Die DüneSand.
Die Düne
Die schwarze Erde und der weiße Sand kommen nicht so leicht ins Gespräch miteinander. Sie wohnen an verschiedenen Orten und sprechen verschiedene Sprachen. Nicht einmal im Traume begegnen sie sich; denn das Erdreich träumt von grünen Wäldern, roten Rosen und gutem, goldenem Getreide, der Sand aber träumt nur vom Sandhaargras und den wilden Wellen.
Zuweilen kommen sie einander nahe, ohne daß aber jemals eine rechte Gemeinschaft zwischen ihnen entstünde. Denn der Wind weht viel Sand über das Erdreich hin, und Fuchs, Hase, Buchfink und Maikäfer tragen an ihren Füßen, ohne darüber nachzudenken, Erde in den Sand hinaus. So vermischen sie sich, und mitten zwischen der richtigen Erde und dem richtigen Sande entsteht ein Stück, das weder das eine noch das andere ist.MagereErde nennt es der Bauer, weil es ihm nicht so viel Ertrag bringt wie die Ackererde.GuteErde nennt es der Fischer, weil es ihm mehr gibt als der Sand.
Aber da war einmal eine Stelle, wo das schwarze Erdreich und der weiße Sand sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, so daß sie sich unbedingt in die Augen sehen mußten. Da lernten sie auch zusammen sprechen, und es kam zu einem grauenhaften Spektakel zwischen ihnen.
Es ging so zu, daß da ein Mann war, der einst ein glückliches Leben auf der schwarzen Erde geführt hatte, dort, wo die Wälder und das Getreide und die Rosen wachsen. Doch dann war ihm etwas Böses widerfahren, so daß er es in seiner Heimat nicht mehr aushielt. Er meinte, den Rest seines Lebens da zubringen zu müssen, wo es wild und öde und unheimlich war. Darum erbaute er sich ein kleines niedriges Haus, so nahe am Strande, wie nur möglich, zwischen zwei Dünen, auf denen nur Sandhaargras und kleine Weidenbüsche und dergleichen armselige Pflanzen wuchsen. Vom Fenster aus konnte man über das weite Meer blicken, das manchmal ein ohrenbetäubendes Gebrüll erhob. Man konnte ein weites Stück am Strande entlanggehen, ohne ein Haus oder einen Garten zu sehen.
Nun war es so um den Mann bestellt, daß er sich trotzdem nach dem, was er verloren, sehnte. Darum hatte er sich einen kleinen Garten angelegt, der ihn viel Geld und Arbeit kostete. Von weit her ließ er schwere Fuhren Erde kommen, die die Pferde kaum durch den Sand ziehen konnten. Er pflanzte, säte und schützte die jungen Keime vor dem Sturm und der Kälte, die vom Meere herüberkamen. Nachdem viele Jahre verstrichen waren, hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht und konnte an schönen Sommertagen im Schatten seiner grünenBäume sitzen, seine Rosen pflücken und an die großen Wälder von einst denken. Jetzt war er allerdings ein alter Mann. Aber das hat nichts mit der Geschichte zu tun. Der ganze Mann hat nur insofern etwas für die Geschichte zu bedeuten, als er den Garten angelegt und dadurch das Erdreich und den Sand einander so nahegebracht hatte, daß sie sich gegenseitig ihre Komplimente machen konnten.
Das geschah an der Südseite des Gartens, wo ein Bretterzaun stand, der aus den Planken gestrandeter Schiffe hergestellt war. Der Zaun war mit starken Pfählen eingerammt, doch unter den Brettern war eine kleine Öffnung, aus der das Erdreich hervorschaute und dem Sand in sein weißes Gesicht starrte.
Hier beginnt die Geschichte. Der, der sie erzählt, hat sie mit seinen eigenen Ohren mitangehört; denn er hat sowohl innerhalb des Bretterzauns im Schatten der Bäume gesessen, als auch draußen gelegen, wo der weiße Sand regiert. Und er hat selber das Loch unter dem Zaune gesehen und alle die seltsamen Wesen, die in dieser Geschichte auftreten.
Sobald am Morgen die Sonne aufging, begann die Erde allerhand anzügliche Reden, die den Sand ärgern sollten und es auch taten.
Wenn der Sand diesen Morgengruß hörte, gebärdete er sich wie verrückt und rief:
„Lieber Wind, lieber Wind! Nimm mich, heb’ mich, feg’ mich!“
„Mit Vergnügen!“ erwiderte der Wind.
Und dann fuhr der Sand wie ein Rasender gegen den Zaun; aber das half ihm nichts, dennder Zaun stand fest und wich keinen Finger breit; und wenn auch etwas Sand in den Garten hinabwehte, so lachte die Erde doch bloß darüber. Denn sie wußte, daß nach einem Weilchen der alte Mann mit seiner Schaufel kommen und den naseweisen Sand dahin zurückwerfen würde, von wo er gekommen.
Es dauerte nicht lange, so lief der Wind weiter, an andere Stellen, wo er auch zu tun hatte, oder legte sich in das Sandhaargras und flüsterte. Der Sand beruhigte sich dann auch wieder, lag mit sonderbaren, ärgerlichen Streifen und Runzeln da und dachte über die Dinge nach.
„Eigentlich weiß ich nicht, worauf du dir so viel einbildest,“ sagte er. „Warum sind deine Rosen und dein Gras besser als mein Sandhaargras? Hast du nicht meine kleinen Weidenbüsche gesehen? Und mein Mannstreu und meinen Strandkohl?“
„Singe mir etwas davon vor,“ erwiderte die Erde. „Warum singst du nicht ein Liedchen von deinem Reichtum?“
„Das kann ich nicht,“ sagte der Sand sehr traurig.
„Siehst du, das kannst du nicht!“ triumphierte das schwarze Erdreich und dehnte sich fett und üppig. „Das ist es eben. Vom Mannstreu und vom Sandhaargras kann man kein Liedchen singen. Es liegt keine Poesie darin. Von Rosen aber und grünen Bäumen, davon kann man singen. Die Vögel — —“
„Ich habe auch Vögel!“ rief der Sand. „Möwen und Seeschwalben und viele andere.“
„Das sind mir nette Kerle! Diesingendoch nicht... die kreischen und schreien ja, daß sichein anständiger Mensch die Ohren zuhalten muß. Und was für ein Leben führen sie? Die Eier schmeißen sie auf den nackten Sand, und dann legen sie sich selbst darauf. Keine Spur von einem Nest oder von irgendwelcher Gemütlichkeit! Die Jungen müssen, wenn sie kaum ausgewachsen sind, sich selber ihr Futter verschaffen. Das sind schöne Verhältnisse, muß ich sagen! Aber Gott behüte... arme Leute müssen ja mit allem zufrieden sein.“
„Sind deine Vögel denn besser?“
„Was faselst du da? Hier draußen ist freilich nicht viel los. Aber dort, woher ich stamme... da kannst du Vögel sehen, verehrter Freund! Sie singen, daß die Menschen stehenbleiben und lauschen ... Da gibt es Nachtigallen und Hänflinge, Zeisige, Drosseln und Finken. Sie bauen sich die niedlichsten Nester in den Büschen, füttern sie mit Daunen, Haaren und schönem Heu von der Wiese aus, so daß ihre Jungen wie Prinzen und Prinzessinnen darin leben können. Es geht ihnen sehr gut, verstehst du. Ich versorge sie ausgezeichnet, trage Beeren und Getreide für die, die es gerne fressen, und sie bekommen Fliegen und Würmer, soviel sie nur wollen.“
Der Sand lag da und dachte sich immer mehr und mehr in Wut und Ärger hinein. Als es Abend wurde, wehte und stob er zu seinem Privatvergnügen umher, häufte kleine Dünen auf und trug die Hügel an andere Stellen ab und benahm sich überhaupt, wie Sand sich zu benehmen pflegt. Dadurch besserte sich seine Laune allmählich.
„Wie du dich aufführst!“ rief die Erde. „Fliegst und stiebst umher. Eine ordentliche Pflanze könntenie auf den Gedanken kommen, Wurzel in dir zu fassen, selbst wenn du ihr Nahrung bötest. Du würdest ja bald ihre Wurzeln bloßlegen und bald die ganze Pflanze begraben. Das gute Wasser läßt du durchsickern, als wäre es Schmutz... Du bist ein ganz leichtsinniger, unmöglicher Patron. Ich bin überzeugt, daß du selbst an deiner Armut schuld bist.“
„Ich bin, wie ich bin!“ erwiderte der Sand. „Ich liege still und fege umher, ganz wie es mir gefällt. Ich bin Herr über mein Gebiet wie du über deinen kleinen Fleck. Soweit du sehen kannst, herrscheichlängs des Meeres. Die Wellen spülen mich herauf, und die Wellen nehmen mich wieder. Der Wind trägt mich, und der Wind läßt mich fahren. Ich bin naß und bin trocken, wie es kommt.“
„Du solltest werden wie ich,“ sagte die Erde. „Schwer und fett und ruhig. Dann würden die Pflanzen in dir wurzeln, und du würdest reich werden.“
***
Es war Mai, und es war wunderschön in den Dünen. Vom Strande aus war nichts anderes zu sehen als Sandhaargras und dann das Häuschen des alten Mannes mit dem Garten; die bunten Krokus standen in Blüte, und alle Bäume und Sträucher trugen dicke Knospen. Aber auf der Seite der Dünen, die gegen den Wind geschützt war, glänzte und leuchtete es so von Stiefmütterchen, daß selbst die schwarze Erde ordentlich neidisch wurde.
„Ei,“ sagte sie, „ich glaube wirklich, du willst mir nachäffen. Die Blumen hast du wohl gestohlen?Wie in aller Welt sollte deinem dürren Schoße all die Pracht entsprießen?“
„Ja... da siehst du es!“ rief der Sand stolz. „So sehe ich aus, wenn ich blühe.“
„Recht nett,“ meinte die Erde. „Aber das ist ja nicht echt. Bevor der Monat um ist, ist der dünne Staat längst abgeblüht.“
Und so kam es auch. Die Stiefmütterchen waren bald wieder weg, und der Sand war von neuem betrübt. Er hatte ja freilich seine Weidenbüsche und das Sandhaargras und das Sandrohr, das seine Ähren trug, so gut es konnte, und das wirklich ein Halbvetter des gelben Getreides war. Aber das Erdreich lachte bloß über sie alle und sagte, sie wären nicht des Anschauens wert und täten für keinen Pfifferling Nutzen hier in der Welt.
Mannstreu
„Was für häßliche Blätter sie haben!“ spottete die Erde. „Wie garstig blaugrau und steif die sind! Kann man den Leuten so etwas bieten?“
Und als der Sand dann die wunderliche Mannstreupflanze präsentierte, die wie ein ganzer kleiner Strauch dastand, steif wie eine Distel, blaugrau von oben bis unten mit hellblauen Blüten — da war nicht ein Baum im Garten, der nicht lachte, daß die Blätter zitterten.
„Soll das eine Blume sein?“ fragte die Erde.
Es half nicht einmal, als die Knospen der Strandrose aufsprangen, so klein und niedlich sie auch war mit ihren feinen Blüten. Sie wie auch unsrer lieben Frau Bettstroh wurden als erbärmliche, garstige Geschöpfe verworfen. Und während sie sich nach Kräften abmühten, um schön auszusehen, prangte der Garten so im Schmucke herrlicher Blumen, daß alle Bienen und Schmetterlinge, die in die Nähe kamen, ohne weiteres zu diesen Gartenblüten flogen und die armseligen Sandblumen sich selbst überließen.
„Laßt sie fliegen, laßt sie fahren!“ sagte der Sand. „Ich habe meine Tiere, und die sind gut.“
„So — —?“ erwiderte die Erde. „Darf man, ohne indiskret zu sein, nach dem Namen fragen?“
„Mit Vergnügen. Wenn wir auch arm sind, so sind wir doch ehrlich und haben den Mut, uns zu unseren Ansichten und Namen zu bekennen. Da ist zum Beispiel — —“
„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche,“ sagte die Erde. „Aber vergiß nicht den toten Goldbutt, den ich da unten sehe.“
„Ich werde an ihn denken,“ entgegnete der Sand, „und ich kann recht gut mit ihm anfangen, wenn es dir Spaß macht. Er gehört ja nicht mir an, sondern dem Meere. Aber darunter liegen hundert Fliegenlarven, die ihr Morgen-, Mittags- und Abendfutter von ihm bekommen und gut dabei gedeihen.“
„Das ist ja eine sehr hübsche Geschichte,“ sagte die Erde, „ich glaube bloß nicht, daß sie wahr ist.“
„Lieber Wind,“ rief der Sand, „sei so freundlich, den Goldbutt da unten einen Augenblick umzudrehen.“
„Stets zu Diensten,“ antwortete der Wind, und — eins, zwei, drei! war der Goldbutt umgedreht.
Mit den Fliegenlarven hatte es seine Richtigkeit, denn da wimmelten dicke, weiße Maden in Scharen, und sie sahen aus, als wären sie sehr ärgerlich darüber, daß ihnen ihr fauliger Goldbutt fortgenommen war.
„Na,“ sagte die Erde, „die Maden sind also wirklich da. — Was weiter?“
„Dann sind da die Rüsselkäfer auf dem Sandhaargras; an denen ist auch kaum etwas auszusetzen. Und dort unten am Strande läuft meine Spinne; ihr Hinterkörper ist so groß wie eine Nuß. Du hast gewiß keine größeren in deinen grünen Wäldern, deren du dich so rühmst.“
„Gut,“ sagte die Erde. „Die Spinne mag passieren. Aber es ist mehr nötig, wenn du daran denken willst, es mit mir aufzunehmen.“
„Daran denke ich durchaus nicht,“ erwiderte der Sand. „Ich nenne dir bloß das, was ich habe. — Hast du schon meine Grabwespe gesehen und meine schwarzen Schmetterlinge mit den roten Flecken auf den Flügeln? Und ich habe auch einen kleinen Maikäfer, wenn dir der besser gefallen sollte. Ich bin durchaus nicht so arm, wie ich aussehe.“
„Das ist hübsch, daß du vergnügt bist. Genügsamkeit ist auch sehr nötig in deiner Lage, und ein paar Tiere hast du ja wirklich. Nur mußt du entschuldigen, wenn ich finde, daß sie sehr unansehnlich sind.. gelb und grau und weiß. Selbst deine Möwen, auf die du so stolz bist, haben keine Farbe.“
„Ich denke, sie sehen aus, wie es am besten für sie ist. Es mag ganz richtig von deinen Vögeln sein, daß sie grün und gelb und rot leuchten, da sie ja zwischen Bäumen und Blumen umherfliegen. Die meinen sind gezwungen, sich anders zu kleiden, wenn sie sich vor ihren Feinden schützen sollen. Sie müssen aussehen wie das Meer und der Strand, überden sie hinfliegen. Und meine Insekten müssen mir ähnlich sehen, wenn sie denen, von denen ihnen Gefahr droht, entgehen wollen. Ich finde, du, da du so klug bist, müßtest das begreifen können.“
„Das sage ich ja eben,“ sagte die Erde. „Du und die Deinen, ihr seid arm und klein und müßt euch danach einrichten. Unsereins ist besser gestellt und kann darum flotter leben.“
Da stob der Sand wütend auf.
„Was ficht dich das an?“ sagte das Mannstreu und hob seine steifen hellblauen Blüten. „Wir freuen uns des Lebens und wünschen uns kein besseres Los.“
„Laß die Erde nur reden!“ sagte die Möwe und flog auf ihren langen Flügeln daher. „Der Strand ist schön, und das Meer ist groß, und in den grünen Wäldern ist es drückend schwül.“
„Verlaß dich auf mich, verlaß dich auf mich!“ flüsterte das Sandhaargras. „Ich gehöre dir und niemand anderem.“
„Ich liebe dich, du gelber Sand,“ sagte das Sandrohr und nickte mit seiner Spitze. „Ich würde sterben, wenn ich nicht in dir wohnen könnte.“
Und der Wind fächelte, die Wogen erbrausten, und der Sand tröstete sich, so gut er konnte. Aber die Erde lag fett und eingebildet in dem kleinen Garten und wußte recht gut, daß die anderen sich im stillen doch ärgerten.
***
Es war Hochsommer und entsetzlich warm. Der alte Mann hatte seinen Brunnen geleert, um seinen geliebten Garten zu wässern. Müde und bekümmert saß er mit gebeugtem Rücken auf der Bank und sah, wie die Blumen ihre Blätter hängen ließen und wie bestaubt und durstig die Bäume waren.
Warten auf den Regen
„Ich kann nicht mehr tun, als ich tue,“ seufzte er. „Wir müssen auf den Regen hoffen. Kommt der nicht, bevor die Woche um ist, dann sterben wir alle.“
„Wie geht es?“ fragte der Sand. „Wie wunderschön warm es ist! Das ist das richtige für mich und die Meinen.“
„Das will ich glauben,“ sagte die Erde. „Ihr Bettler seid an alles gewöhnt. Wir, die wir ein ordentliches Leben führen, haben natürlich zu leiden.“
Da lachten der Sand und das Mannstreu, das Stiefmütterchen, die Spinne, die Möwe und alle die anderen.
„Nun ist die Reihe an mir,“ erklärte der Sand.
„Mag sein,“ entgegnete die Erde. „Wenn auch alles, was mein ist, verdursten und verdorren soll, so möchte ich doch nicht in deiner Haut stecken, du armer Schlucker. Ich habe doch wenigstens gelebt!“
„Sehr lebendig sehen die hängenden Blätter nicht gerade aus,“ spottete der Sand. „Du bist jetzt beinahe ebenso trocken wie ich... und du fängst an, ganz grau zu werden.... Wer weiß, vielleicht erlebe ich es noch, dich ebenso arm zu sehen wie die, die du immer verhöhnst.“
„Du verstehst es nicht besser,“ sagte das Erdreich. „Du hast nicht genug Poesie, um es zu begreifen. Ich aber bin sogar in diesen trockenen Zeiten vollMelodien und voll der merkwürdigsten Märchen. Du hast gar keine Ahnung von all der Herrlichkeit und Schönheit, die aus mir quillt. In mir spielen sich große Dramen ab, erschütternde, entsetzliche Begebenheiten, die mir genug zu denken geben, während ich auf den Regen warte, wohingegen du beständig grau und gleichförmig und weiß und gelb und langweilig bist. Dein Sandhaargras würde noch einmal so starr zu Berge stehen, wenn ich es dir erzählte.“
„Erzähle!“ bat der Sand.
„Was könnte es nützen? Du verstehst es ja doch nicht. Ich könnte dir von allen den seltsamen Blumen erzählen, die in mir wachsen, da drüben in meiner Heimat. Könnte dir erzählen, wie listig sie es anfangen, Bienen und Fliegen anzulocken und ihnen ihren Staub mit auf den Weg zu geben bis zur nächsten Blüte. Ich könnte erzählen von dem Duft, der meine Wälder erfüllt... von meinen Feldern mit dem Getreide, das sich golden und schwer zu Boden neigt, und mit den blauen Kornblumen und dem roten Mohn dazwischen... von dem Aufspringen der Knospen und davon, wie im Lenz alles empordrängt zum Licht und wie alle ganz außer sich sind vor Freude: Menschen und Tiere, Blumen und Bäume. Erzählen könnte ich von den Ameisen... Hast du auch Ameisen?“
„Ein paar im Sandhaargras,“ flüsterte der Sand ganz verschämt.
„Ha! Aber ich habe sie zu Millionen, siehst du. Sie bauen gewaltige Hügel unter den Bäumen und rennen Tag und Nacht umher... Die Ameisen führen ein so merkwürdiges Leben! Aber das weißja jedes Kind, so daß ich gar nicht davon reden mag.“
„Das ist alles recht gut und schön,“ sagte der Sand, „aber wo bleibt das Fürchterliche, das Erschütternde?“
„Was hältst du zum Beispiel vom Kuckuck?“ fragte die Erde. „Kennst du den?“
„Nein,“ war die Antwort.
„Natürlich — woher solltest du ihn auch kennen! Das ist ein überaus vornehmer und verwöhnter Vogel, der jährlich nur ganz kurze Zeit hier im Lande wohnt... nur die schönsten Sommermonate über. So vornehm ist er, daß er selbst gar kein Nest baut, sondern seine Eier in die Nester anderer Vögel legt. Und die fremden Vögel brüten die Eier aus, in dem Glauben, es wären ihre eigenen. Der junge Kuckuck stößt die anderen Jungen dann zum Neste hinaus und frißt und frißt, und die Pflegeeltern sterben manchmal schließlich vor Hunger und Kummer.... Ach, das ist eine grauenhafte Geschichte, die einen in einer Sommernacht wach halten kann. Und der Kuckuck istmein, verstehst du, und das alles sindmeineVögel undmeinegrünen Wälder...“
„Ja, die Geschichte ist wirklich schrecklich. Gott sei Dank, daß ich keinen Anteil daran habe!“
„Aus dir spricht der bloße Neid. Du bist alles andere als interessant. Das weißt du, und das quält dich.“
Der Sand stob und wehte, als bekäme er es bezahlt; denn er fühlte, daß die Erde recht hatte, und das ärgerte ihn.
„Ist denn von euch niemand interessant?“ fragteer mürrisch und sah sich zwischen den Seinen um. „Ist von euch wirklich niemand interessant?“
„Darf ich...“ begann das Sandrohr.
Das Sandrohr
Die Erde lachte laut auf, und der Sand blickte mißtrauisch auf die Pflanze, deren Wipfel sich ganz leise hin und her wiegten, und die recht grau und langweilig aussah.
„Das wird gewiß eine schöne Geschichte werden,“ höhnte die Erde.
„Hast du wirklich etwas zu erzählen, liebes Sandrohr,“ mahnte der Sand, „dann erzähle! Aber vergiß nicht, wie sie uns auslachen, wenn wir nicht interessant sind.“
„Die Geschichte ist sehr traurig,“ sagte das Sandrohr. „Aber wenn ihr sie hören wollt, so stehe ich zu Diensten.“
„Darf ich fragen, was für Personen darin auftreten?“ forschte die Erde.
„Nur eine Person.“
„Und wer ist das?“
„Das bin ich.“
„Hahaha!“ lachte die Erde. Und alle Blumen und Bäume im Garten vergaßen ihren Durst und lachten mit.
„Erzähle!“ sagte der Sand zornig. „Aber ist die Geschichte nicht gut, so fege ich über dich hin und begrabe dich.“
„Das wäre keine Strafe für mich,“ entgegnete das Sandrohr. „Im Gegenteil. Ich fühle mich sogar am allerwohlsten, wenn du über mich hinwehst. Aber nun hört zu!“
Der Sand lag ganz still da mit seinen feinen Runzeln und Falten, und auch die Erde lauschte.Die Spinne blieb auf ihren langen zottigen Beinen stehen, die Fliegenmaden krochen unter dem toten Goldbutt hervor, die Möwe stand auf einem Stein dicht am Ufer, und der Wind und das Sandhaargras hörten auf zu flüstern. Sie waren alle so gespannt darauf, ob das Sandrohr etwas zu erzählen wüßte, das die prahlerische Erde zum Schweigen bringen könnte.
Und dann begann das Sandrohr:
„Ihr müßt wissen, daß es eigentlich eine große Schande ist, wenn das Sandhaargras in dem Rufe steht, den Sand in den Dünen zu binden; denn das besorgeichweit mehr.“
„Da sehen wir es!“ rief das Sandhaargras verletzt.
„Ich finde, ihr habt keinen Grund zum Zanken,“ sagte die Erde. „Aber wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde.“
„Es ist so, wie ich sage,“ fuhr das Sandrohr fort, „und ich finde, ihr sollt es wissen, weil mein Schicksal so unglücklich ist. Wenn ich aus meinem Samen hervorwachse, dann versende ich meine feinen Wurzeln weit und tief durch den Sand hin. Da, wo ich heraufkomme, treibe ich einen kleinen Büschel von Blättern, und von ihm aus kriechen meine Wurzelstöcke weit, weit über den Sand hin, schlagen wieder feine Wurzeln, bauen neue Blattbüschel usw., solange ich lebe.“
„Das ist ja gewiß sehr interessant,“ sagte das Sandhaargras höhnisch. „Aber diese Geschichte hätte ich ebensogut erzählen können, denn ich mache es genau so.“
„Interessant kann man es nicht nennen,“ verkündete die Erde. „Aber es ist rührend. Die Vorstellung, daß das Sandrohr in dem kläglichen Sande wachsen und wachsen soll, ist geradezu herzzerreißend.“
Aber das Sandrohr fuhr fort, ohne sich um das Gerede der anderen zu kümmern:
„Ich liebe den Sand wie keiner von den anderen, die hier wohnen; und alles, was ich besitze und habe, ist für den schönen fliegenden, stiebenden Sand eingerichtet. Die Blätter in meinen Knospen sind so zusammengerollt, daß die Knospen steif und stechend scharf sind und den Sand leicht durchbrechen können. Meine Blätter sind stark und fest, und ich lasse sie stets zusammengerollt, damit ich den Saft in ihnen bewahren kann. Alle meine Atemlöcher sitzen auf der oberen Seite, und ich drehe dem Winde stets die untere Seite zu, damit er mir keinen Verdruß bereitet.“
„Gott behüte, wie die Person prahlt!“ rief das Sandhaargras.
„Ich finde, sie hat nichts zu prahlen,“ sagte die Erde. „Das alles ist ja so unendlich ärmlich, trist und kläglich.“
„Jetzt kommt das Traurige,“ begann das Sandrohr von neuem. „Seht, ich habe es nun schon so lange mit angehört, wie das Erdreich meinen wunderschönen Sand verhöhnt und zum besten hat, und ich weiß, daß der Sand am liebsten gute, tüchtige Erde sein und Blumen und Bäume hervorbringen möchte. Ich benutze daher mein ganzes Leben dazu, dem Sande zur Erreichung dieses Zieles zu verhelfen. Ich binde ihn mit meinen Wurzeln und Wurzelstöcken, wenn er auffliegen will; ich banne und binde ihn, obwohl das mein Unglück ist.“
„Warum?“ fragte die Erde. „Es müßte doch auch für dich ganz hübsch sein, wenn der Sand ruhig und fest wäre. Dann könntest du in aller Stille wachsen und gedeihen, und deine Blätter würden eine bessere, grüne Farbe bekommen.“
„Nein,“ sagte das Sandrohr, „gerade das kann ich nicht. Ich lebe und sterbe mit dem fliegenden Sand. Ich kann gar nicht gedeihen, wenn der Sand nicht über mich hinfegt. Sooft einer von meinen kleinen Blattbüscheln vom Sande bedeckt wird, durchfließt mich ein Strom von Mut und Lebenslust und Freude. Ich fühle mich doppelt stark und doppelt froh, versende neue Triebe und wachse, wachse, bis ich durch den Sand emporgekommen bin.“
„Und dann?“ fragte die Erde.
„Dann bleibe ich wieder stecken,“ erwiderte das Sandrohr. „Es ist, als würde meine Kraft gelähmt, nachdem ich mein Ziel erreicht habe. Still und verzagt warte ich darauf, daß der Sand wieder über mich hinfegt und mir neuen Lebensmut gibt.“
„Seltsam, höchst seltsam!“ rief das Sandhaargras.
„Ja,“ fuhr das Sandrohr fort, „so ist es nun einmal mit mir. Darum sage ich, daß mein Los so unendlich traurig ist. Unermüdlich arbeite ich daran, meinen geliebten Sand zu binden, und wenn das geschehen ist, muß ich sterben. Ich arbeite an meinem eigenen Tode. Ich arbeite für andere. Sandhaargras, Mannstreu und das bunte Stiefmütterchen treten an meine Stelle. Wenn die Düne fest wird, so daß man sich auf ihr ansiedeln kann,dann ist das in erster Linie mir zu verdanken. Darum säen die Menschen mich auch überall in den Sand, und ich tue meinen Nutzen und sterbe. Das ist meine traurige Geschichte. Es schneidet mir ins Herz, sie zu erzählen, aber ich habe es getan, damit die dumme fette Ackererde sieht, wie wir in der Düne leben und daß es jemand gibt, der den armen weißen Flugsand mehr liebt als sein Leben.“
„Mein liebes, liebes Sandrohr!“ rief der Sand und bedeckte im Nu alle seine Büschel.
„Vielen Dank!“ sagte das Sandrohr. „Nun bin ich glücklich.“
„Das ist wirklich eine rührende Geschichte,“ sagte die Erde. „Eine niedliche Geschichte für junge Mädchen von Liebe und Aufopferung. Aber wo bleibt das Grauenhafte, Spannende, Dramatische?“
Da vergaß der Sand das liebevolle Sandrohr, über das er eben erst so gerührt gewesen, und stob und flog wie ein Rasender.
„Wie böse du bist!“ sagte er. „Ich bin froh, daß ich dir nicht gleiche.“
„Hahaha!“ lachte die Erde. „Die Trauben waren dem Fuchs zu sauer.“
Der Sand sagte nichts, grämte sich aber entsetzlich. Und das Sandrohr hörte nichts, sondern wuchs unter dem Sande weiter.
Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kroch eine kleine, unansehnliche Fliege dicht an der Stelle umher, wo das schwarze Erdreich unter dem Zaune hervorkam und wo der Sand in seinem Gram und seiner Bitterkeit lag.
„Ich will dir einen Gefallen erweisen, du lieber weißer Sand,“ sagte die Fliege.
„Du?“ fragte der Sand.
Und die Erde spottete:
„Herr Gott, ist es schon so weit mit dir gekommen, daß du dir von den Fliegen Dienste erweisen lassen mußt?“
„Kümmere dich um dich selbst!“ sagte die Fliege. „Ich weiß, was ich weiß. Du denkst darüber nach, ob sich denn nicht auch in dir etwas Interessantes abspielen sollte... etwas recht, recht Grauenerregendes, Unheimliches, um das dich die schwarze Erde beneiden könnte.“
„So ist es!“ seufzte der Sand.
„Gut. Ich werde dir helfen. Ich werde dir etwas zeigen, das ärger ist als das ärgste, worauf die Erde verfallen kann. Und es ist keine Geschichte, sondern etwas, das vor deinen Augen passiert. Aber du mußt gut acht geben und Geduld haben, denn es dauert eine Weile.“
„Ich will aufpassen wie ein Schießhund und bis zum Jüngsten Tage warten.“
„Kennst du die Grabwespe?“
„Und ob ich sie kenne! Wo sie so in mir wühlt!“
„Gib auf sie acht. Und gib auf mich acht.... Da kommt sie! Nun mache ich mich aus dem Staube. Sie kennt mich ja allerdings nicht, aber man kann nie wissen...“
Wupps! — war die Fliege verschwunden.
„Es mag so lange hingehen, bis es regnet,“ bemerkte die Erde. „Möglich, daß es noch interessant wird, obwohl das Gerede der Fliege nicht gerade vielversprechend war.“
Da kam die Grabwespe geflogen. Sie glich aufsHaar einer Hornisse mit den schwarzen Ringen auf ihrem gelben Rumpf und ihren klaren Flügeln. Sie setzte sich auf den Sand, kroch ein wenig umher, schnüffelte, bis sie eine Stelle gefunden hatte, die ihr gefiel, und fing dann an zu graben. Sie spreizte ihre vier Hinterbeine gewaltig und grub mit den beiden Vorderbeinen. Der Sand flog ihr in einem Strahl unter dem Bauche hervor. Und sie fuhr fort, bis sie ganz tief hinabgekommen war, wo der Sand fester wurde.
Grabwespe gräbt im Sand
Alle Augenblicke kam die Wespe, mit einem kleinen Klumpen beladen, wieder an die Oberfläche, und dann grub sie weiter, und so fort, bis sie fertig war.
„Mit Verlaub, was tust du da?“ fragte das Sandhaargras.
„Ich baue eine Haustür für meine Jungen,“ erwiderte die Grabwespe. „Jetzt bin ich fertig. Da unten ist ein Loch, so groß wie eine Walnuß. Nun will ich etwas Futter holen, und dann lege ich das Ei.“
„Warte mal,“ rief das Mannstreu. „Der Gang fällt ein.“
„Das ist nur der äußerste lose Sand,“ sagte die Grabwespe. „Da grabe ich mich leicht hindurch, und die Stelle erkenne ich an der Senkung. Es ist recht gut, daß der Sand einfällt, dann weiß niemand, wo mein liebes Kind wohnt, und niemand kann ihm Schaden zufügen.“
„Ein Kind?“ rief die Erde höhnisch. „Das ist gerade der Rede wert. Bei mir haben die Tiere stets viele Kinder.“
„Ich lege sechs Eier,“ erwiderte die Grabwespe.„Ein jedes in sein Nest. Vierzehn Tage lang muß ich umherfliegen und Futter für alle sechs Jungen holen. Das ist alles, was ich fertigbringe.“
„Da siehst du es, du eingebildete schwarze Erde,“ sagte der Sand und legte sich in die untersten Runzeln. „Sechs Junge, und jedes von ihnen hat sein eigenes Haus. Das ist fein — was?“
„Ich warte auf das Grauenerregende,“ entgegnete die Erde.
Die Grabwespe war bereits fort, und nun kam die Fliege zurück.
„Da ist es!“ rief sie sogleich und lief zu der Stelle hin, wo das Nest war.
Aber sie ging nicht ganz bis dorthin, sondern beschrieb einen großen Bogen.
„Hat sie das Ei gelegt?“ fragte sie.
„Nein,“ sagte das Sandhaargras. „Aber gleich kommt sie wieder, und dann tut sie es. Und sie bringt dem Jungen auch Futter mit. Sie scheint eine ausgezeichnete Mutter zu sein.“
„Jeder sorgt für seine Kinder, so gut er kann,“ erklärte die Fliege. „Ich sorge für die meinen. — — Niemand darf übrigens erzählen, daß ich hiergewesen bin.“
Weg war sie schon wieder, denn die Grabwespe kam zurück und brachte eine gewaltige Spinne herbeigeschleppt. Sie setzte sich vor das Nest, holte ein wenig Atem, stach und biß noch einmal in die Spinne, um sicher zu sein, daß sie auch wirklich tot war, und fing dann an, sie in die Höhlung einzugraben. Als das erledigt war, kam sie wieder herauf. Das Mannstreu und das Sandhaargras, der Sand unddie Erde, das Stiefmütterchen und die Möwe, die draußen auf dem Stein saß, starrten sie gespannt an.
„Nun habe ich mein Ei gelegt,“ sagte sie. „Und Futter für das Kind ist auch da, wenn es auskriecht, was es wohl bald tun wird, da die Sonne so schön auf das gesegnete Land herniederschaut. Mehr kann ich vorläufig nicht tun. Morgen bringe ich neues Futter. Ich bitte euch: Sagt niemand etwas davon, wo mein Kind liegt.“
„Nein!“ riefen sie alle.
Dann flog die Grabwespe wieder fort, und die Fliege kam zurück.
„Ich rieche, daß sie hier war,“ sagte die Fliege. „Nun heißt es arbeiten, solange es Zeit ist.“
Damit grub sie sich in die Höhle hinab und blieb lange unten. Als sie wieder heraufkam, glänzte sie vor Vergnügen.
„Was hast du getan?“ rief das Sandhaargras.
„Ich habe getan, was ich für meine Kinder tun konnte,“ erwiderte die Fliege. „Ich habe da unten sieben Eier gelegt.“
„Was, glaubst du, wird die Grabwespe dazu sagen?“ fragte das Mannstreu.
„Wie soll sie es erfahren?“ sagte die Fliege. „Da unten ist es kohlrabenschwarz wie die Nacht; man kann keine Hand vor Augen sehen.“
„Aber wenn nun die Jungen der Grabwespe ausschlüpfen, dann fressen sie deine Eier auf,“ warf das Sandhaargras ein.
„Die meinen kommen zuerst heraus,“ erwiderte die Fliege und rieb sich vergnügt die Fühler. „Dann fressen sie die Kinder der Grabwespe auf und tun sich gütlich an all dem schönen Futter...Ja, vorläufig liegt ja nur eine Spinne da unten, aber sie bringt wohl noch mehr.“
„Sie sagte es wenigstens“ erklärte das Sandhaargras.
„Das ist recht. Ihr glaubt nicht, wie gut es für Fliegenkinder ist, mit Spinnen großgefüttert zu werden. Es gibt doch noch Gerechtigkeit in der Welt.“
Die Fliege flog fort, und die anderen starrten einander an.
„Es ist eigentlich ein widerwärtiger Anblick,“ begann die Erde.
„Du solltest an deinen Kuckuck denken,“ erwiderte der Sand voller Hohn. „Wolltest du nicht das Grauenhafte, das spannende haben?... Ich finde, die Sache fängt sehr vielversprechend an.“
Und dann ermahnte der Sand die anderen, es möge sich keiner hineinmischen, was auch immer geschehen möge. Denn ihre Ehre stehe auf dem Spiele; es komme darauf an, sich gegenüber der eingebildeten Erde zu behaupten. Das versprachen sie denn auch feierlich, aber in der Nacht konnten sie alle vor Spannung nicht schlafen.
Grabwespe füttert ihre Kinder
Erst am Mittag des folgenden Tages zeigte sich die Grabwespe. Diesmal hatte sie eine Schmetterlingslarve bei sich.
„Man hat so viel zu tun,“ sagte sie. „Das Ei hier in dem Loch ist mein jüngstes. Meine anderen Jungen sind schon ausgeschlüpft, darum gehen sie vor.“
„Du arbeitest dich ja ganz ab,“ sagte das Sandhaargras.
„Oh, man bringt eine ganze Menge zustande, wenn man muß. Wenn man nur die Beute erwischen kann. Aber hier hat man ja nicht viel Auswahl.“
„Ja, hier ist es grauenhaft ärmlich,“ zeterte die Erde.
„Ich will ja nicht klagen,“ sagte die Grabwespe. „Ich brauche etwa hundert Stück während dieser Zeit: Fliegen, Spinnen und Larven, wie es kommt; und die finde ich auch. Wenn nur niemand meine Nester ausfindig macht und den Kindern das Futter wegnimmt.“
„Wer sollte das tun?“ fragte das Sandhaargras. „Hast du viele Feinde?“
„Feinde haben ja alle ordentlichen Leute. Da ist zum Beispiel die Goldwespe, die faule Person. Die mag nicht selber Futter einsammeln und legt ihre Eier in meine Nester. Aber vor der habe ich in dieser Gegend allerdings weniger Angst. Die wird meiner Familie in den fruchtbaren Gegenden gefährlich. Aber dann ist da eine Fliege, die sich ebenso schändlich benimmt. Doch ich denke, ich habe das Nest so gut versteckt, daß sie es nicht findet.“
„Aha... das ist ja eine Art Kuckuck!“ warf die Erde ein.
„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es ein garstiges Geschöpf ist. Und wenn ich sie erwischen könnte, würde ich ihr schleunigst den Garaus machen.“
Dann grub die Grabwespe sich mit der Larve hinab, kam wieder herauf und flog davon. Bald darauf ließ sich die Fliege sehen, kletterte gleichfalls hinab und kehrte vergnügt an die Oberfläche zurück.
„Alles in Ordnung,“ erzählte sie. „Es geht ausgezeichnet.“
Über vierzehn Tage lang brachte die Grabwespe täglich Futter herbeigeschleppt.
„Gott sei Dank!“ sagte sie. „Das Kind hat Appetit. Es ist fast das gefräßigste von den sechsen. Ihr könnt euch keinen Begriff davon machen, wie es frißt.“
„Wie sieht es denn aus?“ fragte das Sandhaargras.
„Woher sollte ich das wissen? Da unten ist es ja kohlrabenschwarz. Ich bekomme meine Kinder nie zu sehen; aber ich kann wenigstens mit gutem Gewissen sterben, wenn ich sie so gut füttere. Und es ist klar, daß es tüchtige Geschöpfe sind, wenn sie so fressen.“
„Entsetzlich!“ rief das Mannstreu, als die Grabwespe fort war.
„Eine unheimliche Geschichte — was?“ sagte der Sand.
„Hm,“ erklärte die Erde, „ich leugne nicht, daß die Sache anfängt, spannend zu werden. Aber noch haben wir ja nicht das Ende gehört. Wir wollen erst einmal sehen, wiedassein wird. Niemand von uns weiß ja, was da unten in der Höhle vorgeht.“
Am fünfzehnten Tage kam die Grabwespe ohne Futter und auf sehr matten Flügeln geflogen.
„Nun kann ich nicht mehr,“ seufzte sie. „Und ich will hoffen, daß ich genug getan habe. Ich fühle deutlich, daß ich sterben muß.“
„Warte doch noch ein wenig, und sieh dir dein Kind einmal an,“ sagte das Sandhaargras.
„Das erlebe ich nicht mehr,“ erwiderte dieGrabwespe. „Auch ich habe meine Eltern nie gesehen.“
Ein Weilchen saß sie noch da und betrachtete den Eingang zu der Höhle, glättete mit ihren letzten Kräften den Sand, um das Nest zu verstecken, streckte dann die Beine von sich und war tot.
„Es war eine gute Seele!“ predigte das Sandhaargras.
Doch das Mannstreu rief: „Da kommt die Fliege!“
„Nun werden wir den letzten Akt des Dramas erleben,“ sagte die Erde, die fürchterlich neugierig war, aber es ungern zeigen wollte.
„Ungeheuer spannend!“ meinte der Sand. „Viel, viel fürchterlicher als die Geschichte vom Kuckuck. Und dann ist es eben gar keine Geschichte, die man glauben oder nicht glauben kann, sondern es spielt sich alles unmittelbar vor unseren Augen ab.“
Als die Fliege die Grabwespe sah, fuhr sie erschrocken zurück.
„Habe keine Angst!“ sagte das Sandhaargras. „Sie ist tot. Und von deinen Schurkenstreichen hat sie nie etwas erfahren.“
„Spare deine Schimpfworte!“ entgegnete die Fliege. „Ich sorge für meine Kinder, wie wir alle es tun. Das ist das ganze. — Aber ich glaube, jetzt müssen sie bald zum Vorschein kommen.“
Alle starrten gespannt nach der Stelle, wo der Eingang zu der Höhle war, und nach kurzer Zeit begann es im Sande zu rascheln. Ein dünnes Beinchen tauchte auf... und noch eins... und noch vier, und dann stand eine neugebackene Fliege da, die niesen mußte und sich den Sand aus den Augenwischte und auf und davon flog, ohne ihrer Mutter auch nur guten Tag zu sagen.
„Das ist mein Sprößling!“ sagte die Fliege.
„Unverkennbar,“ sagte das Mannstreu. „Dieselben niedlichen Manieren.“
Und dann kam noch eine junge Fliege zum Vorschein und dann nacheinander noch fünf.
„Na,“ fragte der Sand, „was sagst du nun, meine liebe Erde?“
„Ich?“ erwiderte die Erde, als ginge das ganze sie nichts an. „Ich sage nur soviel: jetzt regnet es.“
Und so war es. Der Regen machte der Geschichte schnell ein Ende.