Ettingen antwortete nicht; er machte nur lächelnd mit der Hand eine Bewegung, die jedes Wort ersetzte.
Pepperl war sehr aufgeregt. »Ja kommt denn der Herr Martin fort? Für ganz?«
»Ja. Und Sie werden seinen Dienst bei mir übernehmen müssen —«
Da machte Pepperl ein Gesicht, als hätte sich in seinem Freudenkelch der letzte Tropfen Wermut in Zucker verwandelt.
»— und bei Tisch servieren.«
Nun erschrak er. »Teufi, Teufi, Teufi, dös wird sich hart machen!« Mißtrauisch sah er seine klobigen Tatzen an. Dann lachte er. »Duhrlaucht! Wann S' heut zu mir sagen, ich soll an Heuwagen auflupfen mit eim Zwirnsfaden, nacher probier ich's auch!«
Nun ging es talwärts ohne Aufenthalt. So flinke Beine Pepperl auch machte, Ettingen blieb nicht zurück hinter ihm. Bei diesem ungeduldigen Abstieg plauderten sie nur wenig. Der Fürst war in Gedanken versunken, und auch Pepperl hatte zu »sinnieren«. Er studierte, wie er's der Burgi sagen wollte. Was die für Augen machen würde! »Teufi, Teufi, Teufi!« Selig lachte er vor sich hin.
Eine Stunde, und sie hatten die Tillfußer Alm erreicht. Als sie aus dem Walde traten, kam der Förster mit Mazegger von der anderen Seite übers Almfeld heraufgestiegen. Schon von weitem winkte Kluibenschädl dem Fürsten zu und rannte ihm atemlos entgegen: »Omein Gott, Duhrlaucht, wenn S' nur heut beimirgwesen wären! Da hätten S' an Hirsch gschossen, an Kapitalkerl!«
»So?« Ettingen schien über den Entgang dieser Weidmannsfreude nicht sonderlich betrübt.
»Ja, denken S', wie ich gegen zehne vormittags beim Steigvermessen abikomm aufs Straßl, schau ich so zufällig zum Bach ummi. Was steht drunt? A Kapitalhirsch! Gar net kümmert hat er sich um uns. Und wer weiß, wie lang er noch ghalten hätt, wann's Malerfräuln net daher kommen wär.«
»Fräulein Petri?«
»Ja. Die is auf ihrem Hansi aussigritten zum Sebensee. Natürlich, da hat sich der Hirsch davongmacht. Aber ganz gmütlich is er angstiegen. Zwei-, dreimal hätt man ihn noch derwischen können mit der Kugel. Und d' Haar hätt ich mir schier ausgrissen, weil ich mir allweil hab denken müssen: Ja wenn nur der Herr Fürst da wär, um Gotteswillen, wenn nur der Herr Fürst da wär!«
»Ja, Herr Förster«, Ettingen lächelte, »ich weiß nicht, was ich drum gäbe, wenn ich bei Ihnen gewesen wäre.«
»Gelten S', ja? Aber morgen müssen S' abi auf den Hirsch! Der kommt wieder.«
»Nein, lieber Förster! Für morgen hab ich andere Pläne. Praxmaler!«
Pepperl, der zur Sennhütte hinuntergeschielt hatte, fuhr auf: »Ja, Herr Fürst?«
»Morgen machen wir einen Pirschgang zum Sebensee. Früh um drei Uhr. Dann sind wir draußen, bis die Sonne kommt.« Ettingen nickte dem Jäger zu und ging zum Fürstenhaus hinauf, in dessen Tür Graf Sternfeldt erschienen war.
Pepperl, um seine Büchse loszuwerden, sprang ins Försterhäuschen. Kluibenschädl wollte ihm folgen. Da sah er Mazegger stehen und sagte freundlich zu ihm: »Jetzt leg dich schlafen, Toni! Du mußt ein' erbarmen, wenn man dich anschaut. Seit Mittag hast dich schier nimmer auf die Füß halten können. Sei gscheit und schlaf dich ordentlich aus! Und wenn dir morgen net besser is, so bleib halt liegen.«
»Morgen?« Mazegger nickte und ging seiner Hütte zu.
Droben im Hof des Fürstenhauses war Sternfeldt dem Freunde lachend entgegengekommen. »Schau hinauf, Heinz, wie wir gelüftet haben!« Am Jagdhaus standen alle Fenster offen. »Und damit du das Ende der Komödie entsprechend heiter nimmst, hab ich eine Überraschung für dich. Baronin Pranckha und Mucki, der Edle von Sensburg, empfehlen sich als Verlobte.«
»Nein?«
»Wahrhaftig!«
Da lachte Ettingen hell hinaus.
»Ich war sogar Zeuge dieses weltgeschichtlichen Aktes. Dem kleinen süßen Mucki schien's »ainigermaaasen« überraschend zu kommen, als sie ihm vor meinen Augenfeierlich die Hand reichte — um jedes Mißverständnis auszuschließen, wie sie sagte. Du hättest sein Gesicht sehen sollen! Im ersten Moment war er so verblüfft, daß er Hochdeutsch sprach. Das will viel sagen. Dann wurde er wieder ganz ›Fiaker‹, stellte sich sehr empört über dich — was er sich dabei dachte, will ich nicht näher untersuchen — ärgerte sich, daß er ›ohne Gams‹ fort sollte, und gab dem drolligen Lied seiner Wut und Verlegenheit den klassischen Refrain: ›So eine Benehmitätt, großoatig!‹« Sternfeldt lachte. »Er brauchte zehn Minuten, um sich in die Glücksstimmung hineinzuzappeln. Aber dann, aaah! Als er mit ihr abdampfte, benahm er sich in der Rolle des Glücklichen so musterhaft, daß ich ihn fast um seine Dummheit beneidete! Na also!« Heiter winkte er gegen den Wald hinunter. »Fort mit Schaden! Sie wird ihm ehrlich helfen, die dunklen Millionen seines Vaters ins Rollen zu bringen.« Nun wurde er ernst. »Aber du, Heinz? Dein Brief? Ich stand vor diesem Bekenntnis wie der Prophet vor dem Berg. Aus der einen Todesangst um dich errettest du mich und wirfst mich in die andere.«
Ettingen legte den Arm um die Schulter des Freundes. »Komm!«
Sie traten ins Haus.
Drüben bei der Försterhütte rumpelte Pepperl aus der Tür und surrte über das Almfeld hinunter, mit langen Sprüngen, als könnte er den Augenblick nicht erwarten,den er sich auf dem Heimweg ausgemalt hatte wie der Hungrige die Mahlzeit. Auf der Schwelle der Sennhütte stellte er sich breitspurig hin, mit den Daumen in den Hosenträgern und mit dem Hütl im Genick. »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!«
Burgi erhob sich von der Herdbank, machte scheue Augen und fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Wangen, als hätte sie einen feuchten Tag hinter sich. »Geh, du!« Mehr sagte sie nicht.
Pepperl schraubte die Stimme. »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!«
»Ich bitt dich, Pepperl, mach mir heut kei' Fasnacht her! Mir is net z' Mut danach. Ich weiß schon, wie ich dran bin.« Das war ein Ton, als wären die Tränen nicht weit.
Der Jäger lachte und rief es zum drittenmal: »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!« Dann sprang er auf das Mädel zu wie der Fuchs auf die Ente, packte sie mit beiden Armen, wirbelte sie im Kreis und küßte sie ab, daß ihr der Atem verging.
»Wenn's einer sieht! Mar und Joseph!« stotterte sie wehrlos unter seinen Küssen.
»Soll's sehen, wer mag! Meintwegen der Pfarr!« Dann kam's wie ein Wolkenbruch der Freude aus ihm heraus: »Fünfhundert Gulden und Oberjager!«
Als sie begriffen hatte, brachte sie keinen Laut aus der Kehle und drückte das Gesicht an seine Brust.
Er schmiegte die Wange an ihren Kopf, tätschelte sie auf den Rücken und tröstete: »Geh, Schatzerl, tu dich doch lieber freuen! Warum denn weinen? Geh, macht nix, macht nix! Is ja doch eh alles gut! In vier Wochen wird gheiret!«
»Pepperl!— Is dös wahr?«
»Meiner Seel!«
Da legte sie ihm die Arme um den Hals und atmete auf. »Nacher is mir alles recht! Alles!«
»Gelt, ja? Und unser Herr Fürst! Gleich hat er's in der Nasen ghabt, daß ebbes mit der Familli net in Ordnung is. Und alles verzähl ich dir auf'n Abend! Jetzt hab ich kei' Zeit, jetzt muß ich nauf. Oder weißt es noch gar net? Der Schwarzlackierte is abgschoben.«
»Ja! Gott sei Dank!«
»Jetzt hab ich d' Verantwortigung, weißt! Jetzt muß ich sehrwieren bei der Tafel.«
»Was mußt?«
»Sehrwieren muß ich, aufwarten beim Essen.«
»Du, Pepperl, da mußt dir d' Händ ordentlich waschen!«
»Freilich! Hast a warms Wasser?«
»Ja, geh her!« Aus dem Kupferkessel, der über dem Feuer hing, schöpfte sie eifrig eine Schüssel voll dampfenden Wassers heraus und probierte mit der Hand, ob es nicht zu heiß wäre. »Es tut's grad.« Dann holte sie einen Klumpen Seife und die Holzbürste.
Pepperl scheuerte aus Leibeskräften, zuerst mit der rechten Hand die linke, dann mit der linken die rechte. Als er die Hände an Burgis Schürze trocknen wollte, sagte sie: »Halt, laß mich schauen!« Nach kurzer Musterung meinte sie: »Na na, du, da muß schon ich noch a bißl drüber!« Es dauerte eine Weile, und viel Seife ging drauf, bis sie erklärte: »So, jetzt kannst jede fürstliche Schüssel anrühren mit Manier!«
»Du bist halt a Madl! Mit dir bin ich aufgricht! Ja!«
Ein Kuß, der sich zeitverschwenderisch in die Länge zog. Dann rannte Pepperl davon.
In der Jägerhütte stand Mazegger am Fenster, mit den Händen hinter dem Rücken, regungslos wie eine Steinsäule. Manchmal schloß er die Lider, als hätte er Schmerz in den Augen. Dann spähte er wieder und wartete. Nach einer Weile sah er den Förster zum Jagdhaus hinaufwandern und in der Tür verschwinden. Mazegger streckte sich wie einer, den die Arbeit ruft. Er zog die Läden zu und schloß das Fenster. Dann nahm er die Büchse auf den Rücken, verließ die Stube, sperrte die Hüttentür ab und schleuderte den Schlüssel weit hinaus in das Almfeld.
Mit starrem Lächeln sah er noch einmal hinauf zum Fürstenhaus und eilte davon, in der Richtung gegen den Sebenwald.
Der Abend wurde trüb.
Immer tiefer senkte sich das Gewölk über die Berge, noch angeflogen von einem letzten Schein der Sonne. Aus den Waldsümpfen in der Nähe des Baches begann es aufzudampfen. Wie graues Spinngewebe, das immer dichter wurde, zog der Nebel sich über die moorigen Almen hin. Unruhig hauchte der Abendwind und trieb die grauen Dünste bergan und gegen den Sebenwald.
Bei Anbruch der Dämmerung, als die Sennleute der Sebenalm unter Geschrei und Schelten das Milchvieh von allen Gehängen zusammentrieben gegen den Stall, war der Nebel schon so dicht geworden, daß man kaum mehr auf hundert Schritt sehen konnte.
Der Senn und sein Weib begannen im Stall die Kühe zu melken, während der alte Hüter, der nun Feierabend hatte, mit seinen Holzschuhen in die Sennstube schlorpte, um sich ans Feuer zu setzen, ein krummgebeugtes, weißhaariges Männchen mit stumpfen Augen in dem müden Runzelgesicht. Gähnend suchte der Alte seinen Platz am Herd und rückte die Beine nah an die Glut. Sein abgewerkeltes Leben hatte keinen anderen Wunsch mehr, als Abend für Abend die schläfrige Rast am Feuer genießen und die kalten Füße wärmen zu können. Langsam legte er einen dürren Ast nach dem anderen über dieGlut und nickte zufrieden, sooft er ein neues Flämmchen aufzucken sah.
Mazegger trat in die Hütte und stellte das Gewehr an die Mauer. »Guten Abend!«
Der Alte ließ sich beim Feuerschüren nicht stören.
Der Blick des Jägers huschte durch die Sennstube und blieb an den beiden Holznägeln haften, die über dem Herd in die Mauer geschlagen waren und ein Bündel langer Kienfackeln trugen.
Höher und höher, mit Knistern und Geprassel flammte in der Herdgrube das Feuer.
Mazegger setzte sich und legte die Arme übers Knie. So saßen die beiden sich eine Weile schweigend gegenüber. Als der Alte die nackten Füße aus den Holzpantoffeln hob und in die heiße Asche hineinwühlte, sagte Mazegger: »Narr! Verbrennst dir ja die Füß!«
Der Hüter kicherte mit seiner dünnen hohen Stimme:
»Narr sagt'r! Weil ich mir was Guts vergunn!« Er legte ein paar Äste in die Flammen. »Wann ich net mit halbbratene Füß ins Heu komm, kann ich net schlafen. Soviel kalt hab ich allweil.« Mit zittrigen Händen öffnete er an der Brust das Hemd, beugte sich näher gegen das Feuer, und wie ein Kater schnurrend, blinzelte er mit den roten Lidern. »Is was Schöns, so a Fuierl, gelt?«
Heiser lachte Mazegger.
»So, so? Lachen tust über 's Fuierl? Hast halt noch Hitzen im Blut und brauchst kein Fuierl, gelt? Wart nur a bißl, 's kommt für an jeden, 's Frieren! Jung sein heißt dumm sein. Wann er gscheit wird, der Mensch, fangt 's kalte Frieren an. Da merkt er, daß 's Fuierl 's einzig is, was bleibt! Hihihihi! Weiberleut und Lieb und Haß, Gut und Geld und Burgermeister sein, alles is Wasser und gfriert in der Kält! 's Fuierl is 's einzige! Macht so schön warm! Da kann er schlafen, der Mensch. Gut schlafen!« Kichernd griff der Alte mit seinen dürren Händen nach den Flammen, während draußen im Stall der Senn über die Kühe fluchte, die beim Melken nicht ruhig hielten. »A bißl spat, Jager, a bißl spat bist aufm Marsch? Wohin denn heut noch?«
»Nach Ehrwald. Und dürsten tut mich. Magst mir an Trunk vom Brunnen holen?«
»So? Frisch vom Brunnen? So viel gnäschig bist? Hihihihi! Aus'm Ganterl taugt's dir net? Gleich vom Brunnen mußt es haben und tust mich furthetzen vom Fuierl?« Seufzend erhob sich der Alte, nahm eine Blechkanne und verließ die Hütte.
Mazegger sprang auf, riß zwei Kienfackeln von der Mauer herunter und schob sie zu einem Rauchloch hinaus. Sie fielen draußen mit dumpfem Klatsch in die Kräuter.
Der Alte brachte die gefüllte Kanne. »So, du Gnäschiger, da hast dein Trunk, dein kalten!« Gähnend setzteer sich wieder zum Feuer und wühlte die Füße in die Asche. »Jetzt laß mich aber in Ruh, gelt!«
»Ja. Jetzt hab ich, was ich brauch!« Mazegger tat einen Trunk aus der Kanne. »Gut Nacht!« Er nahm seine Büchse und ging.
Draußen raffte er die beiden Fackeln auf, barg sie unter dem Wettermantel und eilte über das Almfeld hinaus. Als er den Waldsaum erreichte, blieb er stehen. Der Nebel war so dicht, daß die Sennhütte völlig im Grau verschwand und daß von dem Lichtschein, den das Herdfeuer durch die Tür warf, kaum noch ein Schimmer zu erkennen war. Deutlich hörte man noch die Stimme des Sennen, der mit seinem Weib und mit den Kühen schalt.
Mazegger wartete. Als es mit Anbruch der Nacht in der Sennhütte ruhig wurde, steckte er eine Fackel in Brand und stieg durch den Wald empor. Im Nebel erhellte die Fackelflamme nur einen Umkreis von wenigen Schritten. Verschwommen tauchte der hohe Reisigwall des Almzaunes auf, wie eine dunkle Mauer, in die eine Bresche gebrochen ist. Diese Lücke war der Weg, den er gehen mußte; nur dünne Stangen versperrten ihn.
Mazegger streckte die Hand, um das Gitter zu öffnen. Er zögerte. Hatte ihn das Grauen vor der Tat befallen, die er verüben wollte? War der rechnende Gedanke in ihm erwacht: Wenn ich es tue, was hilft esmir? Und erkannte er, daß bei dem wahnwitzigen Spiel, daß er im Fieberdurst seiner Leidenschaft als ein letztes, gewaltsames Mittel versuchen wollte, der Einsatz sein eigenes Leben war?
Er stand und sann. »Soll's kommen, wie's mag! Der ander soll sie auch nicht haben!« Mit einem Fußtritt warf er das Gitter auf und durchschritt den Reisigwall. Knarrend fielen die Stangen hinter ihm zurück.
Er warf den Mantel zu Boden und die Büchse dazu. An der Flamme des schon halb verbrannten Kienholzes entzündete er das zweite Scheit und hob die beiden Fackeln über den Kopf empor, um den den Wind zu prüfen. Der machte die Flammen lodern und trieb ihren Rauch waldaufwärts. Brannte der Reisigwall, so hatte das Feuer nureinenWeg: hinauf zum See!
Mazegger senkte die Fackeln und wollte werfen. Wieder zögerte er. Das währte nur einen Augenblick. Mit kreischender Stimme, als bedürfte er zu seiner Tat noch eines letzten Spornes, schrie er jene Worte aus dem Brief des Fürsten vor sich hin: »Morgen hol ich mein Glück!« Dann schwang er die Arme zum Wurf und schleuderte die eine Fackel zur Rechten, die andere zur Linken des Tores in den Reisigwall.
»So, du! Jetzt hol dein Glück!«
Sein gellendes Lachen hallte in der Waldnacht wie der Schrei eines Tieres.
Die Fäuste hinter dem Rücken, das Gesicht verzerrt, mit funkelnden Augen, so stand er und sah, daß aus dem dürren Reisig das Feuer aufflog wie aus verpuffendem Pulver und zu beiden Seiten des Tores über den Wald hinzüngelte, so flink, als hätt' es hundert flammende Füße.
»So! Jetzt komm!«
Den Mantel und die Büchse vergessend, schritt er in den Wald hinein. Hinter ihm erlosch die Feuerhelle im Nebel. Je tiefer er in den Wald kam, desto finsterer wurde es um ihn her. Schritt für Schritt mußte er den Weg suchen, sich forttasten von Baum zu Baum.
Im Dunkel verlor er den Pfad und wußte nicht mehr, wohin seine stolpernden Schritte ihn führten. Plötzlich wich der Grund unter seinen Füßen. Er kollerte über eine steile Lehne hinunter. Stöhnend richtete er sich auf und kletterte wieder über den Hang empor. Als er den Grat erreichte, wehte ihm dicker Rauch entgegen. Und jählings war es im Nebel, als käme die Sonne, rot, blutig rot, wie sie am letzten Morgen aufgegangen war. Dazu ein Knistern und Geprassel, ein Rauschen und Krachen, als wäre Sturmwind über den Wald gefallen. Wie brennende Bäche schlängelte sich das Feuer über den Waldboden, faßte das dürre Zeug, das in Haufen umherlag, und geschürt im Winde, klomm es mit Geflacker an den hundertjährigen Stämmen hinauf und entzündete das Harz der blutenden Baumwunden. Die morschenÄste brannten mit weißer Flamme, die dürren Nadeln gingen glitzernd in Feuer auf und warfen im Winde den Brand mit Funkensprühen von Stamm zu Stamm.
Ein keuchender Laut rang sich aus Mazeggers Kehle. Aus allem hoffenden Wahn seiner Leidenschaft ernüchtert und von Entsetzen erfaßt, stand er wie gelähmt und starrte mit glasigen Augen in das Brennen und Glosten, in das Gewirbel von schwarzem Rauch und leuchtenden Dämpfen. Statt der Richtung gegen den See zu folgen, war er im Kreis gegangen, die äffende Finsternis hatte ihn zurückgeführt an den Ausgang seines Weges. Beim Anblick des grauenvollen Flammenbildes, zu dem die Tat seiner Eifersucht sich ausgewachsen, erlosch ihm alles Denken und Verlangen. Es war nur noch ein einziges in ihm: die Angst um das eigene Leben!
Mit erwürgtem Schrei begann er zu rennen, immer am Rande des Feuers hin, verfolgt von den züngelnden Flammen, überschüttet vom Regen der Funken. Er kam bis zur kahlen Felswand und sah das Feuer hinaufschlagen über die Steinmauer, turmhoch, halb verschleiert von Rauch und Nebel. Keuchend rannte er zurück, quer durch das ganze Tal, bis wieder die Felsen vor ihm aufstiegen. Feuer, Feuer, überall Feuer. Nirgends ein Ausweg mehr, das ganze Tal verriegelt von Rauch und Flammen.
Schreiend rannte er zurück in den finsteren Wald, rannte wie sinnlos, strauchelte und fiel, schlug mit derStirn gegen die Bäume und schrie vor Entsetzen, wenn flüchtendes Hochwild an ihm vorüberjagte. Schon sah er, daß der Wald sich lichtete. Seine Kräfte begannen zu schwinden, sein Atem erlosch. Taumelnd brach er in die Knie, mit keuchendem Schrei, der im Nebel zerschwamm und nur wie ein matter Ruf hinauftönte zum See.
Dort oben, am Ufer, klangen in Unruh die Glocken der Almtiere, als hätte das Vieh sich erhoben aus der Ruh und zu weiden begonnen, mitten in der Nacht.
Dieses wirre Läuten tönte hinauf zum kleinen Seehaus, dessen Fenster noch erleuchtet waren. Die Tür stand offen, und trüb zerfloß die ins Freie fallende Lampenhelle in Nebel und Nacht.
In der Stube war Lo damit beschäftigt, alles Grün von den Wänden zu nehmen und das kleine Haus für die lange Zeit in Ordnung zu bringen, in der es unbewohnt und verschlossen stehen sollte. Ruhig tat sie diese Arbeit. Manchmal wurden ihr die Arme müd, und dann stand sie eine Weile unbeweglich und blickte unter schmerzvollem Lächeln ziellos vor sich hin. Wenn sie mit stockendem Atemzug aus solcher Versunkenheit erwachte, streifte ihr Blick alles Gerät der Stube, das ihr lieb und durch Erinnerung heilig war. Aus ihren Augen redete eine Wehmut, als wäre in ihr die Ahnung, daß sie die Waldstube, in der sie soviel schöne Stunden und Tage verlebt hatte, nie wiedersehen würde.
Da blickte sie lauschend auf. Was sie gehört hatte, draußen in Nacht und Nebel? War das ein Ruf?
Sie trat vor die Tür. Nur den Nebel sah sie, der in der Dunkelheit das Haus umlagerte. Horchend stand sie eine Weile und rief dann mit lauter Stimme in die Nacht hinaus: »Ist jemand hier?«
Keine Antwort kam. Mit fauchenden Stößen fuhr der immer stärker werdende Wind über das Dach der Hütte hin, es rauschte in den Zweigen des Harfenbaumes, und ruhelos tönten in seinen Wipfeln die kleinen Glocken.
Und was nur die Almtiere haben mochten? Jetzt, in der Nacht? Drunten am See, auf den höheren Latschenfeldern, überall klangen ihre Schellen. Ein Rind begann zu brüllen, ein anderes gab Antwort, kurz und dumpf — wie Jungvieh brüllt, wenn es sich in den Felsen verstiegen hat und hilflos auf den Sennen wartet. Und die Tiere befanden sich doch auf gefahrlosem Weidegrund! Oder hatten sie das Vorgefühl eines bösen Wettertages, den dieser Nebel bringen würde? Wohl schien der Wind, der über den See heraufblies, noch unbedenklich. Aber dort unten, im tieferen Tal, da schien er stärker zu wehen, fast wie Sturm. Ein Krachen und Rauschen tönte verworren mit dem Winde über den Wald herauf. Und dieser Nebel? Wie seltsam! Er hatte einen Geruch wie Rauch. Oder war's der Herdrauch, den der Wind herauftrieb von der Sebenalpe? Sollten sie dort untenso spät noch beim Feuer wachen? Oder waren Holzknechte im Sebenwald bei der Arbeit gewesen? Hatten sie das Gezweig und die Rinden der Windbrüche auf einer Blöße verbrannt? Und rauchten diese Feuerstätten so?
Schon wollte Lo in die Stube zurückkehren. Da hörte sie ein Gepolter, das Krachen von Ästen und den Sprung eines Tieres, das den Gartenzaun durchbrochen hatte.
»Hansi!«
Durch die Blumenbeete kam der Esel zur Tür gestürmt. Schnaubend und zitternd blieb er neben dem Mädchen stehen und windete mit vorgestrecktem Halse gegen den Wald hinunter.
Was hatte das Tier? War es durch Raubwild erschreckt worden? Durch einen Steinschlag unter den Wänden?
»Hansi? Was hast du denn?«
Beruhigend wollte sie ihm den Rücken streicheln und fühlte, daß seine Haare gesträubt waren wie Stacheln. Das Tier mußte eine ernste Gefahr überstanden haben. Oder sah es eine Gefahr, welchekam?
»Hansi?«
In grober Zärtlichkeit fuhr der Esel mit der Schnauze an ihr hinauf. Schnaubend schüttelte er das Fell und machte, den Hals immer länger streckend, ein paar zögernde Schritte. Plötzlich setzte er mit tollem Sprung über denZaun, und ein schmetterndes Gewieher ausstoßend, verschwand er im Dunkel.
Im gleichen Augenblick jagte eine dicke Rauchwolke an der Hütte vorüber. Ein Schein durchglomm den wirbelnden Nebel. Überall im Tal begannen die Glocken der Almtiere zu läuten, überall dröhnte und röhrte ihr Gebrüll, überall hörte man das Rollen der Steine, die der Schritt der Rinder auf den steilen Gehängen löste. Jäh war das ganze Tal erfüllt von unheimlichem Leben. Und da erkannte Lo, was die Herde flüchten machte. »Feuer im Wald! Die armen Tiere!« Daß auch ihr eigenes Leben bedroht sein könnte, daran schien sie nicht zu denken. Ohne Erregung, wenn auch mit fliegender Hast, eilte sie in die Stube und holte eine schon halbverbrauchte Pechfackel. Damals, als diese Fackel gebrannt hatte, das war auch eine ernste Nacht gewesen. Eine Nebelnacht im Juni. Lo hatte die Rufe eines verstiegenen Touristen gehört und hatte den Verirrten aus der Tejawand heruntergeholt und zur Sebener Almhütte geführt.
Die brennende Fackel senkend, damit das Harz sich heller entzünden möchte, trat sie aus der Hütte. Was den Nebel so hell durchleuchtete? War es die Flamme der Fackel oder das wachsende Feuer dort unten, das man rauschen hörte wie heranziehenden Sturm?
Sie wollte zur Gartentür. Da taumelte ihr ein Mensch entgegen. Erst als er vor ihr stand, erkannte sie ihn.
»Mazegger!«
Lallend stürzte er vor ihr nieder und klammerte sich an ihr Kleid. Auch ihr Anblick konnte in ihm nicht mehr erwecken, was ihn zum Wahnsinn dieser Tat getrieben hatte. Seine Eifersucht und seine Liebe, alles, was er erwartet hatte von dem Gewaltstreich dieser Nacht, alles war erloschen in ihm. In ratloser Angst und in der Verstörtheit seiner Sinne umklammerte er das Mädchen und keuchte: »Im Sebenwald ist alles ein Feuer! Wir müssen verbrennen, du und ich, ersticken im Rauch!« Er drückte zitternd das Gesicht in die Falten ihres Kleides.
Lo war bleich geworden. Aber sie wich nicht zurück vor ihm. Was zwischen ihr und diesem Menschen lag, das war vergessen beim Anblick der lallenden Angst, die sich zu ihren Füßen krümmte. »Mazegger! Sind Sie denn ein Mann? Wie können Sie sich vom Schreck nur so verstören lassen?« Sie versuchte ihn aufzurichten.
Er war wie Blei und blieb auf den Knien liegen, immer nur mit dem einen Wort: »Verbrennen, verbrennen —«
»Seien Sie doch vernünftig! Man verbrennt nicht gleich, weil Feuer im Wald ist. Stehen Sie auf!«
Er wollte sich erheben und taumelte auf die Schwelle hin.
Da lief auch ihr ein Zittern über die Hände. Dochihre Stimme klang ruhig: »Ich sehe, daß Sie sich übermüdet haben bei dieser sinnlosen Flucht. Aber wenn Sie schon flohen vor dem Feuer? Wie kommen Sie hierher? Zu mir? Wollten Sie mich warnen?« Er schwieg und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Mazegger! Geben Sie doch Antwort! In welcher Richtung des Waldes ist das Feuer?«
»Überall! Es gibt keinen Ausweg nimmer!«
»Das ist Torheit! Wenn es aus dem Feuer keinen Ausweg gäbe, wie wären Sie denn hereingekommen in den brennenden Wald?«
»Ich weiß nicht.«
»Wissen Sie, wie das Feuer ausgekommen ist?«
»Nein, nein, nichts weiß ich, nichts.«
»Wie kamen Sie in den Sebenwald? Jetzt? In der Nacht?«
»Ich —« es fiel ihm wohl die Lüge ein, die er dem alten Hüter gesagt hatte, »ich hab nach Ehrwald wollen und hab mich verirrt. Im Nebel. Und da war das Feuer da. Überall Feuer! Überall!« Das Grauen schüttelte ihn. »Wir müssen verbrennen, es gibt keinen Ausweg nimmer!«
»Ich will ihn suchen. Kommen Sie, Mazegger!« Sie nahm seine Hand und zog ihn von der Schwelle. »Ich kenne hier im Wald jeden Weg und Steg. Ich will Sie führen.«
»Führ mich, führ mich, ja, mit dir ist der Herrgott!« keuchte er und klammerte die Hände um ihren Arm. »Wenn's noch einen Weg gibt, mußt du ihn finden — über den Paß hinüber, ins Prantlkar!«
Den Felsenpaß, den Ettingen und Praxmaler an jenem Gewittertage überstiegen hatten — ja, den kannte sie. Aber dort hinauf, über die steilen Wände? Jetzt bei Nacht und Nebel? Das war unmöglich. Das wäre der sichere Tod. Es mußte einen anderen Ausweg geben, talwärts durch den Wald. Der Zufall dieses Brandes konnte so unselig nicht gespielt haben, daß schon das ganze Tal vom Feuer verschlossen war.
»Kommen Sie, Mazegger!«
Er ließ sich ziehen von ihrer Hand. Als die beiden über das Latschenfeld gegen den See hinunterkamen, mischte sich der Rauch immer dichter in den Nebel, immer lauter tönte auf allen Seiten das Brüllen der Rinder. Ein paarmal tauchte der Esel in ihrer Nähe auf, mit Schnauben und Gewieher, begleitete sie eine Strecke und verschwand wieder. Schwüle Hitze wehte ihnen vom brennenden Wald entgegen, und rauschend zog der Wind, der die Rauchwolken über die Berge hinaufjagte. Als die beiden den See erreichten, kamen viele Rinder auf sie zugerannt und folgten ihnen Schritt um Schritt unter angstvollem Gebrüll. Ein sausender Windstoß teilte den von Rauch durchflossenen Nebel, und nur noch matt verschleiert lag der brennende Wald vor ihnen, eine näherrückendeFlammenmauer, welche die ganze Breite des Tales füllte, von Wand zu Wand.
»Wir laufen ins Feuer«, schrie Mazegger wie ein Wahnsinniger, »wir müssen hinauf! Über die Wänd hinauf!«
»Das ist unmöglich.«
Mazegger bedeckte mit dem Arm die Augen, und die Zähne begannen ihm zu klappern.
Das bleiche Gesicht vom Ruß der Fackel angeflogen, stand Lo auf einem Felsblock und spähte über den brennenden Wald hinunter, aus dem die Flammen schon herauszüngelten gegen die Latschenfelder. Nur an einer einzigen Stelle des Waldes, dort, wo der Seebach gegen Ehrwald hinunterströmte, war es noch dunkel. Aber auch dort schon quoll es mit rötlichen Dämpfen hinter den Bäumen herauf. Es gab durch den brennenden Wald keinen Ausweg mehr. Wollten die beiden Menschen ihr Leben retten, so mußten sie das Unmögliche versuchen: den Weg über die Berge.
Das erkannte Lo. Schon wollte sie dem Jäger sagen: wir müssen hinauf, wir haben keinen anderen Weg mehr! Da begannen plötzlich die Rinder, die brüllend um sie herstanden, ein tolles Rennen. Hatte eines der Tiere jene dunkle Stelle im Walde gewahrt? Ahnte es dort noch einen Weg der Rettung? Es fing zu rennen an, und alle Rinder jagten ihm nach im blinden Herdentrieb,schnaubend und mit gestreckten Schweifen. »Das Vieh! Das Vieh weiß einen Ausweg!« kreischte Mazegger. Nur an die Rettung des eigenen Lebens denkend, riß er dem Mädchen die Fackel aus der Hand und rannte mit verzweifelten Sprüngen den Tieren nach. Rauch und Nebel verschlangen ihn. Das Gerassel der Steine, die sich auf seinem Wege lösten, ging unter im Sausen des Windes, im Geprassel und Krachen des brennenden Waldes.
»Mazegger! Mazegger!« schrie Lo in der Todesangst, die sie empfand um diesen verlorenen Menschen. Sie schrie und schrie. Keine Stimme gab Antwort. Und das Brüllen der Rinder war verstummt dort unten. Nur über den See herüber klang noch das Röhren einzelner Tiere, die bergaufwärts flüchteten, den Felsen zu.
»Mazegger!«
Sie wollte folgen, hoffte, ihn noch hindern zu können, den Weg der toll gewordenen Tiere zu nehmen. Aber dichter Rauch umwirbelte sie, der sie fast zu ersticken drohte. Wohin sie auch ihren Weg nahm, überall loderte ihr das wachsende Feuer entgegen, das den Waldsaum schon übersprungen hatte und die Latschen ergriff.
»Mazegger! Mazegger!« schrie sie noch immer, bis ihr die Stimme versagte.
Rauch und Flammen trieben sie zurück. In Qualm und Nebel wußte sie nicht, wohin sie geriet — sie merkte nur plötzlich, daß ihre Füße in Wasser traten. DerSee! Da ihre Kräfte zu erlöschen drohten, bückte sie sich, schöpfte Wasser mit den Händen und trank und kühlte das Gesicht. Im jagenden Winde flogen schon die glühenden Funken über sie her, als sie die seichte Bucht durchwatete und wieder das Ufer gewann. Während sie hineilte über den ebenen Rasen, kam's mit Keuchen und Schnauben hinter ihr nachgerannt.
»Hansi!«
Zitternd drängte sich das Grautier an seine Herrin, als wäre Hilfe bei ihr.
Noch einmal schrie sie den Namen des Jägers in den wallenden Rauch. Als sie keine Antwort hörte, klammerte sie sich an die Hoffnung, daß er den rettenden Weg gefunden hätte, den ihr das wachsende Feuer verschloß. Ihr blieb nur dieser einzige Weg noch, dieser unmögliche: über die Berge hinauf, um den Paß in das andere Tal zu gewinnen. Ein Weg, auf dem in der Finsternis der tödliche Sturz sie erwartete bei jedem Schritt. Sie mußte ihn versuchen, es gab keinen anderen. Wohl dachte sie einen Augenblick daran, im höheren Felsental eine geschützte Stelle zwischen kahlem Gestein zu finden. Aber der Rauch, der sich dichter und dichter herwälzte über den See, mußte, wenn die grünen Latschenfelder bis hoch hinauf ins Glühen kamen, das ganze Tal erfüllen und alles atmende Leben ersticken.
Sie faßte den Halsriemen des Esels, um das Tier mitsich fortzuführen. Es sträubte sich und wollte nicht von der Stelle. Immer wieder, unter Zittern und Schnauben, drehte es den Kopf nach dem brennenden Wald zurück. Lo zerrte am Riemen. Ein paar Schritte folgte das Tier mit Zögern. Dann plötzlich, als hätte es die Absicht seiner Herrin verstanden, hätte begriffen, welchen rettenden Weg es zu suchen galt, begann es zu traben, immer rascher, das Mädchen mit sich fortreißend, das an den Riemen geklammert hing. Den auch bei Tag nur schwer erkennbaren Steig, der über die steilen Latschengehänge emporführte zu den Felsenkaren, hätte Lo wohl nie gefunden bei diesem unruhigen Wechsel zwischen trüber Feuerhelle und rauchschwarzer Finsternis. Die nachtsehenden Augen des Tieres fanden ihn. Schnaubend zerrte es seine Herrin mit sich hinauf, eine Latschenhöhe nach der anderen überwindend, bis sie das kahle Gestein erreichten. Da blieb es stehen, erschöpft und mit vorhängender Zunge. Es wollte nicht weiter, legte sich auf die Steine nieder und begann an seinen Knien zu lecken.
Auch Lo war atemlos zu Boden gesunken. Mit dem Rücken an das Tier gelehnt, halb erstickt vom Gewirbel des Rauches, hielt sie die Fäuste auf ihre kämpfende Brust gedrückt. Ein brausender Windstoß jagte den Rauch, und vor den Augen des Mädchens lag es dort unten wie eine lodernde Hölle. Der ganze Sebenwald eine einzige ungeheure Flamme! Rings um den Seeher brannten schon alle Latschenfelder, bald in rote Glut versinkend, bald wieder aufleuchtend mit weißem Feuerglanz, wenn der Wind darüber hinfegte. Aus diesem Glutfeld ragte eine dunkel qualmende Säule hervor: der Harfenbaum, der den Flammen noch widerstand — und daneben loderte eine hohe Feuergarbe: das brennende Seehaus.
Als Lo diese Flamme sah, sprang sie auf mit schluchzendem Schrei. »Vater! Unser Haus! Deine Blumen!« Tränen stürzten aus ihren Augen, und in der ersten Marter dieses Anblicks machte sie ein paar Schritte gegen das Tal, als könnte sie noch retten, diesen Flammen noch wehren. Wehender Rauch quoll ihr entgegen, schwarz und schwer, das Bild des Brandes verhüllend.
Sie rang nach Atem, einer Ohnmacht nahe. Schon wollte sie mit taumelnden Sinnen zu Boden sinken. Da richtete sie sich wieder auf und streckte mit zitterndem Laut die Arme in das Dunkel. Ihr war, als stünde der Vater vor ihr, in heller Sonne, ruhig und lächelnd. Und sie hörte seine Stimme, mit jenem gleichen Klang der Liebe, wie einst: »Komm, Lo! Meine liebe, gute kleine Lo!« Er reichte ihr die Hand, als wollte er sie führen. Sie meinte diese Hand zu fassen, sie fühlte ihren Druck — und da war's nicht mehr ihr Vater, es war ein anderer, der vor ihr stand, ein Leuchten in den Augen, mit der gleichen Liebe im Ton der Stimme: »Lo! So komm doch!«
»Heinz!« In Schmerz und Freude schrie sie diesen Namen. Da war alles verschwunden, was ihr fieberndes Blut und ihre erregten Sinne gesehen hatten. Doch in ihren Gliedern war neue Kraft, neuer Wille zum Leben.
Bei dem matten Feuerschein, der das zerfahrene Gewölk durchschimmerte, erkannte sie im Felsenkar den Steig, den sie gehen mußte. Hastig jagte sie, solange der Feuerschein noch währte, durch das öde Kar. Dann umhüllten sie wieder die jagenden Rauchwolken und das Dunkel der Nacht. Tastend mußte sie den Weg suchen. Immer wieder verlor sie ihn und fand ihn immer wieder. Felsen sperrten den Pfad. Das mußte die Wand sein, die sie zu übersteigen hatte. Und dieses Felsband, auf das ihre Füße traten? Das war der Weg, der über die Wand hinaufklomm bis zur Höhe des Passes. Sie stieg und stieg. Immer schmäler wurde das Steinband unter ihren Füßen. Weit hinter sich vernahm sie das Schnauben des Tieres, das ihr folgen wollte, vernahm das Rollen der Steine, die seine Hufe lösten, und jetzt den Fall eines schweren Körpers, der tiefer und tiefer stürzte. Eine Weile noch rasselten die nachrollenden Steine. Dann war es still dort unten.
Sie wollte schreien. Die Stimme versagte ihr.
Jetzt hörte sie in schwarzer Tiefe das Ächzen des sterbenden Tieres. Da schlich auch ihr das kalte Todesgrauen in die Seele. Zitternd hing sie an die Felsen geklammert,während fern das dumpfe Brüllen der letzten, noch irrenden Rinder klang und stickender Rauch immer dichter die finsteren Lüfte füllte.
Kein Laut mehr in der Tiefe zu ihren Füßen, kein Ächzen und Stöhnen mehr. Das Tier war erlöst von seiner Qual.
Da atmete sie auf, den Todesschreck überwindend, der sie befallen hatte. Leise sprach sie ein Wort ihres Vaters vor sich hin: »Tod? Das ist nur ein Wort, nur das letzte Lächeln eines guten Menschen, der mit seinem Leben zufrieden war.«
Sollte ihr Leben auch erlöschen in dieser Nacht, dort unten in schwarzer Tiefe, ferne von Mutter und Bruder — es war doch reich gewesen und schön ohnegleichen, vom ersten, fröhlichen Lachen des Kindes bis zum letzten Gruß jenes einen, der ihre Seele und ihr Herz in seine Hand genommen hatte wie einen Besitz über Leben und Tod hinaus!
Sie flüsterte seinen Namen. Das war ihr wie ein Abschied, den sie nahm von dem geliebten Manne. Nicht für den Tod, fürs Leben nur! Denn sie fühlte, daß sie leben würde. Jetzt, da die Furcht von ihr abgefallen war, konnte sie an den Tod auch nicht mehr glauben. »Mutter! Bruder!« Der Gedanke an diese beiden richtete sie auf. Um dieser beiden willen mußte sie ringen um ihr Leben, stark und mutig, bis zum Erlöschen ihrer Kräfte.
Sie rastete, an die Felsen gelehnt, um ihren Atem in Ruhe zu bringen, und preßte ihr Tuch vor die Lippen, um sich gegen den Rauch zu schützen, der emporquoll über die Felsen. Während sie hinausblickte in die von dunklem Gewirbel erfüllten Lüfte, sah sie nicht das wogende Gewölk und nicht die schwarzen Felsen in der Runde. Sie sah das Kämmerchen des Bruders. Da war es still und dunkel. Dennoch erkannte sie jedes Bild an den Wänden, jedes Gerät, sah den schlummernden Knaben und die wachende Mutter, die in ihrer schlaflosen Immersorge auf die Atemzüge des Buben lauschte. Und Lo vernahm, wie die alte Frau vor sich hinflüsterte: »Gott sei Dank, er schläft, da kann er doch keine Schmerzen haben! Morgen wird sein Fuß wieder gut sein. Und Lo wird kommen. Ach ja!«
»Morgen!« Wie ein heißer Strom der Freude und Sehnsucht rann es ihr durch Blut und Seele. Morgen! Die beiden wiedersehen, morgen im Frühlicht!
Sie erhob sich. Ruhig begann sie sich mit Händen und Füßen an den Felsen hinzutasten, höher und höher klimmend.
»Mutter! Bruder!«
Sie stieg und stieg, bei jedem Schritt um ihr Leben kämpfend, an das sie glaubte.
Unter ziehenden Nebeln erwachte der Morgen über dem Geißtal, über den Tillfußer Wäldern und Almgehängen.
Lange vor dem ersten Grau, schon gegen drei Uhr morgens, war im Försterhäuschen ein Licht lebendig geworden. Als Praxmaler, um seinen Herrn zu wecken, mit der Laterne zum Jagdhaus hinaufging, sah er, daß im Schlafzimmer des Fürsten schon die Lampe brannte, deren Flimmerschein in die vom Nebel durchwobene Dämmerung hinausleuchtete.
Droben pochte er. »Duhrlaucht?«
»Ich danke, ja, ich bin schon wach!«
»Schlecht schaut's aus mit'm Wetter!« berichtete Pepperl durch die geschlossene Tür. »Nebel haben wir. Ich mein', Sie sollten heut daheim bleiben, Duhrlaucht.«
»Nein, ich gehe! Mag das Wetter sein, wie es will!«
»No ja, wenn S' meinen! Aber Gamsbock bringen wir heut kein net heim. Heut marschieren S' umsunst.«
Ein frohes Lachen war die Antwort.
Nebel hin oder her, den freut heut 's Leben! dachte Pepperl, während er die Treppe hinunterging. »Und mich freut's auch!« Es blieb ihm genügende Zeit, umein »Sprüngerl« in die Sennhütte hinunterzumachen. Da konnte er seinem Mädel den Schlaf aus den Augen küssen.
Lachend hob sich Burgi aus ihrem Heubett und schlang die Arme um Pepperls Hals. »So a Bußl beim Aufwachen is ebbes Guts!«
»Halt ja! Gib nur gschwind noch eins her! Auf'n Abend hast mich wieder!«
Es dauerte lang, dieses »gschwinde Bußl«.
Der graue Morgen begann, und durch die im Fluge sich klüftenden Nebel schimmerte ein armseliges Stück des blauen Himmels, als Ettingen vom Jagdhaus herunterkam. Pepperl sah den Glanz in den Augen seines Herrn und dachte: Teufi, Teufi, der muß sich heut angutenPirschgang derwarten, weil er gar so gottsfreudig dreinschaut! Aber solch ein Wind und Nebel! Da hätte Pepperl schwören können: »Wir kriegen nix!« Auf diese Enttäuschung mußte er seinen Herrn vorbereiten. »Schlecht schaut's aus, Duhrlaucht! Heut hab ich net die richtige Schneid auf d' Jagd!«
»Ich auch nicht!« erwiderte Ettingen lachend.
»Gott sei Dank, weil S' Ihnen nur net z'viel derwarten. Und gelten S', ich hab recht ghabt: heut wird's a Hakerl haben mit der Sonn!«
»Mir wird sie scheinen! Kommen Sie nur.«
Sie schritten gegen den Wald hinunter.
Da wurde im Oberstock des Fremdenhauses ein Fenster geöffnet. »Guten Morgen, Heinz! Und Glück auf den Weg!«
Mit seinen »gottsfreudigen« Augen grüßte Ettingen zu dem Freunde hinauf: »Das war lieb von dir!«
Pepperl schüttelte den Kopf und dachte: Glück hat er ihm auch noch gwunschen! Jetzt können wir einpacken! Daß ein so fermer Jäger wie Graf Sternfeldt sich so schwer gegen den Weidmannsbrauch verfehlen konnte! Glück — was Schlimmeres kann einem Jäger nicht gewunschen werden!
Raschen Ganges wanderten die beiden durch das lange Tal. Sie waren schon eine Stunde unterwegs, und der Morgen wurde nicht heller. Wohl klüftete sich manchmal der ziehende Nebel und gab ein Stück der düsteren Wände frei, doch alle Höhen blieben von dunklem Gewölk umlagert. Aus den wehenden Dünsten ging ein dünnes Geriesel nieder, bei dem sich alles wie mit feinem Tau beschlug; und alle Geräusche waren gedämpft: das Rauschen des Baches, die schreienden Stimmen, die man irgendwo in der Ferne von den Almen hörte, und das Geläut und Brüllen der Rinder, die heut in solcher Unruh waren wie nach einem Schneefall, der alles Grün bedeckt.
Immer sorgenvoller wurde das Gesicht des Jägers. Seinen Herrn aber schien das unfreundliche Bild der Landschaft nicht zu verstimmen. Der wanderte immerzu, versunken in stille Gedanken, mit diesem träumenden Lächeln, mit diesem Leuchten in den Augen.
Schon ein paarmal hatte Praxmaler verwundert umhergeguckt. »A gspaßiger Nebel! Der riecht ja wie der Dampf, der von der Kohlstatt kommt!«
Und was war das für ein Rauschen, fern in der Höhe? Sie hatten noch eine Wegstunde bis zum See, da konnte man doch den Wasserfall des Seebaches noch nicht hören? Und waren denn die Leute auf der Sebenalm verrückt geworden? Sie schrien, daß man's auf eine halbe Stunde weit hören konnte! Nun kamen ein paar Kühe in wilder Flucht gerannt. Und im Wald ein Laut, der den Jäger ganz verblüfft machte: der Pfiff einer Gemse. Das begriff er nicht. Gemsen hier unten im Talwald? So tief steigen sie nicht einmal herunter im schwersten Winter!
»Herr Fürst! Ich weiß net, heut muß was los sein! Da saust a Rudel Gams durch'n Wald. Wie kommen denn die Gams da runter?«
Ettingen drängte mit Ungeduld: »So lassen Sie doch die Gemsen! Ich will nicht jagen heut!«
»Net jagen?« Das war für Pepperl von allen Wundern dieses Morgens das größte. »Ja sakra, warum steigen wir denn nacher auffi zum See?«
Er bekam keine Antwort. Und da machte sein Scharfsinn einen Gedankensprung. »Ah, da schau!« Hatte nicht gestern der Förster erzählt, er hätte das Malerfräuleinzum Sebensee hinaufreiten sehen? Und hatte der Fürst nicht gleich darauf gesagt: »Pepperl, morgen machen wir eine Pirsche zum Sebensee?« Er dachte an jenen Morgen im Blumengarten des kleinen Seehauses, dachte an die drei Hirsche im Geißtal, die ihr Leben dem Malerfräulein zu danken hatten, dachte an jene Gewitternacht in der Waldstube dort oben — und dem Praxmaler-Pepperl ging ein Licht auf. »Ah, da schau!« Schmunzelnd musterte er seinen Herrn. Jetzt verstand er auch das Wort von der Sonne, die heute scheinen würde. »Dös glaubst! Die hat freilich Sonnschein in die Äugerln! Da kann der Nebel so dick sein, wie er mag!«
Ein sausender Windstoß riß die grauen Dünste entzwei, und man sah den steilen Tejakopf von einer schwarzen Wolke umlagert.
»Duhrlaucht! Schauen S' da auffi! Was is denn dös für a Gwölk? So pechschwarz kann doch kein Wetter net aufziehen?«
Ehe der Blick des Fürsten die Höhe fand, nach welcher der Jäger deutete, hatte der jagende Nebel die Bergspitze mit ihrer finsteren Haube schon wieder verhüllt.
Sie schritten aufwärts durch den steigenden Wald. Da hörten sie wieder von der Sebenalm die schreienden Stimmen. Jetzt blieb auch Ettingen stehen, wie von einer Sorge befallen. »Praxmaler! Was können die Leute nur haben?«
»Ich kann mir's net denken. Und da müssen mehrLeut beinand sein als wie d' Sennleut und der Hüter! Und wie's in der Luft liegt! Als ob's wo brennen tät! Es wird doch ums Herrgottswillen in der Almhütten kein Feuer net ausbrochen sein!«
Da hörten sie das Keuchen eines Menschen und ein Gerappel von Steinen, als käme einer in wahnsinnigem Lauf über den Steig heruntergerannt.
»Um Christi willen«, stammelte der Jäger, »was is denn?«
Ein Mensch tauchte im Nebel auf. Es war der Sebener Senn. Jetzt stand er vor den beiden, nach Atem ringend, das fahle Gesicht wie mit Ruß bestrichen. Die Augen waren rot verquollen und die Ärmel seiner Joppe von kleinen Brandlöchern durchsiebt, als wäre er durch einen Regen glühender Funken gelaufen. Mit beiden Fäusten packte er den Jäger an der Brust: »Der Förstner? Wo is der Förstner? Ich muß den Förstner haben und d' Holzerleut.«
Ettingen rüttelte ihn am Arm. »Aber Mensch, so sagen Sie doch, was ist denn geschehen?«
»Der Sebenwald brennt. Der ganze Wald bis übern See auffi, alles an einzigs Fuier! 's ganze Jungvieh droben, alles muß hin sein, alles! D' Höll kann net ärger sein! Und 's Fräuln is droben seit gestern! Jesus! Jesus! Sag mir doch, Jäger, wo is denn der Förstner?«
»Mar und Joseph! Draußen im Tillfuß is er! Lauf Senn, lauf ums Himmelswillen, was d' laufen kannst!«
Der Senn wollte rennen, doch Ettingen hielt den Arm des Mannes umkrampft.
»So lassen S' doch aus, Herr!« keuchte der Senn. »Ich muß ja um d' Leut!«
Ettingen rang nach Worten. »Gibt es noch einen Weg —«, die Stimme brach ihm, »einen Weg durch das Feuer, zum See hinauf?«
»Kein' nimmer! 's ganze Seetal is zu mit Fuier! So lassen S' doch aus!« Gewaltsam befreite der Senn seinen Arm und rannte, mit keuchender Stimme betend: »Vater, Vater unser, der du bist im Himmel —« Er verschwand im Nebel. Und Ettingen umklammerte den Ast einer Fichte, als müßte er eine Stütze haben, um sich aufrecht zu halten. Dem Jäger schossen die Tränen in die Augen, als er dieses verstörte Gesicht sah, diesen verzweifelten Blick.
»Jesus! Herr Fürst!«
Ettingen erwiderte keinen Laut. Seine Glieder streckten sich, als wären sie Stahl geworden. »Komm!«
Wortlos eilten sie durch den Wald hinauf und erreichten das Almfeld. Hier lag der Nebel nicht mehr so dicht wie im tieferen Tal. Man sah die Leute, die mit Geschrei umherrannten, um die scheugewordenen Kühe einzufangen — man sah den Wald und über seinenWipfeln den schwarzen, von trübem Feuerschein durchflackerten Qualm, der von Wand zu Wand die ganze Breite des Seetals füllte.
Mit brennenden Augen spähte Ettingen durch die Schleier des Nebels. »Nein! Da gibt es keinen Weg mehr! Nicht durch den Wald hinauf!« sagte er mit erloschener Stimme. »Aber einen anderen gibt es! Sie muß sich vor dem Feuer geflüchtet haben, in die Felsen hinauf! Dort müssen wir sie finden! Wir müssen!« Er eilte den steilen Latschengehängen zu, gegen den Tejakopf, dessen gewaltige Felsenmauer zwischen dem Prantlkar und dem brennenden Seetal aufstieg und in schwarzem Rauchgewölk verschwand.
Erschrocken lief der Jäger seinem Herren nach. »Mar und Joseph! Duhrlaucht! Wo wollen S' denn hin?«
»Hinauf! Dort hinauf! Durch das Prantlkar und über den Paß — den Weg, den wir neulich gingen, als das Gewitter kam — und die schöne Nacht!«
»Da müssen wir links durch'n Wald und von drunt her auffi!«
»Nein! Ich sehe einen Weg ins Kar, der näher ist. Dort hinauf!« Ettingen deutete nach den Latschenbändern, die schräg über die Felswand emporkletterten gegen die Höhe des Kars. »Da sparen wir eine Stunde!«
Praxmaler wischte sich den Schweiß von der Stirn und stammelte: »Um Gottswillen, Duhrlaucht! Da steig ja ich kaum durch. Sie kommen net auffi!«
»Ich muß hinauf!« Ettingen hatte schon den Latschenhang erreicht und begann zu klimmen.
Ohne Widerrede legte der Jäger alles ab, was er trug, die Büchse, den Rucksack, die beiden Wettermäntel — jetzt brauchte er freie Arme, denn er wußte, daß es um das Leben seines Herrn ging.
Sie kamen zum Fuß der Felswand und begannen zu klettern, wortlos, Ettingen immer voran. Mit Sausen stürzten unter seinen Tritten die Steine in die Tiefe — er hatte keinen Blick für sie, seine Augen suchten immer die Höhe. Nie bedurfte er der Hilfe des Jägers, und wenn Praxmaler ratlos innehielt, fand Ettingen immer wieder eine Schrunde im Gestein, einen Tritt, der ihn höher brachte, so rasch, daß der Jäger Mühe hatte, sich dicht hinter seinem Herrn zu halten.
Als sie die Kuppe der Wand erreichten, sah Praxmaler in die schwindende Tiefe, die hinter ihnen lag, und bekreuzte sein Gesicht.
Nur eine kurze Strecke hatten sie noch zu steigen, weniger mühsam, und dann kam über Griesfelder und Latschenrücken ein ungefährlicher Weg in das Kar.
Der Nebel begann sich langsam zu heben. Von der Höhe, auf der die beiden waren, konnten sie den Eingang des brennenden Tales überblicken. Zwischen Qualm und Dämpfen sah man die flammenden Bäume. Auf weite Strecken war der Grund schon kahlgebrannt; balderschienen diese Stellen grau, bald wieder, wenn der Wind die Asche verwehte, waren sie verwandelt in rote Glut. Und die Flammen der Bäume, Rauch und Qualm, die Aschenwolken, alles strebte in jagendem Winde hinauf, dem See entgegen.
Ettingen bedeckte mit den Händen das Gesicht, als könnte er den grauenvollen Anblick nicht ertragen und müßte mit Gewalt die martervollen Bilder ersticken, welche die Angst seines Herzens ihm vor Augen stellte. Noch atemlos, begann er den Weg ins Kar.
»Ich bitt Ihnen«, bettelte der Jäger, »tun S' doch a bißl rasten!«
Ettingen schüttelte den Kopf.
Sie stiegen eine Stunde. Je näher sie im Kar der letzten Grieszunge kamen, von deren Ende der Steig über brüchige Wände hinaufkletterte zum Paß, desto ungeduldiger wurden die Schritte des Fürsten, obwohl ihm Atem und Kräfte schon fast zu Ende gingen. Auch der Jäger war so erschöpft, daß er die letzte Kraft seiner Glieder geben mußte, um sich an der Seite seines Herrn zu halten.
Einer steilen Felswand nahe, ging der Weg zwischen mächtigen Felsblöcken, die ein Bergsturz über das Griesfeld geworfen hatte. Wohl war der Nebel gestiegen und hatte sich schon über Tal und Berg zu einer regungslosen Decke gesammelt, aber das ganze Kar lagverschleiert vom dünnen Geriesel der Asche, die aus den Lüften fiel, und vom Rauch, der drüben aus dem brennenden Seetal aufstieg und im Kar sich wieder niedersenkte über die Wände.
Nur einen Weg von wenigen Minuten hatten sie noch bis zu der Stelle, wo der Paßweg beginnen mußte, und Ettingen suchte ihn schon mit brennenden Blicken. Da rollten Steine aus der Wand herunter, an der sie vorüberschritten. Im gleichen Augenblick riß der Jäger seinen Herrn hinter einen Felsblock und stammelte: »Mar und Joseph! Nur um Gottswillen kein' Laut nimmer! Da schauen S' auffi!«
Hoch über dem Griesfeld, in der steilen Felswand, die pfadlos schien, bewegte sich unter dem Schleier des Rauches langsam eine Gestalt.
»Lo!« glitt es mit ersticktem Klang über Ettingens Lippen. Sein erstes Gefühl war ein Sturm von Freude. Sie nur wiederzusehen! Lebend! Doch dieser Rausch der Freude ging ihm unter in einem Grauen, das ihn fast um die Sinne brachte. Jeder Schritt an dieser Wand war ein Schritt in den Tod. Ettingen streckte die Arme. Nur helfen, helfen, dieses stürzende Leben schützen! Kein anderer Gedanke war in ihm. Er wollte schreien: Ich komme, Lo!— doch seine Stimme war nur ein Lallen. Und da preßte ihm der Jäger die Hand auf den Mund und riß ihn zurück und flüsterte: »A Laut, Herr Fürst, und Sie bringen dös Fräuln um! Da gibt's kein Helfen,wir stehen da mit leere Händ, ohne Seil und Eisen, ohne alles! Sie muß allein da runter. Da hilft ihr keiner, bloß die eigne Kraft. Und schauen S' auffi, wie's jeden Schritt probiert in aller Ruh! Sie derzwingt's! Passen S' auf, sie derzwingt's! Aber a Laut von Ihnen — a Merk von ihr, daß wer da herunten steht, und Sie grad, Sie, Herr Fürst — und sie hat ihr Ruh verloren und —« Der Jäger sprach das Wort nicht aus, das ihm schon auf der Zunge lag. »In Rauch und Nebel hat s' den Steig verfehlt und hat sich in der Wand verstiegen. Jesus, Jesus, was muß dös Fräuln für an Weg gmacht haben in der Nacht!«
Nun standen sie regungslos hinter dem Felsblock und spähten durch den ziehenden Rauch in die Wand hinauf. Sie sprachen kein Wort mehr, aber es hämmerte unter ihren Rippen, daß einer den Herzschlag des anderen hören konnte. Mit beiden Händen klammerte Ettingen sich an den Fels und biß die Zähne übereinander, um auch den Ton seines Atems noch zu ersticken. Immer wieder schloß er die Augen, als ginge die Marter dieses Anblicks über seine Kräfte, und immer wieder spähte er hinauf mit einem Blick, in dem seine Seele war, seine Angst und sein Hoffen. Fielen Steine aus der Wand, dann zuckte er zusammen, als träfe ihn jeder Steinschlag ins Leben. Sie schwirrten und sausten, diese stürzenden Steine, und wenn sie das Griesfeld erreichten, machten sie weite Sprünge. Der Staub, den sie aufwirbelten,dampfte an der Felswand empor und mischte sich mit den Schleiern des braunen Qualmes. Der umhüllte bald die Verirrte in der Wand, bald gab er sie wieder frei. Mit ausgebreiteten Armen, die Brust an die Felsen schmiegend, suchte sie Tritt um Tritt. Manchmal blickte sie über die Schulter in den Abgrund, wie um den Weg zu messen, den sie noch finden mußte. Tiefer und tiefer kam sie, und eine glattgeschwemmte Wasserfurche überspringend — Ettingen zitterte, als sie sprang — erreichte sie ein Steinband, das ihr sicheren Grund für die Tritte gab. Sie ging, bis das Band zu Ende war. Dann rastete sie, lange, lange, um ihre Kraft für dieses letzte und schwerste Stück des Weges zu sammeln. Schräg nach abwärts hatte sie eine Felsplatte zu überqueren, die nur von wenigen Rissen durchzogen war und so kahl erschien, daß der Blick, der aus der Tiefe hinaufspähte, kaum einen Vorsprung fand, auf dem ein Fuß hätte ruhen können.
»Unmöglich! Das ist unmöglich!« hauchte Ettingen. Sein Gesicht war weiß.
»Nur Ruh, Herr Fürst, nur Ruh ums Himmelswillen!« flüsterte der Jäger. »Von droben schaut's besser aus als wie von unt auf! Und sie derzwingt's, und alles is gut!«
War dieses Schwere überwunden, dann war's gewonnen. Unter der Felsplatte winkte ein Rasenfleck, auf dem sie sicher stehen konnte. Wohl war dann dasletzte Stück des Weges bis auf den Sand hinunter noch immer gefährlich, aber die Felsen boten hier feste Kanten für den Fuß und Schrunden für die greifenden Hände.
Noch immer rastete Lo. Während sie die Arme um einen Felszacken geschlungen hielt, prüfte sie vorgebeugten Kopfes schon den Weg, den sie nehmen mußte. Nun wollte sie ihn beginnen. Man sah, wie ihre Gestalt sich streckte und ihr Arm sich zögernd von dem stützenden Schrofen löste.
Praxmaler umklammerte die Hand seines Herrn, als hätte er Sorge, daß die Seelenangst, die ihm aus Blick und Zügen redete, in diesen entscheidenden Minuten durch einen Ruf, durch eine unvorsichtige Bewegung sich verraten könnte. Doch Ettingen stand regungslos und stumm, wie zu Stein verwandelt. Auch sein Atem schien erloschen. Nur seine Augen lebten noch und griffen hinauf mit ihrem Blick, wie die Angst mit Armen und Händen greift.
Dicht angeschmiegt an den Fels, machte Lo mit ruhiger Vorsicht den ersten Schritt in die Platte, einen zweiten und dritten. Während sie mit der einen Hand immer angeklammert hing an einer Schrunde, fühlte sie mit der anderen gleitend am Gestein hin, um einen neuen Halt zu finden. Zwei Schritte noch. Dann hielt sie rastend inne, mit ausgebreiteten Armen, wie an den Fels gekreuzigt. Wieder begann ihr Fuß zu tasten, ihre Handzu suchen, denn sehen konnte sie nicht, da sie mit Körper und Wange sich an die steile Mauer pressen mußte, um das Gleichgewicht zu halten. So erkämpfte sie Schritt um Schritt, immer rastend und wieder klimmend. Oft tastete sie mit Hand und Fuß eine lange Weile am Felsen hin, bis sie einen Tritt und einen Griff zu finden vermochte. Schon hatte sie die Hälfte der Platte überquert, und immer näher kam sie dem Rasenfleck, der sich mit festem Sockel aus der Wand herausbaute. Doch immer kürzer wurden ihre Schritte, immer langsamer und müder suchte ihr Fuß, und immer länger währte ihre Rast, als gingen ihre Kräfte zu Ende.
»Sie zittert!« hauchte Ettingen und krampfte die Hände um die Kante des Felsblockes.
Beängstigend lange hing Lo in der Felswand an eine aus der Tiefe kaum erkennbare Rinne geklammert. Dann machte sie ein paar hastige Schritte, und nun war sie nur noch durch einen schmalen Felspfeiler von dem Rasen getrennt.
»Nur Ruh, Herr Fürst! Sie gwinnt!« stammelte der Jäger. Die Hoffnung, die er seinem Herrn einredete, schien ihm selbst zu fehlen. Er betete flüsternd: »Lieber Herrgott, hilf ihr die paar Schritteln, nur die paar Schritteln noch!«
Unruhig tastete Lo mit dem Fuß. Immer schwerer schien ihr Körper an den Armen zu hängen. Nun fand ihr Fuß den gesuchten Tritt. Als sie sich vorschob undausgriff mit der Hand, wich der Stein, auf den sie getreten war — ein leiser Schrei — und während sie schon taumelte, wagte sie den rettenden Sprung —
Mit stöhnendem Laut stürzte Ettingen der Felswand zu. Da klang hinter ihm ein Jubelschrei des Jägers.
Sausend flog der gelöste Stein aus der Wand herunter, doch Lo hatte im Sprung den Rasen gewonnen. Sie sank in die Knie und wollte sich an den Fels lehnen. Hatte sie den Schrei dort unten gehört und den Menschen erkannt, der mit erhobenen Armen über das Schuttfeld emporstürmte? Oder löste sich, da sie an die Rettung glauben durfte, die gewaltsame Spannung ihrer erschöpften Kräfte zu einem Anfall jäher Schwäche? Ihr Kopf glitt am Felsen hin. Lautlos sank sie auf den Rasen nieder und regte sich nimmer.
»Sie ist ohnmächtig! Hinauf!« schrie Ettingen wie von Sinnen. »Praxmaler! Hinauf! Hinauf!«
Ehe der Jäger den Fuß der Wand erreichen konnte, war Ettingen über das zerklüftete Gestein schon halb bis zum Rasen emporgeklettert. Er hörte die erschrockenen Worte nicht, die Praxmaler ihm zuschrie — er stieg und stieg. Jetzt erreichte er die Bewußtlose. »Lo! Lo! Meine Lo!« Der Rausch von Freude, der ihn erfüllte, als er ihre Hand erfassen konnte, verwandelte sich in neue Sorge. Wie schmal dieser Rasen war! Eine Bewegung im Erwachen, und sie mußte stürzen. Aus Angst und Liebe wuchs ihm die Kraft, daß er das fast Unmöglicheversuchte: die Ohnmächtige über die steilen Felsen hinunterzutragen. Den einen Arm um einen Schrofen klammernd, zog er mit dem anderen die Bewußtlose an sich. Sie fiel ihm schwer entgegen. Wie leblos lag ihm ihr Kopf auf der Schulter.
Da stand schon der Jäger dicht unter ihm und stemmte den Arm an eine Kante der Felsen. »Da können S' drauftreten, Duhrlaucht! Meine Knochen halten aus.«
So stiegen sie langsam hinunter. Für jeden Schritt des Fürsten suchte der Jäger eine feste Kante am Gestein, stützte ihn mit der Schulter oder hielt ihm bald den Arm, bald wieder die Fäuste oder das Knie als Staffel hin.
Als sie den sicheren Grund erreichten, taumelte Ettingen und ließ sich niederfallen auf den Sand. Aber er fühlte die eigene Schwäche nicht, nur den Jubel, die Geliebte gerettet zu wissen, sie so zu halten, in seinen Armen, an seiner Brust. »Meine Lo!« Ein anderes Wort fand er nicht, während er wie ein Irrsinniger ihre geschlossenen Augen küßte, ihr Haar und ihre Stirne.
Der Jäger stand vor den beiden, erschöpft, verlegen lächelnd. Dabei leckte er mit der Zunge von seiner Hand das Blut fort, das ihm über die Finger tropfte. Und dann sprang er zu den Felsblöcken hinunter, um mit dem Hut von dem Wasser zu schöpfen, das zwischen den Steinen rann. Vorsichtig brachte er den vollen Hutgetragen. »Da haben S' Wasser, Herr Fürst! Sie müssen 's Fräulein a bißl derfrischen!«
Als Ettingen aufblickte, sah er das Blut an den Händen des Jägers.
»Praxmaler! Ihre Hände!«
»No ja, natürlich, Sie haben halt a bißl scharfe Nägel an die Schuh. Macht nix! Ich hab eh a wengerl z'viel Blut im Leib. So a kleiner Schröpfer is mir gsund. Aber jetzt denken S' net an mich —«
»Wie soll ich Ihnen diese Stunde danken!«
»Was? Danken? Dös wär mir 's richtige: auf die Fünfhundert und auf'n Oberjager auffi! Aber da hab ich 's Wasser! Brauchen S' a Tüchl! Na, um Gottswillen, wie 's Fräuln ausschaut!«
Erst bei diesem Wort des Jägers bekam Ettingen Augen, um zu sehen. »Ach!« Das war ein Laut, als würde ihm das Herz zerdrückt. Mit zitternden Armen preßte er die Ohnmächtige an sich, schmiegte ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr das Haar und die Wange. Wie müd und erschöpft ihr schönes Antlitz war, wie entstellt von Rußflecken und vom Staub der Asche! »Und ihre lieben Hände!« Sie waren grau vom Steinsand, wund von Rissen, fast alle Nägel gebrochen und mit Blut unterlaufen.
Wie ein Schwindel überkam es ihn, als er sein Tuch in das Wasser tauchte, das ihm der Jäger hinbot. In scheuer Zärtlichkeit blies er die Asche aus Lolos Haar,wusch ihr den Ruß vom Gesicht und streifte ihr immer wieder das nasse Tuch über Stirn und Augen. Sie erwachte nicht, doch ihr Atem begann sich zu beleben. Er wusch ihr die Hände, küßte jede Wunde. Und während der Jäger fortlief, um frisches Wasser zu holen, nahm er sie wieder in seine Arme.
Ein stockender Atemzug erschütterte ihre Brust. Sie schlug die Lider auf.
»Lo!«
Sie sah das Gesicht, das sich in Glück und Sorge über das ihre beugte, fühlte schauernd den Druck der Arme, die sie umschlungen hielten, und trank den Blick der Liebe, der auf ihr ruhte. Dann lächelte sie müd und schloß die Augen wieder, als wüßte sie: das ist ein Traum, der verschwinden muß, wenn ich wache und mit offenen Augen sehe!
»Lo! Kennst du mich nicht? So sieh mich doch an!«
Sie öffnete die Lider.
»Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!«
Da hörte sie es wieder: das Wort ihres Vaters! Mit dem gleichen Ton der Liebe! Nur süßer, zärtlicher noch, durchweht von einer Glut, die hinüberschlug in ihr Herz und ihr das Blut in die bleichen Wangen trieb. Als sähe sie ein Wunder, dessen Wahrheit sie fühlte und an das sie doch nicht glauben konnte, so hob sie zögernd die Arme und faßte scheu mit beiden Händen die Wangendes geliebten Mannes. Ein Zittern rann durch ihren Körper. »Du!« Und nun schlang sie die Arme um seinen Hals, stark und heiß, und hing an seinen Lippen, als tränke sie neues Leben aus seinem Kuß. Dann schloß sie mit leisem Lächeln die Augen und sank an seine Schulter hin, als wollte sie schlummern.
Er streichelte ihr Haar. »Du Starke, du Mutige du! Was hast du überkämpft in diesen grauenvollen Stunden! Was mußt du erlebt haben in dieser entsetzlichen Nacht!«
Ohne die Augen zu öffnen, flüsterte sie: »Ich weiß es nimmer — ich weiß nur, wasjetztist — und das ist schön!«
»Und ich schlief in dieser Nacht und träumte von meinem Glück, während du —« Er konnte nicht weitersprechen. Der Gedanke an alle Gefahr, die in dieser Nacht auf jedem Schritt mit ihr gegangen, machte ihn zittern bis ins Herz. »Ich habe nur dieses Letzte gesehen. Und nicht einmal helfen hab ich dir können! Das sehen zu müssen, so hilflos! Jeder Blick war wie ein Tod für mich. Am Morgen, als ich mein Haus verließ, um dich zu suchen, da wußt ich, daß ich dich liebe. Aber erst in diesen Stunden der Angst und Verzweiflung hab ich's empfunden, wieviel du mir bist, und daß ich nicht leben könnte ohne dich!«
Sie lauschte seinen Worten wie der Dürstende dem Quell, den er rauschen hört.
Daß sie so stumm war, das weckte seine Sorge wieder. »Lo? Wie fühlst du dich? Ist dir wohl?«
Sie lächelte und atmete tief.
»Warum siehst du mich nicht an?«
Da schlug sie die leuchtenden Augen zu ihm auf.
»Sag es mir, Lo! Bist du mir gut?«