Chapter 11

Randleiste von einem Bande der Wolfenbütteler Bibliothek. 1572.3. Das Fertigmachen vor und nach dem Vergolden.

Randleiste von einem Bande der Wolfenbütteler Bibliothek. 1572.

Randleiste von einem Bande der Wolfenbütteler Bibliothek. 1572.

Anpappen — Offen Anpappen — Aufpappen des fliegenden Blattes — Tiefer Falz, Stoff- und Lederfalz — Seidenspiegel, Lederspiegel — Abglätten, Einpressen — Futteral und Karton.

Nachdem der Buchkörper mit der Einbanddecke, dem äußeren Teile des Buches, verbunden ist, werden die Deckel auch auf der Innenseite bekleidet. Diese Arbeit heißt das »Anpappen« und hat nicht allein den Zweck, die Spuren der vorhergehenden Arbeiten zu verdecken, sondern soll auch die Haltbarkeit des Buches in den Gelenken möglichst verstärken. Die einfachste Art, einen Band anzupappen, ist folgende: Das erste Blatt des Vorsatzes wird mit Kleister angeschmiert, der Deckel zugeschlagen, das Buch herumgewendet und die andere Seite in derselben Weise behandelt; das Buch wird danach sofort eingepreßt. Solange der Falz noch einigermaßen feucht ist, darf der Band nicht geöffnet werden, anderenfalls würden sich im Falz Falten bilden. Diese Art des Anpappens vertragen alle die Bände, welche nicht auf tiefen Falz angesetzt sind, die also weder durch den Deckel gezogene, noch äußerlich auf den Deckel geklebte Bünde haben. Dahin gehören außer den einfachsten Steifbänden die Halbleinen- und gewöhnlichen Halblederbände, sowie die Ganzleinen- und die »eingehängten« Bände ohne Leinenfalz.

Es empfiehlt sich sehr, die eingepreßten Bände nach einiger Zeit wieder aus der Presse zu nehmen, um, ohne daß der Band geöffnet wird, hinter die ersten fünf bis sechs Blätter vorn und hinten ein Zinkblech einzulegen, mit welchem die Bände dann von neuem in die Presse gebracht werden, in der sie mindestens über Nacht, womöglich noch länger verbleiben. Die Endlagen sowohl als auch der innere Deckel erscheinen infolge dieser Maßregel durchaus glatt und die Bünde zeichnen sich weniger scharf ab. Schließlich ist zu bemerken, daß nurSchreib-undNaturpapierediese Art des Anpappens vertragen, alle anderen Vorsätze müssen »offen« angepappt werden.

»Offen anpappen« heißt das Buch in aufgeschlagenem Zustande anpappen und trocknen lassen; dies geschieht bei allen Bänden mit Buntpapier-Vorsätzen, bei den fabrikmäßig hergestellten, mit Draht gehefteten Bänden, und bei allen Bänden mit tiefem Falz.

Die Bände mit bunten Vorsätzen erhalten immer einen Leinenfalz; die Bünde werden bis auf etwa 2 cm Länge abgeschnitten, sehr glatt und gleichmäßig strahlenförmig auseinander gestrichen und mit Leim auf den Deckel herübergeklebt, wobei dieser fest gegen das Buch gedrückt wird; der Kalikofalz wird auf einem untergelegten Blatte Makulatur angeschmiert, stramm und gleichmäßig auf den Deckel herübergezogen und gut angerieben, wobei besonders auf die Ansetzkante des Deckels zu achten ist, da hier der Falz nicht gut haftet und leicht »hohl« wird.

Das Anpappen der fabrikmäßig hergestellten Bände ist gleich dem Verfahren, das bei Bänden mit tiefem Falz angewandt wird; im folgenden wird nur von diesem die Rede sein.

Schon oben (S. 35) sprachen wir von der Zurichtung der Vorsätze; doch ist es in vielen Werkstätten üblich, erst kurz vor dem Anpappen die Bunt- oder Brokatpapiere einzukleben.Notwendigist dieses spätere Einkleben des farbigen Vorsatzes da, wo ein tiefer Falz ohne Kaliko- oder Lederfalz in Anwendung kommt.

Fig. 56.

Fig. 56.

Fig. 57. Anreiben des Vorsatzes im tiefen Falz.

Fig. 57. Anreiben des Vorsatzes im tiefen Falz.

In diesem Falle werden zwei Doppelblätter des erwählten Papieres, etwas größer als der Band mit der farbigen Seite zusammengebrochen, am Bruch 3 mm breit mit Leim angeschmiert und genauinden Falz, nicht aberaufden Falz und bis an den Rücken eingeklebt. Nach dem Anhängen des farbigen Papieres wird dieses zurückgeschlagen, das erste weiße Blatt mit mäßig dünnem Leim recht gleichmäßig und sauber angeschmiert, das bunte Blatt zugelegt und leicht angerieben. Nachdem die andere Seite des Buches in derselben Weise behandelt ist, wird der Band leicht eingepreßt. Ist das Geklebte etwas abgetrocknet, so wird ein Zinkblech zwischen die farbigen Blätter eingeschoben und am Buche her das Überstehende sauber abgeschnitten. Nun wird die andere Blatthälfte auf den Deckel »angepappt«, muß aber vorher passend geschnitten werden. Zu diesem Ende legt man dieselbe in der Lage, wie sie aufzukleben ist, auf den Deckel herüber und zeichnet mit dem Zirkel der Kante parallel ringsum eine Linie vor, deren Abstand von der Kante sich nach der Breite zu richten hat, die man dem inneren Rande geben will. In Fällen, wo dieser Rand vergoldet werden soll, hat man sich darauf Rücksicht zu nehmen. Diesem Zirkelstrich nach wird das Blatt auf einem untergelegten Zinkblech bis an den Falz abgeschnitten; in dem Falz selbst bleibt das Papier in ganzer Länge stehen,d. h.die auf dem Deckel aufgeklebte Hälfte wird oben und unten kürzer als das erste Vorsatzblatt und der Falz. An diesem her, genau in der Biegung, welche das Deckelblatt, der»Spiegel«, um die Deckelkante macht, wird bis an den Zirkelstrich heran mit der Schere eingeschnitten, so daß der vorhergehende Messerschnitt mit dem Schereneinschnitt auf unserer Fig. (56) bei a zusammentrifft. Nun wird unter das beschnittene Blatt zum Schutze von Vorsatz und Buchschnitt Makulatur eingelegt, das Blatt sauber angeschmiert und auf den Deckel geklebt. Das Anschmieren muß, wie beim Aufpappen des ersten, sogenannten »fliegenden Blattes«, sehr gleichmäßig geschehen; besonders aber ist das Anhäufen von Leim im Falz nachteilig, weil erstlich das Gelenk unsauber, zweitens aber nicht trocken wird. Das angeschmierte Blatt wird vorsichtig auf den Deckel herübergezogen,wobei der Falz nochmals recht genau zu richten, der Deckel beizudrücken ist. Zweckmäßig ist es, das Buch quer zu legen, die vordere Deckelkante gegen den Körper zu stemmen und mit Daumen und Zeigefinger beider Hände den Falz gut anzureiben; zu dieser Arbeit wird ein Stück Makulatur vorgelegt, über das angerieben wird. Unsere Abbildung (Fig. 57) zeigt das Anreiben des Falzes, doch ohne Papiervorlage.

In vielen Werkstätten wird diese Art des Vorsatzanpappens in der Weise gehandhabt, daß das Doppelblatt auf den Falz bis in den Rücken hereingeklebt wird. Das innere Blatt wird aufgepappt, und beide Doppelblätter am Buche ringsherum abgeschnitten. Auf eingelegter Makulatur wird angeschmiert und das nicht weiter abgeschnittene Blatt angepappt. Diese Weise hat den Nachteil, daß der scharfe Bruch in das Gelenk kommt und leicht durchreißt; zudem sieht das abgeschnittene Blatt auf dem Deckel bei der vorher genannten Weise besser und zierlicher aus. Vergl.Fig. 58.

Fig. 58. Tiefer Falz mit eingeklebtem Papiervorsatz.

Fig. 58. Tiefer Falz mit eingeklebtem Papiervorsatz.

In den Grundzügen genau dasselbe Verfahren beobachtet man bei den Bänden mit Kaliko- oder Lederfalz. Ersterer ist entweder mit dem Vorsatz bereits vorgeheftet oder wird jetzt eingeklebt; Lederfalz wird stets eingeklebt, und muß in allen den Fällen angewendet werden, wo im Deckel eine breite vergoldete Kante den ganzen Spiegel umfaßt. Die Breite des Lederfalzes richtet sich demgemäß auch nach der Breite der Vergoldung. Selbst in dem Falle aber, daß die hintere Deckelkantenichtvergoldet wird, muß der eingeklebte Falz (Leder oder Kaliko) auf den Deckel, wie auf das fliegende Blatt je 1 cm herübergehen. Lederfälze werden vor dem Einklebendurchausdünn geschärft und mitKleistereingeklebt. Kaliko wird mitLeimgeklebt. Der Falz muß vorher auf Höhe passend, der auf den Deckel herüberreichende Flügel an beiden Enden etwas schräg nach innen abgeschnitten werden. Scharfes Anreiben und Beidrücken des Falzes ist hier genau wie bei der vorher erwähnten Weise erforderlich. Ein mit dem VorsatzumstochenerFalzwird über sich selbst zurückgeklebt, so daß er in der Breite des Abpreßfälzchens doppelt liegt.

Wenn es sich darum handelt, die Kante ringsum zu vergolden, so muß beim Einkleben des Lederfalzes, wie folgt, verfahren werden. Der auf Höhe passend geschnittene Lederstreif wird eingeklebt, muß aber auf dem Deckel genau nach der Gehrung geschnitten werden,d. h.er muß mit den Rändern der Ober- und Unterkante im halben rechten Winkel wie ein Bilderrahmen zusammenstoßen. Würde man den Streifen einfach über den Kanteneinschlag des Deckels kleben, so läge das Leder an diesen Stellen doppelt und bildete eine Erhöhung. Zur Vermeidung dieses Übelstandes zeichnet man auf dem frisch geklebten Falze den Gehrungsschnitt vor und durchschneidet auf diesem Lederfalz und Einschlag bis auf die Pappe, indem man das scharfe, spitze Messer etwas schräg nach außen zu hält; dadurch wird der Falz etwas unterschnitten, der Kanteneinschlag etwas abgeschrägt. Indem der Falz nun ein wenig gehoben wird, löst man das darunter liegende Lederstückchen des Einschlages bis an den Schnitt ab und klebt den Falz so fest, daß er mit dem Einschlag zusammenstößt, aber denselben nur so viel deckt, als dies durch den schrägen Schnitt bedingt ist.

Nach dem Anpappen des ersten Falzes kann der ganze Band mit aufgeschlagenem Deckel gewendet und sofort der zweite Falz eingeklebt, bez. das Vorsatz angepappt werden, doch muß er nachher ruhig liegen bleiben bis zum vollständigen Abtrocknen, was beim Lederfalz natürlich länger dauert als beim Papier- oder Kalikofalz. Damit der unten liegende, zuerst behandelte Falz nicht leidet, wird ein Preßbrett untergelegt.

Bei eingeklebten Fälzen wird das Vorsatz hinterher so angehängt, daß es genau bis an den Abpreßfalz reicht; war ein Falz mit umstochen, so reicht es bis dicht an den zurückgebogenen Falz. Das Blatt für den Deckel wird entweder bis dicht an die hintere Deckelkante herangesetzt, oder aber, wenn die Kantenvergoldung ringsherum läuft, wird er dieser gemäß eingesetzt. Hiernach hat man sich beim Zuschneiden zu richten. Sollen die Kanten vergoldet werden, so hat dies vor dem Einkleben des Spiegels zu geschehen. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß gewisse Muster sowohl von marmorierten als gedruckten oder gepreßten Papieren, die eine nach aufwärts gehende Richtung haben, nicht auf den Kopf gestellt werden dürfen. Buntpapiervorsatz wird sofort nach dem Einkleben mit einem heißen »Glättkolben« (Fig. 59) »abgeglättet«, damit der Deckel sich nicht nachträglich wirft. Der Deckel soll nach dieser Arbeit völlig eben erscheinen, auf keinen Fall darf er sich nach außen Wölben, eher kann er nach innen zu eine leichte Wölbung haben.

Bei allen diesen Arbeiten wird auf den Arbeitstisch ein Tuch gelegt, um ein Verkratzen der Außenseite des Buches zu vermeiden.

Reich ausgestattete Bände werden auch auf der ganzen Innenseite vergoldet und erhalten demnach einenLederspiegel. Besteht derselbe aus dünnem Leder, so wird er stets eingelassen,d. h.es wird ein etwas größer als notwendig zugeschnittenes Stück Leder an einigen Stellen des Deckels mit Leim befestigt, mit einem Zirkel die Kantenparallelen gezogen, diesen gemäß durch Spiegel und Einschlag hindurch bis auf die Pappe mit einem scharfen, spitzen Messer ein Schnitt gemacht, wobei in schon erwähnter Weise das Messer ein wenig schräg gehalten wird. Das unter dem Spiegel innerhalb des Schnittes klebende Leder wird abgelöst, der Spiegel angeschmiert und mit Kleister eingeklebt. Dickere Leder werden ringsherum geschärft, passend geschnitten und aufgeklebt. Das fliegende Blatt besteht dabei ebenfalls meist aus farbigem Papier.Seidenspiegelund fliegendes Blatt mit Seidenbespannung kommt ebenfalls vor, wenn jetzt auch seltener als früher. Seide wird stets gespannt,d. h.um ein Blatt Papier an den Kanten umgeschlagen, während die Fläche selbst hohl aufliegt. Für Spiegel und fliegendes Blatt wird je ein Blatt kräftiges, jedoch nicht allzudickes Papier genau zugeschnitten, dazu passend je ein Stück Seide nebst Zurechnung von 1 cm Umschlag. Die Rückseite dieser Papiereinlagen wird an den Kanten her 1 cm breit mit Leim angeschmiert, das Blatt mit der Vorderseite von hinten auf die Seide gelegt und deren Umschlag um die Kante geklebt. Zweckmäßig ist es, ein Blatt Papier unterzulegen, welches breit übersteht, mit diesem überstehenden Teile den Seideneinschlag um die Kante zu ziehen und anzureiben. Die Seide soll auf der Vorderseite durchaus glatt und ohne Falten oder sichtbare Brüche sein, muß deshalb nötigenfalls vorher ausgebügelt werden; ein besseres, dem weichen Stoffe angemessenes Ansehen gewinnt die Seide dadurch, daß auf das Papier erst eine dünne Lage Watte geklebt wird. Die so vorbereiteten Seidenteile werden auf dem Deckel sowohl, wie auf dem fliegenden Blatte aufgeklebt. Es ist zweckmäßig, das ganze Blatt aufzukleben und einige Zeit einzupressen. Durch die Feuchtigkeit des Leimes zieht die Seide etwas an, legt sich nach dem Trocknen in der Presse aber wieder glatt.

Fig. 59. Großer Glättkolben.

Fig. 59. Großer Glättkolben.

Bei jedem Einpressen der Bände auf tiefen Falz werden unter die Deckel Zinkbleche bis an den Falz eingeschoben; stehen weiße oder helle Seidenvorsätze in Frage, so schlägt man um die Bleche erst ein Blatt weißes Papier. Die Bretter werden nicht in den Falzgelegt, sondern über denselben herausgerückt, die Presse nicht zu fest angezogen.

Auf jeden Fall bleibt der fertige Band längere Zeit, am besten über Nacht, in der Presse. Bände, welche nach dem Vergolden auch auf der Außenseite abgeglättet wurden — diese Arbeit wird später näher behandelt — preßt man zwischen vorgelegten Zinkblechen ein. Empfehlenswerter sind lackierte Eisentafeln. Das Lackieren muß jedoch im heißen Ofen besorgt worden sein, weshalb nicht jeder Lackierer, sondern nur gut eingerichtete Lackieranstalten brauchbare Tafeln zu liefern im stande sind.

Wertvolle Einbände, die man gern in der Weise erhalten will, wie sie aus der Hand des Buchbinders hervorgingen, bedürfen noch einer Schutzvorrichtung in Gestalt eines Futterals oder eines Kastens. Unsere Vorfahren in früheren Jahrhunderten bedienten sich zu dem Ende einer Büchse oder eines Kastens von Holz, auch wohl eines ledernen oder leinenen Sackes. Im vorigen Jahrhundert gab man dieser Schutzhülle die Form des Buches selbst und druckte auch wohl den Titel darauf. Gegenwärtig werden dergleichen Bände entweder mit einem Pappfutteral versehen, an dessen offener Seite der Rücken heraussieht, oder man legt den Band in ein pappenes Kästchen, das gewöhnlich als Karton bezeichnet wird. Um ein Futteral herzustellen, wird die Pappe nach Maßgabe der Größenverhältnisse des Buches geritzt und an den geritzten Stellen zusammengebogen. Die Kanten, mit denen die Seitenteile zusammenstoßen, werden überklebt und das Ganze entweder mit Papier oder besser mit Kaliko überzogen. In ähnlicher Weise wird der Karton hergestellt; doch kann man die einzelnen Teile auch aus der Pappe ganz herausschneiden und dann zusammenkleben; der Rückenteil wird beiderseits an Gelenke gehangen, so daß sich der Kasten flach auseinander legen läßt. Außerdem erhalten die Bände auch wohl noch Schutzumschläge von festem Papier, das, um es noch haltbarer zu machen, mit Stoff gefüttert zu werden pflegt.


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