Wald und Heide.
Es war einmal ein herrlicher Wald mit tausend ranken Stämmen und mit Saus und Sang in den dunkeln Kronen.
Ringsum dehnten sich Wiesen und Felder, und drüben hatte der Bauer sein Haus erbaut. Wiese und Feld boten einen guten Anblick dar in ihrem vollen Grün, und der Bauer war fleißig und dankbar für den Ertrag, den er heimbrachte. Der Wald aber stand wie ein großer Herr hoch über ihnen allen.
Während des Winters lag das Feld flach und elend unterm Schnee, die Wiese war ein einziger vereister See, und der Bauer verkroch sich in der Ofenecke; aber der Wald stand gleich rank und ruhig da mit seinen nackten Zweigen und ließ es stürmen und schneien, soviel es Lust hatte. Wenn’s Frühling wurde, dann grünten freilich Feld und Wiese, und der Bauer kam hervor und begann zu pflügen und zu säen. Der Wald aber erwachte zu solcher Herrlichkeit, daß niemand es beschreiben konnte; zu seinen Füßen standen Blumen, und auf seinen grünen Wipfeln lag die Sonne; aus dem kleinsten Strauch erscholl Vogelgesang, und allerorten duftete es und wogte es von festlichen Farben.
Da geschah es eines Sommertags, als der Wald mit seinen Zweigen um sich fächelte, daß ihm einspaßiges braunes Ding vor Augen kam, das sich auf den Hügeln gegen Westen ausbreitete, und das er noch nie gesehen hatte.
„Was bist du für ein Geselle?“ fragte der Wald.
„Ich bin dieHeide,“ erwiderte das braune Ding.
„Ich kenne dich nicht,“ entgegnete der Wald, „und ich mag dich nicht leiden. Du bist so garstig und schwarz, gleichst weder Feld noch Wiese noch sonst irgend etwas, das ich kenne. Hast du Knospen, die aufspringen? Kannst du blühen? Kannst du singen?“
„Gewiß, gewiß,“ sagte die Heide. „Im August, wenn deine Blätter dunkel und müde werden, dann springen meine Blütenknospen auf. Und dann bin ich rot — rot von einem Ende zum andern und schöner als alles, was du je gesehen hast.“
„Prahlhans!“ sagte der Wald. Und dann sprachen sie nicht mehr zusammen.
Im nächsten Jahr war die Heide ein großes Stück den Hügel hinabgekrochen, auf den Wald zu. Der Wald sah es zwar, sagte aber nichts. Es schien ihm unter seiner Würde zu sein, sich mit solch garstigem Burschen zu unterhalten. In seinem Innern aber hatte er Angst. So machte er sich denn so grün und schön, wie er nur konnte, und ließ sich nichts anmerken.
Mit jedem Jahr aber, das verstrich, kam ihm die Heide näher. Sie hatte jetzt alle Hügel zugedeckt und lag dicht vor dem Bereich des Waldes.
„Scher dich weg!“ sagte der Wald. „Du bist mir im Wege. Gib acht, daß du nicht an meine Hecke rührst!“
„Ich geh drüber weg,“ war die Antwort der Heide. „Ich geh hinein in dich, ich fresse und zerstöre dich.“
Da lachte der Wald, daß alle seine Blätter bebten.
Pflügender Bauer
„Soso, also das ist deine Absicht!“ sagte er. „Wenn du’s nur fertig bringst! Ich fürchte, ich bin ein zu großer Happen für dich. Du glaubst wohl, ich bin dasselbe wie so ein bißchen Wiese oder Feld, worüber man im Nu hinwegspazieren kann. Aber ich bin der Mächtigste und Vornehmste in der ganzen Gegend, mußt du wissen. Ich will dir einmal mein Liedlein vorsingen, dann kommst du vielleicht auf andere Gedanken.“
Und der Wald begann zu singen. Alle Vögel sangen, und die Blumen erhoben ihre Köpfe und sangen mit. Das kleinste Blatt summte mit den andern, der Fuchs hielt inne mitten im Genuß eines fetten Huhns und schlug den Takt mit seinem buschigen Schwanz, und der Wind lief zwischen den Zweigen umher und bildete die Orgelbegleitung zu dem Liede des Waldes:
„Ein schöner’ Fest ich niemals sah,als da der Wald zu Gaste lud:Waldmeister duftet’, dem Veilchen ganz nah,und die Rose leuchtet in wilder Glut.Es flog das Vöglein auf und abund flog niemals allein.Der Bauer den wehenden Buchenzweig gabdem holden Liebchen sein.Es freuten sich Hase, Fuchs und Reh,der kleine Wurm unterm Blütengewimmel.Es tanzte groß und klein im Klee,es tanzte die Sonne am Himmel.“
„Ein schöner’ Fest ich niemals sah,als da der Wald zu Gaste lud:Waldmeister duftet’, dem Veilchen ganz nah,und die Rose leuchtet in wilder Glut.Es flog das Vöglein auf und abund flog niemals allein.Der Bauer den wehenden Buchenzweig gabdem holden Liebchen sein.Es freuten sich Hase, Fuchs und Reh,der kleine Wurm unterm Blütengewimmel.Es tanzte groß und klein im Klee,es tanzte die Sonne am Himmel.“
„Ein schöner’ Fest ich niemals sah,als da der Wald zu Gaste lud:Waldmeister duftet’, dem Veilchen ganz nah,und die Rose leuchtet in wilder Glut.Es flog das Vöglein auf und abund flog niemals allein.Der Bauer den wehenden Buchenzweig gabdem holden Liebchen sein.Es freuten sich Hase, Fuchs und Reh,der kleine Wurm unterm Blütengewimmel.Es tanzte groß und klein im Klee,es tanzte die Sonne am Himmel.“
„Ein schöner’ Fest ich niemals sah,
als da der Wald zu Gaste lud:
Waldmeister duftet’, dem Veilchen ganz nah,
und die Rose leuchtet in wilder Glut.
Es flog das Vöglein auf und ab
und flog niemals allein.
Der Bauer den wehenden Buchenzweig gab
dem holden Liebchen sein.
Es freuten sich Hase, Fuchs und Reh,
der kleine Wurm unterm Blütengewimmel.
Es tanzte groß und klein im Klee,
es tanzte die Sonne am Himmel.“
Fuchs
„Was sagst du nun?“ fragte der Wald.
Die Heide antwortete nicht. Aber im nächsten Jahr überschritt sie die Hecke.
„Bist du toll?“ rief der Wald. „Ich hab’ dir ja verboten, herüberzukommen.“
„Du bist nicht mein Herr,“ erwiderte die Heide. „Ich tu’, wie ich gesagt habe.“
Da rief der Wald den roten Fuchs und schüttelte die Zweige, so daß eine Menge Bucheckern und Eicheln hinabfielen und in seinem Pelz hängen blieben.
„Lauf in die Heide hinaus, lieber Fuchs, und leg die Samen dorthin!“ bat der Wald.
„Will sehn, was sich machen läßt!“ sagte der Fuchs und trabte davon.
Und es halfen Hase, Hirsch, Marder und Maus. Auch die Krähe unterstützte aus alter Freundschaft die Sache, und der Wind faßte ordentlich zu und rüttelte an den Zweigen, daß die Bucheckern und Eicheln weit auf die Heide hin flogen.
„So,“ sagte der Wald, „nun wollen wir mal sehn, was draus wird!“
„Ja, das wollen wir!“ meinte die Heide.
Es verging eine Zeit, der Wald wurde grün und wieder welk, und die Heide dehnte sich immer mehr aus. Man redete nicht mehr zusammen. An einem schönen Frühlingstage aber guckten rings im Heidekraut ganz winzige neugeborene Buchen und Eichen aus der Erde hervor.
„Was sagst du nun?“ fragte triumphierend der Wald. „Jahr auf Jahr sollen meine Bäume wachsen, bis sie groß und stark werden. Dann sollen sie ihre Kronen über dir zusammenschließen; keine Sonne soll scheinen, kein Regen soll auf dich herabfallen, und um deines Übermuts willen sollst du sterben.“
Aber die Heide schüttelte ernst ihre schwarzen Reiser. „Du kennst mich nicht,“ sagte sie, „ich bin stärker, als du glaubst. Niemals werden deine Bäume bei mir grünen. Ich habe die Erde unter mir fest wie Eisen gebunden, und deine Wurzeln können nicht hindurch. Wart nur bis zum nächsten Jahr! Dann sterben die kleinen Wichte, über die du jetzt so froh bist.“
„Du lügst,“ entgegnete der Wald. Und doch war er in großer Angst.
Im nächsten Jahr kam es, wie die Heide gesagt hatte. Die kleinen Buchen und Eichen gingen samt und sonders ein. Und nun folgte eine entsetzliche Zeit für den Wald. Die Heide dehnte sich immer weiter aus. Überall sah man Heidekraut statt der Veilchen und Anemonen. Kein junger Baum wuchs, die Sträucher verwelkten, die alten Bäume begannen am Wipfel abzusterben, daß es ein rechtes Unglück war.
„Hier im Walde ist’s nicht mehr gemütlich,“ sagte die Nachtigall. „Ich glaube, ich baue anderswo mein Nest.“
„Hier ist ja kaum noch ein ordentlicher Baum, wo man wohnen könnte,“ sagte die Krähe.
„Die Erde ist so hart geworden, daß man sich keinen anständigen Gang mehr bauen kann,“ murrte der Fuchs.
Der Wald wußte sich keinen Rat. Die Buche reckte ihre Zweige zum Himmel auf und flehte um Hilfe, und die Eiche krümmte die ihren in stiller Verzweiflung.
„Sing doch noch einmal dein Lied!“ sagte die Heide.
„Ich hab’ es vergessen,“ antwortete der Wald betrübt. „Meine Blumen sind verwelkt, und meine Vögel sind fortgeflogen.“
„Dann willichsingen,“ sagte die Heide. Und sie sang:
„Es geht von der Heide ein Liedlein gut:Wenn die Sonne im Osten steiget,dann flammt die Heide wie Feuer und Blut,während zum Herbst der Wald sich neiget.Das Wollgras webt den langen Tagim Moor sein weißes Linnen,und die Natter gleitet mit ruhigem Schlagunter Heidekrautwipfeln von hinnen.Der Regenpfeifer jammert, die Lerche schlägt,und der Kiebitz wippt auf der Erde.Der krummrückige Bauer sich bewegtim Heidehaus mit stiller Gebärde.“
„Es geht von der Heide ein Liedlein gut:Wenn die Sonne im Osten steiget,dann flammt die Heide wie Feuer und Blut,während zum Herbst der Wald sich neiget.Das Wollgras webt den langen Tagim Moor sein weißes Linnen,und die Natter gleitet mit ruhigem Schlagunter Heidekrautwipfeln von hinnen.Der Regenpfeifer jammert, die Lerche schlägt,und der Kiebitz wippt auf der Erde.Der krummrückige Bauer sich bewegtim Heidehaus mit stiller Gebärde.“
„Es geht von der Heide ein Liedlein gut:Wenn die Sonne im Osten steiget,dann flammt die Heide wie Feuer und Blut,während zum Herbst der Wald sich neiget.Das Wollgras webt den langen Tagim Moor sein weißes Linnen,und die Natter gleitet mit ruhigem Schlagunter Heidekrautwipfeln von hinnen.Der Regenpfeifer jammert, die Lerche schlägt,und der Kiebitz wippt auf der Erde.Der krummrückige Bauer sich bewegtim Heidehaus mit stiller Gebärde.“
„Es geht von der Heide ein Liedlein gut:
Wenn die Sonne im Osten steiget,
dann flammt die Heide wie Feuer und Blut,
während zum Herbst der Wald sich neiget.
Das Wollgras webt den langen Tag
im Moor sein weißes Linnen,
und die Natter gleitet mit ruhigem Schlag
unter Heidekrautwipfeln von hinnen.
Der Regenpfeifer jammert, die Lerche schlägt,
und der Kiebitz wippt auf der Erde.
Der krummrückige Bauer sich bewegt
im Heidehaus mit stiller Gebärde.“
Die Jahre vergingen, und um den Wald war es immer schlechter bestellt. Die Heide dehnte sich weiter und weiter aus, bis sie das andere Ende des Waldes erreichte. Die großen Bäume starben ab und stürzten um, sobald der Sturm sie ordentlich anpackte. Dann lagen sie da und verfaulten, und das Heidekraut wuchs über sie weg. Nun war nur noch ein Dutzend von den ältesten und stärksten Bäumen übrig, aber sie waren alle hohl und hatten ganz dünne Wipfel.
„Meine Zeit ist um, ich muß sterben,“ sagte der Wald.
„Habe ich es dir nicht vorhergesagt!“ rief ihm die Heide zu.
Aber nun bekamen die Menschen einen großen Schreck, weil die Heide so ungestüm gegen den Wald vorging.
„Woher soll ich Bretter für meine Werkstatt nehmen?“ rief der Tischler.
„Woher soll ich kleines Holz bekommen, um mein Essen zu kochen?“ klagte die Frau.
„Woher sollen wir Brennscheite holen für den Winter?“ seufzte der alte Mann.
„Wohin soll ich im Frühling mit meiner Braut spazieren gehen?“ schalt der junge Mann.
Und die Menschen betrachteten eine Weile die armen alten Bäume, mit denen nichts mehr anzufangen war; und dann nahmen sie ihre Hacken und Spaten und liefen auf die Hügel hinauf, dahin, wo die Heide begann.
Spaziergänger im Wald
„Ihr könnt euch die Mühe sparen,“ rief die Heide, „in mir könnt ihr nicht graben.“
„Ach nein!“ seufzte der Wald. Aber er war jetzt so schwach, daß niemand mehr hören konnte, was er sagte.
Die Menschen kümmerten sich auch nicht darum. Sie hackten und hackten, bis sie durch die harte Schale hindurch waren. Dann fuhren sie Erde und Dünger herbei und füllten die Löcher damit aus, und dann pflanzten sie junge Bäumchen. Die pflegtensie und freuten sich ihrer und hüteten sie vor dem Winde, so gut sie vermochten.
Und Jahr auf Jahr wuchsen die kleinen Bäume. Wie helle, grüne Flecke standen sie mitten in dem schwarzen Heidekraut; und als eine Zeit vergangen war, kam ein Vögelchen und baute sein Nest in einem der Bäumchen.
„Hurra! Nun haben wir wieder einen Wald!“ riefen die Menschen.
„Gegen die Menschen kommt niemand an,“ murrte die Heide. „Da ist nichts zu machen. Also gehn wir weiter!“
Von dem alten Walde aber stand noch ein einziger Baum, der nur einen einzigen grünen Zweig am Wipfel hatte. Auf den setzte sich ein kleiner Vogel, und er erzählte von dem neuen Walde, der drüben auf dem Hügel emporwuchs.
„Gott sei Dank!“ sagte der alte Wald. „Was man selbst nicht fertigbringt, muß man den Kindern überlassen. Wenn sie nur tüchtig sind! Sie sehen ein bißchen dünn aus!“
„Du bist selber auch einmal so dünn gewesen,“ erwiderte der Vogel.
Dazu sagte der alte Wald nichts mehr, denn er war gestorben, und damit ist es auch mit unserer Geschichte aus.
Knorriger Baum