Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd.
Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes.
„Wer ist es?“
Leises Wispern.
„Ah —?“
Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu sehen.
„Und was für einen Orden trägt er?“
„Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind nochdie gleichen!“ dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem Hause verkehrt — damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl. Auch sie nannte ihn so. „Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!“
Aber Dora strahlte.
Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit — an damals — da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt, da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen Feuerwalze — hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare, Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt verfolgte — und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten, die beim Tanzen plötzlich — und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr — ganz wie damals.
„Hier ist er!“ rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen Würdenträger auf der Empore dem General.
Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung erhob sich der General.
Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Erverbeugte sich. Der Orden, der auf dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug.
„Ich bitte“, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem General beide Hände entgegen, „aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber, alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.“
Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann wagte er, neben ihm Platz zu nehmen.
„Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.“
Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz.
„Ich danke — doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn ich bitten darf.“
„Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr wohlbefinden“, rief der General.
„Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund —“
Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen, und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren.
„Zwischen den Schlachten“, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten.
„Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.“
„Ja, ja, ja.“
„Exzellenz —.“
Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel des Generals. „Lieber Freund,“ sagte er, „ich darf wohl bitten, alles Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen wir uns schon?“
„Es sind,“ der General dachte nach, „es dürften wohl dreißig Jahre sein.“
„Dreißig Jahre!“ Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. „Ein Menschenalter! Ich erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?“
Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern, an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein.
„Ich erinnere mich nicht“, sagte er.
Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in seinem Gedächtnis nach.
„Es war bei Baron Kreß“, rief er aus. „Ja, nun habe ich es, und es war eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie hieß sie doch?“
Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen, daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten, später —
„War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war — nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?“
Der General rückte auf seinem Sessel. „Wo mich mein König hinstellt,“ heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, „da —“, er stockte.
Aber der Greis verstand vollkommen.
„Ja, ja, ja,“ nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen.
„Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber Freund? Meine Schwester —“
„Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!“ beteuerte der General. „Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten —“
„Ja, ja, ja — natürlich, selbstverständlich.“
Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen — irgend etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte. Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern, welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich um eine Höhe gehandelt — um irgendeine von diesen vielen Höhen, von denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen auf den Karten sah.
Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren — es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden, interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen einerlei. Hm, es würde wohl — im Hinblick auf dieses Mißgeschick — nicht ganz leicht sein . . .
Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten —wie scharmant — hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens geküßt! Diese Jugend — wieder rückte er unruhig auf dem Sessel.
Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk, pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen Anstrengung. „Gewaltigen, gewaltigen!“ schrie er in das wächserne Ohr der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz.
„Ja, ja — sehr richtig — sehr schön —“
Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire, Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . .
„Sehr interessant — sehr wohl —“
Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im Bund Barbarossa halten wollte.
Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und Gesichtchen gesprochen hätte — diese modernen Tänze waren sehr reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten war eine neue Variante.
„Sehr wohl — sehr richtig —“, sagte er und nickte.
Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sahes nicht ganz so aus, als sei er — etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende Lebenskraft . . .
Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen.
„Ich bin durstig, Feuerwalze!“
Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse.
„Gib Wein, schwarzer Halunke!“ schrie er dem fetten Neger zu.
Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es — nun höchst einfach — mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil.
„Spielt, ihr Schweine!“ schrie er, und als die Musiker sich entsetzt umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend, hinzu: „Für meine Dame!“
Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker.
Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier — es war ein Krieg mit Komfort, wie er sagte — morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug — vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten — einerlei.
„Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da —!“ Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes Gesicht.
Dora fand ihn ungeheuer drollig. „Weshalb aber trinken Sie so schrecklich, Feuerwalze?“
Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan, der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese kleinen Nackenhärchen rasend gemacht — und dieses Ohrläppchen und noch andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein, bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit —
Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh.
Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem Hauptmann entgegen.
„Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.“
„Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir, Sklave!“ schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen.
Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen — er wuchs, und seine Augen blitzten . . .
„Bist du es?“
Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug.
Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte sich, während er mit der Schale rasselte.
„Bist du es, sprich?“
Schweigen.
„Kennst du meine Stimme?“
Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf.
„Zeige deine linke Hand!“
Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht beizukommen.
Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: „Es ist eine Königliche Hoheit.“
„Wer???“
„Man sagt es.“ Scheu wich Hedi zurück.
„Ich bin der Ansicht,“ schrie der General in das schmale wächserne Ohr, „nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes, und wir werden den Frieden diktieren.“
Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf.
„Es ist möglich,“ unterbrach er den General, „daß diese Anstrengung nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist möglich, daß sie genug haben!“ Plötzlich tat der hohe Würdenträger geheimnisvoll. Aber immerhin — er verbrachte seine Tage in allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten.
„Wie belieben?“
„Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England . . . Aber bitte, ganz unter uns!“ Völlig unvermittelt erhob er sich. „Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund — ganz außerordentlich. Sehr interessant — Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich, sich ja nicht zu bemühen —.“
Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester gefällig zu sein, und drittens — nun drittens gab es nicht.
Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter, die noch heute nach Weihrauch roch.
Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog eine Pelzmütze über den kahlen Schädel.
„Große Fähigkeiten, ohne Zweifel“, sagte er vor sich hin, indem er sich im Polster zurechtrückte. „Aber weshalb schreien diese Militärs alle so? Er hat mich fast taub geschrien.“
Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch die Finsternis schlich.
Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben, mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt. Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte, ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde.
Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich fühlten es alle Tänzer.
Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem Vorhang.
Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde nieder.
Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine Hand breit.
Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit.
Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne jede Regung.Dann — bei einer bestimmten musikalischen Phrase — hob sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen.
In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören war.
„Diese dumme Uhr!“ sagte Dora halblaut und ärgerlich.
Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der Uhr abzuwarten.
— — — — — — — —
Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v. Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht. Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch.
Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.
Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der Himmel wetterleuchtete ohne Pausevon dem Gespinst von Blitzen, das von Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden zu erkennen — sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein.
Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten. Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.
Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken entstoben.
Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn.
Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum flammten die Einschläge.
„Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet“, sagte er, und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt.
Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. „Ein Depot brennt“, sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd.
„Kameraden“, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßiglauter und scharfer Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei Jahre zusammengelebt hatte.
„Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!“
Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg.
In dieser Sekunde aber —
In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles, saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte den Knall der Explosion nicht mehr.
Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg. Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde, stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch.
— — — — — — — —
Die Uhr hatte ausgeschlagen.
Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das Knie des linken Beines berührte — lächelte verzückt — und ihr Elfenbeinkörper blitzte.
Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine Schattenkugel mit zwei großen Ohrenhob sich für einen Augenblick auf dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor Salomon sich wieder auf den Boden.
Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt.
„Du bist noch schöner!“ flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. „Es ist nicht Liebe — ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es ist — Sympathie.“
Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei — aber tödlich langweilig. Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die Kampfstaffel Wunderlich kannte — er lag ganz in der Nähe — und ihr versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese Männer. Auch Hedi — nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe mehr.
Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in Gedanken den Brief.
Sie hatte darauf verzichtet — rundweg verzichtet — diese schamlose Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze, wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue Witwe, nicht für eine Million würde sie — pfui.
Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mitwilder Gebärde das Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm die kalte, grüne Hand.
Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den Türen zusammen. Auch Papa — ja, selbst ihr Papa — seht an! Da stand er, mit einem Sektglas in der Hand.
Klara stieg die Treppe empor — aber sofort kehrte sie wieder um. Da oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese Nackttänzerin schamlos.
Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.
Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.
Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.
Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen — wieder stand er da und verneigte sich.
Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts Böses.
Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest.
„Wer bist du?“ fragte Dora.
Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban.
Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie, erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein — er, das Gerücht, das kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich — und doch, wunderbar war dieser Gedanke.
Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle Augen.
Plötzlich sagte der Bettelmönch: „Dora.“
Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.
„Du —?!“
Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in lautes, heiteres Lachen aus.
„Ja, ich bin es.“
„Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben — noch heute —“
„Ich wollte dich überraschen!“
Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. „Geliebter —“ flüsterte sie.
Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne blitzten.
Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt.
„Nein, nein —“ sagte sie, bat sie. „Sei vorsichtig — der General — er blickt heraus —!“
In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.
„Laß ihn ruhig!“
Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.
„Beunruhigung?“ Der General zog die Brauen in die Höhe.
„Ja, ich meine, das Volk —“
„Das Volk?“ Der General wiegte geringschätzig den Kopf.
„Verzeihung,“ antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem schweißüberströmten Gesicht, „ich meine die Öffentlichkeit. — Ist es gestattet, Euer Exzellenz?“
Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore. Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister — ja, wie hieß er doch gleich? — er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere vor sich — an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein — der kleine Rittmeister wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren.
„Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben“ — fuhr er fort — „es ist nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft wurde von Allerhöchster Stelle —“
„Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät — Sie belieben?“
„Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!“
„Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen —“
„Dreißig Stimmen?“ fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein Erstaunen zu verbergen.
„Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.“
„Jawohl.“
„Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.“
„Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald etwas geschähe. In unserer Zentralelaufen ja alle Berichte zusammen. Es bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.“
„Unzufriedenen?“
„Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf konspiratorische Elemente gelenkt worden.“
Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt. Sie glitt an der Türspalte vorüber — kam aber im Augenblick wieder zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht an! Eben er, dieser — nun was stellte er vor? — diese Mumie, dieser Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte.
„Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?“
„Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch —“
Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den Bettelmönch warnte.
Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn bemerkte. Er schloß die Tapetentüre.
„Symptomatisch“, wiederholte der schweißglänzende Beduine. „Auffallend ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft —“
Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den Saal.
„Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,“ fuhr der kleine Rittmeister fort, „ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .“
Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.
„In der Tat,“ sagte er stockend, „es ist unerträglich heiß geworden hier oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?“
Und beide verließen die Empore.
Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen.
Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen auf den Boden rissen und zertraten.
Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur ein dünner Brandgeruch blieb zurück.
Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte, war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm.
Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk mit aller Kraft bearbeitete.
Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren! Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen, daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder äußerte er seine Freudeüber das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen.
Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare, die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder zurück.
Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas Opiumhöhle.
Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes, schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen.
Und ah — da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm: schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische Drachen wie Flammen züngelten.
Wo aber war dieser andere hingekommen — diese Mumie mit dem orangeroten Turban?
Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.
Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin, taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.
Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her. Zuweilen warf sie sich in einen Sessel — aber schon wieder wanderte sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst.
Die Fata Morgana war zerflossen — Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge graute trüb der Tag.
Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben. Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog. Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern, Stehkragen, und verneigten sich.
„Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie“, sagte Dora und begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur Diele. „Vielen Dank!“ Und sie drückte ihnen die Hand.
Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen, aufrichtige — auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen — ganz wie sie. Alle drei waren sie Fremde hier.
Ach, wie unglücklich sie war, Dora!
Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder — das Kleid glitt immer mehr über die Schulter. Damals — Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien — und immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das schönste Lächeln der Welt hatte. So — mit diesem Lächeln stand er in ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet — weshalb eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen — er betrog sie am ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.
Dann, eines Tages — welch entsetzlicher Tag — wo sie vis-à-vis de rien stand — buchstäblich — das heißt nochSchulden. Aber es gab Freunde, Gott sei Dank gab es — einen hochherzigen — ja, in Wahrheit hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben.
Und — nun — und nun? Oh — entsetzlich!
Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher, oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr!
Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden.
Aber sie begriff es nicht.
Und trüb graute der Tag.
— — — — — — — —
Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke flogen.
Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von Horizont zu Horizont.
Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der Weltgeschichte kracht.
Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.
Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.
Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den Schlachtfeldern gefallen waren.
Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken, Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind die Rechtsanwälte.
Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause, immerfort.
Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen gebieterischen Blick über die Straße.
Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten— oder noch Schlimmeres? — er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.
Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen. Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch setzen wird — bald vielleicht . . .
Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken humpeln sie in den Tiergarten hinein.
Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier, das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten kriecht er über den Fahrdamm — sieht es nicht so aus, als ob er sich geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?
Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm berührt werden, gestört in seinen Gedanken — schon setzt sich ein Berittener in Bewegung.
Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos rauscht eine vornehme Limousine heran.
Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmenLimousine, feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.
Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während der Motor noch donnerte.
Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile. Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf das Signal des Telegraphen warteten.
Morgen — morgen . . .
Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu erhaschen.
„Vielleicht ist es die beste Lösung!“ dachte der General, als er die dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt — aber er dachte in diesem Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht allerdings — aber — letzten Endes — es ist Krieg, das darf man nicht vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine Pflicht, augenblicklich — wenn auch inaller Kürze — Dora schonend davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe — aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden . . .
Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne, Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern. Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war, ja, richtig, dieser Professor Salomon — der die Berechnungen für die Marine machte — ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm. Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu früh einsetzte.
Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht, sie waren mit zwei Worten erledigt.
„Und Dora?“ dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu sehen. „Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?“
Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich — wie? — ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann — dieserUnbekannte und Dora — auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte — diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine, der so heftig schwitzte — wie hieß er doch? — was für merkwürdige Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in seinem Gedächtnis . . .
Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und Köpfe streichen.
Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .
Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre Fingernägel. Der gütige Greis — peinlich säuberlich gekleidet, wie für die Aufbahrung — schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände und erhob sich.
Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.
Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .
Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.
Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen hatte. Merkwürdigerweisetrug er eine orangefarbene Schärpe quer über der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte. Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute abend — aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand in einem Regen von Blüten. „Aber Helene“, sagte der Herr mit dem weißen Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig, und sie begann laut zu lachen.
Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.
Sie klingelte. „Ich werde im Bad frühstücken.“
Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus — Blüten, Wärme, Düfte — weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post. Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten — das Tischchen war völlig bedeckt davon.
Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene Schärpe, wie unendlich komisch!
Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen — über die Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger — ja, es kam nur darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen — ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann Feuerwalze. Endlichhatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne Freude. Aber — sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen Vergnügens — wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt — sollte es der Sekt gewesen sein —? Wie leicht hätte jemand sie beobachten können!
Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren — eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in ihrer Erinnerung.
Wunderbar — und niemand, niemand . . .
Nur einer, oder ein paar Vertraute —
Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange bei diesen Abenteuern zu verweilen.
Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein — sie langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.
Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein —!
Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge.
„Ah, da bist du ja!“ sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten gesehen, wo sie einen schamlosenTanz aufführte, und es gab keine Worte, die ihre Verachtung ausdrücken konnten.
„Ja, hier bin ich!“ erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.
„Wo warst du eigentlich?“ fragte Klara, während sie neugierig und überrascht die Schwester beobachtete.
„Ich?“ Wieder lachte Hedi leise und heiter. „Du hast ja nicht gewartet. Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!“
„Ströbel? Wer ist Ströbel?“
„Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.“
„So, und da also —?“
„Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?“ fragte Hedi lachend. „Ich, zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, obschon er so reich ist — um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben den Kaffee gebraut — und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! — aber niemand fiel es auf.“
„Was fiel niemand auf?“
Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. „Was sagte ich? Nun — niemand fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!“
Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.
Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.
„Nun,“ sagte Hedi triumphierend, „dieser Herr Ströbel ist nicht nur reich, sondern auch ein Gentleman. Und erist verliebt in mich! Dich aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.“ Dies fügte Hedi ein, um Klara zu reizen.
Aber Klara schwieg.
„Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!“ fuhr Hedi fort. „Nun, mein Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .“
„Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit — ein kleines Bureau werde ich haben, und einen kleinen Empfangssalon — du staunst, wie? — und bei Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein Paar seidene Strümpfe —“
Ganz plötzlich schlief Hedi ein.
Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren Körper. Klara beobachtete sie.
Was war geschehen?
Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das Leben. — —
Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude zu machen. Sie wartete nur darauf.
Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren,in dem Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.
Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las — nur zwei Zeilen — und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen.
Dann trank sie ein Täßchen Kakao.
Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben? Nichts, gar nichts.
Plötzlich aber saß Dora ganz still.
Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte — ihr schwindelte.
Heute nacht . . .
Heute nacht also . . .
Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .
Heute nacht — die Tänzerin, die Neger, die Vermummten — alles wirbelte vor ihren Augen.
Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.
Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden gerichtet. Vielleicht war er schon tot —
Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich langsam mit Tränen.
Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.
Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehenwar, diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter haßte — leiden sollte er nicht! Und doch, ein abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate zerrissen!
Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.
Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit strahlte.
Dann klingelte sie eilig der Zofe.
„Und nun los, Heinz!“
Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz. Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.
Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze, und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.
Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich plötzlich rückwärts zu bewegen.
Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.
Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen sie ohne Pause auf — das sind die Gräben.
Merkt er etwas?
Morgen, morgen, geht das Gerücht!
Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!
Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.
In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dannwuchs ein schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher.
Heinz begann zu singen.
Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. Laut und inbrünstig hingegeben sang er: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und Brausen des Motors seinen hellen Tenor.
Dann sang er die „Vöglein im Walde“.
Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.
Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern.
Ja, heute, heute — vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?
Dort? Dort? Schon jagte er hin —
Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.
Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu werden. Wieder lag da unten der schimmernde,bunte, freundliche Teppich, und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.
Was aber gibt es? Was ist geschehen?
Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine stürzt . . .
Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu bringen.
Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper — verschwindet rasch, wie ein Punkt in der Tiefe.
Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die Wolke zurück. —
Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den Nägeln das Gesicht und schrie: „Ich ertrage es nicht mehr, ich kann nicht mehr!“