Am Steinhuder Meer.

Am Steinhuder Meer.

In den Straßen Hannovers tobt der Herbststurm. Er gießt kübelweise den Regen an die Fenster, hetzt die Wolken hin und her, spielt wilde Weisen auf den Telephondrähten und haut den Takt zu seinem Liede so grob auf die Dachpfannen, daß sie klirrend und klingend und klappernd herabpoltern.

Die Menschen schimpfen. Es schimpfen die, die zu Hause bleiben können, und die, die hinaus müssen, erst recht. Sie halten ihre Hüte fest, balanzieren die Schirme gegen die Sturmrichtung, und unbeachtet bleiben die hübschen Füßchen und Strümpfchen heute, denn jeder hat mit sich selbst zu tun.

Wir sitzen in der Eisenbahn und lachen in das Wetter hinaus. Wenn wir städtische Tracht trügen, steife Kragen und enge Stiefel anhätten, dannwürden wir wohl nicht so lachen. Aber so, die Lodenhüte auf den Köpfen, Schmierstiefel an den Füßen, Loden und Flanellhemd auf dem Leibe, Lodenmantel im Gepäcknetz, so vorgesehen, freuen wir uns des Sturmes, auch die Damen, die gleich uns jagdmäßig ausgezogen sind.

Heut' wird's am Meere schön sein. Zerpeitschte Grauflut, gehetzte Schwarzwolken, spritzender Gischt und halbverhülltes Abendrot werden wir sehen, nicht solchen zahmen Dutzendsonnenuntergang für bessere Touristen. Wie der Wind draußen mit den Krähen spielt und die Kiebitze in der Luft herumwirbelt wie weiße Lappen! Und dieser Wechsel von Blauhimmel und Graugewölk, Sonne und Regenschauern!

Wunstorf empfängt uns mit Regengeprassel. Was schert's uns? Vom Fenster der Meerbahn freuen wir uns des fahlen Regenbogens, der uns noch mehr Schauer verspricht, Schauer, wie wir sie wollen, aus violettgrauen Wolken kommend, den Blauhimmel verdeckend, wieder freigebend, dreimaligen Wechsel bringend in jeder Stunde.

Klein-Heidorn! Ja, schau nur, Herr Wirt, heut spring' ich nicht aus dem Wagen mit Rucksack und Büchse, um in Heide und Moor, in Düne und Stangenholz dem schwarzen Bock nachzupürschen, dem heimlichen. Heute laß ich die Dünen winken mit ihren schwarzen Fuhren, wo ich so manche tausend Tritte liegen habe, wo ich jeden Fleck kenne und jede Stunde, von zwei Uhr morgensbis spät in die Nacht. Vorüber geht's an den bunten Häusern, durch Groß-Heidorn, und dann winkt das Meer grausilbern zwischen grünen Fuhren vor uns und blauen Wäldern am Horizont.

Steinhude! Die Hüte fest in die Stirn, denn hier im gelben Eichenhain tobt der Wind wie toll. Das saust und braust und pfeift und flötet und lehrt die gelben Blätter den Ringelreihtanz und die Aalkörbe an den Lehmwänden der Ställe lustige Sprünge.

Von der Pfahlbauterrasse des Strandhotels grüßen unsere Augen das schöne Meer. Grau ist die Flut mit Silberstreifen; tief duckt sich das gelbe Rohr unter des Sturmes rauh tosender Hand; unwillig rauschen die schiefen Pappeln, die des Sturmgotts Faust schüttelt, daß ihre gelben Blätter angstvoll von dannen flattern. Sie tanzen über dem schäumenden Wasser, bis es sie hascht und verschluckt.

So hab' ich das Meer am liebsten, wenn es braust und brandet, spritzt und schäumt. Dann passen mir am besten dazu die schwarzgelben Dünen, der düstere Fuhrenkranz an seinen Ufern, die schwarz und braun gemusterten Bergkuppen drüben. Es ist ja auch schön am lauen Abend, in sengender Mittagsglut, am Nebelmorgen, bei sternheller Nacht; aber am allerschönsten ist es im Herbststurm, wenn es singt und klingt in den Lüften.

Blaugrau ist der Himmel. Fahl blinzelt die Sonne durch einen Wolkenriß. Weiße Wolken,wie Watteflocken, treiben im Graublau nach Osten. Der Wolkenriß weitet sich, Silberblitze springen über die Wellen, die Dächer da drüben glühen auf, die schwarzen flatternden Punkte dort unten, zweiMöwen, blitzen auf zu blendendem Weiß, und die Entenflüge, die die beiden Fischerboote hoch machten, wie Hunderte von Silberflittern wirbeln sie vor dem graublauen Himmelsrand herum, bis sie als schwarze Flecken wieder auf dem Wasser liegen.

Jäh wechseln alle Farben. Die Segel vor dem Wilhelmstein, eben waren sie goldgelb, schwarz sind sie jetzt; schwarz sind die Seiten der Fischerboote, die eben wie Silber gleißten. Die gelblichgraue Flut wird bläulich, färbt sich in Silberglanz um und in duffes Grau und wälzt sich jetzt, wo die Sonne hinter Grauhimmel verschwindet, tot und schwarz nach Osten.

Das ganze Meer lebt von fremdem Geflügel. Wohin man sieht, schaukeln Hunderte von Enten auf den Wellen, wiegen sich Sägetaucher auf der Flut, schweben Möwen und Seeschwalben dahin. In der Rohrbucht reviert ein Fischadler, im Wellenfluge auf und ab schwebend, und mit heiseren Lauten streicht ein Flug Wildgänse zur Rechten vorüber und fällt hinten am Ufer ein. Die vier weißen Punkte dort, sie sind zu groß für Möwen. Das Pirschglas sagt uns, was das ist. Vier Schwäne sind es, Wanderer vom Norden, die hier auf der Südlandsfahrt einen Rasttag machen. Wie große weiße Blumen liegen sie auf der schwarzenFlut. Und das, was da silbern in der Rohrbucht auftaucht und verschwindet, wieder da ist und wieder in die Welle sinkt, das ist ein Haubentaucher, ein seltener Gast auf unseren Gewässern. Augenweide überall.

Katzenpfoten laufen über die Flut. Der Wind bringt Regen. Noch ist alles grau und blau und goldig, doch die Sturmhexen reiten schon herbei. Schwarz flattern die Lumpen um die Hagedissen, ihr Strupphaar fliegt im Wind, ihre Besen zerfetzen die Wolken. Zu Dutzenden jagen die Unholdinnen vorüber, fassen sich an zu häßlichem Reigen, bilden Kreise und Kränze, lassen los und fegen dahin, daß die Rockfetzen fliegen und die Schmutzlappen flattern. Mit ihren Besen hauen sie in die Flut, daß sie schäumt und geifert, und sie fegen die Wellen, daß sie umkippen. Gellend klingt ihr böses Lachen aus der Luft.

Des Sturmgotts Lied übertönt ihr Gekreisch, sein dröhnender Baß. Das braust und brandet, bullert und bölkt, daß die Bohlen unter unsern Füßen zittern, daß die Wände hinter uns ächzen und die Scheiben hinter uns klirren. Schon flattert des Gottes violettgrauer Mantel über uns, hastiger wandern die Wellen, tiefer bückt sich das Rohr, unwilliger schütteln die Pappeln die Köpfe. Immer mehr Katzenpfoten kräuseln die Flut, die Sonne wird ein fahler Fleck, näher kommt der Regensturm. Und nun platzen die Böen, schütten muldenweise das Wasser hinab, verhüllen die Ferne,verschlucken den Wilhelmstein, decken die Berge zu mit grauen Schleiern und die Dünen und den Strand da drüben, überschütten Nähe und Weite mit demselben gleichmäßigen Grau, in dem nur eine schwarzschwingige Möwe jauchzend umhertaumelt. Und es prasselt und klatscht und schlägt und stiebt schräg auf die Wellen, und die jagen dahin, wie mit Ruten gepeitscht, und das brüllt und heult und bullert in der Luft und pfeift und kreischt und schreit, und wie ein Geisterschwarm stiebt ein Möwenflug heran und wirft sich in der Rohrbucht ins Wasser.

Zwei schwarze Streifen liegen weit vor uns. Das sind die Fischerboote. Wie zwei Einbäume aus der Urzeit, so sehen sie aus. Sie haben ja auch die alte Form treulich bewahrt, die Fischer, von der Zeit her, wo ihre Ahnen mit Flintsteinen und Feuerbrand die Eichstämme aushöhlten. Rund um das Meer liegen die Gräber, voll von Urnen und Opfermessern; der Wind pustet die Scherben frei, und der Regen wäscht die Brocken los aus den Dünen.

Der Sturm läßt nach; aus dem dicken Grau wird ein lichtes Grau. Schon taucht wie ein Schatten der Wilhelmstein wieder auf aus den grauen Schleiern; ihm folgen die Berge, die Dünen und der ferne Strand, bis sie klar und scharf am Himmelsrand stehen. Goldig wird es im Westen, immer goldiger. Durch graue Wolkenballen reißt sich die Sonne ein Loch und malt Flammen in dieschwarzblaue Bucht. Goldrote Flammen brechen unter der schweren Wolke hervor; wie zerflossen glüht darin die Sonne; blaugrüne Striche ziehen sich über den Himmel, und auf allen Wolken erblühen Rosen.

Der Vorzeit Ungeheuer schwimmen durch das blaugrüne Himmelsmeer, Riesenhaie und Drachen, Einhörner und Tiger, Schlangen und Eidechsen, mißgestaltet und furchtbar, alle nach Osten, in die graue Nacht hinein. Von Osten aber kommt es schwirrend und flatternd, sausend und brausend, dicht über dem Wasserspiegel, Hunderte und Aberhunderte, und fällt in das Rohr: der Sprehen frohes Volk, und da schwatzt und lärmt und plaudert es. Und wieder ein Zug und noch einer und immer wieder einer.

Zum Meere streicht ein Zug Gänse, sich kreuzend mit Entenflügen, die klingend und sausend das Meer verlassen, hoch über uns fortstreichend zur Leine. Wohin man blickt, zieht es schwarz durch die Luft, mit hastigen Flügelschlägen, mit Sausen und Brausen, immer vom Meere fort. Ein Reiher nur klaftert dem Meere zu, einsam und allein.

Längst ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden. Tiefer tönt sich der Himmel; hier und da blinzelt ein Stern. Das Schwirren über uns hört auf; nur der Sturm pfeift und flötet noch, und mit neuen Regenböen zieht die Nacht über Meer und Land. Im molligen Stübchen desStrandhotels lassen wir die Gläser zusammenklingen, dankbaren Herzens des Kampfes gedenkend, des Dreireckenstreites zwischen Sturm und Sonne und Flut, dessen unsere Augen sich freuten am Strande des Steinhuder Meers.


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