Anlage 2Abdruck des Folioblattes:Hamburger Quartiersleute
Ein Stück echt hamburgischen Gewerbes, das nicht nur seinen uralten Charakter, seine ererbten Sitten, seine sprüchwörtlich gewordene Ehrlichkeit und Treue, sondern auch seine äußere Erscheinung, der wechselnden Mode zum Trotz, bis auf den heutigen Tag beibehalten hat, bilden die Hamburger Quartiersleute.
In schwarzer Tuchjacke mit massiven silbernen Knöpfen und rindsledernem Schurzfell repräsentieren sie immer noch den althamburgischen, wohlbewährten und zuverlässigen Arbeiter, dem der Kaufmann sein Hab und Gut, soweit dasselbe in Waren und Kaufmannsgütern besteht, unbesorgt anvertraut, in der unzweifelhaften Überzeugung, daß sein Interesse und sein Vorteil, in welcher Beziehung es auch immer sei, in gute und sachkundige Hände niedergelegt ist.
Die Quartiersleute verdanken ihren Namen dem Umstande, daß gewöhnlich vier derselben ein Konsortium bilden, das gemeinschaftlich eine kleinere oder größere Zahl von Kaufleuten zur festen Kundschaft hat, deren Speicherarbeiten sie selbst und erforderlichen Falls unter Beihilfe von Arbeitsleuten, den sogenannten Eckenstehern, verrichten.
Der Kaufmann, der eine Partie oder eine Ladung irgend welcher Güter empfängt, überläßt es seinen Quartiersleuten, dieselben von der Schute aus, vom Lastwagen, von der Eisenbahn, oder mit welchem Transportmittel sie sonst geliefert werden, ab und in seinen Speicher aufzunehmen. Doch nicht allein der Transport, die Lagerung und Ablieferung liegt dem Quartiersmann ob, beim Empfang hat er sich von der Richtigkeit der Marken und Nummern der Colli zu Überzeugen, das Gewicht derselben festzustellen, den Zustand der Emballage und den Inhalt jedes einzelnen Gegenstandes zu prüfen und eventuell stattgefundene Ramponagen und Beschädigungen zukonstatieren. Über alle diese einzelnen Punkte hat er ein genaues, gewissenhaft aufgenommenes Register zu führen und dem betreffenden Kaufmann aufzugeben. Bei Einkäufen und Empfangnahme von Waren muß er Proben beurteilen und mit der Ware vergleichen, bei der Ablieferung hat er ebenso genau und gewissenhaft den Abgang zu registrieren. Umpacken, Sortieren der beschädigten Teile von den guten sind alles ihm obliegende Aufgaben; in den Speichern und Warenlägern überhaupt ist er die rechte Hand des Kaufherrn, der, auf seine Zuverlässigkeit und Fachkenntnis bauend, ihn in allen einschlägigen Angelegenheiten schalten und walten läßt, wie er es am angemessensten findet.
Der Quartiersmannsdienst ist in den weitaus meisten Fällen ein einträglicher und wird es auch noch lange bleiben, weil, wenn auch neuere Unternehmungen für billige Preise arbeiten, die Kaufmannschaft nicht wegen einer Ersparung am Lohne weniger fachkundigen und vertrauenswerten Händen die von den Quartiersleuten und ihren Arbeitern vollführten Arbeiten überlassen wird. Ein Quartiersmannsdienst ist ein wertvoller Besitz, der sich vom Vater auf den Sohn, oder auf die Familie vererbt, die denselben, wenn sie ihn nicht durch einen ihrer Angehörigen fortführen kann oder will, oftmals für eine beträchtliche Summe, die die Höhe von Tausenden Marken erreicht, einem Dritten überläßt, der dann in alle Rechte des früheren Besitzers eintritt, wozu aber die Zustimmung der übrigen Teilhaber des Quartiers erforderlich ist, da ihre gemeinsame Ehre und ihr gemeinschaftliches Interesse bei der Gewinnung eines ebenso tüchtigen als ehrenwerten neuen Konsorten in Frage kommt.
Viele dieser Leute haben sich im Laufe der Zeit ein Vermögen erworben, das sie wohl befähigen würde, in glänzender Stellung ein bequemes Leben zu führen, was jedoch sehr wenige benutzen, da ein echter ergrauter Quartiersmann viel zu sehr an rastlose Tätigkeit und den Umgang mit dem Arbeiterstande, dem er entstammt und dem er lange Jahre seines Lebens angehört hat,gewöhnt ist, um sich in seinen alten Tagen auf die faule Bärenhaut zu legen.
Mit seinem Schurzfell und seiner Jacke kommt er ebensowohl zu seiner Arbeit, auf seinen Speicher als auf das Comptoir seines Kaufherrn oder in die Börse. Überall wird er mit gleicher Achtung, mit gleichem Ansehen gern gesehen und willkommen geheißen, sein biederes, schlichtes Wesen verschafft ihm überall gleichen freundlichen Empfang, der durch das gewöhnlich bei ihm vorhandene oder doch vorausgesetzte Vermögen umsomehr an Herzlichkeit gewinnt, als der Hamburger den materiellen Besitz als den Hauptgrundstein zur Menschenwürde zu betrachten geneigt ist.
Wie der Volkswitz überall den niederen Ständen, ist er auch in Hamburg ganz besonders dem Arbeiterstande eigen und der Hamburger Volkswitz versäumt nicht, jede Sache oder jede Person, mit der er in Berührung kommt, mit einem mehr oder minder zutreffenden, jedenfalls aber drastischen Namen zu bezeichnen. So haben denn auch die Quartiersleute dem Schicksal nicht entgehen können, ihre „Ökelnamen“ zu erhalten, die, obgleich in mancher Weise nicht mehr zutreffend, sich von Generation auf Generation vererbt haben und so populär sind, daß kaum ein Arbeitsmann oder ein Ewerführertagelöhner ein Quartier zu finden wüßte, wenn es bei dem Namen seines ältesten Inhabers, wie dies im Adreßbuch gebräuchlich, nicht aber bei seinem sogenannten „Ökelnamen“ genannt wurde.
Kein Hamburger, der mit den Quartiersleuten mehrfach zu tun hat, wird im Zweifel sein, wen wir meinen, wenn wir hier eine Reihe von Namen nennen, die nirgendwo als offizielle aufgeführt sind und dennoch jeder Einzelne ein Quartier bezeichnet.
Da sind zuerst die „Krindlers“, deren Hauptinhaber bei der Schillerfeier und der Märzfeier ebenso wie bei den Sammlungen für die Notleidenden in Ostpreußen die Leitung übernahm und überall mit gutem Beispiel voranging und der deshalbauch stillschweigend als der Senior des löblichen Gewerbes anerkannt worden ist.
Ein anderes Quartier, früher „Melkers“ genannt, hat sich geteilt und demgemäß die Namen „Rohmmelkers“ und „Watermelkers“ oder „Zegenmelkers“ erhalten. „Smökers“, „Puttlüd“, „Schosters“, „Stohlmakers“, „Höhnerplückers“, „Korfmakers“, „Kaffeebrenners“, „Fielers“, „Wustmakers“, „Kugelers“, „Wullkosacken“, „Theebuurn“, „Krahnlüüd“, „Kutschers“, „Slachters“, „Jägers“, „Plackenhauers“, „Nadelmakers“, „Solospeelers“, „Bültenhauers“, „Wullmüüs“ und „Sackneiers“ sind Namen, die entweder in der früheren Beschäftigung ihrer Träger, oder in dem Artikel, worin die mit diesem Namen benannten Quartiere vorzugsweise arbeiten, ihre Begründung finden mögen. Weniger harmlos sind Namen wie „Höllenjägers“, „Thünbüdels“, „de Trübsinnigen“, „de Möden“, „de Duhnsupen“, „de Heiligen“, „Grotsnuten“, „Doodsmieters“, „Minschenschinners“, „Lüttsnuten“, „Barmherzigen“ usw. Dem Tierreich entlehnt sind die Bezeichnungen „Wanzen“, von denen es gar zweierlei gibt, die „Dacklünken“, „Witten Hunn“, „Wilden-Swien“, „Löwen“, „Swienhunn“, „de Hasen“ (wovon übrigens sich alle bis auf einen schon verlaufen haben), „Bunten Höhner“, „de Bück“, „Eseltreckers“, „Imm“ (Bienen), „Müüs“ oder „Rotten“, „Luus un Floh“, „de Kreihers“ (Kräher) und „de vierspännigen Ratten“.
Der Körperbeschaffenheit, resp. dem Aussehen ihres Gesichts verdankten ihre Namen die „Magern“, „de Veerkantigen“, „de lütten Roden“, „Söte Jungs“, „de Fienen“, „de Scheeben un Graden“, „Veilchenblauen“, „dat Armenspann“, „de scheeben Hamborgers“, „Scheef un Liek“ u. a. m. — „Franzosen“, „de Engelschen“, „Möhlenbrückers“, „Coldorpers“, „Bayern“, „Hollanders“, „dat Judenspann“, „Harborgers“ un „de drögen Franzosen“ bezeichnen diejenigen, welche vorzugsweise mit dieser Nation zu tun haben; das „Dreespann“ fährt stets zu dreien, die „Manchestern“ sind an ihren Hosen von diesem Stoff und „Spring um Stender“ ihrer Gewandtheit wegenkenntlich. „Nagelbüdel und Consorten“, „Seelenkinners“ und „Schultenhöbers“ Namensursprung mag schwer zu entziffern sein, womit wir denn die Liste schließen wollen, ohne die „Schimmels“ zu vergessen, deren weißhaariges Oberhaupt seinem Quartier diesen Namen eingetragen hat.
VonJ. D. J. Pingel Senior1880.
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