5

Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.

Ja, ein verfluchtes Haus.

Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der rauschenden Finsternis.

Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:

„Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!“

„Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!“

Und wieder brauste die Orgel.

Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:

„Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!“

„Unantastbar ist die Würde des Menschen!“

„Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!“

„Liebet einander!“

Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne.

Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt.

Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz vergessen.

Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von früh bis abends im Bureau arbeitete.

Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu Bett zu gehen.

Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .

Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause.

Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer, Europas Ströme wälzten Blut.

Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren Betten.

Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. —

Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte das kleine Zimmer.

Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt war völlig tot.

Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.

Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen, so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden Ackers.

Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch nicht, wie tief er in der Erde stak.

Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du,nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an — ah, schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen.

Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.

Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe. Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht. Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter. Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört.

Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu heben.Es geht — ein wenig — aber da fällt der Stein wieder in die frühere Lage zurück.

Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr.

Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick.

Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich — plötzlich springt der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze Riemenpeitsche und — ah — schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen.Er schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung, ohne Zeichen von Leben liegt er da.

Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot?

Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .

Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er antwortet auch nicht.

Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel, um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den blinkenden Zähnen zu stoßen . . .

Da erwachte Ackermann.

Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das Morgenlicht am Fenster.

Schon ratterte ein Wagen auf der Straße.

Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber das Fieber schien gebrochen zu sein.

Still lag das Haus.

Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser Stille in seinem Bette gesessen, und dieHände gerungen und das befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte.

Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still, ganz still.

Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen. Lieblich war der sanfte Morgen.

Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte.

Bei Hähnlein — Stille!

Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war es ganz still geworden.

Kein Laut!

Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.

Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch.

Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich zur Türe.

In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf heraus. Auch er zog die Luft ein.

„Es riecht so stark nach Gas hier?“ sagte er.

„Ja, stark nach Gas!“

Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.

„Haben Sie den Gashahn offen gelassen?“

„Ich? Nein, nein“, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe.

„Vielleicht Hähnlein —?“ fragte Ackermann leise, stockend, und sein erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.

„Ja, vielleicht —?“

„Wir wollen nachsehen —“

Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste — diese Stille — er rannte die Treppe hinab. Schon polterten Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe.

Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran — er hatte sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen.

Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag.

Siehe, deine Welt, Langmütiger!

Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem Leben.

Öffne die Augen und sieh: Jammer!

Öffne die Augen und sieh: Schande!

Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten, das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin, Flüche verfinstern das Licht.

Siehe deine Völker: Mörder!

Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern, zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos, Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch immer werden täglich Gefangene — welches Wort! — zu Tausenden wie Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag.Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange willst du noch zögern?

Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten. Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen. Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder heiter im Morgenwind.

Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten Bürgersteigen.

Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin ließ er sich treiben — nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel.

Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren — Gott allein wußte es, was mit ihm geschah . . .

Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen.

Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber.

Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es sein! Sie, die Reinen, Gläubigen,Hoffenden, werden eine Gemeinschaft bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit.

In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre Schwächen.

Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von Gram und Schande.

In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue alte Lehre predigen — in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer — überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche, geächtet und verfolgt.

Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen. Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der Sklaverei dahin.

Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten.

Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen. Die Wüsten werdenblühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein Garten die Erde.

Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern, unbegreiflichen Zeit.

Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich sehe ihn schimmern — Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des Menschen, ich betrete dich . . .

Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang.

Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart.

Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten, wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte, schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und her.

Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und schrien.

„Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!“

Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen, daß die schmutzigen Röcke flogen.

„Hahaha! Die Garde kommt!“

„Hohoho!“

Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an, Fuhrwerke stauten sich.

Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den Pappschachteln.

Jetzt? Jetzt?

Gesetzt den Fall — jetzt!

Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten —?

Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe hätte er hervorbringen können. Er schwankte — schon bei dem Gedanken. Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen.

Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen an, eine alte, zitronengelbe Frau.

Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt.

Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren.Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm zulächelte.

Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter.

Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall. Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte sein Schrei hingellen.

Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte, daß sein Herz stehenblieb?

Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte, stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren im grellen Licht zu erkennen.

Schrecken erfüllte ihn.

Entsetzen!

War er das? Nach allem —?

Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze gierig ins Wasser tauchte.

Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er? Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne.

Wie?

Vielleicht, vielleicht.

Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm.

Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich.

Sie war voller Unruhe.

Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel: groß, hell, lauernd und drohend.

War er argwöhnisch geworden, Papa?

Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer fand, doch etwas zu bedeuten?

Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn! Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.

Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu, stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein, sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört. Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme prozessierte. Aber sie warja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es war — undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben erschien plötzlich so schwer und ernst.

Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war, seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen hereingebracht worden?

Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf.

Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches, unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen.

Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn, seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich würde sie mit ihm sein.

Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam — fast zärtlich? Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille — seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts, gar nichts, hatte gar keine Wünsche.

Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sichnicht um sie, so nannte sie ihn kalt und herzlos — kümmerte er sich um sie, so war sie sogleich argwöhnisch.

Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu ergründen!

Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe.

Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter! Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare, unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte — nun, gewiß, ein häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . .

Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel eines Tropfen Blutes.

Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne — gebildet, zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm — mochten diese Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte — noch so unschuldig —

In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle — und dann haßte er Ruth.

Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit.

Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng?

Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . .

Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein.

Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal.

Ruth warf das Kinn in die Höhe. „Ich bedaure.“

Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im mindesten zum Ausdruck kam — die gleiche Stimme in diesem Augenblick, die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute.

Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein.

„Ich bitte tausendmal —“ flüsterte diese tiefverschleierte Dame.

War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. „Sie wünschen?“ fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos.

Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. „Nicht Sie! Nicht auch Sie!“ Und schon fiel sie in die Knie.

Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück.

„Um Gottes willen!“ rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende Person auf, die sie gar nicht kannte.„Was tun Sie? Um Gottes willen! Ich bin sehr beunruhigt heute — ja, wer sind Sie eigentlich?“ Und Ruth hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht mit hilflosen Augen — sie kannte es nicht — aber sie küßte es sofort. „Mein Liebling — mein Kleines — aber ich bitte Sie herzlich.“

Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich.

Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge.

„Herr v. Meerheim — sie flogen Sperre — er sah die Maschine taumeln — und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon —“

Ruth preßte Klara an sich.

„Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.“ Und Ruth führte diese kleine dünne Hand an die Lippen. „Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen, Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie — und nun plaudern Sie, plaudern Sie!“

Berlin — wer kennt es nicht? — ist die häßlichste Großstadt der Welt, ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau — sind sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden, einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber — ein Steinhaufen ohne Grenzen, nichts sonst. Trotzdembesitzt es mehr Badewannen als zum Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten Konzerte — aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute? Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen Augen da.

Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden. Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit und gerade — eine Salve Kartätschen, und schon sind alle Schwierigkeiten beseitigt.

Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden — aber, wie gesagt, einige Kartätschen genügten.

Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt, mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt — wenig anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen.

Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen freien Blick.

In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen einAuge, das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die Straßengewaltigen — sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen.

In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß, früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz. Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing, warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich — es war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder roch Berlin.

Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen.

Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der Bahnhöfe zu finden sein.

Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob ernicht in die Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . .

Da! Horch!

Schon?

Trommeln, beim Anhalter Bahnhof — Augenblicklich beflügelte sich sein Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf noch, aber ganz deutlich.

Trommeln, ohne Zweifel.

Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft ihn ohne jede Übertreibung um einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern am Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in Hypnose über den Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen.

Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit barbarischem Lärm ein.

Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. Waffen blitzten, gleichmäßig schwankende Reihen wurden im Strom der Köpfe sichtbar. Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht.

Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich Aufstellung. Ein alter mürrischer Mann lud an der Straße Pflastersteine ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich.

Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht.

Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran. Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Männer, frühreife Mädchen, bleich, verhungert,das Mal des letzten Elends auf der Stirn — — und doch: Freude glänzte auf allen Gesichtern!

Ackermanns Blick wurde dunkel.

Wirst du bereit sein?

Wird dich die Stunde bereit finden?

Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht?

Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger, ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront — wirst du die Kraft haben? Betäubt von Lüge, krank von dumpfer Sehnsucht — wirst du? Die Völker der Erde blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch Tränen, führt durch Hunger und Wahnsinn — zitterst du?

Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwürdigen? Wirst du auserwählt und berufen sein unter den Völkern, das Reich zu bereiten, das Reich des neuen Menschen?

Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen barsten.

Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn — wirf ab, wirf ab! Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am Firmament des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich.

Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein Herz wieder leuchten, das immer aufglühte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war. Mehre den Schatz der Völker!

Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe dich umringt von brüderlichen Nationen . . .

Schon wälzte sich der Haufe dicht heran.

Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln wirbelten wieder.

Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwanktenheran, vorwärts getrieben von einer unverständlichen Kraft, von einem unverständlichen Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen —

Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten, daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der Brust — nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin — stumpf marschierten sie, genau wie er früher marschierte: stumpf, schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten. Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegführenden Völkern war der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend, weinend. So zogen sie dahin.

Plötzlich aber —

Plötzlich erscholl eine Stimme!

Woher kam sie?

Niemand wußte es.

Eine Stimme — hell, metallen, durchdringend — sie dröhnte über das marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der Arglosen und Erfahrenen — scholl über den weiten Platz und wurde als Echo von den hohen Häusern zurückgeworfen — die Stimme eines Riesen, eines — ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch?

Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl über das summende, brausende Berlin — in alle Ohren gellte diese Stimme.

Diese Stimme rief:

„Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!“ — Pause, der Platz gellte, Widerhall, Trommeln — „Nieder mit dem Krieg!“ — Stille, Gellen, Trommeln — „Alle Menschen sind Brüder . . .“

Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch,ein Soldat in einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen, totenbleich, mit rasenden, fanatisch glühenden Augen — seine Hände zuckten — seine Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese rasende gellende Stimme ab.

Der Soldat war verschwunden.

Er lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn herum. Ein grüner Plüschhut rollte über den Bürgersteig.

Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel über das Pflaster geschleift.

Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten hatten gar nichts gesehen — aber gehört — ja, eine Stimme aus der Luft!

Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten begann vor Qual und Sehnsucht.

Eine Stimme . . . Was für eine Stimme —?

Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Bürgersteig hinabwälzte.

Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger junger Mann ergriff ihn, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß der Mensch im grauen Mantel in sicheren Händen war, bürstete den Hut eilig ab — ja, und nun — der Kneifer — er war verlorengegangen. Und der schmächtige junge Mann suchte eilig den Kneifer.

Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab, dieser Mürrische, den Kopf und sagte:

„Wartet nur noch eine Weile — ihr Halunken!“ Und er spie aus.

Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, sein Blick glitt suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die Augen des Mürrischen.

Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe,er lächelte — aber wie! — und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch, rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militärauto, um das der Menschenknäuel sich ballte.

In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt. Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner Bewegungen, das Lächeln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten.

Aber unerklärlich — plötzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos, völlig sinnlos, vielleicht um sich für die Anstrengung zu rächen, mit dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein.

„Halt, halt!“ schrie der schmächtige junge Mann mit dem grünen Plüschhut, der herangeeilt kam.

Aber es war zu spät.

Der Mensch im grauen Mantel — jede Bewegung, ihr seht, ich leiste keinen Widerstand — schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten Gesicht des Schnauzbärtigen, stieß noch einigemal in die Luft und sprang aus dem Auto.

Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für einige Sekunden benommen, aber der andere Schnauzbärtige zog rasch entschlossen einen Revolver und schoß — sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein kleines Mädchen getroffen.

Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels verschwunden.

Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, der geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete.

Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über das Knie geschlagen. „Höre, mein Kind — ja also nicht später als acht Uhr. Und vergiß nicht, süßes Puppchen —“

In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor dieBrust, und ein junger Mann entriß ihm ohne viele Umstände den Hörer. Militärpolizei.

Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung! Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz harmlos spazierenging. Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun, die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber bedenken Sie doch — man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu werden. Ganz als ob man an der Front sei.

Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz zurück. Sie starrten in die Höhe.

Unglaublich — dort, dort — aber, bitte, wo?

Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht?

Ein Mensch!

Ein Mensch auf den Dächern!

Unglaublich!

Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel, ein Soldat.

Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor.

Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer — hoch oben, im stechenden Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt. Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon hatte erHalt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich sah man, daß er hinkte.

Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun, seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten.

Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke.

Die Zuschauer atmeten auf. „Er ist verschwunden!“

Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich, auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz.

Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf, begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des Eckhauses.

Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja, das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er wäre abgestürzt.

Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals, Kellner, Friseure, Verkäuferinnenstürzten aus Läden und Türen. Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne.

Schutzleute, Soldaten.

Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen Wagen durch die Menschenmenge schieben.

Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dächern empor und schrien wie besessen: „Dort läuft er! Dort!“ Das ganze Stadtviertel war auf den Beinen.

Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr — ein Löschzug!

Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen.

Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu ihrem Schrecken hoch oben — in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub — einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen.

Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer, etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschäften und Magazinen jagte sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte aus dem Papier ein silberner Spiegel — spanischer Barock, etwas beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum!

Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte.

„Fahren Sie!“

Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorüber und schrie mit gellender Stimme dicht an Hedis Ohr:

„Die Marne abermals überschritten!“

„Die Marne abermals überschritten!“

Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirn.

„Hier, bitte, geben Sie!“

„Die Marne — sofort, junge Frau — abermals überschritten.“ Ihre gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof.

Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen.

Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe — da sah sie gerade, wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte — hatte man geschossen? — schwankte — mit den Händen in die Luft griff und über das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit der Hand.

Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie gellend:

„Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals — —“

Vorgestern nicht, gestern nicht — aber jetzt, jetzt kam sie die Fabriciusstraße herauf.

Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam doch immer näher.

Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte jetzt in einer kleinen Kammer im „Löwen von Antwerpen“. In einem ganz winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.

Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging ganz anders als alle Frauen, die diese Treppeauf und ab stiegen. Die Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich nie am Geländer fest.

Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an, hielt inne, leise keuchte ihr Atem.

Herr Herbst lüftete den steifen Hut: „Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?“ fragte er.

„Ja“, hauchte sie.

„Er wurde verhaftet —“

„Vorgestern verhaftet —“

Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam. Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die Farbe, auch sie wurden weiß.

Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!

Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .

Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen. Immer noch wurde sie weißer — ihre Hand griff zu.

Und bald, bald würde man auch sie — der Magere, Schmächtige hatte es ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . .

Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im „Löwen von Antwerpen“ etwas zum besten geben. Und auch er würde ein Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl. Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein.

Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen, die die Farbe verloren, den Blick.

„Hier?“ hauchte eine zitternde Stimme.

„In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.“

„Haben Sie es gesehen?“

„Ein Bekannter hat es mir erzählt.“

„So? — — Danke.“

Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise und lautlos.

Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut um die Ecke biegen.

Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.

„Hören Sie, noch etwas.“

Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu.

Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das Messer ins Herz!

„Er ist tot!“ flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich.

Das mehlige, weiße Gesicht verschwand — und plötzlich eilte ein lauter, harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das Treppengeländer.

Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen.

Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht —

Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen — immer war es ihm beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund — folgte er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen.

„Halt, halt — hören Sie —“

„Hören Sie — es war ein unglückseliger Zufall —“

„Hören Sie, pst — einen Augenblick — fliehen Sie aus Berlin — auch Sie will man —“

Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen.

Wie ein Hampelmann eilte er.

„Ich warne Sie — wünsche Ihnen nichts Böses —“

Vergebens.

Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da war sie schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit entfernt.

Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit.

Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.

Staub und Qualm — brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.

Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.

Horch! Horch — horch! Schreie, damit ich dich verstehe —! Was sagst du? Es ist die Stimme Europas — sehr wohl! Es ist die Stimme der Habgier, des Geldes — noch besser . . .

Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, zerknittert und vergrämt.

„Ungemütlich, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze — „es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber — alle fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keineMenschenseele — nur Feldküchen und Verbandplätze — kein Mensch, was soll das bedeuten? . . .“

Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen blitzen darin — das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt, brennt, qualmt, kohlt —.

Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes, sehr wohl — die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen — es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen, vergiß es nicht — und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht aus den Feldgeschützen.

„Die gute alte Zeit, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann Falk in seinem Erdloch — „sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen, aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen, aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak! Es wareine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden, aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.“

Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber es tut schließlich nichts zur Sache.

Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit.

Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. — —

Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der Nacht.

„Ein Feuerwerk!“

Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond, und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild.

Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich.

Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von Steinen, erschien. „Brillant!“

Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad, der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und seinSchatten ging vollkommen über die Sandburg „Lüttich“ hinweg. Er war ein hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel.

Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg, erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich nicht mit Kombinationen — er studierte höchstens die Börsenberichte und kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann, das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde, berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war — nun, dies ist der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin — durch und durch Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel, der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken — alles Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare, unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort eine Sehenswürdigkeit.

Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre Augen sprühten im Mondlicht.

Dieses Lachen?

Dieses Lachen! Dora —?

Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller Haarschopf flimmerte.

Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige Tage hier gewesen war.

Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen.

Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbeszurück und begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet, sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes, das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.

„Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja so schrecklich langweilig sein.“

„Wenn Sie artig sind?“

„Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!“ beteuerte Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.

Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels, seine Friedensseele bewahrt hatte.

— — — — — — — —

Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge.

Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war Hauptmann Falk. Obschon gefeit — er glaubte es — nahm er sich doch in acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende — aber sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen!

Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht, stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich.

Die Blitze geisterten.

Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm. Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch. Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze wehen, Feuer sprüht im Walde.


Back to IndexNext