Vorbemerkung.
Der Freundschaftsbund zwischen Engels und Marx wurde im Jahre 1844 geschlossen, nachdem seine geistige Grundlage, die Übereinstimmung der Ideen über den Zusammenhang der sozialistischen Bewegung mit der Entwicklung der Produktionsverhältnisse und den Klassenkämpfen der Epoche, sowie die gleiche Stellung zur Bewegung selbst sich in ihren Beiträgen zu den Deutsch-Französischen Jahrbüchern deutlich angezeigt und in mündlicher Unterhaltung, die im Sommer 1844 in Paris stattfand, Bekräftigung gefunden hatte. Es ist äußerst charakteristisch, daß kein Mitarbeiter der Deutsch-Französischen Jahrbücher sich den darin von Marx geschichtsphilosophisch niedergelegten Ideen so nahe zeigt als der in Manchester kommerziell beschäftigte Fabrikantensohn aus Barmen, in dem Marx anderthalb Jahre vorher einen simplen Radikalen vom Kaliber der Berliner „Freien“ vermutet hatte. Der Wissensdrang, der bei Engels kaum weniger stark war als bei Marx, sowie Verbindungen mit der in England schon eingewurzelten Arbeiterbewegung hatten in Engels den Blick für die Unzulänglichkeiten des spekulativen Radikalismus geschärft, der sich als die Krönung der idealistischen deutschen Philosophie gebärdete. Marx hatte jenen Radikalismus früher durchschaut, und nachdem er in Frankreich den dortigen Kommunismus und Sozialismus gründlich studiert hatte, war er praktisch zu fast der gleichen Stellung zur kommunistischen Arbeiterbewegung gelangt wie Engels. Beide betrachteten und bezeichneten sich als Kommunisten, weil sie die großen Ziele jener Bewegung anerkannten und für sie zu wirken sich zur Aufgabe gestellt hatten. Aber beide konnten es nicht über sich gewinnen, sich einer der bestehenden Gruppen oder Schulen des Kommunismus anzuschließen, die alle noch im Fahrwasser der Sektiererei oder der unbestimmten Menschheitsbeglückung segelten. Die Bewegung aus dem Sektenstadium herauszubringen erschien als das dringendste Erfordernis, und da in Deutschland für eine politische Partei die Vorbedingungen fehlten, mußte der Kampf hier zunächst literarisch-propagandistisch geführt werden.
Darüber waren sich Marx und Engels einig geworden, als dieser im Spätsommer 1844 Marx in Paris besucht hatte, und mit dem ersten Briefe, den Engels nach jenem Besuch an Marx geschrieben hat, beginnt unsere Sammlung. Er ist aus Barmen datiert, wohin Engels sich begeben hatte, offenbar, um sich mit dem Vater über sein ferneres Leben auseinanderzusetzen, da er keine Lust hatte, es am Kontortisch zuzubringen. Der Brief zeigt den Feuergeist des jungen Engels, er wirft aber auch ein interessantes Streiflicht auf die Verfassung des öffentlichen Geistes in Deutschland amVorabend der bürgerlichen Revolution. Überall stößt der Jünger des Kommunismus in der bürgerlichen Welt auf Gesinnungsgenossen, überall auf „Kommunisten“, man sollte meinen, das Evangelium der Menschenverbrüderung wolle Deutschland im Sturme erobern. Es sollte sich indes zeigen, daß der Kommunismus der meisten dieser Leichtgewonnenen nur Frucht unbestimmten Oppositionsdranges war und, als es die Probe zu bestehen galt, ebenso leicht wieder verflog.
Zu jener Zeit war Marx in Paris Mitarbeiter an der radikalen Zeitschrift „Vorwärts“, die der Journalist Heinrich Börnstein herausgab. Bald darauf wurde er mit anderen Mitarbeitern des „Vorwärts“ auf Betreiben der preußischen Regierung aus Paris ausgewiesen und siedelte nach Brüssel über. Nach Paris noch ist der folgende Brief von Engels gerichtet, der das Datum des 19. November 1844 trägt. Er atmet denselben frisch-naiven Geist wie der erste, ist aber ungleich interessanter. Er zeigt, daß Marx-Engels sich zwar schon des Unterschieds zwischen ihnen und anderen deutschen Sozialisten der Epoche bewußt waren, sich aber noch nicht von letzteren getrennt hatten; daß sie wohl mit ihnen diskutierten, aber nicht gegen sie polemisierten, sondern zunächst gemeinsam mit ihnen die Geschosse gegen die unfruchtbare Überkritik der Gebrüder Bauer und Genossen richteten. Die erste von Marx und Engels gemeinsam gezeichnete Kampfschrift „Die heilige Familie zu Charlottenburg“ ward eine Abrechnung mit den Bauers, und hier sehen wir, wie, noch ehe dies Buch erschien, schon das den Radikalismus der Bauer weit überbietende Produkt jener Richtung, Stirner-Schmidts „Der Einzige und sein Eigentum“, auf die Bühne tritt und neue Kritik herausfordert. Engels’ Bemerkungen über das Buch sind als Merkmale seiner selbständigen Entwicklung außerordentlich interessant und ebenso, was er über die Stellung des Moses Heß zu dem Buche sagt. Heß, den Jahren nach und als Sozialist der ältere, wird noch sehr zart angefaßt, aber seine Methode und Auffassung werden doch schon entschieden als falsch gekennzeichnet. Allerdings sind auch Marx-Engels mit der Ausarbeitung ihrer Theorie noch nicht fertig, spricht doch Engels selbst noch stark die Sprache der von ihnen bekämpften Philosophenschule. Aber der Sache nach sind seine paar Sätze über Stirner ungleich schlagender als die breite Polemik, die dann Heß gegen diesen veröffentlichte.
Auch darin zeichnet sich der zweite Brief vor dem ersten aus, als die geradezu phänomenale Arbeitslust und Arbeitskraft Engels’ hier viel drastischer sich kundgibt wie dort. Wohl nimmt es der junge Engels mit dem zu verarbeitenden Stoff noch verhältnismäßig leicht, aber das bloße Konstruieren aus dem Kopfe war doch auch damals nicht seine Sache. Und so kann man nur staunen, wieviel schriftstellerische Arbeit er überzeugt ist in kürzester Zeit fertigstellen zu können, während er nebenbei hin und her reist, agitiert und organisiert. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß der Jung, von dem im Briefe die Rede ist, der spätere demokratischeund schließlich nationalliberale Georg Jung war, und der List, gegen den Engels eine Broschüre zu schreiben erklärt, der Schutzzollanwalt Friedrich List war, der damals viel von sich reden machte.
Einige Briefe aus den ersten Monaten des Jahres 1845 schildern den Fortgang der Engelsschen Arbeiten, seine literarischen Unternehmungen und Projekte; die Propaganda in öffentlichen Versammlungen und ihren Ausgang, sowie die Widerstände, auf die Engels mit seinen Ideen und Plänen im elterlichen Hause stieß. Im Frühjahr 1845 übersiedelte Engels nach Brüssel, und der Briefwechsel mit Marx wird damit überflüssig. Im persönlichen Verkehr arbeiten die Freunde nun ihre Theorie vollständig aus. Sie verfechten sie kritisch-polemisch gegen den immer mehr ins Sektiererische verfallenden Kommunismus Weitlings und den halb polternden und halb sentimentalen Sozialismus einer Reihe von Ganz- oder Halbakademikern, der im wesentlichen auf radikaler Stimmung und gutem Willen beruhte, dessen Vertreter aber sich um die materiellen Vorbedingungen ihrer Umwälzungsideen wenig kümmerten. Marx-Engels selbst aber standen mit den revolutionären Chartisten Englands und sozialistischen Demokraten Frankreichs in Verbindung, traten in immer lebhafteren Verkehr mit führenden Mitgliedern des kommunistischen Geheimbundes der Gerechten, die sich über die Unzulänglichkeiten von Weitlings Ideen und Plänen nicht mehr täuschen ließen, sammelten einen Kreis überzeugter Anhänger um sich und bildeten mit einigen von ihnen in Brüssel ein freies Komitee zur Verfechtung der gewonnenen Erkenntnis.
Teils an Marx selbst und teils an jenes Komitee, an dessen Spitze Marx stand, sind die nächsten der hier vorliegenden Briefe gerichtet. In Paris, dem Stammsitz des Bundes der Gerechten, hatte Karl Grün, wohl der schriftstellerisch gewandteste Vertreter des oben geschilderten Gefühlssozialismus, unter den dortigen deutschen Arbeitern Einfluß gewonnen, so daß zu gewärtigen war, daß der Bruch mit Weitling für einen Teil der Mitglieder des Bundes der Gerechten nur einen Wechsel vom Regen der Utopisterei unter die Traufe eines kompaßlosen Radikalismus bedeuten werde. Dieser Gefahr entgegenzuwirken, war Engels im Juli 1846 nach Paris gegangen, und wie er sich erfolgreich seiner Mission entledigte, schildern unter anderem drei Briefe, die er selbst mit dem Bemerken Komiteebrief I, II und III versehen hat.
Die Briefe geben ein bezeichnendes Bild davon, in welch kleinen Kreisen sich damals die Bewegung abspielte, und erklären so, warum allerhand kleinliche Dinge in ihr einen unverhältnismäßig großen Platz in Anspruch nehmen konnten. Aus den Mitteilungen über die Gruppierung und die Zusammenkünfte der deutschen Arbeiter in Paris ersieht man unter anderem, wie das in den Briefen von Engels und später auch von Marx häufig für Arbeiter gebrauchte Wort „Straubinger“ zu verstehen ist, nämlich als Bezeichnung für entweder noch stark zünftlerisch denkende Handwerksgesellen oder für solche Arbeiter, die jedes größeren geistigen Weitblicksentbehrten und nur Männer der schwieligen Faust als ihnen zugehörig anerkannten. Die „Barriere“ ist die Zollmauer von Paris; in den vor ihr gelegenen Wirtschaften hatten schon in den vierziger Jahren große Gewerksversammlungen französischer Arbeiter stattgefunden.
Hinsichtlich der Personen, die Engels in den Briefen erwähnt, konnte leider nicht ermittelt werden, wer der intelligente Gesinnungsgenosse „Junge“ war, der erst nur mit dem Anfangsbuchstaben bezeichnet wird. Der Russe Tolstoi war in der Tat ein Agent der russischen Regierung. Ein ehemaliges Mitglied des Geheimbundes der Dekabristen und Freund des berühmten Dichters Puschkin, hatte er sich insgeheim der Regierung verkauft, während er in revolutionären Kreisen noch volles Vertrauen genoß. Er ist mit dem russischen Steppengutsbesitzer identisch, von dem dessen Landsmann Annenkow 1883 in seinem Artikel über Marx erzählt hat, daß er diesem 1846 in Brüssel die feierlichsten Angelobungen gemacht, nach Rußland zurückgekehrt aber alles schnell vergessen und sein Leben als feuriger Junggeselle bis zu seinem Ende fortgesetzt habe. Über die Persönlichkeiten des Brüsseler Kreises berichtet Franz Mehring in der Vorbemerkung zum siebenten Abschnitt seiner Veröffentlichung „Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle“. Ergänzungen wie auch sonstige Personalnotizen findet der Leser im Register zu diesen Briefen. Die Mitteilungen über Heinrich Heine und über die Polemiken der Franzosen sprechen für sich selbst.
Im übrigen geht aus diesen Berichten und einigen in dieselbe Zeit entfallenden Briefen von Engels an Marx hervor, daß die beiden und ihre Gesinnungsfreunde schon stark daran waren, die Grundlagen für die Organisation einer eigenen Partei zu schaffen und als Mittel dazu die Erweiterung der von ihnen zwanglos herausgegebenen lithographierten Zirkulare zu einer regelmäßigen Korrespondenz planten, für die an den verschiedenen Orten kleine, nur aus ganz zuverlässigen Personen zusammengesetzte Komitees tätig sein sollten.
Wir glauben bei den Lesern dieses Briefwechsels Kenntnis der vorerwähnten Mehringschen Veröffentlichung voraussetzen und deshalb von einer Wiederholung der dort zu findenden Angaben über den deutschen Sozialismus der vierziger Jahre absehen zu dürfen. Es versteht sich von selbst, daß die scharfen Äußerungen, die in diesen Briefen gelegentlich über Leute wie Otto Lüning, Hermann Püttmann, Joseph Weydemeyer usw. fallen, nicht allzu wörtlich oder als endgültige Urteile aufzufassen sind. So geht es Weydemeyer hier recht schlecht, später aber wird er einer der treuesten Kampfgenossen von Marx-Engels, wenngleich auch dann in ihren Briefen manchmal über ihn gewettert wird. Er war, scheint es, eine etwas schwerfällige Natur, einer jener Menschen, die Zeit brauchen, sich in eine neue Auffassung hineinzuleben und in einer neuen Situation sich zurechtzufinden. Bei ihm wie bei seinen engeren Landsleuten Kriege, Lüning usw. kommt noch die Rückwirkung einer wirtschaftlich sehr unentwickelten Umgebunghinzu. Fast allen deutschen Sozialisten der Epoche außer Marx-Engels passierte es, daß, wenn sie sich literarisch-propagandistisch an ein größeres Publikum wandten, die proletarische Auffassung in die Brüche ging, weil das Proletariat, dem sie gepaßt hätte, entweder gar nicht oder nur in sehr schwachen Anfängen existierte. Es war eben dann unvermeidlich, daß die einen mehr, die anderen weniger, die einen unversehens, die anderen mit Berechnung die sozialistische Lehre anderen Gesellschaftsschichten mundgerecht zu machen suchten und dadurch genötigt waren, ihr einen verschwommenen Charakter zu geben. Das mußte aber Marx-Engels um so verwerflicher erscheinen, als sie wiederum zwar sich bewußt waren, daß ein Proletariat, wie es ihre Theorie voraussetzte, in Deutschland erst als Ausnahme existierte, aber doch auch für hier eine raschere Entwicklung der Dinge annahmen, als sie tatsächlich ausfiel. Selbst in England und Frankreich, die ihnen als historische Wegweiser galten, war die Arbeiterklasse in Wirklichkeit viel weniger entwickelt, als wie sie damals ihnen und anderen erschien. Kurz, es bewirkten Unterschiede in der Schärfe des Denkens mit solchen der Anschauung der Dinge zusammen, daß den beiden Freunden der Gegensatz zwischen ihrer Auffassung und der der bezeichneten deutschen Sozialisten stärker erschien als jenen, und sie sogar für deren Bereitwilligkeit, von ihnen zu lernen, manchmal nur Spott hatten.
Noch ein Wort über die wegwerfende Behandlung, die Moses Heß in den Berichten und den nun folgenden Briefen von Engels erfährt. Heß war zwar als Sozialist älter als Marx-Engels und hatte sogar zeitweise in Brüssel sich an ihren Arbeiten gegen Feuerbach, Stirner usw. beteiligt, aber gerade dabei hatte sich immer deutlicher gezeigt, daß seine Art zu philosophieren und argumentieren ganz und gar nicht die ihrige war, daß es ihm nicht möglich war, sich aus den Schlingen einer recht sterilen Begriffsspekulation völlig herauszuarbeiten. Er merkte nicht einmal, daß die Ausfälle von Marx-Engels über diese Philosophie auch gegen ihn gingen. So sank er denn immer tiefer in ihrem Ansehen, und da sie ihm das nicht vorenthielten, ward seine Empfindlichkeit schwer gereizt. Er war ein Gemisch von Eigensinn und Gutmütigkeit, in seinen sozialistischen Gesinnungen fest, aber launenhaft in seiner Betätigungsweise, und so gab es, wie damals zwischen ihm und seiner Braut und späteren Frau, auch zwischen ihm und Marx-Engels abwechselnd Krieg und Waffenstillstand. Für immer aber war er ihnen, wie dies aus Engels’ Bemerkungen hervorgeht, eine wesentlich komische Figur geworden.
In die Zeit der Abfassung der Briefe an das Komitee entfällt auch ein undatierter Brief von Engels an Marx, der Ende September oder Anfang Oktober 1846 geschrieben wurde. Er eröffnet mit charakteristischen kritischen Bemerkungen über Feuerbachs in dem Sammelwerk „Die Epigonen“ erschienene Abhandlung „Das Wesen der Religion“. Es handelt sich um die Frage, ob diese Schrift noch in dem Werk über die nachhegelsche deutsche Philosophie, das Marx und Engels in Brüssel zusammen verfaßt hatten,berücksichtigt werden müsse, und die Bestimmtheit, mit der Engels dies verneint, sowie die Begründung seines Urteils lassen den Gegensatz ihrer Geschichtsphilosophie zur Feuerbachschen aufs schärfste hervortreten. Des weiteren ersieht man aus diesem Brief und aus entsprechenden Stellen späterer Briefe, wie viel Mühe Marx und Engels es sich kosten ließen, einen Verleger für ihre philosophische Arbeit zu finden, und auf welche Hindernisse die Versuche stießen, das nach ihrer Schätzung fünfzig Druckbogen umfassende Manuskript unterzubringen. Die Ratschläge, die Engels mit Bezug hierauf dem Freunde gibt, lassen große geschäftliche Umsicht erkennen. Andere Bemerkungen beziehen sich auf die Polemik mit dem von Feuerbach her zum Sozialismus gekommenen Hermann Kriege, der nach Amerika gegangen war, in New York ein Blatt, „Der Volkstribun“, herausgab, worin er einen verschwommenen Liebeskommunismus predigte, und, kaum daß Marx-Engels und Freunde ein Rundschreiben gegen seine Verfaselung des Sozialismus erlassen hatten, in Wilhelm Weitling einen Verbündeten gegen jene fand. Der von Engels so ironisch behandelte „große Mäurer“ (das „Zigarrenmännlein“) ist der Dr. German Mäurer, eines der ältesten Mitglieder der Pariser Emigration.
Zu den Briefen dieser Epoche gehört ferner ein undatiertes Brieffragment, das sich dem Datum nach genau nicht einordnen ließ, und von dem auch nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, wer die Urheber des darin kritisierten Projekts einer Verlagsgenossenschaft waren. Man wird es wohl in die Zeit zu verlegen haben, wo Engels wiederholt sich in Paris aufhielt und Marx in Brüssel wohnte, also zwischen August 1846 und Ende 1847. Und klar ist, daß es sich um einen Verlag für radikal-demokratische und sozialistische Publikationen handelte.
Engels’ Brief an Marx vom 23. Oktober 1846 rekapituliert und ergänzt im wesentlichen nur kurz die Mitteilungen des dritten Briefes an das Komitee. Die vom 2. November 1846 datierte Anschrift an einen Brief des C. Fr. Bernays an Marx handelt von zwei verschiedenen Manuskripten. Das eine scheint das Manuskript irgend einer Abhandlung des Bernays gewesen zu sein, die Marx vielleicht durchgesehen hatte, mit dem anderen ist das Manuskript der Kritik der Nachhegelianer gemeint. Jenny war ein Verlagsbuchhändler in Bern. Den Brief des Bernays an Marx mit abzudrucken lag kein Anlaß vor. Der Inhalt ist völlig interesselos und läßt den Schreiber durchaus als das erkennen, als was ihn Engels später charakterisiert, nämlich als ein Gemisch von Sentimentalität und Berechnung. Der undatierte, aber offenbar von Ende 1846 herrührende Brief erklärt sich im wesentlichen selbst. Mit „die Londoner“ waren zweifellos führende Mitglieder des Londoner deutschen kommunistischen Arbeitervereins gemeint, die wohl irgend eine Absage oder die Androhung einer solchen nach Brüssel hatten gelangen lassen. Auch der Brief vom 15. Januar 1847 bedarf keiner besonderen Erläuterung; es geht aus ihm hervor, daß Marx um jene Zeit einen Besuch in Paris plante. Aus der Broschüregegen Proudhon, die Engels erwartete, wurde, wie man weiß, das Buch „La Misère de la Philosophie“; die Briefe von Engels zeigen, wie sehr diese Streitschrift durch die Agitationen veranlaßt war, die Karl Grün unter deutschen Arbeitern für Proudhon entfaltete. Wir werden noch sehen, daß Marx es keineswegs bei der französischen Ausgabe bewenden lassen wollte. Wenn er mit ihr den Anfang machte, so wird wohl der Umstand mitbestimmend gewesen sein, daß selbst für das Manuskript gegen Stirner und Genossen ein Verleger noch nicht gefunden war. Daß es sich aber bei diesen Schriften nicht nur um literarische Kämpfe handelte, sondern um unmittelbare Zwecke der praktischen Agitation, zeigt der nun folgende, vom 9. März 1847 datierte Brief. Es galt nicht nur, Widersacher aller Art zu entwaffnen, es war auch der schriftstellerische Tatendrang von Leuten abzuwehren, die sich für Parteigänger hielten oder ausgaben. Was aus den zwei Broschüren geworden ist, die Engels laut diesem Brief damals abgefaßt hat, war nicht zu ermitteln. Ebenso bleibt es Sache der Vermutung, auf welche dieser Broschüren sich die Bemerkung von Marx in dessen Brief vom 15. Mai 1847 bezog.
Einen neuen Abwehrkampf schildert der nächste Engelssche Brief. Es ist mehr als ein halbes Jahr verflossen, in London hat die Konferenz des Bundes der Gerechten stattgefunden, auf der eine Umgestaltung der Organisation und, als Wahrzeichen der Preisgabe des utopistischen Grundzugs der alten Doktrin des Bundes, die Umwandlung von dessen Namen in Bund der Kommunisten beschlossen worden war. Marx ist zur Abwicklung einer Geldangelegenheit nach Deutschland gereist, und in seiner Abwesenheit versuchen in Brüssel lebende deutsche Arbeiter und Sozialisten, die mit dem Verlauf der Dinge unzufrieden waren oder sich zurückgesetzt fühlten, einen Gegenschlag zu führen. Es ist von geringem Belang, ob ihre Absichten genau auf das hinausgingen, was der für die Zeit der Abwesenheit von Marx nach Brüssel übersiedelte Engels auf Grund der ihm erstatteten Berichte und von Ausplaudereien der Beteiligten folgerte. Jedenfalls lag ein Versuch vor, den Einfluß ihrer Richtung in der Arbeiterschaft und bei den belgischen Sozialisten und Demokraten zurückzudrängen. Das aber mußte schon im Hinblick auf den bevorstehenden Bundeskongreß, der die endgültige Entscheidung bringen sollte, um jeden Preis verhindert werden, und es ist interessant, zu vernehmen, mit welcher Energie Engels sich ins Zeug legt und wie begeistert er vom Sieg und der Haltung „unsrer Jungens“ spricht, worunter zweifelsohne die Brüsseler Mitgliedschaft des Bundes der Kommunisten gemeint ist.
Die Gesellschaft, die damals in Brüssel gegründet wurde, nannte sich „Demokratischer Bund“ –Association Démocratique– und ward von den Beteiligten durchaus ernst genommen. Marx, für dessen Wahl in den Vorstand Engels so energisch gesorgt hatte, nahm diese Wahl an und ward im November 1847 vom Bund als dessen Vertreter zum Internationalen Meeting der LondonerFraternal Democratsabgesandt, welche Reise mitder zum Kongreß des Bundes der Kommunisten zusammenfiel. Engels nennt einen gewissen Tedesco als Begleiter von Marx, und auch in einigen späteren Briefen begegnen wir diesem Namen. Es sei daher bemerkt, daß Viktor Tedesco ein junger Lütticher Anwalt sehr entschieden sozialistisch-demokratischer Gesinnung war, für die er dann fünf Jahre in Gefangenschaft zubrachte. Nach seinem Wiedereintritt in die Freiheit ist er später der liberalen Partei Belgiens beigetreten und einer ihrer Hauptführer geworden. Aus seiner Feder existiert ein „Katechismus des Proletariers“. Adolf Bartels, Jakob Kats, L. Jottrand, Jan Pellering waren belgische Sozialisten, die in der Geschichte der Sozialdemokratie ihres Landes ehrenvolle Plätze einnehmen. Maynz, Professor an der Brüsseler Universität, Breyer, Arzt, und Viktor Faider, Advokat, waren Mitglieder des Demokratischen Bundes; der neben Bricourt als Mitglied der Deputiertenkammer genannte Castiau war ein ungewöhnlich charaktervoller und begabter Demokrat, der 1848, als er sich in der Kammer isoliert sah, der parlamentarischen Laufbahn Valet sagte, und Philipp Gigot, Beamter im städtischen Archiv, war seit 1846 schon Mitglied des Kommunistenbundes. Imbert war ein französischer Flüchtling, der in Marseille ein radikalsozialistisches Blatt herausgegeben hatte.
Von den Personen, die Engels in diesen Briefen sonst noch nennt, sind die meisten aus der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie bekannt. Bornstedt war der Herausgeber der Deutschen Brüsseler Zeitung, an der Marx-Engels und Freunde auf Grund eines Vertrags regelmäßig mitarbeiteten, und daß dadurch sie ihr den Charakter gaben und nicht er, mochte seinem Selbstgefühl schon wehe tun. Auch mögen schon damals Ansätze des Wahnsinns bei ihm vorhanden gewesen sein, dem er 1852 erlag. Sein schwankendes Verhalten erinnert an das von Moses Heß, der nun auch wieder in Brüssel ist und dort darin einwilligt, daß die führende Stellung Marx eingeräumt wird. Heilberg, Schriftsteller und Lehrer, war ein aus Schlesien gebürtiger Sozialist und Demokrat, der im Revolutionsjahr 1848 in Deutschland wirkte, dann vor den Verfolgungen der Reaktion wieder ins Ausland mußte und im Winter 1851/52 in London in sehr bedrängten Verhältnissen starb. Er war von einem Omnibus überfahren worden, und Freiligrath sammelte Geld, um des Verunglückten Frau und Kind nach Deutschland zurückzubefördern. Der Wallau, von dem Engels schreibt, war damals Schriftsetzer an der Brüsseler Zeitung und hat später als Oberbürgermeister von Mainz geendet, der mit „B.“ bezeichnete Bundesgenosse war zweifellos der Schriftsetzer Stephan Born. Von ihm ist in einem vier Wochen später – etwa am 10. November 1847 – wieder aus Paris datierten Briefe die Rede. Auf Born setzt Engels für den bevorstehenden Kommunistenkongreß besondere Hoffnungen, die Born auch nicht Lügen gestraft hat. Die in französischer Sprache geschriebene Bemerkung am Schlusse des Briefes zielt auf Artikel von Moses Heß in der Brüsseler Zeitung hin. Mit der „Drecklawine“ Karl Heinzens ist dessen Pamphlet„Die teutschen Kommunisten“ gemeint. Die im Anfang des Briefes geschilderte Verhandlung mit den Leuten von der Réforme und vom Atelier lassen eine ganze Internationale im Werden ersehen. Das günstige Urteil, das Engels dort über Louis Blanc fällt, erfährt sehr bald eine Abtönung.
Der in Engels’ Brief vom 15. November 1847 erwähnte Frank war der Pariser Verleger von Marx’ mittlerweile herausgekommener Schrift „Misère de la Philosophie“, und wie dieser Biedermann durch sein schlaues Geldmanöver es erreicht hatte, daß das Buch von der Pariser Presse ignoriert wurde, muß für Marx eine ebenso erbauliche Kunde gewesen sein, wie die Mitteilung von den Bedenken des guten Flocon gegen seinen Artikel über die Freihandelsfrage. Die Deputiertenwahl, von der im Briefe die Rede ist, war die Wahl eines Delegierten für den Londoner Kommunistenkongreß durch die Pariser Mitgliedschaft des Kommunistenbundes. Wenn Engels schreibt, er habe „diesmal gar nicht intrigiert“ und auch keinen Anlaß dazu gehabt, so weicht das von der Schilderung ab, die Stephan Born in seinen Erinnerungen von dieser Wahl gibt. Aber man wird Engels, der sich Marx gegenüber stets mit rückhaltloser Offenheit über seine taktischen Manöver äußerte und im Augenblick des Vorganges schrieb, unbedingt mehr zu glauben haben als Born, der fünfzig Jahre später darüber schrieb und einem Groll gegen Engels Genugtuung verschaffen wollte. Daß Engels sonst bereit war, im Notfall den Dingen etwas nachzuhelfen, lassen die Briefe zur Genüge erkennen; wo so Wichtiges auf dem Spiele stand, wäre es auch höchst doktrinär gewesen, die vertretene Sache der Laune des Zufalls anheimzugeben. Aus dem nächsten, kurz vor der Fahrt zum Kommunistenkongreß abgefaßten Brief ist am bedeutendsten die Stelle, die sich auf die abzufassende Programmschrift des Kommunistenbundes bezieht. Wir ersehen daraus, daß ein erster Entwurf des Kommunistischen Manifestes von Friedrich Engels verfaßt wurde und auch der Name auf ihn zurückgeht. Sonst zeigen dieser Brief und die nächsten Briefe, auf welche Schwierigkeiten Engels in Paris mit seinen Bemühungen für eine anständige Besprechung der „Misère de la Philosophie“ selbst dort stieß, wo man am ehesten auf Entgegenkommen hätte rechnen dürfen. Die Briefe der Freunde aus dem Monat März 1848 beziehen sich hauptsächlich auf die Ausweisung von Marx und Wilhelm Wolff aus Belgien und die sonstigen Polizeibrutalitäten, welche die belgische Regierung nach der Februarrevolution im Interesse der Aufrechterhaltung ihrer Ordnung bei sich zu Hause ins Werk setzte; auch geben sie ein kleines Stimmungsbild aus der Zeit zwischen dem Siege der Februarrevolution in Paris und der Erhebung vom 18. März 1848 in Berlin. Ein sehr charakteristisches Situationsbild gibt auch Engels’ vom 25. April 1848 datierter Brief aus Barmen. Er handelt von dem Versuch, für die von Marx-Engels und Freunden geplante radikal-demokratische Zeitung großen Stils – die dann den Titel Neue Rheinische Zeitung erhielt – Aktionäre auszutreiben, und zeigt, wie schnell nun, wo die Dinge ernst zu werden anfingen, jeneSympathien mit dem Kommunismus sich verflüchtigten, denen Engels vier Jahre vorher in Barmen-Elberfeld auf Schritt und Tritt begegnet war. Es dauert zwei Wochen, bis im nächsten Brief Engels die Zeichnung von vierzehn Aktien melden kann.
Immerhin, die Neue Rheinische Zeitung trat ins Leben, und ihr Erscheinungsort Köln ward das Zentrum der radikalen Demokratie Deutschlands. Zugleich aber regnete es bald Verfolgungen über ihre Redakteure und Parteigänger. Unter anderem ward im September 1848 Verhaftungsbefehl gegen Engels erlassen, und da gleichzeitig der Belagerungszustand über Köln verhängt wurde, zog es Engels vor, sich einstweilen durch Weggang ins Ausland der Verhaftung zu entziehen. Er wandte sich nach Belgien, ging dann über Frankreich in die Schweiz und arbeitete von dort, wohin ihm Marx Geld und Weisungen schickt, wieder an der Neuen Rheinischen Zeitung mit. Anfang 1849 kehrt Engels nach Köln zurück und findet eine ziemlich veränderte Situation vor. Durch Austritt eines Teils der bürgerlichen Aktionäre gestaltet sich trotz steigender Verbreitung die finanzielle Lage der Neuen Rheinischen Zeitung recht schwierig. Es fehlt an Betriebsmitteln, und um solche zu beschaffen tritt Marx eine Reise zu auswärtigen Gesinnungsfreunden an, worüber wir etwas aus Marx’ Brief vom 23. April 1849 ersehen. Als im Mai 1849 die preußische Behörde durch Ausweisung von Marx aus Preußen und Androhung von Ausweisung und Verhaftung anderer Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung den Lebensfaden abschnitt, ging Engels bekanntlich zunächst in die Pfalz und dann nach Baden, um an der dortigen Reichsverfassungskampagne teilzunehmen. Davon handelt der nächste dieser Epoche angehörige Brief. Er ist aus Vevey in der Schweiz vom 25. Juli 1849 an Frau Marx gerichtet und zeigt den liebenswürdigen Charakter Engels’, die rührende Zurücksetzung seiner Person, wo Marx in Betracht kam, wieder von der schönsten Seite. Wie mit Bezug hierauf spricht auch sonst dieser Brief im besten Sinne des Wortes für sich selbst. Ebenso läßt Marx’ Brief an Engels vom 7. Juni 1849 ausgestandene Sorge um den Freund erkennen. Marx’ aus Paris datierte Briefe berichten von seiner Drangsalierung durch die französische Regierung, seinen literarischen Projekten und politischen Hoffnungen. Mit dem Brief Marx’ vom 23. August 1849, der die unmittelbare Übersiedlung nach London anzeigt, endet der Briefwechsel dieser Epoche. Es beginnen die Jahre des Londoner Exils.