2. Kapitel:Die beiden Freunde.
Und doch kamen Menschen.
Eines Tages zogen zwei Menschen in das böse Land ein. Sie hatten große, wirre Bärte und eine Flinte über der Schulter, hohe Stiefel und alte, verschlissene Kleider. Man konnte sehen, daß sie von weit her kamen und eilig marschiert waren;und von Zeit zu Zeit drehten sie sich um, als fürchteten sie, daß jemand sie verfolgen werde.
Es waren zwei Freunde, die sich auf der Flucht befanden.
Der ältere von ihnen hatte ein Verbrechen begangen und darum im Gefängnis gesessen. Dort sollte er noch viele Jahre bleiben. Aber der jüngere liebte ihn und konnte es nicht ertragen, daß es dem andern so schlecht gehen sollte. Er begann daher, darüber nachzusinnen, wie er den Freund befreien könne; und schließlich fand er einen Ausweg. Mit seiner Hilfe brach der Gefangene aus, und im Dunkel der Nacht flohen sie beide, um ein Land zu suchen, wo niemand sie kannte, und wo sie in Frieden zusammen leben konnten.
Flüchtende Freunde
„Jetzt sind wir außer Gefahr,“ sagte der Jüngere und blickte sich in dem bösen Lande um. „Hier sieht es aus, als hätte noch keines Menschen Fuß dieses Land je betreten; und sicherlich wohnt hier niemand. Unsers Bleibens ist hier nicht, denn hier ist nicht gut sein. Aber ausruhen wollen wir heut nacht und Kräfte sammeln und morgen weiterziehen.“
Sie ließen sich in dem Tale, in dem sie gerade waren, nieder und blickten vor sich hin. Der Jüngere sammelte Moos und machte davon ein Kopfkissen für seinen Bruder.
„Leg’ dich schlafen!“ sagte er.
„Du bist ja gleichfalls müde,“ erwiderte der andre.
„Schlafe du zuerst,“ sagte nun der Jüngere. „Ich will inzwischen wachen.“
Der Ältere dankte ihm und legte sich zum Schlafe nieder. Doch kaum hatte er seine müden Augen geschlossen, als der andere einen lauten Schrei ausstieß. Der Ältere fuhr empor und griff nach seiner Büchse, in dem Glauben, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen seien. Aber der Jüngere zeigte nur sprachlos auf eine Stelle dicht in der Nähe.
Dort lag der Goldklumpen.
Er war ja ziemlich groß und hatte einen schönen Glanz! Aber in den Augen der beiden Männer wurde er doch noch hundertmal größer und bekam einen viel, viel stärkeren Glanz. Eine Weile saßensie schweigend da und starrten den Klumpen an. Dann sprangen sie auf und setzten sich jeder auf eine Seite des Goldklumpens. Sie rührten ihn mit den Händen an und versuchten, ihn in die Höhe zu heben; sie brachten es kaum fertig. Um zu sehen, ob nicht vielleicht eine Sinnestäuschung, ein Traumbild sie narrte, schlossen sie die Augen und öffneten sie dann wieder. Alle Müdigkeit war von ihnen gewichen, und ihre Gesichter leuchteten mit dem Gold um die Wette.
„Jetzt sind wir reiche Leute!“ sagte schließlich der Ältere.
Der andere lachte vergnügt.
„Zuerst wollen wir mein Verbrechen mit Gold büßen,“ fuhr jener fort. „Sonst werd’ ich nicht wieder froh werden. Und es wird doch noch genug übrig bleiben.... ein ungeheures Kapital. Wenn wir es vernünftig anwenden, können wir noch mehr verdienen... Wir werden die reichsten Leute der Welt, bevor wir sterben.“
„Ja,“ sagte der andre.
„Glaubst du, daß es in der Welt einen größeren Goldklumpen gibt als diesen?“ fragte der Ältere.
„Nein,“ erwiderte der Freund.
So redeten sie weiter miteinander. Meistens sprach der Ältere... der Jüngere gab nur einsilbige Antworten; er konnte die Augen nicht von dem Goldklumpen abwenden. Es wurde Nacht, und die kalten Sterne blickten auf sie herab.
„Einer von uns muß wachen,“ sagte der Ältere. „Hier ist’s öde und leer, aber jetzt steht mehr als das Leben, jetzt steht unser Glück auf dem Spiel. Undman kann nie wissen, ob nicht jemand kommen und uns unsern Schatz rauben will.“
„Schlaf du,“ entgegnete der Jüngere.
Da legte sich der Ältere nieder und schlief bald ein.
In den andern Nächten auf ihrer Flucht hatte der Jüngere stets seinen Mantel über ihn ausgebreitet. Heute tat er das nicht. Er sah gar nicht nach ihm hin, dachte nicht an ihn, sondern starrte bloß auf den Goldklumpen, der im Sternenschimmer noch größer und seltsamer aussah.
„Seht ihr, was ich gesagt habe?“ rief der Adler.
„Ich leuchte,“ fiel der Goldklumpen ein.
„Nach mir sieht niemand,“ jammerte der Bleiklumpen verzagt.
Und als die Nacht vorschritt und die Sterne immer heller strahlten und das Gold leuchtete und leuchtete, da ereignete sich etwas Seltsames und Furchtbares zugleich.
Der jüngere der beiden Männer erlebte eine innere Umwandlung. Niemand kann erklären, wie es zuging; er selber am allerwenigsten. Bis zu seinem Tode blieb es ihm ein fürchterliches Rätsel. Aber wie er da so saß und auf den Goldklumpen starrte, und wie er dann den Kopf wandte und seinen schlafenden Freund betrachtete, da erfüllte sich das Geschick an ihm von Minute zu Minute und von Stunde zu Stunde.
Er hatte seinen Freund ehrlich geliebt; und weil er ihn liebte, hatte er ihm vergeben, daß er ein Verbrecher geworden war. Er selber hielt seinen Pfad rein. So leid es ihm tat, als er die Tatdes Freundes erfuhr — seine Liebe hatte alles überwunden. Um des andern willen hatte er ja selbst ein Verbrechen begangen, indem er ihm zur Flucht verhalf. Und er hatte alles geopfert, um dem Freund zu folgen. Auf der Wanderung hatte er ihn gestützt, wenn er müde war, bei ihm gewacht, wenn er schlief, ihn mit seinem Mantel bedeckt, wenn ihn fror.
Aber als er jetzt da so saß und den Freund und den Goldklumpen betrachtete, da entwich das alles, Stück für Stück, seinem Gedächtnis. Er wußte nichts mehr von seiner Liebe. Der, der da schlafend neben ihm lag, kam ihm auf einmal wie ein Fremder vor.... wie ein Fremder, mit dem er das Gold teilen sollte.
Wäre dieser Fremde nicht gewesen, so hätte der ganze Klumpen ihm ganz allein gehört.
Sitzender Adler
„Seht ihr’s?... Seht ihn an!“ rief der Adler. „Das Gold verwüstet seine Seele.“
„Ich glänze,“ sagte der Goldklumpen.
Und immer verwirrter wurden die Gedanken des Mannes, während das Gold leuchtete, wie es noch nie geleuchtet hatte.
Er starrte auf seinen schlafenden Freund; und ein Gefühl des Hasses beschlich ihn. Wenn er auf das Gold sah, erschien ihm die Welt groß, hell und reich. Und wenn er den Freund ansah, dann wurde das Leben schwer und bitter und elend.
„Wie hübsch ich bin!“ sagte das Gold. „Ich liebe es, wenn mein Glanz sich in seinen Augen widerspiegelt.“
„Du bist entsetzlich,“ sagte der Adler.
„An mich denkt niemand,“ murrte der Bleiklumpen.
Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngern.
Er stöhnte leise, griff sich an den Kopf und zitterte. Dann sprang er auf, setzte sich aber sofort wieder. Er tastete mit den Händen auf der Erde herum und bekam den Bleiklumpen zu fassen; schaudernd ließ er ihn wieder los, ergriff ihn von neuem, hob ihn hoch empor und zerschmetterte den Kopf seines schlafenden Freundes damit.
„Seht.... seht!“ schrie der Adler.
Dann erhob sich der Mann, nahm den Goldklumpen auf die Arme und verließ das Tal auf dem Wege, den er gekommen war. Schweren Schrittes ging er dahin, hin und her schwankend wie im Rausche. Das Gold lud er auf die Schulter; und die Sterne schienen darauf, so daß es fortfuhr zu leuchten, während er es forttrug.
Neben dem Toten lag der Bleiklumpen.
„Nun spielst du mit!“ rief der Adler. „So sind die Menschen.“
Aber er bekam keine Antwort; so entsetzt waren alle über das Geschehene.
Die Nacht verrann, und im Osten dämmerte der Tag.
Der Bär fand sich ein und fraß von dem Leichnam, und der Adler desgleichen. Nachher kam auch der Rabe herbei und fand eine Herrenmahlzeit an dem, was die andern übriggelassen hatten.
Der Regen peitschte, und der Sturm schlug das Gestein los, und es zerschmetterte und begrub die Gebeine des Toten. Bald war jede Spur von ihmverwischt, und das Land war böse und öde wie zuvor. Zwischen den Steinen aber lag der Bleiklumpen mit einem großen roten Fleck auf der einen Seite.