X.
Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast verschüttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Männer nach Hause gebracht. Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen und Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte der Lust ein Ende gemacht; morgens darauf waren die Männer wieder abgezogen, und die große Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt, bis daß es schlief.
Jetzt wollte es lenzen.
Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sproßte der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes scheues Reis, und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die Staare.
‚Naoch Lichtmeß es et Aushalt‘ sagen die Eifeler, ‚warm oder kalt, de Dag gänn lang on dän Fuß krieht sein Gang.‘
Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den überschwemmten Wiesen um die Salm ruderten lustig die Dorfenten.
Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. Sie hackte mit starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstieß und klopfte und verkleinerte die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich den Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und blickte prüfend über die Berghänge.
Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung gedacht, und sie wußten doch alle: Schneifurr — Gedeihfurr! Da lotterten sie zu Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick auf dem Dorf; sie schüttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hände und griff von neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom scharfen Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.
Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte sich darauf verlassen können: da war eine daheim, die für sein Kind und seine alten Eltern schaffte.
Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wölbte sich stolz. Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, daß die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter, treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich, man sah’s unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie ein Mann.
Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmäßig, ohne Ermüdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche wurde abgeschritten. Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte Erde, die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte sie sich zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und dort; in mächtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter, aufprallend, sich überschlagend und prasselnd andres Geröll mit sich in die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.
Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die schwachbegrünten Flecke verschwanden einer nach dem andren — nun breitete sich das gleichmäßige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf; mit einem Seufzer der Befriedigung ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal niedersausen. Fertig für heute!
Morgen wurde wieder von frischem angefangen und übermorgen wieder, und dann wieder, bis die lehmigen Erdklöße — sie bückte sich und zerbröckelte einen in der Hand — so fein waren wie Mehl; dann wollte sie zufrieden sein. Dann gab’s auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug und auch ein wenig Korn. Was würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel erübrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem Kind und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel würde es vielleicht noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich verkauft.
Sinnend ging der Blick der jungen Frau in’s Weite und verlor sich im duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit, weit. Ein Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund weich. Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald, so viel Wasser sie von einander trennte?!
Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust — die Zeitmußtekommen!
Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurück, zog das Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten Horizont ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich über der Umgebung.
Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwärts, ihre derben Nägelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten daheim schon, daß sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht kriegten.
Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln verschönte das ernste Gesicht der jungen Frau — ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die kam, strampelte er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr bei der Großmutter bleiben.
Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg. Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Blätter des Wegebreits am Grabenrand — die waren heilsam zum Auflegen für den offenen Fuß der Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflückte die ab. Und da sproßte der erste Löwenzahn — geschwind griff sie zu — und da noch einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat werden für den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben, und dazu so gesund für’s Geblüt. Sie sammelte eifrig.
Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen klang an ihr Ohr — war da jemand in Not? Sie rief.
Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rändern aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.
Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie näher und streckte ihm die Hand hin. „Jesses,“ sagte sie unwillkürlich und blieb stehen, wie angewurzelt; es war Pittchen.
„Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?“ grunzte er sie an. „Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein net si—si—sicher, ech haon hei im Dr—Dreck geläjen — de — de ganz Naacht,“ schloß er weinerlich.
Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt, er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm in’s fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen.
Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war er, daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch sie hinab.
„Olau,“ grinste er, „dau willst e Küßche? Verliewt wie de Weibsbiller al!“ Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. „Küß mech, dau Leckermaul,“ — erschrocken fiel er zurück — „Dunnerwäder, dat Bäbb!“
„Miffert,“ sagte sie bestimmt, „seid net e su gäckig! Hei, faßt de Hack an! On hei es mein anner Hand! Däut[41]gäjen, däut! Ans, zwa un ans — ech trecken[42]Eich eruf!“
Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; unfähig, sich selber zu helfen, ließ er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein Klotz lag er am Rand auf den Knieen.
„Pittchen,“ sagte sie betrübt, „es et dann waohr, wat se im Dorf saon? Ihr sauft?! Pittchen,“ — sie faßte ihn unter den Achseln und stellte ihn auf die Füße — „ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laoßt doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gäld?“
„Willste ebbes?“ lallte er und suchte nach der Tasche.
„Nä!“ Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme an. „Ke Gäld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor —“
Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: „Haha, Säjen! Säjen!“ Die Zähne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte.
„Gieht häm,“ riet sie besorgt, „Ihr hatt Eich verkält — Jesses, de ganze Naacht hei im Grawen! — Kommt, kommt!“ Sie wollte ihn unter den Arm fassen und führen, er stieß sie zurück.
„Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech haon kein Predigt nedig — gieh — gieh!“ Er strampelte mit Händen und Füßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings in den Graben.
Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten, dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und offnem Mund, blaß wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes Schnarchen. —
Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen.
Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat zugleich ein. „Zeih! Eier Mahn leit drau —“
Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß der Gendarm von Oberkail und hielt die Zeih auf dem Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.
„Was ist denn los?“ fragte der Gendarm unwillig.
Bäbbi stotterte: „Eier Mahn leit draußen im Grawen, kommt, kommt!“
„Laßt ihn ruhig liegen,“ sprach der Gendarm und strich sich den Schnurrbart auf.
„Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es eweil als ganz verklomm!“
„Wat Ihr net saot?!“ Zeih horchte nun doch auf, sie ließ sich den Hergang umständlich erzählen, keinen Augenblick verlor sie dabei ihr vergnügtes Lächeln. „Im Grawen — de ganz Naacht?! Jeß, dat arm Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt hän erum. Bäbb, seid e su gud, weist mer de Stell!“
Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen Tina, Leis und Vrun daher; sie hatten die Bäbbi so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten neugierig. „Wat es passiert?!“ Zeih berichtete.
„Dat Pittchen — im Grawen?! Hahahaha!“ Tina krümmte sich vor Lachen und hielt sich die Seiten; vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf hintenüber, daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten.
„Hahaha,“ lachten Vrun und Leis, und Zeih lachte mit.
„Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!“
Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden Haaren und flatternden Röcken, sich neckend und jagend, stoben sie hinter Bäbbi drein. —
Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken nach Hause kam. Er machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dorf zu wandern und die Wirtshäuser abzusitzen.
Seit er ‚geerbt‘, arbeitete er gar nichts mehr; nicht, daß er früher viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da etwas gebastelt, und mit der Reparatur des Kirchenkronleuchters sogar ein Meisterstück geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich, von der Kanzel herunter, deswegen belobt.
„Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,“ sagte die Zeih und sah wohlgefällig an ihrem schönen Kleid herunter. Bald nach dem Tanzvergnügen in Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter hatte dem Postboten stolz acht harte Thaler auf’s Fensterbrett gezählt; es waren noch dieselben alten Thaler, die er vom Krumscheid geborgt, Thaler mit verschiedenen Randschriften, wie: ‚Gott mit uns,‘ ‚Gott segne Sachsen,‘ ‚Gott — Ehre — Vaterland.‘ Auf den Stücken, die der Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift weniger deutlich; sie waren wohl schon durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war abgegriffen. Aber es waren vollgewichtige Thaler, und schmunzelnd verschloß der Alte sie in seinem Sparkasten, glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem Gelde gekommen zu sein.
Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. Es gab Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl zuhause war, aber zu Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen zu ihr in’s Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. In ihrer gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht mehr: ‚Saog ehs, Pittchen, wat maachste e su lang lao binnen in der Kammer?‘ Er hatte sie ein paarmal angefahren: ‚Hal dei Maul, schär dech om dein Saachen!‘ Jetzt rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch hantieren hörte, und drehte sich gähnend auf die andre Seite.
Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel sie ihm um den Hals, wenn er ihr etwas von seinen Wanderungen mitbrachte.
Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; den einen Tag in Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen; heut in Musweiler, morgen, in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, von Dörfchen zu Dörfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gen Daun; in der ganzen Gegend war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken Thaler auf den Tisch zu werfen: ‚Dao, zieht de Rechnung ahf!‘ Mitunter ließ er sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh war, seine grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten Gröschchen einzutauschen gegen das blanke Silberstück.
Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter elend aus; so tief hatten ihm nie die Augen im Kopf gelegen, scheu und gedrückt schlug er den Blick zu Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte der auf. Dann glühten die düstren Augen, wie hell brennende Kohlen; in wilder Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: ‚Wat kost’ de Welt?!‘ Und dann trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte. Regen und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog er über die einsamen Landstraßen und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor sich hin; schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit den Armen wie ein Verrückter.
Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt, und doch hingen die Weiber an ihm wie die Kletten. Heute die, morgen die. Die Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie eine Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte und leckte, bis daß er Feuer fing. Dann konnte er auch aufflammen, und alle ‚Wiehduhns‘[44]gingen in Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese Augenblicke that er ihr allen Willen.
Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche, eine Schleife, einen Ring, eine Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende Pomade. Bald mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn er zuletzt gequält rief: ‚Laoß mech in Ruh, maach, datste weg kömmst,‘ lachte sie ihm in’s Gesicht. ‚Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih, lao kannste zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!‘
Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum ersten Mal den Gendarm bei der Zeih antraf, brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut. Die geballten Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: „Eraus, eraus! Ech schlaon Eich dod, ech — eraus, tutswit, eraus!“
Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde; nur auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der wildleder-behandschuhten Rechten: „Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. Sie überhaupt — Sie —“ er spuckte aus; es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend gegenüber auf die Kammerthür. — „Sie haben überhaupt jar keine Ehre mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die Bude rücken, Sie — Tappert!“ Rasch die Thür zuwerfend, verließ er schleunigst das ungastliche Haus.
„Wat maant hän dermit?“ schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen rollten hin und her.
„Bis still, Pittchen! Bis still!“ Sie war in Angst vor ihrem Mann.
„Ech sollen mech in Aacht holen — uf de Bud rücken?!“ murmelte Peter. Und dann brüllte er: „Wat haot hän von der Kammer gesaot — wat? Antwort!“
Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: „Mir — mir — hän haot gesaot, mir wollten lao erin giehn, lao —“
„Kreizgewieder!“ Schwer fiel Peter auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hände. So saß er lange regungslos, wie aus Stein.
Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun hatte sie Oberwasser; mit großer Geläufigkeit, halb ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine Grobheit vor. „Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs met anem haon, stracks bis dau e su schroh![45]Wat soll hän nau von ons denken, dän Hähr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei’m e su anen trillsen[46]on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, mer haot ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!“
„Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,“ sprach er ihr nach und schüttelte sich, als liefe es ihm kalt über den Buckel.
Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer höflich, wenn der Zufall ihn den in seiner Hütte finden ließ. Sein blasses Gesicht trug dabei aber einen so verbissenen Ausdruck, daß der schöne Gendarm es vorgezogen hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen; wäre es nur nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemütlich, und ebenso war er’s dem Miffert; sie gingen beide umeinander herum, vorsichtig schnuppernd, wie Füchse um die Falle.
‚Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in dieser verfluchten Gegend,‘ tröstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort für’s Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch keinen Eifelwinter mitgemacht, und der dünkte ihn schier endlos, zum Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland von jedem Verkehr abschnitten.
‚Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,‘ tröstete sich auch Pittchen. Dann war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man konnte ‚kommoder‘ über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald ausschlafen. — — —
„Frühjaohr,“ kreischten auch jubelnd die Weiber, als sie nun längs der Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen heimzuholen.
Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach jungem Gras und erdiger Kraft. Sie atmeten mit geblähten Nüstern, ihre Gesichter waren rot, glühend vor Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch vom Hals und ließ es wie eine Flagge in der Luft wehen.
„Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?[47]“ Mit verschmitztem Lachen erhob sie einen durchdringenden Gesang:
„Im Mai, im Mai,Moß mer sein zo zwei —“
„Im Mai, im Mai,Moß mer sein zo zwei —“
„Im Mai, im Mai,Moß mer sein zo zwei —“
„Still,“ sagte Bäbbi und drehte sich um. „Hör uf met dem schnippschnappig Lied! Hörste dann net de Lerch? Still! Se es Gottes Vogel.“
Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche. „Tirili, tirili!“ Mit den Flügelchen schlagend, erhob sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie ein Pfeil; in Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr jauchzendes Tirili himmelan.
„Iwickelchen, Liwickelchen,“[48]schrien die Mädchen und sprangen, in die Hände klatschend, wie die Tollen in die Wiese hinein. Sie rauften mit beiden Händen das kurze Gras aus und schleuderten es sich in’s Gesicht, wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und Schultern; sie trappten hin und her, mit Gelächter und Gekreisch, ihre schweren Nägelschuh traten die zarten sprossenden Hälmchen tot.
Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger liefen ihr denn doch zu schnell. Und da sah sie auch ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns, erfreut pflückte sie sie ab und steckte sie sich in’s Haar — glänzten die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden Blüten auf den braunen Scheitel.
Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr auch schon die Blumen vom Kopf. Zeih schalt lachend und riß ihr Eigentum wieder an sich; das ging hin und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches, halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte Tina die zerknickten Stengel von sich: „Lao haste dän Dreck!“ Die Füße der Weiber schritten achtlos darüber weg.
Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb sie stehen und wartete auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie ihnen entgegen. „Kommt, kommt!“ rief sie unwillig. „Laoßt de Alfanzereien!“
„Alfanzereien?!“ Tina lachte spöttisch und hob keck ihre Nasenspitze zu der um einen Kopf Größeren, „sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb, mer waaß jao doch, wän dau bis!“ Kichernd stieß sie die Vrun an, und die Vrun stieß die Leis an, und die Leis die Zeih.
Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber sie sagte nichts; mit einem ernsten Blick sah sie von oben herunter auf die Kleinere.
„Haha,“ fing Tina wieder an — sie hatte den Blick wohl verstanden und boste sich darüber — „dau wills ons Conduitten liehren — dau?! Dau maanst wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund onner de Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! Mer kennt dän Vogel an sein Federn, wann hän sein Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!“
Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch Zeih lachte, ihr gedankenloses, fröhliches Lachen.
„Zeih, kommt!“ sagte Bäbbi und faßte sie am Arm. „Laoßt eweil dat Tina! Ein faul Ei verdirbt dän ganzen Brei!“
„Hollah“ — Tina packte die Zeih am andren Arm — „hei gebliewen! Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein faul Ei — wän maanste dermit, hä?“ Sie fauchte die Große böse an, ihre Augen funkelten. „Dau Sauerpot, dau Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer — Grundfresser. Duh dei Maul uf, dau Grundfressersch, laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!“ Sie ballte die Fäuste. „Saog!“ Nun stampfte sie mit den Füßen. „Saog!“
„Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt hän. Ech haon ken Lust derzu,“ sagte Bäbbi ruhig und drehte sich kurz um.
Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend vor Entzücken fielen sich Vrun und Leis in die Arme; Zeih hing sich ihr freundschaftlich an den Arm.
Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; einer andren wäre sie auf den Rücken gesprungen und hätte ihr das Fell mit den Nägeln zergerbt. Der da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich mit sich fort.
Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer lauernden Katze; der Bäbbi konnte sie nicht ankommen, aber der Leis und der Vrun, und besonders der Zeih, denen wollte sie’s eintränken.
„Eweil sein mer elao,“ sagte Bäbbi und wies auf einen Dornbusch, dicht am Grabenrand. „Bei dem Busch liegt hän unnen.“ Mitleidig beugte sie sich über, mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da unten lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber neben ihm hockte eine Frauensperson, den Oberrock über den Kopf gezogen, ihr grellroter Unterrock blähte sich wie eine große Mohnblume. Die Traut!
Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts in die verblüfften Gesichter; sie hielt Pittchens Kopf in ihrem Schoß.
Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln, mit einem Satz war Tina unten, Vrun und Leis stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von Armen und Beinen, ein Schimpfen und Lachen, Zanken und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi darauf nieder, dann machte sie Kehrt.
Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor’m Dorf blickte sie noch einmal zurück; die stille Luft trug ein Getöse an ihr Ohr, ein Stimmengewirr, als ob ein Heer anrücke.
Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne grell beschienen, wie von goldnem Flimmer umhüllt. Als Kernpunkt der Peter; von den einen geschoben, von den anderen gezogen, nahte er wankend.