II.

II.

Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; rasch wurde geliebt, rasch wurde gefreit. Zweimal im Jahr — im Winter zu Weihnachten, im Sommer zu Peter und Paul — kamen sie heim in’s enge Salmthal. Sie konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen; der Erwerb ist knapp in der Eifel, karg hängen die Äckerchen an den Bergen, lang sind die Winter, kurz die Sommer.

Es war kurz nach dem deutsch-französischen Kriege. Das Aufblühen der rheinischen Eisenindustrie machte das Heranziehen vieler Arbeitskräfte notwendig.

So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter hinausgelockt, der kam zu Besuch heim, Geld in der Tasche; nun zogen die anderen hinter ihm drein, wie die Schafe hinter’m Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder, alles wanderte aus nach Westfalen und tief in’s Rheinland, wo auf der meilenweiten Ebene düstre Fabrikstädte sich zusammendrängen und mit ihrem nie stockenden schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel anfauchen. Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen Wolken selbst sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel, Gerassel, Gekeuch, Geächz, Gestampf, Sausen von Rädern, Schnauben von Maschinen, Pfeifen von Lokomobilen, Pusten und Stöhnen von Dampfkesseln. Kein Rasten, kein Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus Riesenbauten, an den Öfen stehen Männer, nackt bis zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel, die Höllenfeuer schüren. Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen.

Hier konnte man die Eifelsöhne finden: umglüht von Flammen, eingeengt von Mauern, sehnsüchtig des Heimathimmels gedenkend, der sich rein und kühl über den Eifelkuppen wölbt; unter dem die wohnen, die ihnen das Leben gegeben; die auf sie warten, denen sie die Ehe versprochen, oder die sie schon gefreit haben; wo die Kinder nach den Vätern verlangen.

Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte Nächte. — —

Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krumscheid mit seinem vertrockneten Holzgesicht kommandierte hinter’m Schenktisch. Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde die von ihrem Schatz gerufen, bald jene; dann setzte sie sich für zwei Augenblicke neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank aus seinem Glas und ließ sich die glühenden Wangen streicheln.

Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten Tische waren dicht besetzt. Mann reihte sich an Mann. Nur wenige Frauen waren da, die kamen erst gegen abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn das Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte vom Stampfen der Füße, Bänke umpolterten, Gläser in Scherben klirrten.

Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, darin Halsketten, Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen und Gerstenzuckerstangen feilgeboten wurden, trieben sich Kinder herum, große Stücke Kirmeskuchen in den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten Mäuler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die vom ‚Pappa‘ mitgebrachten Puppen.

Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den kleinen Fenstern putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen Kirchgang her über’s Bett gespreizte Sonntagsgewand wurde einer eingehenden Musterung unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog’s heute nachmittag an; glücklich die, die was Neues anthun konnte, das der Mann oder der Schatz mitgebracht. Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, die Ohren rot.

Die Sonne fiel schon schräg in’s Thal und malte huschende, rasch verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten Hauswände.

Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mädchen am Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben platt.

Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen des Orts vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt vom Duft eines ganz infamen Knasters. An den geschlossenen Fensterscheiben krochen summende Fliegen und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel.

Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag verlief immer am wenigsten stürmisch. Doch jetzt — lautes Halloh!

„Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, Prost!“

Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein etwas nachziehend, näherte er sich langsam dem ersten Tisch. Nicht jeder reichte ihm die Hand; er schien das garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche halb gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen rückten, ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende der Bank nieder. Er sagte nicht: „Röckt noch ebbes“ — er sagte: „Met Verlöw“ und placierte seine Beine so bequem als möglich unter dem Tisch.

„No, Pittchen,“ rief Niklas Densborn, einer der älteren, der obenan saß, „wat schaffste? Dau giefst jao fett wie en Hammel! Dat glauwen ech der, dau has jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!“

„Spaor dei Red,“ schrie Thomas Laufeld, ein stämmiger Bursche mit einer Stupsnase. „Dän kann dat Läwen jao bal net mieh mantenören[6]! Kucktelhei dat Pittchen!“ Er brüllte, um sich in dem allgemeinen Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm sitzenden Miffert bei’m Handgelenk, streifte ihm den Ärmel zurück und hielt gewaltsam den mageren Arm in die Höhe. „Kucktelhei, Haut on Knochen, ke halw Pündche Fleisch!“

Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft; sein hübsches Gesicht lächelte noch immer. „Laoß de Dommhaaten,“ sagte er gelassen.

Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen Ingrimm zu hegen.

„Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf Arweit. Wat hockste hei bei de Fraleider?! Kuck“ — er hielt seinen fleischigen Arm neben den dürren des Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust, daß es klatschte — „dat es en Kerl! Dat micht de Arweit, on wann mer net alleweil de Menscher am Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher[7]Schmachtlappes, dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech wohl“ —

„Mein Fra aus em Spill,“ sagte Miffert plötzlich und machte eine kurze Bewegung, als ob er eine Fliege wegscheuche — da lag auch schon der Laufeld unter der Bank, wie niedergeschmettert.

Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand er da und klopfte den Staub von seinen Hosen. Die anderen lachten, einige schimpften.

„Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,“ brummte anerkennend Niklas Densborn; und dann sich zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge ihn all das nichts an, sagte er vorwurfsvoll: „Et es en Schand, Peter, dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau has Schlosser gelernt, dat kömmt der lao zo paß. On guden Verdienst gitt et lao unnen; bei owen kannste Hongerpoten kötschen!“[8]

Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich faul aus in der nachlässigen Haltung, mit der etwas hängenden Lippe und dem schläfrigen Blick unter schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er die Zähne von einander brachte:

„Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei“ — er wies auf sein lahmes Bein — „dat es mer zu schanierlich, ech kann net e su trawalljen[9]wie en annern.“ Seine Stimme wurde kläglich: „Ech haon dat Wieh im Enkel; ech haon et met uf de Welt gebraach, lao es neist bei zo maachen!“

„Ojeh, Alfanzerei,“ schrie Mathesen Martin und schlug auf den Tisch, daß die Gläser sprangen, „wat micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel — haha, wän dat zweifelt![10]Laoß de Comedi, faules Luder! Schlaofen on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, dat es sein Gu!“[11]

Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen aufgestützt und guckte in sein Glas.

„Hän es faul, faul, dat et stinkt!“

„Jao, jao,“ stimmte der vorhin zu Boden geworfne Laufeld eifrig bei. „Faul wie de Sünd! Sitzt im Dreck on röhrt sech net!“

„Ehnder gänn Brameln[12]Weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht,“ schrie irgend einer.

Die ganze Gesellschaft stimmte zu: „Jao, Brameln gänn ehnder Weinbeeren, hahahaha!“

Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, das ihn aber inwendig ordentlich stieß; er kniff die Augen zusammen und schüttelte sich.

„Waorom sollen ech mech e su afrackern,“ sagte er dann gutmütig, „dat Läwen es korz, mir haon nor einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen Hähren aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat mer versproch krieht“ — er lachte verschmitzt und stieß einen leisen Pfiff aus — „dat gilt en Dreck!“

Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen schläfrigen Blick, in dem es zu funkeln begann, reihum gehen.

„Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech muß en Dauer met eich haon, ihr Leit, dat dir eich e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!“[13]Er zuckte die Achseln.

Sie nickten betroffen. „Recht haot hän!“ Auf viele Gesichter lagerte sich ein plötzlicher Ernst; da waren Falten eingegraben, Furchen, wie im aufgewühlten Acker, die man vorher nicht gesehn.

„Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?“ murmelte der Densborn und ließ die Faust schwer niederfallen.

Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der Densborn mit einem Seufzer: „Äwer et es doch emaol net anners. Hal dei dreckig Maul,“ schrie er plötzlich Pittchen an, „dau schandlusen Kerl.“

Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen Gesichter. „Mer moß wissen, wän mer dreiwt, wann mer en Esel vor sech haot!“ sagte er.

Sie verstanden ihn nicht — was wollte er damit sagen? Sie sahen nur sein spöttisches Lächeln, und das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine gewisse Unruhe fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich.

Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd über den Tisch. „Wat? Wat? Esel —?! Esel haot hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog dat noch ehs!“

Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum andern. „Esel, Esel!“ Die Füße scharrten ungeduldig, die Augen funkelten, das Murren wurde grollender. Die schönste Prügelei schien in Aussicht.

Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert die Faust unter die Nase: „Maach!“

Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen tiefliegenden Augen schoß ein versteckter Strahl, aber seine Stimme klang geschmeidig: „Wat willste? Wat haon ech dann gedahn?“

„Esel — Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! Dau Hongerlieder. Saog noch ehs: Esel! Mir schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste ke Glied mieh röhre kanns!“

„Jesses, seid dir gäckig?!“ Peter that sehr verwundert. „Esel — Esel — wän haot ebbes von Esel gesaot?!“ Er drehte den Kopf hin und her, als ob er jemanden suche. „Su ebbes von Ausverschämtheit. Wän kann sech onnerstiehn, ebbes von ‚Esel‘ zo saon?!“

Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes Ehrgefühl. Sein Gesicht trug den Ausdruck ruhiger Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit offenem Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob dann sein Glas. „Zogott,[14]dir sollt läwen! Ech duhen der Bescheid, Nikla! Mathes! Thom! Zogott!“

Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz unsicher geworden.

Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die Hand. „Jao, et es en dreckig Welt, ech haon et bal saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm Luder!“ Er gähnte. „Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. Mer hockt alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on de Weibsbiller sein mer bis“ — er fuhr mit dem Handrücken unter’m Kinn her — „bis heihin!“

Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke trafen ihn; da war besonders der Mathesen Martin, der schien ihn auf dem Strich zu haben. Man munkelte im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen wie aus den Augen geschnitten.

„Dau Faxenmaacher,“ schrie Martin. „Glauwt net, wat hän babbelt! Dän de Fraleider saat —?!“ Er lachte zornig. „Dau Filu!“ Er sprang auf und ging drohend auf Miffert zu. „Hinner jeder Diehr sticht hän, an jeder Schörz hängt hän! Waart, ech will dech Conduiten liehren!“ Rot vor Wut wollte er sich auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen.

„Gemaach, gemaach, Martin,“ mischte sich der Densborn ein, „laoß hän! Mir wollen ke Streit anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher sein Framenscher. On Dag on Naacht allein! Mer moß en Dauer met ihnen haon. Dän elao“ — er wies auf den Wirt hinter’m Schenktisch — „dän on de paor annern alden Knackstiebel kannste doch net für voll rechnen!“

Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit verstanden; nun war er beleidigt. Er warf sich in die Brust und pustete die eingesunknen Backen auf. „Dau Lausbub,“ schrie er herüber, „kömmst hei erin geschneit on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst vor Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer kucken. Gäl, Nettche?!“ Er kniff eine der Kellnerinnen in die Backe.

„Laoßt!“ Das Mädchen schlug ihn derb auf die Finger. „Ech haon eweil ebbes Schieneres zo siehn, wie su en Stück Dörrflaasch!“

Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube.

Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, um sich unbemerkt zu entfernen. Er war schon an der Thür, da sprang ihm Mathes nach. „Hei gebliewen,“ schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ sich drängen, er widersetzte sich nicht.

„Kucktelhei,“ schrie der andere weiter, dem schon ein Rausch zu Kopf stieg, „dän Kalmäuser![15]Dat es dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach haon! Frißt de Blumen in anner Leit’s Gaarten! Äwer hol dech in Aacht, dattste net ausgezaohlt giefs — dein Fra, dat Zeih, dat haot Aagen im Koap! Ech dähten er net drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän Deiwel Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! — Dat Zeih, dat es en staatsch[16]Luder, en schnipp-schnappig[17]Mensch, dat — —“

Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes jäh verstummen, betäubt taumelte er zurück.

Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand Miffert; nichts mehr von schläfriger Trägheit war an ihm, ein lebendiger Mensch stand da, mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann brüllte er: „Hal dei Maul!“ Seine erhobene Faust sauste nieder. „Dat es für dat ‚Luder‘ — on dat“ — wieder hob und senkte sich die Faust — „dat es für dat ‚schnipp-schnappig Mensch‘ — on dat — on dat — onnerstieh dech noch ehs!“

Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die Faust nieder — hierhin, dorthin — hei, waren das Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in Stücke gehn.

Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung standen sie alle. Aber jetzt brach’s los, mit Geschrei und Fluchen sprang man dem Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt, wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten um, Gläser klirrten zu Boden — Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen, Toben — da — die Thür ging auf!

Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende Schüsse knallen, so fiel es in die Stube ein, mit Rauschen und Rascheln und Schwirren — die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch ihre üppige Fülle in Schatten stellend.

„Schkandal?“ rief Lucia Miffert fragend.

Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite, stellte sich vor ihren Mann und deckte ihn mit ihrer kräftigen Gestalt.

„Wat gitt et hei?“ rief sie hell. „Ruhig, Pitter! Dao haste ebbes!“ Sie teilte dem ersten, der wieder auf sie eindrang, eine Maulschelle aus, halb scherzhaft, halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre fünf Finger auf der Wange des Getroffenen ab.

„Dunnerkiel!“ Der Mann fuhr zurück und rieb sich das Gesicht.

„Kuckste,“ lachte sie heiter, „dat kömmt dervon! Laoßt de Dommhaaten, heit wolle mir Pläsier haon, ihr Mannsbiller!“ Aus ihren schönen runden Augen sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, ihre weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen Lärm. „Jesses, die Mannsleit, e su ebbes! Haha! Haun sech wie de Könner! Hahahaha!“

Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften Röcke raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp über die volle Brust spannte, krachte in allen Nähten. „Hahahaha!“ Wieder das Lachen. Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Mäuler zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fäuste thaten sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen.

Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick umher und wiegte sich lachend in den Hüften.

An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt, jetzt wagten auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen hingen sich an die Burschen. „Danzen! Danzen!“

Wie gerufen tönte in der Ferne Musik.

„Muhsik! De Muhsik!“

Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf Mann hoch kamen sie eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf.

„De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!“ Die Kinder auf der Straße stießen ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den Fünfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und jauchzend zur Wirtshausthür.

Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten in die Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starken Armen schleppten die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber rückten die Bänke längs der Wände — nun war der Tanzsaal fertig. Der schwenkende Rheinländer hub an, auf dem engen Platz drehten sich an die dreißig Paare auf einmal.

Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder wurde auf die Füße getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und die Luft war undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; durch den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter wie rote Flecke. Man öffnete kein Fenster, nur die Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur tanzten auch noch welche.

Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie tanzte nicht leicht, man fühlte eine volle Last, aber gerade das war schön, man wußte, was man hatte, und sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm wie die andren Weiber, die sich drehen ließen, immer mit dem gleichen feierlichen Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange; kein Wunder, daß die Männer sie immer fester und fester drückten.

Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre gesteiften Röcke wurden schlaff, das dunkle Haar hing ihr verwirrt in’s Gesicht. Ihr helles Lachen übertönte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer am dichtesten zusammenknäulten, da stand sie.

Dem Peter wurde zugetrunken: „Prost, dat Zeih soll läwen!“

Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthür und folgte ihr mit den Augen. Er tanzte nicht mehr; als ein besonders helles Lachen die Musik überschrillte, hatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines lahmen Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt.

Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund, über die Schulter der Tänzerin paffend; durch den undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die Blicke — wo war sie? Mit wem tanzte sie?

Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen Wange sie vorhin ihre fünf Finger abgedrückt; es schien dem Peter, als schmiege sie sich besonders fest an den, als flüstre der ihr was Verliebtes in’s Ohr.

Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar; rechts, links im Gewühl Püffe austeilend. Nun hatte er sie erreicht. „Gief Obacht, Zeih,“ sagte er, halb bittend, halb grollend, „danz net e su vill, ons Josefche schreit sons de ganz Naacht!“

„Laoß hän schreien,“ lachte sie und tanzte weiter. Sie hatte seiner nicht Acht.

Verzweifelt ging er vor’s Haus, er konnte das da drinnen nicht mehr mit ansehen.

Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes Weib mit einem fest eingewickelten Kind auf dem Schoß.

„Kömmt se noch net?“ kreischte sie Miffert entgegen. „Dat Könd gitt schuns ganz blao[18]für Schreien!“

Er beugte sich über das quiekende Bündel. Die Augen hatte das Sechswochen-Kind geschlossen, aber das Mäulchen stand durstig offen, immer jammerndere Laute drangen daraus hervor.

Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen; langsam, in Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthür zurück. Er schickte einen Knaben hinein. „Saog dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen. Äwer saog net, wän naoch er schickt,“ schärfte er ihm ein. „Saog: et pressiert!“

Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend, mit wogender Brust und geöffneten Lippen. Neugierig spähte sie aus.

„Dau —?! Wat willste?“ fragte sie verwundert ihren Mann.

„Ons Josefche,“ sagte er nur vorwurfsvoll und wies mit dem Daumen nach der Ecke hinüber. Klägliches Schreien kam von dort her.

„Jesses, ons Josefche! Dän hatt ech ganz vergäß! Mein arm Josefche!“ Frau Lucia riß der alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte ihre Taille auf und legte das Kind an die volle Brust.

Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte den Kopf hintenüber an die Hauswand. Mit geblähten Nasenflügeln, schwer atmend, die Lider halb geschlossen, lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im Tanzsaal.

Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die weiße Haut schimmern, die so weich und sammetig war, wie das Fell einer jungen Katze.

Zärtlich murmelte er: „Zeih, danz ehs met mer!“

„Gären, e su gären,“ flüsterte sie, schlug die Augen auf und sah ihn voll an.

„Zeih — dau Framensch — ech — ech sein gäckig naoch der,“ stieß er lauter hervor, zwischen zusammengepreßten Zähnen. „Saog, datste mech noch liew has — Zeih, saog et!“ Sein mißtrauischer Blick glitt zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her.

Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte. „Ksch — ksch — hahaha!“

„Laach net!“ Er stampfte mit dem Fuß und sah sie von unten herauf unter zusammengezogenen Brauen an.

„Jesses Maria, wat michste für en Visasch,“ sagte sie heiter. „Pittchen, ech sein eweil e su fidel! Dau wirst mer doch net dat Pläsier verfumfeien[19]? Pittchen!“ Sie streckte die Hand aus und zog ihn zu sich heran; ihre Augen baten. „Sei net unkommod, Pittchen, et es jao nor om en klein Verännerung zo maachen. Ech danzen aach met der.“

„Su komm,“ drängte er, „komm!“

Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie der Alten das Kind in die Arme, knöpfte ihre Taille zu, schüttelte ihre Röcke und hing sich an den Arm ihres Mannes.

Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten in’s Wirtshaus; unter den Spätkommenden waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute zum ersten und letzten Mal Aufgebotenen.

Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend aus; der Bursche weniger strahlend, mit einer gewissen gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie hatten heut einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag hatten sie bei den alten Schneidersch um die Kammer neben dem Stall gebettelt; da sollte die junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle Berge war.

Noch schluckte Bäbbi an ihren Thränen, aber stolz erhobnen Hauptes ging sie an der Hand ihres Lorenz — wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?!

In der engen Thür stießen sie mit den Mifferts zusammen, etwas unsanft prallte Pittchen gegen die Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte pfiffig. „Helao, dat Lenzen Bäbb! Ech dachten, et wär en Luftballon!“

Lucia kicherte.

Lorenz schnob ihn wütend an: „Kehr vor deiner Diehr! Duh nor net e su, als ob dat Zeih alleweil uf ’m Extrastiehlche gesäß hätt. On dau, dau sollst et doch sälwer wissen, dau Schörzenhänker —“

„Still biste!“ Lucia legte ihm die Hand auf den Mund. „Net e su onmanierlich, mein Jong!“ Ihre weichen, wenig verarbeiteten Finger drückten fest und warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann auf den Lippen.

„Neist for ongud,“ murmelte er. „Laoß los, Zeih!“

„Ech gradelieren der, Lorenz,“ sagte sie freundlich; und dann sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbbi wendend, schüttelte sie der herzlich die Hand. „Ech gradelieren der, Bäbb, dau sollst glöcklich gänn!“

„Merci!“ Das Mädchen brachte den Mund nicht zusammen, die Gratulation machte ihr so viel Vergnügen. „Mir maachen kein groß Hochzeid,“ sagte sie dann wichtig, „en Stöcker fünneszehn oder zwanzig; äwer wenn dir forliew nehme wollt, et soll ons freien!“

„Merci!“ Die Miffert knixte zierlich. „Met Verlöw, mir sein gären von der Pardi!“

Lorenz machte ein böses Gesicht — hatte der Pitter nicht auch einmal um sein Mädchen herumgeschnuppert? Die Bäbb hatte es ihm selber erzählt. Daß ihm das nicht eher eingefallen war! Wie lang war’s her? Traue einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln zwischen den beiden zu bemerken. Zornig riß er Bäbbi mit sich fort: „Komm doch!“

Auch Peter sagte ungeduldig: „Komm!“ Keine war doch wie seine Zeih! Er hätte mit ihr fort mögen, dahin, wo kein ander Mensch war; keiner sollte sie sehen, keiner sie lachen hören!

Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der Atem verging.

Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher wurden die Tanzweisen, immer wilder schwenkten die Röcke, stampften die Schuh; die glattgeflochtenen Zöpfe lösten sich, hie und da hingen einer schon die losen Haarsträhnen über den Rücken.

Immer fester packten die Männer zu. Die kleine Tina hatte auch einen Schatz gefunden. Der stupsnasige Laufeld hielt sie in den Pausen auf dem Schoß und ließ sie aus seinem Glase trinken.

Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. Tina hatte in ihres Vaters Garten gestanden und den Hals gereckt, als der Bursche vorüber kam. Ihre begehrlichen Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr herüber. Sie war im hellen Staat, Blumen hatte sie vor die Brust gesteckt. Lange hatten sie miteinander geschwatzt, sie schnippisch, neugierig und verliebt; er im Ton eines Eroberers.

Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten noch so viele kommen und mit einem Kratzfuß bitten: „Leih mer dei Mensch!“ — nur er tanzte mit ihr. Er war galant und bestellte Wein, Bier und süßen Likör.

Sie trank alles durcheinander; zuletzt wußte sie nicht mehr, was sie sprach, was sie that, sie saß unbeweglich und starrte mit glasigen Augen vor sich hin. Da führte er sie hinaus.

Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. Kein Takt, kein Schritt, kein Drehen mehr, nur ein wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bäbb war mitten dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte sie herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen, Bänke, gegen den Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr zu Fall. Kein Mensch half ihr auf; man stolperte über sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand mehr fest auf den Füßen.

Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz zur Thür hinaus. Ein Paar nach dem andren schlich um die Regentonne an der Stallwand, hinein in’s dunkle Heckengäßchen. — — — — — — — — — —

Und weiterhin die nächtlichen Felder in Tau und ahnungsvoller Dämmerung. Eine unendliche Reinheit ist in der Luft, eine unendliche Reinheit am Himmel; die Sterne funkeln in überirdischer Klarheit, ehe sie erbleichen. Unendliche Reinheit weht über die Berge, unendliche Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem Atem lauscht die Natur und schauert und bebt vor der unendlichen Reinheit des Morgens.

Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt wie eine Fanfare, wie ein Trompetenstoß zum Beginn neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an.


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