Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

In den Klostergarten schien der Mond und sandte sein bläulich silbernes Licht auch in die eine Hälfte des Kreuzganges hinein, daß sich die Schatten der Rundbögen mit den kleinen Säulen und zierlichen Kapitälen auf den hellen Steinplatten des Fußbodens zeichneten, indessen die andere Hälfte eine traumhafte Dämmerung umfing.

Jetzt tönte das Läuten einer Glocke durch die Stille der Nacht, schallte eine Zeitlang in gleichmäßigen Schwingungen von der Höhe des Turmes herab und verstummte wieder. Gleich darauf vernahm man im Kloster ein gedämpftes Stimmengemurmel und ein zögerndes Gehen, das beides allmählich verhallte und sich in der Ferne verlor; hier und da klappte eine Tür, schloß sich ein Fenster, und die letzten Lichter verlöschten. Dann war ringsumher so tiefe Ruhe, als würden diese weitläufigen Gebäude von keinem lebenden Wesen bewohnt.

Geraume Weile wurde diese vollkommene Stille durch nichts unterbrochen. Das Mondlicht lag auf den Dächern und hing an den grauen Steinwänden mit einer schweigsamen Feierlichkeit, die keine Störung vertrug und keine andere Wirkung, als die von Licht und Schatten neben sich aufkommen ließ.

Aber nicht lange sollte es so bleiben. Bald schien es, als ob sich im Kreuzgang etwas Dunkles bewegte, an der Mauer entlang gespenstisch dahin schwebte und auf dem Wege zur Kirche in der Dämmerung verschwand. Dann kam etwas mit leichten, leisen Tritten eine Treppe herab, und in dem der Stelle der ersten Erscheinung gegenüberliegenden Teile des Kreuzganges zeigte sich eine schwarze Mönchsgestalt. Der ganz Vermummte blickte nach rechts und nach links, scheu und unschlüssig, nach welcher Seite er sich wenden sollte. Auch er wandelte endlich langsam, schleichenden Fußes der Kirche zu, blieb manchmal stehen, lauschte und spähte umher, schritt dann weiter bis zur Biegung des Kreuzganges, wo er plötzlich wie gebannt anhielt. Dort auf der Bank in der Mitte dieses Ganges sah er eine andere schwarze Gestalt sitzen, gleichfalls bis über das Haupt verhüllt, die sich nicht regte, aber dem zuletzt Gekommenen das Antlitz zukehrte und ihn zu erwarten schien. So blickte jeder den anderen schweigend an, ohne dessen Gesicht und Augen sehen zu können. Dann näherte sich der stehende Mönch dem sitzenden; dieser breitete die Arme aus, und sich erhebend umfing er jenen, der sich selber rasch an seine Brust warf. Ein Aufschrei, – und schnell suchte sich der Umschlungene aus den Armen des ihn Haltenden zu befreien. »Das ist Richilde nicht!« sprach der letztere betroffen.

»Laßt mich los, oder ich rufe um Hilfe!« drohte der andere in seiner Angst.

»Juliane!!« – eine ganze Stufenleiter von Tönen drückte beim Nennen dieses Namens das höchste, überraschteste Staunen des Sprechers aus.

»O abscheulich! eine Falle!« rief Juliane voller Entrüstung.

»In die ich auch gegangen bin,« sagte Hans ebenso bestürzt. »Ich erwartete hier Eure Tochter Richilde.«

»Ich auch,« erwiderte Juliane, fast noch atemlos vor Schreck.

»Ihr auch?« frug Hans.

»Wollt Ihr noch unschuldig und verwundert tun?« zischte sie. »Ihr habt mich durch Sidonie hierher locken lassen unter der Vorspiegelung, Richilde wollte mich um Verzeihung bitten. Gesteht es!«

»Ich Euch hergelockt?« sprach Hans. »Nein, bei Gott nicht! Auch mich hat Sidonie herbestellt mit dem Vorgeben, Fräulein Richilde wünschte mich hier zu sprechen.«

»Sidonie! und immer Sidonie! – O sie soll es büßen, die über alle Maßen Kecke!« zürnte Juliane, eine Bewegung zum Rückzug machend.

»Bleibt hier, Juliane!« bat Hans und streifte die Kapuze zurück, daß sein Kopf frei wurde. »Wir haben uns lange nicht gesprochen; kommt! setzt Euch zu mir; ich muß Euch fragen, was Ihr gegen mich habt. Wir schieden zuletzt auf der Minneburg als gute Freunde, und nun seid Ihr gegen mich kalt, abweisend, schnöde, als hätte ich Euch schwer beleidigt. An der Entführung Eurer Tochter bin ich so unschuldig wie Ihr. Sagt mir: was ist vorgefallen? was habe ich Euch getan?«

»Das wagt Ihr noch zu fragen?« herrschte sie ihn an, doch immer im Flüsterton sprechend. »Nun, so vernehmt und sinkt vor Scham in den Boden: ich kenne das Recht der Hagestolze und weiß, was Ihr damit gegen mich im Sinn habt!«

»Das Recht der Hagestolze?« wiederholte Hans befremdet und langsam, »was ist das? Ich bin freilich ein armer Hagestolz und habe, Gott sei Dank! wenig Pflichten; aber daß ich als solcher auch ein Recht hätte, hab' ich bislang noch nicht gewußt. Klärt mich darüber auf, liebste Freundin, damit ich imstande bin, mein Recht wahrzunehmen.« Er setzte sich auf die Bank undlud sie noch einmal mit einer Handbewegung ein, neben ihm Platz zu nehmen.

Sie blieb jedoch vor ihm stehen und sagte gereizt: »Junker Hans Landschad, glaubt nicht, Euren Spott mit mit treiben zu können! Ich frage Euch jetzt auf Euer Ritterwort: Wißt Ihr nichts vom Recht der Hagestolze? wißt Ihr nicht, welchen Plan man gegen mich geschmiedet hat, um mich – oh, ich bringe es nicht über die Lippen.«

»Auf mein Ritterwort, Juliane! ich weiß nichts von alledem; ich verstehe nicht, ich ahne nicht einmal, was Ihr meint und wo Ihr damit hinaus wollt,« entgegnete er tief erregt.

Ehe er ausgeredet hatte, saß sie neben ihm und starrte ihn regungslos, wortlos an.

»Sollte sich aber irgend jemand unterstehen,« fuhr er immer heftiger werdend fort, »es sei, wer es sei, Euch mit Plänen und Absichten zu nahe zu treten, die Euch im mindesten unangenehm wären, so soll er meinen Arm zu fühlen bekommen, so wahr ich Hans Landschad heiße! Genügt Euch das?«

»Ja! ja!« sagte sie bloß, aber ihre Stimme bebte, als würde sie von Tränen erstickt. Sie ergriff seine Hand und drückte sie mit aller Kraft und hielt sie fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Die Kapuze war ihr vom Haupte gefallen; in ihrem Busen stürmte und wogte es, und es gelang ihr nicht, ihre gewaltige Bewegung vor ihm zu verbergen.

»Juliane, was ist Euch?« frug er erschrocken. »Ihr zittert; was ist geschehen? ich bitte Euch, erklärt mir –«

»Man hat Euch verleumdet,« stieß sie heraus, »und ich – ich habe Euch viel abzubitten, Hans Landschad! jetzt könnte ich selber vor Scham in den Boden sinken,aber sagen – kann ich Euch nichts.« Ihr Atem ging hörbar, und es klang wie unterdrücktes Schluchzen. Unwillkürlich lehnte sie ihr Haupt an seine Schulter, als müßte sie Halt und Stütze an ihm suchen.

Da schlang er den Arm um sie und zog sie näher und näher; sie ließ es geschehen, schmiegte sich, preßte sich an ihn, hob ihr Antlitz zu ihm empor, und lange, lange ruhte sein Mund auf ihrem Munde. Dann flüsterte er: »Juliane! Juliane! – und wenn diese Mauern über uns zusammenbrächen und uns unter ihrem Schutte begrüben, ich muß es sagen, ich kann nicht anders. Juliane, – ich liebe dich! ich liebe dich vieltausendmal mehr, als mein Leben, und wenn du nicht mein wirst –« Er konnte nicht weiter sprechen.

»Dein! – dein!« stammelte sie, umhalste und küßte ihn, als wollte sie seine Seele bis auf den letzten Hauch in ihre Seele ziehen. Dann blickte sie ihm nahe, tief in die Augen, und das blühende, lächelnde Frauengesicht mit dem aschblonden Haar schaute gar anmutig und lieblich aus der dunklen Mönchskutte heraus. Schwärmerisch sagte sie: »Hans, so kannst du mich doch nicht lieben, wie ich dich liebe!«

An der Brust des in seinem Glücke schwelgenden Mannes ruhte das wonnedurchschauerte Weib, und in ihrem Liebesrausche merkten sie nichts davon, daß in diesem Augenblick eine dritte Mönchsgestalt den Kopf um die Ecke des Kreuzganges bog und sie belauschte. Sidonie war es. Sie sah in der Dämmerung noch deutlich genug, daß da zwei sich innig umschlungen hielten. »Alles in Ordnung; sie haben sich!« jubelte sie still und verschwand wieder.

»Hans,« frohlockte Juliane, »was werden sie im Neckartal sagen, wenn sie hören, daß wir uns heiraten?«

»Hei – heiraten?« frug Hans.

»Nun, was hindert uns denn noch? – wir sind ja einig – haben uns von Herzen lieb –«

»Ja, ja, – aber – – heiraten? – hm!«

»Hans!« rief Juliane und rückte ein Stück von ihm weg. »Was denkst du denn? – meinst du etwa –? Ach, ich vergaß, du närrischer Kauz! Deine Furcht vor der Ehe; die mußt du nun bezwingen.« Sie hatte den Arm wieder um seinen Nacken gelegt und lächelte ihm schelmisch zu.

Verlegen, schier ängstlich sah er sie an, und fast wie ein entsagungsvoller Seufzer klang es: »Muß ich? – geht es nicht anders, Juliane?«

»Nein! anders geht es nicht, Hans!« lachte sie.

»Du willst den Hagestolz zum Manne, zum angetrauten Manne haben?«

»Freilich will ich! was sonst?«

»Willst mein Weib sein? mein wirkliches Weib? die Frau des Ehehassers?«

»Ja! ja! – wenn er mich nur nicht haßt!«

»Nun, – da! da hast du ihn! nimm ihn hin!« rief er, sie heiß umschlingend. »Ich hätt's nimmer gedacht! O Sidonie! Sidonie! – Was machen wir mit Sidonie?«

»Ach! nichts, – ich weiß nicht, – verziehen und vergeben!«

»Und Richilde?«

»Vergeben und verziehen!«

»Und Ernst?«

»Soll sie haben! aber erst, wenn wir uns haben.«

»Morgen früh, Juliane, gehen wir zum Abte; uns wird er ja wohl den Segen nicht verweigern.«

»Morgen früh, Juliane, gehen wir zum Abte; uns wird er ja wohl den Segen nicht verweigern.«

»Morgen früh, Juliane, gehen wir zum Abte; uns wird er ja wohl den Segen nicht verweigern; morgen, morgen am Tage knien wir am Altar, und Juliane Rüdt von Kollenberg wird Hans Landschads Frau! Aber sie – glauben's uns nicht, Juliane! gib acht, sie glauben's uns nicht!«

»Sie werden es glauben, Geliebter, – wenn sie es sehen,« hauchte sie und schmiegte sich an ihn und bebte vom Wirbel bis zur Sohle.

Nach einer Weile nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände, küßte ihn auf die Stirn und sprach: »Du hast dich um meinetwillen geschlagen, hast dein Leben für mich gewagt; warum tatest du das? weil du mich liebtest?«

»Weswegen denn sonst?« lachte er. »Ich liebe dich, seit ich dich kenne.«

»Sage das noch einmal!«

»Seit ich dich kenne, liebe ich dich und werde dich lieben, so lange mein Herz schlägt.«

»O du – du – wie nenn' ich dich?!« jauchzte sie und umfing ihn mit lodernder Glut. »Meine Liebe sollst du erst kennen lernen! Aber erzähle mir, wie kam das mit Bödigheim?«

»Laß das!« bat er, »mein Hieb traf ihn besser, als seiner mich. Sage mir lieber: was ist das mit dem Recht der Hagestolze?«

Nach kurzem Besinnen erwiderte Juliane: »Wenn ein Hagestolz eine Frau liebt, mit ganzer Seele liebt, so soll er sie zu seinem Weibe machen, und sie soll ihm alles, was sie weiß und kann, zuliebe tun und ihn so grenzenlos glücklich machen, – wie er es gar nicht verdient. Das ist das Recht der Hagestolze.«

Er merkte wohl, daß sie mit dieser scherzhaften Erklärung etwas umging, was sie ihm in diesem Augenblick nicht offenbaren wollte, und drang deshalb nicht weiter in sie, sondern sagte: »Nun, so wollen wir den grimmen Ehehaß so tief begraben, daß seine Auferstehung unmöglich ist.«

»Wir setzen ihm ein Denkmal, Hans!« lächelte sie.

»So? was denn für eins, Liebchen?« frug er vorwitzig.

»Stille, du Loser!« rief sie errötend und schloß ihm den Mund. »Komm!« sprach sie dann, »laß uns aufbrechen, ehe wir noch hier entdeckt werden; die Nacht ist fast tageshell vom Monde. Jeder gehe in seine Zelle und schlafe, wenn er schlafen kann!«

»Und morgen lassen wir uns beim Abte melden,« sagte Hans, »und Sankt Rucho und Sankt Trotto müssen einen Hochzeitsschmaus zum besten geben, von dem die Chronika des Klosters mit roten und blauen Buchstaben, unsere Namen mit Gold geschrieben, erzählen soll!«

»Morgen, morgen!« flüsterte sie an seiner Brust.

Endlich rissen sie sich los und trennten sich und begaben sich, jeder seines Glückes voll, in ihre Zellen. –

Juliane hatte, während sie sich entkleidete, fast Mühe, ihre Gedanken zu sammeln, und sie hätte das Erlebte für einen holden Traum gehalten, hätte ihr nicht das Mönchsgewand, das nun dort auf dem Bette lag, die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt.

Mit der größten Freude jedoch erfüllte sie die ihr gewordene Erkenntnis von Hansens Unschuld. Er wußte nichts vom Recht der Hagestolze und nichts von der Absicht seines Bruders, ihn deshalb zu verheiraten. Nicht Berechnung, nicht die Sorge um die Erbfolge in seinem Eigen, sondern seine wiedererwachte Liebe nur hatte ihn zu ihr geführt, seine tief eingewurzelte Abneigung gegen die Ehe besiegt und ihr sein Herz geschenkt. Wie von Bergeslast befreit, war ihre Seele heiter und hell in dem Gefühl, daß keines Zweifels Schatten mehr an dem Geliebten haftete. Der Plan ihres künftigen Schwagers war allerdings gelungen; Bligger bekam seinen Willen, aber sie – sie bekam den Mann ihrer Sehnsucht. Und vielleicht war auch Bligger nicht so schwer zu verdammen. Er, Engelhard, Erlickheim, und wer sonst nochan dem Anschlag beteiligt sein mochte, hatten vielleicht des hagestolzen Freundes heimliche Liebe zu ihr entdeckt und seine Werbung um sie mit allen Mitteln herbeizuführen gesucht, um zwei Ziele auf einem Wege zu erreichen. So wollte sie denn auch denen nicht länger zürnen, die – ob mit oder ohne Wissen und Wollen – ihr zum höchsten Glück ihres Lebens verholfen hatten. – Ob wohl Sidonie mit ihnen im Bunde war? Die Übermütige hatte ihr arg mitgespielt, hatte viel dabei gewagt; aber da sie ihr gewagtes Spiel gewonnen hatte, sollte auch ihr alle List und aller Trug vergeben sein. – »Hans! Hans! und das alles um dich!« flüsterte sie, »ehe zwölf Stunden vergangen sind, bin ich dein Weib, und –«

Es klopfte schüchtern und leise. Julianen überfiel ein Zittern; sie konnte nicht sprechen. Wer kam? jetzt mitten in der Nacht! – Sie öffnete ein wenig die Tür, – ein Mönch! – An allen Gliedern bebend, mit hochklopfendem Herzen wich sie zurück; – der Mönch trat ein, schlug die Kapuze zurück, – Richilde stand vor ihr.

Sidonie, die Unermüdliche, hatte so lange gewartet und gespäht, bis sie Julianen wieder in ihre Zelle schlüpfen sah, war dann zu Richilde geschlichen und hatte die Tochter zur Mutter geschickt.

»Mutter! – Verzeihung! – ich kann nicht schlafen –« schluchzte Richilde und wollte Julianen zu Füßen sinken.

Diese schloß ihre Tochter in die Arme, küßte sie auf das Haar und sagte: »Alles, du Böse, du Liebe! Wie ein glücklicher Traum hat sich alles gelöst und erfüllt; du sollst ihn morgen erfahren; jetzt aber geh! jetzt ist mir das Herz zum Reden zu voll.«

Richilde umfing ihre Mutter mit stürmischer Zärtlichkeit, aber Juliane wehrte sie sanft von sich ab und wiederholte, sie noch einmal an ihre Brust drückend: »Geh! laß mich allein; warte bis morgen und schlafe ruhig!«

Fröhlichen Herzens gehorchte Richilde. –

Am Morgen, noch vor dem Frühmahl, ließ Juliane den Abt fragen, ob er sie in seinem Gemache zu der gewünschten Unterredung empfangen wolle, wozu jener sofort bereit war.

Auf dem Gange dahin traf sie Hans, der ihrer dort schon harrte. Zusammen betraten sie das Zimmer des Abtes.

»Meinhard,« begann Hans ziemlich befangen, »du hast recht und wohl getan, daß du die beiden törichten Kinder ohne die Zustimmung ihrer Eltern nicht trauen wolltest. Aber wenn nun zwei Menschen zu dir kämen, die nicht Vater und Mutter mehr haben und mündig sind und zu dir sprächen: Hochwürdigster Abt, habt die Gnade und legt unsere Hände mit dem Segen des Himmels ineinander, daß wir Mann und Frau werden, – was würdest du dann tun?«

Der Abt blickte verwundert von Hans auf die errötende Juliane und von Juliane auf den glückstrahlenden Hans und sagte lächelnd: »Dann würde ich mir den Bruder Sakristan kommen lassen und ihm befehlen: Heute nach dem Hochamt sollen alle Glocken läuten und alle Kerzen brennen, denn ich will meinen Freund Junker Hans Landschad von Steinach und Frau Juliane Rüdt von Kollenberg am Altar des Herrn für Zeit und Ewigkeit zusammengeben.« Und den beiden die Hände reichend fügte er freudig bewegt hinzu: »Glück und Segen eurem Bunde! Das ist das Klügste, Hans, was du je in deinem Leben getan hast, und Ihr, gnädige Frau, werdet es sicher nie bereuen, diesen verstockten Junggesellen, dem ich lange genug das Evangelium der Liebe gepredigt habe, endlich zu seinem Heile bekehrt zu haben.«

»Ich will es hoffen, hochwürdiger Herr!« erwiderte sie schalkhaft mit einem vollen Blick auf den Geliebten.

»Also der Bruder Sakristan soll kommen,« sprach Hans; »aber die würdigen Brüder Rucho und Trotto doch auch, nicht wahr?«

»Die auch,« lächelte der Abt, »aber vorher wohl noch zwei andere. Frau Juliane, was habt Ihr über Eure Tochter und Junker Ernst beschlossen?«

»Ich werde hier in Eurer Gegenwart meine Zustimmung zu ihrem Verlöbnis geben,« sagte Juliane, »und noch ehe der erste Schnee auf den Dächern liegt, bitte ich Euch, hochwürdiger Herr, mein Gast zu sein und in der Kapelle der Minneburg die beiden zu trauen.«

»Seid gelobt und gedankt für diesen Entschluß!« sprach der Abt. »Wissen sie es schon?«

»Nein.«

»So will ich sie rufen lassen.« Er zog an einem Glockenstrange und befahl dem eintretenden jungen Mönch, Junker Ernst und Fräulein Richilde freundlichst hierher zu entbieten.

Natürlich kam Sidonie mit. Sie hielt sich hinter den beiden anderen, die selber noch voll Bangen über die Entscheidung ihres Schicksals waren, möglichst versteckt und lugte halb listig, halb ängstlich hinter ihnen hervor. Von Hans sowohl wie von Juliane streifte sie ein rascher Blick, der drohend sein sollte, aber sehr heiter und zugleich etwas schüchtern ausfiel. In den blitzenden Augen des durchtriebenen Mädchens lauerte schon wieder irgendeine neue Schelmerei.

»Junker Ernst und Fräulein Richilde,« nahm der Abt das Wort, »ich habe Euch eine große Freude zu verkünden. Die edle Frau hier willigt in Euren Herzensbund, und vor dem Winter noch –«

Ein Aufschrei aus beider Mund und Herzen unterbrach ihn, und beide wollten sich Julianen an den Halswerfen. Diese aber fing mit einer geschickten Bewegung Richilde auf und schob sie rasch in die ausgebreiteten Arme Ernsts. Der eine lachte, die andere weinte vor Freuden, und die übrigen weideten sich an dem Anblick beglückter Liebe.

Da trat Sidonie vor und sprach so ernsthaft, wie sie es vor innerlich prickelndem Mutwillen fertigbringen konnte: »So hat Euch der hochwürdige Abt wohl von dem Schwur entbunden, Frau Juliane, den Ihr mir, dem Neckar und dem Walde der Minneburg geleistet habt? Ihr schwuret: Juliane Rüdt von Kollenberg wird niemals, niemals zugeben, daß ihre Tochter eines Landschaden Frau wird!«

»O du frömmstes und strengstes aller Mädchengewissen, das nie um eines Haares Breite vom Pfade der Tugend weicht, und dessen Mund nichts, als lautere Wahrheit spricht!« erwiderte Juliane lachend, »mit dir rechne ich noch besonders ab. Jetzt aber will ich dir sagen: Juliane Rüdt von Kollenberg verbietet, aber Juliane Landschad von Steinach wird gestatten, daß auch ihre Tochter eines Landschaden Frau wird.« Dabei hatte sie stolz Hansens Hand ergriffen und an ihr Herz gedrückt.

»Was? – was ist das?« frug Ernst wie aus den Wolken fallend, »Ohm Hans! – hab' ich recht gehört? Du willst – heiraten?! Aber Ohm Hans! sage mir: Liebst du die Freiheit, die Ungebundenheit, das wohlige, sichere Bewußtsein, tun und lassen zu können, was du willst, gehen, wohin –«

»Schweig, du Gelbschnabel!« unterbrach ihn Hans. »Weißt du denn, warum ich meine Freiheit opfere? warum ich es aufgebe, ganz nach meinen Wünschen, nach meinem Belieben und Geschmack zu leben? – nur um dich leichtsinnigen, undankbaren Menschen von einer Schwiegermutter zu befreien!«

»Junker Hans!« fuhr Juliane auf ihn los, mußte aber doch in das schallende Gelächter der übrigen einstimmen.

»Das Gespenst der Schwiegermutter!« rief Ernst in der überschwenglichen Freude seines Herzens, indem er sich vor Juliane verneigte und ihr ritterlich die Hand küßte.

»Nun ja,« sagte Hans; »es bleibt mir ja nichts anderes übrig, als es durch Heiraten zu bannen, damit es wenigstens nicht unter einem Dache mit euch haust.«

»Schwiegermuttergespenst und gebannt werden! echt hagestolz!« lacht Juliane.

»Als dein Mann, Juliane, werde ich mich bessern,« gelobte Hans.

»Wann macht ihr Hochzeit?« frug Sidonie.

»Heute nach dem Hochamt werden Junker Hans und Frau Juliane Mann und Frau,« sprach der Abt, da die beiden Beteiligten plötzlich schwiegen.

»Heute hier? im Kloster? O bewahre! das geht nicht, da wird nichts draus!« sagte Sidonie. »Wir wollen eine große, feierliche Hochzeit auf der Minneburg haben voll Pracht und Prunk, mit Spiel und Tanz und festlicher Kurzweil. Alle Landschaden müssen dabei sein, alle Hirschhorns, Erbachs, Erlickheims und alles, was auf den Neckarburgen sitzt. Wenn Juliane von der Minneburg und Ohm Hans Hagestolz heiraten, so muß das mit allem erdenklichen Glanz geschehen, und dazu gebrauchen wir Vorbereitungen, die Wochen und Monde in Anspruch nehmen.«

Hans und Juliane sahen sich betreten an. Hans wußte nicht, was er darauf erwidern sollte; Juliane jedoch, Purpurglut im Antlitz, entschied: »Wir wollen das später bei Richildens Hochzeit nachholen; ich aber werde heutehier im Kloster Frau Landschad von Steinach. Wie dürfte ich sonst, meinem Eide treu, in Ernsts und Richildens Verlöbnis willigen?!«

»Ja so!« lachte Sidonie mit einem verständnisvollen Blick in Julianens leuchtende Augen. »Ja freilich, dieser einzige Grund ist schlagend; daran dachte ich nicht. Hochwürdiger Herr,« wandte sie wichtigtuend sich an den Abt, »dann laßt das Hochamt nur recht bald seinen Anfang nehmen, Ernst und Richildens wegen! Aber da wir beide die einzigen nicht Verliebten hier sind, so dürfen wir auch Hunger haben; ich glaube, im Refektorium wartet das Frühmahl auf uns. Und nachher, Richilde, winden wir Blumenkränze für das Brautpaar Hans und Juliane. Himmel! was wird Ohm Bligger dazu sagen!«

»Kommt Freunde!« sprach der Abt sogleich, »Fräulein Sidonie hat Hunger.«


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