Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt — langsam und ohne jedes Ende.
Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen — und den Schnurrbart hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.
Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten. Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter, hinab die Straße, hinauf — ersucht.
Ja, er sucht!
Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in den Nächten — in wie vielen endlosen Nächten! — gleißten, waren sie gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten. Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.
Von da draußen — da draußen — —!
Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten — ja, von ihren Kreuzen waren sie gekommen.
Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu feilschen dem General hingegeben hatten.
Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen.
Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie waren gekommen.
Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren hatten. Gepriesen sei ihr Name!
Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.
Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen Gärten — was für eine Frage, als ob es darauf ankäme?
Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen, Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge — Tausende und aber Tausende, die im Wege waren — sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu entfliehen.
Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!
Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos, Wagen, Karren, Bänken. DerStumme, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm gehalten, nun spricht er!
Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen, geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen.
Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken: die deutsche Armee —
Er fröstelt.
Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus, schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht. Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er hat keine Sorge mehr.
Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen, die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer bleibt hinter ihnen zurück.
Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln.Siealso! Die Würfel fielen.
Auch in seinen düstersten Träumen — Ja, oft hatten ihn düstere Träume gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja, trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel — aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den Linden zu sehen sein würden.
Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die rote Fahne über dem Schloß.
Versprechungen — Lügen, freie Meinung — Gefängnis, Freiheit — Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß.
Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus,wo die Greise noch gestern um Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen Rücken!
Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird den Kanal überschreiten — benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen — auch die Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen ohne jeden Sinn.
Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen, wo die gelben Völker wohnen.
Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden — ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein.
Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen wird Neros Name verblassen.
Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauenBrauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend und lachend.
Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch — sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.
Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht, ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er ihn.
Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande gefüllt war mit Soldaten und Matrosen.
Es war Hanuschke, in der Tat — man erinnert sich, der um sein Leben lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß — auch er jagte, der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er. Niemand wünschte er etwas Böses — und dieses graue Gesicht, es war ihm nur so aufgefallen.
Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt.
Doch, was ist das?
Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.
Seht!
Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. Scharenwerden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihrearmseligen Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen.
Seht, seht, ihr Menschen!
Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe stehen zur Seite.
Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!
Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht ihr Menschen, es sind nur Tiere.
Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?
Hier also sind sie!
Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.
Der General steht mit dem Hute in der Hand.
Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von debattierenden Menschen.
Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen und Rednern, die zur Menge sprachen.
Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen liefen, wie Akrobaten Stühlein den Zähnen trugen — und Scharen von Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art.
Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte — und schon waren die Straßen reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den Häusern entlang, von Torweg zu Torweg.
Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt.
Es huschte die Straßen entlang und verschwand.
Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den Stühlen zu arbeiten.
Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf, brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein.
Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.
„Herr Herbst!“
„Ah, Sie sind es?“
„Ja, ich! Um Gottes willen —!“
„Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen — als ob wir alte Freunde wären —? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!“
„Ja, wie ich aussehe!“
Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote Schleife leuchtete an seinem Havelock.
Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde junge Mann eifrig abseits.
„Helfen Sie mir, um Christi willen!“
„Ihnen?“ Herr Herbst trat zurück.
Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz.
„Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld, kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage geplatzt.“
„Geplatzt?“
„Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen Sie, hier!“
„Eine Schramme!“
„Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind ja geöffnet worden — und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich mißhandelt und in den Kanal geworfen.“
„In den Kanal, hahaha!“
„Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn festhalten — so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und verfolgt — durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie mir.“
„Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.“
„Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen habe?“
Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte.
„Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde — entsetzlich!“ Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm überallhin folgten.
„Schlimm, sehr schlimm!“ sagte Herr Herbst mit einem spöttischen Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. „Undihn? Haben Sieihnschon gesehen?“
„Ihn? Wen?“
„Nun ihn, den ihr vom Dache — da, am Anhalter Bahnhof —?“
„Wie? Wie? Was —?“
„Ja, ich habe ihn gesehen!“
„Wie? — Sie machen mich irrsinnig!“
„Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet. Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er — ich dachte es im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame — Sie erinnern sich —jeneDame?“
„Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.“
„Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.“ Kunzes Spitzelaugen funkelten. „Sie fuhren zusammen auf einem Auto — auf einem Auto mit roten Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“
„Gott stehe mir bei —“
„Ihmdürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auchihrnicht!“
„Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!“
„Hahaha!“
„Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.“
„Und einmal wollten Sie mich verhaften!“
„Ich weiß es!“
„Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht.In eine Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen — drohten mir, verfolgten mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.“
Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Alles Befehl“, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. „Es wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden — ich aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .“
„Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!“
„Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester —!“ Kunze klammerte sich an den Havelock.
Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt!
Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.
„Was will er denn?“ fragte eine tiefe, rauhe Stimme.
Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge.
Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und schrie, rot vor Erregung: „Hoch! Hoch! — Nieder! Nieder!“
Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte.
„Hoch! Hoch! — Nieder! Nieder!“ schrien seine Trabanten. Tag für Tag trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug, einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.
Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mitweitem Mantel, Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im „Löwen von Antwerpen“, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte.
Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten Briefe, die er in seiner Tasche trug — lasen — verstanden — sofort! Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte — von dem Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen quollen aus ihren Schädeln.
Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug damit auf den Tisch.
„Sage ein Wort — ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!“ Und er warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.
Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken vor.
„Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?“
„Ich werde schon — wartet nur, Geduld.“
Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen, schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch: „Licht aus, Messer raus! Haut ihn!“
Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer.
Ja, blind ergeben.
Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter Menschen.
„Hoch! Hoch!“ schrie Herbst und hob den steifen Hut.
„Hoch! Hoch!“ schrien die Trabanten und schwangen die Mützen.
Schon wird es Nacht.
Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß, die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin, ein wandernder Block von Eis.
Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern — wie sie jagen! Gespenstisch!
Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der kalten Erde.
Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie mitbringen.
Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem Ohr vorbei. Schüsse knallen.
Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil, aber er hatte es für Augenblicke — wie lange? — vergessen.
Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die entsetzlicheKälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt ihn mit Schaudern.
Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.
Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben, Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig.
An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein Tänzer ist der Tod!
Ja, zu Ende —
Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose. Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken, Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen.
Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden.
Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt isttot. Nur dann und wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.
Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen.
Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.
Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße — ist es nicht auffallend? — schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken.
Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt biegt um die Ecke.
Da — nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe, rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre:
„Ich kenne dich!“
Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu blicken.
Und abermals raunt die Stimme:
„General Hecht-Babenberg!“
Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine, bleiche Hände.
Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen.
Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen, ein schreckliches Wort — unsägliche Beschimpfung.
Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: „Komm doch, komm doch!“
Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme schreit: „Licht aus, Messer raus!“
Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern.
Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname? Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!
In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere Gegenden.
Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: „Straße frei! Straße frei!“
Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt, irgendwo.
Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!
Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück: Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten!
Wer war hier? Zitternd stand der General.
Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert.
Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an.
Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vomStraßenkot durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes.
Der General beugte sich zu dem Krüppel herab.
„Was haben Sie — sind Sie krank?“ fragte er. Er fragte nur, um dem zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu nehmen.
Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg seinem krampfhaft geöffneten Mund.
„Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?“ fragte der General und beugte sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus.
„Wo? Sprechen Sie doch. Wo?“
Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund.
„Wo? Ich verstehe nicht.“
Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe.
Er hatte verstanden!
Nun zitterte er genau wie der Soldat.
Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat keuchend in die dunkle Diele.
„Therese!“ Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf.
„Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.“
Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.
Quatre vents! Quatre vents!
Von der Höhe kam er, der da draußen —
Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer.
Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie möglich servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach. Trotzdem — in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat.
Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch, in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus? Nicht mehr grau — schneeweiß.
Seine Augen starrten.
Einer von der Höhe!
Quatre vents!
Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht steigen — wie damals, in jener Nacht, als er die Höhe verlor.
Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zähne schlugen aufeinander.
„Sehen Sie nach, Therese,“ flüsterte der General, und seine Stimme nahm bei jedem Wort eine andere Lage an, „vor der Türe ist ein Soldat. Bringen Sie ihn herein.“
Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber Therese kam zurück. Niemand war auf der Treppe.
„Niemand?“
Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht war tatsächlich niemand da draußen gewesen?
Also wirklich niemand? — „Haben Sie geheizt, Therese?“
„Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank“, sagte Therese.
Der General schwieg und brütete vor sich hin.
Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er drückte auf die Klingel. „Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl. Nur müde.“
Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels.
Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende, ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien, aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere gestiegen waren.
Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser Nacht kehrten die Toten zurück.
Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie? Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang.
Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind Millionen.
— — — — — — — —
Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke — und ja, dies war nun die Lessingallee.
Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln andie Scheiben und augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand, war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so schnell er konnte, dahin.
Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock erfaßt.
„Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!“
Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen.
„Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt — oder, oder —!“
Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren — fort.
So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch. Allein.
Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich, kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden. Er griff nach dem Glas — aber schon erlahmte wieder die Hand.
Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer.
Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände — deutlich sah er das Eisen glühen — aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an.
Sonderbar — seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen. Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen — vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus seinem Arbeitszimmer warf, dastand er auf dem Platze. Sogar in der Nacht begegnete er ihm häufig.
Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt — alles war daher gekommen, allein daher!
Noch heute, noch heute würde sie, Ruth —
Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths letzter Brief: — die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt . . .
Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie, der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte — Kannst du es denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so etwas sagen?
Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft. Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand.
Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein.
Nein, nicht allein!
Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin.
Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien hinaus auf die finstere Straße.
Da, da — sein Herz stockte!
Nein, er hatte sich nicht getäuscht.
Da stand er — der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster, genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück.Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.
Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene Eisblöcke, die dampften.
Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse Vorfälle zu vergessen — Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu jeder!
Aber sie sollte zurückkommen!
Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht?
Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie allein — sonst nichts mehr.
Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich!
Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt, Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen.
Ja, all das, all das. Und er würde siebitten— nie in seinem Leben hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von ihrem alten Vater — bestand sie darauf — nun wohl, so war er bereit, sich zu —demütigen. . .
Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel. Er griff nach der Brust. Sein Herz —? Was war es —?
In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang, herausfordernd — die Haustürklingel.
Schritte kamen durch den Korridor.
Aber schon stand der General unter der Türe. „Öffnen Sie nicht!“ rief er, zitternd in seinem weiten Mantel.
Dumpf grollte es in der Ferne — ein Geschütz hatte in der Stadt gefeuert.
„Ich werde selbst — gehen Sie ruhig schlafen“, stammelte der General und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. Immer noch schmerzte das Herz in der Brust. Allmählich erst hörte es auf zu zucken. Nun erst ging der General zur Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis dar. Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten?
Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt.
„Sie zerfleischen sich — wie Wölfe“, dachte der General. Und laut rief er in die Dunkelheit hinein: „Ist jemand da?“
„Hahaha!“ lachte es aus der Finsternis.
„Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?“
„Hahaha!“ Ganz fern.
Niemand. Er verschloß die Türe.
Ein Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt, ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte eine Meute klappender Schritte. Geschrei.
Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über die Straße und verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter ihm her. „Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!“
Die Stimmen verloren sich.
Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt. Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn geschossen.
In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine Spur verloren — ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei — vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen?
Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die Sicherheit verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten.
Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor — ja, hier, dieser war der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch über der Erde, aber doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde länger war dieses Leben zu ertragen — ja, schade, er hatte nicht einige Autos zur Verfügung, um über die Grenze fahren zu können —
Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte — und dann: hinab!
In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor. Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen — nein, nein. Schluß! Eine Sekunde nur — und dann: hinab!
Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte — zu seinem Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges befand.
Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich irgendeiner —fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne, aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in die Hände zu fallen . . .
Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin. Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen und Gelächter bald näher, bald ferner — und Gesang. Gesang. Dann wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus dem Zoologischen Garten.
So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? EinSelbstmörderin der Familie! Schande, Schmach — Heimsuchung des allmächtigen Vaters im Himmel! — Luxus, schöne Frauen — und der Ruhm? Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig.
„Sein oder Nichtsein —“ flüsterte er und hob die Arme.
Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen.
Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall — Briefe schöner Mädchen und Frauen — alles nichts.
Und nun — das Seitenstechen hatte aufgehört — und nun . . .
Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert?
Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich bogen sie in die Büsche ein. Sie schlichen näher, immer näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim Himmel. Seine Haare sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen.
Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, Geplauder — leise Schreie — eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen sie wieder.
Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen!
Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis, erschrockene, entsetzte Augen — ja zumeist entsetzte — wenn die Hand des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Völker sind Brüder!
Ja, auch diese Augen . . .
Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, — ein scharfer Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei —
Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es nicht fassen, anfangs — der Strick war gerissen.
Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals.
Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die Autos und Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln. Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert.
Alles ging gut!
Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse, die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe wieder in seiner Hand.
Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth — das Hauptfort der Höhe — wieder seinen Zähnenentrissen. Aber irgend etwas war doch auffallend — plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein. Im Vorzimmer war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im ganzen zwei Leute.
Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte. Niemand kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in das Schreibzimmer, der Telegraph tickte — aber niemand! Die Kanonen schlugen weniger laut.
Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern, Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und finster. Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder, Möbel, Spiegel, die rot aufglühten.
Kein Mensch!
Er war allein.
Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein Feuermeer.
Aber kein Lärm!
Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht — aber kein Mensch und kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschütz — keine Seele — was war das —?
Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General das große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen, das Portal — aber kein Laut.
Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf.
Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände.
Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten. Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hörte sie nicht mehr ticken.
Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah mit ihm? Müde, müde.
„Ich bin müde“, sagte er mit schwerer Zunge.
„Ich bin sehr, sehr müde!“
Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes — gefallen bei Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung. Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder gelesen — wie in vielen, vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen, Schrecken, Tod . . .
„Und alles umsonst?“ flüsterte der General und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Alles umsonst!“
„Wie, wie, wie?“
„Ein Volk von Bettlern!?“
„Ein Volk von Sklaven!?“
„Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!“
„Alles, alles umsonst!“
„Ach!“
Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht.
Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab — Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht. Deutlich erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden.
Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen, und sie gingen beide bergan — und doch wußte er, daß er in seinem Arbeitszimmer saß!
„Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?“
„Nein, keine Furcht.“
Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie — sie wimmelte von Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln, die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl, leichenfarben.
„Herbst, nicht wahr?“
„Ja, Herbst.“
„Und wie war doch der Vorname?“
Und laut schrie er: „Der Jäger Robert Herbst vortreten!“
„Hier!“
„Hier! — Hier! — Hier —!“
Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle —!
Ja, sonderbar — so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, und doch wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß.
Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken. Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche Bilder ziehen vor seinen blicklosen Augen, fließen, unaufhörlich, ohne Ende — eigentümliche Bilder . . .
Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und schon steht er aufrecht mitten im Zimmer.
Ein Gesicht ist erschienen:das Gesicht einer weinenden Frau. . .
Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die Gegenstände im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemälde an der Wand — jedes einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit Ordenssternen geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener Einarmige, über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst Hecht-Babenberg, der nach dem Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb und den Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land!
Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit!
Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Räume, wankt, schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft muß er sich mit den Händen an der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn gibt es keine Wände mehr.
Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit!
Er sieht — oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen!
Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika, die Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie Wirklichkeit geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter den Horizont schleudern die Pumpen das brennende Öl. Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und zertreten Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein brennender Kontinent schmilzt ins Meer.
So! So! So! Ja, das waren sie!
Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres. Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorüber.
Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern, aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert.
Da, da — dort!
Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten Flaggen zu sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen.
Der General hebt die Hand — Angriff! — und dieArmee, unendlich, unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen.
Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, und dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den Mantel. Schon zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen sich. Schon zerfrißt die Kälte die Haut, die sich aufrollt, schon zerfrißt die Kälte die Lungen . . .
Niki sang sein Morgenlied, aber der General erhob sich nicht.
Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen offen — was sahen sie?
— — — — — — — —
Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten,Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe.
Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern behangene Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann Wunderlich, in einem einfachen Soldatenmantel, an seinen Krücken humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand.
Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der Wagen mit dem Sarge des Generals war dem großen Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt überschwemmte.
Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. Kaum ist eine der ungezählten Kapellen außer Hörweite, so wird schon die folgende vernehmbar. Stunden vergehen.
Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße.
Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschenwälzt sich vorüber. Wogen von Blumen über dem wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig, ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt beginnt zu dröhnen, zu donnern —
Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin!
„Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen vor dir her! Wirst du auserwählt und berufen sein unter den Völkern der Erde? Sieh, wie sie funkeln am Firmament des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .“
Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen Tüchern behangene Wagen mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und Wunderlich nahm seine Krücken und humpelte hinter ihm her.
Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über die Straßen. Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis erfüllten Stadt.