VIII.Solling, Homburg und Vogler.

§. Abb. 78. Exten bei Rinteln. (Zu Seite100.)

§. Abb. 78. Exten bei Rinteln. (Zu Seite100.)

Der Reinhardswald.

Der Reinhardswald links der Weser ist für den Naturfreund ein lohnenderes Wandergebiet. Er besteht aus einer fast 30kmlangen, durchschnittlich 10kmbreiten Buntsandsteinscholle von etwa 400mHöhe, auf der basaltische Kuppen wie der Gahrenberg (464m) und der Staufenberg (472m) aufgesetzt sind. An ihrem Fuße finden sich tertiäre Ablagerungen, aus denen u. a. am Gahrenberg Braunkohle bergmännisch gewonnen wird. Das Innere des Waldes ist fast unbewohnt. Beberbeck ist ein königliches Hauptgestüt mit weit ausgedehnten Bergweiden, auf denen sich etwa 350 edle Rosse (Halbblut) in Freiheit tummeln, die malerische Sababurg (im Volksmunde ist der ursprüngliche Name Zappenburg erhalten) ein 1490 erbautes, jetzt halb zerfallenes Jagdschloß der hessischen Landgrafen, Gottsbüren, das einzige, übrigens sehr alte Dorf des inneren Waldes, im vierzehnten Jahrhundert durch seine Wallfahrtskapelle, jetzt durch eine Kirchenorgelfabrik berühmt. Das malerische, von einer Burg überragte Ackerstädtchen Trendelburg an der Diemel (650 Einwohner) liegt schon außerhalb des Gebirges (Abb. 46). In diesem selbst herrscht ringsum der Wald, ununterbrochener Wald. Der Reinhardswald ist alter Reichsforst, wurde aber im Jahre 1018 von Kaiser HeinrichII., dem letzten Sachsen, seinem Freunde, dem Bischof Meinwerk von Paderborn, für das Bistum geschenkt. Nach mehrfacher Teilung und Besitzvertauschung kam er bis zum sechzehnten Jahrhundert nach und nach ganz an Hessen.

Reinhardswald und Solling.

Die für den Forstmann nicht gerade erfreulichen Schicksale des Waldes als solchen, über die auf Seite30bis 32 das Nötige gesagt worden ist, haben eine den Naturfreund fesselnde Mannigfaltigkeit des Landschaftsbildes hervorgerufen. Außer dem eigentlich bodenständigen Buchenwald finden sich weite, parkartig mit vereinzelten alten Eichen bestandene Blößen, die früher Hutezwecken dienten. Vielfach auch sind die Eichen später mit jungen Buchen forstgerecht unterbaut. In den sechziger Jahren wurden, um die Blößen nicht ganz der Viehweide zu entziehen, sie aber zugleich auch forstlichen Zwecken dienstbar zu machen, kreisförmige Plätze von 4 bis 6mDurchmesser bei 14mDreiecksverband mit kleinen Entwässerungsgräben umgeben und miteinander verbunden. Der Aufwurf diente zur Erhöhung des Platzes, der mit je 25 Stück junger Fichten bepflanzt wurde. Diese sind nun herangewachsen und bilden die auffallende Erscheinung der »Klümpse«. An ihre Stelle tritt neuerdings allmählich richtiger Fichtenwald, der im Gahrenberger Revier bereits 22% der Forstfläche (gegen 3% vor hundert Jahren) bedeckt. Stellenweise bereitet auf der Hochfläche allerdings der versauerte und vertorfte Boden der Aufforstung Schwierigkeiten.

Im Mittelalter noch ein Tummelplatz von Tausenden wilder Eber, verarmte der Reinhardswald später allmählich in bezug auf seinen Wildstand, und als gar im Revolutionsjahre die Jagd freigegeben worden war, zählte man bald danach (1852) im Holzhäuser Revier nur 8 Stück Rotwild, 14 Stück Schwarzwild und 14 Rehe gegen 98, 86 und 76 fünf Jahre vorher. Jetzt ist seit 1866 ein Gebiet von 8000haeingegattert, und es wird darin ein mäßiger Bestand an Rot- und Schwarzwild gehalten (Abb. 47). Auch Auerwild kommt vereinzelt vor. In jedem Herbst findet die akademische Hubertusjagd im Forstbezirk Gahrenberg statt, nach der unter Fackelschein die Beute durch Münden getragen, auf dem Markte eine Rede gehalten und beim Kommers das Jagdgericht abgehalten wird.

Ähnlichen Charakter wie der Bramwald und der Reinhardswald zeigt auch der Solling, jene große Buntsandstein-Ellipse, die nach Einmündung der Schwülme in die Weser dem Hauptstrom die westliche Richtung seines Nebenflusses aufzwingt. Es fehlen hier jedoch die basaltischen Durchbrüche, wenn wir nicht die von der Schwülme an drei Seiten umflossene Berggruppe, die in der 461mhohen Bramburg gipfelt, noch zum Solling rechnen wollen. Die Bramburg ist die nördlichste ausgebildete Kuppe aus Basalt Deutschlands überhaupt. Die Brüche dort oben sind mit maschinellen Hilfsmitteln allerart ausgestattet. Sie sind die bedeutendsten in der Gegend und haben den Gipfel des Berges, der eine prachtvolle Fernsicht gewährt, bereits völlig umgestaltet. Der leitende Ingenieur und eine Anzahl Arbeiter wohnen oben, andere in den benachbarten Ortschaften. Bei der Gewinnung der Steine kommt es vor allem darauf an, das eben gebrochene Material schnell hinter Strohwänden oder unter Schuppen zu bergen und möglichst bald zu verarbeiten. Solange es nämlich noch frisch ist, läßt es sich leicht spalten und zu rechteckigen Klötzen behauen; sobald aber die Sonne es beschienen hat,zerspringt es unter dem Hammer zu unregelmäßigen Stücken, und statt der Pflastersteine ist nur Schotter zu gewinnen. So kostet oft ein unerwarteter Sonnenschein, vor dem frisch gebrochene Steine nicht mehr gerettet werden konnten, dem Werke eine Menge Geld. Die Ursache des »Verbrennens« der Steine ist noch nicht einwandfrei festgestellt. Am Südfuße der Bramburg liegt der uralte Flecken Adelebsen (1500 Einwohner), in dem die Adelsfamilie gleichen Namens ihr Stammschloß mit einem ungeheuren Bergfried hat. Am Nordfuß ist Volpriehausen zwar ein altes Dorf, aber ein ganz junger Industrieplatz. Abgesehen davon, daß es die Bahnstation für die Bramburgbrüche ist (eine Betriebsbahn verbindet diese damit), verdankt es seine Bedeutung dem großen Kaliwerk, das aus Tiefen von 400 bis 600mjenes für die Landwirtschaft so wichtige Mineral zugleich mit reinem Steinsalz heraufbefördert. Als Betriebsmittel dient die in der Nähe bei Delliehausen gewonnene Braunkohle; doch ist deren Lager nahezu erschöpft.

§. Abb. 79. Schloß Varenholz. (Zu Seite101.)

§. Abb. 79. Schloß Varenholz. (Zu Seite101.)

Der Solling.

Der Solling bietet an seinen Rändern meist keinen reizvollen Anblick, da er sich allmählich erhebt und die Äcker weit an seinen Hängen emporsteigen. Nur bei Carlshafen und Fürstenberg hat die Weser ihn angenagt, so daß der Dampfer dicht unter steilen Felsen dahingleitet. Von den bisher besprochenen Buntsandsteingebieten unterscheidet sich der Solling durch eine größere Ausdehnung und seine annähernd kreisrunde Form. Da die Schichten des Gesteins horizontal liegen, so ist der Abfluß von der Mitte der Hochfläche erschwert, und es bilden sich Hochmoore wie am Moosberg, der wohl daher seinen Namen hat. Strahlenförmig fließen nach allen Seiten Bäche, die sich ziemlich enge, allmählich tiefer werdende, landschaftlich recht reizvolle Wiesentäler nach den Rändern der Hochfläche hin genagt haben; von jenen fließt die Ilme zur Leine, die Aale zur Schwülme, die Rottmünde und die Holzminde zur Weser. Die zwischen denTälern stehen gebliebenen breiten Rücken haben annähernd gleiche Höhe und wachsen für das Auge eines ferner stehenden Beschauers zu einer einzigen Ebene zusammen. Auch die Gipfel, unter denen die Große Blöße mit 528mder höchste Berg zwischen Harz und Sauerland ist, überragen die Fläche so wenig, daß vor der Herausgabe der preußischen Meßtischblätter stets der Moosberg (513m) als die bedeutendste Kuppe des Gebirges, als der König des Sollings, genannt wurde. So haben also preußische Offiziere diesen König entthront. Die Silhouette des Sollings erscheint unter diesen Umständen außerordentlich einförmig. Was das Gebirge reizvoll macht, das ist der stundenlang ununterbrochene Wald (Abb. 18,20u.21). Berühmt sind außer vereinzelten Prachteichen auch einige um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts angepflanzte Eichenalleen. Im übrigen aber ist der Wald — jetzt vielfach Fichtenbestand — ein Ergebnis der neueren verständigen Forstkultur (Seite30ff.).

An Siedelungen ist das Innere des Gebirges arm. Daß deren früher mehr vorhanden waren, beweisen die Kirchenruinen, wie wir deren im Schwülmetale bei Adelebsen und in der Wüstung Friewohle unweit Volpriehausen zwei noch stattliche finden, während sich an anderen Stellen nur eben die Grundmauern unter Laub und Gras erkennen lassen. Dagegen ist das Gebirge mit einem Kranz von Dörfern und Städten umgeben. Carlshafen, Adelebsen und Volpriehausen haben wir bereits erwähnt. An der Bahnstrecke Ottbergen-Northeim, welche einer alten Handelsstraße zum Harze folgt, liegt noch Uslar (2500 Einwohner) inmitten fruchtbaren Getreide- und Rübenbodens mit Eisenhütte, Obstweinfabrikation und Teppichweberei und Hardegsen (1300 Einwohner) am Durchbruch des Flüßchens Espolde durch den öden Muschelkalkzug der Weper, überragt von dem hohen, düsteren »Mushaus«, dem Überrest einer sehr alten, zeitweilig den Braunschweiger Herzögen gehörigen Burg. Baulich interessant sind noch das alte Schloß Nienover bei Bodenfelde und die romanische Basilika des Klosters Fredelsloh.

Einbeck.

Nordöstlich vom Solling und von ihm getrennt durch den Bergzug, der die Ruine der alten ehemaligen Welfenburg Grubenhagen trägt (293m), liegt am Rande einer fruchtbaren Keuper- und Liasmulde die einstige Hansastadt Einbeck (8700 Einwohner), von alters her berühmt durch ihre Leinweberei und noch mehr durch das Bier, von dem schon Herzog ErichI.von Calenberg auf dem Wormser Reichstage Luthern eine Kanne spendete. Die Brauerei nimmt neben anderen Gewerbezweigen, z. B. der Zuckerfabrikation und der Fahrradindustrie, noch immer eine Hauptstelle in der Arbeit der Bewohner ein und liefert besonders pasteurisiertes Flaschenbier zur Ausfuhr in die Tropen. Bedeutende Kirchen, ein stattliches Rathaus und schöne geschnitzte Holzhäuser aus der Renaissancezeit bezeugen die ehemalige Blüte der Stadt (Abb. 48u.49). Während Einbeck früher an der Kreuzung zweier bedeutender Straßen lag, nämlich der von Göttingen nach Hannover, welche an dieser Stelle das enge, feuchte Leinetal vermied, und der zur Weser bei Bodenwerder, wird es jetzt von der durchgehenden Bahnlinie nicht berührt. Es liegt an einer Seitenbahn, die im Ilmetal aufwärts bis zu dem Städtchen Dassel (1500 Einwohner) führt. Daß dieses einst der Sitz eines mächtigen Grafengeschlechtes war — man denke an Ludolf, den Kanzler des Rotbarts —, ist an sichtbaren Spuren nicht mehr zu erkennen. Interessanter ist das benachbarte von Herzog ErichI.von Calenberg 1530 erbaute Schloß Erichsburg.

Nördlich davon liegt Stadtoldendorf, ein braunschweigisches Städtchen von 3500 Einwohnern, Station der Bahn Kreiensen-Holzminden (Berlin-Cöln). Der Zechstein birgt hier, besonders nach der benachbarten Homburg zu, einen mächtigen Gipsstock, der in mehreren Brüchen ausgebeutet wird. In einigen Fabriken werden daher Gipsdielen hergestellt.

Elfas. Homburg.

Die am Westrande des Solling liegenden Orte mögen später bei einer fortgesetzten Betrachtung des Weserlaufes besprochen werden. Vorher hätten wir noch ein Wort über den Buntsandsteinzug Elfas-Homburg-Vogler zu sagen. DasFehlen eines gemeinsamen Namens zeigt uns, daß wir es trotz der geologischen Zusammengehörigkeit dieser Berge mit drei gesonderten Gruppen zu tun haben. Am wenigsten tritt der Elfas (380m) hervor. Bedeutender ist die Homburggruppe, in ihren beiden Hauptgipfeln 400müberragend. Auffallend ist — zumal im Gegensatz zu der Weichheit der Linien in dem benachbarten Sollinggebiet — die in dieser Formation so seltene malerische Kuppelform des Berges, der die Ruinen der alten Dynastenburg trägt. Es ist nicht viel von ihr erhalten. Denn schon hundert Jahre nachdem 1409 der letzte der Herren von Homburg, wie die Sage meldet, unter der Hand eines Eversteiner Grafen am Altare zu Amelunxborn verblutet war, ließen die Braunschweiger Herzöge die Burg verfallen und bauten aus den Steinen das neue Amtshaus in Wickensen. Aber der Pallas ist nebst einigen Gewölberesten mitten im grünen Buchenwald noch erkennbar. Der Besuch der Trümmer sowie der Blick von dem Stumpf des zerbröckelten Bergfrieds auf das Städtchen zu Füßen wird den Wanderer sicherlich für die Mühen des Aufstieges belohnen.

Vogler.

Zum Vogler werden wir von Stadtoldendorf aus unseren Weg am besten durch das liebliche Hooptal nehmen; so heißt das oberste Stück der von dem Forstbach in die Hochebene eingewaschenen Schlucht. Bald überrascht uns hier der Anblick des Klosters Amelunxborn, hart oben am Rande der schroffen Talwand gelegen. Wir finden hier eine auch sonst sich aufdrängende Beobachtung bestätigt, daß die Zisterziensermönche nicht nur landwirtschaftliche Praktiker ersten Ranges, sondern auch Menschen von einem hervorragenden Verständnis für landschaftliche Schönheit gewesen sein müssen. Im Jahre 1129 vom Grafen Siegfried von Northeim gestiftet, auf den auch die Erbauung der Homburg, wenn auch vielleicht nicht die erste, zurückgeführt wird, ist es die älteste Klostergründung jenes Ordens in Niedersachsen. Die schöne romanisch-gotische Doppelkirche dient jetzt der Domäne und den Nachbardörfern als Gotteshaus.

Abb. 80. Möllenbeck gegen die Weserkette (Papenbrink, Lange Wand, Luhdener Klippe). Nach einer Photographie von W. Siekmann in Rinteln. (Zu Seite101.)

Abb. 80. Möllenbeck gegen die Weserkette (Papenbrink, Lange Wand, Luhdener Klippe). Nach einer Photographie von W. Siekmann in Rinteln. (Zu Seite101.)

Der Vogler ist von den drei Berggruppen die ausgedehnteste. Der Kamm zieht sich in einem flachen, nach Osten geöffneten Bogen etwa zehn Kilometer weit hin, sendet nach beiden Seiten viele starke Äste aus und gipfelt in dem 460mhohen Ebersnacken, einem der herrlichsten Aussichtspunkte des Wesergebietes. Die Fülle schönen Buchenwaldes, die starke Entwicklung leicht zu überblickender Täler, die reiche Gliederung, die auch in der edlen Silhouette des Gebirges ihren Ausdruck findet, verleihen dieser Berggruppe einen ganz besonderen Reiz. An Siedelungen finden sich fast versteckt nur zwei arme Holzhacker-Dörflein. Der Name des einen, Heinrichshagen, hat zusammen mit dem des Bergzuges selbst Anlaß zu der Sage gegeben, hier habe König Heinrichs Vogelherd gestanden. An seinem Nordwestende, der Königszinne, erreicht der Vogler in steilem Absturz bei Bodenwerder die Weser, deren Lauf wir von Herstelle ab nunmehr noch verfolgen müssen (Abb. 60).

Abb. 81. Süntelbuche auf der Schafweide bei Hülsede.Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite101.)

Abb. 81. Süntelbuche auf der Schafweide bei Hülsede.Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite101.)

Das Wesertal.

Unterhalb Carlshafens, bei Herstelle, verläßt die Weser das reine Buntsandsteingebiet und tritt durch das von den hannoverschen Klippen rechts, von den hessischen Klippen und ihrer westlichen Fortsetzung links gebildete Tor in den zweiten der Seite24u.25genannten Talabschnitte hinaus. Der Eindruck der offenen Landschaft wird abgesehen von der größeren Entfernung der Talwände auch durch deren Lücken hervorgerufen, die sich an den Mündungen der Zuflüsse befinden, aber zu der Bedeutung von Wässerchen wie die Nethe, die Holzminde, der rechtsseitige Bever- und der Forstbach in keinem Verhältnis stehen. Den Gegensatz zwischen den beiden jüngsten Gliedern der Trias, die unser Tal scheidet, haben wir reiche Gelegenheit zu beobachten. Sanft erhebt sich rechts der Solling; weit steigen die Felder an seinen Hängen hinauf, so daß von dem Walde vielfach nur ein Streifenzu sehen ist und die Gipfelhöhe des Sandsteingebirges unterschätzt wird. Links fällt das Höxtersche Höhenland steil ab. Im Gegensatz zu der abgerundeten Form der Gehänge, die wir am Reinhardswalde beobachtet haben, bildet der Muschelkalk winklige Abstürze, deren steilste Stelle oben am Rande des Plateaus liegt, während unten stellenweise aufgehäufte Schuttkegel die Steilheit mildern. Diese Form des Bergprofils wiederholt sich bei allen Vorsprüngen der Hochfläche, die sich kulissenartig voreinander schieben, und erinnert trotz der kleineren Verhältnisse an den Nordrand der Schwäbischen Alb (Abb. 55). Als Grund dieser Erscheinung haben wir die Tatsache anzusehen, daß beim Sandstein mehr die mechanischen, beim Kalk mehr die chemischen Kräfte des Wassers abtragend gewirkt haben. Dieses führt den Kalk gelöst oder in so kleinen Teilchen zu Tale, daß an der Böschung selbst fast nichts liegen bleibt, während sich der aus dem Sandstein losgerissene Schutt überall da ablagert, wo das schwächere Gefälle die lebendige Kraft des Wassers mindert.

§. Abb. 82. Der Hohenstein gegen den Süntel. (Zu Seite28u.102.)

§. Abb. 82. Der Hohenstein gegen den Süntel. (Zu Seite28u.102.)

An Siedelungen werden wir zuerst rechts das hannoversche Dorf Lauenförde, links die westfälische Stadt Beverungen an der Bever (2400 Einwohner) bemerken, das früher von Herstelle aus nur mit einem Umweg über das rechte Ufer erreichbar war, während seit den vierziger Jahren die seinerzeit viel bewunderte und auch jetzt noch schöne Bremer Straße oben am Berge dorthin führt (Abb. 50). Ferner erwähnen wir links das Schlößchen Blankenau und das Dorf Wehrden mit stattlichem Edelsitz (Abb. 51). Aber schon von ferne ragt uns rechts auf hohem Sandsteinfels das Dorf und das ehemalige Schloß Fürstenberg (180m) entgegen (Abb. 52). In seinen älteren Erinnerungen auf die Grafen von Dassel und Everstein zurückgehend, interessiert es uns erst von dem Zeitpunkt an, wo Herzog Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel, ergriffen von dem um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts herrschenden Porzellanfieber, durch den der Höchster Fabrik abspenstig gemachten »Arkanisten« Benckgraff die Fabrikation jener edlen Topfware hier einführte. Die Fabrik, seit 1853 in Privatbesitz, hat sich im vorigen Jahrhundert lange Zeit hindurch auf die Herstellung kunstloser Massenartikel beschränkt, arbeitet aber neuerdings wieder nach den aus den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts stammenden Modellen, die zum Teil einen hohen Kunstwert besitzen.

§. Abb. 83. Turm der Schaumburg gegen die Paschenburg. (Zu Seite102.)

§. Abb. 83. Turm der Schaumburg gegen die Paschenburg. (Zu Seite102.)

Läßt es sich ermöglichen, so werden wir in Fürstenberg einen kurzen Aufenthalt machen und uns an der Aussicht erfreuen, die wir von den Terrassen der Gasthäuser auf die Täler der Weser und Nethe genießen können. Bald ist dann auch das freundliche Höxter nebst dem nahen Corvey erreicht.

Höxter.

Höxter ist ursprünglich ein karolingischer Königshof und wird seinen Ursprung der sächsischen Volksburg auf dem Brunsberge zu verdanken haben, wie so oft die fränkischen Höfe die Nähe solcher alten Befestigungen aufsuchten. Hier schenkte Ludwig der Fromme den aus Corbie in der Pikardie eingewanderten Benediktinern, die sieben Jahre zuvor an einem nicht zu bestimmenden Orte »Hetha« eine Tochteranstalt gegründet, diese aber wegen der Unwirtlichkeit des Platzes aufgegeben hatten, 822 den Grund und Boden für eine neue Niederlassung; das ist das im Mittelalter so hoch berühmte Corvey. Seinen Ruhm verdankt es dem raschen Wachstum seines Konvents und seiner Besitzungen, dem Eifer seiner Insassen für ihre Pionierarbeit im Interesse der Kultur und der stattlichen Anzahl in Kunst und Wissenschaft hervorragender Männer, die in seinen Mauern geweilt haben. Wir erinnern nur an Hrabanus Maurus, den späteren Abt von Fulda und Erzbischof von Mainz, an Anschar, den Apostel des Nordens, an die Maler Theodegar und Anderedus, an den Baumeister Luitolf, an den Geschichtsschreiber des Sachsenlandes Widukind und den ersten deutschen Papst, GregorV.Bekannt ist, daß die sonst verschollenen fünf ersten Bücher von Tacitus' Annalen im Jahre 1514 in der dortigen Klosterbibliothek wieder aufgefunden worden sind. Die Blütezeitdes Klosters ist freilich bereits mit dem elften Jahrhundert zu Ende gegangen. Seine Reichsunmittelbarkeit hat es 1803 verloren; später ist es zu einer Standesherrschaft geworden, die sich seit dem Jahre 1834 im Besitz der Hohenloheschen Familie, gegenwärtig des Herzogs von Ratibor, befindet.

Von den alten Bauten ist nicht viel erhalten. Am interessantesten ist die westliche Vorhalle der Kirche, das älteste erhaltene Bauwerk Westfalens, mit Säulen in frühchristlichem (vorromanischem) Stile. Der größte Teil der Gebäude rührt von dem um 1700 errichteten Neubau des Abtes Florentius v. Velde her, dessen italienische Bauleute in dem benachbarten Lüchtringen noch einige schwarzäugige Nachkommen hinterlassen haben sollen. An Sehenswürdigkeiten werden noch gezeigt eine Galerie mit den Bildnissen der fünfundsechzig Äbte, die in ihrer Bedeutung meist sehr überschätzte Bibliothek von 60000 Bänden und das Grab Hoffmanns von Fallersleben, der hier als Bibliothekar im Jahre 1874 gestorben ist (Abb. 53u.54).

Die westfälische Stadt Höxter entwickelte sich teils unter dem Einfluß des Klosters, teils als Brückenort der Handelsstraße vom Rhein nach Braunschweig und Magdeburg. Sie teilte die politischen Geschicke Corveys. Jetzt zählt sie 7700 Einwohner, die ihre Arbeit außer beim Ackerbau auch in einigen Industrien (u. a. Zement) finden. An kirchlichen und profanen Baudenkmalen hat sie noch einige hübsche Stücke aus alter Zeit bewahrt (Abb. 55).

§. Abb. 84. Die Arensburg. (Zu Seite103.)

§. Abb. 84. Die Arensburg. (Zu Seite103.)

Holzminden.

Weniger bevorzugt durch landschaftliche Reize der Lage ist Holzminden (9900 Einwohner), das sich mit Höxter in die Stellung als Übergangsort teilt, ihm aber als Hauptstapelplatz der Sollinger Sandsteine überlegen ist. Welche Bedeutung dieser Industrie zukommt, geht zur Genüge schon aus der Tatsache hervor, daß in dem braunschweigischen Kreise Holzminden 22½ % der erwerbstätigen Bevölkerung mit Gewinnung und Verarbeitung von Steinen und Erden beschäftigt sind, im hannoverschen Kreise Uslar aber 13,9%. Die meisten und besten Brüche liegeneben an der West- und Nordseite des Sollings. Der Sandstein findet sich in zwei verschiedenen Formen, nämlich als Block oder als Platte. Die Blöcke werden als Bau- und Werksteine benutzt, zu Trögen, Krippen, Ausgüssen und dergleichen verarbeitet; die Platten dagegen finden als Fliesen zum Bedecken der Fußböden in Küchen und Hausfluren, als Trottoirbelag und besonders auch als Dachsteine Verwendung. Das Behauen der Blöcke, die Herstellung der Behälter, das Zurechtschneiden und Glätten der Schiefer geschieht großenteils an Ort und Stelle, ehe die Ware auf dem Schiff oder der Eisenbahn verfrachtet wird.

Bevern.

Von der Burg, welche die Grafen von Everstein hier einst besaßen, ist keine Spur erhalten. Wohl aber kann man ihr Stammschloß auf dem schroffen Muschelkalkrücken des Burgberges, 10kmnordöstlich von Holzminden, noch an den Wällen und Gräben erkennen. Von hier aus übte dieses Geschlecht, dessen Besitz mit seinem Aussterben (1408) an die Welfen überging, seine Herrschaft über große Teile Niedersachsens bis ins Göttingische und auf das Eichsfeld aus. An dem Fuß des Berges verdient der Flecken Bevern am Beverbach (2200 Einwohner) einen Besuch wegen seines herrlichen Renaissance-Schlosses; es wurde 1603 bis 1612 von einem Herrn von Münchhausen erbaut und diente zeitweilig den Herzögen von Braunschweig-Bevern zum Wohnsitz (Abb. 56).

Ohsen.

Bei der Domäne Forst tritt nun die Weser in das Muschelkalkplateau ein, das sie erst bei Ohsen an der Emmermündung ganz verläßt. Zeitweilig nähert sich freilich der Strom bei Bodenwerder dem Buntsandstein des Voglers und weiter abwärts den Keuperbergen von Grohnde. Im allgemeinen aber bleibt der Charakter des engen Durchbruchstales durch den Muschelkalk bestehen, in dessen Windungen wir alte Spalten zu erkennen haben mögen. Vortrefflich lassen sich die Schichten des Gesteins da beobachten, wo der Fluß den Felsen unmittelbar bespült, und wo erst die neuere Technik Raum für Straßen geschaffen hat (Abb. 57u.59). Bald steht der Felsen kahl, nur mit einigem Gestrüpp und farbig blühenden Kalkpflanzen bewachsen; stellenweise haben aber auch einige Bäume, so am Breitenstein bei Rühle die zählebige Eibe, jener sonst fast ausgestorbene Waldbaum, festen Fuß fassen können.

§. Abb. 85. Die Weserkette bei Rinteln (Lange Wand, Luhdener Klippe). (Zu Seite103.)

§. Abb. 85. Die Weserkette bei Rinteln (Lange Wand, Luhdener Klippe). (Zu Seite103.)

Polle. Brevörde.

Der nächste bedeutendere Ort ist links Polle (1000 Einwohner), von »wo ein mit Liasgebilden erfülltes Tal einen bequemen Zugang von der Weser zur Hochfläche ermöglicht« (Guthe). Der Flecken ist unter dem Schutze einer eversteinischen Burg entstanden, deren Ruinen auf einem kleinen Bergkegel hart am Ufer eine besondere Zierde des Wesertales bilden (Abb. 58). Bald ist auch Brevörde erreicht, wo eine Kunststraße in vielen Schlangenwindungen von der Hochebene herabkommt, und die berühmte alte Steinmühle, früher Dohlensteinmühle, die ein aus der Felswand sprudelnder Quell treibt (Abb. 59). Bei dem malerischen Dörfchen Rühle kommen wir an den Vogler, dessen ziemlich steile Buchenhänge wir nun bis Bodenwerder zu unserer Rechten behalten.

§. Abb. 86. Porta Westfalica von Süden. (Zu Seite103.)

§. Abb. 86. Porta Westfalica von Süden. (Zu Seite103.)

Bodenwerder.

Daß Bodenwerder (1600 Einwohner), wie sein Name (Insula Bodonis) sagt, auf einer Insel liegt, werden die wenigsten der Reisenden bemerken, die sich dieser Perle des Wesertales nähern, da der linke Arm der Weser sich allmählich bis zu völliger Winzigkeit verengert. Der Ort scheint im elften Jahrhundert von den Herren von Homburg begründet worden zu sein, deren Erbe fast gleichzeitig mit dem der Eversteiner an die Welfen fiel. Die Bedeutung des Ortes lag darin, daß die von rechts hier einmündende Lenne in ihrem Tal einen natürlichen Zugang zur Hilsmulde, sowie nach Alfeld, Einbeck und Northeim gewährte. So war Bodenwerder der gegebene Umschlagsort für Bremer Waren, die nach der mittleren und oberen Leine bestimmt waren. Die neue Eisenbahn Emmerthal-Vorwohle und der Hafen an der Lennemündung sind dazu bestimmt, die alten Verhältnisse einigermaßen wieder herzustellen (Abb. 60).

Kemnade.

Das anschließende Dorf Kemnade besitzt noch von einem im zehnten und elften Jahrhundert gegründeten Benediktinerinnenstift eine schöne flachgedeckte Pfeilerbasilika mit einfachen und schlanken Formen (1046 geweiht). In ihr liegt der wegen seinen Aufschneidereien bekannte Freiherr von Münchhausen († 1797), der in Bodenwerder ein Gut besaß, begraben.

Hastenbeck. Hameln.

Auf der ferneren Fahrt wird uns noch das Renaissanceschloß des Grafen Schulenburg in Hehlen (Abb. 61) und der hübsche Flecken Grohnde auffallen, ferner an der Emmermündung die Dörfer Hagenohsen und Kirchohsen, sowie endlich das Rittergut Ohr unter dem steil abfallenden Ohrberg, einem beliebten Ausflugsort mit schönem, an exotischen Gewächsen reichen Park. Die üppige Fruchtebene zu unserer Rechten, überragt von dem Kalkrücken des Scheckens mit der altsächsischen Obensburg, ist das Schlachtfeld von Hastenbeck, auf dem am 26. Juli 1757 Hannoveraner und Franzosen miteinander stritten. Links öffnet sich das breite Tal der Humme. Aber schon winken uns die Türme Hamelns; das Schiff gleitet auf der spiegelblanken, durch die Wehre aufgestauten Flut dahin, und während wir uns in den zauberischen Anblick der alten Stadt vertiefen, die am Fuß der grünen Berge mit ihren Türmen höher und höher emporzuwachsen scheint, legt der Dampfer dicht oberhalb der Brücke neben dem stattlichen Bonifatius-Münster an. Wir sind am Ziele unserer Reise angelangt.

Abb. 87. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica.Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu Seite104.)

Abb. 87. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica.Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu Seite104.)

Der Hils. Eschershausen.

Während der Fahrt, die wir auf dem schmucken Dampfer talwärts machten, sind uns unterhalb Holzmindens auf der rechten Seite der Weser, wenn die nahen Hügel oder das Voglergebirge den Blick in die Ferne nicht völlig versperrten, einige Berge aufgefallen, deren Form und Höhe unser Interesse erweckten. Es war der zackige Kamm des Iths und die waldige Höhe des Hilses. Beide gehören zu dem Gebirgssystem der Hilsmulde, über deren merkwürdigen geologischen Bau auf Seite18das Nötige gesagt ist. Wir erinnern nur daran, daß eine Wanderung von der Leine oder Weser bis etwa nach Grünenplan über eine Anzahl ringförmig einander umschließender Berge und Täler führt, von denen jedesmal die folgende Zone eine spätere Form der Erdrinde darstellt als die vorhergehende von denältesten Gebilden der Trias bis zu den jüngsten der Kreide. Von der Weser aus führt uns eine Eisenbahn in die Hilsmulde hinein, die Linie Emmerthal-Vorwohle. Sie überschreitet den Strom bei Bodenwerder (vergl. Seite83) und verfolgt dann das Längstal der Lenne, dessen Westrand durch den Buntsandstein des Voglers gebildet wird, während im Osten hinter einer niedrigen Muschelkalkkette sich der Ith erhebt. Wir erreichen bald Eschershausen (1900 Einwohner), ein braunschweigisches Städtchen, im elften und zwölften Jahrhundert durch flämische Einwanderer wenn auch wohl nicht gegründet, so doch hauptsächlich besiedelt (Abb. 62). Früher hat es als Kreuzungspunkt der Straßen Alfeld-Holzminden und Einbeck-Bodenwerder eine gewisse Bedeutung gehabt. Jetzt ist es zusammen mit dem nahen Vorwohle der Sitz einer lebhaften Zement- und Asphalt-Industrie. Der Rohstoff dieser letzteren ist ein bis zu 15% mit Erdpech durchtränkter Kalkstein, der teils durch Tagebau, teils in Stollen und Gruben gewonnen wird, und aus dem sowohl Stampfasphalt als Gußasphalt in ziemlich beträchtlichen Mengen hergestellt wird.

Abb. 88. Minden. Verlag von Julius Bleek in Minden. (Zu Seite104.)

Abb. 88. Minden. Verlag von Julius Bleek in Minden. (Zu Seite104.)

Abb. 89. Inneres des Doms zu Minden. (Zu Seite106.)

Abb. 89. Inneres des Doms zu Minden. (Zu Seite106.)

Der Ith.

Der Ith erscheint uns, von Eschershausen gesehen, gleichsam wie eine zinnengekrönte Mauer. Der zackige Kamm zieht sich, bis 439mansteigend, nach Nordwest 20kmpaßlos hin; denn die beiden Landstraßen, die ihn überschreiten, klimmen bis zur Kammhöhe hinauf. Dann knickt er plötzlich nach Osten um. Dieser südwestlichen Mauer entspricht eine ähnliche, wesentlich längere ohne Gesamtnamen im Nordosten, nur daß diese sich mehr in einzelne Berge auflöst und durch zwei Bäche, die Glene und die Wispe, durchbrochen ist. Im Norden klafft zwischen der Ost- und der Westmauer eine etwa 5kmweite Öffnung, der die Saale entströmt. Im Süden ist der äußere Ring überhaupt nicht geschlossen; doch legt sich hier die Hilshöhe (s. Seite88), wenn auch nicht vollständig, in die Lücke hinein. Die ganze Ellipse von fast 40kmLänge und 10kmBreite besteht aus Gebilden des weißen Jura, dessen Schichten nach dem Inneren der Mulde ziemlich steil einfallen und dem Wanderer, der sie von der Außenseite her nehmen will, schroffe, dräuende Dolomitklippen entgegenhalten. Manche von ihnen haben geradezu die Form von Keulen oder Nadeln, wie die berühmten Steine »Adam und Eva« bei Coppenbrügge (Abb. 63). DerKamm hebt und senkt sich fortwährend und ist, besonders auf dem Ith, äußerst schmal. Eine Gratwanderung ist daher recht beschwerlich; denn selbst der Buchenwald, der nur mager gedeiht, gewährt nicht immer ausreichenden Schatten. Aber doch welch ein Genuß, von den Rotensteinfelsen bei Eschershausen (Abb. 64), von den Dielmisser Felsen, von dem Mönchstein bei Lauenstein oder vom Kahnstein bei Salzhemmendorf, hoch oben am Rande der senkrechten Wand stehend, auf das fruchtbare Vorland hinabzuschauen, in dem die Dörfer sich eng geschlossen und ziegelrot wie auf der Landkarte aus dem gelb, braun und grün gezeichneten Gelände abheben. Noch mühseliger freilich ist es, sich durch die Felswildnis hindurchzuarbeiten, welche die äußeren Abhänge jener Bergketten begleitet. Aber lohnend ist auch das, zumal wenn wir so interessante Punkte aufsuchen wie die Teufelsküche bei Coppenbrügge, wo der gewaltige Garnwindel- oder Wackelstein auf schmaler Basis ruht, oder die Kammersteine am Selter bei Freden mit ihrer Höhle.

§. Abb. 90. Bergkirchen auf dem Wiehengebirge. (Zu Seite107.)

§. Abb. 90. Bergkirchen auf dem Wiehengebirge. (Zu Seite107.)

Das zwischen jenen Bergen eingeschlossene Becken ist ebenfalls reich an gutem Ackerboden, birgt aber auch viele verwertbare Mineralien, wie Kalk, Gips, Ton, Braunkohle und Eisenerz. So hat es sich denn auch gelohnt, eine normalspurige Kleinbahn von Voldagsen an der Linie Hameln-Hildesheim bis zu der Eisenhütte bei Delligsen in die Hilsmulde hineinzuschieben. Sie berührt zunächst das reizende Lauenstein (1200 Einwohner), das sich fast in den oben erwähnten Knick des Ith hineinschmiegt und von schön bewaldeten Hügeln umgeben ist (Abb. 65). Der Ort ist unter dem Schutz einer den Herren von Homburg gehörigen und in ihren Resten noch erhaltenen Burg entstanden, wie auf der anderen Seite des Gebirges der Flecken Coppenbrügge seinen Ursprung einer Feste der Grafen von Spiegelberg zu verdanken scheint, die jetzt als Amthaus dient.

Salzhemmendorf (1300 Einwohner) am Fuße des Kahnsteins hat seine Saline 1873 eingehen lassen, besitzt aber noch sein kleines Solbad, wenn auch die riesigen Kalksteinbrüche den Flecken fast ganz zum Industrieorte zu machen drohen. Duingen (1100 Einwohner) dagegen sieht seit den siebziger Jahren allmählich seine alte, bodenständige Steingutindustrie dahinschwinden, die dem Wettbewerb mit dem billigen Emailgeschirr auf die Dauer nicht standhalten kann. Der tertiäre Ton, der sich dort in vereinzelten Nestern findet, wurde von selbständigen Meistern, von denen gegenwärtig nur noch vier das Gewerbe fortsetzen, auf dem Drehrademit der Hand zu Töpfen, Schüsseln, Krügen usw. verarbeitet und in kleinen Öfen mit Stroh gebrannt. An die Stelle der Erzeugung von Topfware ist jetzt zum Teil der Handel mit solcher getreten. Man läßt sie von auswärts kommen, z. B. aus Bunzlau, und fährt sie in den Dörfern herum, wo die Landleute sie unmittelbar vom Wagen kaufen.

Abb. 91. Königl. Kurhaus in Bad Oeynhausen.Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu Seite107/108.)

Abb. 91. Königl. Kurhaus in Bad Oeynhausen.Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu Seite107/108.)

Ein viel besuchtes Plätzchen in der Nähe ist die berühmte Lippoldshöhle, eine vermutlich sehr alte Wohn- und Befestigungsanlage, die, vielleicht mit Benutzung natürlicher Höhlen, in den Korallenkalk des Reuberges bei Brunkensen hineingearbeitet worden ist. Sie liegt an dem Durchbruchstale der Glene, die hier einer Papierfabrik dienstbar gemacht ist, und hatte wohl den Zweck, diesen Engpaß zu sperren. Dies wird um so wahrscheinlicher, als auf dem Reuberge einst die Burg Hohenbüchen lag, und als in der Familie ihrer Besitzer, der Herren von Rössing, der Name Lippold nicht selten war. Die Sage aber hat die alte Höhle zum Räubernest gemacht, was ja in einem gewissen Sinne auch nicht unrichtig ist; sie weiß von Lippolds Freveltaten schauerliche Mären zu erzählen und läßt ihn selbst verdientermaßen auf dem Rabensteine enden. Oft suchen die Schulen der Umgegend den romantischen Platz auf. Die jugendlichen Wandersleute steigen dann gerne auf der schwankenden Leiter zu des Räubers »Stube« und »Kammer«, kriechen mit den Wachsstümpfen in der Hand durch den niedrigen, schmalen Gang zum »Schornstein« und lassen sich durch diesen zur »Küche« und zum »Pferdestall« herab, derweil die besonneneren Begleiter sich im Schatten der Felsen an der plätschernden Glene der Rast erfreuen und den Zauber der märchenhaften Umgebung auf sich wirken lassen.

Ith und Hils.

In den südöstlichen Teil des besprochenen Juraringes ist nun ein kleinerer Ring sozusagen eingeschaltet, der der Kreideformation angehört; es ist der eigentliche Hils selbst. Er übertrifft den Jurazug an Höhe, da er im Großen Sohl und in der Bloßen Zelle bis zu 471 und 477mansteigt. Auf der Karte gleicht er einem menschlichen rechten Ohr; er zeigt nur im Osten eine Öffnung, und diese wird durch das Tal der Wispe gebildet. Steigt ihr hinauf zu einer kahlen Stelle des breiten Hilsrückens, so überschaut ihr ein Waldland von echtem, herbem Mittelgebirgscharakter. Denn auf dem Hilssandstein gedeihen ausgedehnte Fichtenwälder und nur auf den jüngeren Formationen, besonders dem Pläner, findet sich Buchenwald. Bäuerliche Siedelungen fehlen hier gänzlich. Inmitten dieser kleinen, aber durch Naturschönheiten besonders bevorzugten Berggruppe liegt tief im Kessel Grünenplan, eine ganz junge Gründung. Denn den Kern des braunschweigischen Dorfes bildet eine Spiegelglashütte, die des billigen Brennholzes wegen im Jahre 1740 angelegt wurde, und zwar, wie es scheint, an Stelle älterer, wieder verlassener Hütten. Wer möchte es glauben, daß dieses Dorf viele weit gereiste und sprachkundige Männer beherbergt! Es sind Vogelhändler, die aus dem Oberharz die kleinen gefiederten Sänger, zumal Kanarienvögel, beziehen und sie dann selbst in überseeische Länder, besonders nach Süd- und Mittelamerika, bringen. Zu diesen Erwerbszweigen tritt neuerdings die Fremdenindustrie. Denn Grünenplan kommt als Sommerfrische immer mehr in Aufnahme.

Abb. 92. Osnabrück vom Gertrudenberge aus gesehen.Nach einer Photographie von J. H. Evering Wwe. in Osnabrück. (Zu Seite108/109.)

Abb. 92. Osnabrück vom Gertrudenberge aus gesehen.Nach einer Photographie von J. H. Evering Wwe. in Osnabrück. (Zu Seite108/109.)

Der Osterwald.

Nördlich von der Hilsmulde und von ihr geschieden durch die breite Niederung der Saale, durch welche nach Überwindung des Scheckenpasses bei der alten Sachsenfeste Obensburg die Eisenbahn Hameln-Hildesheim der Leine bei Elze zustrebt, erhebt sich ein bis zu 419mHöhe ansteigender, sanft gewölbter Rücken aus Wealdensandstein, in seinem östlichen Teile Osterwald, im westlichen Nesselberg genannt. Es ist trotz des reichen Waldbestandes landschaftlich ein etwas einförmiges Gebiet. Wirtschaftlich wichtig ist dagegen seine Kohle und sein feinkörniger, von den Architekten hochgeschätzter Sandstein, der z. B. für das Berliner Reichstagsgebäude verwendet worden ist. Kohle und Stein werden in zahlreichen Brüchen und mehreren Gruben bei dem hochgelegenen Dorfe Osterwald gewonnen. Reizvoller ist die im Norden sich anschließende jurassische Kette, deren Dolomitklippen, der Weiße Stein, die Barenburg mit ihren alten Wallresten, der Drakenberg und die romantische Landgrafenküche, ziemlich steil nach der Ebene abfallen.Gern besucht man daher diese Punkte von Hannover aus, lieber noch die idyllische Holzmühle in einem Quertale dieses Zuges und den Saupark bei Springe, in dem der Kaiser jedes Jahr im Spätherbst ein Treiben auf Schwarzwild abzuhalten pflegt, und wo man zu anderen Zeiten die schwarzen Vettern unseres Hausschweines an den Futterstellen friedlich schmausen sehen kann (Abb. 67).


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