Die erste Begegnung.

Die erste Begegnung.

Auf der Erde reihum vier Fürsten regieren,von Gottes Gnaden das Regiment sie führen,ernten die Ehren, die ihnen gebühren.

Auf der Erde reihum vier Fürsten regieren,von Gottes Gnaden das Regiment sie führen,ernten die Ehren, die ihnen gebühren.

Auf der Erde reihum vier Fürsten regieren,

von Gottes Gnaden das Regiment sie führen,

ernten die Ehren, die ihnen gebühren.

Eines Tages geschah es, daß zwei Fürsten über die Erde wanderten; sie gingen einander entgegen. Der eine kam von Norden, der andere von Süden. Beide waren groß, größer, als Menschen sind, größer als die Riesen in den Märchen. Ihre Häupter trugen sie königlich hoch, und ihre Füße setzten sie fest auf die Erde, als ob sie ihnen gehörte.

Der aus dem Norden kam, war der älteste. Er war ein alter Mann mit gewaltigem weißem Haar und Bart; zottig war seine nackte Brust, zottig waren seine Beine und Hände. Stark und wild sah er aus, und seine Augen waren kalt und streng.

Der von Süden kam, war jung, aber nicht weniger gewaltig als der andere. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne gebräunt, und seine Augen waren stark und mild wie die Sonne. Um die Schulter trug er einen Purpurmantel, um die Lenden einen goldenen Gürtel, in dem eine wunderbare rote Rose steckte.

Als die Fürsten einander aus weiter Ferne sahen, hielten sie einen Augenblick an, und dann schritten sie kräftig aus, als ob sie sich danach sehnten zusammenzutreffen. Aber als sie einander etwas näher gekommen waren, standen sie wieder still. Den Jungen durchschauderte es, als er dem Blick des Alten begegnete, und auf der Stirn des Alten sprang der Schweiß hervor, als der Junge ihn ansah.

Eine Zeitlang blieben sie so stehen. Dann setzten sie sich jeder auf einen Berg und starrten einander an.

Der Junge nahm zuerst das Wort.

„Du bist wohl derWinter?“ fragte er.

Der Alte nickte.

„Ich bin der Winter, der Herr der Erde,“ erwiderte er.

Der Junge lachte, daß es in den Bergen widerhallte.

„Aha,“ sagte er. „Und ich bin derSommer, der Herr der Erde.“

Eine Weile saßen sie da und maßen einander mit zornigen Blicken.

„Ich bin ausgezogen, um dich zu treffen und mit dir zu reden,“ sagte der Winter darauf. „Aber ich mag dich nicht leiden.“

„Meine Absicht war, dich zur Vernunft zu bringen,“ sagte der Sommer. „Aber ich kann deinen Anblick kaum ertragen, so häßlich bist du.“

„Sollen wir die Erde unter uns teilen?“ fragte der Winter. „Überall bist du zu finden mit deinem heißen Sonnenschein, du machst mein Eis schmelzen und pflanzest deine garstigen Blumen. Ich übe Vergeltung, wie du weißt. Ich ertränke deine Geschöpfe im Schnee und zerstöre deine Freude. Wir sind gleich stark... Wollen wir Frieden schließen?“

„Wie sollte das wohl zugehen?“ fragte der Sommer mißtrauisch.

„Ein jeder muß sich auf sein Gebiet beschränken,“ entgegnete der Winter. „Ich habe meine Eisburg im Norden, dahin kannst du niemals kommen; und du hast dein Sonnenschloß im Süden, dahin reicht meine Macht nicht. Da der eine den Anblick des andern nicht ertragen kann, können wir ja einen breiten, öden Gürtel zwischen unsre Reiche legen.“

„Nichts soll öde sein,“ sagte der Sommer. „Alles soll grün sein, soweit es in meiner Macht steht. Ich liebe es, von meinem Sonnenschloß über die Erde hinzuwandern, und ich will mein Licht und meine Wärme so weit in deine Eisfelder hineintragen, wie ich vermag. Ich kenne keine größere Freude als die, einen grünen Fleck in deinem Schnee hervorzuzaubern — und sollte es auch nur für einen Tag sein.“

„Wie eingebildet du bist, weil du augenblicklich Glück hast,“ erwiderte der Winter. „Aber du solltest bedenken, daß die Zeiten sich ändern können. Ichwareinmal der Mächtigste, und ich kann es wieder werden. Vergiß nicht, daß ich aus der ewigen Kälte des Weltraums geboren bin.“

„Und ich bin das Kind der Sonne und war vor dir mächtig,“ sagte der Sommer stolz.

Der Winter ließ die Finger durch seinen Bart gleiten, und eine Lawine stürzte an den Hängen des Berges hinab.

„Uha!“ rief der Sommer, sich fester in seinen Mantel hüllend.

„Willst du meine Macht sehen?“ fragte der Winter.

Er hob seine Arme, und in demselben Augenblick verwandelte sich der Berg, auf dem er saß. Ein Sturm donnerte darüber hin, und der Schnee stürzte aus der Luft herab. Ein Bach, der munter den Hang hinablief, wurde plötzlich zu Eis; ein Wasserfall, der über dem Abgrund sang und toste, schwieg sofort, und das Wasser gefror zu langen Eiszapfen. Als es aufhörte zu schneien, war der Berg weiß vom Scheitel bis zur Sohle.

„Nun kommt die Reihe an mich,“ sagte der Sommer.

Er nahm die Rose aus dem Gürtel und warf sie auf den Berg, auf dem er saß, und sogleich schossen die herrlichsten Rosen aus dem Boden hervor. Sie nickten im Winde von den Felsenspitzen und füllten die Täler mit ihrem Duft und ihren Farben. In jedem Strauch saßen muntere Nachtigallen und sangen, und an den Stengeln der Blumen hingen schwere Tautropfen, die in der Sonne glitzerten.

„Nun?“ sagte der Sommer.

Der Winter beugte sich vor und starrte unverwandt auf die schönste der Rosen. Da gefror der Tautropfen, der unter der Blume hing. Der Vogel, der auf ihren Zweigen saß und sang, fiel steif zur Erde, und die Rose selber verwelkte.

„Nun?“ sagte der Winter.

Aber der Sommer erhob sich und sah mit seinen milden Augen den Berg des Winters an, dort, wo der Schnee am tiefsten lag. Und wohin er blickte, schmolz der Schnee, und aus der Erde brach eine große, schöne Weihnachtsrose hervor.

So konnten die beiden Fürsten zu keiner Einigung kommen.

Der Tag verstrich, es wurde Abend und Nacht. Der Mond beschien den prächtigen Schneeberg, der wie Diamanten glitzerte und glänzte. Drüben vom Berg des Sommers her erscholl der Gesang der Nachtigall, und der Duft der Rosen schwebte in den Raum hinaus.

*

Der Frühling

Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, kamen zwei andere Fürsten just auf die Stelle zu gewandert,wo der Winter und der Sommer saßen und einander böse Blicke zuwarfen.

Der eine kam von Osten, der andere von Westen. Sie waren von kleinerer Gestalt als der Winter und der Sommer und nicht so stark und ehrfurchterweckend anzusehen. Aber groß waren sie doch, und man sah deutlich, daß es hohe, mächtige Herren waren. Denn sie gingen frei und stolz über die Erde hin und schauten ohne Scheu und Angst um sich.

Der von Osten kam, war der jüngere, ein blutjunger Mann, ohne ein Haar am Kinn. Sein Gesicht war weich und rund, der Mund lächelte ununterbrochen, und seine Augen waren verträumt und betaut. Sein langes Haar war mit einem Bande umwunden wie das eines Weibes. Er war ganz grün gekleidet. Das Band um sein Haar war grün und ebenso die Schleifen an seinem Fuß, und über der Schulter trug er an einem breiten grünseidenen Band eine Laute. Er wanderte so heiter und leicht dahin, als ob seine Füße die Erde nicht berührten, und die ganze Zeit trällerte er vor sich hin und spielte auf der Laute.

Der Herbst

Der von Westen kam, war viel älter. Sein Haar und Bart waren graugesprenkelt, und er hatte Runzeln auf der Stirn. Aber er war schön anzusehen und prachtvoll gekleidet. Sein Mantel leuchtete rot, braun, grün und gelb, und während er der Sonne entgegenlief, breitete sich der Mantel aus und strahlte in allen seinen Farben. Er selbst starrte vergnügt in den Sonnenglanz hinein, als könnte er nicht genug davon bekommen. In der Hand trug er ein gewaltiges Horn. Als die beiden in der Nähe der anderen waren, verneigten sie sich tief vor ihnen. Der von Osten gekommen war, verbeugte sich besonders tief vor dem Sommer; der andere aber erwies dem Winter besondere Ehrfurcht.

Darauf setzten sich beide einander gegenüber auf einen Berg, und alle vier saßen eine Zeitlang schweigend im Kreise.

„Was seid ihr für Leute?“ fragte dann der Winter.

„Ich bin derHerbst,“ sagte der, der von Westen gekommen war.

„Ich bin derFrühling,“ erklärte der andere.

Der Winter sah sie scharf an und schüttelte den Kopf.

„Ich kenne euch nicht,“ sagte er.

„Ich hab’ eure Namen nie nennen hören,“ sagte der Sommer.

„Wir sind gekommen, um über die Erde zu herrschen,“ sagte der Frühling.

Aber da ergrimmte der Winter. Er hüllte seinHaupt in den furchtbarsten Schneesturm, der je über das Land gekommen war, und aus dem Sturme erscholl seine Stimme wie Donner:

„Geht eurer Wege, dahin, woher ihr gekommen seid! Wir kennen euch nicht und wollen nichts mit euch zu tun haben. Der Sommer und ich, wir sind die Fürsten der Erde, und es ist bereits einer zu viel. Kommen noch mehr hinzu, so wird es ewig Spektakel geben.“

„Wir sind nicht gekommen, um Spektakel zu machen, sondern um Frieden zu stiften,“ wandte der Herbst sanft ein.

„Zwischen dem Winter und mir ist kein Friede möglich,“ sagte der Sommer.

„Darum wollen wir euch voneinander trennen,“ meinte der Frühling. „Wir beide, die wir heute gekommen sind, wissen recht gut, daß wir nicht so viel Macht haben wie ihr. Wir beugen uns ehrerbietig vor euch, weil eure Gewalt größer, euer Reich stärker befestigt ist. Wir erkühnen uns nicht zu Eingriffen in euer Herrschbereich. Aber wir wollen bei euch bleiben und verhindern, daß ihr die Erde vernichtet.“

Die Fürsten sitzen im Kreise

„Ja, könntet ihrdas!“ rief der Sommer aus.

„Ja, das hätte Sinn,“ brummte der Winter.

„Wir können’s,“ erklärte der Herbst. „Wir verstehen euch beide, weil wir etwas von euch beiden in uns haben. Wenn ihr euch einander nähert, wird der eine von uns beiden zwischen euch treten; und das Land, wo wir sind, soll dann unser sein.“

„Ich lasse niemals von meiner Eisburg im Norden!“ rief der Winter.

„Ich dulde keinen fremden Fürsten in meinem Sonnenschloß im Süden!“ rief der Sommer.

„Das sollt ihr auch nicht,“ sagte der Herbst. „Dort, wo ihr in eurer ganzen Macht herrscht, soll niemand euch stören. Aber nun hört, was ich sagen will. Wenn ihr über die Erde hinzieht, werden der Frühling und ich stets zwischen euch sein, die Spuren dessen, der fortzieht, mildern und dem Kommenden den Weg bahnen. So wollen wir eine Weile herrschen, jeder zu seiner Zeit und ein jeder den vierten Teil des Jahres lang. Wir wollen einander folgen in einem Kreise, der nie durchbrochen, nie verändert wird. So kommt Friede und Ordnung in die Angelegenheiten der armen Erde.“

Als der Herbstfürst gesprochen hatte, schwiegen alle eine Weile und schauten vor sich hin. Der Winter und der Sommer mißtrauten einander, und keiner wollte das erste Wort sprechen. Aber der Frühling und der Herbst erhoben sich bald und verneigten sich vor den beiden andern Machthabern.

„Ich will das Tuch des Sommers ausbreiten,“ sagte der Frühling.

„Ich will das Ruhelager des Winters zurechtmachen!“ versprach der Herbst.

„Ich will Erde und Wasser von den Fesseln des Eises befreien und für deine Herrlichkeit vorbereiten, du holder Sommer,“ sagte der Frühling.

„Ich werd’ dich in die Ferse beißen,“ schrie der Winter.

„Und ich will deinem Sturm und Schnee Platz schaffen, gestrenger Winter,“ sagte der Herbst. „Aber zuerst will ich den Ertrag des Sommers unter Dach bringen.“

„Ich will dir meine letzten Sonnenstrahlen nachsenden und dir schöne Tage geben,“ gelobte der Sommer.

Wieder saßen die vier Fürsten schweigend da und starrten über die Erde hin.

Und wieder wurde es Abend und Nacht. Der Mond stieg auf den Schneeberg, die Rosen des Sommers dufteten, der Frühling summte und griff in die Saiten der Laute, der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde.

*

Am nächsten Morgen erhob sich der Winter und stand hoch und gewaltig auf seinem Berge da. Da folgten die anderen Fürsten seinem Beispiel.

„Mag es denn so sein!“ verkündete der Winter. „Hunderttausend Jahre lang soll es so sein und nicht anders. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, treffen wir uns wieder hier und reden miteinander darüber, wie es gegangen ist.“

Da verneigten sich die vier Fürsten voreinander und schritten über die Erde hin.


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