Die Blattlaus.

Die Blattlaus.

Es war zu der Zeit, als es Frühling werden sollte.

Der Winter hatte lange genug gedauert, und alle hatten ihn herzlich satt. Es hatte gefroren, und es hatte gestürmt, und es hatte geschneit nach Herzenslust, so daß man hätte meinen sollen, daß er selbst zufrieden sein müßte. Und außerdem stand es auch im Kalender geschrieben, daß er nun vorbei sein sollte.

Anemonen und Waldmeister hatten ihre Keime fertig und warteten bloß darauf, daß der Frost aus der Erde verschwände. Die neuen Blätter der Bäume lagen hübsch zusammengefaltet in den Knospen und sagten zueinander, nun könnten sie sich nicht länger halten. Der Buchfink hatte sich eine rote Brust zugelegt und hatte den Hals so voller Liebestriller, daß er beinahe daran erstickte.

Aber der Frühling kam nicht.

Star und Buchfink

Dagegen kam der Star. Und er war verdrießlich, weil nichts in Ordnung war.

„Hat das etwa Sinn, einen hierher zu locken, wenn ihr noch nicht weiter seid?“ fragte er.

„Wer hat dich gelockt?“ fragte der Buchfink. „Du hättest ja bleiben können, wo du warst, statt in der Welt umherzurennen und zu sehen, wo der Tisch gedeckt ist. Unsereins, der hier den ganzen Winter über ausgehalten hat, verdient es auch, jetzt alles Futter zu bekommen.“

„Niemand hat je einen Finken satt gesehen,“ erklärte der Star. „Alles verschlingst du ohne Unterschied. Du erhebst dich nicht vom Tische, solange noch ein fauler Same übrig ist. Aber natürlich hast du eine Entschuldigung. Ich möchte dich auf deinen Flügelstümpfen nach Italien fliegen sehen.“

„Meine Flügel sind gut genug für mich,“ sagte der Buchfink. „Und es gefällt mir hier sehr gut!“

In diesem Augenblick schlug seine Stimme in Musik um, und er trillerte so rein und klar, daß alles im Walde den Kopf hob und lauschte.

Anemonen und Waldmeister krochen aus der Erde hervor und blühten auf. Die Buchenknospen schwollen, und die Keime der ganzen Welt regten sich, ohne daß man ihnen ansehen konnte, was aus ihnen werden würde. Der Bach sprang nach einer ganz anderen Melodie dahin als vorher. Und selbst der Star stieß muntere Laute aus und begann, Halme für sein Nest zusammenzutragen.

Der Frühling war da.

Und während die Tage verstrichen, die Sonne schien und der Regen fiel, quoll das Leben stärker und stärker hervor.

Die Buchenknospen sprangen auf in wunderschönem Hellgrün.

„Du erkältest dich,“ sagte die Eiche, die noch grau und garstig dastand.

Der Dachs

„Nicht in meinem Alter,“ erwiderte die Buche und schaukelte vergnügt ihre grünen Zweige im Frühlingswinde. „Die Jugend kann unglaublich viel aushalten. Bedenke, ich bin fünfhundert Jahre jünger als du. Aber ein alter Knabe muß natürlich vorsichtiger sein.“

„Ich komme, ich komme,“ rief die Eiche. „Ichbeeile mich ja, soviel ich kann. Es kam bloß so über mich.“

Die Fliegen begannen zu summen. Der Mistkäfer kam aus seinem Loch hervor. Die Bienen schwirrten zwischen den Blüten umher und unterhielten sich darüber, wie der Honig in diesem Jahr ausgefallen sei. Die Hummel beschloß, sich häuslich niederzulassen. Der Dachs erhob sich von seinem Winterlager und schlich nach der langen Fastenzeit schlottrig umher. Der Fuchs schnüffelte nach dem Hof des Bauern hin, ob er junge Hühnchen riechen könne. Die Fledermaus kam aus dem hohlen Baum hervor, wo sie den Winter über geschlafen hatte, und probierte ihre Flügel in der Abendluft. Die Krähen schrien, wie sie’s das ganze Jahr über taten, und in der Nacht heulten die Uhus. Es klang jämmerlich, aber sie meinten es nur gut damit.

Die alte Ameise öffnete den Hügel, setzte sich davor und rieb sich vergnügt die Kinnbacken.

„Guten Tag miteinander,“ sagte sie und grüßte in der Runde. „Es freut mich außerordentlich, euch alle zu sehen. Ich hoffe, ihr seid nett und fein, so daß es meinem vornehmen jungen Volk Freude machen wird, euch zu betrachten.“

„Da haben wir die verrückte Ameise,“ sagte der Buchfink. „Sie ist so sauer, daß niemand sie fressen mag. Ich glaube, das ist ihr zu Kopfe gestiegen.“

Die alte Ameise

„Guten Tag, kleiner Buchfink,“ sagte die Ameise. „Hast du einen recht, recht schönen Triller für die jungen Königinnen? Ich habe ihnen von dir erzählt, während sie in ihren königlichen Eiern lagen, also darfst du mich nicht Lügen strafen.“

„Was in aller Welt bildest du dir ein?“ fragte die Buche.

„Guten Tag, guten Tag, liebe Buche!“ sagte die Ameise. „Wie fein du in diesem Jahre bist! Und wie schön dein Stamm ist! Das wird ja eine Lust für die Ameisen sein, an dir auf und nieder zu laufen.“

Die Buche lachte, und der Buchfink lachte, und der ganze Wald lachte.

Aber die Ameise schien sich nicht das geringste daraus zu machen.

Sie war die Älteste im Hügel. Darum kam sie als erste hervor und kommandierte die andern zur Arbeit. Im Augenblick wurden alle Türchen des Hügels geöffnet, und es wimmelte von Ameisen. Sie besserten aus, was im Laufe des Winters in Stücke gegangen war. Sie sammelten Nahrung ein, lüfteten und machten rein, und schließlich trugen sie die Puppen in den Sonnenschein hinaus.

Einige von den Puppen waren größer als die andern, und sie wurden von den Ameisen mit besonderer Ehrfurcht behandelt, denn es sollten Königinnen daraus werden. Und nach einer gewissen Zeit barst das Puppengehäuse, und nun wollte die Untertänigkeit kein Ende nehmen.

Die junge Königin

„Was ist das alles?“ sagte die größte der jungen Königinnen, um sich schauend.

„Das ist Ew. Majestät Welt!“ erklärte die alte Ameise. „Das alles ist geschaffen, um die hohe Seele Ew. Majestät zu erfreuen. Wenn Ew. Majestät geruhen, werde ich die vornehmsten Wesen vorstellen.“

„Stell’ vor!“ gebot die Königin.

„Da ist erstens die Buche, Ew. Majestät,“ sagte die Ameise.

„Ist sie mein?“ fragte die Königin.

„Sie ist für die Ameisen geschaffen, also in allererster Linie für Ew. Majestät. Auf ihrem Stamm läuft es sich angenehm glatt auf und nieder. Hier und da findet sich Moos, darin sind Milben und anderes Gewürm als Nahrung versteckt, falls Ew. Majestät geruhen sollten, das Frühstück im Grünen einzunehmen.“

„Sehr schön,“ sagte die Königin.

„Ew. Majestät geruhen zu beachten, daß die Buche grün ist,“ sagte die Ameise. „Sie hat die gleiche Farbe wie der allergrößte Teil der Natur. Grün ist nämlich so gut für die Augen — für die Augen Ew. Majestät. Ferner wollen Ew. Majestät den Buchfink beachten, der dort drüben im Busch seine Triller schlägt. Er und eine Menge andrer Vögel bilden die Hofkapelle Ew. Majestät. Die Musik ist so wunderbar gut für die Verdauung. Auch gut, um dabei einzuschlafen. Und dann für festliche Gelegenheiten. Zum Beispiel nun, da Ew. Majestät geruhten, das königliche Puppengehäuse zu verlassen und die Regierung zu übernehmen. Das nennt man Frühling!... Warum weiß ich nicht, aber der Name enthält zweifellos irgendeine Andeutung auf einen Vorgang in der Geschichte der Ameisen. Dann singen die Vögel besonders schön. Gleichzeitig kommen hübsche Blumen aus der Erde hervor. Die Knospen der Bäume springen auf... kurz, es ist ein wahres Volksfest zu Ehren Ew. Majestät. Und damit alle froh sein sollen, ist man auf so mancherlei verfallen. Sozum Beispiel bekommen die Vögel ihre Jungen; andere, tieferstehende Insekten verlassen gleichfalls ihr Puppengehäuse in aller Dürftigkeit. Und noch vielerlei anderes.“

„Sehr schön,“ sagte die Königin. „Es geschieht ja alles, um mich zu ergötzen; und es ist möglich, daß es mir Spaß macht. Aber ich muß ja auch an mein Volk denken. Ist da nichts, das ihm Nutzen bringt?“

„Aber natürlich!“ erwiderte die alte Ameise. „Da ist ja die Sonne, und da sind alle die Tiere, die von den Untertanen Ew. Majestät gefressen werden. Aber besonders möchte ich Ew. Majestät Aufmerksamkeit auf zwei Geschöpfe lenken, die überhaupt keine andere Aufgabe in der Welt haben, als die, den Ameisen zu dienen; die hat der liebe Gott offenbar einzig und allein für uns geschaffen. Das sind die Tanne und die Blattlaus.“

„Wie verhält es sich mit der Tanne?“ fragte die Königin.

„Das ist ein sehr hoher Baum... Wenn Ew. Majestät in die Höhe sehen wollen, ein wenig nach links, dann werden Ew. Majestät ihn erblicken. Ew. Majestät werden bemerken, daß die Blätter der Tanne ganz anders sind als die andrer Bäume ... es sind spitze, harte Dinger, die Winter und Sommer über grün sind. Sie bilden das Bauholz, aus dem der überirdische Teil des Ameisenhügels gebaut wird.“

„Ich sehe es,“ sagte die Königin. „Und die Blattlaus?“

„Ja... die kann ich Ew. Majestät leider im Augenblick nicht zeigen. Sie kommt etwas späterim Jahre... in wenigen Tagen wird sie hier sein, wenn die Sonne fortfährt zu scheinen. Es ist ein höchst sonderbares Tier, eigentlich ganz unbedeutend und nur bemerkenswert durch den Nutzen, den sie den Untertanen Ew. Majestät bringt. Sie ähnelt einem kleinen Klecks und tritt immer in großen Scharen auf, die auf der unteren Seite der Blätter sitzen, ganz dicht zusammen, manchmal sogar aufeinander. Die Blattlaus steckt ihren Rüssel in das Blatt hinab und saugt den Saft heraus. Etwas andres tut sie überhaupt nicht. Sie bewegt sich nur höchst ungern von der Stelle, denkt an nichts und tut nichts.“

„Und welchen Nutzen haben wir von dem dummen Tier?“

„Sehr großen, Majestät. Es ist unsere Kuh. Sie sondert einen außerordentlich wohlschmeckenden Saft ab, der unsere beste Nahrung bildet. Ew. Majestät haben ihn mehrmals verspeist, aber natürlich nicht darüber nachgedacht, woher er kam. Darum schätzen wir die Blattlaus sehr, beschützen sie gegen ihre Feinde und halten überhaupt unsere mächtige Hand über sie. Die Blattläuse sind unsere Haustiere, Ew. Majestät.“

„Laß mich eine Blattlaus sehen!“ sagte die Königin.

„Sobald sie hervorkommen, Majestät...“

„Ich will sie sofort sehen, sage ich!“

„Das ist leider unmöglich,“ erwiderte die alte Ameise. „Wie ich Ew. Majestät gesagt habe, vielleicht in ein paar Tagen...“

Aber die Königin beruhigte sich nicht dabei. Sie schrie und trat um sich und biß die alte Ameise,die flehentlich um Gnade bat und in ihrer Not schließlich in den Hügel hineinlief. Die Königin rannte ihr nach.

„Habt ihr je so etwas erlebt!“ sagte die Buche.

„Ich jedenfalls nicht,“ erwiderte der Buchfink. „Das Gewürm muß ja ganz den Verstand verloren haben. Sie glauben allen Ernstes, daß wir nur zu ihrem Vergnügen geschaffen sind.“

„Unglaublich!“ flüsterten die Anemonen.

Der Waldmeister sagte dasselbe. Die Tanne lachte, daß ihre Nadeln herabrieselten. Der eine erzählte es dem andern, und bald wußte es der ganze Wald, daß die Ameisen glaubten, die ganze Welt sei nur um ihretwillen da. Niemand konnte es begreifen. Und alle fanden es dumm und lächerlich.

„Es muß etwas dahinter stecken,“ sagte der Buchfink. „Wenn ich der alten Ameise begegne, werd’ ich versuchen, es herauszukriegen.“

Am nächsten Morgen in aller Frühe öffnete die Ameise den Hügel.

„Guten Morgen,“ sagte der Buchfink, der schon sein Morgenlied vorm Zweige seiner Liebsten gesungen hatte. „Du siehst mir nicht gerade rosig gelaunt aus, alter Freund.“

„Ja,“ klagte die Ameise, „ich hab’ gestern so fürchterliche Prügel von der Königin bekommen. Hätte ich mich nicht tief im Hügel versteckt, so glaube ich, daß Ihre Majestät mich totgeschlagen hätte.“

Prügel von der Königin

„Ich habe es wohl gesehn. Aber was war denn das auch für ein fürchterlicher Unsinn, den du der Königin erzählt hast! Du hast ihr ja weismachen wollen, die Ameisen seien die vornehmsten Tiere inder ganzen Welt, und alles sei nur um ihretwillen geschaffen.“

„Ich habe die reine Wahrheit gesagt,“ beteuerte die Ameise. „Und die bleibt bestehen, auch wenn es Ihrer Majestät beliebt, mich zu mißhandeln.“

„Du bist verrückt!“ sagte der Buchfink. „Der ganze Wald lacht über dich!“

„Lacht ihr nur! Was macht das, wenn ihr sonst nur euer Tagewerk verrichtet, uns zum Nutzen und zur Freude!“

„Nun redest du wieder ebenso verrücktes Zeug wie gestern.“

„Hör’ einmal, Freundchen. Ich will versuchen, es dir zu erklären, wie die Sache zusammenhängt. Die Königin schläft immer lange und gut, wenn sie jemand geprügelt hat, darum hab’ ich Zeit zu einem kleinen Morgenklatsch. Um so mehr, da sie noch nicht angefangen hat, Eier zu legen. Sind wir erst so weit, dann pfeift’s aus einem andern Loch.“

„Genau wie bei uns,“ bestätigte der Buchfink. „Erzähl’ nur. Wir kennen dich ja als braven Burschen. Und es würde uns nur freuen, wenn du auf deine alten Tage nicht ganz einfältig geworden bist.“

„Wir wollen also mitdirbeginnen, lieber Buchfink,“ sagte die Ameise. „Es gefiel dir nicht, daß ich sagte, du sängest für uns. Für wen singst du denn, wenn ich fragen darf?“

„Für meine Liebste. Und für meine Jungen. Und zu meinem Vergnügen.“

„Gewiß, gewiß. Aber wo ist deine Liebste vom vorigen Jahr? Weg! Wo sind eure Jungen? Weg! Du heiratest, setzest Kinder in die Welt, steckst ihnenein paar Fliegen in den Mund, lehrst sie ein bißchen mit den Flügeln schlagen, und dann ist’s vorbei. Du siehst sie nicht mehr. Du hast nicht das geringste mit den andern Buchfinken im Walde zu schaffen. Du bist frei und ledig, ein Vagabund, ein Künstler. Es ist keine Ordnung in dir. Du gehörst nicht zum soliden Bürgertum.“

„Gott behüte, das war ja eine ordentliche Predigt!“ warf die Buche ein.

„Ja... nun kommen wir zu dir, meine liebe Buche!“ sagte die Ameise. „Du stehst so groß und stolz da in deinem grünen Kleid und bildest dir wer weiß was ein. Du lachst mich aus, wenn ich dir sage, du seiest um der Ameisen willen da. Um wessentwillen denn sonst, he?“

„Um meiner selbst willen, denk’ ich,“ sagte die Buche.

„Gewiß, gewiß,“ erwiderte die alte Ameise. „Laß einmal sehn, was für eine Person du bist! Wo bleibt all dein grüner Staat im Herbst? Weg, verwelkt, fertig! Was machst du mit deinen Kindern? Du lässest sie rings um deinen Fuß niederfallen, wie’s gerade kommt, und lässest sie groß werden, ohne dich im geringsten um sie zu kümmern. Ob sie so dicht wachsen, daß sie einander ersticken, das ist dir vollkommen gleich. Im Sommer tust du dich dick in Grün, im Winter frierst du an den nackten Armen. Was bist du für ein Geselle? Eine leichtfertige Person, die fünf gerade sein läßt! Es ist keine Ordnung in dir!“

„Wie kann man so zur Buche sprechen!“ rief der Waldmeister dazwischen.

„Nun will ich mitdirreden, Waldmeister,“ sagte die Ameise. „Du bist anmutig, das bist du, weiß Gott! Es ist ein wahres Vergnügen, dich anzusehen. Es ist, wie wenn man zur Komödie geht. Aber wie lange dauert das mit dir? Wollen sagen: zwei Monate. Dann bist du fertig... tot, verstehst du! Du grünst, blühst, wirfst deine Samen ab und stirbst. Du lebst nicht einmal von einem Jahr zum andern, wie der Buchfink und die Buche. Du bist nichts als eine Vorstellung... der Vorhang geht auf, der Vorhang fällt... die Ameisen klatschen Beifall, weil du so lieb und nett warst. Aber zur soliden Bürgerschaft gehörst du wahrhaftig nicht! In dir ist noch weniger Ordnung als in den andern.“

„Auf die Art kannst du den ganzen Wald durchgehn,“ sagte der Buchfink.

„Allerdings kann ich das!“ erwiderte die Ameise. „Falls ihr noch nicht genug haben solltet.“

„Ob wir genug haben!“ sagte der Buchfink. „Aber willst du nun nicht so gut sein, uns zu erzählen, warum die Ameisen besser sind als wir?“

„Die Ameisen,“ erklärte die Alte, kreuzte dabei die Kinnbacken und blickte ernst vor sich hin, „die Ameisen sind das Meisterwerk unsres Herrgotts.“

Alle lachten, aber die Alte ließ sich nicht stören.

„Seht ihr,“ sagte sie. „Eine Ameise ist eigentlich gar nichts.“

„Nun fängst du an, vernünftig zu werden,“ meinte der Buchfink.

„DieeinzelneAmeise ist gar nichts,“ sagte die Alte. „Sie hat ihren Platz im Ameisenstaat; und wenn sie stirbt, tritt sofort eine andre an ihre Stelle. Jede einzelne von uns hat ihr Amt, undwir alle arbeiten zum Besten des Ameisenstaates und zum Wohle der Bürger. Wer arbeitet, verdient sein täglich Brot und bekommt es. Den, der nicht arbeitet, schlagen wir kurzerhand tot.“

„Dann seid ihr euch also alle gleich?“ fragte der Waldmeister.

„Keineswegs. Wir dösen bloß nicht so einzeln herum wie ihr, ohne Ziel und Sinn. Darum verschwinden wir auch nicht aus der Welt und stehen nicht hilflos da wie ihr. Wir haben erstens unsre Königin, die uns regiert... das heißt, sie ist natürlich genötigt, die Etikette zu befolgen und sich an die Verfassung zu halten, sonst geht’s ihr schlecht. Der Sicherheit wegen haben wir am Anfang mehrere Königinnen. Die beste davon behalten wir, die andern wandern aus und bauen neue Hügel, oder wir schlagen sie tot. Ebenso machen wir’s mit den Männchen. Sobald die Königinnen Hochzeit gehalten haben, schlagen wir alle Männchen tot. Denn dann nützen sie uns nichts mehr, sondern fallen nur dem Staat zur Last.“

„Das ist ein lieblicher Staat!“ sagte der Buchfink. „Seinen Mann totschlagen... hat man je so etwas gehört! Darf ich fragen... hast du auch deinen Mann erschlagen?“

„Ich habe nie einen Mann gehabt,“ entgegnete die Ameise. „Ich bin nicht für die Ehe veranlagt. Freilich bin ich so eine Art Frauenzimmer, aber ich habe nie Zeit gehabt, an Liebesgeschichten zu denken, und hab’ mir nie etwas daraus gemacht. Ich bin Arbeiter und nichts andres. Und so sind die meisten von uns! Wir bauen den Hügel, und wir besorgen die Eier, die die Königin legt. Wir füttern die Larven, bewegen die Puppen und sammeln Wintervorräte ein — kurz, wir erledigen alles, was in einem ordentlichen Staate zu tun ist. Wenn’s sein muß, können wir auch kämpfen. Einige von uns haben große Kinnbacken; das sind die Soldaten, und Gott helfe denen, die in ihre Finger fallen. Wir säen auch im Frühjahr und ernten im Herbst... aber was verstehen solch lose Existenzen wie ihr von alledem? Ich erzähle es bloß, damit ihr sehen könnt, daß das, was ich sage, wahr ist. Die Ameisen sind wirklich die vornehmsten Tiere von der Welt, und all ihr andern seid nur da, damit ihr uns Nutzen bringt und Vergnügen bereitet.“

„So ein Sklavenleben!“ sagte der Buchfink. „Hundertmal lieber ein freier Vogel unterm Himmel, als solch ein Rad in der Maschine wie du.“

„Oder eine gewaltige Buche im Walde,“ sagte die Buche.

„Oder eine duftende Blume,“ sagte der Waldmeister stolz.

„Bitte schön,“ erwiderte die Ameise. „Ein jeder nach seiner Natur. Wie solltet ihr uns verstehen können, da ihr auf einer so niedrigen Kulturstufe steht!“

„Was war das mit der Blattlaus?“ fragte der Buchfink.

„Du kannst sie selber fragen, wenn sie kommen,“ antwortete die Ameise. „Jetzt hab’ ich keine Zeit mehr, mit euch zu schwatzen.“

Und damit ging sie an ihre Arbeit. Die andern sprachen von ihr, lachten über sie und entfernten sich dann.

Eines Tages waren die Blattläuse da.

Es war nicht leicht zu sagen, woher sie gekommen waren. Sie saßen auf der untern Seite beinah sämtlicher Blätter eines Wacholderstrauchs, der dicht bei dem Ameisenhügel stand. Sie saßen so dicht, daß sie einander berührten; an einigen Stellen saßen sie übereinander, und die obersten steckten ihren Rüssel zwischen die andern hinab und sogen den Saft herauf.

Rings auf den Blättern lagen klare Tropfen. Die wurden von den Ameisen geholt und in den Hügel hinuntergetragen, wenn die Ameisen sie nicht unterwegs tranken. Aber wenn die alte Ameise das sah, bekamen sie Prügel. Denn es war die allerfeinste Nahrung, und niemand durfte davon genießen, mit Ausnahme der Königin und der Kavaliere während ihrer kurzen Lebenszeit.

„Darf ich Ew. Majestät die Blattlaus vorstellen?“ sagte die alte Ameise.

Und sie stieß leise an eine große Blattlaus, die ganz außen am Blattrande saß.

„Laß mich saugen,“ sagte die Blattlaus.

„Saug’ du nur, mein Engel,“ sagte die alte Ameise in ihrem allerliebenswürdigsten Tone... „Je mehr du saugst, desto besser. Die Ameisenkönigin wollte dich gerne sehen.“

„Laß mich saugen,“ sagte die Blattlaus.

„Respekt scheint sie nicht gerade zu haben,“ sagte die Königin. „Schlagt sie tot!“

„Geht nicht an, Ew. Majestät!“ erwiderte die Ameise... „Denn sie liefert den Saft, den Ew. Majestät morgens beim Aufstehn trinken... SehenSie, da liegt ein Tropfen... Wollen Ew. Majestät geruhen...“

Die Königin trank von dem Tropfen.

„Süperb!“ sagte sie. „Gib mir gut auf die Blattlaus acht. Jeder, der ihr das geringste Leid zufügt, soll totgeschlagen werden.“

„Sehr wohl, Ew. Majestät.“

Damit wandte sich die Königin der Blattlaus zu.

„Ich ernenne dich zu meiner Ober-Hof-Leib-Blattlaus,“ sagte sie und berührte sie dreimal feierlich mit ihrem Allerhöchsten Kinnbacken.

„Laß mich saugen,“ sagte die Blattlaus.

In diesem Augenblick brachte sie siebzehn kleine Blattläuse zur Welt. Die waren höchst unbedeutend und anfangs fast nicht zu sehen. Aber sie machten sich sofort daran, an den Blättern zu saugen, und der Königin kam es so vor, als könne sie sie geradezu wachsen sehen.

„Höchst interessant!“ sagte sie. „Es freut mich, daß der Bestand wächst. Wo befindet sich der Mann?“

„Es existiert kein Mann,“ sagte die alte Ameise.

„Was ist das für ein Gerede?“ sagte die Königin. „Sie muß doch wohl einen Mann haben, wenn sie siebzehn Kinder hat!“

„Nein, Ew. Majestät,“ sagte die Ameise. „Der liebe Gott hat es der Ameisen wegen so eingerichtet, daß sie keines Mannes bedarf. Die Männer haben ja im Grunde weiter keinen Zweck... ich erlaube mir, in aller Ehrfurcht daran zu erinnern, wie wir Ew. Majestät Mann gleich nach der Hochzeit erwürgt haben.“

„Daran solltest du mich lieber nicht erinnern!Mein lieber, guter Mann! Ich habe einen ganzen Tag über seinen Tod getrauert.“

„Gewiß, da sehen Ew. Majestät selber! Von den Liebesgeschichten hat man nur Kummer und Ungelegenheiten. Und so ein Haustier wie die Blattlaus dort... Ew. Majestät müssen wissen, daß nicht einmal ich jemals einen Liebsten gehabt habe.“

„Das fehlte gerade noch,“ sagte die Königin. „Was sollte eine Sklavin wie du mit einem Liebsten?“

„Sehr richtig, Ew. Majestät. Sie müssen wissen, daß die Mutter der Blattlaus im letzten Herbst einmal eine Art Mann gehabt hat. Wie das eigentlich mit ihm zusammenhing, weiß ich nicht. Aber verheiratet war sie also, und Eier legte sie auch, und dann starb sie. Damit nun den Ameisen keine Ungelegenheiten daraus erwachsen, kriegt die Blattlaus, die aus dem Ei gekommen ist, den ganzen Sommer über Junge, so daß stets genug von dem süßen Saft vorhanden ist für Ew. Majestät und für diejenigen Untertanen, denen Ew. Majestät einen Tropfen vergönnen. Zum Herbst, wenn wir keine Verwendung mehr für den Saft haben, dann heiraten die Kindeskinder der Blattlaus, soviel ich weiß, legen Eier und sterben, nachdem sie auf diese Weise für die Ameisen im folgenden Jahre gesorgt haben. Man kann nicht leugnen, es geschieht viel für die Ameisen.“

„Das ist wahr,“ sagte die Königin. „Gib mir nur gut auf meine Blattläuse acht! Jetzt geh’ ich hinein und leg’ noch mehr Eier. Das bin ich meinem Reiche schuldig.“

Damit stolzierte sie in den Hügel hinein. Diealte Ameise öffnete ihr ehrerbietig die Tür und ging dann an ihre Arbeit.

„Hast du je so etwas gehört?“ schrie der Buchfink.

„Nie in meinem Leben!“ sagte die Buche.

„Es ist unglaublich!“ erklärte der Waldmeister.

„Es ist gelogen,“ sagte die Tanne.

„Laßt uns hören, was die Blattlaus sagt,“ schlug der Buchfink vor. „Jetzt, wo die alte Ameise weg ist, kann man vielleicht die Wahrheit von ihr erfahren. — He, du... Blattlaus... was ist das für eine Geschichte mit den Ameisen und dir? Bist du die Kuh der Ameisen? Bist du allein ihretwegen auf der Welt?“

„Laß mich saugen,“ erwiderte die Blattlaus.

Da bettelten alle, die Blattlaus möchte ihnen doch den wirklichen Zusammenhang der Sache erzählen. Sie sagten ihr, sie müsse ihnen behilflich sein, denn die Ameisen müßten unbedingt wegen ihrer Eingebildetheit eine Lektion erhalten. Es gehe ganz und gar nicht an, daß solch kleines Gewürm sich auf Kosten aller andern Geschöpfe wichtig mache.

Aber soviel sie auch baten, flehten und drohten, es half alles nichts.

„Laßt mich saugen,“ war alles, was die Blattlaus sagte.

Dann wurde es Abend. Der Buchfink hatte seine letzte Weise für heute gesungen. Der Wind hatte sich gelegt, die Sonne war untergegangen, der Waldmeister stand und dachte darüber nach, daß er bald sterben müsse. Die Ameisen hatten diehundert Türchen des Hügels geschlossen, und es war ganz still im Walde.

Und selbst die Blattlaus hatte aufgehört zu saugen, weil sie nicht mehr konnte.

Und wie sie so dasaß, kam ein klarer Tropfen aus ihr hervor.

„Der ist für die Ameisen,“ sagte der Buchfink.

„Was kümmern mich die Ameisen?“ antwortete die Blattlaus.

„Was sagst du?“

„Ich sage: Was kümmern mich die Ameisen?“

„Und der Tropfen, den du auf das Blatt gelegt hast?... Da kommt noch einer...“

„Ich tu’, was kein andrer für mich tun kann,“ sagte die Blattlaus.

Einen Augenblick war es still im Walde.

Dann schrie der Buchfink es den andern zu, soweit er es vor Lachen konnte.

Und die Buche lachte, und der Waldmeister lachte, daß er daran starb... der eine erzählte es dem andern, und bald wußte es der ganze Wald, und er lachte und lachte und konnte nicht aufhören.

Die Blattlaus

Bienenstock u. Ameisenreichsind wundersame Tierstaaten, die ein vielgestaltiges Leben und außerordentlich Interessantes bietenReiche Anschauungen, klare, einfache und abgerundete Darstellungen des Lebens in beiden bieten die Werke:Frank StevensDie Reise ins BienenlandAusflüge ins AmeisenreichMit zahlreichen Bildern u. einer Farbendrucktafel.Mit zahlreichen Bildern und zwei Tafeln.Jeder Band geschmackvoll gebunden M 13.—Der junge Leser der Werke lebt wirklich unter und mit diesen merkwürdigen Tieren, nimmt teil an ihren Freuden, Gefahren und Leiden und lernt so die wichtige Stellung der Bienen und Ameisen im Haushalte der Natur kennen.Die „Lehr- und Lernmittel-Rundschau“ sagt:„Möge dieses Büchlein in allen Schüler- und Hausbüchereien Aufnahme finden, auf daß es in viele, viele Kinderhände gelange, um in der Seele der Kleinen die Liebe zur Natur zu wecken, dann wird ihnen diese werden, was sie sein soll: eine Lehrmeisterin und eine Quelle reinster Freude“.„DieReise ins Bienenland“ und „Ausflüge ins Ameisenreich“ sind in jeder Buchhandlung zu haben. Wo eine solche nicht am Orte ist, wende man sich an den unterzeichneten Verlag.Kosmos, Gesellschaft der NaturfreundeGeschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung StuttgartSitzende KatzeTier-Geschichten und Naturwissenschaftliche MärchenSchönste Lektüre, von alt und jung begeistert aufgenommen.Ernest Thompson Setons Tiergeschichten:Bingo und andere Tiergeschichten — Prärietiere und ihre Schicksale — Tierhelden — Rolf, der Trapper.Carl Ewalds Naturwissenschaftl. Märchen:Mutter Natur erzählt — Die Zweifüßler und andere Geschichten — Vier feine Freunde und andere Geschichten. — Meister Reineke und andere Geschichten. Das Sternenkind und andere Geschichten.Katze öffnet DeckelAlle diese Bücher sindeinzelnzu haben. Sie sind voll von originellen Bildern im Text und auf vielen Tafeln.Preis jedes BandesgebundenM 19.50Zu beziehen durch jede Buchhandlung.Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart

Bienenstock u. Ameisenreich

sind wundersame Tierstaaten, die ein vielgestaltiges Leben und außerordentlich Interessantes bieten

Reiche Anschauungen, klare, einfache und abgerundete Darstellungen des Lebens in beiden bieten die Werke:

Frank Stevens

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Der junge Leser der Werke lebt wirklich unter und mit diesen merkwürdigen Tieren, nimmt teil an ihren Freuden, Gefahren und Leiden und lernt so die wichtige Stellung der Bienen und Ameisen im Haushalte der Natur kennen.

Die „Lehr- und Lernmittel-Rundschau“ sagt:

„Möge dieses Büchlein in allen Schüler- und Hausbüchereien Aufnahme finden, auf daß es in viele, viele Kinderhände gelange, um in der Seele der Kleinen die Liebe zur Natur zu wecken, dann wird ihnen diese werden, was sie sein soll: eine Lehrmeisterin und eine Quelle reinster Freude“.

„DieReise ins Bienenland“ und „Ausflüge ins Ameisenreich“ sind in jeder Buchhandlung zu haben. Wo eine solche nicht am Orte ist, wende man sich an den unterzeichneten Verlag.

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

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