Chapter 5

1. Die Erklärung der Fundamente der Hexenvorstellung,2. Den Grund für den Ausbruch der Epidemie an einem bestimmten Zeitpunkte und3. Ihr Verhältnis zum Alptraum.

1. Die Erklärung der Fundamente der Hexenvorstellung,

2. Den Grund für den Ausbruch der Epidemie an einem bestimmten Zeitpunkte und

3. Ihr Verhältnis zum Alptraum.

Die hier aufgestellte These lautet, daßder Hexenglauben im wesentlichen eine Projektion verdrängter sexueller Wünsche des Weibes darstellt, insbesondere jener, die sich auf das weibliche Gegenstück zum Ödipus-Komplex beziehen, nämlich die Liebe zum Vater und den Neid und die Feindseligkeit gegen die Mutter. Ebenso wie das Kind das Bild des Vaters in seine wohltätigen und böswilligen Züge auseinanderlegt und damit den Glauben an Gott und Teufel ermöglicht, so teilt es auch die Mutter in die beiden Hälften, woraus sich der Glaube an Göttinnen (Mater Dei) und weibliche Teufel entwickelt. Die Bemerkung Riklins[467], daß die Erfindung von Riesinnen und Hexen u. s. w. die Stellungnahme des Mädchens gegen die Mutter als sexuelle Rivalin ausdrückt, fällt mit dem Kern der gegenwärtigen These zusammen. Ferner werden wir sehen, daß beide Geschlechter ebenso zur Erfindung der Hexen wie zu jener des Teufels beigetragen haben.

Vor Behandlung der historischen Seite des Hexenglaubens wird es sich empfehlen, seine Hauptmerkmale zur Zeit der vollsten Blüte zu erörtern. Diese lassen sich kurz in zwei Gruppen zusammenfassen, und zwar diejenigen, welche

I. sich auf den Umgang der Hexe mit dem Teufel beziehen,II. sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen beziehen.

I. sich auf den Umgang der Hexe mit dem Teufel beziehen,

II. sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen beziehen.

Diese Gruppen waren ursprünglich voneinander unabhängig und wurden erst im 13. Jahrhundert vermengt; um dieselbe Zeit wurde eine dritte hinzugefügt, nämlich die Ketzerei, d. h. Tatsachen, die sich auf ihr Verhältnis zu Gott bezogen.

Für die eigentliche Hexenepidemie war die dritte Vorstellungsgruppe am wenigsten charakteristisch, so daß wir sie zuerst erledigen können. Obgleich sie das Element ist, das am wenigsten die eigentliche Hexe von dem alten Zauberer und Wahrsager scharf unterschied, da sie eher als eine direkte Fortsetzung der Attribute jener gelten darf, kam ihr doch für die Hexenverfolgung die allerhöchste Bedeutung zu. Wie bekannt, ging die Initiative zu jener Verfolgung von der Kirche aus, deren Streben auf die Ausrottung der Ketzerei und Vernichtung der Macht des Teufels gerichtet war. Die Laienschaft, deren ursprüngliches Interesse an dem Unternehmen nicht sehr stark war, wurde zur Unterstützung der Kirche durch die geschickte Kombinierung der Objekte dieser Verfolgung mit der alten Auffassung von schädlicher Zauberei (Maleficium) bewogen. Durch die Furcht vor der letzteren aus ihrer Ruhe aufgeschreckt, verband sie sich mit der Kirche, um die verhaßten Quellen des Maleficium zu zerstören, die nach der Erklärung der Kirche mit denen der Ketzerei und des Teufelspaktes identisch waren.

Die schädlichen Einwirkungen der Hexen erstreckten sich von kleinen Bosheiten bis zu den schwersten Verletzungen, selbst den Tod miteingeschlossen. Ihre genaue Überprüfung zeigt meiner Meinung nach, daß die Angst, die sich hinter dem Glauben an dieses Maleficium verbarg, die im tiefsten Grunde der Menschenseele ruhende Angst vor Unfähigkeit oder Versagen der sexuellen Funktionen war. (Beim Manne: »Kastrations-Komplex«, beim Weibe: »Angst vor der Kinderlosigkeit.«) Der Grund hiefür ist, daß fast alle Fälle von Verhexen sich entweder direkt auf die Erzeugung von Impotenz (oder Sterilität) beziehen, oder symbolische Darstellungen dafür sind.

In erster Linie ist zu beachten, daß die häufigste Spezialität der Hexenkunst in der Einmischung in die sexuellen Funktionen, besonders bei der Erzeugung der Impotenz bestand. Hansen[468]bemerkt: »Die Behexung trifft weitaus am häufigsten die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mannund Weib.« In der berühmten Hexen-Bulle[469]wird das Maleficium in sieben Punkten behandelt, von denen sechs die sexuellen Funktionen betreffen und einer die Verwandlung in Tiere. Der bekannte MalleusMaleficarum[470]widmet vier Kapitel einer eingehenden Erörterung der Frage, auf welche Weise diese Impotenz zu Stande gebracht wurde, und betont, daß im Gegensatz hiezu die Hexerei andere natürliche Funktionen nicht beirren kann, wie z. B. Essen, Gehen u. s. w.[471]; die verschiedenen Methoden, durch die der Penis weggehext werden kann, sei es in Wirklichkeit oder durch Augentäuschung, werden ebenso gründlich besprochen. Ein Lieblingsmittel war die Benützung der ligature de l’aiguillette, mit der, wie Brévannes[472]konstatiert, nicht weniger als 50 verschiedene Prozeduren vorgenommen werden konnten. Im 15. und 16. Jahrhundert war diese so häufig im Gebrauch und so allgemein gefürchtet, daß es Sitte wurde, die Hochzeiten im geheimen abzuhalten, um Bezauberungen zu entgehen. Das Hexenmaleficium vermochte in derselben Richtung noch weitere Wirkungen zu entfalten. Durch seine Anwendung konnte die Liebe zwischen einem bestimmten Manne und einem Weibe vernichtet, Unfruchtbarkeit der Frauen und Zeugungsunfähigkeit der Männer herbeigeführt, die intrauterine Frucht zerstört und Mißgeburten hervorgebracht werden.[473]Selbst wenn alle diese Gefahren vermieden waren, war das Neugeborene noch nicht in Sicherheit, denn Hexen fraßen mit Leidenschaft kleine Kinder, welcher Gefahr ungetaufte ganz besonders ausgesetzt waren.

Die meisten anderen Fälle des Maleficium symbolisieren dieselbe Furcht. Die nächst häufige war die Vernichtung der Ernte durch Regen oder Hagelwetter oder die Kunst, ein Feld, das einer bestimmten Person gehörte, unfruchtbar zu machen; in allen Epochen bestanden innige Assoziationen zwischen der Fruchtbarkeit der Menschen und der Natur, was nebst vielen anderen die Tatsache beweist, daß dieselben Götter beide beschützten. Auch die geringeren Fälle von Hexerei gestatten dieselbe Auslegung. Unter diesen waren die gewöhnlichsten, die Milch sauer zu machen (d. h. den Samen zu beschädigen), das Buttermachen zu hindern (auf dessen symbolische Bedeutung Abraham[474]hingewiesen hat), und die Bewegungen der Spindel (d. h. die Tätigkeit derMaschine),[475]zu beeinflussen.

Die einzige Körperfunktion, außer den sexuellen, welche die Hexen beeinträchtigen konnten, war das Urinieren, das bekanntlich mit der Sexualbetätigung im engen, besonders symbolischen Zusammenhang steht[476]; diese Verletzung wurde in Frankreich »cheviller«[477]genannt.

Der Glaube, daß durch Hexerei Krankheit[478]und Tod verursacht werden könne, hat auch auf denselben Komplex Bezug, denn man findet in der Psychoanalyse oft, daß eine außergewöhnlich starke Furcht in dieser Richtung durch eine tieferliegende Angst vor Impotenz bedingt wird, mit der die anderen Vorstellungen sich leicht assoziieren. Eine weitere Quelle für diesen Glauben bildet ihre Assoziation zur Vorstellung eines sadistischen Überfalles; das Volksdenken sieht in Krankheit und Tod meist die Folgen des Angriffes eines übelwollenden Dämons, der den Menschen überwältigt. Diese Behexung wurde mit Gift, und zwar entweder mit materiellem oder mit unkörperlichem, ausgeführt; Gift, d. h. eine Flüssigkeit,die, in den Körper aufgenommen, ernste Folgen nach sich zieht, ist ein gewöhnliches unbewußtes Symbol für Samen (vergleiche die Wahnideen der Verrückten, daß jemand sie vergiften wolle).

Es ist bemerkenswert, daß fast alle Zaubermittel, die das Maleficium verhinderten, sexuelle Symbole waren. Die am häufigsten gebrauchten scheinen Salz[479]und Hufeisen gewesen zu sein. Wie bereits erwähnt wurde, ist Salz in der Sitte der Völker ein weit verbreitetes Symbol für Samen und Fruchtbarkeit. Salz und Brot (Symbol der Faeces, infantiles Sexualmaterial)[480]wurden auch gegen die Hexerei häufig angewendet[481], da die Mischung der beiden die Fruchtbarkeit symbolisiert.[482]Das Hufeisen, dieser allgemein bekannte Glückstalisman, wurde auch häufig zur Abwehr der Hexen[483]benützt; Lawrence[484], der den Volksglauben hinsichtlich des Hufeisens ausführlich behandelt, nennt es »das Gegenmittel par excellence gegen Hexerei«. Daß hier ein Stück Vulva-Symbolik vorliegt, wurde gerechterweise allgemein anerkannt. Andere Dinge von ähnlicher Gestalt und Bedeutung wurden für denselben Zweck in Gebrauch genommen; so nannte man infolge dieses Zusammenhanges Steine, durch die ein Loch gebohrt war, »Hexensteine«.[485]In Butlers Hudibras (II. 3. 291) werden mehrere Symbole zusammengebracht; es heißt dort, ein Geisterbeschwörer könne mit Sicheln, Hufeisen und ausgehöhlten Feuersteinen böse Geister verjagen. An anderen Gegenmitteln wären zu erwähnen: ein aufgerichtetes Messer[486],ein Besenstiel[487], ein Pferdeschädel[488]und ein Drudenfuß[489]; die beiden ersten sind männliche Symbole, die anderen bisexuelle.

Die Erklärung dieses Massenglaubens an das Hexenmaleficium ist nicht einfach, obgleich er eine sehr allgemeine Grundlage haben muß, da etwas ähnliches in allen Epochen der Menschheit zu finden ist. Im allgemeinen besteht die engste Beziehung zwischen Zauberei und Sexualität, wie Bloch, Hansen und andere nachgewiesen haben[490], so daß der Verdacht wohlberechtigt ist, daß die Quelle des Hexenmaleficium, das sich in starkem Ausmaße auf die Frage der Impotenz bezog, gleichfalls sexueller Natur sein müsse. Hansen[491]hat folgende Erklärung beigebracht, die wenigstens auf den Fall, daß geradezu Impotenz herbeigeführt wird, anwendbar ist: Er führt ihren Ursprung in den Orient zurück und sagt, »sie dürfte in der Vielweiberei, und zwar gleichmäßig in der natürlichen Eifersucht der Frauen eines Mannes und der psychischen Entnervung dieses Mannes ihren Ursprung haben. Diese Art von Maleficium hat einen ausgesprochen weiblichen Charakter; sie hat viel dazu beigetragen, ältere, auf die Liebeserfolge der jüngeren eifersüchtige Frauen in den Verdacht der Hexerei zu bringen.« Zwei Erwägungen bestätigen diese Meinung Hansens. 1. Die Tatsache, daß im Mittelalter der Verlust an Männern in den zahlreichen Kriegen so groß war, daß die sozialen Bedingungen denen des Orients angenähert waren; in Deutschland war aus diesem Grunde die Polygamie durch Sondergesetze, die zu diesem Ende erlassen wurden, wirklich erlaubt worden. Auf die Bedeutung der Kreuzzüge in dieser Richtung hat Buckle hingewiesen.[492]2. Die neuere psychiatrische Erkenntnisder engen Verbindung zwischen Impotenzgedanken und Eifersucht. Hansens Auffassung läßt jedoch den panikartigen Schrecken derMänner, die schließlich doch wissen mußten, daß sie potent seien, noch immer völlig unerklärt. Die Vorstellung muß an einer in ihrem Innern bereits vorhandenen Furcht Widerhall gefunden haben. Wir können annehmen, daß zu einer solchen Zeit die ungenügende Gelegenheit für die Frauen, hinreichende Befriedigung zu finden, der Frage der männlichen Potenz eine besonders stark empfundene Bedeutung gab. Auch ist es bekannt, daß diese Angst bei Männern ebenso häufig als tiefgewurzelt ist. Die psychoanalytische Untersuchung hat gezeigt, daß sie ihre Wurzeln in der frühesten Kindheit hat, in der Furcht des Knaben, daß ihm die Eltern den Penis, wie irgend ein anderes Spielzeug wegnehmen werden, wenn er schlimm ist, d. h., wenn er für ihn zu viel Interesse zeigt oder mit ihm spielt. Es ist im Wesen eine Furcht vor dem Vater. Ich möchte den Ausbruch, der diese Angst in Verbindung mit den Hexen bringt, als Verschiebungs-Mechanismus ansprechen. Man darf nicht vergessen, daß der Teufel die wesentliche Quelle und das gebietende Oberhaupt der Hexenkunst war; diesen haben wir aber bereits als Personifikation des feindlichen Vaters kennen gelernt. Ferner wurde bis zum dreizehnten Jahrhundert das Maleficium meist durchMänner, Zauberer ausgeübt; erst nach diesem Zeitpunkte übertrug die Kirche im Dienste ihrer eigenen Zwecke die ursprünglichen Attribute der älteren (männlichen) Zauberer auf die neue Gattung der Hexen. Zweifellos hat Hansen ebenfalls recht mit seiner Vermutung, daß die weitverbreitete Eifersucht der alten Weiber, durch die sozialen Einrichtungen begünstigt, die Furcht unterstützte und zur Lokalisierung bei den alten Hexen beitrug. Eine ähnliche Angst auf Seite der Frauen, die sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich auf Schwängerung und Geburt bezog, war unzweifelhaft ein weiterer Faktor; die Hexe personifizierte dann die gehaßte Mutter, welche die geheimen Genüsse des Mädchens störte. Schließlich sei daran erinnert, daß das Menschenherz stets bereit ist, infolge der eigenen feindlichen oder verbrecherischenWünsche Schmerz, Unglück u. s. w. zu ahnen und zu fürchten. Freud[493]hat darauf hingewiesen, daß der Aberglaube nichts anderes ist, als die Projektion unbewußter Gedanken.

Die Ansicht, daß die Hexen (und Zauberer) mit Attributen ausgestattet waren, die von der Vorstellung des Kindes von seinen Eltern hergenommen wurden, wird durch die Tatsache gestützt, daß ihre Handlungen nicht immer feindselig gegen gewöhnliche Menschen waren, sondern oft freundlich. Durch mannigfache Versöhnungsmittel konnten sie, gradeso wie Gott und der Teufel, dazu veranlaßt werden, ihre übernatürlichen Kräfte in den Dienst Hilfsbedürftiger zu stellen. So wurde ihre Fähigkeit, Dinge, die sich in der Ferne ereigneten, zu sehen und zukünftige Ereignisse vorherzusagen, oft in Anspruch genommen. Am häufigsten wurde jedoch ihr Beistand erbeten, um Liebe zu erwecken (Liebes-Philter, Liebes-Amulette u. s. w.) oder zu vernichten, wenn ein gehaßter Rivale vorhanden war; die Hexen gingen gelegentlich so weit, den Liebhaber durch die Luft auf ihrer Ziege zur Geliebten zu tragen.[494]Sie konnten sogar veranlaßt werden, die angezauberte Impotenz zu heilen; im Hinblick darauf sagt Seligmann[495]: »eine Hexe heilte die Männer, indem sie mit ihnen während einer Nacht im Ehebett schlief«.

Wir kommen nun zur zweiten Gruppe, welche den Umgang der Hexe mit dem Teufel behandelt, und die das Kardinalmerkmal der Hexenepidemie bildet. Das Teufelsbündnis war die Hauptanklage bei den Hexenprozessen, vielleicht, weil es nach der Natur der Umstände leichter »bewiesen« werden konnte als das Maleficium oder die Ketzerei; vielleicht auch, weil die Richter dieses Thema weit anziehender fanden als die anderen. Wuttke[496]konstatiert: »Hauptgegenstände der Anklage waren der, meist auch geschlechtliche, Verkehr mit dem Teufel, die Hexenfahrt durch die Luft und der dortmit Tanz, Schmaus und oft auch mit Unzucht gefeierte Hexensabbat, wo dem Teufel gehuldigt und manchmal geopfert wurde; die Schädigung von Menschen und Vieh erscheint dagegen als Nebensache.« Soldan[497]nennt ebenfalls den Teufelsbund den »Kern« der Hexenprozesse. Ennemoser[498]schreibt: »Dem späteren Begriff der Hexen ist unzüchtige Buhlschaft wesentlich, sie besiegelt das geschlossene Bündnis und verleiht dem Teufel freie Macht über die Zauberinnen, ohne diesen Greuel kommt überhaupt keine Hexe vor.« Roskoff[499]sagt: »Das spezifische Hexenwesen der eigentlichen Periode der Hexenprozesse beruht nicht mehr bloß auf der Abweichung von Glaubens- und Lehrsätzen der Kirche, sondern, wie aus der Bulle Innozenz VIII. und dem Hexenhammer ersichtlich ist, lautet die Anklage vornehmlich auf: »Bündnis mit dem Teufel und vertrautesten Umgangmit demselben.«

Es kann nicht der leiseste Zweifel darüber bestehen, daß der eigentliche Wesenszug dieses Bündnisses die sexuelle Beziehung war. Die älteren Autoren, wie Bodin[500], De Lancre,[501]die Verfasser des Malleus[502]und die anderen sind in diesem Punkte völlig einig. So sagt, um nur einige der letztgenannten zu zitieren, Hansen[503]: »Jede Hexe steht in geschlechtlichem Verkehr mit dem Teufel ....... Gerade durch diesen Verkehr wird das dauernde Verhältnis zwischen Hexe und Teufel unterhalten.« Bloch[504]: »Der Begriff des Weibes als Hexe drehte sich fast nur um das Geschlechtliche, das meist als »Teufelsbuhlschaft« vorgestellt wurde.« Quanter[505]: »Die sexuellen Exzesse mit dem Teufel warendas einzige, was mit breitem Behagen den Hexen nachgesagt wurde.« Nyström[506]: »Das spezifische der Hexenprozesse in ihrer eigentlichen Periode bestand in der Beschuldigung der Teufelsbündelei und des Geschlechtsverkehrs mit dem Teufel.« Es wurde geradezu geglaubt, daß die Hexe ihre Zaubermacht erst nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Teufel erhielt.[507]

Der Glaube an die Buhlschaft mit dem Teufel gründet sich offenbar auf jenen an die Unbefriedigung und geschlechtliche Bedürftigkeit, die allgemein und vielleicht mit Recht als Charakteristikum der Frauen mittleren Alters angesehen wird. Da der Teufel die symbolische Personifikation des Vaters ist, sind in letzter Linie unbewußte inzestuöse Wünsche die Quelle des Glaubens. Dieser Umstand gewann, wie bereits ausgeführt wurde, im Mittelalter eine ganz besondere Bedeutung; weitere Beweise für diese Auffassung des Problems sollen sogleich hinzugefügt werden. Geradeso wie manche Frauen, die Mystikerinnen und Heiligen, ihr Begehren dadurch befriedigten, daß sie es an die Gottesidee hefteten, so fanden andere auf einem weniger durchgeistigten Wege ihre Befriedigung an den fast synonymen Vorstellungen des Inkubus, Dämon oder Teufel. Der Unterschied zwischen den beiden Vorgängen ist, wie Maury[508]sehr richtig bemerkt hat, weit geringer, als dies auf den ersten Blick erscheint.

Wenn wir nun die Beziehung zwischen Hexe und Teufel mehr im Detail betrachten, können wir den Gegenstand am bequemsten in drei Teile zerlegen, nämlich das Verhalten der Hexen

1. auf dem Sabbat,2. auf dem Wege zum Sabbat,3. zu Hause.

1. auf dem Sabbat,

2. auf dem Wege zum Sabbat,

3. zu Hause.

Der Sabbat selbst ist von zahlreichen Autoren so lebendig beschrieben worden, daß hier keine vollständige Darstellunggegeben werden muß. Für unseren Zweck genügt es, die beiden wichtigsten Züge zu betonen, seine im wesentlichen sexuelle Natur und die Parodie der religiösen Zeremonien. Der Sabbat war kein ordnungsloses Durcheinander, sondern bestand in einer Reihe mit mehr oder weniger Genauigkeit ausgeführter Zeremonien.[509]Diese waren der Reihenfolge nach: Der Einzug und die Prozession, die Huldigung vor Satan, die schwarze Messe, der Sabbat-Tanz und schließlich die sexuelle Orgie, bei der inzestuöse Akte zwischen den nächsten Verwandten ausgeführt wurden.[510]Das Inzest-Element tritt also sowohl durch diese Tatsache als durch die Vereinigung mit dem Teufel an die Spitze. Die Parodie der christlichen Riten ging bis ins feinste Detail und wird von den meisten der alten Autoren mit unwilligenKommentaren versehen.[511]Grimm[512]führt dies auf den vom Neid eingegebenen Wunsch des Teufels, Gott nachzuäffen, zurück, aber eine tiefere Erklärung liegt darin, daß die symbolische Bedeutung der beiden Gruppen von Zeremonien fast identisch ist; der Hauptunterschied ist der, daß die zu Grunde liegenden Komplexe im Fall der Vereinigung mit dem Teufel weit unmittelbarer dargestellt werden.

Die im Mittelpunkte stehende Zeremonie der schwarzen Messe[513]kann als im höchsten Grade symbolisch für diese Vereinigung angesehen werden, und deshalb auch der Sabbat selbst. Bei dieser diente die jüngste und schönste Hexe, die Königin des Sabbat, als Altar[514], nachdem sie mit dem Urindes Teufels getauft worden war, wobei das Zeichen des Kreuzes verkehrt und mit der linken Hand geschlagen wurde. Wenn sie sich dann der Länge nach hingelegt hatte, wurde die heilige Hostie so bereitet, daß auf ihrem Hintern ein Gemenge des ekelhaftesten Materials — Faeces, Menstrualblut, Urin und verschiedener Unrat — durcheinander geknetet wurde; dies stellte die berühmteConfarreatiovor, die Nahrung der schmachvollsten Liebe. Es ist nicht notwendig, in die Symbolik der Einzelheiten dieses Vorganges einzugehen, denn dies würde uns zu einer Erörterung der Bedeutung der Nekrophilie, Theophagie und anderer Gegenstände, die mit unserem gegenwärtigen Thema nichts zu tun haben, zwingen. Es möge genügen, daß diese Symbolik, die Pfister[515]in Verbindung mit zwei Mystikern nachgewiesen hat, durchgängig sexuell ist.

Die Art der Hinreise zum Sabbat (Hexenfahrt) war eine Frage, welche die Theologen des Mittelalters sehr beschäftigte. Es wurde allgemein angenommen, daß sie als Flug durch die Luft ginge, doch die Meinungen gingen darüber auseinander, ob der Leib selbst von einem Ort an den anderen versetzt wurde oder nur die Seele. Schließlich entschied man sich für die erste Annahme und schloß, daß der schlafende Leib, der zurückblieb, nur ein Erzeugnis des Teufels zur Täuschung des Gatten der abwesenden Hexe sei. Die Quellen des Glaubens an eine solche Nachtfahrt sind mannigfaltig, doch sie stehen alle im engsten Zusammenhang mit den Träumen und der Sexualität. Regius vom Prüm[516]sprach es sogar schon im 10. Jahrhundert aus und Johann von Salisbury[517]im 12., daß der Glaube eine durch die Traumerfahrung hervorgerufene Täuschung sei, und dies war auch die Meinung Weiers und vieler anderer; sie wird auch allein durch die Tatsache, daß die Nachtfahrt fast immer nur dann vorkam, wenn die Person in tiefem Schlafe lag[518], sehr nahegelegt. Die Übereinstimmungzwischen zahlreichen Beschreibungen der Hexenfahrt und gewissen typischen Träumen ist so vollkommen, daß an der Richtigkeit dieser Erklärung nicht der leiseste Zweifel bestehen kann.[519]Es ist ebenso gewiß, daß der Sinn der fraglichen Träume sexueller Natur ist, wie sogleich im Detail nachgewiesen werden soll.

In dem in Rede stehenden Glauben sind drei verschiedene Vorstellungen enthalten, jene des Reisens, Fliegens und Reitens. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daßReiseträume fast stetsmit sexuellen Motiven assoziiert sind. Als Beispiele dienen die Erkundung unzugänglicher Örtlichkeiten, Todeswünsche gegen gehaßte Nebenbuhler, Flucht mit dem geliebten Elternteil fort von dem rivalisierenden u. s. w.; der Gegenstand wurde in den vorhergehenden Kapiteln bereits teilweise besprochen. DieFlugträumesind gleichfalls individuell determiniert und symbolisieren verschiedene Wünsche, doch die letzte Quelle ist stets die sexuelle Erregung durch gewisse Bewegungen (wiegen, hetzen u. s. w.) in der frühen Kindheit.[520]Die Vorstellung, die am deutlichsten ihre sexuelle Natur offenbart, ist das Reiten, das im Traum regelmäßig den Beischlafsakt symbolisiert.[521]Manchmal kommt dies ganz offen zum Ausdruck. So zitiert Delassus[522]folgendes Beispiel: »Martin d’Arles raconte, dans son livre des superstitions, qu’unedame très pieux se voyait souvent, en songe, chevauchant à travers la campagne avec un homme, qui abusait d’elle, ce qui lui causait une très grandevolupté.« Ähnlich schreibt Jähns[523]: »So kam es vor, daß ehrbare Matronen ihren Beichtvätern vertrauten: ‚sie fühlten, daß sie unwillkürlich Nachts über Feld und Aue ritten; ja, wenn sie mit dem Roß über ein Wasser setzten, so wohne irgend jemand ihnen mit dem vollen Lustgefühl des Aktes bei.‘ Da war denn der offenbare Hexenritt und die offenbare Vermischung mit dem Satan eingestanden.«

Manchmal verwandelten Hexen einen Mann in ein Pferd, um darauf zum Sabbat zu reiten[524](Traum-Umkehrung der natürlichen Stellung), manchmal reisten sie in Gesellschaft des Teufels — der vorn auf dem Stab ritt, während die Hexe hintenauf saß[525]—, doch am häufigsten war der Teufel selbst das Reittier, entweder in Gestalt eines Pferdes oder eines Bockes.[526]Das letztgenannte Tier war am beliebtesten und ist auch mit Hinblick auf seine wohlbekannten Eigenschaften zum Ausdruck sexueller Vorstellungen ausgezeichnet geeignet. Bei gewissen Anlässen schob die Hexe einen Pflock in den Hinterteil des Bockes, von dem dann entweder ihre Genossen[527]oder die Kinder[528], die sie zum Sabbat mitbringen wollte, getragen wurden. Oft genügte auch der Pflock allein, gewöhnlich in der Form eines Besenstiels, zur Reise. Jähns[529]hat gezeigt, daß dieser ein Repräsentant des Pferdes oder eines anderen Reittieres war; die phallische Bedeutung ist hier ebenso evident wie bei den zahlreichen anderen Formen des Zauberstabes. Die Vorstellung der Verwandlung menschlicher Wesen oder des Teufels in Tiere ist, wie bereits mehreremal bemerkt wurde, besonders charakteristisch fürden Traum und im Jahre 1230 hat Wilhelm von Paris[530]bei Besprechung der Hexenfrage sich ausdrücklich für diese Entstehungsweise erklärt.

Ein interessanter Nebenumstand bei der Fahrt durch die Luft war die bekannte Hexensalbe, die dazu benötigt wurde. Sie mußte in den Körper hineingerieben werden, insbesondere oberhalb des Abdomen, in den höheren Teil der Oberschenkel und in die Füße, bis ein Gefühl der Erwärmung verspürt wurde.[531]Auch der Besenstiel[532], der die Hexe zum Sabbat trug, wurde damit eingerieben und Grimm[533]erzählt einen Fall, wo ein Kalb zu diesem Zweck bestrichen wurde. Die Materialien, die bei der Zusammensetzung der Salbe am liebsten verwendet wurden, scheinen die Eingeweide und das Fett kleiner Kinder[534]gewesen zu sein, doch viele andere Substanzen wurden gleichfalls benützt. Die Erklärung dieses sonderbaren Vorganges ist keineswegs einfach. De Lancre[535]sagt: »Le Diable use d’ongaens graisses et onctions, pour imiter nostre Seigneur, qui nous a donné le sainct sacrement de Babtesme et celuy de la Saincte onction.« Dies läßt außer manchem anderen offenbar auch die besondere Verbindung zwischen Salbe und Luftreise unerklärt.

Der Akt des Salbens hat zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung besessen und war meist mit der Vorstellung der Übertragung einer besonderen Macht auf gewisse Personen, Priester oder Könige, verknüpft; bei mehreren religiösen Zeremonien spielt es eine ähnlich wichtige Rolle. Ein vergleichendes Studium der Gelegenheiten, bei welchen die Ölung vorgenommen wird, macht es höchst wahrscheinlich, daß der Akt eine sexuelle Symbolik enthält und sein innigerZusammenhang mit der Hexenfahrt und dem Sabbat unterstützt diese Auffassung. Freimark[536]bringt Beweise dafür bei, daß zu verschiedenen Zeiten die Ölungen wirklich zur Hervorbringung wollüstiger Träume benutzt wurden, und erwähnt eine Anzahl von Substanzen, von denen man annahm, daß sie im stande seien, aphrodisische oder anästhesierende Wirkungen oder Intoxikation hervorzurufen, die zu diesem Zweck gebraucht wurden. Kiesewetter[537]machte an sich selbst Versuche, um den Tatbestand zu erforschen, und konstatierte als Resultat verschiedene Reise- und Flugträume; es ist seither bekannt geworden, daß kein Arzneimittel dies direkt bewirken kann, es muß also die Einstellung der Erwartung dabei mittätig gewesen sein (wobei noch eine toxische Wirkung in Rechnung gezogen werden muß). Es ist auffallend, daß zwischen den Vorstellungen der Einsalbung und der leichten Bewegung stets ein Zusammenhang existiert hat, der zweifellos durch die physischen Qualitäten der ersteren unterstützt wurde. Das englische Wort »grease« (Salbe) kommt von den Gratiae (griechisch Charites), welche Aphrodite mit Öl zu waschen pflegten, und das vedische Äquivalent der Charitinnen waren die leuchtenden Rosse, die den Wagen Indras, der Sonne (= Phallos[538]), zogen. Die am Tage liegende Beziehung von mucus und semen zu den Koitusbewegungen ist zweifellos die Quelle der tieferliegenden Sexualsymbolik und ich habe gezeigt[539], daß in der frühen Kindheit sich eine ähnliche Assoziation zwischen den Vorstellungen der Bewegung und exkretorischen Akten (die als Sexualbetätigung aufgefaßt werden) bildet. Es ist daher begreiflich, daß der phallischeBesenstiel, auf dem die Hexe »ritt«, mit Salbe eingeschmiert werden mußte.

Diese Ansicht wird weiterhin durch die enge Verbindung zwischen dem Akt des Salbens und dem des Genussesvon Zaubertränken bestätigt. Die Hexe trank nach geschehener Einsalbung eine derartige Flüssigkeit, um zur Reise fähig zu sein.[540]Nun symbolisieren Zaubertränke, die wunderbare Kräfte einflößen, regelmäßig den Samen[541], so das vedische Soma, das griechische Ambrosia und der Nektar, das germanische odrörir. In der Ilias wird geschildert, wie dieGöttin Hera ihren ganzen Leib mit Ambrosia salbt, so daß der Geruch Himmel und Erde erfüllt.

Abgesehen vom Sabbat und der Nachtfahrt hielt dieHexe bei sich zu Hauseihre Beziehungen zum Teufel auf verschiedene Weise aufrecht. In erster Linie begleitete er oder einer der ihm untergeordneten Dämonen sie stets als ihr »familiaris«, welche Vorstellung an den totemistischen Glauben erinnert, der so allgemein, z. B. im norwegischen Folklore[542], verbreitet ist. Der Familiaris nahm gewöhnlich die Gestalt eines Katers[543]an. Bei den Zusammenkünften der ketzerischen Katharersekte im 13. Jahrhundert erschien der Teufel als Kater und man nahm an, daß der Name der Sekte von dieser Tatsache genommen sei. Katzen haben eine besonders große Rolle in der Mythologie weiblicher übernatürlicher Wesen gespielt. Die alten germanischen Zauberinnen verwandelten sich gelegentlich in Katzen.[544]Katzen sind besonders mit der Vorstellung des Reitens assoziiert und wurden bei der Hexenfahrt wirklich zu diesem Zwecke benützt.[545]Dieser Glaube scheint vor allem aus der germanischen Mythologie zu stammen. Roskoff[546]schreibt: »Freyja fährt auf einem mit zwei Katzen bespannten Wagen, den Symbolen des starken Zeugungstriebes .... Die der Freyja geheiligte Katze macht das Mittelalter zumTiere der Hexen und Nachtfrauen.« Dasselbe galt von dem Gefolge der Holda[547], dem Prototyp der Nachtdämonenseite der Hexen. Im Süden wurden die Katzen von ihren Verwandten, den Löwen, ersetzt; der Wagen des Heraklos wurde z. B. von zwei Löwen gezogen. Außer dieser symbolischen Begleitung der Hexen erschien ihnen der Teufel noch häufig als Inkubus (siehe später).

Der Gegenstand aber, der in dieser Beziehung die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Besessenheit durch den Teufel. Diese definiert Graf[548]wie folgt: »Der Teufel konnte sich damit begnügen, den Menschen nur äußerlich zu quälen, indem er die Angriffe und Bedrängungen vervielfachte, oder auch innerlich peinigen, indem er in ihn einfuhr. Im ersten Fall hatte man die eigentliche sogenannte Obsessio, im zweiten die Possessio«. In der Sprache unserer Tage würde der Unterschied zwischen den beiden Fällen wohl durch die Ausdrücke Zwangsneurose und Hysterie gekennzeichnet werden; wie zu erwarten stand, waren dem zweitgenannten Zustand hauptsächlich Frauen unterworfen. Die Merkmale der Besessenheit durch einen Dämon sind zu gut bekannt, um hier wiederholt zu werden.[549]Da das Vorkommnis noch immer keineswegs selten ist, war Gelegenheit vorhanden, sie vom klinischen Standpunkt aus zu untersuchen und nachzuweisen[550], daß sie als Symptom verschiedener Geistesstörungen vorkommen kann. Müller[551]schreibt: »Was sich in den Hexenprozessen durchgängig wiederholt, sind Entwicklungskrankheiten der Jugend oder des Alters bei Weibern, die über die klimakterischenJahre hinaus sind, halb irre Zustände, Nervenkrankheiten, die so oft Gegenstand einer abergläubigen, dem Zeitalter angemessenen Auslegung waren, und endlich wirklich Buhlerei, und zwar, wie es scheint, oft mit verkappten Personen oder mit bekannten Personen, in deren Gestalt gerade jetzt einmal der Teufel erscheint.« Die Bedingung hat sich mit besonderer Häufigkeit bei der Hysterie erfüllt gefunden und mit Rücksicht auf unsere neuerworbene Kenntnis von der sexuellen Ätiologie der Hysterie[552]— die hysterischen Attacken mitinbegriffen, die den Akt des Koitus[553]symbolisieren — ist es wohl der Mühe wert, kurz den Nachweis der Hysterie bei der Besessenheit der Hexen zu führen. Unter die hysterischen Symptome, die dabei beobachtet wurden, gehören: Bulimia, pica, anorexia nervosa, vomiren (häufig von Fremdkörpern, wie Nadeln u. s. w.), globus hystericus, pseudocyesis, Zittern, koitusartige Bewegungen, Mediumismus, Narcolepsie (Ohnmachtsanfälle), Somnambulismus, Katalepsie, Amnesien, »Lügen«, Lebensüberdruß, feindselige Einstellung, Zerspaltung in zwei oder mehrere Personen: kurz, alle jene Symptome, von denen man neuerdings erklärt hat, daß sie niemals vorkommen, außer wo sie durch die Suggestion der Ärzte aus der Schule der Salpetrière künstlich erzeugt wurden. Die Beschreibung der konvulsiven Anfälle, wie sie die besessenen Nonnen von Louviers[554]zeigten, stimmt mit allen Einzelzügen genau mit der Beschreibung der hysterischen Anfälle überein, wie sie unsere modernen medizinischen Lehrbücher geben; selbst der Ausdruckarc en cerclewird benützt. Von besonderem Interesse ist der Umstand, daß der Exorzismus von dem Besessenen mit einer Flut von »abscheulichen und schamlosen« Reden begleitet wurde, mit anderen Worten, daß er durch den Prozeß des Abreagierens seine Wirkung übte.

Aber nicht nur die Symptome der Hysterie waren bei den Hexen vorhanden, sondern auch die Stigmata so häufig, daß auf das Vertrauen, welches man in sie setzte, die bequemste und sicherste Methode, eine Hexe zu erkennen, aufgebaut wurde. Scot[555]schreibt darüber: »Wenn sie ein geheimes Zeichen unter der Schulter, unter dem Haar, unter der Lippe oder an heimlichen Stellen trägt, so ist dies eine hinreichende Vermutung für den Richter, um gegen sie vorzugehen und auf die Todesstrafe zu erkennen.« Die Hauptprobe, die von den professionellen »Hexensuchern« angewandt wurde, war die sogenannte épreuve du stylet. Bezüglich der Verteilung und Natur dieser anästhetischen Stellen erzählt uns Sinistrari[556]: »Sie ist auf den verborgensten Körperteilen eingedrückt ...; bei Weibern ist sie meistens auf den Brüsten oder den heimlichen Orten. Nun ist der Stempel, der diese Zeichen aufdrückt, kein anderer als des Satans Klaue.« Wie es bei hysterischen stigmata gewöhnlich der Fall ist, geben diese anästhetischen Stellen auf Stiche kein Blut.[557]Freimark[558]hat darauf hingewiesen, daß diese Zeichen auch als Merkmale verschiedener ketzerischer Sekten, welche der vollen Entwicklung des Hexenglaubens vorhergingen, galten.

Die psychologische Erklärung der Phänomene der Besessenheit ist nicht schwierig. Freimark[559]hat sie mit den folgenden Worten beschrieben: »Tragen die Phänomene des Somnambulismus und Mediumismus in der Regel nur ihren Entstehungsursachen nach sexuellen Charakter, so sind diejenigen der Besessenheit durch und durch sexueller Natur ... Das urteilende Ich, das alle nach der bestehenden Gesellschaftsordnung, nach Religion, Moral und dem Milieu, in dem es sich entwickelt, als ungehörig betrachteten Gefühle und Vorstellungen unterdrückte, in das Unterbewußtsein zurückschob, wo sie sozusagen ein eigenes Leben führten, wird von demdort im Laufe der Zeit sich ausbildenden Gefühls- und Vorstellungskomplex überrumpelt und die Bewußtseinsspaltung ist vollzogen ... Einen ähnlichen Vorgang können wir im Traumleben beobachten; und der Somnambulismus und auch der Mediumismus zeigen das, was uns der Traum lehrt, in verstärktem Maße.«

Wir gelangen nun zu demzweiten Problem, nämlich, warum die Hexenepidemie gerade zu jener Zeit ausbrechen mußte. Die Untersuchungen, die über dieses Problem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von Ennemoser[560], Michelet[561], Roskoff[562], Soldan[563]und Wächter[564]angestellt worden waren, wurden in den letzten Jahren verbessert und vertieft von Hansen[565], von Hoensbroech[566], Längin[567], Lea[568], Lempens[569], Riezler[570]und anderen, und viele Punkte sind nun völlig aufgeklärt. Die drei wichtigsten Schlüsse, die aus diesen Forschungen gezogen werden können, sind:

1. Daß die Idee der Hexerei in ihrem strikten Sinne im Mittelalter vollkommen neu war und daß die Hexenepidemie aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt;

2. daß die dazu beitragenden Faktoren außerordentlich ineinander verschlungen sind und

3. daß die volle Verantwortlichkeit dafür ohne jede Einschränkung der römisch-katholischen Kirche zur Last fällt.

Der Hexenglaube, so wie jener an den Teufel, wurde von der Kirche sorgfältig aus disparatem, längst schon im Folklorevorhanden gewesenem Material zusammengesetzt. Hansen[571]spricht das unzweideutig mit den folgenden Worten aus: »Der Begriff vom Hexenwesen ... ist keineswegs aus dem Spiel der Volksphantasie frei erwachsen, sondern wissenschaftlich, wenn auch in teilweiser Anlehnung an Volksvorstellungen, konstruiert und fest umschrieben worden; er ist in seinen Elementen durch die systematische Theologie der mittelalterlichen Kirche entwickelt, strafrechtlich in der Gesetzgebung von Kirche und Staat fixiert, schließlich auf dem Wege des kirchlichen und weltlichen Strafprozesses, und zwar zuerst durch die Ketzerinquisiton, zusammengefaßt worden.« Die meisten dieser aus dem Volk stammenden Elemente sind durch Jahrhunderte von der Kirche abgelehnt worden, die sich nur Schritt für Schritt zu ihrer Annahme entschloß. Dabei wurden die Elemente immer mehr und mehr zusammengepreßt, bis dann zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine ganz neue Auffassung entstanden war und offiziell proklamiert wurde. Hansen[572]sagt: »Wie bereits angedeutet wurde, erweisen sich die Verfasser der literarischen Quellen des 15. Jahrhunderts, welche uns jenen Kollektivbegriff der Hexe definieren, sämtlich als von der Überzeugung durchdrungen, daß es sich bei der von ihnen geschilderten Art des Hexenwesens um eineneueErscheinung ... handelt. Die beteiligten Inquisitoren zeigen sich geradezu überrascht von der Existenz dieser neuen Sekte.« Jühling[573]konstatiert ebenso emphatisch: »Es gab freilich schon im Altertum den Begriff der Zauberinnen, aber die Hexe an und für sich ist eine Ausgeburt spezifisch christlichen Aberglaubens.«

Es ist unmöglich, hier den Versuch zu machen, daß »vielverschlungene Gewebe aus mannigfaltigen Fäden«, wie Roskoff den Hexenglauben sehr gut genannt hat, zu entwirren, doch müssen einige Worte über die Geschichte seiner hervorstechendsten Züge gesagt werden. Die Vorstellungenvon Ketzerei, Teufelsbündnissen und Sabbat sind hauptsächlich, wenn auch keineswegs ausschließlich, religiöser Natur; der Glaube an das Maleficium, an die Verwandlung in Tiere und an den Flug der Nachtdämonen durch die Luft, die uns hier beschäftigen, haben in der Volks-Mythologie ihre Quelle. Das Maleficium war immer ein strafbares Delikt gewesen, bei den alten Römern sowohl wie bei den Germanen, nicht aber jene Handlungen, die im Inkubus- und Striga-Glauben enthalten waren. Die Geschichte der Entstehung der Hexerei ist die Geschichte, wie die Kirche vorsichtig und geschickt im Laufe zweier Jahrhunderte eine neue Vorstellung entwickelte und sie der ganzen zivilisierten Welt aufnötigte. Die Haltung der ältesten Kirche war den rudimentären Formen, in denen die Vorstellung damals vorkam, durchaus feindlich. Lehmann[574]weist darauf hin, wie folgt: »Auf der Synode zu Paderborn 785 stellte man folgenden Satz auf:Derjenige, welcher, durch den Teufel verblendet,nach Art der Heiden glaubt, daß jemand eine Hexe sein kann und deshalb dieselbe verbrennt, wird mit dem Tode bestraft.« Zu dieser Zeit wird also nicht die Hexe, sondern der Glaube an dieselbe verfolgt und bestraft. Diese Bestimmung wurde von Karl dem Großen bestätigt und war in den folgenden Jahrhunderten die Richtschnur für die Stellung der Kirche gegenüber allen Anklagen wegen Hexerei. Noch deutlicher tritt die Auffassung der Kirche von Hexerei im sogenanntenAncyranischen Kanon Episcopihervor, welche um das Jahr 900 entstand. Hier wird den Bischöfen befohlen, »in ihren Gemeinden den Glauben an die Möglichkeit dämonischer Zauberei und nächtlicher Fahrten zu und mit Dämonen als reine Illusion energisch zu bekämpfen und alle diejenigen, welche einem solchen Glauben huldigen, aus der kirchlichen Gemeinschaft auszustoßen.«

Im dreizehnten Jahrhundert aber veranlaßte die beunruhigende Zunahme und die Macht der Ketzersekten[575](Templer, Katharer und ihre Nachfolger, die Waldenser) die Kirche zu den entschiedensten Maßregeln zu ihrer Unterdrückung und sie verstand es, auf einfache Weise die Hilfe der Laien zu gewinnen, indem sie die Vorstellungen von Hexerei und Ketzerei miteinander vermengte. Das päpstliche Gericht, das Gregor IX. im Jahre 1227 errichtete, wurde der Nukleus der künftigen Inquisition und später im selben Jahrhundert erklärte Alexander IV. in aller Form, daß Hexerei und Ketzertum eines seien. Der große Einfluß des Thomas von Aquino zu jener Zeit wurde ebenfalls in die Wagschale geworfen und war ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Idee.[576]Von da an bis zum 15. Jahrhundert waren die Fortschritte verhältnismäßig gering.

An dieser Stelle können wir die einzelnen Elemente des Hexenglaubens mehr im Detail betrachten und erkennen, wie sie miteinander vermischt wurden. Das erste, das von diesem Schicksal betroffen wurde, war das Maleficium[577]und dies gab für das Volk den Ausschlag zur Verteidigung der Kirche gegen die Ketzerei. Der volkstümliche Glaube an das Maleficium, der die Kirche stets vom Standpunkt der Götzendienerei aus interessierte, kam in Zusammenhang mit dem Teufelsglauben[578]und dadurch auch mit der Ketzerei.[579]Dies erste Element erwies sich auch als das ausdauerndste. Hansen[580]sagt: »Das Maleficium, mit Ausnahme des Wettermachens, ist ohne alle Unterbrechung von der kirchlichen und bis in das 17. Jahrhundert auch von der staatlichen Autorität als Realität angenommen, seine Kraft ist nie ernstlich in Abrede gestellt worden; es zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Geschichte der strafrechtlichen Verfolgung.«

Es ist unmöglich, hier jene zahlreichen Legendentypen zu verfolgen, die sich auf Frauen,die bei Nachtfliegen,[581]beziehen, wie Ahnfrauen u. s. w., da dies uns zu weit in das Gebiet der Mythologie führen würde, obgleich von hier aus manches unterstützende Beweisstück für unsere Hauptthese gefunden werden könnte; denn solche Geschichten hängen eng mit den Erfahrungen des Alpdruckes zusammen und mit dem späteren Sukkubus. Es möge genügen zu sagen, daß sie bei der Entwicklung des Hexenglaubens eine bedeutende Rolle spielten. Beiträge kamen von der griechischen Persephone (Würgerin)[582], der römischen Striga (italienisch strega, schweizerisch Sträggeli)[583], den germanischen Elfen[584]und den deutschen Waldfrauen und weißen Frauen (Bertha, Holda)[585]— den Abkömmlingen der nordischen Frigg. Es wurde beispielsweise geglaubt, daß eine Hexe mit 40 Jahren eine Drude wird[586], während es anderseits hieß: »aus jungen Druden pflegen alte Hexen zu werden«[587]; nach Grimm[588]ist eine Drude eins mit einer Mahre (Nachtmahr). Die Kirche war einige Jahrhunderte hindurch entschieden abgeneigt, die Möglichkeit von Nachtflügen anzunehmen. Die Idee wurde im 5. Jahrhundert durch den berühmten Caere episcopi[589]zurückgewiesen, im Jahre 906 durch Regino von Prüm, im Jahre 1020 durch Burkard von Worms, im 12. Jahrhundert von Johann von Salisburg und im Jahre 1230 durch Wilhelm von Paris.[590]In dieser Frage wurde im 13. Jahrhundert ausführlich und mit größtem Eifer hin und wider gestritten[591]und erst um 1450 wurde der Glaube von der Kirche allgemeinangenommen.[592]Es erwies sich dann, daß gerade dieser Frage für die endgültige Festsetzung des Hexenaberglaubens die entscheidende Bedeutung zukam, vor allem durch den Zusammenhang mit dem Sabbat; es war in der Tat der Fund der Inquisition, daß die Opfer so häufig Geschichten von Luftflügen erzählten, durch den die Frage für die Kirche erledigt und die Identität der ketzerischen Zusammenkünfte und des Hexensabbats nachgewiesen wurde.[593]

Das verwandte Thema der Verwandlung von Menschen in Tiere, ebenfalls eine alte Volks-Phantasie, verlief parallel mit jenem der Nachtfahrt. Anfänglich von der Kirche entschieden geleugnet[594], die jene, welche daran festhielten, ebenso streng bestrafte, wie im vorigen Fall, wurde der Glaube zuerst hitzig bekämpft[595]und schließlich angenommen, allerdings erst im Jahre 1525[596]mit allgemeiner Geltung.

Die Vorstellung des Sabbats wurde von der Kirche im Zusammenhang mit den selbstverständlich geheimen Zusammenkünften der Ketzer eingeführt, bei denen sie, wie man ihnen vorwarf, alle Arten von Orgien und Missetaten verübten; denselben Vorwurf hatte sich bekanntlich in den Zeiten der Römer die Kirche selbst gefallen lassen müssen.[597]Die erste vollständige Darstellung erscheint in einem Hexen-Ketzer-Prozeß, der im Jahre 1335 in Toulouse stattfand.[598]Die Idee wurde vermutlich durch die germanischen Sagen von der wilden Jagd und dem wilden Heer verstärkt. Die Erinnerung an die römischen Bacchanalia[599]und Cotyttia[600]spielte zweifellosauch eine Rolle; sogar der Gebrauch des Wortes Sabbat im Zusammenhang mit den Hexen wurde durch die Annahme erklärt, daß eine von jüdischen Manichäern veränderte Form des Sabos vorliege; unter diesem Namen, der vonσαβάζεινtanzen[601]kommt, wurde nämlich der Kultus des Bacchos verrichtet. Die Erinnerung daran wurde im Mittelalter durch das berühmte Narrenfest[602]frisch erhalten, dessen wahrer Ursprung vorchristlich war.[603]

Die schwarze Messe, der Mittelpunkt des Sabbats, ist sehr alter Herkunft. Sexuelle Vereinigung in der Öffentlichkeit wurde sowohl in alten[604]wie modernen[605]Religionen, bei kultivierten[606]wie bei wilden[607]Völkern als geheiligte Zeremonie ausgeübt. Wir können die Geschichte und die Bedeutung dieser Tatsache unbesprochen lassen und verweisen nur darauf, daß die schwarze Messe als Perversion oder Aberglaube noch fortgedauert hat, längst nachdem die Hexenepidemie zu Ende war,[608]und bis zum heutigen Tage nicht ganz verschwunden ist.[609]

Der Glaube an dieBuhlschaftzwischen Hexe und Teufel ist ebenfalls ein verhältnismäßig später Bestandteil des Hexenglaubens. Die Vorstellung eines solchen Verkehres zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen war natürlich stets im Volke lebendig, wurde jedoch von der Kirche heftig abgelehnt, e. g. von Burkard (900).[610]Bis zum12. Jahrhundert war sie von der Zauberei völlig geschieden[611]und wurde nur durch die Zwischenglieder des Hexensabbats und der Ketzerei damit in Verbindung gebracht (um 1250).[612]Sie wurde von Gervasius von Tilbury im Jahre 1214[613]angenommen und im selben Jahrhundert auch von Thomas Aquin[614]; der erste Fall, in dem die Anklage in einem Hexenprozeß darauf basiert war, ereignete sich im Jahre 1275; damals wurde ein Weib wegen Verkehres mit dem Teufel verbrannt.[615]Bis dahin behandelte man den Akt nicht als Sünde, da man annahm, daß er, wenn überhaupt, nur gegen den Willen des Opfers vorkomme.[616]Es war jedoch schwer, die letztere Ansicht aufrecht zu erhalten, da die Anhänglichkeit der Verfolgten an ihren Inkubus-Teufel klar zu Tage lag, sogar dort, wo es sich um Nonnen handelte.[617]Nach der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gehörte der Glaube, wie Hansen[618]es ausdrückt, zum festen Bestand theologischer Wissenschaft.

Obwohl die verschiedenen Elemente des Hexenglaubens um das Jahr 1250 sich bereits zum größten Teil entwickelt hatten, kamen die Hexenprozesse in einem Zeitraum von etwa zweihundert Jahren nur wenig in Aufnahme. Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm, der als eine wahre Hexenepidemie gegen das Ende des 15. Jahrhunderts ausbrach. Es waren hinreichende Gründe sowohl für den Aufschub wie später für den Ausbruch vorhanden. Inzwischen waren die Theologen eifrig damit beschäftigt, die allgemeine Grundidee zu erörtern und auszuarbeiten, die, wie wir gesehen haben, erst nach 1450 zu einem harmonischen Ganzen vereinigt worden war. Die Methode des gerichtlichen Verfahrens mußte auch erst ausgestaltet werden und der Versuch, die Gewalt von der Laienschaft auf den Klerus zu übertragen, stieß aufernsten Widerstand. Die Laien-Gerichte hatten sich nur mit dem Maleficium zu befassen und erst im Jahre 1400 ließen sie die Teufelsbuhlschaft als Anklage gelten.[619]Soldan[620]meint, daß die Erfahrungen der Kreuzzüge einen erheblichen Einfluß in dieser Richtung übten, da sie das Volk mit der orientalischen Vorstellung vom Verkehre zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen vertraut machten.

Von entscheidender Bedeutung war die Konzentration des allgemeinen Hexenglaubens auf die Frauen. Die zwei Hauptfaktoren waren dabei der soziale Zustand jenes Zeitalters, der Mangel an männlicher Bevölkerung infolge der Kriege, der allerwärts Eifersucht und Unbefriedigtheit unter den Weibern hervorrief, und die barbarische Haltung des Christentums gegen die Frauen. Diese Haltung, die von modernen Autoren[621]oft kommentiert wurde, läßt sich kaum voll erfassen, wenn man nicht die betreffenden Erörterungen bei De Lancre[622], Bodin[623]und vor allem im Hexenhammer[624]im Original gelesen hat. Das Benehmen der Kirche, die den Frauen unwürdige Züge aller Art andichtete und sogar darüber debattierte, ob das Weib eine Seele habe oder nur ein Tier sei, war ohne Frage eine Folge ihrer entarteten Haltung gegen die Sexualität im allgemeinen; es war ein Ausfluß der morbiden, misogynen Einstellung, welche durch die aufs höchste getriebene Verdrängung erzeugt worden war. Die ungewöhnlichen oder hysterischen Weiber früherer Epochen waren Magierinnen, Wahrsagerinnen, Prophetinnen; im Mittelalter waren sie Hexen. Wie Michelet[625]es epigrammatisch ausdrückt: »La Sibylle prédisait le sort et la Sorcière le fait. C’est la grande, la vraie différence.«

Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts traten zwei Ereignisse ein, welche die Sache zur Reife brachten und dieeigentliche Epidemie förmlich inaugurierten; diese waren die Erlassung der berüchtigten päpstlichen Bulle durch Innozenz VIII. im Jahre 1484 und die Veröffentlichung des Hexenhammers im Jahre 1487. In der Bulle, einem Dokument, das »ein Erzeugnis der Hölle« genannt wurde, wird der Teufelsbuhlschaft und der Erzeugung von Impotenz mittels Maleficium besonderes Gewicht beigelegt.[626]Im Hexenhammer wurden diese Fragen ebenso wie jene der Nachtfahrt und des Sabbats bis in die feinsten Verzweigungen ausgeführt. Ohne die heftige Sprache zu führen, in welcher Autoren wie Ennemoser[627], Henne am Rhyn[628], Mannhardt[629]und Nyström[630]ihre Anklagen vorbringen, kann man dies Buch billigerweise nur als ein Unikum in den Annalen sophistischer Bigotterie und blinder Grausamkeit beschreiben; wir müssen es hier nur als Grenzstein im Vorüberschreiten kennen lernen, weil damit der Ausbruch der Epidemie gegeben ist. Es folgte ihm in den nächsten hundert und fünfzig Jahren eine ganze Anzahl ähnlicher Bücher, von denen jene von Bodin[631], Delrio[632], Remigius[633], König James[634], Torreblanca[635], Carpzov[636]und Glanvil[637]die bedeutendsten waren, und sogar eine Zeitschrift, die bekannte Hexen- oder Druden-Zeitung[638](im Jahre 1627).

Die Epidemie raste nun regellos drei Jahrhunderte lang über Europa. Die Gesamtsumme aller Opfer wird nie bekannt sein. Voigts bekannte Schätzung auf neun und eine halbe Million schießt gewiß über das Ziel, obgleich auchSoldan[639]denkt, daß die Ziffer bis hoch in die Millionen stieg. Nyström[640]berechnet, daß die Anzahl höher ist als die aller Getöteten in allen europäischen Kriegen vom Beginn unserer Ära. Hauptsächlich infolge der Tätigkeit der Inquisition — die dort mehr gegen Ketzer als gegen Hexen gerichtet war — fiel die Bevölkerung Spaniens in zwei Jahrhunderten von zwanzig Millionen auf sechs, wobei die tatsächlichen Opfer 340.000 zählten. Torquemada allein soll 10.220 in achtzehn Jahren verbrannt und 97.371 zur Galeerenstrafe verurteilt haben u. s. w.[641]. Fast jedes Land Europas litt. Am leichtesten kamen die Länder der griechischen Kirche davon, dann Holland und — mit Ausnahme der schrecklichen Mora-Explosion im Jahre 1670[642]— Schweden. Selbst das entfernte Amerika hatte seine Epidemie.[643]Und obgleich die Ausdehnung der Epidemie übertrieben sein mag, kann nichts den Schrecken der kalten Grausamkeit überbieten, die wohl kaum in irgend einem Teile der Welt ihre Parallele findet. Sepp[644]sagt richtig: »Nie haben die Menschen blinder gegen einander gewütet, nie hat die Christenheit sich Angesichts aller Welt mehr blamiert als in den Hexenprozessen.«

Wenn wir für diesen außerordentlichen Zustand eine Erklärung suchen, müssen wir stets im Auge behalten, daß er nicht auf eine unerklärliche Verirrung des Menschengeistes zurückzuführen ist, wie es wohl den Anschein haben möchte, sondern mit der geistigen Verfassung jener Periode völlig übereinstimmte. Der Hexen-Aberglaube wurde in solchem Ausmaße rationalisiert, daß er mit der landläufigen Vorstellung vom Universum durchaus harmonierte.[645]In derTat, vielleicht der auffälligste Zug, z. B. im Hexenhammer und insbesondere in Glanvils Sadducismus, ist nicht so sehr die Grausamkeit oder Dummheit, als vielmehr die hervorragende geistige Subtilität, mit der die unsinnigsten Thesen verteidigt werden. Die Faktoren, die den geistigen Zustand verschuldeten, durch den der Aberglaube ausgebrütet wurde, sind außerordentlich kompliziert[646]; die wichtigsten waren die sozialen Bedingungen jener Zeit und die abnorme Haltung der Kirche gegen sexuelle Dinge. Die kritische Periode war besonders das 14. Jahrhundert. Von diesem sagt Gener[647]sehr gut: »Ce n’est pas un siècle normal, c’est un siècle malade ..... Son histoire est tout entière contenue dans celle de la pathologie. Il semble qu’il subisse les approches de l’agonie du mondeféodal et l’aurore d’une ère nouvelle. Dans ses souffrances il y a quelque chose du râle de la mort et des douleurs de l’enfantement. L’égarement de sa raison est celui de la sibylle avant la prophétie.« Einige Züge der Zeit wurden im vorhergehenden Kapitel erwähnt, so daß wir unsere Aufmerksamkeit hier den Kardinalfaktoren bei der Entwicklung der Hexenepidemie schenken können. Der bedeutsamste war ohne Frage die Machination der Kirche. Die drei Grund-Komponenten des Hexenglaubens waren Maleficium, Teufelspakt und Ketzerei, die man die Haltung der Hexe gegen Menschen, Teufel und Gott nennen kann. Das Vorgehen der Kirche bestand darin, die erste zur Bestrafung der zweiten auszunützen, um damit die dritte zu zerstören. Der schon vorhandene Glaube an das Maleficium wurde dazu benützt, den Geist der Verfolgung zu entflammen, der Beweis des Teufelspaktes, den Hysterie und Tortur lieferten, war das bequemste Mittel, des Opfers habhaft zu werden, während das eigentliche Motiv die Ausrottung der Ketzerei war. Der einmal so beschrittene Weg nährte und entflammte zweifellos die menschlichen Urtriebe in ihrer rohesten und niedrigsten Form. Sadismus und sexuelleNeugierde waren unter diesen die sichtbarsten. Bezüglich der theoretischen Diskussionen über die Hexerei sagt Bloch[648]: »Es gibt keine sexuelle Frage, die nicht von den theologischen Kasuisten in subtilster Weise erörtert worden ist, so daß ihre Schriften uns zugleich ein lehrreiches Bild der Phantasietätigkeit auf geschlechtlichem Gebiete geben,« und Jühling[649]hebt sogar noch schärfer die Lust des ehelosen Inquisitors am Entkleiden, Untersuchen und Verhören seiner Opfer hervor. Kinder von sieben[650]und Greisinnen von 85 Jahren[651]wurden zum Geständnis der Teufelsbuhlschaft mit allen begleitenden Details gezwungen. Das ganze Verfahren wurde, wie Roskoff[652]deutlich gezeigt hat, von den Zeitgenossen in ausgedehntem Maße dazu benützt, Bosheit, Haß und Neid durch falsche Anklagen der Feinde und Nebenbuhler zu befriedigen.


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