Elftes Capitel.Reisende in Noth.Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes Hilferufen.Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.Michael Strogoff lauschte aufmerksam.Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.[pg 1-134]„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!… fiel rasch der Jemschik ein.— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das unversucht lassen?— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!…— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten Geschirrführer.— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen nicht allein lassen …— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht[pg 1-135]daran, daß es dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu widerstehen vermochte.Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre Worte schon ganz deutlich.Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – Folgendes:„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.— Und das nennen sie einen Teleg!— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt[pg 1-136]er aus und scheint’s gar nicht zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen lassen!“Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der Bürger des Vereinigten Königreichs.— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!…“Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige Stimme vernehmen:„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht passiren!— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen Geleises fest zu sitzen schien.[pg 1-137]Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, als ihn Michael Strogoff unterbrach:„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga gemeinschaftlich befahren haben.— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr …?—NicolausKorpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt und über alle Maßen drollig?[pg 1-138]— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten Seite anzusehen.— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg fortzusetzen? fragte Harry Blount.— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein …— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit und …— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem Höllengalop dahinfahre!“Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in Jekaterinenburg an.— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich,[pg 1-139]das ist ein Vorschlag, der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen Vorschlag an. Aber jener Jemschik …— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften gar nicht bemerkt haben?— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen …— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.[pg 1-140]— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen ließe.— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den Tarantaß nun hierher schaffen.“Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber gleich die Landstraßen sperren.— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal begegnen, und …“Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu geben:„Ich reise nach Omsk, meine Herren.— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich nur der Nase nach,[pg 1-141]dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber Neuigkeiten zu erwischen giebt.— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen Eifer.— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort wohl nicht wieder!— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich herumschlägt.— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer Ueberlegung.— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden wir also zusammen sein.“Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen,[pg 1-142]lag für ihn übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer Gesellschaft zurück zu legen.„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den Tartareneinfall?— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr interessirten.— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so in der Luft.— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in Sibirien sei?— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach Jekaterinenburg eingeschlagen habe.— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, den jene Bemerkung[pg 1-143]des französischen Correspondenten aus seiner Schweigsamkeit aufrüttelte.— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? fragte Harry Blount.— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem „Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in trockenem Tone.— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter[pg 1-144]ihm Harry Blount, der auch nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff furchtlos nach.Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der den Tarantaß deckte.Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der vorher an sein Ohr schlug.Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte ein zweiter Schuß.„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. Nadia! Nadia!“Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten versprochen hatte.Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten den Schauplatz.In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte sich ihm eine enorme Masse entgegen.Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen nach.[pg 1-145]Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief, dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte. Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum zweiten Male Feuer.Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine leblose Masse, vor ihm zusammen.Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene Fell eines Bären nicht zu beschädigen.„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage, als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.[pg 1-146]Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann, Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich umzugehen.— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich schön aus.„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge Mädchen.Nadia verneigte sich leicht.Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen Pärchen!“Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange,[pg 1-147]mit abgezogenem Hute in einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte nur seine natürliche Steifheit.Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr wieder in Ordnung zu bringen.Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung stellen wolle.„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt des einen …— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung erhalten.— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man leidlich schnell vorwärts kam.Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl,[pg 1-148]daß ein heftiger Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere Schwierigkeit bot.Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten Gemüthsruhe zu erwarten schien.Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld einzuheimsen.Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚na vodku‘ mitten in’s Gesicht gezeichnet.Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem vollen Rechte, lieber[pg 1-149]College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“Er zog einige Kopeken aus der Tasche.„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld nicht!“Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen wollte.„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande, dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?— Und was, wenn ich bitten darf?— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“Alle brachen in helles Gelächter aus.Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren, durch folgende Bemerkung:„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, – wenn er ankommt mit zwei Rädern!“[pg 1-150]Zwölftes Capitel.Eine Herausforderung.Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands verblieb.Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast im Ueberfluß vorhanden sind.Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem Lande der Kirghisen,[pg 1-151]das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen von Turkestan ausdehnt.Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von 1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, je nachdem ihr Jägerinstinct[pg 1-152]sie auf die eine oder die andere Fährte leiten würde.Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der …— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s[pg 1-153]ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort bequem einrichtete.Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.[pg 1-154]Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin[pg 1-155]ebenso viel Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens nicht von besonderem Gewichte waren.Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst wenig bei der Unterhaltung.[pg 1-156]Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten Reise gegenüber zeigte.Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit russischen Adlern3“.Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei Sachen auf einmal zu thun.Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit halbgeschlossenen Augen:„Welche junge Liefländerin?— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.[pg 1-157]— Das ist seine Schwester?— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“ antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen wollte.Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell vorwärts.Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu entgehen.Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch reichte.[pg 1-158]Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen ausgiebigen Gebrauch.Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in Irkutsk anzulangen.Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend nennenswerther Zufall ereignet hätte.Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst weiter in Tiumen an.Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne metallurgische Werkstätten und[pg 1-159]Glockengießereien weithin bekannt sind, bot noch nie vorher einen so belebten Anblick.Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens geführt werden würden.Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht wellenförmigen[pg 1-160]Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln der Uralberge, hinter sich.Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man geglaubt, in der Wüste zu sein.Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht[pg 1-161]auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der That nur noch dreißig Werst von Ischim.Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen offenbar bald einholen.Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone ihm zurufen:[pg 1-162]„Anhalten!“Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell überholt.Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach einander, wohl zu leisten vermochte.Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am Eingange der Stadt Ischim anlangten.Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen Soldaten.Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich frische Pferde.Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline[pg 1-163]noch auszustechen. Gerade drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen Wege in den Stallungen.Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer Remise des Posthofes unterbringen.Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.„Gut“, erwiderte er.Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl die Zeit des Abschieds für uns gekommen.— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde streitig machen könnte?— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount[pg 1-164]hinzu, daß wir uns nach Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin abgehe.— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und erschien in demselben eine männliche Gestalt.Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu befehlen leicht heraushörte.— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.— Ich brauche solche aber im Augenblick.— Es ist unmöglich.— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den Tarantaß gespannt sah?[pg 1-165]— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit einem Hinweis auf Michael Strogoff.— So spanne man sie wieder ab!…“ sagte der Reisende in einem Tone, der jeden Widerspruch fast abschnitt.Michael Strogoff trat einen Schritt vor.„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu verlieren.— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten konnte.Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen hätte.„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.Dann wandte er sich an den Postmeister:„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor meine Berline gespannt.“In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen zwecklosen Streit[pg 1-166]zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte in Frage stellen können.Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff, aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen sibirischen Kaufmann passend erschien.Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst Dich, mir Deine Pferde abzutreten?— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide und legte sich zum Fechten aus.Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.— Du wirst Dich nicht schlagen?— Nein.— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche Michael Strogoff’s Schulter.Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen des jungen Mannes.[pg 1-167]Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn seine Mission gänzlich verfehlen lassen!… Es schien ihm besser, einige Stunden zu opfern!… Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber fest in’s Auge sah.— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick zu.Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer Peitsche, daß die mit[pg 1-168]den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das Posthaus verließ.Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd in dem Wartesaale des Relais zurück.Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich ungestraft hingehen zu lassen.Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in Nishnij-Nowgorod genähert hatte.„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.
Elftes Capitel.Reisende in Noth.Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes Hilferufen.Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.Michael Strogoff lauschte aufmerksam.Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.[pg 1-134]„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!… fiel rasch der Jemschik ein.— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das unversucht lassen?— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!…— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten Geschirrführer.— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen nicht allein lassen …— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht[pg 1-135]daran, daß es dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu widerstehen vermochte.Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre Worte schon ganz deutlich.Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – Folgendes:„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.— Und das nennen sie einen Teleg!— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt[pg 1-136]er aus und scheint’s gar nicht zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen lassen!“Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der Bürger des Vereinigten Königreichs.— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!…“Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige Stimme vernehmen:„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht passiren!— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen Geleises fest zu sitzen schien.[pg 1-137]Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, als ihn Michael Strogoff unterbrach:„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga gemeinschaftlich befahren haben.— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr …?—NicolausKorpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt und über alle Maßen drollig?[pg 1-138]— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten Seite anzusehen.— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg fortzusetzen? fragte Harry Blount.— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein …— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit und …— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem Höllengalop dahinfahre!“Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in Jekaterinenburg an.— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich,[pg 1-139]das ist ein Vorschlag, der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen Vorschlag an. Aber jener Jemschik …— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften gar nicht bemerkt haben?— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen …— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.[pg 1-140]— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen ließe.— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den Tarantaß nun hierher schaffen.“Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber gleich die Landstraßen sperren.— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal begegnen, und …“Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu geben:„Ich reise nach Omsk, meine Herren.— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich nur der Nase nach,[pg 1-141]dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber Neuigkeiten zu erwischen giebt.— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen Eifer.— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort wohl nicht wieder!— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich herumschlägt.— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer Ueberlegung.— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden wir also zusammen sein.“Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen,[pg 1-142]lag für ihn übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer Gesellschaft zurück zu legen.„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den Tartareneinfall?— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr interessirten.— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so in der Luft.— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in Sibirien sei?— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach Jekaterinenburg eingeschlagen habe.— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, den jene Bemerkung[pg 1-143]des französischen Correspondenten aus seiner Schweigsamkeit aufrüttelte.— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? fragte Harry Blount.— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem „Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in trockenem Tone.— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter[pg 1-144]ihm Harry Blount, der auch nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff furchtlos nach.Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der den Tarantaß deckte.Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der vorher an sein Ohr schlug.Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte ein zweiter Schuß.„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. Nadia! Nadia!“Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten versprochen hatte.Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten den Schauplatz.In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte sich ihm eine enorme Masse entgegen.Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen nach.[pg 1-145]Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief, dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte. Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum zweiten Male Feuer.Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine leblose Masse, vor ihm zusammen.Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene Fell eines Bären nicht zu beschädigen.„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage, als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.[pg 1-146]Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann, Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich umzugehen.— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich schön aus.„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge Mädchen.Nadia verneigte sich leicht.Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen Pärchen!“Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange,[pg 1-147]mit abgezogenem Hute in einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte nur seine natürliche Steifheit.Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr wieder in Ordnung zu bringen.Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung stellen wolle.„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt des einen …— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung erhalten.— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man leidlich schnell vorwärts kam.Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl,[pg 1-148]daß ein heftiger Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere Schwierigkeit bot.Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten Gemüthsruhe zu erwarten schien.Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld einzuheimsen.Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚na vodku‘ mitten in’s Gesicht gezeichnet.Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem vollen Rechte, lieber[pg 1-149]College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“Er zog einige Kopeken aus der Tasche.„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld nicht!“Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen wollte.„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande, dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?— Und was, wenn ich bitten darf?— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“Alle brachen in helles Gelächter aus.Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren, durch folgende Bemerkung:„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, – wenn er ankommt mit zwei Rädern!“[pg 1-150]Zwölftes Capitel.Eine Herausforderung.Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands verblieb.Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast im Ueberfluß vorhanden sind.Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem Lande der Kirghisen,[pg 1-151]das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen von Turkestan ausdehnt.Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von 1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, je nachdem ihr Jägerinstinct[pg 1-152]sie auf die eine oder die andere Fährte leiten würde.Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der …— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s[pg 1-153]ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort bequem einrichtete.Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.[pg 1-154]Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin[pg 1-155]ebenso viel Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens nicht von besonderem Gewichte waren.Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst wenig bei der Unterhaltung.[pg 1-156]Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten Reise gegenüber zeigte.Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit russischen Adlern3“.Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei Sachen auf einmal zu thun.Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit halbgeschlossenen Augen:„Welche junge Liefländerin?— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.[pg 1-157]— Das ist seine Schwester?— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“ antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen wollte.Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell vorwärts.Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu entgehen.Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch reichte.[pg 1-158]Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen ausgiebigen Gebrauch.Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in Irkutsk anzulangen.Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend nennenswerther Zufall ereignet hätte.Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst weiter in Tiumen an.Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne metallurgische Werkstätten und[pg 1-159]Glockengießereien weithin bekannt sind, bot noch nie vorher einen so belebten Anblick.Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens geführt werden würden.Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht wellenförmigen[pg 1-160]Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln der Uralberge, hinter sich.Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man geglaubt, in der Wüste zu sein.Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht[pg 1-161]auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der That nur noch dreißig Werst von Ischim.Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen offenbar bald einholen.Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone ihm zurufen:[pg 1-162]„Anhalten!“Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell überholt.Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach einander, wohl zu leisten vermochte.Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am Eingange der Stadt Ischim anlangten.Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen Soldaten.Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich frische Pferde.Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline[pg 1-163]noch auszustechen. Gerade drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen Wege in den Stallungen.Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer Remise des Posthofes unterbringen.Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.„Gut“, erwiderte er.Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl die Zeit des Abschieds für uns gekommen.— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde streitig machen könnte?— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount[pg 1-164]hinzu, daß wir uns nach Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin abgehe.— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und erschien in demselben eine männliche Gestalt.Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu befehlen leicht heraushörte.— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.— Ich brauche solche aber im Augenblick.— Es ist unmöglich.— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den Tarantaß gespannt sah?[pg 1-165]— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit einem Hinweis auf Michael Strogoff.— So spanne man sie wieder ab!…“ sagte der Reisende in einem Tone, der jeden Widerspruch fast abschnitt.Michael Strogoff trat einen Schritt vor.„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu verlieren.— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten konnte.Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen hätte.„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.Dann wandte er sich an den Postmeister:„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor meine Berline gespannt.“In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen zwecklosen Streit[pg 1-166]zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte in Frage stellen können.Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff, aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen sibirischen Kaufmann passend erschien.Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst Dich, mir Deine Pferde abzutreten?— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide und legte sich zum Fechten aus.Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.— Du wirst Dich nicht schlagen?— Nein.— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche Michael Strogoff’s Schulter.Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen des jungen Mannes.[pg 1-167]Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn seine Mission gänzlich verfehlen lassen!… Es schien ihm besser, einige Stunden zu opfern!… Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber fest in’s Auge sah.— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick zu.Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer Peitsche, daß die mit[pg 1-168]den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das Posthaus verließ.Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd in dem Wartesaale des Relais zurück.Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich ungestraft hingehen zu lassen.Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in Nishnij-Nowgorod genähert hatte.„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.
Elftes Capitel.Reisende in Noth.Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes Hilferufen.Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.Michael Strogoff lauschte aufmerksam.Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.[pg 1-134]„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!… fiel rasch der Jemschik ein.— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das unversucht lassen?— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!…— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten Geschirrführer.— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen nicht allein lassen …— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht[pg 1-135]daran, daß es dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu widerstehen vermochte.Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre Worte schon ganz deutlich.Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – Folgendes:„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.— Und das nennen sie einen Teleg!— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt[pg 1-136]er aus und scheint’s gar nicht zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen lassen!“Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der Bürger des Vereinigten Königreichs.— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!…“Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige Stimme vernehmen:„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht passiren!— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen Geleises fest zu sitzen schien.[pg 1-137]Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, als ihn Michael Strogoff unterbrach:„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga gemeinschaftlich befahren haben.— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr …?—NicolausKorpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt und über alle Maßen drollig?[pg 1-138]— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten Seite anzusehen.— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg fortzusetzen? fragte Harry Blount.— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein …— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit und …— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem Höllengalop dahinfahre!“Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in Jekaterinenburg an.— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich,[pg 1-139]das ist ein Vorschlag, der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen Vorschlag an. Aber jener Jemschik …— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften gar nicht bemerkt haben?— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen …— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.[pg 1-140]— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen ließe.— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den Tarantaß nun hierher schaffen.“Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber gleich die Landstraßen sperren.— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal begegnen, und …“Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu geben:„Ich reise nach Omsk, meine Herren.— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich nur der Nase nach,[pg 1-141]dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber Neuigkeiten zu erwischen giebt.— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen Eifer.— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort wohl nicht wieder!— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich herumschlägt.— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer Ueberlegung.— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden wir also zusammen sein.“Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen,[pg 1-142]lag für ihn übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer Gesellschaft zurück zu legen.„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den Tartareneinfall?— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr interessirten.— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so in der Luft.— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in Sibirien sei?— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach Jekaterinenburg eingeschlagen habe.— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, den jene Bemerkung[pg 1-143]des französischen Correspondenten aus seiner Schweigsamkeit aufrüttelte.— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? fragte Harry Blount.— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem „Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in trockenem Tone.— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter[pg 1-144]ihm Harry Blount, der auch nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff furchtlos nach.Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der den Tarantaß deckte.Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der vorher an sein Ohr schlug.Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte ein zweiter Schuß.„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. Nadia! Nadia!“Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten versprochen hatte.Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten den Schauplatz.In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte sich ihm eine enorme Masse entgegen.Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen nach.[pg 1-145]Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief, dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte. Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum zweiten Male Feuer.Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine leblose Masse, vor ihm zusammen.Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene Fell eines Bären nicht zu beschädigen.„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage, als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.[pg 1-146]Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann, Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich umzugehen.— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich schön aus.„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge Mädchen.Nadia verneigte sich leicht.Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen Pärchen!“Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange,[pg 1-147]mit abgezogenem Hute in einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte nur seine natürliche Steifheit.Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr wieder in Ordnung zu bringen.Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung stellen wolle.„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt des einen …— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung erhalten.— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man leidlich schnell vorwärts kam.Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl,[pg 1-148]daß ein heftiger Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere Schwierigkeit bot.Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten Gemüthsruhe zu erwarten schien.Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld einzuheimsen.Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚na vodku‘ mitten in’s Gesicht gezeichnet.Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem vollen Rechte, lieber[pg 1-149]College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“Er zog einige Kopeken aus der Tasche.„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld nicht!“Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen wollte.„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande, dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?— Und was, wenn ich bitten darf?— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“Alle brachen in helles Gelächter aus.Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren, durch folgende Bemerkung:„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, – wenn er ankommt mit zwei Rädern!“[pg 1-150]Zwölftes Capitel.Eine Herausforderung.Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands verblieb.Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast im Ueberfluß vorhanden sind.Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem Lande der Kirghisen,[pg 1-151]das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen von Turkestan ausdehnt.Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von 1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, je nachdem ihr Jägerinstinct[pg 1-152]sie auf die eine oder die andere Fährte leiten würde.Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der …— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s[pg 1-153]ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort bequem einrichtete.Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.[pg 1-154]Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin[pg 1-155]ebenso viel Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens nicht von besonderem Gewichte waren.Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst wenig bei der Unterhaltung.[pg 1-156]Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten Reise gegenüber zeigte.Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit russischen Adlern3“.Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei Sachen auf einmal zu thun.Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit halbgeschlossenen Augen:„Welche junge Liefländerin?— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.[pg 1-157]— Das ist seine Schwester?— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“ antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen wollte.Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell vorwärts.Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu entgehen.Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch reichte.[pg 1-158]Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen ausgiebigen Gebrauch.Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in Irkutsk anzulangen.Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend nennenswerther Zufall ereignet hätte.Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst weiter in Tiumen an.Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne metallurgische Werkstätten und[pg 1-159]Glockengießereien weithin bekannt sind, bot noch nie vorher einen so belebten Anblick.Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens geführt werden würden.Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht wellenförmigen[pg 1-160]Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln der Uralberge, hinter sich.Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man geglaubt, in der Wüste zu sein.Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht[pg 1-161]auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der That nur noch dreißig Werst von Ischim.Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen offenbar bald einholen.Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone ihm zurufen:[pg 1-162]„Anhalten!“Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell überholt.Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach einander, wohl zu leisten vermochte.Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am Eingange der Stadt Ischim anlangten.Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen Soldaten.Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich frische Pferde.Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline[pg 1-163]noch auszustechen. Gerade drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen Wege in den Stallungen.Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer Remise des Posthofes unterbringen.Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.„Gut“, erwiderte er.Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl die Zeit des Abschieds für uns gekommen.— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde streitig machen könnte?— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount[pg 1-164]hinzu, daß wir uns nach Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin abgehe.— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und erschien in demselben eine männliche Gestalt.Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu befehlen leicht heraushörte.— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.— Ich brauche solche aber im Augenblick.— Es ist unmöglich.— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den Tarantaß gespannt sah?[pg 1-165]— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit einem Hinweis auf Michael Strogoff.— So spanne man sie wieder ab!…“ sagte der Reisende in einem Tone, der jeden Widerspruch fast abschnitt.Michael Strogoff trat einen Schritt vor.„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu verlieren.— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten konnte.Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen hätte.„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.Dann wandte er sich an den Postmeister:„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor meine Berline gespannt.“In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen zwecklosen Streit[pg 1-166]zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte in Frage stellen können.Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff, aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen sibirischen Kaufmann passend erschien.Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst Dich, mir Deine Pferde abzutreten?— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide und legte sich zum Fechten aus.Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.— Du wirst Dich nicht schlagen?— Nein.— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche Michael Strogoff’s Schulter.Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen des jungen Mannes.[pg 1-167]Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn seine Mission gänzlich verfehlen lassen!… Es schien ihm besser, einige Stunden zu opfern!… Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber fest in’s Auge sah.— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick zu.Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer Peitsche, daß die mit[pg 1-168]den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das Posthaus verließ.Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd in dem Wartesaale des Relais zurück.Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich ungestraft hingehen zu lassen.Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in Nishnij-Nowgorod genähert hatte.„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.
Elftes Capitel.Reisende in Noth.Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes Hilferufen.Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.Michael Strogoff lauschte aufmerksam.Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.[pg 1-134]„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!… fiel rasch der Jemschik ein.— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das unversucht lassen?— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!…— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten Geschirrführer.— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen nicht allein lassen …— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht[pg 1-135]daran, daß es dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu widerstehen vermochte.Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre Worte schon ganz deutlich.Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – Folgendes:„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.— Und das nennen sie einen Teleg!— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt[pg 1-136]er aus und scheint’s gar nicht zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen lassen!“Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der Bürger des Vereinigten Königreichs.— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!…“Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige Stimme vernehmen:„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht passiren!— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen Geleises fest zu sitzen schien.[pg 1-137]Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, als ihn Michael Strogoff unterbrach:„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga gemeinschaftlich befahren haben.— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr …?—NicolausKorpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt und über alle Maßen drollig?[pg 1-138]— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten Seite anzusehen.— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg fortzusetzen? fragte Harry Blount.— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein …— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit und …— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem Höllengalop dahinfahre!“Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in Jekaterinenburg an.— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich,[pg 1-139]das ist ein Vorschlag, der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen Vorschlag an. Aber jener Jemschik …— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften gar nicht bemerkt haben?— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen …— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.[pg 1-140]— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen ließe.— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den Tarantaß nun hierher schaffen.“Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber gleich die Landstraßen sperren.— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal begegnen, und …“Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu geben:„Ich reise nach Omsk, meine Herren.— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich nur der Nase nach,[pg 1-141]dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber Neuigkeiten zu erwischen giebt.— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen Eifer.— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort wohl nicht wieder!— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich herumschlägt.— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer Ueberlegung.— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden wir also zusammen sein.“Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen,[pg 1-142]lag für ihn übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer Gesellschaft zurück zu legen.„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den Tartareneinfall?— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr interessirten.— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so in der Luft.— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in Sibirien sei?— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach Jekaterinenburg eingeschlagen habe.— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, den jene Bemerkung[pg 1-143]des französischen Correspondenten aus seiner Schweigsamkeit aufrüttelte.— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? fragte Harry Blount.— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem „Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in trockenem Tone.— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter[pg 1-144]ihm Harry Blount, der auch nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff furchtlos nach.Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der den Tarantaß deckte.Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der vorher an sein Ohr schlug.Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte ein zweiter Schuß.„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. Nadia! Nadia!“Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten versprochen hatte.Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten den Schauplatz.In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte sich ihm eine enorme Masse entgegen.Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen nach.[pg 1-145]Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief, dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte. Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum zweiten Male Feuer.Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine leblose Masse, vor ihm zusammen.Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene Fell eines Bären nicht zu beschädigen.„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage, als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.[pg 1-146]Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann, Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich umzugehen.— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich schön aus.„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge Mädchen.Nadia verneigte sich leicht.Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen Pärchen!“Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange,[pg 1-147]mit abgezogenem Hute in einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte nur seine natürliche Steifheit.Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr wieder in Ordnung zu bringen.Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung stellen wolle.„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt des einen …— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung erhalten.— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man leidlich schnell vorwärts kam.Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl,[pg 1-148]daß ein heftiger Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere Schwierigkeit bot.Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten Gemüthsruhe zu erwarten schien.Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld einzuheimsen.Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚na vodku‘ mitten in’s Gesicht gezeichnet.Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem vollen Rechte, lieber[pg 1-149]College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“Er zog einige Kopeken aus der Tasche.„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld nicht!“Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen wollte.„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande, dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?— Und was, wenn ich bitten darf?— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“Alle brachen in helles Gelächter aus.Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren, durch folgende Bemerkung:„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, – wenn er ankommt mit zwei Rädern!“
Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes Hilferufen.
Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.
Michael Strogoff lauschte aufmerksam.
Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.
„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.
— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!… fiel rasch der Jemschik ein.
— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das unversucht lassen?
— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!…
— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten Geschirrführer.
— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.
— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen nicht allein lassen …
— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.
— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!
— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“
Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.
„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.
— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.
Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht[pg 1-135]daran, daß es dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.
Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu widerstehen vermochte.
Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre Worte schon ganz deutlich.
Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – Folgendes:
„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?
— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.
— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!
— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.
— Und das nennen sie einen Teleg!
— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt[pg 1-136]er aus und scheint’s gar nicht zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!
— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen lassen!“
Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:
„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!
— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der Bürger des Vereinigten Königreichs.
— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!…“
Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige Stimme vernehmen:
„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht passiren!
— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.
Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen Geleises fest zu sitzen schien.
Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.
„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“
Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, als ihn Michael Strogoff unterbrach:
„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga gemeinschaftlich befahren haben.
— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr …?
—NicolausKorpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?
— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt und über alle Maßen drollig?
— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.
— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten Seite anzusehen.
— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg fortzusetzen? fragte Harry Blount.
— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein …
— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit und …
— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem Höllengalop dahinfahre!“
Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.
„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in Jekaterinenburg an.
— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich,[pg 1-139]das ist ein Vorschlag, der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.
— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.
— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.
— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen Vorschlag an. Aber jener Jemschik …
— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.
— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!
— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.
— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften gar nicht bemerkt haben?
— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.
— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?
— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen …
— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.
— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen ließe.
— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den Tarantaß nun hierher schaffen.“
Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.
Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.
„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.
— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber gleich die Landstraßen sperren.
— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal begegnen, und …“
Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu geben:
„Ich reise nach Omsk, meine Herren.
— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich nur der Nase nach,[pg 1-141]dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber Neuigkeiten zu erwischen giebt.
— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen Eifer.
— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort wohl nicht wieder!
— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich herumschlägt.
— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?
— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer Ueberlegung.
— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.
— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden wir also zusammen sein.“
Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen,[pg 1-142]lag für ihn übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer Gesellschaft zurück zu legen.
„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“
Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:
„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den Tartareneinfall?
— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.
— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.
— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.
— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr interessirten.
— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so in der Luft.
— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in Sibirien sei?
— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach Jekaterinenburg eingeschlagen habe.
— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, den jene Bemerkung[pg 1-143]des französischen Correspondenten aus seiner Schweigsamkeit aufrüttelte.
— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.
— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? fragte Harry Blount.
— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem „Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.
— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.
— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in trockenem Tone.
— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“
Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.
„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.
— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“
Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter[pg 1-144]ihm Harry Blount, der auch nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff furchtlos nach.
Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der den Tarantaß deckte.
Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der vorher an sein Ohr schlug.
Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte ein zweiter Schuß.
„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. Nadia! Nadia!“
Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten versprochen hatte.
Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten den Schauplatz.
In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte sich ihm eine enorme Masse entgegen.
Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.
Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen nach.
Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.
Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief, dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte. Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum zweiten Male Feuer.
Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine leblose Masse, vor ihm zusammen.
Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene Fell eines Bären nicht zu beschädigen.
„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage, als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.
— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.
Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.
Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.
„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann, Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich umzugehen.
— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.
— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“
Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.
Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich schön aus.
„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.
Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge Mädchen.
Nadia verneigte sich leicht.
Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:
„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen Pärchen!“
Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange,[pg 1-147]mit abgezogenem Hute in einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte nur seine natürliche Steifheit.
Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr wieder in Ordnung zu bringen.
Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung stellen wolle.
„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt des einen …
— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung erhalten.
— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.
Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.
Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man leidlich schnell vorwärts kam.
Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl,[pg 1-148]daß ein heftiger Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.
Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere Schwierigkeit bot.
Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.
Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten Gemüthsruhe zu erwarten schien.
Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld einzuheimsen.
Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚na vodku‘ mitten in’s Gesicht gezeichnet.
Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.
„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem vollen Rechte, lieber[pg 1-149]College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“
Er zog einige Kopeken aus der Tasche.
„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld nicht!“
Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen wollte.
„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande, dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?
— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.
— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?
— Und was, wenn ich bitten darf?
— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“
Alle brachen in helles Gelächter aus.
Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren, durch folgende Bemerkung:
„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, – wenn er ankommt mit zwei Rädern!“
[pg 1-150]Zwölftes Capitel.Eine Herausforderung.Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands verblieb.Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast im Ueberfluß vorhanden sind.Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem Lande der Kirghisen,[pg 1-151]das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen von Turkestan ausdehnt.Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von 1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, je nachdem ihr Jägerinstinct[pg 1-152]sie auf die eine oder die andere Fährte leiten würde.Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der …— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s[pg 1-153]ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort bequem einrichtete.Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.[pg 1-154]Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin[pg 1-155]ebenso viel Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens nicht von besonderem Gewichte waren.Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst wenig bei der Unterhaltung.[pg 1-156]Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten Reise gegenüber zeigte.Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit russischen Adlern3“.Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei Sachen auf einmal zu thun.Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit halbgeschlossenen Augen:„Welche junge Liefländerin?— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.[pg 1-157]— Das ist seine Schwester?— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“ antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen wollte.Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell vorwärts.Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu entgehen.Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch reichte.[pg 1-158]Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen ausgiebigen Gebrauch.Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in Irkutsk anzulangen.Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend nennenswerther Zufall ereignet hätte.Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst weiter in Tiumen an.Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne metallurgische Werkstätten und[pg 1-159]Glockengießereien weithin bekannt sind, bot noch nie vorher einen so belebten Anblick.Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens geführt werden würden.Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht wellenförmigen[pg 1-160]Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln der Uralberge, hinter sich.Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man geglaubt, in der Wüste zu sein.Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht[pg 1-161]auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der That nur noch dreißig Werst von Ischim.Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen offenbar bald einholen.Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone ihm zurufen:[pg 1-162]„Anhalten!“Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell überholt.Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach einander, wohl zu leisten vermochte.Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am Eingange der Stadt Ischim anlangten.Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen Soldaten.Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich frische Pferde.Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline[pg 1-163]noch auszustechen. Gerade drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen Wege in den Stallungen.Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer Remise des Posthofes unterbringen.Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.„Gut“, erwiderte er.Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl die Zeit des Abschieds für uns gekommen.— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde streitig machen könnte?— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount[pg 1-164]hinzu, daß wir uns nach Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin abgehe.— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und erschien in demselben eine männliche Gestalt.Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu befehlen leicht heraushörte.— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.— Ich brauche solche aber im Augenblick.— Es ist unmöglich.— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den Tarantaß gespannt sah?[pg 1-165]— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit einem Hinweis auf Michael Strogoff.— So spanne man sie wieder ab!…“ sagte der Reisende in einem Tone, der jeden Widerspruch fast abschnitt.Michael Strogoff trat einen Schritt vor.„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu verlieren.— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten konnte.Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen hätte.„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.Dann wandte er sich an den Postmeister:„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor meine Berline gespannt.“In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen zwecklosen Streit[pg 1-166]zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte in Frage stellen können.Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff, aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen sibirischen Kaufmann passend erschien.Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst Dich, mir Deine Pferde abzutreten?— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide und legte sich zum Fechten aus.Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.— Du wirst Dich nicht schlagen?— Nein.— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche Michael Strogoff’s Schulter.Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen des jungen Mannes.[pg 1-167]Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn seine Mission gänzlich verfehlen lassen!… Es schien ihm besser, einige Stunden zu opfern!… Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber fest in’s Auge sah.— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick zu.Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer Peitsche, daß die mit[pg 1-168]den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das Posthaus verließ.Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd in dem Wartesaale des Relais zurück.Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich ungestraft hingehen zu lassen.Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in Nishnij-Nowgorod genähert hatte.„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.
Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands verblieb.
Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.
In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast im Ueberfluß vorhanden sind.
Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem Lande der Kirghisen,[pg 1-151]das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen von Turkestan ausdehnt.
Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.
Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.
Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von 1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.
Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, je nachdem ihr Jägerinstinct[pg 1-152]sie auf die eine oder die andere Fährte leiten würde.
Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.
„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.
— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.
— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der …
— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“
Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s[pg 1-153]ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort bequem einrichtete.
Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.
Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.
Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!
Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.
Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin[pg 1-155]ebenso viel Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.
Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.
So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens nicht von besonderem Gewichte waren.
Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst wenig bei der Unterhaltung.
Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten Reise gegenüber zeigte.
Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit russischen Adlern3“.
Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei Sachen auf einmal zu thun.
Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit halbgeschlossenen Augen:
„Welche junge Liefländerin?
— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.
— Das ist seine Schwester?
— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?
— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“ antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen wollte.
Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell vorwärts.
Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu entgehen.
Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch reichte.[pg 1-158]Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen ausgiebigen Gebrauch.
Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in Irkutsk anzulangen.
Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend nennenswerther Zufall ereignet hätte.
Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.
Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst weiter in Tiumen an.
Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne metallurgische Werkstätten und[pg 1-159]Glockengießereien weithin bekannt sind, bot noch nie vorher einen so belebten Anblick.
Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.
Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens geführt werden würden.
Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.
Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.
Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.
Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht wellenförmigen[pg 1-160]Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln der Uralberge, hinter sich.
Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man geglaubt, in der Wüste zu sein.
Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.
Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht[pg 1-161]auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.
Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der That nur noch dreißig Werst von Ischim.
Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen offenbar bald einholen.
Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.
Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.
Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.
Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.
Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone ihm zurufen:
„Anhalten!“
Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell überholt.
Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.
Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach einander, wohl zu leisten vermochte.
Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.
Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am Eingange der Stadt Ischim anlangten.
Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen Soldaten.
Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich frische Pferde.
Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline[pg 1-163]noch auszustechen. Gerade drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen Wege in den Stallungen.
Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.
Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer Remise des Posthofes unterbringen.
Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.
„Gut“, erwiderte er.
Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.
„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl die Zeit des Abschieds für uns gekommen.
— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?
— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.
— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde streitig machen könnte?
— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.
— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.
— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount[pg 1-164]hinzu, daß wir uns nach Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.
— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin abgehe.
— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“
Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.
Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und erschien in demselben eine männliche Gestalt.
Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.
„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu befehlen leicht heraushörte.
— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.
— Ich brauche solche aber im Augenblick.
— Es ist unmöglich.
— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den Tarantaß gespannt sah?
— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit einem Hinweis auf Michael Strogoff.
— So spanne man sie wieder ab!…“ sagte der Reisende in einem Tone, der jeden Widerspruch fast abschnitt.
Michael Strogoff trat einen Schritt vor.
„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.
— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu verlieren.
— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten konnte.
Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen hätte.
„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.
Dann wandte er sich an den Postmeister:
„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor meine Berline gespannt.“
In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.
Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen zwecklosen Streit[pg 1-166]zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte in Frage stellen können.
Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.
„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff, aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen sibirischen Kaufmann passend erschien.
Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst Dich, mir Deine Pferde abzutreten?
— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.
— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“
Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide und legte sich zum Fechten aus.
Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.
Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.
„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.
— Du wirst Dich nicht schlagen?
— Nein.
— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.
Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche Michael Strogoff’s Schulter.
Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen des jungen Mannes.[pg 1-167]Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn seine Mission gänzlich verfehlen lassen!… Es schien ihm besser, einige Stunden zu opfern!… Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!
„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber fest in’s Auge sah.
— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.
Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.
Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick zu.
Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:
„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“
Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer Peitsche, daß die mit[pg 1-168]den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das Posthaus verließ.
Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd in dem Wartesaale des Relais zurück.
Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.
Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich ungestraft hingehen zu lassen.
Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in Nishnij-Nowgorod genähert hatte.
„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.
Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.