HerbstwindDer Herbst.
Herbstwind
Die schönsten Dinge von der Weltrings auszustreu’n dem Herbst gefällt:Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.Farben bunt und wunderfeinschmücken sein gewaltig Zelt.
Die schönsten Dinge von der Weltrings auszustreu’n dem Herbst gefällt:Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.Farben bunt und wunderfeinschmücken sein gewaltig Zelt.
Die schönsten Dinge von der Welt
rings auszustreu’n dem Herbst gefällt:
Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.
Farben bunt und wunderfein
schmücken sein gewaltig Zelt.
Ganz oben auf einem der Hügel im Westen stand der Herbstfürst und schaute mit seinen ernsten Augen über das Land hin.
Sein Haar und sein Bart waren graugesprenkelt, und seine Stirn hatte Falten. Aber schön war er doch, aufrecht und stark. Sein prächtiger Mantel leuchtete rot, grün, gelb, braun und flatterte im Winde. In der Hand hielt er sein Horn.
Er lächelte wehmütig und stand eine Weile da und lauschte dem Kampf, dem Gesang und dem Geschrei. Dann hob er das Haupt, setzte das Horn an den Mund und blies eine lustige Fanfare:
„Der Sommer von hinnen zieht,das Herbsthorn erschallt,und üppig die Heide blüht.Der Wind mit der Peitsche knallt,das Laub fällt im Wald.“
„Der Sommer von hinnen zieht,das Herbsthorn erschallt,und üppig die Heide blüht.Der Wind mit der Peitsche knallt,das Laub fällt im Wald.“
„Der Sommer von hinnen zieht,das Herbsthorn erschallt,und üppig die Heide blüht.Der Wind mit der Peitsche knallt,das Laub fällt im Wald.“
„Der Sommer von hinnen zieht,
das Herbsthorn erschallt,
und üppig die Heide blüht.
Der Wind mit der Peitsche knallt,
das Laub fällt im Wald.“
Alle Bäume im Walde erbebten von der Wurzel bis zum Wipfel; sie wußten selbst nicht, warum. Ein Frösteln überlief alle Vögel, und sie verstummten. Der Hirsch auf der Wiese hob erstaunt sein Geweih und lauschte. Die roten Blätter des Mohns flogen im Winde dahin.
Aber auf den Bergen, auf den kahlen Hügeln und tief im Moor erblühte das Heidekraut und leuchtete rot und schön in der Sonne. Und die Bienen flogen von den verblichenen Wiesenblumen fort und verbargen sich in den Erikafeldern.
Aber der Herbst setzte wieder sein Horn an den Mund und blies:
„Seht, nun herrscht der Herbst mit Machtin der schönsten bunten Pracht —endet des Sommers ewigen Streit,kündet des Winters eiserne Zeit,ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“
„Seht, nun herrscht der Herbst mit Machtin der schönsten bunten Pracht —endet des Sommers ewigen Streit,kündet des Winters eiserne Zeit,ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“
„Seht, nun herrscht der Herbst mit Machtin der schönsten bunten Pracht —endet des Sommers ewigen Streit,kündet des Winters eiserne Zeit,ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“
„Seht, nun herrscht der Herbst mit Macht
in der schönsten bunten Pracht —
endet des Sommers ewigen Streit,
kündet des Winters eiserne Zeit,
ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“
Der Sommerfürst stand still und hob die Augen nach Westen hin. Und der Herbst setzte das Horn ab und verneigte sich tief vor ihm.
„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer.
Er ging ihm einen Schritt entgegen, einen und nicht mehr, wie es sich für den Größeren ziemt. Aber der Herbstfürst kam über die Hügel hinab und verneigte sich abermals tief.
Hand in Hand gingen sie durch das Tal. Und von dem Sommer ging ein so strahlender Glanz aus, daß niemand des Herbstes gewahr wurde. Die Töne seines Hornes erstarben in der Luft, und alle hatten den Schauder, der sie vorher überlief, verwunden. Die Bäume, Vögel und Blumen waren wieder zu sich gekommen, und sie rauschten, sangen und zankten.
Der Fluß rann dahin, das Schilfrohr flüsterte, und die Bienen holten sich im Heidekraut einen Sommerrausch.
Aber dort, wo die Fürsten auf ihrer Wanderung durch das Tal stillstanden, geschah es, daß das Laub auf der Seite, wo der Herbst stand, gelb wurde. Ein kleines Blatt löste sich von seinem Stengel, flatterte weg und fiel ihm zu Füßen nieder. Die Nachtigall sang nicht mehr, obwohl es Abend war, der Kuckuck schwieg und flatterte unruhig im Walde umher, der Storch streckte sich auf dem Nest aus und starrte gegen Süden.
Aber die Fürsten achteten dessen nicht.
„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer wieder. „Entsinnst du dich deines Versprechens?“
„Ich entsinn’ mich wohl,“ erwiderte der Herbst.
Der Sommer blickte über das Reich hin, wo der Lärm allgemach nachließ.
„Hörst du sie?“ fragte er. „Sie müssen sterben, und sie wissen es nicht. Nun nimm du sie milde auf.“
„Ich werd’ das Deine bergen,“ erwiderte der Herbst. „Behutsam will ich die Träumenden wecken, behutsam die zudecken, die unter der Erde schlafen. Dreimal werde ich sie vor dem Winter warnen.“
„Das ist gut,“ sagte der Sommer.
Eine Weile gingen sie schweigend einher, während die Nacht hervorquoll.
„Die Blütenblätter des Mohns sind abgefallen, als du dein Horn geblasen hast,“ sagte der Sommer.„Viele von meinen Kindern werden sterben, sobald ich das Tal verlasse. Aber Nachtigall, Kuckuck und Storch nehme ich mit mir.“
Wieder gingen die beiden Fürsten schweigend dahin. Es war ganz still, nur die Eule schrie in der alten, abgestorbenen Eiche.
„Meine Vögel sendest du mir nach,“ bat der Sommer.
„Ich werd’ keinen vergessen,“ erwiderte der Herbst.
Da hob der Sommer seine Hand zum Lebewohl und hieß den Herbst von dem Reiche Besitz ergreifen.
„Heute nacht gehe ich fort,“ sagte er. „Und niemand außer dir soll es wissen. Mein Glanz soll noch eine Weile im Tale zurückbleiben, damit das Schicksal derer, denen du den Tod bringst, gemildert wird. Und später, wenn ich in weiter Ferne bin und meine Herrschaft in Vergessenheit zu geraten droht, dann soll die Erinnerung an mich und die Sonne und die schönen Tage wach werden.“
Damit schritt er in die Nacht hinein.
Aber hoch vom Wipfel des Baumes flog der Storch auf langen Flügeln dahin, und der Kuckuck flatterte vom Hochwalde herbei, und die Nachtigall verließ das Gesträuch mit ihren ausgewachsenen Jungen.
Leises Flügelrauschen erfüllte die Luft.
Fliegende Störche
Das Zeisigpärchen plauderte am Rande des leeren Nestes.
„Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich um deine Hand anhielt?“ fragte er. „Ich hatte mich geputzt und hübsch gemacht, so gut ich konnte, und auch du warst lieb und schön. Die Buche war eben grün geworden... nie in meinem Leben habe ich den Wald so wunderbar grün gesehen!“
„Oh, wie du gesungen hast!“ rief sie aus. „Sing wieder so, dann nehm’ ich dich vielleicht wieder.“
Aber der Zeisig schüttelte den Kopf.
„Meine Stimme ist weg,“ sagte er.
„Weißt du noch — wie wir das Nest bauten?“ fragte sie bald darauf. „Wie warm und gemütlich es war! Nie wieder bekomm’ ich ein so hübsches Heim. Sieh nur, wie garstig es jetzt aussieht!“
„Das haben die Jungen getan,“ entgegnete er.
„Ja — aber entsinnst du dich noch des Morgens, als sie aus dem Ei schlüpften?“ fragte sie, und ihre kleinen schwarzen Augen strahlten. „Wie waren sie süß und nackt und braun! Keine Minute konnte ich sie verlassen, ohne daß sie schrien.“
„Und dann bekamen sie Federn!“ sagte er und richtete sich auf. „Stolze Zeisige waren sie alle vier. Erinnerst du dich noch an den Tag, als sie zum erstenmal aus dem Nest hüpften?“
Sie erinnerte sich. Sie gedachte noch anderer Dinge, und sie erinnerte ihn an alles. Und dann rückten sie näher aneinander und saßen schweigend da und gedachten alter Zeiten.
Und all den andern ging es ebenso wie dem Zeisigpärchen.
Die Blumen neigten sich zueinander und flüsterten von der goldenen Zeit, als jeder Kelch eine Biene beherbergte. So eifrig waren sie, daß der eine kaum abwarten konnte, bis der andere mit seiner Geschichte fertig war. Über die ganze Wiese tönte es hin:
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Die Fliegen und Bienen saßen den halben Tag schläfrig da und hatten vertrauliche Gespräche über die schönen Sommertage, an denen sie summend und brummend auf der Wiese regierten. Die Bäume schlugen mit den Zweigen gegeneinander und erzählten sich Märchen aus ihrer grünen Jugend. Die Schilfhalme streckten die braunen Kolben zusammen und erlebten das ganze noch einmal im Traum. Die braunen Mäuslein saßen in der Abendsonne an der Hecke und erzählten den Kindern ihre Liebesgeschichte.
Die Krähe
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Mitten im Tale stand der Herbstfürst, das Horn in der Hand. Aber niemand sah ihn.
Da flog die Krähe mit heftigem Flügelschlag aus dem Walde und schrie:
„Vorbei — vorbei! Wie mögt ihr von den alten Dingen reden! Es ist ja doch alles vorbei — vorbei — vorbei!“
Das Echo klang von den Hügeln:
„Vorbei — vorbei — vorbei!“
Und das Echo flüsterte im Schilf und summte im Fluß. Alle verstanden es, daß der Sommer zu Ende war. Sie schwiegen; mitten in ihrenGeschichten verstummten sie, lauschten und sprachen es nach:
„Vorbei — vorbei — vorbei!“
Und plötzlich sahen sie alle den Herbst, wie er in seinem bunten Mantel mitten unter ihnen stand. Mit bangen Augen starrten sie ihn und einander an.
Aber er setzte das Horn an den Mund und blies, daß es über das Tal hinklang:
„In Berg und Talzum erstenmal —zum erstenmalerschallen meine Klänge:Septemberzeitim Bronzekleidzeugt Pilze buntauf weitem Rundin seltsamem Gedränge.“
„In Berg und Talzum erstenmal —zum erstenmalerschallen meine Klänge:Septemberzeitim Bronzekleidzeugt Pilze buntauf weitem Rundin seltsamem Gedränge.“
„In Berg und Talzum erstenmal —zum erstenmalerschallen meine Klänge:Septemberzeitim Bronzekleidzeugt Pilze buntauf weitem Rundin seltsamem Gedränge.“
„In Berg und Tal
zum erstenmal —
zum erstenmal
erschallen meine Klänge:
Septemberzeit
im Bronzekleid
zeugt Pilze bunt
auf weitem Rund
in seltsamem Gedränge.“
Mit seinen ernsten Augen schaute der Herbst über das Tal. Aber als das letzte Echo der Töne verklungen war, hob er den bunten Mantel in der Sonne, nickend und lachend.
Und während der Himmel so hoch war wie nie zuvor und die Luft leicht und die See blau, während die Berge sich klar vom Horizont abhoben, unterwarf sich das Land gehorsam der Herrschaft des Herbstes.
Begonnen hatte es in der Nacht, als der Sommer fortzog. Ein gelbes Blatt hier, ein braunes Blatt dort, aber niemand hatte es beachtet. Jetzt ging es schneller, und während der Tag verstrich, kamen immer mehr Farben hervor und ein immer schärferer Glanz.
Pilze
Die Linde wurde hell und die Buche bronzefarben, aber der Holunder wurde noch schwärzer als vorher. Die Glockenblumen läuteten mit weißen Glocken wie vorher mit blauen, und der Kastanienbaum segnete alle Welt mit seinen fünf gelben Fingern. Der Vogelbeerbaum warf die Blätter ab, damit alle die wunderschönen Beeren bewundern sollten, von der wilden Rose her nickten Hunderte von Hagebutten, und der wilde Wein loderte über der Hecke in hellen Flammen.
Weich und grün wuchs das Moos, und die Pilze schossen in einer Nacht hervor. Sonderbare, weiche, blasse Burschen waren es, und giftig und neidisch sahen sie aus. Aber einige von ihnen hatten einen scharlachroten Hut auf dem Kopfe, und alle waren des Lebens von Herzen froh.
Aber der Zeisig konnte keine Fliege finden und beklagte sich jämmerlich darüber.
„So reise denn!“ sagte der Herbst. „Deine Zeit ist abgelaufen, und ich habe Vögel genug.“
Und fort zogen Zeisig, Hänfling und viele andere. Der Herbst aber setzte das Horn an den Mund und blies:
„Die schönsten Dinge von der Weltrings auszustreu’n dem Herbst gefällt:Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.Farben bunt und wunderfeinschmücken sein gewaltig’ Zelt.“
„Die schönsten Dinge von der Weltrings auszustreu’n dem Herbst gefällt:Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.Farben bunt und wunderfeinschmücken sein gewaltig’ Zelt.“
„Die schönsten Dinge von der Weltrings auszustreu’n dem Herbst gefällt:Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.Farben bunt und wunderfeinschmücken sein gewaltig’ Zelt.“
„Die schönsten Dinge von der Welt
rings auszustreu’n dem Herbst gefällt:
Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein.
Farben bunt und wunderfein
schmücken sein gewaltig’ Zelt.“
Herbstnacht
Und Amsel und Drossel schnatterten lustig im Gebüsch, das von Beeren leuchtete, und tausend Spatzen fielen mit ein.
In der Nacht war es ganz still. Der Hirsch ging lautlos über die Wiese und spähte mit erhobenem Geweih. Der Vogel saß irgendwo undschlief, das Köpfchen unter dem Flügel; der Wind getraute sich kaum, in dem vergilbten Laube zu flüstern. In ferner Ruhe funkelten die Sterne. Und dann fielen die Blätter.
Während sie sich von den Zweigen lösten, während sie die Luft durchschwirrten und zu Boden fielen, seufzten sie leise und erfüllten den Wald mit seltsamen Klagelauten. Aber niemand konnte sie hören, der nicht seine eigene Hoffnung hatte sterben sehen.
Aber am nächsten Morgen leuchteten die, die übrig geblieben waren, noch stärker, und sie lachten in der Sonne, als hätten sie sich nie so wohl gefühlt. Die Birke kokettierte im Moor, und die kleinen, kleinen Pflanzen an der Hecke bildeten sich viel ein auf ihre roten Blätter. Buche und Eiche änderten jeden Tag irgend etwas an ihrem Gewand, so daß es noch phantastischer wurde. Die fallenden Blätter flogen von dem einen Baum zum andern und blieben dort liegen, so daß das ganze schließlich ein einziger Wirrwarr war.
Aber am allerrotesten flammte der wilde Wein, und in der alten abgestorbenen Eiche machten die Krähen jeden Abend einen solchen Spektakel, daß man überhaupt nichts hören konnte. Die Drosseln gackerten, die Sperlinge schrien, und der Wind lief vom einen zum andern und fachte die gute Laune an. Hoch vom Himmel blickte die Sonne mild auf das alles herab.
Und der Herbst nickte vergnügt und ließ seinen bunten Mantel im Winde flattern.
„Ich bin der geringste der vier Fürsten und kaum Herr in meinem eigenen Lande,“ sagte er.„Ich diene zwei eifrigen Herren und muß ihnen zu Gefallen sein. Aber so weit reicht meine Macht denn doch, daß ich euch ein paar vergnügte Tage verschaffen kann.“
„Das Lied ist aus!“ sagte der Herbst.Und er setzte das Horn an den Mund und blies❏GRÖSSERES BILD
„Das Lied ist aus!“ sagte der Herbst.Und er setzte das Horn an den Mund und blies
❏GRÖSSERES BILD
Und er setzte das Horn an den Mund und lud zum Feste ein. Und alle kamen.
Aber während die Lustigkeit auf ihrem Höhepunkt und das Land voller Lärm war wie in den schönsten Tagen des Sommers — da irrten sich zwei in der Zeit.
Das waren der Kirschenbaum und die Erdbeere.
Sie fanden, daß die Sonne so merkwürdig warm schien, und sahen, wie froh alle waren. Da vergaßen sie sich und öffneten vorsichtig ihre weißen Kronen. In demselben Augenblick aber erschauerten sie, denn es war ja kälter, als sie gedacht hatten.
Und als die feinen weißen Blüten sich in der Morgensonne entfalteten, da lachten all die bunten Bäume des Waldes sie aus. Die Krähen fielen vor Gelächter von den Bäumen herab, die Spatzen kreischten — und alle meinten, das sei das Allerköstlichste, was sie je erlebt hätten. Aber eine verspätete Biene machte sechstausend große Augen und bekam einen Schlaganfall, weil sie glaubte, sie habe den Verstand verloren.
Der Herbstfürst sah mit betauten Augen auf die Blüten herab und schüttelte den Kopf.
„Ihr armen kleinen Dummköpfe,“ sagte er wehmütig.
Aber der wilde Wein schlang seine warmen roten Arme um sie und sagte zu ihnen, sie seien lieb und gut.
Und die Blüten wuchsen und gediehen, und einevon ihnen trieb sogar eine winzige grüne Beere hervor. Und als die andern das sahen, hörten sie auf zu lachen und begannen nachzudenken. Die Erle blickte an sich herab und meinte, sie sei ja noch ganz grün, und die Birke wollte in die Erde versinken vor Scham über ihre Nacktheit. Der alte Frosch sagte plötzlich Quorax! und erschrak so darüber, daß er kopfüber im See verschwand. Der Sperling fühlte sich auf einmal gar einsam und sah sich liebevoll um unter den Töchtern des Landes.
Aber die Buche schüttelte eine Menge brauner Blätter ab und hielt die, die noch grün waren, krampfhaft fest.
Neuschnee auf den Bergen
„Es wäre ja möglich,“ sagte sie zu sich selbst und sandte im selben Augenblick drei frische Triebe in die Welt.
Aber in der Nacht, nachdem dies geschehen war, war eine gewaltige Unruhe auf den Gipfeln der Berge, wo der ewige Schnee im Frühling und Sommer gelegen hatte. Es klang, als wäre ein Gewitter im Anmarsch. Die Bäume bekamen Angst, die Krähen verstummten, und selbst der Wind hielt den Atem an.
Der Herbst beugte sich vor, um zu lauschen.
„Bist du toll?“ schrie eine heisere Stimme durch das Dunkel.
Der Herbst hob den Kopf und schaute in die großen, kalten Augen des Winters.
„Vergißt du die Verabredung?“ fragte der Winter.
„Nein,“ erwiderte der Herbst. „Ich vergessesie nicht. Wenn sie aber sterben sollen, so vergönne ihnen noch einmal zu tanzen.“
„Hüte dich!“ schrie der Winter.
Die ganze Nacht hindurch rumorte und lärmte es in den Bergen. Es wurde so bitterlich kalt, daß der Star allen Ernstes daran dachte, einzupacken, und selbst der rote Wein erbleichte. Als die Sonne aufging, hingen die Kirschenblüte und die Erdbeerblüte tot an ihren Stengeln.
Von den fernen Berggipfeln leuchtete Neuschnee.
Da lachte der Herbst nicht mehr. Er schaute ernst über das Tal hin, und die Falten in seiner Stirn wurden tiefer.
„So mag es denn sein!“ sagte er.
Dann blies er in sein Horn:
„In Berg und Talzum zweitenmal —erschallen meine Fanfaren:Ist die Saat bereit?Sorgt vor zur Zeitfür schützend’ Fettund wärmend’ Bett.Ihr müßt euch gut verwahren!“
„In Berg und Talzum zweitenmal —erschallen meine Fanfaren:Ist die Saat bereit?Sorgt vor zur Zeitfür schützend’ Fettund wärmend’ Bett.Ihr müßt euch gut verwahren!“
„In Berg und Talzum zweitenmal —erschallen meine Fanfaren:Ist die Saat bereit?Sorgt vor zur Zeitfür schützend’ Fettund wärmend’ Bett.Ihr müßt euch gut verwahren!“
„In Berg und Tal
zum zweitenmal —
erschallen meine Fanfaren:
Ist die Saat bereit?
Sorgt vor zur Zeit
für schützend’ Fett
und wärmend’ Bett.
Ihr müßt euch gut verwahren!“
Da entstand auf einmal eine große, große Emsigkeit im Lande. Denn nun verstanden alle, daß es zur Neige ging; und alle meinten, etwas vergessen zu haben oder mit irgend etwas nicht fertig geworden zu sein.
Rings im Gebüsch schrien die Sträucher überlaut: „Hol meine Hagebutten!“
„Vogelbeeren! Vogelbeeren! Schöne rote Vogelbeeren!“
„Schlehen! Schlehen!“
Und Drossel und Amsel stürzten sich auf sie und verschlangen die guten Beeren, um für die Reise etwas Zehrung zu haben. Die Spatzen verspeisten alles, was sie hinunterbekamen, und die Krähen verjagten die andern und hieben ein.
„Sputet euch!“ sagte der Herbst. „Weg mit dem Staat!“
Mohn, Glockenblume, Nelke und viele andere standen dürr und dünn wie Hölzer da, die Köpfe voller Samen. Der Löwenzahn hatte jedem seiner Samen einen niedlichen Fallschirm zugegeben.
„Komm, lieber Wind, und schüttel’ uns!“ bat der Mohn.
„Flieg mit meinem Samen fort, Wind!“ sagte der Löwenzahn.
Und der Wind beeilte sich, ihre Bitten zu erfüllen.
Aber die Buche ließ heimlich ihre zottigen Früchte auf den Pelz des Hasen fallen und eine auf den roten Rock des Fuchses. So trugen die beiden die Kinder der Buche in die Welt hinaus, ohne eine Ahnung davon zu haben.
„Sputet euch!“ sagte der Herbst. „Es ist keine Zeit zu verlieren.“
Die braunen Mäuse füllten ihre Stuben bis zur Decke mit Nüssen, Bucheckern und Eicheln. Der Igel hatte sich schon so dick gefressen, daß er die Stacheln kaum zurücklegen konnte, aber trotzdem schlich er die ganze Nacht umher, um noch mehr zu bekommen. Hase, Fuchs und Hirsch zogen unter ihren Pelzen reines, weißes Wollzeug an. Star, Drossel und Amsel sahen ihre Daunenhemden nach und übten die Flügel für die lange Reise. DieSpatzen waren neidisch, weil sie nicht mitdurften, auf die Krähen aber machte nichts Eindruck. Der Kiebitz saß gar elend auf seinem Hügelchen.
Aber die Fledermaus geriet ganz außer sich und hängte sich eines Abends an ihren eigenen Hinterbeinen tief im Innern eines hohlen Baumes auf.
„Geschwind!“ gebot der Herbst. „In einer Woche ist es aus!“
Die Sonne versteckte sich hinter der Wolke und kam viele Tage lang nicht zum Vorschein.
Es begann zu regnen. Der Wind wehte schärfer; er peitschte den Regen über die Wiese hin, jagte den Fluß, daß er schäumte, und pfiff unheimlich zwischen den Stämmen im Walde. Die Blätter fielen unaufhörlich.
„Das Lied ist aus!“ sagte der Herbst. Und er setzte das Horn an den Mund und blies:
„Herbst ruft durchs Landzum letztenmal,zum letztenmal —bald schließen sich die Seen.Flieg, Vogel, fort!Sink, Frosch, an Ort!schließ, Bien’, dein Haus,schlaf, Bär, dich aus!“
„Herbst ruft durchs Landzum letztenmal,zum letztenmal —bald schließen sich die Seen.Flieg, Vogel, fort!Sink, Frosch, an Ort!schließ, Bien’, dein Haus,schlaf, Bär, dich aus!“
„Herbst ruft durchs Landzum letztenmal,zum letztenmal —bald schließen sich die Seen.Flieg, Vogel, fort!Sink, Frosch, an Ort!schließ, Bien’, dein Haus,schlaf, Bär, dich aus!“
„Herbst ruft durchs Land
zum letztenmal,
zum letztenmal —
bald schließen sich die Seen.
Flieg, Vogel, fort!
Sink, Frosch, an Ort!
schließ, Bien’, dein Haus,
schlaf, Bär, dich aus!“
So war es also vorbei. Und alles vollzog sich so schnell, daß man gar nicht klar darüber wurde, wie es anfing und wie es endete.
In Scharen verließen die Vögel das Land. Star und Kiebitz, Drossel und Amsel, sie alle zogen nach Süden. Jede Nacht hörte der Spatz ihr Pfeifen und Flügelrauschen in der Luft.
Jeden Morgen, bevor die Sonne aufging, fuhr der Wind durch den Wald und riß die letzten Blätter von den Bäumen. Jeden Tag wurde der Wind stärker, zerbrach große Zweige, fegte die welken Blätter in Haufen zusammen, trieb sie wieder auseinander und legte sie zuletzt als weichen, dicken Teppich über den ganzen Waldboden hin. Hier und dort hing ein vereinzeltes Blatt an einem Zweige, das sich sträubte und nicht sterben wollte. Aber es wurde ihm nur eine Galgenfrist bewilligt. Fiel es nicht heute, so fiel es morgen.
Der Igel verkroch sich so tief in ein Loch unter einem Steinhaufen, daß er zwischen zwei Steinen eingeklemmt sitzen blieb und weder vorwärts noch rückwärts konnte. Der Sperling bezog sein Nachtlogis in einem verlassenen Schwalbennest, die Frösche gingen endgültig auf den Grund des Teiches hinab, setzten sich im Morast zurecht, den Maulrand oben im Wasser, und warteten der Dinge, die da kommen würden. Die Wellen rissen die Seerosenstengel los und spülten sie weg, das Schilf zerbrach im Sturm und trieb mit der Strömung fort.
Der Herbstfürst starrte über das Land hin, um zu sehen, ob es kahl und öde war, auf daß sich die Stürme des Winters frei zu tummeln vermöchten und der Schnee sich niederlegen könnte, wo er Lust hatte.
Und es war so leer, daß die Sonne Tag um Tag später aufstand und früher zu Bett ging, weil sie fand, es sei nichts da, worauf sie scheinen könne.
„Nun komme ich!“ schrie der Winter von denBergen. „Meine Wolken bersten von Schnee, und meine Stürme reißen sich los.“
„Ich habe noch einen Tag,“ sagte der Herbst.
Er ging über die Wiese, auf der das Gras schon gelb war; alle Blumen waren verschwunden mit Ausnahme des kleinen Tausendschönchens, das nie ein Ende finden kann. Dann ging er in den kahlen Wald hinein. Er sah nach dem Igel, lächelte den braunen Mäuslein zu, die hübsch ordentlich die Schalen aus der Stube trugen, wenn sie ein Nußgelage veranstaltet hatten, streichelte die starken Buchenstämme, fragte sie, ob sie dem Sturme standhalten könnten, und nickte den ewig vergnügten Krähen zu.
Dann blieb er vor der alten abgestorbenen Eiche stehen und blickte auf die Efeuranke herab, die ganz bis zum Wipfel emporkletterte und ihre grünen Blätter entfaltete, als ob es gar keinen Winter gäbe.
Und während er sie betrachtete, mit Augen, die mild und betaut waren, wie die des Frühlings, brachen die Efeublüten auf. Sie wiegten sich im Winde, gelb, grün und unansehnlich; und doch waren es ebenso richtige Blüten wie die, die im Reich des Sommers wuchsen.
„Nun kann ich meine Stürme nicht länger zurückhalten!“ schrie der Winter.
Der Herbst neigte sein Haupt und lauschte. Er hörte den Sturm über die Berge herabbrausen. Eine Schneeflocke fiel auf seinen bunten Mantel... und noch eine... und noch eine.
Zum letztenmal setzte er das Horn an den Mund und blies, gedämpft und wehmütig:
„Du grünste, du letzte,du einz’ge, geschätzte,du ewige, blanke!Um alle Jahreszeitensich deine Arme breiten,dem Herbst gilt dein letzter Gedanke,du traute Efeuranke!“
„Du grünste, du letzte,du einz’ge, geschätzte,du ewige, blanke!Um alle Jahreszeitensich deine Arme breiten,dem Herbst gilt dein letzter Gedanke,du traute Efeuranke!“
„Du grünste, du letzte,du einz’ge, geschätzte,du ewige, blanke!Um alle Jahreszeitensich deine Arme breiten,dem Herbst gilt dein letzter Gedanke,du traute Efeuranke!“
„Du grünste, du letzte,
du einz’ge, geschätzte,
du ewige, blanke!
Um alle Jahreszeiten
sich deine Arme breiten,
dem Herbst gilt dein letzter Gedanke,
du traute Efeuranke!“
Dann ging er im Sturme fort.
Der Herbst geht