Und die Angst mit VampirrüsselSaugt das Blut aus meinen Adern,Aus dem Kopfe das Gehirn.
Und die Angst mit VampirrüsselSaugt das Blut aus meinen Adern,Aus dem Kopfe das Gehirn.
Und die Angst mit VampirrüsselSaugt das Blut aus meinen Adern,Aus dem Kopfe das Gehirn.
Und die Angst mit Vampirrüssel
Saugt das Blut aus meinen Adern,
Aus dem Kopfe das Gehirn.
In ganz Europa gab es seit den frühesten Zeiten Mythen und Märchen über den Vampir; ein typisches Beispiel dafürist die wallachische Sage, nach der tote rothaarige Männer in Gestalt von Fröschen, Käfern usw. erscheinen und das Blut schöner Mädchen[189]trinken. Ferner kamen aus dem frühen Mittelalter Berichte auf uns über den Brauch, der in den meisten europäischen Ländern bestand, die Leichen jener, deren Geist die Lebenden plagte und ihr Blut aussaugte, auszugraben, zu verbrennen oder mit einem Pfahl[190]zu durchbohren. Wie oben angedeutet wurde, ist dieser Glaube über die ganze Welt verbreitet, z. B. pflegen die modernen Pontianaks auf Java, die von Leichen stammen, nachts menschliches Blut[191]zu saugen. Der assyrische Vampir, Akakharu mit Namen, stammt aus sehr alter Zeit.[192]Die genaue Kenntnis der Vorstellung in Europa aber danken wir der Balkanhalbinsel, wo sie offenbar vom türkischen Aberglauben[193]stark beeinflußt wurde. Weiter kam als lokaler Faktor wahrscheinlich das Dogma der griechischen Kirche in Betracht, die im Gegensatz zu den Lehren der römisch-katholischen Kirche, nach denen die Körper der Heiligen der Zersetzung nicht unterliegen, daran festhielt, daß die Leichen der von der Kirche Exkommunizierten nicht verwesen. Ebenso wie die römisch-katholische Kirche lehrte, daß jemand durch Ketzerei in einen Werwolf verwandelt werden könne, verkündete die griechische, daß ein Ketzer nach seinem Tode zum Vampir werde. Die Epidemien, die auch früher häufig genug vorgekommen waren, erreichten ihren Höhepunkt im achtzehnten[194]und dauerten selbst noch im neunzehnten[195]Jahrhundert an. Die heftigsten ereigneten sich in Chios 1708[196],in Ungarn 1726[197], in Meduegna und Belgrad 1725 und 1732[198], in Serbien 1825[199]und in Ungarn 1832.[200]
Im Jahre 1732 erschienen in Deutschland allein vierzehn Bücher über diesen Gegenstand[201], der allgemeinen Schrecken hervorrief und überall besprochen wurde. Er entging nicht der Satire Voltaires, der bei Erörterung der Frage in seinem philosophischen Dictionaire sagt: »La difficulté était de savoir si c’était l’âme ou le corps du mort qui mangeait: il fut décidé que c’était l’un et l’autre; les mets dêlicats et peu substantiels, comme les meringues, la crême fouettée et les fruits fondans, étaient pour l’âme; les ros-bif étaient pour le corps.« Wir brauchen über die wahren Todesursachen bei diesen Epidemien nicht zu sprechen, da dieses eine rein medizinische Frage ist. Hock[202]bemerkt, daß sie vorwiegend bei Pestzeiten auftraten, besonders bei Ausbruch von Rinderpest. Es ist möglich, daß es sich dabei um Fälle von Scheintod handelt, eine Erklärung, die besonders von Weitenkampf[203]und Mayo[204]aufrecht erhalten wurde.
Der Aberglauben ist in vielen Teilen Europas keineswegs ausgestorben; in Norwegen, Schweden, Finnland bestand er noch vor ganz kurzer Zeit.[205]Krauß[206]berichtet, daß noch heute die Bauern in Bosnien an die Existenz des Vampirs ebenso fest glauben wie an Gott. In Bulgarien wurde im Jahre 1837 ein Fremder verdächtigt, daß er ein Vampir sei, und er wurde gemartert und lebendig verbrannt.[207]ImJahre 1874 grub in Rhode Island U. S. A. ein Mann den Leichnam seiner eigenen Tochter aus und verbrannte ihr Herz, im Glauben, daß sie das Leben der anderen Familienmitglieder zu Grunde richte. Ungefähr zur selben Zeit wurde in Chikago die Leiche einer Frau, die an Schwindsucht gestorben war, ausgegraben und die Lungen verbrannt, da man meinte, sie ziehe einige ihrer lebenden Anverwandten zu sich ins Grab.[208]Im Jahre 1889 wurde in Rußland die Leiche eines alten Mannes, den man für einen Vampir hielt, ausgegraben, wobei viele der Anwesenden behaupteten, einen Schweif aus seinem Rücken ragen zu sehen. Im Jahre 1899 gruben rumänische Bauern in Krassowa dreißig Leichen aus und rissen sie in Stücke, um eine Diphtherieepidemie zum Erlöschen zu bringen.[209]Zwei Beispiele finden wir noch im Jahre 1902, eines in Ungarn,[210]eines in Bukarest.[211]
Das Wort Vampir selbst ist serbischen Ursprungs und man hält es für eine Ableitung des nordtürkischen »Uber« (Hexe)[212]. Allgemein in Europa verwendet wird es seit ungefähr 1730. In späteren Jahren hat es Nebenbedeutungen angenommen, die nicht uninteressant sind, da sie die Anschauung des Volkes über den Gegenstand zeigen. Wohlbekannt ist seine Verwendung — sie findet sich zuerst bei Buffon[213]— zur Bezeichnung gewisser Arten von Fledermäusen, die, wie man sagte, Tiere und menschliche Wesen im Schlaf überfielen. Die alte Vorstellung von der verderblichen Nachtfahrt ist hier deutlich. Die wichtigsten metaphorischen Bedeutungen des Wortes sind: Erstens ein sozialer oder politischer Tyrann[214], der seine Leute bis aufs Blut aussaugt, zweitens ein unwiderstehlicher Liebender, der Energie, Ehrgeiz und selbst das Leben des anderen aufzehrt; dieser kannentweder ein Mann sein wie Torresanis faszinierender Rittmeister[215]oder ein Weib wie in Kiplings Vampirdichtung.
Der Vampirglaube ist offenbar eng verknüpft mit dem an den Inkubus, Sukkubus. Freimark[216]sagt: »Denn man kann, wenn auch nicht als Regel, so doch in den meisten überlieferten Fällen konstatieren, daß Frauen stets von einem männlichen, Männer hingegen von einem weiblichen Vampir heimgesucht werden ... Das sexuelle Moment charakterisiert den Vampirglauben als eine andere, allerdings gefährlichere Form des Inkubus- und Sukkubusglaubens.« Zimmermann[217]und Laurent und Nagour[218]sind derselben Ansicht und diese findet ihre überzeugende Bestätigung durch unsere neue Kenntnis der Symbolik solcher Vorgänge. Die Ähnlichkeit mit dem Alpglauben, der beim Volk die Stelle des Inkubus vertritt, ist noch schlagender; ebenso wie der Vampir kann der Alp die Seele eines Toten[219]sein und den Leuten während des Schlafes[220]das Blut aussaugen, häufig mit demselben verhängnisvollen Ausgang. Die am weitesten gehende Beziehung aber liegt in den Einzelheiten des Aberglaubens über die Ursachen und über die Mittel zur Befreiung von dem bösartigen Trieb, der diese Wesen dazu bringt, ihre ruchlosen Taten zu verüben. Da dieser Gegenstand mit dem mythologischen »Erlösungsthema« verbunden ist, das einen wichtigen Komplex bildet, muß er hier übergangen werden. Das Nachtfahrtelement ist ebenfalls ein Verbindungsglied zwischen dem Vampirglauben und den zahlreichen Alp- und Mahrmythen, in denen es vorkommt, z. B. dem der montenegrinischen Wjeschtitza[221]»ein weiblicher Geist mit feurigen Flügeln, der den Schlafenden auf die Brust steigt, sie mit ihren Umarmungen erstickt oder wahnsinnig macht.«
Der Inzestkomplex, der dem Inkubusglauben zu Grunde liegt, zeigt sich auch in dem Vampirglauben; von besonderer Bedeutung ist hier die Tatsache, daß der Vampir ein revenant ist, da wir ja diese Vorstellung oben auf unbewußte Inzestgedanken zurückgeführt haben. Die Erscheinung des Vampirs in Tiergestalt, besonders als Schmetterling oder Schlange, kann gleichfalls als Beweis in dieser Richtung angesehen werden; auf alle Fälle stimmt sie durchaus mit diesem Schluß überein.
Zum Schluß haben wir die Beziehungen des Vampirglaubens mit den Erfahrungen der Angstträume zusammenzufassen. Wundt[222]sagt: »Als nächtliche Spukgestalt, die den Schläfer umklammert, um ihm das Blut auszusaugen, ist er sichtlich ein Produkt des Alptraumes.« Doch fügt er hinzu, daß die Vorstellung von einem Geist, der sich durch das Trinken von Blut am Leben hält, anderen allgemeineren Quellen entstammt. Hock[223]unterscheidet zwischen dem wirklichen blutsaugenden Vampir und dem Nachzehrer, der sein Leichenkleid zerreißt und so seine Familie bloß durch die Wirkung der Sympathie nachzieht: »Hat jene Tradition in der Traumvorstellung ihre sichere Grundlage, so sind die Sagen von den »schmatzenden und käuenden« Toten offenbar im Hinblick auf tatsächlich erlebte Ereignisse nach dem entsetzlichen Vorbilde eines im Grabe zu spät erwachten Scheintoten gebildet.« Wahrscheinlich legt Hock hier zu viel Nachdruck auf den Scheintod, der außerdem zu selten vorkommt, um einen so weit verbreiteten Aberglauben erklären zu können; eine weitere Einwendung gegen Hocks Einsicht bildet die Überlegung, daß äußerliche Vorgänge dieser Art nie von grundlegender Wichtigkeit bei der Schöpfung eines Aberglaubens sein können, der solche Charakteristika zeigt, wie der vom Vampir. Seine wahre Ursache muß in bedeutsamen inneren seelischen Prozessen gesucht werden; das höchste, was äußere Geschehnisse leisten können, ist, zu der äußeren Gestalt, die ein gewisser Aberglaube annimmt, etwasbeizutragen. In unserem Fall z. B. können wir mit Recht einen verhältnismäßig bedeutungslosen Zug, nämlich die Beschreibung der Auffindung des Vampirs nach dem Tod, wirklichen Erfahrungen über die verschiedenen Umstände zuschreiben, die die Zersetzung eines Leichnams verzögern. Mit dem Aberglauben an sich aber steht es anders. Die Erscheinung des Vampirs in Tiergestalt, seine leichte Verwandlungsfähigkeit, seine Nachtfahrt, sein Besuch bei Schläfern, die erschöpfende Wirkung und pollutionähnliche Art seiner Betätigung, die deutlichen Anzeichen für deren sexuellen Charakter und schließlich der Glauben an die Rückkehr toter Verwandter — alles weist übereinstimmend darauf hin, daß der Angsttraum weitaus die wichtigste Quelle der ganzen Vorstellung ist. Sie ist tatsächlich nur eine Ausbildung des Inkubusglaubens und die wichtigen Elemente beider sind zurückgedrängte Sexualwünsche, besonders solche, die Inzestcharakter an sich tragen. In der Vampirvorstellung treten, wie oben gezeigt wurde, noch andere Perversionen als akzessorische Faktoren hinzu, vor allem sadistische, masochistische und nekrophile Tendenzen, ferner die Betätigung der Mund- und Analerotik.
Eine der am stärksten entwickelten Vorstellungen, die Verwandlung menschlicher Wesen in Tiere betreffend, ist die vom Werwolf. Die wichtigsten anderen Elemente in diesem Aberglauben sind Nachtfahrt und Menschenfresserei.
Der Wolf gehört zu der Gruppe wilder Tiere, die in Mythologie und Folklore vielfach zur Darstellung grausamer und sadistischer Phantasien verwendet wurden. Zur selben Klasse wie die Werwölfe gehören die Mannhyänen in Abessynien[224], die Mannleoparden in Südafrika[225], die Manntiger in Indien[226]und die Mannbären in Skandinavien[227], an deren Existenz nach Mogk[228]die norwegischen Bauern noch immer glauben.
Die symbolische Bedeutung des Wolfes zu erkennen, ist nicht schwierig. Hertz[229]schreibt darüber: »Betrachten wir nun speziell den Wolf, so erscheint er, — das unersättlich mordgierige, bei Nacht und zur Winterszeit besonders gefährliche Raubtier, — als das natürliche Symbol derNacht, desWintersund desTodes....... Der Wolf ist aber nicht allein das raubgierigste, er ist auch dasschnellste,rüstigsteunserer größeren vierfüßigen Tiere. Diese seine Rüstigkeit, seine wilde Kühnheit, seine grausame Kampf- und Blutgier verbunden mit seinem Hunger nach Leichenfleisch und seinen dadurch angeregten nächtlichen Besuchen der Totenfelder und Walstätten macht den Wolf zum Begleiter und Gefolgmann des Schlachtengottes.«
Die Eigenschaften, die am allermeisten hervortreten und deren symbolische Verwendung wir erwarten können, sind also Schnelligkeit der Bewegung, unersättliche Blutgier, Grausamkeit und eine Angriffsart, die durch die Mischung von Kühnheit und schlauer Hinterlist charakterisiert wird, ferner Verbindungen mit Nacht, Tod und Leichen; wie man leicht einsehen wird, macht das Wilde und Unheimliche, das für den Wolf bezeichnend ist, ihn besonders geeignet, die gefährlichen und niedrigen Seiten der Natur im allgemeinen und der menschlichen im besonderen zu charakterisieren. Diese Eigenschaften des Wolfes erklären es, daß er eine wichtige Rolle in den Theologien spielte. In Ägypten war der Wolf ein heiliges Tier und Osiris selbst erschien bei seinem Überfall auf Typhon[230]in Wolfsgestalt. In der deutschen Mythologie waren zwei Wölfe, Geri und Freki, Odins[231]Begleiter, wenn auch Grimms Ansicht, daß sie den Gott selbstdarstellen, unrichtig[232]ist. Der Wolf Fenrir, einer von Lokis Nachkommen, ist der Mittelpunkt zahlreicher Mythen.[233]Noch besser bekannt ist das Leben als Werwolf von Sigmund und Sinfjötli, wie es die Wölsungensage berichtet; auch in Amerika ist der Wolf ein heiliges Tier, wie die religiösen Wolfstänze der Texas-Indianer[234]zeigen. Der Nez-Percezstamm führt den Ursprung der ganzen Menschenrasse auf einen Wolf[235]zurück.
In Griechenland war der Wolf dem Sonnengott heilig, der in Wolfsgestalt erschien, als er die Telshinen auf Rhodus[236]niedermetzelte. Seine Verbindung mit Apoll hielt man für zufällig und für eine Folge des Wortspiels zwischenλὐκοςWolf undλύκηLicht. Einige Schriftsteller[237]haben den ganzen späteren Werwolfsaberglauben darauf zurückgeführt. Fiske[238]bemerkt in bezug auf letztere Ansicht sehr milde: »Anzunehmen, daß Jean Grenier sich für einen Wolf hielt, weil das griechische Wort für Wolf dem für Licht ähnlich war und so Anlaß zu der Geschichte von einer Lichtgottheit gab, die zu einem Wolf wurde, scheint mir durchaus unzulässig.« Man könnte hinzufügen, daß es typisch für die Schlüsse ist, zu denen man gelangt, wenn man die Psychologie bei den mythologischen Studien vernachlässigt. Wie anderswo in seelischen Prozessen, so verdeckt auch hier wahrscheinlich eine oberflächliche Assoziation eine innere Verbindung der Ideen. Zwei solche Beziehungen zwischen den Ideen von Wolf und Licht oder Sonne mögen hier kurz erwähnt werden; sie gehören beide zu starken, bei der Zeugung tätigen Kräften. Schnelligkeit der Bewegung — eine hervorstechende Eigenschaft des Wolfes — wird in der Mythologie vielfach mit Fruchtbarkeit einerseits, mit Wind und Sonne anderseits in Verbindunggebracht. Die Vorstellung von der unaufhörlichen Bewegung der Sonne ist eine der Ursachen für ihre häufige Assoziation mit dem Pferd in der indischen, griechischen und germanischen Mythologie. Die Verknüpfung derFruchtbarkeit mit dem schnellen Wind ist ebenso verbreitet; man braucht bloß auf den griechischen und römischen Glauben hinzuweisen, daß der Westwind Pferde[239]und Frauen schwanger machen kann, ein Glaube, der bis vor kurzer Zeit in Portugal[240]bestand, ferner auf den deutschen Brauch, zu säen, während der Westwind[241]bläst. Dies ist vielleicht die Ursache dafür, weshalb gerade über derwestlichen Türvon Gladheim, der germanischen Welt der Freude, ein Wolf[242]hing. Die andere Verbindung stammt von der durch den Kontrast herbeigeführten Assoziation zwischen Zeugung und Zerstörung, zwischen der fruchtbringenden Macht[243]der Sonne und ihrer verderblichen, ferner zwischen ihrer wirksamen (phallischen) Wärme bei Tag und im Sommer einerseits und ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Untergang bei Nacht und im Winter anderseits.[244]Es ist bezeichnend, daß Apoll, bevor er mit Helios identifiziert wurde, vor allem der Gott des Todes war; seine Beziehung zum Wolf ist noch älter, denn seine Mutter Leto verwandelte sich, bevor sie ihn gebar, in eine Wölfin, um sich vor dem Zorne der Hera zu schützen. Demselben Wortspiel ist auch die wohlbekannte Werwolfsage von Lykaon zuzuschreiben, die in verschiedenen Versionen von Ovid, Pausanias, Apollodorus und anderen[245]berichtet wird und deren Analyse hier zu geben nicht notwendig ist.
Eine noch bedeutsamere Rolle spielte der Wolf in Rom, wie ja die Romulus-Remus Geschichte zeigt. Man hat Ursache, anzunehmen, daß die Gründer von Rom nach dem ursprünglichen Glauben von einer Wölfin nicht nur gesäugt, sondern sogar geboren wurden, mit anderen Worten, daß die Sage einer totemistischen Anschauung entsprang. Die Priester des Soranus, des sabinischen Todesgottes, der später mit Apoll identifiziert wurde, hießen Hirpi (Wölfe) und eine Art Räuberei bildete einen Teil ihres Kultes. Der Wolf war das dem Mars heilige Tier und dieser war ja ursprünglich ein Todesgott. Der Gott Lupercus stellt wahrscheinlich eine Gruppe von Eigenschaften des Mars dar, die sich abgespalten haben und eine neue Gottheit bilden; seine Frau Luperca bedeutet die Wölfin, die Romulus und Remus säugte. Die Priester hießen Crepi, eine ältere Form von Capri (Böcke). Lupercus war ein Beiname des Gottes Faunus, Februus oder Innus (von inire, Verkehr pflegen). Schwelger[246]sagt, der Name Lupercus sei von lupus und hircus abgeleitet und bedeute so Wolfbock: »Eine Bezeichnung, welche die beiden Seiten der in Faunus sich darstellenden chthonischen Macht, die zerstörende lebenvernichtende und die hervorbringende, lebenerzeugende als wesentliche Konnexe zumal ausspricht.« Das Fest der Lupercalien (15. Februar) scheint eine Reinigung durch Heirat symbolisiert zu haben. Von dem Worte februare (inire), nach dem der Monat genannt ist, stammt der Beiname Februata oder Februalis der Göttin Juno, der die Ehe heilig war. Man glaubte, daß Werwölfe ihre unheilvolle Tätigkeit im Februar[247]ausübten, und nach Andrée[248]ereigneten sich tatsächlich die meisten Epidemien von Lykanthropie in diesem Monat. Wir können in betreff der sexuellen Bedeutung des Gegenstands eine Stelle von Hermann[249]hinzufügen: »Auch im Italienischen bedeutete lupa sowohl Wölfin als auchBuhlerin (vulva) und aus den Tempeln der Luperca wurden die späteren Bordelle oder Lupanare.«
Zahlreiche Versuche, die zum Teil sehr amüsant sind, wurden zur Etymologie des Wortes Werwolf[250]gemacht. Die richtige wurde zuerst im Jahre 1211 von Gervasius von Tilbury gegeben. »Wer« bedeutet Mann (lateinisch vir, sanskrit viras, vergleiche Wergeld) »Wolf« bedeutet ursprünglich Räuber[251](sanskrit wrikas). Die Römer kannten den Geschlechtsnamen versipellis = Hautwechsler; das französische Wort loup-garou (von Bodin[252]loup-varou und von älteren Schriftstellern loup-warou[253]geschrieben) kommt wahrscheinlich von dem normannischen Garwolf[254]= werwolf und ist infolgedessen tautologisch.
Der Werwolfaberglaube ist sehr weit verbreitet gewesen; Hertz[255]hat Beispiele dafür aus den verschiedensten Ländern gesammelt. Die betroffene Person wurde nach der allgemeinen Anschauung von einem unwiderstehlichen Impuls — Heißhunger — ergriffen, änderte ihre Erscheinung, streifte des Nachts durch die Felder und zerfleischte dabei Tiere und Menschen, besonders Kinder. Der Impuls war nur zeitweise wirksam und konnte dazwischen ziemlich lang schlummern. Wenn die Verwandlung in einen Wolf plötzlich erfolgte, so geschah sie meistens dadurch, daß der Betreffende entweder eine Wolfshaut[256]anlegte oder auch einfach das Innere seiner eigenen Haut nach außen[257]wendete; er trug nämlich eine Wolfshaut unter seiner eigenen und dieser Glaube verursachteim Mittelalter schreckliche Marterungen, da man verdächtige Leute zerstückelte[258], um die haarige Haut zu finden. Haar und Werwolf wurden eng miteinander assoziiert, was sich darin zeigt, daß der russische Namen für letzteren »volkudlak« ist, von volk = Wolf, dlak = Haar[259]. Werwölfe konnte man in ihrer menschlichen Gestalt an ihren starken zusammengewachsenen Augenbrauen[260]erkennen. Auf die sexuelle Bedeutung des Haares braucht hier kaum hingewiesen zu werden. Die Wolfshaut konnte abgelegt werden und wenn man sie verbrannte, konnte sich der Betreffende nicht mehr verwandeln[261]; wenn man aber andrerseits die menschlichen Kleider wegnahm, während er in Wolfsgestalt war, mußte er für immer ein Wolf bleiben.[262]Dies ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie und besonders wichtig für die Schwanjungfraumärchen. Das Anlegen der Wolfshaut war nur möglich, wenn der Mensch nackt[263]war, die Umwandlung war vollständig bis auf die Augen, wofür Hertz[264]folgende Erklärung gibt: »Da die Seele unverändert bleibt, so erfährt auch das Auge, der Seele Spiegel, keine Veränderung; am Auge werden die Verwandelten erkannt.« In der Mythologie aber kann das Auge ebensogut einen wichtigen Teil des Körpers als der Seele symbolisieren und diese Tatsache stimmt besser zu der folgenden Variante, die Grimm[265]erzählt: »ein Mann wurde durch eine Hexe verwandelt, er heulte vor ihrer Tür, um erlöst zu werden, und nach drei Jahren gab sie nach und schenkte ihm eine menschliche Haut, um ihn damit zu befreien; er zog sie über sich, aber sie bedeckte seinen Schweif nicht, so daß er zwar wieder Menschengestalt erlangte, aber den Wolfsschwanz behielt.« Die Vorstellung ist dieselbe wie in den Geschichten vom Teufel,der an seinem gespaltenen Huf, den er nicht verbergen kann, zu erkennen ist. In beiden Fällen bildet das phallische Symbol der Tiernatur einen unveränderlichen Bestandteil ihres Wesens.
Die Vorstellungen des Volkes über die Ursachen, durch die jemand ein Werwolf wird, ähneln den andere mythologische Wesen betreffenden in bemerkenswerter Weise und ihre Erklärung würde uns zu weit von unserem Thema abführen, als daß sie hier gegeben werden könnte. Der hervorstechendste Zug ist der Glaube, daß eine solche Verwandlung auf zwei ganz verschiedene Arten entstehen kann, je nachdem, ob der Betreffende sie freiwillig durchführte oder gezwungen, gegen seinen Willen; für letzteres gab es drei Ursachen: »Schicksal, Zauberei und Sünde«. In den ersten beiden Fällen ist es sein Unglück, im dritten sein Fehler. So werden sündige Frauen in Wölfinnen verwandelt, meistens für sieben Jahre. Um jemanden in einen Werwolf zu verhexen, war eine Haut oder ein Gürtel nötig, bisweilen genügte auch ein einfacher Ring. Wenn das Schicksal Schuld an der Verwandlung war, so konnte der Werwolf auf verschiedene Art erlöst werden. Die gewöhnlichen Mittel, die man anwendete, waren: Jemanden bei seinen Taufnamen[266]zu rufen, ihm zu erzählen, daß er ein Werwolf[267]sei, oder auch bloß ihn wiederzuerkennen.[268]
Wenn die mittelalterlichen Kirchen-Scholastiker die Frage aufgriffen, so akzeptierten sie diese Dinge zwar als Glauben des Volkes, aber während einige meinten, daß die Tierverwandlung wirklich geschähe, behaupteten andere, daß es eine bloße Vorspiegelung des Teufels[269]sei. Alle aber stimmten darin überein, daß die richtige Behandlung in der Vernichtung, am liebsten Verbrennung des Verwandelten bestehe. Bodin[270]verteidigt die Richtigkeit dieser Vorstellung folgendermaßen: »Plusieurs medecins voyant une chose si estrange, et ne sachant point la raison, pour nesembler rien ignorer, ont dict et laissé par escript, que la Lycanthropie est une maladie d’hommes malades qui pensent estre loups, et vont courans parmy les bois: Et de cet advis est Paul Aeginet: mais il faudroit beaucoup de raisons, et de tesmoings, pour dementir tous les peuples de la terre, et toutes les histoires, et mesurement l’histoire sacrée, que Paracelse, et Pomponace, et mesurement Fernel les premiers Medecins et Philosophes qui ont esté de leur aage, et de plusieurs siecles, ont tenu la Lycanthropie pour chose tres-certaine, veritable et indubitable. Aussi est ce chose bien fort ridicule de mesurer les choses naturelles aux choses supernaturelles, et les actions des animaux aux actions des esprits et Daemons. Encore est plus absurde d’alleguer la maladie, qui ne seroit sinon en la personne du Lycanthrope, et non pas de ceux qui voyent l’homme changer en beste, et puis retourner en sa figure.« Die wichtigsten Änderungen, die die Kirche in dieser Vorstellung hervorrief, betrafen die Ursache des Ereignisses. Die unschuldigen Werwölfe wurden entweder von dem Teufel selbst oder von den Hexen auf sein Gebot hin verzaubert. Die Schuldigen wurden davon infolge ihrer Sünden betroffen, die gewöhnlich in Ketzerei oder in Beziehungen zum Teufel bestanden. Eine besondere Abart des Werwolfs ist der Büxenwolf (Büxen plattdeutsch für Hosen), der dieses Privileg dafür besaß, daß er einen Pakt mit dem Teufel[271]abgeschlossen hatte. Die heidnische Vorstellung davon, daß die Verwandlung durch Schicksalsschluß verursacht sei, erhielt keine Verstärkung durch die Kirche, doch gibt es ein Beispiel von christlichem Einfluß in dieser Richtung, nämlich den Glauben, daß ein am Weihnachtstag geborenes Kind bestimmt sei, ein Werwolf zu werden. Als Ursache dafür wird angegeben, daß seine Mutter es gewagt habe, am selben Tag wie die Jungfrau Maria[272]zu empfangen.
Es ist ganz verständlich, daß während der Zeit der Hexenverfolgungen der Glaube an Werwölfe eine große Rollespielte. Hertz[273]schreibt: » ... entstand mit dem Hexenglauben die Vorstellung von Menschen, die sich mit Hilfe des Satans aus reiner Mordlust zu Wölfen verwandeln. So wurde der Werwolf in düster poetischer Symbolik das Bild des tierisch Dämonischen in der Menschennatur, der unersättlichen gesamtfeindlichen Selbstsucht, welche alten und modernen Pessimisten den harten Spruch in den Mund legte: Homo homini lupus.« Man meinte, daß die Werwölfe sich ebenso wie die Hexen versammelten, durch die Luft fuhren, einen Sabbat abhielten, ihrem Herren, der ihnen sein Zeichen (Stigma) aufdrückte, Ehrfurcht erwiesen und untereinander sexuellen Verkehr pflegten.[274]Viele dieser Einzelheiten wurden bei einer der früheren Gerichtsverhandlungen bekannt, so in der von Verdun und Burgot im Jahre 1521, über die mehrere Schriftsteller berichten.[275]Nach de Lancre[276]gaben diese Leute zu »qu’ils prenoyent autant de plaisir lors qu’ils s’accouploient brutalement auec les louues, que lors qu’ils s’acointoyent humainement auec des femmes.« Ferner beschrieben sie, wie der Teufel sie in Wölfe verwandelt hätte, indem er sie mit einer Salbe eingerieben. Dasselbe Geständnis legten auch die Angeklagten in einer Gerichtsverhandlung in Salzburg im Jahre 1717 ab. Die »Einreibung« war offenbar die wohlbekannte Hexensalbe. Beide wurden in Besançon verbrannt.
Wie die Hexen so stehen auch die Werwölfe in Beziehungen zu den Katzen und bilden in vieler Hinsicht das Gegenstück zu ihnen. Wie der Wolf Wotan heilig war, so die Katze der Freya.[277]Zauberer verwandeln sich in Wölfe, Zauberinnen in Katzen[278]und die Einzelheiten dieses Vorgangs waren in beiden Fällen[279]die gleichen. Beide Motive sind in einer alten tartarischen Heldensage[280]vereinigt. »Bürüh-Chan, ein Herrscher über 600 Wölfe, lebte bald als ein goldglänzender Wolf,[281]bald als Mensch. Der Knabe Altenkök fängt ihn in einer Schlinge und fordert von ihm auf den Rat eines Greises die Katze, welche er in seinem Zelte hege. Als sie der Knabe nach Hause gebracht, verwandelt sie sich in ein schönes Weib; denn sie ist die Tochter des Wolfsfürsten, der nun seinem Eidam reiche Mitgift schenkt.«
Infolge der Aufmerksamkeit, die die Kirche der Angelegenheit schenkte, wurden Werwolfverhandlungen zu Ende des Jahrhunderts außerordentlich häufig und nahmen in einigen Gegenden, z. B. im Jura, epidemische Form[282]an. Die meisten gaben ihre Schuld zu, beschrieben bis ins einzelne ihre Verwandlung und ihre nächtlichen Taten, wie sie Menschen und Tiere zerfleischten. Die bekanntesten Verhandlungen waren die über Gilles Garnier 1573[283]und über Jean Grenier 1603[284]; ersterer wurde lebendig verbrannt. Ein Werwolf wurde noch 1720[285]in Salzburg hingerichtet. In Frankreich bekam der Glaube im Anfang des 18. Jahrhunderts den Todesstoß durch eine anonyme Satire, deren Verfasser der Abbé Bordelon war: »Les aventures de Monsieur Oufle«, (Anagramm für Foule).
Der Glaube an die wirkliche Existenz von Werwölfen ist keineswegs ausgestorben; Krauß[286]erzählt vom Jahre 1888 ein gutes Beispiel dafür und, wie ich aus eigener Erfahrung bezeugen kann, glauben die französischen Canader[287]noch jetzt fest daran.
Die Verwandtschaft zwischen dem Werwolf- und dem Inkubusglauben ist nur eine indirekte, wie sogleich gezeigt werden soll, doch besteht eine sehr enge Verbindung mit dem Aequivalent des Volkes für den Inkubus- nämlich dem Alp- und Mahrglauben. Der siebente Sohn ist dazu bestimmt, ein Werwolf[288]zu werden, die siebente Tochter eine Mahr.[289]Nach einer dänischen Überlieferung wird eine Frau, die das Geburtshäutchen eines Füllens über vier Pflöcke spannt und um Mitternacht nackt unten durchkriecht, ihre künftigen Kinder ohne Schmerzen gebären, aber alle Knaben müssen Werwölfe werden und jedes Mädchen eine Mahr.[290]Dies kann man mit folgendem skandinavischen Aberglauben vergleichen: »wenn eine Frau sich eine leichte Geburt dadurch verschafft, daß sie unter einem Pferdegeschirr durchkriecht, so wird das Kind ein Alp[291]werden.« Meyer[292]sagt: »Die Katzen, die unter einen Sarg und von da unter das Bett eines Neugeborenen springen, können dasselbe in einen Werwolf oder eine Mahr verwandeln.« Hexen haben in dieser Hinsicht dieselbe Macht wie Katzen und Kinder, die nicht gegen sie geschützt sind, nennt man Heidenwölfe.[293]Der Werwolf gelangt durch den Abzugskanal in das Haus, ebenso wie die Mahr durch das Schlüsselloch.[294]Man kann einen Werwolf, ebenso wie den Alp[295]und die Mahr[296]an den zusammengewachsenen Augenbrauen erkennen. Die Kinder der Roggenfrau werden Roggenwölfe.[297]Schließlich geht die Befreiung des Werwolfs auf dieselbe Weise vor sich, wie die der Mahr, der Schwanenjungfrau u. s. w.
Die Beziehungen zwischen Werwolf- und Vampirvorstellungen sind noch enger; vor allem ist im Südosten von Europa der Glaube allgemein, daß Werwölfe nach ihrem Tod Vampire[298]werden. Natürlich sind in dieser Gegend, wo der Vampirglaube am festesten wurzelt, die beiden Vorstellungen aufs engste miteinander verknüpft[299], obwohl zwei der besten Autoritäten, Andrée[300]und Krauß[301], behaupten, daß man sie immer auseinanderhalten könne. Aber die bloße Tatsache, daß das russische Wort volkudlak, ursprünglich Werwolf, in Bulgarien und Serbien allgemein (mit lokalen Varianten) zur Bezeichnung des Vampirs[302]aufgenommen wurde, spricht unzweifelhaft dafür, daß das Volk eine enge Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen sieht.
Der Werwolf wird, wenn auch nicht so regelmäßig wie der Vampir, mit der Vorstellung vom Tode assoziiert. Die enge Verbindung zwischen dem Wolf und den Todesgottheiten des Altertums wurde oben erwähnt. Der gespensterhafte Wolf spielt ebenso wie der gespensterhafte wilde Hund eine wichtige Rolle als Psychopomp[303]und in späteren Zeiten galt das Heulen eines Wolfes oder eines Hundes für ein Todesomen. Er wird mit den Vorstellungen von Nachtfahren und Nachtreiten überhaupt in Verbindung gebracht. Die feindlichen Nachtfrauen des nordischen Volksglaubens — sie gehören zu den Ahnen der mittelalterlichen Hexen — ritten auf Wölfen.[304]Viele Märchen von Werwölfen entstammen offenbar der verwandten Vorstellung vom wütenden Heer und der wilden Jagd. Peucets[305]Beschreibung von dem nächtlichen Marsch von tausenden von Werwölfen, die ein großer Mann mit einer Peitsche aus Eisenringen führt, — offenbar der Teufel— erinnert lebhaft an die zahlreichen Erzählungen dieser Art[306]. Nach Mannhardt[307]wäre auch der Roggenwolf gleich dem Hunde der wilden Jagd als Seelenbegleiter — Psychopomp — gedacht.
In dieser Verbindung ist es von Wichtigkeit, daß der Werwolf nicht allein ein verwandelter lebender Mensch sein kann, sondern auch ein Leichnam, der sich in Gestalt eines Wolfes aus dem Grab erhoben hat. Hertz[308]erzählt folgenden Fall: »Ein merkwürdiges Beispiel ist der gefährliche und grausame Wolf von Ansbach im Jahre 1685, welcher für das Gespenst des verstorbenen Bürgermeisters gehalten wurde.« Der Wolf wurde schließlich getötet. »Darauf zog man ihm die Haut ab für die fürstliche Kunstkammer, machte ihm von Pappe ein Menschengesicht mit einem Schönbart lang und weißgraulich, ein Kleid vongewichster fleischfarbrötlicher Leinwand und eine kastanienbraune Perrücke; so wurde er auf dem »Nürnberger Berg vor Onolzbach« an einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehängt.« Den verwandelten Leichnam hielt man gewöhnlich für den eines Verdammten, der in seinem Grab[309]keine Ruhe finden konnte. Ein historisches Beispiel dafür ist König Johann »ohne Land« von England, dessen Leichnam sich, wie man glaubte, infolge einer päpstlichen Exkommunikation in einen Werwolf verwandelt hätte. Bosquet[310]schreibt diesbezüglich: »Ainsi se trouva complètement réalisé le funeste présage attaché à son surnom de Sans-Terre, puisqu’il perdit de son vivant presque tous les domaines soumis à sa suzeraineté, et que, même après sa mort, il ne put conserver la paisible possession de son tombeau.«
Das Gehaben des Werwolfs erinnert häufig an das des Vampirs; in Armenien werden sündige Frauen dadurch bestraft, daß sie sieben Jahre als Werwölfe leben müssen;wenn die schreckliche Wolfslust sie überfällt, so zerreißen sie zuerst ihre eigenen Kinder, dann die ihrer Verwandten und schließlich fremde, ganz ebenso wie die Vampire.[311]Ein anderes armenisches Ungeheuer, der Dashnavar, der zwischen Werwolf und Vampir steht, saugt das Blut aus den Sohlen der Vorübergehenden, bis sie sterben.[312]Nach Hertz[313]ist: »am auffallendsten die Vermischung der Vorstellungen von Werwolf und Vampir in Danziger Sagen, wo es heißt, man müsse den Werwolf verbrennen, nicht begraben; denn er habe in der Erde keine Ruhe und erwache wenige Tage nach der Bestattung; im Heißhunger fresse er sich dann das Fleisch von den eigenen Händen und Füßen ab, und wenn er nichts mehr an seinem Körper zu verzehren habe, wühle er sich um Mitternacht aus dem Grabe hervor, falle in die Herden und raube das Vieh oder steige gar in die Häuser, um sich zu den Schlafenden zu legen und ihnen das warme Herzblut auszusaugen; nachdem er sich daran gesättigt habe, kehre er wieder in sein Grab zurück. Die Leichen der Getöteten findet man aber des anderen Tages in den Betten und nur eine kleine Bißwunde auf der linken Seite der Brust zeigt die Ursache ihres Todes an.« Werwölfe wurden sogar mit den Ghuls vermengt; in Frankreich gab es eine besondere Art von Werwölfen, loubins genannt, die Nachts herdenweise die Kirchhöfe besuchten, um die Leichen zu zerfleischen.[314]
Wir sehen also, daß das Motiv vom revenant und das der Leichen dem Werwolf- und Vampirglauben gemeinsam sind, während von dem Blutsaugen des letzteren zu des ersteren Gier nach Zerfleischen nur ein kleiner Schritt ist; die beiden Vorstellungen sind also überall ineinander verschlungen.
Was die Bedeutung und den Ursprung des Werwolfglaubens betrifft, so muß bemerkt werden, daß die wichtigsten Elemente die Verwandlung in Tiere, die Gier nach Zerfleischenund das nächtliche Wandern sind. In manchem anderen Aberglauben können die beiden letzteren Elemente ohne das erste miteinander verbunden werden. So glauben die Thessaler, Epiroten und Wallachen an Somnambulisten, die bei Nacht umherwandern und die Menschen mit ihren Zähnen zerreißen.[315]Von dieser Vorstellung, nämlich sich wie ein Wolf benehmen, ist es zur tatsächlichen Verwandlung nur mehr eine Stufe. Daß die Lust am Zerreißen und Zerfleischen eine sadistische Tendenz darstellt, ist so offenbar, daß es keiner Besprechung bedarf, und viele Autoren[316]haben es bezeugt. Die beiden Ausdrücke können in der Tat fast immer miteinander vertauscht werden; die Wolfssymbolik eignet sich besonders dazu, dies darzustellen, und die Wirkung wird noch dadurch erhöht, daß die Werwölfe für wilder gelten als andere Wölfe. Aus der Tatsache, daß eine so intensive Grausamkeit und Wildheit, außer in Angstträumen, nur sehr selten zum Bewußtsein kommt, wenigstens nicht in demselben Grade, kann man mit Recht mutmaßen, daß eben die Erfahrungen der Angstträume eine wichtige Rolle bei der Entwicklung unseres Aberglaubens spielten. Sadistische Tendenzen erweisen sich bei der Analyse in der Regel als eng verknüpft mit Inzestgedanken und stehen in Verbindung mit der Vorstellung des Kindes vom Koitus der Eltern, von der Feindseligkeit gegen den Vater u. s. w. Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der Haß gegen den Vater ein besonders auffälliges Charakteristikon bei den wirklichen Fällen von Lykanthropie[317]war, d. h. dort, wo die Leute sich einbildeten, Nachts in Gestalt von Wölfen umherzuwandern.
Der Glaube an das Nachtwandern, d. h. daran, daß eine bestimmte Person gleichzeitig an zwei Orten sein kann, stammt wie das wirkliche Schlafwandeln sicherlich aus Traumerfahrungen, denn seine Entwicklung kann man noch heute bei wilden Völkern beobachten. Man glaubte, daß der wirklicheLeib des Werwolfs schlafend im Bett läge, während sein Geist in Wolfsgestalt[318]die Wälder durchstreife; ferner fanden sich, wenn der Wolf verletzt wurde, die entsprechenden Wunden an dem menschlichen Körper, der daheim[319]geblieben war. Die Ähnlichkeit mit den Traumvorstellungen der Wilden, auf die im ersten Kapitel hingewiesen wurde, ist wohl deutlich; für diese Reiseträume gibt es verschiedene Quellen, denn sie können eine beträchtliche Anzahl verdrängter Wünsche symbolisieren, so den Wunsch nach Freiheit von Zwang, den der Wolf sehr gut darstellt[320], und besonders nach Unabhängigkeit vom Vater, nach erhöhter Potenz, die durch schnelle Bewegung symbolisiert wird, u. s. w. Die letzte Quelle des Interesses an der Bewegung muß man in der sexuellen Färbung angenehmer Empfindungen dieser Art suchen, die das Kind[321]hatte.
Werwolf- und Inkubusglauben können als die beiden entgegengesetzten Seiten desselben Motivs angesehen werden; bei letzterem ist die Aufmerksamkeit auf die Person konzentriert, die im Schlaf durch ein Ungeheuer überfallen wird, bei ersterem auf das Ungeheuer, das den Schläfer angreift. Die masochistische Komponente des Motivs ist bei dem einen, die sadistische bei dem anderen vorherrschend. Der Werwolfglaube besteht also im wesentlichen in der Ausbildung und Modifizierung der einfacheren Inkubusvorstellung.
Bei der Zusammensetzung der Idee des Teufels hat eine fast unzählbare Menge verschiedener Faktoren mitgewirkt. Das analytische Studium ähnlicher Bildungen der menschlichen Phantasie, beispielsweise der psychoneurotischen Symptome,zeigt, daß die meisten dieser Faktoren nur Nebenbeiträge darstellen, da jede Phantasie umeinennucleus herum gruppiert ist. Es kann unsere Aufgabe nicht sein, die Enträtselung dieser beitragenden Faktoren zu versuchen, und wir wollen von den zahlreichen Problemen, die der Gegenstand enthält, die folgenden drei für unsere Erörterung auswählen; 1. Was ist die eigentliche und wesentliche Bedeutung des Teufelsglaubens? 2. Wieso wurde er in einer bestimmten Epoche so bedeutungsvoll und scharf umrissen? 3. In welcher Verbindung steht er mit der Erfahrung des Angsttraumes?
Daß der Teufel nicht vom Himmel erzeugt wurde, wie die Theologen noch heute lehren, sondern vom Menschengeist, kann als erwiesen gelten; so sagt Graf[322]: »Er wurde nicht vom Himmel herabgestürzt, sondern erhob sich aus den Abgründen der menschlichen Seele«. Und daß diese »Abgründe«, wenn man ihre Entstehung untersucht, eine durchaus bestimmte Bedeutung erhalten, daran läßt sich wohl kaum zweifeln. Freud[323]schreibt: »Der Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten unbewußten Trieblebens« und Silberer[324]sagt: »Der Teufel und die finsteren dämonischen Gestalten der Mythen sind, psychologisch genommen, funktionale Symbole, Personifikationen des unterdrückten, nicht sublimierten elementaren Trieblebens.« Unser Problem ist es also, herauszufinden,welcheKomponenten dieses Trieblebens die Quelle des Teufelsglaubens bilden.
Unzweifelhaft gehört die Frage des Teufelsglaubens in die Reihe jener Probleme, die mit dem Angstgefühl zusammenhängen; seine ganze Geschichte ist eine Geschichte der ununterbrochenen Angst und mit diesem Gefühle war er so unlösbar verbunden, daß die Gegenwart eines verkleideten Dämons durch die Angst und den heftigen Schrecken, den sie zurückließ, entdeckt werden konnte; denn ihre Wirkung auf dieAnwesenden war so stark, daß diese am ganzen Körper gelähmt, stumm oder eisig kalt wurden.[325]Zum Ausgangspunkt für unsere Untersuchungen wollen wir eine Bemerkung Pfisters[326]nehmen, in der er den Teufelsglauben auf »infantile Angsterlebnisse« zurückführt. Da die Entstehungsursache der infantilen Angst jetzt bekannt ist[327], liegt es nahe, die Beschreibungen des Teufelsglaubens im Lichte dieser Kenntnis zu betrachten. Dieses Verfahren hat mich zur Formulierung der folgenden Schlüsse gelangen lassen, deren Beweis sogleich mitgeteilt werden soll:Der Teufelsglaube ist hauptsächlich eine Projektion zweier Kategorien von verdrängten Wünschen, die beide im letzten Grunde auf die infantile Ödipus-Situation zurückgehen;a)der Wunsch, gewisse Eigenschaften des Vaters nachzuahmen;b)der Wunsch, dem Vater Trotz zu bieten; mit anderen Worten, abwechselnd Wettstreit mit dem Vater und Feindseligkeit gegen ihn. Aus beiden Quellen fließt verdrängtes Material; auch die erste unterscheidet sich von jener Frömmigkeit, die sich später durch den Glauben an Gott äußert, dadurch, daß sie enger mit der Bewunderung für die dunklere »böse« Seite in dem Charakter des Vaters zusammenhängt. Im ersten Falle personifiziert der Teufel den Vater, im zweiten den Sohn; er stellt also die unbewußte Stellungnahme zum Sohn-Vater-Komplex dar, wobei bald die eine, bald die andere Seite besonders hervortritt. Dem ist hinzuzufügen, daß die entsprechende weibliche Ödipus-Situation ebenfalls Material beigestellt hat, das jedoch minder wichtig ist; darum soll der Vereinfachung halber das Problem hauptsächlich mit den Ausdrücken für den männlichen Komplex erörtert werden, von dem der andere in vieler Hinsicht nur ein Duplikat ist.
Wenn wir nun zunächst das zweite der oben erwähnten Probleme aufnehmen, müssen wir sogleich auf die reinhistorische Betrachtungsweise verzichten; für diese sei der Leser auf Bücher wie die von Conway, Grimm, Roskoff, Gener verwiesen, unter denen insbesondere das letzterwähnte durch seine Reichhaltigkeit und gründliche philosophische Fundierung hervorragt. Ein kurzer Auszug aus einigen der wichtigsten historischen Angaben ist jedoch für unsere Orientierung unerläßlich. Der erste Punkt, auf den hier Gewicht gelegt werden muß, ist die Tatsache, daß die Teufelsidee in der genauen Bedeutung des Wortes ausschließlich dem Christentum angehört, da die früheren Angaben nur das bloße Material bilden, aus welchem die eigentliche Vorstellung geformt wurde; für unser Problem müssen wir also kurz die Art dieses früheren Materials erörtern.
Die Vorstellung von bösen, übernatürlichen Kräften ist, obwohl nicht überall verbreitet, doch unter den wilden Völkern[328]sehr häufig und war es auch unter den Kulturvölkern des Altertums; überprüft man aber die einzelnen Zeugnisse genauer, so fällt es auf, daß die betreffenden Kräfte nur äußerst selten als rein böse vorgestellt wurden. Fast die einzige Ausnahme ist der persische Ahriman, wie er in der Zend-Avesta (Vedida-Abschnitt) geschildert wird. Man kann deshalb behaupten, daß vor dem Christentum keine scharfumrissene Vorstellung von einem übernatürlichen Wesen, dessen Beruf das Böse war, existierte. Der brahmanische Vritra, der buddhistische Siva, der ägyptische Set (oder Typhon), der griechische Pan, der germanische Loki waren alle zweifellos Götter, die nicht nur versöhnt, sondern auch verehrt werden mußten, und sie alle waren grundsätzlich verschieden von dem Teufel des Mittelalters. Griechenland war, wie nach seinen anderen herrlichen Eigenschaften zu erwarten stand, ausgezeichnet durch die geringe Rolle, welche die Angstgefühle in seiner Theologie spielten. Auf den ersten Blick scheint das Judentum dem Hellenismus in bezug auf die geringe Entwicklung der bösen Wesen in seiner Theologie zu gleichen, aber die Gründe waren in beiden Fällen ganz verschieden. Es ist dabei die bezeichnende Tatsache festzuhalten,daß gleichzeitig mit der Entwicklung der Satanvorstellung, welche dem babylonischen Exile folgte und entweder durch den persischenAhriman oder, was Robertson[329]für wahrscheinlicher hält, durch den babylonischen Ziegengott beeinflußt war, der Charakter der Yahweh-Idee wechselte und sich der modernen Vorstellung einer wohltätigen Gottheit weit mehr näherte. In der früheren Geschichte der Juden waren in Yahweh die Eigenschaften sowohl von Gott wie vom Teufel miteinander verbunden und alles, Böses wie Gutes stammte ohne Zwischenglied von ihm. M. Graf[330]sagt darüber: »Man braucht nur einigermaßen auf das Wesen Jehovas zu achten, um sogleich gewahr zu werden, daß neben einem solchen Gotte für einen Teufel wenig Platz übrig ist.« Conway[331]bemerkt im selben Sinne: »Die Juden hatten ursprünglich keinen Teufel, ebensowenig wie irgend ein anderes Volk und dies aus dem offensichtlichen Grunde, weil ihr sogenannter Gott zu jedem moralischen Übel für fähig galt, für das ein Urheber gefunden werden sollte« und Gener[332]sagt von dem jüdischen Gotte: »Il est dieu et diable à la fois; mais plus fréquemment il est diable.«
Das Beispiel des Judentums ist besonders lehrreich, weil es zur Lösung der Streitfrage beiträgt, ob die Vorstellung des Teufels eine selbständige Entstehungsgeschichte besitzt, wie es die Theologie behauptet, oder das Resultat jenes mythologischen Prozesses ist, den wir als Auseinanderlegung kennen, wobei verschiedene Eigenschaften einer ursprünglich einheitlichen Persönlichkeit mit einer selbständigen Existenz begabt werden, so daß mehrere verschiedene Persönlichkeiten in Erscheinung treten. Die Tatsache allein, daß die Scheidung der Vorstellung von Gott und Teufel ein späteres Stadium der Kulturentwicklung bezeichnet und der ursprünglichen Auffassung, daß übernatürliche Wesen zu gleicher Zeit gut und böse sind, nachfolgt, spricht nachdrücklich zu Gunstender letzteren Hypothese und dies wird durch das Beispiel des Judentums erheblich verstärkt. Nach einer detaillierten Darstellung dieses Sachverhaltes erörtert Gener[333]die Frage, ob Satan 1. einen der degradierten Götter der benachbarten Stämme nach der Besiegung durch Yahweh, 2. den Hazazel des Levitikus oder 3. einfach eine abgetrennte EmanationYahwehs selbst, nach seinen eigenen Worten ein »dédoublement« darstellt. Er entscheidet sich zu Gunsten der letzten Anschauung, welche offenbar die richtige ist, was nicht nur durch die ganze Entwicklungsgeschichte Yahwehs, sondern auch durch Satans eigenes Benehmen bewiesen wird; im Buche Hiob erscheint er als der treue Diener Yahwehs, als eine Art intelligenter Detektiv, der die Leute erprobt und ihre Schwächen ausfindig macht. Conway[334]ist derselben Meinung, sogar bezüglich des erheblich anders gearteten Teufels des Neuen Testaments: »Die Schilderungen des Teufels in der Bibel sind in der Hauptsache von den alten Schilderungen der Elohim und Jehovas in seinem elohistischen Charakter geborgt.«
Dieser Schluß wird durch die Betrachtung der Etymologie des Wortes Teufel (altdeutsch Tuivel, englisch devil, französisch diable) unterstützt. Wie das verwandte griechische »diabolos«, geht es im letzten Grunde auf die Ur-Wurzel D Y V zurück, die wir im Sanskrit in zwei Formen antreffen, div und dyu, deren anfängliche Bedeutung »zünden« war. Von der ersten kommt außer Teufel der germanische Tius, Tiwas oder Zio, der griechische theos, lateinisch deus oder divus, französisch dieu, cymrisch diw, lithauisch diewas, Zigeunersprache dewel, die alle »Gott« bedeuten; dasselbe Wort dewa bedeutet dem Brahmanen Gott und dem Perser und Parsen Teufel. Von der zweiten Form kommt das indische Djaos (der brahmanische Himmelsgott), das griechische Zeus (Z = Dj), lateinisch Jupiter, (altlateinisch Diovis). Dieselbe merkwürdige Polarität ist bei den unpersönlichen Worten zu konstatieren, die aus dieser Wurzel stammen: einerseits daslateinische »dies«, das keltische dis = Taggestirn, Sanskrit dyaos = Tag und anderseits das arische dhvan (wovon das griechische thanatos) = Tod, germanisch devan = sterben, arisch dvi = fürchten, griechisch deos = Schrecken. Ja sogar die eigentlichen Polaritätsausdrücke haben einen ähnlichen Ursprung. Das Sanskrit dva, lateinisch duo, englisch two, cymrisch deu bedeuten alle »zwei« (vgl. englisch double = zweifach mit althochdeutsch deudel = Teufel). Auch das Wort »Zeugen« soll aus derselben Quelle stammen, während das griechische dys ebenso sehr entzwei wie böse bedeutet.[335]
Die Zunahme des Christentums brachte der Teufelsidee neue Nahrung, da sie die einzig mögliche Erklärung für das noch immer in der Welt verbreitete Böse war. Dies war auch als Folge des vom Christentum geforderten Verzichtes auf die sündige Weltlust unvermeidlich. Ein solcher Verzicht wurde von manchen Sekten viel weiter getrieben als von der Mutterkirche und diese entwickelten die Teufelsidee auch in einem entsprechend höheren Grade. Viele der alten Gnostiker hatten an ein Wesen geglaubt, in dem die guten und bösen Eigenschaften gemischt waren, nämlich an den Demiurgos, den Weltschöpfer und Feind Christi, und unter dem Einflusse der degenerierten Form von Zoroasters Lehre, wie sie von dem Perser Mani im 3. Jahrhundert gelehrt wurde, hatten die Manichäer diese Idee zu einem vollständigen System ausgebaut.Darin galt die ganze Natur, alle Tiere, alle weltlichen Gelüste als des Teufels Reich. Um das 11. Jahrhundert ging diese Sekte und andere in dem Konglomerat auf, das unter dem Namen »Katharer« bekannt ist, nach dem Kater, in dessen Gestalt sie Luzifer anzubeten pflegten; auch die Albigenser legten großes Gewicht auf die Sündigkeit der Natur. Diese Umstände hatten auf die katholische Kirche doppelten Einfluß. Einmal drangen diese Lehren in ihren Körper ein und verstärkten den ursprünglichen Glauben an die notwendige Sündhaftigkeit weltlicher Wünsche ungemein, so daß die Auffassung des Begriffes Sünde ein nie vorher oder nachher gekanntes Maß erreichte. Auf der anderen Seite benutzte sie planmäßig die Teufelsidee als kräftige Waffe im Kampf gegen alle Ketzereien, welche sie als vom Teufel stammend erklärte.
Diese Waffe brauchte die Kirche schon in ihrem Kampfe gegen die nichtchristlichen Religionen. St. Paul selbst (1 Kor. X. 20) hatte erklärt, die heidnischen Götter seien nichts als Dämonen, und die Kirche wandte diese Lehre mit gewissenhaften Details auf einen Gott nach dem anderen aus den klassischen und heidnischen Theologien an. Bald stellte es sich jedoch heraus, daß es unmöglich sei, auf diesem einfachen Wege zu beharren, und man entschloß sich — offiziell der erste war Papst Gregor I. im Jahre 601 — auf der Basis der berühmten »Verschmelzungstheorie« zu einer gründlichen Verschmelzung und Durchdringung des Christentums mit anderen Religionen. Die Feste, Kulte und persönlichen Attribute der fremden Gottheiten wurden unter die christlichen verteilt, wobei einige an Christus, Gott, Maria und die zahlreichen Heiligen fielen, andere an den Teufel und sein Gefolge.[336]
Infolgedessen stammen die physischen und geistigen Eigenschaften des mittelalterlichen Teufels aus den allerverschiedensten außerchristlichen Quellen. Es seien nur einigeBeispiele genannt[337]: Wie Pan, die Personifikation der Natur, vereinigte er menschliche und tierische Eigenschaften, lebte an einsamen Orten oder in Höhlen und erschreckte die Menschen plötzlich (Panik, panischer Schrecken); seinen ziegenähnlichen Körper, die gespaltenen Hufe und den Schweif erbte er von Pan und den anderen Satyren, von den germanischen Waldgeistern und dem Thor geweihten Bocke. Von Thor kam auch sein roter Bart, seine Gewohnheit, Brücken zu bauen, und sein übler Geruch; die letztgenannte Eigenschaft hängt sowohl mit der Vorstellung als Ziege wie mit dem Schwefelgeruch, den ein Donnerwetter hinterläßt, zusammen, so wie auch einer von seinen Beinamen »Hammer«[338]von Thors Blitzhammer her genommen war. Wie Zeus und Wotan hatte er besondere Herrschaft über das Wetter und dem letzteren schuldet er seinen Pferdefuß und den Raben als geweihtes Tier. Wie Wotan eilte er in einer Nachtfahrt dahin und entführte die Leute als wilder Jäger; bei solchen Anlässen trug er meist Wotans Gewand, entweder einen grauen Mantel und einen breitkrempigen Hut tief in die Stirne gedrückt oder einen grünen Rock mit einer Feder auf dem Hut. Beide, der Teufel und Wotan, galten als Erfinder des Würfelspiels, das später durch die Karten ersetzt wurde, und bis heute sind im puritanischen England die Karten unter dem Namen: »Das Spiel des Teufels« bekannt. Wie Wotan war er auch ein kunstvoller Schmied und Baumeister und sein altdeutscher Name war der des Schmiedes Voland oder Wieland (Englisch Weyland, unser modernes St. Valentin), der von Wotan abstammte. Der Teufel wird oft hinkend abgebildet, eine Eigenschaft, die mit der letztgenannten in einem merkwürdigen Zusammenhang steht. Nicht nur der deutsche Schmied Wieland (= Wotan) hinkte, sondern ebenso der griechische Hephaistos (Vulkan), der von Zeus aus demHimmel geworfen wurde, wie der persische Teufel Aeshma (der biblische Asmodeus); einer der beiden Böcke, die Thors Wagen zogen, hinkte ebenfalls, ebenso wie das Pferd, das Baldur trug. Wie Loki, der böse Feuergott, wurde der Teufel von den Göttern gefesselt und mußte den Tag der Befreiung erwarten. Seine schwarze Farbe stammt von Saturn, der wie Simrock[339]sagt, mit Loki identifiziert wurde und vom indischen Vritra, dem Gott der Finsternis. Die Fackel unter seinem Schwanz ist den römischen Bacchanalien entnommen.[340]In früheren Zeiten erschien der Teufel den Christen tatsächlich in der Gestalt klassischer Götter: so erschien er im 4. Jahrhundert St. Martin manchmal in Jupiters Gestalt, manchmal als Venus oder Minerva; diese Formen finden sich sogar noch im 12. Jahrhundert.
Wenn wir uns nun fragen, warum der Teufelsglaube im Mittelalter so um sich griff, so ist die Antwort offenbar in den besonderen sozialen und religiösen Bedingungen jener Periode zu suchen; doch sind alle hier maßgebenden Faktoren so untereinander verwickelt, daß nur die ganz allgemein wirkenden hier erwähnt werden können. Als Beispiele dieser Verwicklung sei der in letzter Zeit geführte Nachweis erwähnt, daß so weit entfernt liegende Tatsachen wie das neueingeführte Banksystem[341]und die Verbesserung der Städte-Architektur[342]indirekt einen erheblichen Einfluß ausübten. Doch kann kein Zweifel bestehen, daß der Hauptantrieb von der Kirche selbst kam. Durch das Ausbleiben der von ihr prophezeiten Ereignisse (Weltende im Jahre 1000 und mehreres dieser Art) und durch Skandale[343]im Innern in ihrer Existenz diskreditiert, durch mächtige Ketzersekten[344]bedroht, von politischen und religiösen Spaltungen zerrissen, war sie im 12. Jahrhundert in einer Lage, die sie zu denverzweifeltsten Mitteln zwang. Es war ein bequemer Ausweg, alle ihre Schwierigkeiten durch die Tätigkeit des Teufels zu erklären und so dem Volke Furcht einzujagen. Dieses befand sich damals im Zustand des entsetzlichsten Elends; die Verheerung durch Krieg[345]und Seuchen[346]und das drückende Gefühl der Sündhaftigkeit, von dem jeder einzelne erfüllt war, ließen alle zur leichten Beute für die Lehren der Kirche werden. Ja diese wirkten über ihren Zweck hinaus, denn das Volk, welches durch die offensichtliche Unfähigkeit Gottes und der Kirche, dem Elend Abhilfe zu schaffen, in Verzweiflung gestürzt worden war, nahm die Lehre von den wunderbaren Kräften des Teufels gierig auf und flüchtete sich zu ihm; wahrscheinlich war es die Bestimmtheit der Abmachungen in den bekannten Teufelspakten, die eine größere Anziehungskraft ausübte als die endlosen und unwirksamen Gebete zu Gott. Die Ausdehnung des Glaubens an den Einfluß des Teufels, selbst bei den trivialsten Ereignissen war so groß, daß man Berichte aus jener Zeit nicht lesen kann, ohne zu denken, daß Europa von einer Massenzwangsneurose heimgesucht wurde; die Arten seiner Einwirkung waren so zahlreich, daß sie nach Wier[347]unter 44.435.556 Unterteufel aufgeteilt werden mußten, und ein einziges Weib, Johanna Seiler, wurde gar von nicht weniger als 100 Millionen Teufel durch Exorzismus befreit[348].