossen, der auf Ernst einen tieferen Eindruck machte, als er sich selber eingestehen mochte.

»Jetzt begreif' ich es noch besser,« sprach er sie mit staunendem Entzücken betrachtend, »warum dein Vaternicht will, daß du dich auf euren Wanderungen in Frauenkleidern zeigst.«

Ihr glühten die Wangen, aber weniger vor Beschämung über das Lob ihrer Schönheit, das in seinen Worten lag, als vor Freude und Genugtuung über das Gelingen ihrer Absicht. Denn sie hatte sich nur darum weiblich gekleidet, um ihn zu versuchen, und als sie sah, wie ihre verwandelte Erscheinung seine Sinne befing, wallte es heiß in ihr auf, und ihre weiße Brust wogte.

»Ich sagte Euch einmal, daß ich auch Frauengewänder bei mir hätte,« sprach sie verführerisch lächelnd. »Ich trage sie jedoch nur, wenn ich mit meinem Vater in stiller Zurückgezogenheit hinter Schloß und Riegel einen Feiertag begehe. Dazu lege ich dann auch Hals- und Armbänder an, denn schöne Kleidung und Juwelen für mich ist das einzige, womit mein Vater nicht kargt; aber Ihr ließet mir ja nicht Zeit, mich zu schmücken.«

»Du brauchst nicht Gold und blitzende Steine auf diesem Halse und an diesen Armen; du bist auch ohne das zauberschön!« entfuhr es Ernst. »Habt ihr heut' einen Feiertag?«

»Das nicht,« erwiderte sie, »aber ich habe die Mummerei satt, und so lange ich hier auf Eures Vaters Burg bleibe, werde ich fortan stets Frauenkleider tragen. Ich bin ja hier vor jeder Anfechtung sicher,« fügte sie halb schalkhaft, halb bitter hinzu.

»Weißt du das so gewiß, Josephine?« sprach er mit einem vollen Blick in ihr Gesicht.

»Bis heute glaubt' ich es, Junker Ernst,« hauchte sie und senkte das Haupt.

»Und heute nicht mehr?« Er ergriff ihre Hand und legte seine andere Hand auf ihre Schulter. Sie zitterte stark, und ihr Atem ging.

»Josephine,« sprach er leise, »du bist sehr schön, und du weißt es, daß du schön bist, am schönsten in derTracht, die dir gebührt. Hast du sie nicht darum angelegt?«

Er fühlte einen sanften Druck ihrer Hand. Dann erhob sie die Augen zu ihm und sah ihn eine Weile schweigend an. In dem Blicke lag eine Welt voll Leidenschaft und hingebender Liebe.

Er stand und rührte sich nicht; ihr Blick prallte machtlos an ihm ab. »Hast du es mir zuliebe getan, Josephine?« lächelte er.

Ein leiser Spott klang ihr aus der Frage entgegen. Sie zuckte mit den Brauen und entzog ihm schnell ihre Hand. »Euch zuliebe? o nein, Junker Ernst!« erwiderte sie stolz. »Ich habe noch einen anderen Grund außer dem, den ich Euch schon sagte. Die drei Fräulein von der Minneburg haben mich als Mädchen erkannt.«

Er erschrak. »Und du hast es ihnen eingestanden?«

»Ich konnte nicht anders. Als Ihr noch einmal zurückkamt und mir die Bestellung an sie auftrugt, hatte ich meinen Rock abgestreift und nahm mir nicht Zeit, ihn wieder anzuziehen, um nur die Fräulein noch schnell einzuholen; da sahen sie's mir an, daß ich kein Mann bin.«

»Das ist mir nicht lieb,« sprach er unmutig. »Ich nannte dich Joseph und meinen Freund.«

»Und das war den vornehmen Fräulein gegenüber der Ehre zuviel für ein Judenmädchen, nicht wahr?«

»Josephine!« entgegnete er vorwurfsvoll, »ich denke, ich gab dir Beweise meiner Freundschaft. Übrigens – fast hätte ich es über deinem Anblick vergessen – Ohm Hans erwartet dich zum Schachspiel. Ich bitte dich, geh zu ihm und vertreibe ihm die Zeit; überzeuge dich auch, ob Williswinde die Umschläge richtig macht. Dein Vater ist nicht hier, aber du sagtest mir, du hättest ihm bei der Pflege Verwundeter manches abgesehen.«

»Kommt Ihr auch mit zu dem Schachspiel?« frug sie schnell mit einem Augenaufblitz.

»Ich komme vielleicht später nach. Aber was sagst du den Meinigen, wenn sie dich nun als Mädchen sehen?«

»Die Wahrheit,« erwiderte sie; »also den Willen und die Gründe meines Vaters und was ich Euch sonst darüber gesagt habe. Ich gehe jetzt zu Junker Hans und werde ihn pflegen, so gut ich vermag.« Sie warf ein dunkles Tuch über die Schultern und verließ das Gemach.

Er folgte und sah ihr, wie die volle, schmiegsame Gestalt vor ihm dahinschwebte, kopfschüttelnd nach.

Als sie bei Hans eintrat, richtete sich dieser im Bette auf und blickte die Fremde verwundert an.

»Verzeiht, Junker Hans!« lächelte sie, »der Joseph ist nicht zu finden, aber Schach spielen kann die Josephine auch.«

»Was? Du? ein Mädchen? oh! das ist über alle Maßen lustig!« rief Hans.

»Was? Du? ein Mädchen? oh! das ist über alle Maßen lustig!« rief Hans.

»Was? du? ein Mädchen? oh! das ist über alle Maßen lustig!« rief Hans. »Also darum wolltest du hier den langen Rock nicht ausziehen, und darum wolltest du nicht –, oder vielmehr wollte er nicht, der Tor, der Ernst –, oh! oh!« und er warf sich in die Kissen zurück und lachte unbändig.

»Ruhig! ruhig, Junker Hans!« sprach sie errötend, »so heftig dürft Ihr Euch nicht gebärden. Haltet jetzt still und laßt mich Eure Wunde untersuchen; ich verstehe mich ein wenig darauf.«

Mit leichten, weichen Händen nahm sie den Verband ab, kühlte ihn in dem bereitstehenden Wasser und legte ihn wieder auf.

»Ich hoffe, es hat nicht viel zu sagen,« meinte sie; »aber Ihr müßt Euch ruhig verhalten.«

»Gar nichts, gar nichts zu sagen!« erwiderte er in bester Laune; »es ist ja nicht der erste Hieb, den ich inmeinem Leben abgekriegt habe. Und nun, schönste Josephine, rücke das Tischlein heran und hole das Schachbrett! Dort hängt es an der Wand; wirst du es auch heben können? es ist sehr schwer.«

Sie legte ihr Tuch ab und tat alles, was er ihr geheißen hatte. Er folgte mit den Augen ihren kräftig anmutigen Bewegungen, und als sie sich mit dem Tisch und dem Schachbrett zu ihm setzte und die Figuren aufzustellen begann, betrachtete er sie mit neugierigen Blicken und sagte: »Kreuzhageldonnerschlag! würde Bligger sagen, bist du schön, Mädchen! Der Ernst ist ein Fuchs, ein ganz durchtriebener Fuchs!«

»Zieht an, Junker Hans!« lächelte sie geschmeichelt.

Bald waren sie in das Spiel vertieft und wechselten selten ein Wort zwischen den Zügen. Einmal sagte Hans: »Die Josephine spielt noch besser, als der Joseph.« Und ein andermal fuhr er mit der Hand sanft über den bloßen Nacken und sprach: »Wie kann man nur so schön sein und so gut Schach spielen!«

Sie bog sich zurück und drohte: »Junker Hans, soll ich gehen und den Joseph schicken?«

»Den Joseph mit dem langen Klosterrocke? nein, nein! sein Schwesterlein ist mir lieber,« lachte er.

Als sie schon eine geraume Weile gespielt hatten, begann es zu dämmern, denn das Gemach hatte nur schmale Fenster. »Hole Licht!« bat er, »wir können nicht mehr sehen.«

Sie ging hinaus und als sie mit zwei brennenden Kerzen zurückkam, lag er ausgestreckt und blinzelte in das Licht.

»Wollt Ihr schlafen?« frug sie.

»Nein, nein! nur ein wenig ausruhen,« erwiderte er. »Der Kopf fängt mir an zu brummen.«

»Dann dürfen wir nicht weiterspielen,« entschied sie.

»O doch, warte nur ein wenig, es wird vorübergehen,« sprach er müde.

Aber er schloß die Augen und schien einzuschlafen.

Bald darauf begann er im Traume zu reden: »Ist er tot? – Der Schlag traf!« Dann schrak er auf, starrte Josephine mit gläsernen Augen an und sagte: »Du hier? das ist gut. Nun sage du mir, welche von beiden die Schönste ist.«

»Welche beiden meint Ihr, Junker Hans?« frug Josephine.

»Nun, du weißt doch: Juliane oder Richilde. Aber warum nennst du mich denn Ihr und Junker Hans? ich bin doch dein Oheim, Sidonie.«

Josephine merkte sofort, daß er Wundfieber hatte und sie für seine Nichte Sidonie von Hirschhorn hielt.

»Du hast recht, Ohm Hans; ich versprach mich nur,« sagte sie, auf seine Wahnvorstellung eingehend. »Juliane ist die Schönste, mein' ich.«

»Siehst du, das mein' ich auch, aber Ernst sagt – Ach, Sidonie, du hast so rote Lippen, dein Kuß im Walde war süß. Juliane hat mich nicht geküßt; nur einmal, einmal, das ist lange her. Sidonie, glaubst du, daß sie mich liebt?«

»Gewiß, Ohm Hans, sie liebt dich; glaube mir, ich weiß es,« suchte ihn Josephine zu beruhigen.

»O Sidonie! ich will dir's nur gestehen, ich liebe sie auch, ich liebe sie viel, viel mehr, als ich sagen kann. Aber es darf es keiner wissen. Du bist verschwiegen, Sidonie! nicht wahr? sag' es ihr nicht, daß ich sie liebe, sonst muß ich sie heiraten, und das will ich nicht. Alles, alles, nur nicht heiraten.«

»Nein, Ohm Hans, du brauchst sie nicht zu heiraten,« sprach Josephine.

»Ja, aber wenn sie mich liebt, – was soll ich denn sagen? daß ich sie auch liebe? nein, nein! sie darf esnicht wissen. Wenn nur Bödigheim erst tot wäre! der heiratet sie gleich, und das soll er nicht, das soll er nicht! sonst schlag' ich ihn noch einmal tot, nur aus Liebe. O meine Juliane! Du bist doch die Schönste!« Er sank matt in die Kissen zurück, murmelte noch Unverständliches und schlief ein.

Nun wußte Josephine das Geheimnis seiner Liebe und saß und sann, was sie damit anfangen sollte; aber sie kam zu keinem anderen Entschlusse, als zu dem, es vorläufig vor jedermann zu verschweigen. Als sie sich überzeugt hatte, daß er fest eingeschlafen war, schlich sie hinaus und hieß Williswinde zu Bett gehen, sie selber würde die Nacht bei dem Kranken wachen. Dann setzte sie sich wieder in Hansens bequemen Lehnstuhl, beobachtete die Atemzüge des Schlummernden, erneuerte die nassen Umschläge auf seiner Stirn, ohne daß er davon erwachte, und fühlte nach seinem Puls. Das Fieber war nicht stark; die gesunde Natur des abgehärteten Mannes schien sich selber zu helfen und die Gefahr in einem tiefen Schlafe zu besiegen.

Draußen über Berg und Tal brütete die warme Sommernacht, matt erhellt vom ersten Viertel des zunehmenden Mondes. Josephine öffnete ein Fenster und lehnte sich hinaus, um die milde, würzige Luft zu genießen, die auch ihrem Pflegebefohlenen nur gut tun konnte. In senkrechter Steile fiel der Fels, auf dem die Burg über dem Abgrund hing, zur Tiefe, und unten auf den Wellen des Neckars flimmerte das Mondlicht. Josephine blickte hinab und wieder hinauf zum wolkenlosen, gestirnten Himmel, und ein Seufzer hob ihre sehnsuchterfüllte Brust. Da blitzte im Osten eine Sternschnuppe auf und erlöschte nach kurzem Fluge. Josephine sah es und fuhr unwillkürlich zusammen. Sie hatte gerade etwas gedacht, etwas gewünscht, auf dessenErfüllung sie schon seit ein paar Stunden wartete und das so leicht zu erfüllen gewesen wäre. Sie lauschte in die Nacht hinaus, ob nach dem deutungsvollen Himmelszeichen die Erfüllung nicht nahte. Jetzt schlug im Burghof ein Hund an, aber ob im Tore die Pforte ging, konnte sie nicht hören. Sie trat in das Zimmer zurück und warf einen prüfenden Blick auf den Schlummernden. Hans lag fest, wie von einem Schlaftrunk betäubt, ihn hätte nichts geweckt. Sie horchte an der Tür, ob niemand die Treppe hinaufkäme. Aber wie sehr sie auch ihr Gehör anstrengte, alles war still in der Burg, nichts regte sich, niemand kam; sie blieb einsam und allein.

Als Hans am Morgen gestärkt und fieberfrei erwachte, fand er sich allein und mußte sich besinnen, was er geträumt hatte: von Sidonien und von Joseph, der in Frauenkleidern zu ihm gekommen war und mit ihm Schach gespielt hatte. Aber das Schachbrett hing an seinem gewohnten Platz an der Wand, und der Kasten mit den Figuren stand, wo er immer stand, auf dem kleinen Tische dort im Winkel.

Im Laufe des Tages erhielt er öfter Besuch von seinen Brüdern und Ernst, und alle freuten sich, ihn seiner Genesung entgegenschreiten zu sehen.

Als Ernst nachmittags von einem solchen Besuche zurückkehrte, begegnete ihm ein Bauersmann, den er nicht kannte, der aber ihn kannte, denn er redete ihn bei seinem Namen an und übergab ihm einen Brief, den er von Laux Rapp zur Bestellung an den Junker Ernst erhalten haben wollte.

Ernst erbrach den Brief und las. Aber sein Gesicht entfärbte sich immer mehr und mehr, je weiter er mit dem Lesen kam.

Der Brief war von Sidonien und lautete folgendermaßen:

Lieber Vetter Ernst!Nichts Erfreuliches habe ich dir zu melden. Frau Julianens versöhnliche Stimmung ist plötzlich in das Gegenteil umgeschlagen. Den Gedanken an eine Verbindung zwischen dir und Richilde weist sie als eine vollkommene Unmöglichkeit zurück, weil du ein Landschad bist. Denn sie haßt euch allesamt jetzt so maßlos, wie sie euch noch nie gehaßt hat, läßt euch absagen, will keinen von euch sehen, auch dich und Ohm Hans nicht, und will Zeit ihres Lebens eure Feindin sein. Den Grund will sie nicht sagen, und ich mühe mich vergeblich ab, ihn zu erraten. Sie hat die Burg nicht verlassen, und es ist auch niemand bei ihr gewesen, als Frau Elisabeth von Erlickheim, wie ich von den Burgleuten erfahren habe. Von Ohm Hansens Zweikampf haben wir nichts gesagt. Sie schließt sich ganz von uns Mädchen ab; wir haben also volle Freiheit zu gehen oder zu reiten, wohin wir wollen. Komm übermorgen nachmittag zur Schmiedeschenke, wo wir dich erwarten werden, um uns mit dir zu beraten. Richilde ist dir treu und sendet dir tausend schmerzensvolle Grüße.Sidonie.«

Lieber Vetter Ernst!

Nichts Erfreuliches habe ich dir zu melden. Frau Julianens versöhnliche Stimmung ist plötzlich in das Gegenteil umgeschlagen. Den Gedanken an eine Verbindung zwischen dir und Richilde weist sie als eine vollkommene Unmöglichkeit zurück, weil du ein Landschad bist. Denn sie haßt euch allesamt jetzt so maßlos, wie sie euch noch nie gehaßt hat, läßt euch absagen, will keinen von euch sehen, auch dich und Ohm Hans nicht, und will Zeit ihres Lebens eure Feindin sein. Den Grund will sie nicht sagen, und ich mühe mich vergeblich ab, ihn zu erraten. Sie hat die Burg nicht verlassen, und es ist auch niemand bei ihr gewesen, als Frau Elisabeth von Erlickheim, wie ich von den Burgleuten erfahren habe. Von Ohm Hansens Zweikampf haben wir nichts gesagt. Sie schließt sich ganz von uns Mädchen ab; wir haben also volle Freiheit zu gehen oder zu reiten, wohin wir wollen. Komm übermorgen nachmittag zur Schmiedeschenke, wo wir dich erwarten werden, um uns mit dir zu beraten. Richilde ist dir treu und sendet dir tausend schmerzensvolle Grüße.

Sidonie.«

Ernst war auf's tiefste erschrocken und starrte, als er längst zu Ende gelesen hatte, noch immer in den Brief, als verstünde er weder die Worte noch deren Sinn. Dann begab er sich wie im Traume wandelnd nach Hause und suchte seinen Vater auf, um diesem die Unheilskunde mitzuteilen. Dabei bedachte er in seiner Bestürzung nicht, daß er dann auch sein Verlöbnis mit Richilde gestehen müßte, infolgedessen er ja die Nachricht von Sidonien erhalten hatte.

Er traf seinen Vater allein im Gemach, und dieser empfing den ganz Verstörten mit den Worten: »Wie siehst du denn aus? Hat Ohm Hans einen Rückfall bekommen?«

»Vater,« stammelte Ernst, »Frau Rüdt von Kollenberg sagt uns ab!«

»Was? daß sie nicht kommen will?« frug Bligger.

»Nein, nein! sie sagt uns ganz ab, sie haßt uns allesamt wie nie zuvor und will Zeit Lebens unsere Feindin sein.«

Bligger sah seinen Sohn groß an, ob er bei Sinnen wäre. Dann sprach er: »Weißt du auch, was du eben gesagt hast?«

»Ganz genau, Vater« erwiderte Ernst, »ich wollte selber, ich hätte es geträumt.«

»Woher hast du die Nachricht?«

»Sidonie schreibt mir's.«

»Und der Grund dieser erneuten Feindschaft?«

»Den kann sich Sidonie nicht erklären, und Frau Juliane will ihn nicht sagen.«

»Wo ist der Brief?« frug Bligger und streckte schon die Hand danach aus, obwohl ihn Ernst noch wohlgeborgen in der Tasche trug.

Ernst wurde sehr verlegen. »Ich will dir den Brief wohl zeigen, Vater,« sagte er, »aber vorher muß ich dir etwas mitteilen, was du unter anderen Umständen einen oder zwei Tage später erfahren haben würdest. – Ich liebe Richilde und sie mich auch, und wir haben uns Treue gelobt, aber Frau Juliane weist mich ab, und darum schreibt mir Sidonie.« Währenddem hatte er Sidoniens Brief hervorgeholt und reichte ihn seinem Vater.

»Es ist gut, mein Sohn!« erwiderte Bligger, »ich segne deine Wahl und helfe dir, die Braut zu gewinnen.«

In Ernsts Augen blitzte ein Strahl der Hoffnung auf.

Bligger aber las den Brief.

»Aha! Elisabeth von Erlickheim!« rief er aus, alser soweit gekommen war. Dann las er schweigend zu Ende und gab das Schreiben seinem Sohne zurück.

Im Zimmer auf und nieder schreitend sprach er in abgerissenen Sätzen halb zu Ernst, halb zu sich selber: »Elisabeth ist Bödigheims Schwester. Aber wie hat sie's nur so schnell erfahren? – Halt! Lauffen! ja, ja, das ist so ein Freundschaftsstückchen von unserem lieben Gaugrafen. Er hat nicht, wie er vorgab, den Schwerverwundeten nach Dauchstein begleitet, sondern ist nach Stolzeneck getrabt, hat es Erlickheims erzählt, daß Hans den Bödigheim niedergestreckt hat; Elisabeth, in der Wut über das Unglück ihres Bruders, hat es sofort Julianen hinterbracht, und Engelhard kommt nun mit der Nachricht zu spät. – Aber Kreuzhageldonnerschlag! wenn uns Juliane darum absagt, dann liebt sie ja nicht Hans, sondern den Dauchsteiner! – Hm! hm! was nun? – Ernst!« wandte er sich, vor seinem Sohn stehenbleibend, zu diesem, »ich muß dir auch etwas anvertrauen, was du aber vor jedermann streng zu verschweigen hast, auch vor Ohm Hans. Kann ich mich darauf verlassen?«

»Unbedingt, Vater!«

»Also höre! Wir hatten gehofft und hoffen es noch, daß sich Ohm Hans mit Frau Juliane ehelich verbinden würde, und glaubten schon, daß sie sich beide liebten.«

Ernst schüttelte den Kopf und sagte: »Das glaube ich nicht, Vater. Als ich Ohm Hans einmal von meiner Liebe zu Richilde sprach, wurde er fuchswild und schilderte mir das Eheleben als die Hölle auf Erden.«

»So! hm!« machte Bligger, »also immer noch die alte Litanei!« Dann machte er wieder ein paar Schritte auf und ab, blieb wieder stehen und sprach: »Ernst, du reitest übermorgen nachmittag nach der Schmiedeschenke und siehst zu, was du über den Umschlag inFrau Julianens Stimmung aus den Mädchen herauskriegen kannst. Ich hoffe trotz allem, daß wir die Sache noch in Ordnung bringen, auch die deinige.«

»Ich werde tun, was du begehrst, Vater,« sprach Ernst und ging halbwegs getröstet hinaus. Aber in seinem Herzen saß neben der Sehnsucht die Sorge und trieb ihn an, über Entschlüssen und Plänen zu brüten, wie er sich mit eigener Kraft zu seinem Glücke verhelfen könnte.

Nach ihm verließ auch Bligger das Gemach, um Frau Katharina in alles einzuweihen. Beim Hinausschreiten brummte er in den Bart: »Hat mich der Jude mit Julianens Horoskop betrogen, so laß ich ihn baumeln!«


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