VI.
Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, den ganzen Tag und die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind und ihn dann wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt, geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues Kleid.
Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst im Herzen hatte Pittchen das Wägelchen ankommen sehen; hinten aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer.
Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb stundenlang aus; längst waren die andren zurück — Peter hatte aufgepaßt — noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen.
Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal an geschützten Stellen war’s zwar noch leidlich, aber oben auf den Höhen sauste der Oktoberwind mit Ungestüm und fegte ganze Lawinen welker Blätter die Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.
Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das Pflaster fehlte, sank man ein bis über die Knöchel. Ein modriger Geruch stieg von Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn’ Unterlaß geregnet.
Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt; die Ruinen des heiligen Bernardus hüllten sich in Regendunst und Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Köpfen von milchigem Gischt.
An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein Trauertuch spannte; von den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste reckten — hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest —; von den Dächern, die, triefend, tief über den durchweichten Hausmauern hingen.
Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer und unlustig.
Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging, hörte er hinten vom Stall her, über den Hof weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und Winseln. Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben der Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte Schneider im Bett, da kroch er hinein, sowie es kalt wurde; die Frau saß am Tisch, hatte ihren Kaffeenapf vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten Brotbröselchen von ihrer Schürze.
Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! Und doch schrie kein Tier.
Peter klopfte an die Scheiben: „Hä, ihr! Wat es denn hei passiert?“
Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen und steckte ihre spitze Nase heraus. „Dat Bäbb,“ sagte sie lakonisch und wollte eilends wieder zuschlagen, als fürchte sie, ein Atom Wärme möge von drinnen entweichen.
„Haalt!“ Pittchen klemmte die Faust zwischen das Fenster. „Et schreit doch e su! Gieft dann de Weis-Fra von Oberkail net geruf?“
„Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!“ Die Alte wackelte ärgerlich mit dem grausträhnigen Kopf. „Ihr haot wohl dat gruße Los gezillt[29]? Mir sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se schpektaklen, se werd schuns rohig gänn!“
Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des Alten: „Wat es dat for en Manier?! Dat Fenster zugemaach, Zapperloot.“ Er hüstelte und schimpfte; rasch schlug die Schneidersch zu.
Peter zögerte noch einen Augenblick. Horch, wieder schlug der scharfe, gellende Jammerschrei an sein Ohr! Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, sein Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an. Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in der das Josefchen geboren worden. Aber da hatte die weise Frau am Lager gesessen, ein Strom der Beruhigung ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen Persönlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger erhoben: „Dat elao kömmt e su leicht dervon wie en Katz. — Pittchen, kocht mer en Kaffee!“
Und jene da, abseits in der Kammer neben dem Stall, lag verlassen wie ein hilfloses Tier. Peter rannte weiter, er konnte das Jammern, das jetzt in ein ruckweises Stöhnen überging, nicht mehr anhören; das Herz wurde ihm davon zusammengepreßt und die Tropfen herausgequetscht. Sie traten ihm in die Augen.
Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich alles gewähren, auch Hilfe in der Not! Der brauchte nicht zu leiden.
Geld, Geld! Eine Gier überkam ihn. Er fuhr sich in die Tasche — verflucht, nur ein paar lumpige Kupferpfennige darin!
Ja, wenn da Thaler geklappert hätten, harte Silberthaler! Dann konnte er der Zeih ein Kleid kaufen — noch mehr — alles, was ihr Herz begehrte! Dann würde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden um den Bart gehen; sie würde nicht mehr schmollen, nicht mehr weinen, nein, sie würde die Arme um seinen Hals schlingen und unter Küssen flüstern: ‚Pittchen, mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!‘
Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, tropfte herunter und vermischte sich mit dem Naß seiner Augen. Und dabei überlief ihn ein Frösteln. ‚Mir sein arme Leit‘, hatte die Schneidersch gesagt — — — — —
‚Arme Leit — armes Pittchen‘ pfiff der Wind ihm entgegen. Wie mit Geisterhand strich es ihm über’s Gesicht. Wenn die Bäbbi nun umkam, krepierte da hinten in der verlassenen Kammer —?! Wenn die Zeih ihm untreu wurde —?! Er schüttelte sich wie im Fieber, eine unbezwingliche Angst packte ihn und zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in ohnmächtiger Wut. — Geld, Geld!
Immer noch hörte er das Jammern, es mischte sich mit dem Sausen des Windes und dem Brausen der Salm. Zweifelnd, unschlüssig stand er. Sollte er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust die weise Frau holen? War es nicht Menschenpflicht, Christenpflicht? Würde ihm die Gutthat nicht vergolten werden vom himmlischen Vater, schon hier auf Erden, bald, jetzt?
„Hahaha!“
Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich um, das eigne Hohngelächter gellte ihm in den Ohren.
Der da oben — haha — ja, das hatte sich was mit der Vergeltung. Die gab’s nicht.
Er hatte ein Hungerleben geführt, seit er denken konnte; war’s nun nicht endlich Zeit, daß er in der goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih Kleider kaufen konnte, so viele die wollte?
Die Zeih, ja die — hin, schnell! Der mußte er das Scharmuzzieren legen. Nur schnell, sehen, was die macht! Dann hin nach Oberkail.
Dicht vor’m Wirtshaus stieß er auf Tina. Sie trug einen Kamm mit großen, blauen Steinen im Haar und ein bunt-schottisches Knüpftüchelchen um den Hals. Sie schlenkerte den Rock und drehte sich; sie wurde alle Tage hübscher, das sah er doch.
„Pittchen,“ rief sie und lachte, daß alle ihre Zähne blitzten. „Eweil sein ech fein, gäl? Dän Kamm haon ech gekaaft, dat Düchelchen“ — sie verdrehte die Augen in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu bewundern — „dat haon ech zukritt.“
„Maanswäjen,“ brummte er.
„Pittchen,“ — schon hing sie schmeichelnd an seinem Arm — „kaaf mer noch ebbes!“
Ohne etwas zu sagen, schüttelte er verneinend den Kopf.
„Dau moßt — Pittchen, nor e klaan Andenken.“ Schnell sah sie sich um, dann strich sie ihm rasch über die Backe, ihr Ton war bittend: „Pittchen!“
„Ech haon ke Gäld!“
„Dau Lappes!“ Sie stieß ihn von sich, daß er gegen die Hauswand taumelte.
Mißmutig trat er in die Schenkstube. Da saß der Reisende auf dem einzigen Polsterstuhl des Hauses, und auf der Bank, dicht neben ihm, die Zeih. Sonst war kein Mensch im Zimmer.
Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte stand schon am Boden. Der mußte der Zeih fleißig eingeschenkt haben; sie glühte wie roter Mohn, ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend.
Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig auf. „Pittchen! Eweil kommste?! Hähr Reisender,“ — vertraulich legte sie ihre Hand auf den Arm des Städters — „wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr Mustren nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat Kleid zo kaafen!“
War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er riß ihn ihr fast aus den Falten; sie hörte nicht. Beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt, studierte sie das Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte.
„Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener?“ Sie legte zweifelnd den Kopf auf die Seite.
„Nehmen Sie das blaue,“ redete der Reisende zu, „die Elle kostet nur ein Kastemännchen[30]mehr. Sie haben dafür aber ganz andre Ware. Ein Kastemännchen spielt doch keine Rolle!“
„Nä,“ sagte Lucia.
Peter gab ihr einen Puff. „Biste gäck?“ raunte er ihr zu.
„Also das blaue?“ fragte der Reisende.
„Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?“
„Siebzehn. Pro Elle fünfzehn Silbergroschen, macht fünfundzwanzig Mark fünfzig Pfennig, oder — die neue Währung werden Sie hier noch nicht so recht kapieren — acht Thaler fünfzehn Silbergroschen. Für dieses Kleid ein Spottgeld!“
„Jao, dat es et aach. Gäl, Pittchen?“ Freudig erregt drehte sich Lucia nach ihm um.
„Acht Thaler —?!“ Er stand betroffen. Acht Thaler — —! Die Stube schien mit ihm herum zu tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler — woher sollte er die nehmen?!
„Gäl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?!“ Sie jauchzte fast.
„Komm — eweil kann ech net — ech — net heit, en annermal — villeicht morjen,“ murmelte er verlegen. Er faßte über ihre Schulter und schlug ihr das Musterbuch vor der Nase zu. „Pisack’ mech net e su!“ Und dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: „Ech haon ke Gäld.“
„Ach was!“ Der Reisende lächelte. „Für so’n hübsches Weibchen muß man immer Geld haben!“
Dies verdammte Lächeln! Peter krampfte die Hände zusammen und riß sie wieder auseinander, daß alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte flehend auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre Brauen waren zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen; sie kehrte ihm den Rücken.
„Zeih, hör ehs!“
Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte. Sie stand dicht vor dem Reisenden — der war ein großer hübscher Mann und paßte gut zu der großen hübschen Frau — und flüsterte ihm etwas zu.
Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als wäre der Ehemann garnicht dabei, so ungeniert benahmen die sich! Immer dichter steckten sie die Köpfe zusammen.
„Zeih!“ Zitternd stieß Pittchen ihren Namen hervor.
Der Reisende lächelte, und Lucia kicherte.
„Eweil maachste en End!“ Miffert schlug auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
„Seien Sie doch nicht ungemütlich.“ Der Reisende zwinkerte der jungen Frau zu und klopfte dem Erregten auf die Schulter. „Ich bitte Sie, Herr Miffert, was ist denn da lange Überlegens?! Ich will Ihnen gern entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen Thaler ab, das merken Sie gar nicht, in achteinhalb Monaten sind wir quitt.“
„Nä.“ Peter sah unschlüssig zu Boden, aber er bemerkte doch, wie die Zeih den Herrn zupfte.
„Wahrhaftig kein Geschäft! Ich will Ihnen noch mehr entgegenkommen — ’s thut mir wahrhaftigen Gott leid, daß die junge Frau nicht das Plaisir haben soll — den halben Monat, die fünfzehn Groschen will ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler! Halb geschenkt! Menschenskind, seien Sie doch nicht so stierköpfig! Wenn ich so’n hübsches Weibchen hätte — gelt, mein Kind?!“ Er kniff Lucia in die tiefgerötete Wange.
Peter fühlte einen bitteren Geschmack auf der Zunge; das Blut wallte ihm so jäh zu Kopf, daß seine Augen undeutlich sahen. Ein wirres Durcheinander wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten. Und die feurigen Punkte fügten sich zu Buchstaben: Geld, Geld! — Und aus allen Ecken kreischte es: Geld, Geld! — — — — — — — — — — — — —
Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor ihm auf: „Gäl, Pittchen, eweil kaafste’t?“
Sie lächelte ihn an; nun spielte sie mit seiner Hand und puffte ihn mit dem runden Ellbogen leicht in die Seite. „Pittchen!“ Tausend Bitten, tausend Versprechungen lagen in dem einen Wort!
„Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so ungalant!“
„Hol mech der Deiwel, här met dem Kleid!“ Peter wußte kaum mehr, was er sprach. „Äwer uf Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein Lumpenpackasch. Här met dem Dreck — wat kost de Welt, ech will se zaohlen!“
„Ich werde unserem Geschäftshaus Order geben, daß man Ihnen mit wendender Post per Nachnahme das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!“
„Wohl, wohl,“ nickte Peter. Lucia hing an seinem Hals, ganz närrisch vor Freude.
„Es ’t waohr, es ’t aach wirklich waohr? Kriehn ech dat Kleidche? O Pittchen, ech haon dech e su liew!“
Das war’s, worauf er gewartet hatte. Nun mit ihr allein sein, nun sie herzen und drücken und sich betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur Thür ziehn; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der Reisende vertrat ihnen den Weg.
„Das wäre! Ne, Sie dürfen mich nicht hier mutterseelenallein sitzen lassen, bei dem abscheulichen Wetter, in diesem öden Drecksnest! Habe ich Ihnen dafür zu dem Kleid verholfen, schöne Zeih? Kommen Sie, Miffert, wir trinken en Schöppchen!“ Er pfiff und sang:
„Dann setzen wir uns hin,Wohl auf das Kanapee,Und singen: Dreimal hochDas Kanapee!
„Dann setzen wir uns hin,Wohl auf das Kanapee,Und singen: Dreimal hochDas Kanapee!
„Dann setzen wir uns hin,Wohl auf das Kanapee,Und singen: Dreimal hochDas Kanapee!
Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der Haupt- und Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig hinter uns haben, haben wir Pli gekriegt. Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?“
„Dat es schien!“ Zeih riß begierig die Augen auf. „Sein Se so gud, singen Se’t noch ehs!“
Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; sie hatte ein gelehriges Ohr.
Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum besten, sie konnte sich gar nicht satt hören; ihre Augen tanzten förmlich, ihre Lippen bewegten sich, leis murmelnd, wie beim Rosenkranzbeten.
Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende hatte ihm eingeschenkt, nun wurde auch er fidel.
Der Nachmittag ging schon in den Abend über; die frühe Dämmerung stahl sich in’s Fenster, noch früher als sonst durch den finster umzogenen Himmel und die regenschwangere Luft.
Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche und zwar nicht vom schlechtesten. Das war ein Mosel, der sich süffig trank, aber der’s in sich hatte; er lief durch die Adern, wie prickelndes, fröhliches Leben.
„Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert?“ fragte der Reisende. Die hübsche Frau fing an, ihn zu langweilen; da er doch nicht mit ihr allein war, was nutzte ihm da ihre Bewunderung?! „Machen wir ’n Spielchen!“
Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht, wenn er jetzt Geld hätte! Die Eifeler spielten nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn ‚Fauteler‘[31], und wenn er gewann, gab’s jedesmal Prügelei. Fatal, nun hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu nutzen, und da mußte er nun kein Geld haben, nicht einmal den niedrigsten Einsatz! Geld, Geld — —! Seine Augen funkelten.
Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch. Als hätte er Pittchens Gedanken erraten, sagte er: „Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?“
„Sechsunsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht.“ Peter mischte; die verfetteten, vom Schmutz dick gewordenen Karten flogen durch seine Hände, als seien es Rosenblätter. Und dabei wendete er keinen Blick von dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet zog ihn das runde Silber an. Solcher Dinger brauchte er acht — nein, noch mehr, mehr! Er hatte das Hungerleben satt.
Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten sich seine Finger aus; er nahm den Thaler in die Hand und betrachtete ihn.
„So gut wie neu,“ sagte der Reisende, „und ganz echt. Unser Kassierer hat sich mal ’nen falschen anschmieren lassen; den haben wir ihm an die Kasse genagelt — haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn, wer mehr Glück in der Liebe hat — Sie oder ich!“ Er sah dreist die junge Frau an und lachte.
Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges Lächeln verzog seine Lippen.
Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie eifrig der arme Teufel bei der Sache war. Hätte man wohl einem hier aus dieser ‚zurückgebliebenen, unkultivierten Gegend‘ so viel Gewandtheit zugetraut? Und Glück hatte der. Immer bekam er die besten Karten; er gewann.
Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte mit verschlafenen Augen drein, der ungewohnte Weingenuß hatte sie müde gemacht; sie lehnte sich hintenüber an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, daß der Reisende unter’m Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es sich gefallen, sie rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich immer mehr zur Seite, bis er ihm an die Schulter sank. Sie hatte einen kleinen Rausch.
Draußen war es stockdunkel. Regen klatschte an’s Fenster, ein starker Wind hatte sich aufgemacht und heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß er gegen das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten sich kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und Ächzen, ein unheimliches Wimmern in der Nacht.
Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen zirkelten sich rote Flecken ab. Der Reisende schenkte ihm wacker ein; er trank wacker aus. Er hatte einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, er sah alles doppelt. — — — — — Da war das Thalerstück, nicht einmal, nein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, siebenmal — hundertmal! Hei, die Thaler! Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thaler — wie die sich in der Hand fühlten, glatt und rund! Thaler — die klapperten im Sack; herrliche Musik! Thaler — die machten den Knecht zum Herrn, das arme Pittchen zum reichen Peter! Thaler — Thaler — — — —!
Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die Lippen; der Gaumen war ihm trocken, sein Schlund war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf dem Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes Glas und trank es leer auf einen Zug.
„Glück im Spiel, Unglück in der Liebe,“ lachte der Reisende und legte der verschlafenen Zeih den Arm um die Schultern. „Da, stecken Sie ein, Sie haben ihn gewonnen!“ Er schob den Thaler über den Tisch.
Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück fest in der krampfhaft geschlossenen Faust. Er achtete es nicht, daß der Herr jetzt die Zeih küßte; all seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem runden Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem Boden, an den Wänden, es füllte den Raum von der Diele bis zur Decke.
„Tha—ler,“ lallte er.
„Ehr—lich — ge—won—nen!“ sagte der Reisende. Jede Silbe kam zwischen einem Schlucken. Er war auch nicht mehr ganz nüchtern.
„Mei — mei Kleid,“ stammelte die Zeih.
Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel hatte ein Ende.
Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte mit starr aufgerissenen Augen, in stummer Bewunderung, seine dicke goldene Talmikette und die falsche Brillantnadel in seinem Schlips an.
Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung, beide Ellbogen aufgestützt, den Kopf zwischen die Hände geklemmt und stierte vor sich hin. In seiner Brusttasche brannte der Thaler, durch Rock und Hemd durch fühlte er ihn, bis auf die bloße Haut.
Da schlorrte was draußen an der Thür. Nun wurde sie geöffnet, die alte Schneidersch wankte herein. Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf gezogen; geblendet, wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter vor.
„Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha! Nur herein, Hutzelweibchen,“ schrie der Reisende.
Träumte der Peter, oder wachte er? Wie hinter einer dicken Mauer, die den Schall dämpft, hörte er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie nicht, das Bäbb wäre tot, und der Peter Miffert sollte kommen, den Sarg zunageln? — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme der Alten zeterte nach dem Krumscheid, und als dieser kam, verlangte sie Branntwein, ein halbes Mäßchen.
„Dat Bäbb es schwaach gefaal[32], eweil moß et ebbes Herzliches einholen.“ Sie kostete und leckte sich dann die Lippen. „Duh werd et schuns noch ehmaol ufgerappelt gänn. Ah —!“
„Reiwt er aach ebbes unner de Naos,“ riet der Wirt.
„Sauft hän net onnerwegs aus,“ schrie Peter.
Er wurde plötzlich so wütend, daß er Miene machte, sich auf die Schneidersch zu stürzen. „Wat haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et krepiere laoßt, lao hinnen im Stall — hä?“
Er rüttelte die Alte. „Wuh es de Weis-Fra, hä, dau schandluse, alde, knahschtige[33]Hex?!“ Seine Hand hob sich zum Schlag, die Alte wich aus, das Mäßchen wackelte, kippte über, der Branntwein floß auf die Diele.
Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch nieder und tupfte mit dem Finger den köstlichen Fusel auf; sie leckte und schleckte, am liebsten hätte sie die Diele mit der Zunge aufgewischt.
Der Reisende wand sich vor Lachen — war dieses arme Volk urdrollig! Er lachte Thränen.
Peter stand mit geballten Fäusten; wollte er die Alte niederschmettern? Nein, er gab sich selbst eins vor die Stirn, daß er ein paar Schritt zurücktaumelte.
„Wirt, geben Sie der Frau doch ’n ordentlichen Droppen für ihren Durst,“ rief der Reisende. „Hahaha! Auf meine Rechnung!“
Krumscheid näherte sich mit Schnapsflasche und Mäßchen; fluchend riß ihm Pittchen die noch halbvolle Buttel aus der Hand, setzte sie an und trank sie leer. Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand.
Er hatte genug. Jetzt fühlte er nicht mehr Gewissensbisse, jetzt hörte er nicht mehr Jammern und Winseln draußen in der Nacht. Jetzt plagte ihn der Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank über den Tisch kollerte.
Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust hängend, torkelte er zur Stubenthür.
Zeih sprang auf. „Eweil moß ech giehn, ech kann eweil net mieh hei bleiwen!“
„Warum nicht gar?!“ Der Reisende zog sie mit Gewalt nieder. „Jetzt bleibst du erst recht hier, mein Schätzchen!“
„Ech moß hän hämführen. Hän könnt en Malör kriehn, mei Pittche!“
„Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird er schon aufstehn. Donnerwetter, was der Wind heult! — Scheert Euch fort, alte Madam, so verlegne Ware wird nicht mehr verlangt — haha! — — — auf meinen Schoß, schöne Zeih!
Dann setzen wir uns hinWohl auf das Kanapee — —“
Dann setzen wir uns hinWohl auf das Kanapee — —“
Dann setzen wir uns hinWohl auf das Kanapee — —“