Dreizehntes Kapitel.

„Nicht, wenn es Sie betrübt. Hoffentlich denken Sie aber auch nicht, ich machte Ihnen Vorwürfe wegen Ihres Anteils an der Sache, oder ich hätte Jansenius davon erzählt. Das tat ich nicht. Ob ich Orchideen liebe? Ja. Eine Pflanze, die auf einem Holzbrettchen leben kann, ist ein Beweis für die Sparsamkeit der Natur —“

„SiemachenmirVorwürfe!“ schrie Agatha. „Ich habe es nie den Jansenius’ erzählt. Was würden sie von Ihnen gedacht haben, wenn ich es getan hätte?“

„Sie hätten schlimmer über Sie gedacht als über mich, natürlich mit Unrecht. Sie waren die unmittelbare Ursache der Tragödie, ich nur die entfernte. Jansenius ist nicht weitblickend, wenn seine Gefühle gekränkt werden. Die wenigsten Männer sind das.“

„Ich verstehe Sie nicht im mindesten. Welche Tragödie meinen Sie?“

„Henriettas Tod. Ich nenne ihn konventionell eine Tragödie, obgleich er natürlich in Wirklichkeit nichts Ungewöhnliches an sich hatte.“

Agatha machte eine Pause und starrte ihn an. „Was soll das heißen, was Sie jetzt sagten? Ich sei die unmittelbare Ursache der Tragödie, und Sie reden von Henriettas — von Henrietta? Ich hatte mit ihrer Krankheit nichts zu tun.“

Trefusis sah sie an, als überlegte er, ob er weitergehen sollte. Dann sagte er, indem er sie mit der Neugierde eines Vivisektors beobachtete: „Es ist seltsam, Agatha“ — sie fuhr stolz zurück, als sie den Namen hörte, „aber wenn Sie nicht gewesen wären, lebte Henrietta vielleicht noch. Ich bin sehr froh, daß sie es nicht tut, und so brauchen Sie sich also meinetwegen keine Vorwürfe zu machen. Sie starb durch eine Reise nach Lyvern, die sie in großer Erregung und Trauer und bei außerordentlich kaltem Wetter machte. Sie veranlaßten sie zu der Reise, denn Sie schrieben ihr einen Brief, der sie eifersüchtig machte.“

„Wollen Sie mir etwa vorwerfen —“

„Halt! Nein,“ sagte er schnell, und seine ganze Vivisektionslust verging vor ihrer zitternden Stimme. „Ich werfe Ihnen gar nichts vor. Warum sprechen Sie nicht aufrichtig zu mir, wenn Sie in Ihrer gewöhnlichen Stimmung sind? Wenn Sie Ihre wirkliche Ansicht nur auf der Folter gestehen, wer sollte nicht Lust bekommen, Sie zu foltern? Man muß Ihnen gleich eine Mordtat vorwerfen, damit Sie von etwas anderm als Orchideen sprechen.“

Aber Agatha hatte durch ihre früheren Erfahrungengelernt und wollte sich nicht mundtot machen lassen. „Es war nicht meine Schuld,“ sagte sie. „Es war Ihre — ganz allein Ihre Schuld.“

„Ganz allein meine Schuld,“ stimmte er zu und war froh, Sie unwillig statt ängstlich zu finden.

Diese wörtliche Zustimmung besänftigte sie nicht. „Ihr Benehmen war eines Mannes sehr unwürdig. Ich habe Ihnen das auch gesagt, und Sie konnten es nicht leugnen. Sie behaupteten, daß Sie — Sie behaupteten, Sie hätten Gefühle — Sie gaben sich Mühe, mir den Glauben daran beizubringen — Oh, was bin ich töricht, daß ich mit Ihnen rede. Sie wissen ganz gut, was ich meine.“

„Vollständig. Ich versuchte, Ihnen den Glauben beizubringen, daß ich Sie liebte. Woher wissen Sie, daß es nicht wahr war?“

Sie verschmähte es, zu antworten. Aber da er ruhig wartete, sagte sie: „Sie hatten kein Recht, in mich verliebt zu sein.“

„Das ist kein Beweis dagegen, daß ich es nicht doch war. Sehen Sie, Agatha, Sie gaben vor, mich zu lieben, und es lag Ihnen doch gar nichts an mir. Das sprachen Sie deutlich genug in jenem Unglücksbrief aus, den ich noch irgendwo zu Hause habe. Er ist quer durchgerissen, und die Spur von ihrem Absatz ist noch daran zu sehen. Das arme Mädchen muß ihn in ihrem Zorn mit Füßen getreten haben. So kann ich Ihnen also Ihre eigene Handschrift als Beweis zeigen, daß Sie mit mir gespielt haben, und Sie klagen mich — ohne jeden Beweis — an, ich hätte Sie getäuscht.“

„Sie sind klug und können alles verdrehen. Welch ein Vergnügen macht es Ihnen, mich zu quälen?“

„Ha!“ rief er in einem abgebrochenen, bitteren Lachen. „Ich weiß es nicht. Ich glaube, Sie behexen mich.“

Agatha gab keine Antwort und ging ruhig zu dem Ende des Gewächshauses, wo die andern auf sie warteten.

„Wo haben Sie gesteckt und was haben Sie die ganze Zeit über angefangen?“ fragte Jane, als Trefusis eilig hinter Agatha herkam. „Ich weiß nicht, wie Sie das nennen, ich nenne es einfach ungehörig.“

Sir Charles errötete über das schlechte Benehmen seiner Frau, und Trefusis erwiderte ruhig: „Wir haben die Orchideen bewundert und uns darüber unterhalten. Miß Wylie interessiert sich dafür.“

Eines Morgens erhielt Gertrude von ihrem Vater einen Brief:

Meine liebe Gerty, ich habe grade von Madame Smith eine Rechnung von 110 Pfund für Deine Kleider erhalten. Darf ich mir vielleicht die Frage erlauben, wie lange das noch so weitergehen soll? Ich brauche Dir wohl nicht zu erzählen, daß ich nicht die Mittel habe, eine solche Verschwendung noch fernerhin zu unterstützen. Ich bin, wie Du weißt, immer ängstlich besorgt, daß Du Deiner Stellungentsprechend auftreten kannst. Aber wenn das nicht anders geht, als daß ich dabei jede Saison Hunderte von Pfund an Madame Smith wegwerfen muß, dann ist es besser, wenn Du die Gesellschaft aufgibst und zu Hause bleibst. Ich kann es tatsächlich nicht aufbringen. Soviel ich sehe, hat das ganze Gesellschaftsleben Dir nicht viel genützt. Vorigen Monat mußte ich 500 Pfund bei Franklands erheben, und es wäre noch schöner, wenn ich noch mehr erheben müßte, um Deine Kleidermacherin zu bezahlen. Wenn Du wenigstens eine Privatperson beschäftigtest, oder eine, die keine solche Preise macht. Madame Smith erklärt mir, sie will nicht länger warten, und sie verlangt für jedes einzelne Kleid 60 Pfund. Ich hoffe, Du hast mich jetzt richtig verstanden, daß diese Sache ein Ende haben muß.Ich höre von Deiner Mutter, daß sich der junge Erskine mit Dir bei den Brandons aufhält. Ich halte nicht viel von ihm. Er ist nicht wohlhabend und wird es auch kaum werden, da er sich mit Poesie und dergleichen abgibt. Und dann habe ich gehört, daß ein Mann namens Trefusis jetzt sehr oft Beeches besucht. Er muß ein Narr sein, denn er trat bei der letzten Wahl in Birmingham als Kandidat auf und erhielt ganze zweiunddreißig Stimmen, weil er sich als Sozialdemokrat oder mit einem ähnlichen ausländischen Unsinn bezeichnete, statt wie ein Mann zu sagen, er sei ein Radikaler. Ich glaube, der Name blieb ihm in der Kehle stecken, denn seine Mutter war eine von den Howards auf Breconcastle. So fließt gutes Blut in ihm, obgleich sein Vater ein Niemandwar. Ich wollte, er hätte Deine Rechnungen zu bezahlen. Er kann mich zehnmal kaufen und verkaufen, trotz meiner fünfundzwanzig Jahre Staatsdienst.Da ich vorhabe, das Haus etwas instand setzen zu lassen, so wäre es mir lieb, wenn Du diesen Monat noch nicht zurückkämst, falls Du Dich nur irgendwie bei den Brandons halten könntest. Empfehle mich ihm und bestelle seiner Frau meine freundlichsten Grüße. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du einige Schierlingblätter bekommen könntest und sie mir zuschicktest. Ich brauche sie für meine Salbe. Das Zeug, das die Apotheker verkaufen, taugt nichts. Deine Mutter leidet wieder an den Augen, und Dein Bruder Berkeley hat gespielt. Er scheint zu glauben, ich müßte seine Schulden bezahlen. Das alles macht mir vielen Kummer, und ich hoffe, daß Du bis zu Deiner Verheiratung vernünftiger bleibst und mir nicht mehr diese immerwährenden Rechnungen auf den Hals schickst. Du genießest das Leben und bist fern von allem Unangenehmen, aber es lastet doch schwer aufDeinem Dich liebenden VaterC. B. Lindsay.

Meine liebe Gerty, ich habe grade von Madame Smith eine Rechnung von 110 Pfund für Deine Kleider erhalten. Darf ich mir vielleicht die Frage erlauben, wie lange das noch so weitergehen soll? Ich brauche Dir wohl nicht zu erzählen, daß ich nicht die Mittel habe, eine solche Verschwendung noch fernerhin zu unterstützen. Ich bin, wie Du weißt, immer ängstlich besorgt, daß Du Deiner Stellungentsprechend auftreten kannst. Aber wenn das nicht anders geht, als daß ich dabei jede Saison Hunderte von Pfund an Madame Smith wegwerfen muß, dann ist es besser, wenn Du die Gesellschaft aufgibst und zu Hause bleibst. Ich kann es tatsächlich nicht aufbringen. Soviel ich sehe, hat das ganze Gesellschaftsleben Dir nicht viel genützt. Vorigen Monat mußte ich 500 Pfund bei Franklands erheben, und es wäre noch schöner, wenn ich noch mehr erheben müßte, um Deine Kleidermacherin zu bezahlen. Wenn Du wenigstens eine Privatperson beschäftigtest, oder eine, die keine solche Preise macht. Madame Smith erklärt mir, sie will nicht länger warten, und sie verlangt für jedes einzelne Kleid 60 Pfund. Ich hoffe, Du hast mich jetzt richtig verstanden, daß diese Sache ein Ende haben muß.

Ich höre von Deiner Mutter, daß sich der junge Erskine mit Dir bei den Brandons aufhält. Ich halte nicht viel von ihm. Er ist nicht wohlhabend und wird es auch kaum werden, da er sich mit Poesie und dergleichen abgibt. Und dann habe ich gehört, daß ein Mann namens Trefusis jetzt sehr oft Beeches besucht. Er muß ein Narr sein, denn er trat bei der letzten Wahl in Birmingham als Kandidat auf und erhielt ganze zweiunddreißig Stimmen, weil er sich als Sozialdemokrat oder mit einem ähnlichen ausländischen Unsinn bezeichnete, statt wie ein Mann zu sagen, er sei ein Radikaler. Ich glaube, der Name blieb ihm in der Kehle stecken, denn seine Mutter war eine von den Howards auf Breconcastle. So fließt gutes Blut in ihm, obgleich sein Vater ein Niemandwar. Ich wollte, er hätte Deine Rechnungen zu bezahlen. Er kann mich zehnmal kaufen und verkaufen, trotz meiner fünfundzwanzig Jahre Staatsdienst.

Da ich vorhabe, das Haus etwas instand setzen zu lassen, so wäre es mir lieb, wenn Du diesen Monat noch nicht zurückkämst, falls Du Dich nur irgendwie bei den Brandons halten könntest. Empfehle mich ihm und bestelle seiner Frau meine freundlichsten Grüße. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du einige Schierlingblätter bekommen könntest und sie mir zuschicktest. Ich brauche sie für meine Salbe. Das Zeug, das die Apotheker verkaufen, taugt nichts. Deine Mutter leidet wieder an den Augen, und Dein Bruder Berkeley hat gespielt. Er scheint zu glauben, ich müßte seine Schulden bezahlen. Das alles macht mir vielen Kummer, und ich hoffe, daß Du bis zu Deiner Verheiratung vernünftiger bleibst und mir nicht mehr diese immerwährenden Rechnungen auf den Hals schickst. Du genießest das Leben und bist fern von allem Unangenehmen, aber es lastet doch schwer auf

Deinem Dich liebenden Vater

C. B. Lindsay.

Ganz schwache Falten, die ersten Anzeichen des beginnenden Alters, erschienen auf Gertrudes Gesicht, als sie den Brief las. Aber sie beeilte sich, die Grüße des Admirals ihren Wirtsleuten mitzuteilen, und besprach dann mit ihnen voll Mitgefühl den Gesundheitszustand ihrer Mutter. Nach dem Frühstück ging sie in die Bibliothek und schrieb ihre Antwort:

Brandon Beeches.Dienstag.Lieber Papa, es sind drei Jahre her, daß Du zuletzt eine Rechnung an Madame Smith bezahlt hast, und damals machte es einschließlich meines Kleides für den Hof nur 150 Pfund aus. Ich sehe daher nicht ein, wie ich noch sparsamer sein kann, außer ich muß in Lumpen gehen. Es tut mir leid, daß Madame Smith zu so ungelegener Zeit um Bezahlung gebeten hat, aber als ich Dir im März vorigen Jahres riet, ihr etwas zu bezahlen, sagtest Du mir, ich sollte sie durch einen guten Auftrag beruhigen. Ich wundere mich gar nicht über ihre Unhöflichkeit, denn sie hat unter ihren Kundinnen eine Menge Kaufmannstöchter, die ihr für ihre Kleider mehr als 300 Pfund im Jahr bezahlen. Ich trage jetzt einen Rock, den ich vor zwei Jahren erhielt.Sir Charles fährt Donnerstag in die Stadt, er wird Dir den Schierling mitbringen. Sage Mama, daß hier eine alte Frau wohnt, die ein wunderbares Mittel gegen schlechte Augen kennt. Sie will die einzelnen Bestandteile nicht nennen, aber es kuriert jeden. Es hat auch keinen Zweck, einem Augenarzt zwei Guineen zu geben, damit der uns erzählt, daß das Lesen im Bett schädlich für die Augen ist. Wir wissen ja doch ganz gut, daß Mama diese Gewohnheit nie aufgibt. Wenn Du Berkeleys Schulden bezahlst, dann vergiß nicht, daß ich noch von ihm drei Pfund bekomme.Es ist noch eine andere Schulfreundin von mir hier auf Besuch, und ich glaube, Mr. Trefusis wirdnoch einmal das Vergnügen haben, ihre Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein großer Liebling von Lady Brandon. Sir Charles war zuerst böse, weil sie ihn einlud, und wir wunderten uns alle darüber. Der Mann hat einen schlechten Ruf, und er führte einen Pöbelhaufen an, der die Mauern des Parks niederriß. Wir glaubten auch kaum, daß er den Mut haben würde, nach alledem noch zu erscheinen. Aber er scheint sich nichts daraus zu machen, ob wir ihn gern hier haben oder nicht, und er kommt, wenn er will. Da er interessant redet, betrachten wir ihn als ein Geschenk Gottes an diesem öden Platz. Es ist wirklich nicht solch ein Paradies, wie Du denkst. Aber Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich früher zurückkomme, als ich dazu gezwungen bin.Deine Dich liebende TochterGertrude Lindsay.

Brandon Beeches.Dienstag.

Lieber Papa, es sind drei Jahre her, daß Du zuletzt eine Rechnung an Madame Smith bezahlt hast, und damals machte es einschließlich meines Kleides für den Hof nur 150 Pfund aus. Ich sehe daher nicht ein, wie ich noch sparsamer sein kann, außer ich muß in Lumpen gehen. Es tut mir leid, daß Madame Smith zu so ungelegener Zeit um Bezahlung gebeten hat, aber als ich Dir im März vorigen Jahres riet, ihr etwas zu bezahlen, sagtest Du mir, ich sollte sie durch einen guten Auftrag beruhigen. Ich wundere mich gar nicht über ihre Unhöflichkeit, denn sie hat unter ihren Kundinnen eine Menge Kaufmannstöchter, die ihr für ihre Kleider mehr als 300 Pfund im Jahr bezahlen. Ich trage jetzt einen Rock, den ich vor zwei Jahren erhielt.

Sir Charles fährt Donnerstag in die Stadt, er wird Dir den Schierling mitbringen. Sage Mama, daß hier eine alte Frau wohnt, die ein wunderbares Mittel gegen schlechte Augen kennt. Sie will die einzelnen Bestandteile nicht nennen, aber es kuriert jeden. Es hat auch keinen Zweck, einem Augenarzt zwei Guineen zu geben, damit der uns erzählt, daß das Lesen im Bett schädlich für die Augen ist. Wir wissen ja doch ganz gut, daß Mama diese Gewohnheit nie aufgibt. Wenn Du Berkeleys Schulden bezahlst, dann vergiß nicht, daß ich noch von ihm drei Pfund bekomme.

Es ist noch eine andere Schulfreundin von mir hier auf Besuch, und ich glaube, Mr. Trefusis wirdnoch einmal das Vergnügen haben, ihre Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein großer Liebling von Lady Brandon. Sir Charles war zuerst böse, weil sie ihn einlud, und wir wunderten uns alle darüber. Der Mann hat einen schlechten Ruf, und er führte einen Pöbelhaufen an, der die Mauern des Parks niederriß. Wir glaubten auch kaum, daß er den Mut haben würde, nach alledem noch zu erscheinen. Aber er scheint sich nichts daraus zu machen, ob wir ihn gern hier haben oder nicht, und er kommt, wenn er will. Da er interessant redet, betrachten wir ihn als ein Geschenk Gottes an diesem öden Platz. Es ist wirklich nicht solch ein Paradies, wie Du denkst. Aber Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich früher zurückkomme, als ich dazu gezwungen bin.

Deine Dich liebende Tochter

Gertrude Lindsay.

Als Gertrude den Brief geschlossen und den ihres Vaters zerrissen hatte, dachte sie noch etwas über beide nach. Sie hätten sie vielleicht unglücklich gemacht, wenn sie vorher glücklich gewesen wäre. Aber hoffnungslose Unzufriedenheit war jetzt ihr gewöhnlicher Zustand und Fröhlichkeit ein seltener Zufall. Daher versetzten diese gegenseitigen Beschuldigungen in dem Briefwechsel mit ihrem Vater sie höchstens in eine schlechte Laune, aber sie wurde dadurch nicht im mindesten enttäuscht oder gedemütigt.

Um etwas Bewegung zu haben, beschloß sie, den Brief selbst zu dem Postamt im Dorfe hinzutragen und den Riverside Road zurückzukehren. Sie hatte dortSchierling stehen sehen. Sie gab sich Mühe, ungesehen hinauszukommen, denn sie fürchtete, daß Agatha sich anschließen wollte oder daß Jane vorschlagen würde, sie sollten nachmittags zum Postamt hinausfahren. Und Jane wäre den ganzen Tag verdrießlich gewesen, wenn der Ausflug nicht auf den Nachmittag verlegt worden wäre. Gertrude nahm zum Schutz gegen Stromer einen großen Berhardinerhund namens Max mit. Dieses junge, lebhafte Tier hatte eine starke Zuneigung zu ihr und hatte das offen und stürmisch zum Ausdruck gebracht. Und sie, deren Gefühle zu Hause und in der Gesellschaft verhungert waren, hatte ihn mit mehr Freundlichkeit ermutigt, als sie jemals einem menschlichen Wesen gezeigt hatte.

Als sie im Dorf den Brief aufgegeben hatte, schlug sie einen Pfad ein, der zum Riverside Road führte. Max, der nicht wußte, warum sie den längsten Weg nach Hause wählte, war damit nicht zufrieden. Er blieb mitten auf dem Pfade stehen, wedelte heftig mit dem Schwanz und ließ ein mürrisches Bellen hören.

„Sei nicht so dumm,“ sagte Gertrude ungeduldig, „ich gehe diesen Weg.“

Max verstand sie jetzt offenbar. Er flog hinter ihr her, überholte sie und verschwand in einer Wolke von Staub, die er aufgewirbelt hatte, als er genügend vorausgelaufen war und nun plötzlich halt machte. Als er zurückkam, küßte sie seine Schnauze und lief mit ihm um die Wette, bis sie ebenso keuchte wie er und stehenblieb, um Atem zu schöpfen, während er herumsprang und wütend bellte. Seit Jahren hatte sie nicht mehr solchen Spaß gehabt, und da ihr das einfiel,kamen ihr die Tränen in die Augen. Etwas verdrießlich bat sie Max, ruhig zu sein, ging langsam weiter, um sich abzukühlen, und spannte ihren Sonnenschirm auf zum Schutze gegen Sommersprossen.

Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Zur Rechten von Gertrude an einer Böschung stand Sallusts Haus und gab mit seinen zimtbraunen Wänden und dem gelben Fries der sonst ganz englischen Landschaft ein fremdartiges Gepräge. Sie ging vorbei, ohne daran zu denken, wer dort wohnte. Etwas weiter auf dem Wege, auf einem Stück wüsten Landes, das durch einen trockenen Graben und einen niedrigen Erdwall von der Straße getrennt war, stand ein fast sechs Fuß hoher Haufen von Schierlingpflanzen und vergiftete die Luft mit seinem Geruch. Sie kreuzte den Graben, nahm ein Paar Gartenhandschuhe aus ihrem aus Stroh geflochtenen Handkorb und machte sich eifrig an die Schierlingsblätter, indem sie die zartesten abriß, sie von den Stengeln befreite und den Korb mit dem Grün anfüllte. Sie vergaß Max, bis das Gefühl eines tödlichen Schweigens, als ob die ganze Erde erstarrt sei, sie veranlaßte, in unbestimmter Angst um sich zu blicken. Trefusis stand ganz in ihrer Nähe und beobachtete sie. Er hatte seine Hand dem Hunde zum Spielen überlassen, der versuchte, sie ganz in seinen Mund hineinzuziehen. Gertrude erblaßte und kam schnell zwischen den Sträuchern hervor. Dann hatte sie die seltsame Empfindung, als ob hoch über ihrem Kopfe irgend etwas geschehen sei. Sie hörte ein drohendes Knurren, einen befehlenden Ruf, und dann folgte eine unerklärliche Stille, bis sie sich liegend auf dem Rasenrand fand, wobei der aufgespannte Sonnenschirm ihr Gesicht schützte. Ein plötzliches Lecken von Max’ feuchter, warmer Zunge an ihrem Ohr brachte sie wieder zur Bewegung. Sie setzte sich auf und sah Trefusis an ihrer Seite knien. Mit ruhigem Gesicht hielt er den Sonnenschirm, während an der andern Seite Max mit rastloser Ängstlichkeit sie beschnupperte.

„Ich muß nach Hause fahren,“ sagte sie. „Ich muß sofort nach Hause fahren.“

„Durchaus nicht,“ bemerkte Trefusis begütigend. „Sie haben grade Nachricht geschickt, es sei alles in Ordnung und Sie brauchten nicht zu kommen.“

„Haben sie das wirklich?“ fragte sie matt. Dann fiel sie wieder hin, und es schien ihr, als ob eine sehr lange Zeit vergehe. Plötzlich fiel ihr ein, daß Trefusis sie sanft mit seiner Hand gestützt hatte, damit sie nicht zu hart zurückfiel. Sie erhob sich von neuem und kam diesmal mit seiner Hilfe auf ihre Füße zu stehen.

„Ich muß nach Hause fahren,“ sagte sie wieder. „Es handelt sich um Leben und Tod.“

„Nein, nein,“ entgegnete er sanft. „Es ist alles in Ordnung. Sie können sich auf mich verlassen.“

Sie sah ihn mit ernstem Blick an. Er hielt ihre Hand, um sie zu stützen, denn sie schwankte ein wenig. „Sind Sie sicher?“ fragte sie und ergriff ihn beim Arm. „Sind Sie ganz sicher?“

„Vollständig sicher. Sie wissen doch, daß ich immer recht habe.“

„Ja, o ja! Sie sind immer aufrichtig gegen mich gewesen. Sie —“ Hier kehrte plötzlich ihre Besinnung wieder. Sie ließ seine Hand fahren, als ob sie rotglühendgeworden sei, und fragte scharf: „Wovon sprechen Sie eigentlich?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete er und nahm lachend sein gleichgültiges Wesen wieder an. „Geht es Ihnen besser? Ich werde Sie nach Beeches fahren. Mein Stall liegt nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ich kann in zehn Minuten ein Gespann haben.“

„Nein, danke sehr,“ sagte Gertrude stolz. „Ich will nicht fahren.“ Sie machte eine Pause und fügte etwas verwirrt hinzu: „Was ist geschehen?“

„Sie wurden ohnmächtig, und —“

„Ich wurde nicht ohnmächtig,“ sagte Gertrude unwillig. „Ich bin in meinem Leben noch nicht ohnmächtig geworden.“

„Es ist aber so.“

„Verzeihen Sie, Mr. Trefusis. Ich wurde nicht ohnmächtig.“

„Sie sollen selbst urteilen. Ich kam über dieses Feld und sah, daß Sie Schierling sammelten. Schierling ist interessant durch die Geschichte des Sokrates, und Sie waren interessant als Dame, die Gift sammelt. So blieb ich stehen und sah Sie an. Gleich darauf kamen sie aus dem Gebüsch heraus, als ob Sie eine Schlange gesehen hätten. Dann fielen Sie in meine Arme — was mich auf die Vermutung bringt, Sie seien ohnmächtig geworden — und Max, der glaubte, ich sei daran schuld, sprang mir fast an die Kehle. Sie wurden betäubt durch die Ausdünstung des Wasserschierlings, die Sie zehn Minuten oder noch länger eingeatmet haben müssen.“

„Ich wußte nicht, daß eine Gefahr dabei war,“sagte Gertrude niedergedrückt. „Ich fühlte mich schon vorher sehr müde. Daher habe ich auch das zweitemal so lange dagelegen. Ich konnte mir wirklich nicht helfen.“

„Sie haben nicht sehr lange dagelegen.“

„Nicht beim erstenmal. Ich weiß, das war nur für ein paar Sekunden. Ich muß mindestens noch zehn Minuten dagelegen haben, nachdem ich wieder zu mir gekommen war.“

„Sie waren ungefähr eine Minute lang ohne Besinnung, als Sie zum erstenmal fielen. Und nachdem Sie wieder zu sich gekommen waren, wurden Sie noch einmal für eine Sekunde ohnmächtig. Dann phantasierten Sie, und ich erfand passende Antworten, bis Sie mich plötzlich fragten, worüber ich redete.“

Gertrude errötete etwas bei dem Gedanken, sie könnte in ihrer Verwirrung unvorsichtig geredet haben. „Es war sehr töricht von mir, daß ich ohnmächtig wurde,“ sagte sie.

„Es war nicht Ihre Schuld, Sie sind nur ein menschliches Wesen. Ich werde mit Ihnen nach Beeches gehen.“

„Danke sehr, ich will Sie nicht bemühen,“ sagte sie schnell.

Er schüttelte seinen Kopf. „Ich weiß nicht, wie lange die Nachwirkung von diesem abscheulichen Giftkraut dauert,“ sagte er. „Ich darf Sie jetzt nicht allein gehen lassen. Wenn Sie es vorziehen, will ich Sie durch meinen Gärtner hinfahren lassen, aber ich würde Sie am liebsten selbst begleiten.“

„Sie geben sich wirklich eine ganz unnötige Mühe.Ich will gehen. Ich bin wieder ganz wohl und brauche keine Hilfe.“

Sie brachen auf, ohne noch etwas zu sagen. Gertrude mußte alle ihre Willenskraft zusammennehmen, um vor ihm zu verbergen, daß sie schwindlig war. Eine betäubende Müdigkeit hatte sie ergriffen, und sie glaubte schon, daß sie nur träumte, als er sie aufweckte, indem er sagte:

„Nehmen Sie meinen Arm.“

„Nein, danke sehr.“

„Seien Sie nicht so unvernünftig eigensinnig. Sie werden sich an die Hecke anlehnen müssen, um sich zu stützen, wenn sie meine Hilfe zurückweisen. Es tut mir leid, daß ich nicht darauf bestand, den Wagen zu holen.“

Gertrude hatte eine solche Sprache seit ihrer Kindheit nicht mehr gehört. „Ich fühle mich vollkommen wohl,“ sagte sie scharf. „Sie sind wirklich sehr zudringlich.“

„Sie fühlen sich nicht vollkommen wohl, und Sie wissen das auch. Aber wenn Sie tapfer kämpfen, werden Sie vielleicht auch ohne meine Hilfe gehen können, und die Anstrengung wird Ihnen gut tun.“

„Sie sind sehr grob,“ sagte sie hartnäckig.

„Ich weiß das,“ entgegnete er ruhig. „Sie werden drei Klassen von Männern finden, die höflich gegen Sie sind — Sklaven, Männer, die viel von Ihren Manieren und nichts von Ihnen selbst halten, und solche, die Sie lieben. Ich gehöre zu keiner von diesen und gebe Ihnen daher Ihre schlechten Manieren mit Zinsen zurück. Weshalb widerstehen Sie Ihrem besseren Selbst und unterdrücken solche aufrichtigen und natürlichenRegungen. Sie kommen oft genug über Sie und bringen in Ihr Gesicht einen Blick, der einen Bären zahm machen würde. Aber Sie beeilen sich, diesen Blick auszulöschen, wie ein Dieb seine Laterne auslöscht, sobald er nur einen Fußtritt hört.“

„Mr. Trefusis, ich bin nicht daran gewöhnt, mich belehren zu lassen.“

„Eben deswegen belehre ich Sie. Ich war neugierig, was aus Ihrer guten Erziehung, auf die Sie, wie ich glaube, großen Wert legen, wohl unter gänzlich neuartigen Umständen würde, zum Beispiel, wenn ein Mann Ihnen seine aufrichtige Meinung sagt. Was ist nun das Ergebnis meines Versuchs? Anstatt mich freundlich und würdig zurückzuweisen, was ich trotz aller früheren Beobachtungen von Ihnen erwartet habe, verbitten Sie sich in grober Weise die angebotene Hilfe, die Sie wirklich brauchen, nennen mich selbst sehr roh, sehr zudringlich und tun, kurz gesagt, was Sie können, um meine Lage unangenehm und demütigend zu machen.“

Sie sah ihn hochmütig an, aber in seinem Gesicht lag nichts von Beleidigung oder Furcht, und er fuhr, da sie keine Antwort gab, fort.

„Ich würde alles das von einer arbeitenden Frau ohne Einwendung ertragen, denn sie schuldet mir weder feines Benehmen noch feine Gefühle. Aber Sie sind eine Dame. Das heißt, viele haben sich in schmutzigem Elend abgequält und haben gehungert, damit Sie weiße und zarte Hände, schöne Kleider und feine Manieren haben — daß Sie eine lebende Quelle von allem sind, was die Natur und das Leben schön macht. Wenn einsolches kostbares Ding wie eine Dame bei der ersten Berührung durch eine feste Hand zusammenbricht, dann fühle ich mich berechtigt, sie zu beklagen.“

Gertrude ging schnell vorwärts und sagte zwischen den Zähnen: „Ich will nichts mehr von Ihren lächerlichen Ansichten hören, Mr. Trefusis.“

Er lachte. „Meine armen Ansichten!“ sagte er. „Jedesmal, wenn ich eine unbequeme Bemerkung mache, wird sie als Äußerung einer gewissen gefährlichen Verrücktheit, mit der ich behaftet sein soll, zur Seite geworfen. Wenn ich Sir Charles andeute, daß einer seiner Lieblingsmaler etwas nicht genau beobachtet hat, bevor er daranging, es zu zeichnen, dann entgegnet er: ‚Sie kennen unsere verschiedenen Ansichten über diese Dinge, Mr. Trefusis.‘ Als ich Miß Wylies Vormund sagte, sein Auswanderungsplan sei nicht viel besser als ein Betrug, meinte er: ‚Sie müssen mich entschuldigen, aber ich kann auf Ihre merkwürdigen Ansichten nicht eingehen.‘ Eine meiner augenblicklichen Ansichten ist die, daß Miß Lindsay unter dem Einfluß des Schierlings viel liebenswürdiger ist als unter dem des sozialen Systems, das sie so unglücklich gemacht hat.“

„Nun gut!“ rief Gertrude sehr beleidigt. Dann sagte sie nach einer Pause: „Ich glaubte, ich sei in der Begleitung eines Gentleman.“ Trefusis blieb völlig ungerührt, und sie fügte nach einer weiteren Pause hinzu: „Woran sehen Sie, daß ich unglücklich bin?“

„An einem gewissen Mangel in Ihrer Haltung. Ihnen fehlt die letzte Schönheit, die nur das Glück verleiht. Ich sehe es ferner an einem Mangel in Ihrer Stimme, der nie verschwinden wird, bis Sie es lernen,die zu lieben oder zu bemitleiden, mit denen Sie sprechen.“

„Sie irren sich,“ sagte Gertrude mit ruhiger Verachtung. „Sie verstehen mich nicht im mindesten. Ich hänge sehr an meinen Freunden.“

„Dann habe ich Sie nie in ihrer Gesellschaft gesehen.“

„Auch darin irren Sie sich.“

„Wie können Sie denn so sprechen, blicken und handeln, wie Sie es tun?“

„Was meinen Sie damit? Wie blicke oder handle ich?“

„Wie einer von den Gitterstäben auf dem Belgrave Square blicken und handeln würde, wenn er Bewußtsein hätte. Er würde sich vor dem Urteil der andern Stäbe fürchten und Angst haben, aus der Reihe herauszufallen. Sie sind kalt, mißtrauisch, grausam gegen nervöse und unbeholfene Menschen, und Sie fürchten sich mehr vor der Kritik der Leute, mit denen Sie tanzen und essen, als vor Ihrem eigenen Gewissen. Wenn alles das nicht wäre, würden Sie den Blick eines Engels haben.“

„Danke sehr. Sie glauben wohl, Komplimentemachen gehöre zur Vollendung eines Gentleman?“

„Habe ich Ihnen schon viele gemacht? Meine letzte Bemerkung war nicht als Kompliment gemeint. Ich gebe Ihnen mein Wort, die Engel brauchten nicht lieblicher zu sein, als Sie wären, wenn Sie jenen Blick in den Augen und den Ton in der Stimme hätten, von dem ich vorhin sprach. Ich weiß nicht, wie das Ihr Mißfallen erregen kann, wenn Sie das hören. Wäreich besonders hübsch, ich hätte es gern, wenn man mir so etwas sagte.“

„Es tut mir leid, daß ich es Ihnen nicht sagen kann.“

„Oh! Ha, ha! Was für eine Entgegnung, Miß Lindsay! Es tut Ihnen gar nicht leid, Sie sind sogar froh darüber.“

Gertrude wußte das und war ärgerlich über sich selbst. Nicht weil ihre Entgegnung falsch war, sondern weil sie dachte, sie paßte sich nicht für eine Dame. „Sie haben kein Recht, mich zu quälen,“ rief sie gegen ihren Willen aus.

„Nein, das habe ich auch nicht,“ bemerkte er demütig. „Und wenn ich es getan habe, so vergeben Sie mir, bevor wir voneinander scheiden. Ich will Sie jetzt nicht weiter begleiten. Max wird Lärm machen, wenn Sie auf der Allee ohnmächtig werden. Aber das wird wohl kaum geschehen, da Sie ja den ganzen Schierling vergessen haben.“

„Oh, es ist zum Tollwerden!“ schrie sie. „Ich habe meinen Korb liegen lassen.“

„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Ich werde ihn finden und ihn Ihnen gefüllt zuschicken.“

„Danke sehr. Es tut mir leid, daß ich Ihnen die Mühe mache.“

„Sie machen mir keine Mühe. Hoffentlich wollen Sie nicht den Schierling dazu benützen, um sich der Last des Lebens zu entledigen.“

„Unsinn. Ich brauche ihn für meinen Vater, der ihn als Heilmittel benützt.“

„Ich werde ihn morgen selbst bringen. Ist das früh genug?“

„Vollständig. Ich bin nicht in Eile. Danke vielmals, Mr. Trefusis. Adieu.“

Sie gab ihm ihre Hand und lächelte sogar ein wenig. Dann eilte sie davon. Er blieb stehen und sah ihr nach, wie sie unter den Buchen die Allee hinunterging. Einmal, als sie in einen Streifen Sonnenlicht trat, das durch eine Öffnung zwischen den Buchenkronen durchbrach, gab sie in ihrem violett und weißen Frühlingskleid ein so hübsches Bild, daß seine Augen leuchteten, als er sie sah. Er nahm sein Notizbuch heraus und trug ihren Namen und das Datum ein mit einem kurzen Bericht.

„Ich habe sie weich gemacht,“ sagte er zu sich selbst, als er sein Buch wieder einsteckte. „Bevor ich von ihr scheide, soll sie eine oder zwei Lektionen lernen, die sie einmal ihren Kindern geben kann. Etwas schlecht erzogen ist sie auch, sonst würde sie nicht so viel auf ihre Erziehung geben. Henrietta pflegte gerade so ein Kleid zu tragen. Es freut mich, daß keine Gefahr dabei ist, wenn sie an mir Gefallen findet.“

Er wandte sich um und sah ein altes Weib vorbeigehen, das unter einer Last Reisig gebeugt war. Er sah sie neugierig an. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu und eilte weiter.

„Hallo,“ sagte er.

Sie ging noch ein paar Schritt. Dann aber sank ihr Mut, und sie blieb stehen.

„Sie sind doch Mrs. Hickling?“

„Jawohl. Eure Gnaden.“

„Sie sind die Frau, die letzten Winter ein altes Holzgitter, das auf Sir Charles Besitztum lag, fortnahm und als Brandholz benützte. Sie mußten dafür sieben Tage ins Gefängnis gehen.“

„Sie können mich wieder hinschicken, wenn Sie wollen,“ entgegnete sie, und ihre Stimme knirschte zornig. „Aber der Herr wird es Ihnen eines Tages vergelten. Verflucht seien die, die die Armen und Notleidenden bedrängen. Das ist eine von den sieben Todsünden.“

„Die grünen Latten, die Sie da auf dem Rücken haben, sind die Reste meiner Gartentüre,“ sagte er. „Die erste Hälfte haben Sie letzten Samstag fortgeholt. Das nächstemal, wenn Sie Feuerung gebrauchen, dann kommen Sie ins Haus und verlangen Sie Kohlen. Meinen Zaun können Sie in Ruhe lassen. Ich denke, das Feuer wird Sie auch wärmen, wenn Sie den Brennstoff nicht gestohlen haben. Und jetzt sagen Sie mir als Vergütung für das Gitter etwas, was ich wissen möchte.“

„Oh, Sie sind ein gütiger Herr. Gottes Segen —“

„Wozu braucht man Schierling?“

„Schierling, gütiger Herr? Natürlich für die Skrofeln.“

„Skrofeln!“ rief er und fuhr zurück. „Der Vater von diesem schönen Mädchen!“ Er wandte sich nach Hause zu und schlenderte mit gesenktem Kopf weiter, indem er murmelte: „Alles faul bis auf die Knochen. O Kultur! Kultur! Kultur!“

„Was ist eigentlich in Gertrude gefahren?“ sagte Agatha eines Tages zu Lady Brandon.

„Wie? Ist etwas mit ihr geschehen?“

„Ich weiß es nicht. Sie ist nicht mehr dieselbe, seit sie sich vergiftet hat. Und warum hat sie nichts davon erzählt? Wenn Trefusis nicht wäre, wüßten wir es gar nicht.“

„Gertrude hat immer aus allem ein Geheimnis gemacht.“

„Sie war die zwei folgenden Tage in abscheulicher Laune, und jetzt ist sie ganz verändert. Sie versinkt in langes Brüten und hört kein Wort von allem, was um sie herum gesprochen wird. Dann kommt sie wieder zur Besinnung und bittet einen mit der größten Sanftmut um Verzeihung, weil sie nicht verstanden hat, was man gesagt hat.“

„Ich kann sie nicht leiden, wenn sie höflich ist, das liegt nicht in ihrer Natur. Und daß sie so ins Träumen versinkt, das kommt von dem Schierling. Wir kennen einen Mann, der in einem Bad einen Löffel Strychnin nahm, und er war nachher nie wieder derselbe.“

„Ich glaube, sie hat sich entschlossen, Erskine zu ermutigen,“ sagte Agatha. „Als ich hierherkam, durfte er es kaum wagen, mit ihr zu sprechen — wenigstens behandelte sie ihn sehr verächtlich. Jetzt läßt sie ihn reden, so viel er will. Sie schickt ihm sogar Nachrichten und läßt ihn ihre Sachen tragen.“

„Ja. So eine wie Gertrude habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Wenn in London Männer aufmerksamgegen sie waren, warf sie ihnen Zudringlichkeit vor. Ließ man sie in Ruhe, so fühlte sie sich vernachlässigt. Nach meiner Meinung kann sie mit Erskine sehr zufrieden sein.“

Hier erschien Erskine an der Türe und sah sich im Zimmer um.

„Sie ist nicht hier,“ sagte Jane.

„Ich suche Sir Charles,“ bemerkte er und zog sich etwas steif zurück.

„Welch eine Lüge!“ sagte Jane und war mißvergnügt, weil er ihren Scherz so aufgenommen hatte. „Er hat noch vor zehn Minuten mit Sir Charles im Billardzimmer gesprochen. Die Männer sind solche eingebildete Narren.“

Agatha ging langsam an das Fenster und sah unzufrieden über die Landschaft. Früher, auf der Schule, tat sie das oft, wenn sie allein war, jetzt auch manchmal in der Gesellschaft. Die Türe wurde wieder geöffnet, und Sir Charles erschien. Auch er sah sich um, aber als sein flüchtiger Blick Agatha erreicht hatte, ließ er ihn an ihr haften und trat herein.

„Haben Sie jetzt was vor, Miß Wylie?“ fragte er.

„Ja,“ sagte Jane schnell. „Sie wollte grade einen Brief für mich schreiben.“

„Wirklich, Jane,“ sagte er. „Ich denke, du bist doch alt genug und kannst deine Briefe schreiben, ohne erst Miß Wylie zu bemühen.“

„Wenn ich meine Briefe selbst schreibe, findest du immer Fehler daran,“ entgegnete sie.

„Ich dachte, Sie würden vielleicht Lust haben, mit mir ein Duett zu singen,“ sagte er zu Agatha.

„Gewiß,“ antwortete sie und hoffte es gut zu machen, indem sie ihm willfahrte. „Der Brief wird schon vor der Postzeit fertig werden.“

Jane errötete und sagte kurz: „Ich will ihn selbst schreiben, wenn du es nicht tun willst.“

Sir Charles verlor jetzt seine Selbstbeherrschung. „Wie kannst du so verflucht roh sein?“ fragte er seine Frau. „Was hast du dagegen einzuwenden, wenn ich mit Miß Wylie Duette singe?“

„Das ist eine hübsche Sprache!“ sagte Jane. „Ich habe nie behauptet, ich hätte etwas dagegen. Und du hast kein Recht, sie zum Klavier zu holen, wenn sie grade einen Brief für mich schreiben will.“

„Ich will nur, daß Miß Wylie das tut, was ihr am besten gefällt. Aber Briefe an deine Handwerker zu schreiben, das scheint mir keine angenehme Beschäftigung zu sein.“

„Bitte, nehmen Sie auf mich keine Rücksicht,“ sagte Agatha. „Es macht mir durchaus keine Mühe. Auf der Schule pflegte ich alle Briefe für Jane zu schreiben. Ich denke, ich schreibe jetzt zuerst den Brief, und dann singen wir das Duett. Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn Sie fünf Minuten warten?“

„Ich kann natürlich so lange warten, wie es Ihnen paßt. Aber es scheint mir so ein unvernünftiger Mißbrauch Ihrer Gutmütigkeit, daß ich unbedingt protestieren —“

„Oh, laß den Brief warten!“ schrie Jane. „Wie kann man nur solch einen lächerlichen Unsinn reden, weil ich Agatha bitte, mir einen Brief zu schreiben, grade wenn du von ihr deine Duette gespielt habenwillst. Ich bin sicher, sie hat sie so von Herzen satt, daß es ihr übel davon wird.“

Um diesem Streit zu entfliehen, ging Agatha auf die Bibliothek und schrieb den Brief. Als sie in das Gesellschaftszimmer zurückkehrte, fand sie niemand mehr vor, doch kehrte Sir Charles gleich zurück.

„Es tut mir leid, Miß Wylie,“ sagte er, als er ihr den Flügel aufmachte, „wenn Sie durch die lächerliche Eifersucht meiner Frau belästigt werden.“

„Eifersucht!“

„Natürlich. Es ist blödsinnig!“

„Oh, Sie irren sich,“ sagte Agatha ungläubig. „Wie könnte sie nur aufmicheifersüchtig sein?“

„Sie ist auf jeden und auf alles eifersüchtig,“ antwortete er bitter. „Und sie kehrt sich an niemand und an gar nichts. Sie wissen nicht, was ich manchmal von ihr ausstehen muß.“

Agatha hielt es für das Beste, sich sofort hinzusetzen und anzufangen: „Ich wollt, daß meine Liebe.“ Während sie sang und spielte, dachte sie darüber nach, was Sir Charles grade gesagt hatte. Sie liebte seine Gesellschaft. Er war fröhlich, hatte Sinn für Musik und Spaß, war höflich und aufmerksam. Er wußte ihre Anlagen zu schätzen, war schlagfertig, ohne zu überlegen zu sein, und als verheirateter Mann ungefährlich in seiner Zuneigung. Aber jetzt schien es ihr doch, als ob sie in der letzten Zeit etwas zuviel zusammengewesen seien.

Sir Charles war jetzt in ihre Tonart hineingekommen. Er erinnerte sie wieder an die Musik, indem er innehielt und sie fragte, ob er richtig spiele. Siekannte schon aus Erfahrung die Fehler, die er gewöhnlich machte. Sie gab ihm seinen Ton an und spielte weiter. Sie hatten aber noch nicht lange gesungen, als Jane zurückkam und sich hinsetzte, wobei sie die Hoffnung ausdrückte, sie würde wohl nicht stören. Aber sie störte sie. Agatha hatte das Gefühl, sie sei nur gekommen, um sie zu überwachen, und Sir Charles wußte es. Und dann war Lady Brandon stets unruhig in ihren Bewegungen, selbst wenn sie innerlich nichts bewegte. Wegen der Musik konnte sie nicht sprechen, und obgleich sie ein aufgeschlagenes Buch in der Hand hielt, konnte sie nicht zu gleicher Zeit lesen und beobachten. Sie gähnte und lehnte sich über das eine Ende des Sofas, bis sie im Begriff war, das Gleichgewicht zu verlieren und sich mit einem mächtigen Ruck wieder aufrichtete. Der Boden zitterte bei jeder Bewegung, die sie machte. Zuletzt konnte sie nicht mehr länger schweigen.

„Lieber Himmel!“ sagte sie laut gähnend. „Es muß mindestens schon fünf Uhr sein.“

Agatha drehte sich auf dem Klavierstuhl herum. Sie fühlte, daß die Musik und Lady Brandon sich nicht vereinigen ließen. Sir Charles gab sich seines Gastes wegen die größte Mühe, seine Erregtheit zu unterdrücken.

„Das kannst du leicht auf deiner Uhr sehen,“ sagte er.

„Danke für die Auskunft,“ sagte Jane. „Agatha, wo ist Gertrude?“

„Aber Jane, wie in aller Welt kann dir denn Miß Wylie sagen, wo sie ist? Ich glaube, du bist heute verrückt geworden.“

„Sie spielt wahrscheinlich mit Mr. Erskine Billard,“ sagte Agatha schnell, um einer Antwort Janes und der dann unvermeidlichen Auseinandersetzung zuvorzukommen.

„Ich halte es für sehr merkwürdig, daß Gertrude den ganzen Tag mit Chester im Billardzimmer ist,“ sagte Jane unzufrieden.

„Es ist auch nicht im geringsten etwas Unpassendes dabei,“ sagte Sir Charles. „Wenn Miß Lindsay als unser Gast nicht über jede Vermutung erhaben ist, dann sollten wir uns etwas schämen. Was würdest du sagen, wenn sonst jemand eine solche Bemerkung machte?“

„Ach, Unsinn,“ sagte Jane verdrießlich. „Du machst wegen jeder Kleinigkeit solch ein großes Geschwätz. Ich habe gar nicht behauptet, daß sich Gertrude unpassend benehme. Sie ist nach meiner Meinung viel zu förmlich, um eine angenehme Gesellschaft zu sein.“

Sir Charles war nicht imstande, sich noch länger zu beherrschen. Er machte ein finsteres Gesicht und verließ das Zimmer, während Jane ihm ein verächtliches Lachen nachsandte.

„Mache niemals die Dummheit und verheirate dich,“ sagte sie, als er gegangen war. Sie blickte, während sie das sagte, auf und wurde ängstlich, weil Agatha, die auf dem Flügel saß, wie in der Schulzeit eine schwingende Bewegung mit den Füßen machte.

„Jane,“ sagte sie und warf ihrer Wirtin einen kühlen Blick zu, „weißt du, was ich an Sir Charles’ Stelle täte?“

Jane wußte es nicht.

„Ich würde einen dicken Stock nehmen, dich braun und blau schlagen und dich dann eine Woche lang bei Wasser und Brot einsperren.“

Jane erhob sich etwas mit rotem, ärgerlichen Gesicht. „Wa — was?“ fragte sie und sank wieder auf das Sofa zurück.

„Wenn ich ein Mann wäre, ich ließe mich nicht aus einfacher Galanterie wie ein lästiger Hund behandeln. Du brauchst eine gesunde Tracht Prügel.“

„Ich möchte den sehen, dermichschlägt,“ sagte Jane. Sie hatte sich wieder erhoben und reckte ihren gewaltigen Körper. Dann brach sie in Tränen aus und sagte. „Ich will mir so etwas nicht in meinem eigenen Hause sagen lassen. Wie kannst du es wagen?“

„Du verdienst es, weil du auf mich eifersüchtig bist,“ sagte Agatha.

Janes Augen erweiterten sich vor Zorn. „Ich — ich! — eifersüchtig auf dich!“ Sie sah sich nach einem Wurfgeschoß um. Da sie nichts fand, setzte sie sich wieder hin und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Eif — eifersüchtig aufdich, herrlich!“

„Du hast guten Grund dazu, denn er hat mich lieber als dich.“

Jane riß krampfhaft ihren Mund und die Augen auf, aber sie konnte nur nach Luft schnappen, und Agatha fuhr ruhig fort: „Ich bin höflich gegen ihn, und das bist du nie. Wenn er mit mir spricht, lasse ich ihn seinen Satz beendigen, ohne daß ich wie du ihn mit einer vorgefaßten Meinung unterbreche, die nicht des Anhörens wert ist. Ich gähne und spreche nicht, während er singt. Wenn er sich mit mir über Kunst und Literaturunterhält, wovon er zweimal so viel versteht als ich und wenigstens zehnmal so viel als du“ — Jane schnappte wieder nach Luft — „dann gebe ich ihm keine verrückte Antwort oder wende mich an meinen Nachbar auf der andern Seite mit einer Bemerkung über den Pferdestall oder das Wetter. Wenn er bereit ist, sich zu unterhalten, und das ist er immer, dann bin ich unterhaltend. Und deswegen hat er mich gern.“

„Er hat dichnichtgern. Er ist gegen jeden Menschen so.“

„Mit Ausnahme seiner Frau. Er hat mich so gern, daß du wie eine wirkliche Gans — was du ja auch bist — hereinkamst, um unsere Duette zu überwachen. Und du machtest dich so unangenehm, wie du nur konntest, während ich mich angenehm machte. Der arme Mann schämte sich deiner.“

„Das tat er nicht,“ sagte Jane schluchzend. „Ich habe nichts getan und nichts gesagt. Ich laß mir das nicht gefallen. Ich will mich scheiden lassen. Ich will —“

„Du wirst dein Benehmen bessern, wenn du noch etwas Vernunft hast,“ sagte Agatha ohne Reue. „Mach nicht solchen Lärm, sonst kommt jemand und sieht, was es gibt, und ich muß von dem Flügel herunter, wo ich sehr bequem sitze.“

„Dubist eifersüchtig.“

„Oh, wirklich, Jane? Ich habe bisher Sir Charles nicht gestattet, sich in mich zu verlieben, aber ich kann das sehr leicht tun. Was willst du wetten, daß er mich vor morgen abend küßt?“

„Es wird sehr gemein und schmutzig von dir sein,wenn er es tut. Du denkst wohl, ich ließe mich wie ein Kind behandeln?“

„Du bist auch ein Kind,“ sagte Agatha. Sie stieg von ihrem Sitz herunter und schickte sich an hinauszugehen. „Ein gelegentlicher Klaps ist dir ganz gut.“

„Es geht dich nichts an, ob ich mich mit meinem Manne gut stehe oder nicht,“ sagte Jane in plötzlicher Wut.

„Solange ihr euch zankt, wenn ihr allein seid, wie das gut erzogene Paare tun, gewiß nicht. Aber wenn es in meiner Gegenwart vorkommt, dann macht es mir Unbehagen, und das lasse ich mir nicht gefallen.“

„Du würdest überhaupt nicht hier sein, wenn ich dich nicht eingeladen hätte.“

„Stell dir nur vor, Jane, wie langweilig ohne mich das Haus wäre.“

„Wirklich! Es war vor deiner Ankunft gar nicht langweilig. Gertrude hat sich wenigstens immer wie eine Dame benommen.“

„Es tut mir leid, daß ihr Beispiel so gar keine Wirkung auf dich ausgeübt hat.“

„Ich ertrage das nicht,“ sagte Jane schluchzend und ließ sich auf das Sofa fallen, daß die Glasprismen an dem Kronleuchter klirrten. „Ich würde dich nie eingeladen haben, wenn ich gedacht hätte, du könntest so gehässig sein. Ich werde dich nie wieder bitten.“

„Ich werde veranlassen, daß sich Sir Charles wegen der Unverträglichkeit deines Charakters von dir scheiden läßt, und ihn dann heiraten. Dann habe ich das ganze Haus für mich allein.“

„Er kann sich Gott sei Dank deswegen nicht scheiden lassen. Du weißt nicht, was du redest.“

Agatha lachte. „Komm, Jane,“ sagte sie gutmütig. „Sei kein alter Esel. Wasch dein Gesicht, bevor es jemand sieht, und denk daran, was ich dir über Sir Charles gesagt habe.“

„Es ist sehr hart, in seinem eigenen Hause ein Esel genannt zu werden.“

„Es ist noch härter, als ein solcher behandelt zu werden, wie es deinem Mann geschieht. Ich werde im Billardzimmer nach ihm sehen.“

Jane lief hinter ihr her und faßte sie beim Ärmel. „Agatha,“ bat sie, „versprich mir, daß du nicht gemein bist. Sage, daß du dich nicht in ihn verliebst.“

„Ich will es mir überlegen,“ entgegnete Agatha ernst.

Jane sank stöhnend in einen Sessel, der unter ihrem Gewicht krachte. Agatha wandte sich auf der Schwelle um, und als sie sah, wie Jane den Kopf schüttelte, die Augen zusammenpreßte und in unterdrückter Wut mit den Absätzen auf den Boden hämmerte, sagte sie schnell:

„Da kommen die Waltons und die Fitzgeorges und Mr. Trefusis die Treppe herauf. Wie geht es Ihnen, Mrs. Walton? Lady Brandon wird sich sehr freuen, Sie zu sehen. Guten Abend, Mr. Fitzgeorge.“

Jane sprang auf, wischte sich die Augen und lief zu einem Spiegel, während sie sich mit den Händen die Haare ordnete. Da aber keine Besucher erschienen, begriff sie, daß sie wieder und vielleicht zum hundertstenmal in ihrem Leben einem Schelmenstreich Agathas zum Opfer gefallen war. Diese war befriedigt, weilihr Versuch, die alte Herrschaft über Jane wiederzugewinnen, geglückt war. Sie hatte es selbst nicht geglaubt, obgleich sie sich ganz ruhig gestellt hatte. Jetzt ging sie hinunter in die Bibliothek, wo Sir Charles in traurigem Brüten saß und versuchte, seinen häuslichen Ärger durch Beschäftigung mit der Kunstkritik zu vergessen.

„Ich dachte, Sie wären im Billardzimmer,“ sagte Agatha.

„Ich habe nur flüchtig hineingeschaut,“ entgegnete er. „Aber es scheint da etwas Besonderes vorzugehen, und ich hielt es für das Beste, mich davonzuschleichen. So bin ich die ganze Zeit allein geblieben.“

Das Besondere, was Sir Charles nicht unterbrechen wollte, war weiter nichts als eine Partie Billard. Es war die erste Gelegenheit, die Erskine jemals gehabt hatte, mit Gertrude allein und in Muße zu sprechen. Doch war ihre Unterhaltung noch nie eine so alltägliche gewesen. Sie liebte das Spiel und spielte gut, während sie gleichgültig plauderte. Er spielte schlecht und brachte gegen seinen Willen die trivialsten Gesprächsstoffe vor. Nachdem sie anderthalb Stunden gespielt hatten, sagte Gertrude, daß jetzt das letzte Spiel komme. Er dachte voller Verzweiflung, wenn er so weiter die Bälle ausließ, dann mußte die Partie bald zu Ende sein, und dann hatte er eine Gelegenheit, die vielleicht niemals wiederkam, unbenutzt vorbeigehen lassen. Er beschloß, ihr ohne weitere Einleitung zu sagen, daß er sie anbete. Als er aber seine Lippen öffnete, kam ganz von selbst eine Frage über die persische Art, Billard zu spielen, heraus. Gertrude war nie in Persien gewesen, aber sie hatte im Indischen Museum einige orientalische Queuesgesehen. Hatten nicht die Hindu eine wunderbare Fähigkeit, Filigranarbeit, Teppiche und dergleichen anzufertigen? Ob er nicht auch der Ansicht sei, daß die Verschrobenheiten ihrer Teppichmuster ein Mangel seien? Viele Leute gäben vor, grade das zu bewundern, aber sei das nicht alles Unsinn? War nicht ein moderner, gebohnter Fußboden mit einem Teppich in der Mitte viel besser als der alte Teppich, der in den Ecken des Zimmers angebracht wurde? Ja. Viel besser. Unendlich —

„Aber, woran denken Sie heute, Mr. Erskine? Sie haben mit meinem Ball gespielt.“

„Ich denke an Sie.“

„Was sagten Sie?“ fragte Gertrude, die den ernsten Sinn, den er der Unterhaltung gegeben hatte, noch nicht begriff und ihr Queue zu einem Stoß anlegte. „Oh, ich spiele so schlecht wie Sie. Das war, glaube ich, der schlechteste Stoß, den ich je gemacht habe. Verzeihen Sie, Sie sagten grade etwas.“

„Ich weiß es nicht mehr. Es war nichts Wichtiges.“ Und er stöhnte über seine eigene Feigheit.

„Ich schlage vor, wir hören auf,“ sagte sie. „Es hat keinen Zweck, die Partie zu Ende zu spielen, wenn unsere Hände unsicher sind. Ich bin ziemlich müde geworden.“

„Gewiß — ganz, wie Sie wünschen.“

„Wenn Sie wollen, können wir auch zu Ende spielen.“

„Durchaus nicht. Was Ihnen gefällt, gefällt mir auch.“

Gertrude machte ihm eine leichte Verbeugung und stieß müßig mit ihrem Queue nach den Bällen. ErskinesAugen wanderten umher, seine Lippen bewegten sich unentschlossen. Er war mit sich darüber im klaren gewesen, daß er eine offene Erklärung geben wollte — Herz gegen Herz. Er hatte es sich genau ausgemalt, wie er in zarter Weise ihre Hand ergriff und sagte: „Gertrude, ich liebe Sie! Darf ich Ihnen das ewig versichern?“ Aber diese Form schien ihm jetzt gar nicht ausführbar.

„Miß Lindsay.“

Gertrude, die sich über das Billard neigte, blickte beunruhigt auf.

„Dieser Augenblick ist eine gute Gelegenheit, denn ich will — ich soll — ich will —“

„Soll,“ wiederholte Gertrude. „Haben Sie jemals die Lehre von der Notwendigkeit studiert?“

„Die Lehre von der Notwendigkeit?“ fragte er verwirrt.

Gertrude folgte einem Ball an die andere Seite des Billards. Sie erriet jetzt, was kommen sollte, und wollte es erwarten. Nicht weil sie die Absicht hatte, ja zu sagen, sondern weil sie wie andere junge Damen, die in solchen Auftritten Erfahrungen haben, die Heiratsanträge, die man ihr machte, zählte, wie die Rothäute die abgeschnittenen Skalpe.

„Wir haben hier eine sehr schöne Zeit verlebt,“ sagte er und legte die wichtige Lehre von der Notwendigkeit als unerklärbar zur Seite. „Wenigstens habe ich es getan.“

„Nun,“ meinte Gertrude schnell, die leicht eine verborgene Anspielung auf ihre persönliche Unzufriedenheit vermutete, „ich auch.“

„Ich bin sehr glücklich darüber — viel mehr, als ich Ihnen in Worten ausdrücken kann.“

„Was geht das Sie an?“ fragte sie und gab ihrer üblen Laune nach, die er, ohne es zu wissen, in ihr wachgerufen hatte. Sie vermutete auch Mitleid in seinem Bemühen, teilnehmend zu sein.

„Ich wollte, es dürfte mich etwas angehen. Das Glück dieses ganzen Aufenthalts habe ich nur Ihnen zu verdanken.“

„Wirklich,“ sagte Gertrude und zuckte zusammen. Denn alle bösen Dinge, die ihr Trefusis über sie gesagt hatte, traten jetzt wieder in ihre Erinnerung, als Erskine seine unglückselige Anspielung auf ihre Macht, andere zu erfreuen, vorbrachte.

„Hoffentlich quäle ich Sie nicht,“ sagte er mit Ernst.

„Ich weiß nicht, worüber Sie reden,“ entgegnete sie und richtete sich in plötzlicher Ungeduld auf. „Sie scheinen zu glauben, es sei sehr leicht, mich zu quälen.“

„Nein,“ sagte er furchtsam und war ganz verwirrt durch den Eindruck, den er hervorgebracht hatte. „Ich fürchte, Sie mißverstehen mich. Ich bin sehr unbeholfen. Vielleicht ist es besser, wenn ich nichts weiter sage.“

Gertrude wandte sich weg und nahm ihr Queue wieder auf. Sie wollte ihm dadurch zeigen, daß es seine Sache sei, darüber nachzudenken. Sie beabsichtigte nicht, sich deshalb stören zu lassen. Als sie ihn wieder ansah, stand er bewegungslos und ängstlich da, mit einem traurigen Gesichtsausdruck, wie ihn ein Hund zeigt, der eine Zärtlichkeit angeboten hat und getreten worden ist. Reue und ein unbestimmtes Gefühl, in ihrem Benehmengegen ihn liege etwas Niedriges, überkamen sie. Sie sah ihn einen Augenblick an und verließ das Zimmer.

Ihr Blick erregte ihn. Er verstand ihn nicht und wagte auch nicht, ihn zu verstehen. Aber es war ein Blick, den er nie vorher auf ihrem Gesicht oder auf dem Gesicht einer anderen Frau gesehen hatte. Es packte ihn als eine plötzliche Offenbarung eines Wortes aus den Patriotischen Märtyrern: „Das köstliche Geheimnis eines Frauenherzens“ — und es gab ihm das Gefühl, daß er sich jetzt keiner gewöhnlichen gesellschaftlichen Unterhaltung widmen dürfte. Er eilte aus dem Hause und ging schnell die Allee hinunter nach der Hütte, in der er sein Rad stehen hatte. Er hinterließ Bescheid, daß er einen Ausflug mache und wahrscheinlich nicht zum Essen zurück sein werde. Dann bestieg er sein Rad und fuhr den Riverside Road hinunter. In weniger als zwei Minuten passierte er die Pforte zu Sallusts Haus, wo er beinahe ein altes Weib überrannt hatte, das mit einem Korb Kohlen beladen war. Sie stellte ihre Last hin und schickte Verwünschungen hinter ihm her. Das brachte ihn zur Besinnung, daß seine unvernünftige Schnelligkeit gefährlich sein könnte. Er ließ etwas nach und sah gleich darauf Trefusis, der hingestreckt am Flußufer lag, das Gesicht auf die Ellbogen gestützt, und aufmerksam las. Erskine hatte ihm vor ein paar Tagen ein Exemplar: „Die patriotischen Märtyrer und andere Dichtungen“ verehrt, und er versuchte jetzt, einen Blick auf das Buch zu werfen, in dem Trefusis so ernsthaft las. Es war ein Blaubuch, voll von Zahlen. Erskine fuhr enttäuscht weiter und tröstete sich mit der Erinnerung an Gertrudes Gesicht.

Die Landstraße entfernte sich jetzt vom Fluß und stieg zu einer steilen Anhöhe empor, auf deren Gipfel er haltmachte und sich umsah. Das Tageslicht bekam einen rötlichen Schein, und die Schatten wurden länger. Trefusis lag noch hingestreckt in dem Grase, und das alte Weib war auf dem Felde und sammelte Schierling.

Erskine fuhr in vollem Schwung den Hügel hinunter und sah sich nicht mehr um, bis er bei Sonnenuntergang eine kleine Stadt erreichte. Er ließ sich Bier und Butterbrot geben und aß ohne großen Appetit. Gertrude hatte ihn in eine Aufregung versetzt, die ihm die Geduld zum Essen nahm.

Es war jetzt dunkel. Er befand sich viele Meilen von Brandon Beeches und kannte nicht einmal genau den Rückweg. Plötzlich beschloß er, heute abend noch seinen abgebrochenen Heiratsantrag zu vollenden. Er konnte nicht schnell genug zurückfahren, um seine Ungeduld zu befriedigen. Er versuchte den Weg abzuschneiden, verlor sich und verbrachte fast eine Stunde damit, die Landstraße wieder aufzufinden. Endlich kam er an eine Eisenbahnstation und konnte grade noch einen Zug erreichen, der ihn bis auf eine Meile an seinen Bestimmungsort brachte.

Als er aus den Polstern des Eisenbahnwagens herausstieg, fühlte er sich doch etwas ermüdet und bestieg steif sein Fahrrad. Aber sein Entschluß stand so fest wie vorher, und sein Herz klopfte heftig, als er in dem Häuschen sein Rad zurückließ und durch den tiefen Schatten der Buchen die Allee hinaufging. Nahe beim Hause erreichten ihn die ersten Noten von ‚Crudel perche finora‘, und er ging mit leisen Schritten auf den Rasenzu, damit das Geräusch seiner Fußtritte auf dem Kies nicht die Hunde aufschreckte, die durch ihr Bellen die Musik gestört haben würden. Ein Rascheln veranlaßte ihn, stehenzubleiben und zu lauschen. Dann flüsterte Gertrudes Stimme durch die Dunkelheit:

„Was meinten Sie mit dem, was Sie mir da drinnen sagten?“

Eine ganz seltsame Empfindung überkam Erskine, verwirrte Ideen aus einem Feenland flogen durch seine Phantasie. Dann folgte eine bittere Enttäuschung, als ob er aus einem glücklichen Traum erwachte, als Trefusis’ Stimme in weicherem Tone, als er sie jemals gehört hatte, antwortete:

„Einfach, daß das Reich der Sterne, die über uns funkeln, nicht unbegrenzter ist als meine Verachtung für Miß Lindsay und nicht strahlender als mein Vertrauen auf Gertrude.“

„Bitte, Mr. Trefusis, für Sie bin ich immer Miß Lindsay.“

„Für mich sind Sie niemals Miß Lindsay. Das sind Sie für die, die nicht in Ihre Seele hineinblicken können, die Gertrude ist. Es gibt Tausende Miß Lindsays auf der Welt, die alle förmlich und unecht sind. Aber es gibt nur eine Gertrude.“

„Ich bin ein schutzloses Mädchen, Mr. Trefusis, und Sie können mich nennen, was Sie wollen.“

Einen Augenblick kam Erskine der Gedanke, dies sei eine gute Gelegenheit, vorzuspringen und Trefusis, dessen Gestalt er jetzt undeutlich unterscheiden konnte, ein blaues Auge zu schlagen. Aber er zauderte, und die Gelegenheit ging vorbei.

„Schutzlos!“ sagte Trefusis. „Aber Sie sind doch rings umzäunt und eingeriegelt in Sitten, Vorschriften und Lügen, die die Wahrheit von den Lippen eines jeden Mannes zurückschrecken würden, dessen Glaube an Gertrude weniger stark wäre als der meine. Gehen Sie zu Sir Charles und erzählen Sie ihm, was ich zu Miß Lindsay gesagt habe. In zehn Minuten werde ich außerhalb dieses Tores sein, mit einer Warnung, mich ihm nie mehr zu nähern. Ich bin in Ihrer Gewalt, und wäre ich nur in der Gewalt von Miß Lindsay, ich hätte wenig mehr zu sagen. Glücklicherweise sieht Gertrude ein, obgleich sie es nur dunkel fühlt, daß Miß Lindsay ihre bitterste Feindin ist.“

„Das ist lächerlich. Ich bestehe nicht aus zwei Personen, ich bin nur eine. Was mache ich mir daraus, ob Ihre Verachtung für mich so grenzenlos wie die Sterne ist?“

„Ah, Sie erinnern sich dieser Worte. Wenn Sie einen Mann über die Sterne reden hören, dann können Sie sicher sein, daß er entweder ein Astronom oder ein Narr ist. Aber Sie und eine schöne Sternennacht können aus jedem Mann einen Narren machen.“

„Ich verstehe Sie nicht. Ich gebe mir alle Mühe, aber es gelingt mir nicht. Oder wenn ich Sie verstehe, dann weiß ich nicht, ob Sie ernst reden oder nicht.“

„Ich rede im vollen Ernst. Lassen Sie doch ein für allemal diese Befürchtungen fallen, ich scherzte mit Ihnen, oder ich wollte eine müßige Stunde vertändeln, wie das Männer tun, die in Gesellschaft einer schönen Frau sind. Was ich sage, meine ich wörtlich und im tiefsten Ernst. Sie zweifeln an mir, wir haben ja dieGesellschaft so weit gebracht, daß wir uns gegenseitig mißtrauen. Aber die Wahrheit erzwingt sich von denen, die imstande sind, sie zu begreifen, früher oder später doch Glauben. Jetzt darf ich wohl Miß Lindsay zur Besinnung bringen, indem ich sie daran erinnere, daß wir schon zehn Minuten hier draußen sind und daß unsere Wirtin nicht die Frau ist, die unser Fortbleiben ohne Bemerkung zuläßt.“

„Wir wollen hineingehen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnerten.“

„Ich danke Ihnen, daß Sie es vergaßen.“

Erskine hörte, wie sich ihre Fußtritte entfernten, und sah die zwei gleich darauf in den Lichtschein hineintreten, der aus der offenen Türe des Billardzimmers hervorleuchtete, durch das sie ins Haus gingen. Trefusis, ein Mann, der heute in der wunderschönen Landschaft gelegen hatte, blind für alles außer den Ziffern eines Blaubuchs, war sein erfolgreicher Nebenbuhler, obgleich man schon an dem Klang seiner Stimme hören konnte, daß er Gertrude nicht liebte — daß er sie nicht lieben konnte. Nur ein Dichter konnte das. Trefusis war kein Dichter, sondern ein schmutziger, roher Patron, der höchstens in einer Volksversammlung Interesse erregen konnte, aber nicht bei einem Weibe, und am allerwenigsten bei einem so zarten Weibe wie Gertrude. Dabei war sie noch stolz, und doch hatte sie dem Burschen erlaubt, sie zu beschimpfen — hatte es ihm verziehen, weil er ihr ein paar grobe Komplimente machte. Erskine wurde zornig und spöttisch. Der Vorfall beleidigte sein poetisches Gefühl. Anstatt daß sein Herz von einem tragischen Schmerz erfüllt war, wie ihn ein patriotischerMärtyrer unter ähnlichen Umständen empfunden hätte, fühlte er sich verhöhnt und verspottet. Und was ihm zuerst als ganz selbstverständlich erschienen war, daß Trefusis tief unter ihm stehe, das war ihm jetzt gar nicht mehr so sicher.

Er blieb unter den Bäumen stehen, bis Trefusis wieder erschien, um nach Hause zu gehen. Er machte dabei, wie Erskine dachte, mit seinen Absätzen auf dem Kies ein Geräusch, das ein ganzes Regiment fein erzogener Menschen nicht hervorgebracht hätte. An dem Wärterhäuschen fragte er noch etwas und ging dann hinaus, und seine Schritte erstarben in der Dunkelheit.

Erskine war steif und erfroren und hatte eine Empfindung, als ob er sich eine böse Erkältung zugezogen hätte. Als er ins Haus hineinkam, war er froh, daß sich Gertrude schon zurückgezogen hatte und daß Lady Brandon, trotzdem sie bestimmt glaubte, er sei in der Dunkelheit in den Fluß hineingefahren, doch ein warmes Abendessen für ihn bereit gehalten hatte.


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