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Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten — nein, was für ein toller Junge war doch dieser Otto! — erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen.

„Wie? Sofort?“ — Bravo! Ungeheurer Beifall!

Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein undklatschte in die Händchen. „Ach, wie reizend, dieser Otto!“ Höchst persönlich kredenzte sie das Glas Sekt.

„Also los, fertigmachen“, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen.

Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte! Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein? Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. „Nein, wie reizend von Ihnen, Otto!“

„Nun, fertig, los,“ schrie die Feuerwalze, „macht Platz.“

„Also — ein Schäferstündchen?“

„Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein —“

„Was also —?“

„Einen Kuß — Otto! Einen Kuß!“

„Schön — auch für ein Küßchen mache ich es.“

„Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.“

„Es ist ein völliger Wahnsinn!“ protestierte Major Wolff, der Hüne, der noch einigermaßen nüchtern war. „Sie sollten es verbieten, Ströbel!“

„Verbieten, wieso?“ entgegnete Ströbel erstaunt. „Niemand hat weniger Rechte als der Wirt.“

Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak.

„Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde“, sagte Otto ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe.

„Sofort, bitte — ich eröffne das Feuer“, schrie Hauptmann Falk.

„Achtung, meine Herren!“ Hauptmann Falk schwang diePistole. Aber in diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er wandte sich empört um. „Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den Rockschößen zu zerren —“

„Sie sollten lieber die Sache sein lassen“, sagte Major Wolff.

„Weshalb denn?“ schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. „Sobald ich abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen. Also los, ich eröffne das Feuer.“

„Ruhe!“ rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend es doch war!

Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das runde Loch an ihm in die Höhe. „Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,“ schrie Hauptmann Falk, „sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.“ Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen. Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet war.

Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt. Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er war ganz ruhig . . .

Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an, und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas.

Welcher Beifall! Welche Ovationen!

Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht. Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem, was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund, hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mundreizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal.

Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt — plötzlich aber schwankte er und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre Augen — ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz.

„Ich werde fallen!“ fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo er bleich wie eine Wand wurde.

Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden.

Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen, verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte nicht. Er füllte die Gläser.

Otto gewann — ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend!

Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist schließlich völlig egal!

Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen —

Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt, und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal gegen sie war.

„Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?“ fragte Otto. Gewann er, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war es sicher . . .

Die Bank verlor ein siebentes Mal.

„Ich werde fallen, gut!“ — Otto zählte die Scheine, die man ihm zuschob, und steckte sie in die Tasche.

„Und ich werde sie nie wiedersehen!“

Er stand auf.

„Viertausenddreihundert — erstes Geschütz —!“ kommandierte Hauptmann Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert.

Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.

Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten, in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts aufschrie — weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern und verzweifeltes Schluchzen — die Depeschen regneten herab auf die Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter, der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen — und die Riesenstadt schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten sich hinaus —

Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkralltenFinger in die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten — einen Namen.

Still lag die große Stadt und dunkel.

Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten. Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen, verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie . . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.

Schon winselt ein neuer Zug — und viele sind noch unterwegs, weit draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der Regen fegt. Viele, Abertausende —

In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der Stadt.

Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr. Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 —

Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine. Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen. Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten in die tote Riesenstadt zurück.

Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht, die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn, sie winken, sie lächeln so eigentümlich — ach!

Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf: schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen Haare sträuben sich — was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . .

Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor. Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser.

„Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!“

Sind es diese Worte?

Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des Fluchs und des Untergangs.

Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer . . .

In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern.

Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden: die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus der Dunkelheit:

„Alle Völker sind Brüder!“

Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen Laterne — schon ist er verschwunden. —

Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus Asche.

Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein Gürtel blendenden Lichts — die gleißenden Feenpaläste der Fabriken schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den Drehbänken, das Öl spritzte — Abertausende schleppten Granaten, schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten.

Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus.

Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen Hände — der Tod war ihr Besteller.

Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein Zweig ohnejeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen herab.

Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom Hauseingang, Ottos Zimmer.

Der Morgen war nahe.

Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er horchte. Ein Schuß —? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie? Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand — ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.

Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.

Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von Licht drang durch die Gardinen.

Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her.

„Wie sagst du —?“ Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet, denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. „Verletzt, sagst du —?“ Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um sichnicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren und tastete mit dem nackten Fuße danach.

„An der Hand — der Herr Oberleutnant —“

„Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!“ schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an Untergebene.

„Mache Licht!“

Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel, aber von der gleichen Farbe.

„Beim Packen also —? Was soll das Gestotter!“

„Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da ging er los — ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.“

Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. „Ein Glas Wasser, Jakob“, sagte er. „Und dann — hörst du — wecke meine Tochter, sofort — aber nicht du sollst sie wecken — sondern wecke Therese, und Therese soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.“

Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner Brust.

„Und nun also ein Glas Wasser!“

Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur von Betrunkenheit.

Und dann ein Handtuch — zusammengerollt, wie einblutiger Klumpen . . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte. Es war ihm immer peinlich gewesen — im Felde, wo es sich doch nicht vermeiden ließ — aber es war eine Schwäche, die er schon in der Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen anzukämpfen.

Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen. Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht wieder.

Nun?

Endlich — nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese — sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine — Therese war, wie häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend — in seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß wiederum etwas nicht in Ordnung war.

Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern.

„Ruth ist nicht hier.“

Der General hatte nicht recht gehört.

„Sie ist nicht in ihrem Zimmer.“

„Nicht hier —?“

Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde. Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen, leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den General gerichtet.

Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.

Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um Berlin.

Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren erloschen. Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war geschehen?

Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte — der General behauptete es — das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch die Fabriken — das englische Gold war allmächtig.

Es kam zu Zusammenrottungen — da draußen. Patrouillen streiften durch die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort — sollten sie nur kommen — von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und ohrfeigten sie.

Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es weit gebracht.

Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der Minister — plötzlich machte er sein Rückgrat steif — lehnte ab, weigerte sich — bitte recht sehr.Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten zu rütteln . . .

Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.

Die Streikenden forderten — sie deuteten es nur an, aber es ging aus ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und, wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in Finnland, im Kaukasus, in —

Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei —

Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte —

Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort ging es. Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen Fensterscheiben der Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt — nichts war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdischesGrollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen.

Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte — konnte, nur eine Möglichkeit . . .

Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und Nacht die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von den Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste schwammen wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil, Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern, überall. Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen packten, kreischten und schrien.

Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter, die den Schlummer der Reichen bewachten, gähnten.

Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas — die Leiche — es war Hauptmann Falk.

Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.

Die Feuerwalze war auf der Heimreise. —

Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich von den elenden Lagern.

Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im Nordosten Berlins — einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren Fassade sich die Riesenaufschrift „Leihhaus“ erstreckte — und blendete in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug heraus: es war die Bibel!

Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem Lichtstrahl:

„Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.“

„Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes.“

„Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?“

Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.

Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer Soldatenmantel.

Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und währender in den Mantel schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im Lichtstrahl flammte.

„Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!“ sagte der junge Mann kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch es, schwieg es, wurde es stumm.

„Diese apokalyptischen Reiter — sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an die Zäume der Pferde — er sollte es mit eigenen Augen sehen — die Pferde versinken im Blut!“

Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen, seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in seinem bleichen Gesicht.

Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß.

Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.

„Ich glaube! Ich glaube!“ schrie er dem Licht entgegen.

Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da — ist es zu glauben? — da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut.

„Seht an — Sie? Schon wieder?“ begrüßte ihn der Portier unfreundlich. Und vorwurfsvoll fuhr er fort: „Sie haben mich in eine hübsche Lage gebracht, das muß ich sagen!“

„Hübsche Lage —? Um Gottes willen —?“

„Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?“

„Jawohl, Herbst.“

„Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!“

„Nicht in Ordnung —?“

„Nein. Seine Exzellenz — Sie haben doch gutes Papier genommen? Jedenfalls haben Seine Exzellenz —“ Der Portier in seinem im Laufe der Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die Glastüre der Loge und verbeugte sich. „Guten Morgen, Herr Oberst!“ Säbel rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber, Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe Sache, wie seit Jahren.

„Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz waren — hm — ungehalten.“

„Sie selbst haben mich doch ermutigt.“

„Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst geschrieben?“

„Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.“

„Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck da ist — Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! — Es ging ja noch gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick —! Und nun ist heute nacht diese Sache passiert — wissen Sie — diese Sache —“

„Welche Sache?“

„Nun, der Sohn Seiner Exzellenz — der Herr Oberleutnant,“ die Stimme des Portiers sank zu einem Flüstern herab, „er hat Malheur gehabt mit dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon ging also der Schuß los — in die Hand.“

„Ist es möglich?“

„Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich — freundlich sogar . . . Aber“ — plötzlich musterte der Portier seinen Besuch — „hören Sie — Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?“

„Ich bin in den Regen gekommen.“

„In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein Auge zugetan hätten?“

„Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos —“

Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den Kopf — kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge —

Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band, das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung, mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar — und seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an — und diese großen, abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten, sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch,der nichts auf sein Äußeres gab — sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar — sein Sohn — der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier?

„Und, sagen Sie — lieber Herr — was wollen Sie nur wieder, schon so früh —?“ fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.

„Ich wollte —“ hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig — „nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort —?“

„Antwort —?“

„Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz —?“

Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. „Also auch mich ziehen Sie mit hinein — mich?“

„Es schien mir das Einfachste —“

„Das Einfachste — und Exzellenz werden nun denken —!“ Und wieder schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.

Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein großes Etui aus Aluminium.

„Ich bitte“, stotterte er.

„Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.“

„Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!“

„Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine Kostbarkeit. Danke. Also — keine Adresse, Sie Unglückseliger —?“

„Nein. Ich wußte auch nicht recht welche — ja, wie sollte ich es machen — ich habe — zwei Wohnungen.“

„Zwei Wohnungen haben Sie?“

„Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.“

„Zwei Wohnungen, und er weiß nicht — ja, eigentümlich — ein eigentümlicher Herr sind Sie —“

„Es kommt allesdaher— allesdaher—“ stotterte Herr Herbst zu seiner Entschuldigung.

In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen raschen Blick durch das Guckfenster.

„Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!“ rief er in höchster Aufregung aus. „Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen — daß Sie mir nicht durch die Türe blicken!“

Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen Bückling zu machen.

Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand — dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu lugen.

Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.

„Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!“

Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. „Und gar nicht schlecht gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? Er sagte, sogar: ‚Guten Morgen, Heinecke‘.“

Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. „Und —?“

„Was meinen Sie — und?“

„Kein Bescheid?“

Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.

„Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu denken als an Ihr Gesuch“, rief er ärgerlich. „Um fünf Uhr haben Sie das Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt der Tag, so kommen Sie — ich bitte Sie, mein verehrter Herr —!“

„Verzeihen Sie —“

„Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften — dreihundert. Da gibt es Befehle und Schreibereien — täglich kommen über hundert Telegramme — jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an — na und so zu — und da glauben Sie —! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie Soldat gewesen?“

„Nein.“

„Nun, da haben wir’s. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.“

„Sie selbst haben doch —“

„Ja, leider Gottes habe ich — aber bedenken Sie doch, was Sie verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf — wochenlang! Ich muß nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie schon — Ein General! Bedenken Sie — und wer sind Sie? — Ich will Ihnen nicht zu nahe treten — aber wer sind Sie — oder ich —? Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.“

„Überhaupt nicht —?!“ rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus und hob die Hände.

„Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.“

„Aber mein Sohn — es handelt sich ja —“

„Möglich — alles möglich — Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das Leben nicht. Aus der Provinz —“

Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe: „Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!“ sagte er entschlossen.

„Um Gottes willen!“

„Wenn er aber auch darauf nicht antwortet — wissen Sie, was ich dann tue —?“ Herr Herbst versank in Nachdenken.

„Nun, nun — wer sollte es für möglich halten —?“

Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung.

„Nun jedenfalls ein neues Gesuch — ja ja — morgen schon! Ich kann doch wohl verlangen — Als Vater habe ich doch ein Recht — ein Recht —“

Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. „Ein Recht! Ein Recht!“ schrie er.

„Weshalb nicht, als Vater?“ fragte Herr Herbst, schon wieder ganz zaghaft und entmutigt.

„Hahahaha — ehek, ehek!“

Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.

Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.

Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach. Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen, anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte.

Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus, die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft, nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer bis zum Äquator — soweit die scharfen Augen der Generale blickten.

Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. — Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer ähnlich sehen kann. — Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündetewerden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden hineingehen.

Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk nur ein Provisorium war . . .

Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte durch sie hindurch!

Da war er also wieder, seht an . . .

Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur — ein sonderbarer Zufall — einen Zipfel dieses Mantels verschwinden sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt — eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte — schon an der Front, was ihm von gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.

Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm nicht entgehen.

Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der General in Sicht kam.

Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen,die der General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts — ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte — oder täuschte er sich — ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.

Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe — so wie man eine Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht, seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und gleichgültig.

Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals — keine Angst, nicht die geringste.

Hm!

Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah — ein Gesicht aus vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern.

Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor.

Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten:

„Wie heißen Sie?“ — „Ackermann.“

„Was sind Sie?“ — „Hilfsschreiber!“

„Zivilberuf?“ — „Student!“

„Wo verwundet?“ — „An der Somme!“

Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.

„Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel vorschriftsmäßig zuknöpfen!“

Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen.

„Nachher, mein Sohn“, sagte der General wieder milder und ging.

Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre.

Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung. Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein.

„Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt werden könnte?“

Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam — um Gottes willen, seien Sie vorsichtig! — so würde er lichterloh in Flammen stehen, augenblicklich — diese etwas peinliche Empfindung hatte der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder ausspien.

Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels Herrenabende — die Saharet zählte gar nicht — pflegten sich stets bis zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen. Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es bei Ströbel, Brötchen mit Butter — einfach alles. Zuletzt noch einen Kognak — und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden. Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten gehörte,seine „Maßnahmen ergriffen“. Alles telephonisch. Er wollte ins Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm forderte —

Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu werden — und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?

„Der Herr von der Presse.“

„Ich bitte!“ Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden.

Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles, was mit diesem Gewerbe zu tun hatte — all diese entgleisten Studenten, Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche Meinung machen zu wollen.

Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen, Tressen und Schnüren funkelnden Brust.

Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände — zuweilen wichen sie zurück, wenn der General arbeitete — in weite Fernen, und es schien ihm dann, als säße er in einem endlosen Nebel.

Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild — täglich tauschte er Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat — genau wie auf den alten Ölgemälden —

Schon trat der Herr von der Presse ein — mit einem feierlichen Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des Generals ermutigte ihn näher zu treten.

Weißbach unterbrach die Unterhaltung.

„Das Regiment“, meldete er. „Befehlen Herr General das Gespräch hier hereinzulegen?“

„Ich bitte — es wird wohl nicht stören?“ Der Herr von der Presse wußte das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen.

Und der General begann in das Telephon zu schreien: „— schon unterrichtet — jawohl — eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis morgens um sechs Uhr dauerte —“ Und nun lauschte der General und verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte ausdrücklich: tapfersten — hier verbeugte sich der General — und wieder heulte der General in das Telephon. „Stimmung ausgezeichnet, sagen Sie — prächtige Laune — Zuversicht — es wird ja wohl bald wieder vorwärtsgehen —“ und wieder lachte der General in das Telephon.

„Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt sich der Revolver, und plötzlich geht er los —“

Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und tiefste Anteilnahme.

Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte, daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und Verleumdern — er selbst konnte ja ein Lied davon singen — denen selbst das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde . . .

Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten.

Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen Speisezimmer zu Hause sitzen —? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher als am Abend — und totenstill.

In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte.

Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder ehrfurchtsvoll zurückzuziehen.

Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die Beichte abhören.

Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger, die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier herein — aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die Herrschaften —

Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als irgendein anderer Sterblicheres hätte wagen dürfen, rückte er dem roten Ohr des Generals.

„Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? — Mit Klößchen, sehr wohl.“

„Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber — nur für unsere Stammgäste natürlich — Chateaubriand — Es ist auch etwas Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu nennen?“

Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten an. „Sie sagten —?“

„Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen? Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?“

„Camembert!“

„Sehr wohl, Exzellenz. — Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr wohl.“

Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von seinem Befinden ab.

Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand auf englische Art, der Kaviar — ein Erlebnis sozusagen nach langen Jahren — neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos, die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz wechseln?

Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren rosigen Fettnacken, waren sie die typischen „Etappenschweine“, die nie eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles, was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlangeOrdensschnallen auf der Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie die Gläser voll — und goldene Armreife wurden an ihren haarigen Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster Seele.

Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm: „Eine Zigarre, Exzellenz?“

Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen.

Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück.

„Aber das Pferdematerial?“ fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr. Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. „Ob die Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden —?“

„Die Pferde sind ausgeruht — gut gefüttert und gepflegt“, antwortete eine zweite, zuversichtliche Stimme.

Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General verschwand im Rauch der Havanna.

Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu Abend zu essen.

Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle. Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt.

„Wo war Ruth?“ fragte er, und die Augen wuchsen.

Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein Spalt funkelnden Eises.

Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit dem blaugefrorenen Gesicht —?

Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung?

— — — — — — — —

„Wie? Wie? Was!“ rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele setzte. Er wankte.

„Wie? Wie!“

„Ist es möglich?“

„Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?“

In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen.

„War so etwas möglich? In Berlin?“

„Unter den Linden?“

Die Röte flog in sein Gesicht.

Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben — eine blutrote, blutrot leuchtende Flagge!

Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt, einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, um sich damit die Nase zu putzen. Und hier — ohne weiteres — wie die natürlichste Sache der Welt — eine rote Flagge, eine rotleuchtende Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, zwinkerten —

Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und Bleibergwerke — über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, funkelte sie.

„Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?“ Er meinte die Wilhelmstraße.

Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die Linden hinabschoß.

Diese Flagge — getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher Würdenträger . . .

Schamlos.

Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern —

„Ich glaube!“

„Ich glaube an den Menschen!“

„Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!“

Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann, der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue Limousine an ihm vorüber.

„Ich glaube —!“ Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden. Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem fahlen, mageren Gesicht.

„Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!“

„Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird, an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte beigleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.“

„Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das kommende Menschenreich auf Erden — das Reich der Vernunft, Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!“

„Auch an dich glaube ich, mein Volk!“ rief Ackermann mit rasenden, glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen — in dieser entsetzlichen Verfinsterung — so gut tut es.

In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt. Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.

Schon —? Schon —? Verheißung . . .

Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und — so erregt war er — deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.

Dann nahm er die Mütze ab.

„— Licht aus dem Osten, Morgenröte —“

Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.

„Also nicht?“ flüsterte er aufgeregt vor sich hin. „Und ich wartete extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht— wenn auch dieser Portier glaubt — ein alter Mann, was weiß er?“

Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging. Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege — wie lange lag sie schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren — sie fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst.

Wie das Laub — nicht anders — so dachte Herr Herbst, voller Gram.

Auch er, sein Sohn — Robert — war gefallen — nun — wie ein Blatt — das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .

Er nickte vor sich hin.

„Wie ein Blatt —“

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.

„Und niemand sah es!“

Ach, ach, ach!

Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.

Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier, urplötzlich.

Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.

Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten sie sofort schließen müssen.

Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gabes zum Beispiel Bestecke, wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum.

Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz. Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere Lokal.

Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen, hustend, trüb die Augen, fiebernd — sie alle waren schon gezeichnet. Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr — spielt keine Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie, die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für möglich halten — während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter.

„Haben Sie gelesen — haben Sie gehört — nun behaupten sie, daß wir Fett aus Leichen herstellen.“

„Fett aus — wie sagen Sie? Wer —? Fett?“

„Die Entente, natürlich!“

„Diese Schurken, diese —!“

„Ah, ah — aber das ist doch —!“

„Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde? Darf man — ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern — die Grippe. — Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui —!“

„Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen, beim Essen besonders. Und die Regierung —?“

„Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen,schläft. Versteht nichts, hat Bedenken, unfähig, über alle Maßen.“

Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und unangenehm, zum Erbrechen.

Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf — und dort, dort standsie— der Liebling!

Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie,seineTochter — die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte.

So zart, so fein, ihre Augen schimmerten — diese Händchen — sollte man es für möglich halten — mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm — ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war auch im Felde gewesen — alles wußte der Havelock — dort hatte sie gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General — sonst keine, nicht die geringste.


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